Kategorie: Kommentar

Kommentare unserer Redaktion zu aktuellen Gegebenheiten und wirtschaftlichen und politischen Zusammenhängen.

  • KOMMENTAR: Es bleibt, wie es immer war – die breite Masse zahlt

    KOMMENTAR: Es bleibt, wie es immer war – die breite Masse zahlt

    Die Reichen bleiben unangetastet, die Konzerne gut vernetzt – und wieder einmal soll die arbeitende Mitte für die Misere des Staates aufkommen. Was Frankreichs Regierung als „gerechte Konsolidierung“ verkauft, ist in Wahrheit nichts anderes als ein weiterer Verrat an jenen, die das Land am Laufen halten.


    Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: 14 Milliarden Euro will der französische Staat im kommenden Jahr zusätzlich einnehmen. Nicht durch Wirtschaftswachstum, nicht durch Effizienzgewinne, nicht durch das Eindämmen von Verschwendung in der Verwaltung – sondern durch Steuern. Und wer soll sie zahlen? Nicht die Konzerne, die Dividenden sprudeln lassen. Nicht die Milliardäre, die ihr Vermögen clever durch Holdings und Fonds schleusen. Nein, es trifft wieder einmal die, die keine Lobby haben: die Mittelschicht, die kleinen Rentner, die Angestellten, die gerade so über die Runden kommen.

    Der Haushalt 2026 ist ein Lehrstück an politischer Feigheit. Man streicht Steuervergünstigungen für Rentner, friert die Bemessungsgrenzen der Einkommensteuer ein, kürzt soziale Abfederungen – und nennt das dann allen Ernstes „gerechte Lastenverteilung“. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Wer heute etwas verdient, aber nicht genug, um sich Steuerberater, Stiftungskonstrukte oder Wohnsitzverlagerungen leisten zu können, wird still und effektiv zur Kasse gebeten.

    Die kalte Progression ist dabei die perfideste Form der Umverteilung nach unten. Millionen Franzosen werden in höhere Steuerklassen rutschen, nicht weil sie plötzlich reich wären, sondern weil ihre Löhne inflationsbedingt minimal steigen. Und der Staat? Der reibt sich die Hände, weil er ohne eine einzige parlamentarische Debatte mehr Geld einnimmt – ganz automatisch. Ein stiller Diebstahl im Mantel der „Steuertechnik“.

    Natürlich, es gibt auch Maßnahmen, die auf hohe Einkommen zielen – eine verlängerte „contribution différenciée“ etwa, oder neue Steuern auf Holdings. Doch das ist Kosmetik, nichts weiter. Symbolpolitik für Pressekonferenzen. Die Reichen wissen längst, wie man solchen Dingen ausweicht. Und die Regierung? Sie weiß es auch.

    Was bleibt, ist das alte Spiel: Die Mittelschicht zahlt. Weil sie muss. Weil sie nicht flüchten kann. Weil sie nicht optimieren kann. Und weil sie – wie immer – in der öffentlichen Debatte keine Stimme hat. Wer über Sozialtransfers redet, meint die Ärmsten. Wer über Steuergerechtigkeit spricht, meint die Reichsten. Und wer wird dazwischen zerrieben? Die Menschen, die früh aufstehen, Steuern zahlen, Kinder erziehen, arbeiten, pflegen, durchhalten.

    Der Zynismus liegt in der Rhetorik. Man spricht von „gerechter Verteilung“, „Beitrag aller“, „Konsolidierung mit Maß“. Doch die Wahrheit ist: Die politische Klasse hat keine Vorstellung mehr davon, was es bedeutet, mit einem Nettoverdienst von 1.800 Euro durch den Monat zu kommen, während Miete, Energie, Lebensmittel und nun auch noch höhere Steuern die Luft zum Atmen nehmen. Diese Realitäten spielen in ministeriellen Haushaltsklausuren keine Rolle.

    Und dabei wäre es möglich, anders zu handeln. Man könnte tatsächlich Steuerschlupflöcher für Großvermögen konsequent schließen. Man könnte den Verwaltungsapparat verschlanken. Man könnte endlich über eine echte Priorisierung der Staatsausgaben sprechen. Doch all das ist unbequem – und riskant. Also geht man den einfacheren Weg: Man belastet die, die sich nicht wehren können.

    Frankreich hat kein Einnahmeproblem. Es hat ein Mutproblem.

    Ein Kommentar von P.Tiko

  • Kommentar: Ich entschuldige mich bei den kommenden Generationen

    Kommentar: Ich entschuldige mich bei den kommenden Generationen

    Ich schreibe diese Zeilen mit einem Kloß im Hals.

    Nicht aus Wut, nicht aus Verzweiflung – sondern aus Scham.

    Denn was wir gerade erleben, ist keine Reformpause. Es ist ein Stillstand auf Kosten derer, die noch keine Stimme haben. Und ich kann nicht länger so tun, als wäre das in Ordnung.

    Deshalb will ich heute eines tun, das in der Politik viel zu selten geschieht: Ich entschuldige mich.

    Ich entschuldige mich bei den Jungen, bei meinen Kindern, bei den Kindern meiner Nachbarn, bei all jenen, die in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren mit den Konsequenzen leben müssen, die wir heute vermeiden.

    Wir haben gekämpft für unsere Rechte. Für ein würdiges Leben im Alter. Für Gerechtigkeit.

    Aber was ist mit ihrer Gerechtigkeit?

    Wir verteidigen mit aller Macht ein System, das längst wankt – und weigern uns, es ehrlich neu zu denken. Nicht aus Böswilligkeit. Aus Angst. Aus Gewohnheit. Aus Bequemlichkeit.

    Und während wir streiten, während wir blockieren, während wir politische Symbolgefechte führen – ticken im Hintergrund die Uhren der Demografie.

    Weniger Beitragszahler, mehr Rentenempfänger, immer längere Lebensarbeitszeiten. Und trotzdem tun wir so, als könnten wir das ewig so weitermachen.

    Als würde ein Aufschub bis 2028 das Problem einfach verpuffen lassen.

    Nein. Es verpufft nicht. Es wächst.

    Und irgendwann, wenn wir längst in Rente sind, wenn unsere Namen vergessen sind, wenn unsere politischen Debatten in Archiven verstauben – dann wird jemand die Rechnung auf den Tisch bekommen.

    Dann wird eine Generation da sitzen und sagen: Warum habt ihr nicht gehandelt, als ihr noch konntet?

    Ich möchte nicht, dass sie uns nur als jene erinnern, die zu spät verstanden haben. Oder schlimmer: die absichtlich weggeschaut haben.

    Darum sage ich heute, aus tiefstem Herzen:

    Es tut mir leid.

    Es tut mir leid, dass wir euch mit einem System allein lassen, das wir nicht mehr reparieren wollten.

    Es tut mir leid, dass wir Mut mit Wahnsinn verwechseln und Reform mit Angriff.

    Und es tut mir leid, dass wir euch – statt einer Lösung – nur Schweigen und Schulden hinterlassen.

    Möge es euch gelingen, besser zu sein als wir.

    Möget ihr aus unserer Angst eure Kraft ziehen.

    Und möget ihr uns eines Tages verzeihen.

    Von C. Hatty

  • Kommentar: Paris übt den Ernstfall – und ignoriert doch den Elefanten im Raum

    Kommentar: Paris übt den Ernstfall – und ignoriert doch den Elefanten im Raum

    Paris ist schön. Paris ist stolz. Paris ist fragil.

    Ab dem 13. Oktober 2025 spielt sich in der französischen Hauptstadt ein ganz besonderes Theaterstück ab: eine fiktive Sintflut. Die Behörden simulierten eine Jahrhundertflut der Seine, als würde das Wasser morgen schon über die Ufer treten und sich die Metropole unter den Nagel reißen. Man übt Rettung, Evakuierung, Notkommunikation – und sonnt sich gleichzeitig in der Gewissheit, vorbereitet zu sein.

    Doch diese Gewissheit ist trügerisch.

    Denn während man in Gummistiefeln durch gedachte Hochwasserzonen stapft, spielte sich ein anderes, stilleres Drama ab: das totale Verkennen der Ursachen.

    Ja, der Klimawandel ist in Paris angekommen. Aber statt ihn zu bekämpfen, inszenieren wir seine Folgen wie eine Naturkatastrophe, die uns plötzlich und ohne Vorwarnung heimsucht. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall.

    Die Katastrophe ist nicht hypothetisch. Sie ist hausgemacht.

    Wer glaubt, dass eine sogenannte „crue centennale“ – also eine Flut mit einer 1-prozentigen jährlichen Wahrscheinlichkeit – ein reines Naturphänomen ist, hat nicht verstanden, was hier auf dem Spiel steht. Die Seine steigt nicht aus Jux und Tollerei über ihre Ufer. Sie tut das, weil jahrzehntelang gebaut, versiegelt, verdichtet wurde – ohne Rücksicht auf Wasserkreisläufe, natürliche Puffer oder ökologische Logik. Paris hat sich in ein steinernes Becken verwandelt, in dem Regen nicht mehr versickert, sondern wartet. Auf den großen Knall.

    Die Übung ist gut gemeint. Sie ist wichtig. Aber sie ist auch ein Symbol für eine gefährliche Strategie: Symptombekämpfung statt Ursachenanalyse.

    Was nützt ein perfekt geölter Evakuierungsplan, wenn man die Klimakatastrophe nicht verhindert, sondern verwaltet?

    Verstehen wir uns nicht falsch: Es ist absolut richtig, auf den Notfall vorbereitet zu sein. Doch während Feuerwehrleute und Rotkreuzhelfer Evakuierungswege testen, fahren auf der anderen Seite der Stadt weiterhin SUVs durch Viertel, die bei der nächsten Starkregenfront unter Wasser stehen könnten. Man diskutiert über Notstromaggregate – aber nicht über Energiereformen. Man füllt Sandsäcke – aber entwickelt keine Klimapolitik mit Rückgrat.

    Und dann steht da noch der Elefant im Raum: die soziale Ungleichheit der Katastrophe.

    Denn wer wird bei der nächsten realen Flut in Paris wirklich leiden? Wer wohnt in schlecht isolierten Kellergeschossen? Wer hat keine Rücklagen, keine Netzwerke, keine Möglichkeit, einfach ins Haus in der Provence zu fliehen? Sicher nicht die Entscheider in den oberen Etagen der Haussmann’schen Altbauten. Sondern die Alten, die Armen, die Alleingelassenen.

    Solche Simulationen, so nützlich sie auf dem Papier sind, offenbaren vor allem eines: unsere selektive Blindheit. Wir sehen das Wasser kommen – aber nicht, was es mit sich reißt.

    Warum trauen wir uns nicht, die Krise beim Namen zu nennen?

    Weil es unbequem ist. Weil es Veränderung braucht. Weil man plötzlich über CO₂-Budgets, Stadtbegrünung, Verkehrsberuhigung, Rückbau und soziale Gerechtigkeit reden müsste. Weil man anerkennen müsste, dass nicht die Flut das Problem ist – sondern wir.

    Vielleicht sollte Paris beim nächsten Mal nicht die Flut simulieren, sondern die Utopie: eine autofreie Innenstadt, begrünte Dächer, entsiegelte Plätze, gerechte Mieten, entschlossene Politik. Das wäre radikal. Und vielleicht sogar realistisch – wenn man nur will.

    Bis dahin bleibt uns das Planschbecken der Simulation.

    Aber wehe, das Wasser wird echt.

    Dann wird Paris nicht nur überflutet.

    Dann wird Paris entlarvt.

    Ein Kommentar von C.H.

  • Kommentar: Ein goldener Herbst zwischen Hoffnung und Heilung

    Kommentar: Ein goldener Herbst zwischen Hoffnung und Heilung

    Es ist, als hätte jemand die Welt für einen Moment angehalten – nur um sie ganz behutsam neu zu justieren.

    Frankreich hat wieder eine Regierung. Der politische Nebel, der wochenlang über dem Land hing, lichtet sich. Entscheidungen können wieder getroffen werden, Wege beschritten, Kompromisse geschlossen. In einem Europa, das so oft zittert, ist das mehr als nur ein innenpolitisches Ereignis – es ist ein Versprechen auf Stabilität.

    Und dann diese Nachricht, die beinahe zu schön klingt, um nicht vorsichtig misstrauisch zu sein: Der Frieden im Nahen Osten scheint greifbar. Ein zartes Pflänzchen, noch empfindlich, noch bedroht – aber da. Eine Waffenruhe, Gespräche, der Wille zur Verständigung. Wer hätte geglaubt, dass wir das im Jahr 2025 noch erleben dürfen? Und doch passiert es, jetzt, in diesem Moment.

    Zwischen diesen weltpolitischen Wendepunkten pulsiert das Leben weiter – und der Oktober an der Côte d’Azur zeigt sich von seiner allerschönsten Seite.

    Die Sonne steht tief, sie schmeichelt den alten Mauern von Nizza, Antibes und Menton, taucht die Pinien in honigfarbenes Licht. Die Luft riecht nach Meersalz und warmem Stein, nach Rosmarin und letzten Feigen. Alte Männer spielen Boule, Kinder jagen Möwen, irgendwo singt eine Frau ein altes Chanson. Und du sitzt da – vielleicht mit einem Café crème, vielleicht mit einem Glas Rosé – und spürst zum ersten Mal seit Langem wieder so etwas wie inneren Frieden.

    Es ist dieser seltene Moment, in dem sich Weltpolitik und persönliches Empfinden plötzlich berühren. In dem man versteht: Ja, wir sind verbunden. Wenn sich die Dinge zum Besseren wenden, dort draußen, weit weg – dann wird auch der eigene Atem ruhiger, der Blick weicher.

    Natürlich, alles ist zerbrechlich. Natürlich, nichts ist sicher. Aber für einen winzigen Augenblick liegt etwas in der Luft, das sich anfühlt wie Hoffnung – nicht die naive, sondern die stille, hart errungene. Und genau diese Hoffnung passt zu diesem goldenen Licht, zu diesem milden Meer, zu diesem Frankreich im sanften Übergang zwischen Krisen und Klarheit.

    Darf man das genießen, während anderswo noch Leid herrscht?

    Man muss sogar.

    Denn wer in der Lage ist, Frieden zu spüren, ist auch in der Lage, ihn weiterzugeben – durch Haltung, durch Worte, durch Taten. Der goldene Herbst an der Côte d’Azur ist kein Eskapismus. Er ist ein stilles Feiern der Menschlichkeit, wenn sie wieder einmal – wider Erwarten – gesiegt hat.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Kommentar: Zwischen Reben und Beton – Wie Bordeaux’ „Raisins de la Solidarité“ neue soziale Wurzeln schafft

    Kommentar: Zwischen Reben und Beton – Wie Bordeaux’ „Raisins de la Solidarité“ neue soziale Wurzeln schafft

    Manchmal scheint es, als bestünde die Welt nur noch aus Katastrophenmeldungen, aus Eilmeldungen voller Lärm und Angst. Krieg, Klimakrise, Politikverdrossenheit – es ist leicht, den Eindruck zu bekommen, dass alles nur noch bergab geht. Doch dann tauchen Geschichten auf wie diese aus Bordeaux. Und plötzlich wird es still. Warm. Menschlich.

    Denn da stehen Jugendliche in den Reben, die sonst zwischen Beton, Asphalt und Vorurteilen groß geworden sind. Sie lachen, sie schwitzen, sie lernen. Sie erleben, dass man Teil von etwas sein kann, das wächst. Nicht virtuell, nicht auf Social Media, sondern ganz real – unter der Sonne, im Geruch der Erde, mit klebrigen Fingern vom Traubensaft.

    „Les raisins de la solidarité“ – schon der Name klingt wie ein Versprechen.
    Ein Versprechen darauf, dass Zusammenhalt keine Floskel ist, sondern etwas, das man buchstäblich mit den Händen erntet. Hier begegnen sich Welten, die sonst kaum miteinander sprechen: die Jugend der Stadt und die Winzer des Landes, die Hoffnung der Zukunft und die Erfahrung der Vergangenheit.

    Was mich daran so berührt, ist diese Schlichtheit. Niemand tut hier etwas für Schlagzeilen oder Imagepflege. Es geht um Begegnung, um Würde, um Lernen.
    Und während überall sonst Schlagzeilen von Spaltung und Hass erzählen, zeigen diese jungen Menschen, dass man Brücken auch anders bauen kann – aus Vertrauen, Respekt und Neugier.

    Vielleicht liegt genau darin die Zukunft: nicht in den großen politischen Parolen, sondern in kleinen Gesten, in echten Momenten der Nähe. Ein Korb Trauben kann zum Symbol werden, wenn er gemeinsam getragen wird.

    Solche Projekte erinnern uns daran, dass Hoffnung keine naive Idee ist, sondern eine Tat. Eine Tat, die Erde unter den Fingern hat und Sonne im Herzen.

    Und ja – es gibt sie noch, die guten Nachrichten.
    Die, die nicht laut sind, aber lange nachhallen.
    Die, die uns wieder an das glauben lassen, was wir fast vergessen hätten: dass Menschen, wenn man sie lässt, füreinander da sein können.

    Vielleicht ist das der schönste Jahrgang, den Bordeaux je hervorgebracht hat – einer, der nicht nach Reichtum schmeckt, sondern nach Menschlichkeit.

    🍇✨ Es gibt sie wirklich: die schönen und guten Nachrichten. Man muss nur hinschauen – und manchmal, ganz leise, auch ein bisschen daran glauben.

    Ein Kommentar von Andreas M. Brucker

  • Kommentar: Wo bleibt die Nächstenliebe? Missbrauch in kirchlichen Internaten – und das große, feige Schweigen

    Kommentar: Wo bleibt die Nächstenliebe? Missbrauch in kirchlichen Internaten – und das große, feige Schweigen

    Es ist zum Verzweifeln.

    Wieder einmal berichten ehemalige Schüler:innen katholischer Schulen in Frankreich von Misshandlungen, Demütigungen, sexuellen Übergriffen. Wieder einmal müssen sich Erwachsene öffentlich entblößen, damit irgendjemand hinhört. Wieder einmal dreht sich alles um das gleiche Muster: Gewalt. Macht. Schweigen.

    Und mittendrin eine Institution, die sich gern auf ihre Werte beruft: christlich, moralisch, erziehend. Nächstenliebe. Vergebung. Schutz für die Schwachen. Klingt gut auf dem Papier. Aber was ist das wert, wenn Kinder in Internatsbetten weinen und niemand fragt, warum?

    Der Missbrauch in der katholischen Kirche ist kein Betriebsunfall. Er ist ein Systemfehler mit Ansage. Jahrzehntelang haben Ordensleute, Lehrer, Schulverantwortliche weggesehen – oder schlimmer: mitgemacht. Und heute? Heute ducken sich viele von ihnen weg, sobald das Wort „Verantwortung“ fällt.

    Es ist eine Schande.

    Nicht nur für die Kirche. Sondern auch für eine Gesellschaft, die sich viel zu lange von Gewändern und Weihrauch blenden ließ.

    Wie oft sollen sich noch Opfer auf Bühnen stellen müssen, ihre Geschichten erzählen, ihr Innerstes nach außen kehren? Wie oft müssen sie betteln – ja, betteln – um Anerkennung, um Würde, um einen Hauch Gerechtigkeit?

    Die Frage ist nicht: Gab es Missbrauch in kirchlichen Schulen?
    Die Frage ist: Wie viele Wellen der Offenlegung braucht es noch, bis sich endlich etwas ändert?

    Die Kirche gibt sich geläutert, veranstaltet Synoden, beruft unabhängige Kommissionen. Aber solange die Täter von einst nicht benannt werden, solange Schulträger lieber auf Schadensbegrenzung als auf Schuldeingeständnis setzen, bleibt alles Fassade.

    Und wer schützt heute die Kinder in den Internaten?

    Man kann nur hoffen, dass wir nicht auch in zehn oder zwanzig Jahren wieder Artikel lesen müssen mit der Überschrift: „Ehemalige Schüler berichten von Missbrauch.“ Denn dann hätten wir alle – Gesellschaft, Staat, Kirche – kolossal versagt.

    Nächstenliebe beginnt nicht beim Gebet.

    Sondern beim Hinschauen.

    Ein Kommentar von Daniel Ivers

  • Kommentar: Schluss mit dem Wunsch nach staatlichem Töten!

    Kommentar: Schluss mit dem Wunsch nach staatlichem Töten!

    Vor 44 Jahren hat Frankreich die Todesstrafe abgeschafft – und daran darf sich niemals etwas ändern.

    Wie kommt man überhaupt auf die Idee, diesen barbarischen Anachronismus wiederzubeleben?

    Heute vor 44 Jahren hat Frankreich einen historischen Schritt gewagt. Es hat sich – spät, aber entschlossen – von der Todesstrafe verabschiedet. Von einem Akt der Rache, der mehr über unsere Abgründe aussagt als über unsere Prinzipien. Von einem Relikt, das in einer zivilisierten Demokratie keinen Platz mehr haben darf. Und jetzt, 2025, müssen wir ernsthaft diskutieren, ob man das wieder einführen sollte?

    Entschuldigung, aber: Habt ihr den Verstand verloren?

    Was soll das bitte sein – „Gerechtigkeit“ durch Hinrichtung? „Sicherheit“ durch Tod auf Staatsbefehl? Wer das behauptet, verwechselt Recht mit Rache. Und Menschlichkeit mit Mittelalter.

    Die Todesstrafe macht keine Gesellschaft sicherer. Sie macht sie nur kälter, grausamer, zynischer.

    Sie bringt keine Opfer zurück. Sie heilt keinen Schmerz. Sie stellt keine Gerechtigkeit her – sie schafft nur ein zweites Verbrechen.

    Und ja, ich spreche in dieser Schärfe, weil ich es nicht mehr hören kann: dieses scheinheilige „in bestimmten Fällen“, dieses „wenn es ganz schlimm war“, dieses „die haben es doch verdient“. Wer so redet, blendet alles aus, was uns zu einem Rechtsstaat macht: Zweifel. Irrtum. Verhältnismäßigkeit. Menschenwürde.

    Denn was ist, wenn der Falsche stirbt? Wenn ein Justizirrtum nicht mehr korrigierbar ist? Wenn wir zu Tätern werden – als Gesellschaft?

    Wer die Todesstrafe fordert, öffnet die Tür zu einer Welt, in der Emotion über Prinzipien siegt, in der Angst Politik macht und in der die Rache regiert – nicht das Recht.

    Nein, wir brauchen keine Todesstrafe. Wir brauchen ein besseres Justizsystem. Mehr Schutz für Opfer. Mehr Aufklärung. Mehr Prävention. Mehr Vertrauen.

    Aber sicher keine Guillotine oder einen elektrischen Stuhl im Namen des Volkes.

    Frankreich hat vor 44 Jahren das einzig Richtige getan. Es darf keinen Weg zurück geben. Nie. Und nirgends.

    Ein Kommentar von C. Hatty

  • Kommentar: Wider besseres Wissen – sie fordern die Abschaffung der Rentenreform. Wer soll das bezahlen?

    Kommentar: Wider besseres Wissen – sie fordern die Abschaffung der Rentenreform. Wer soll das bezahlen?

    Man reibt sich die Augen. Da tobt eine Haushaltskrise. Da ächzt das Rentensystem unter dem Gewicht des demografischen Wandels. Und was macht die CGT? Sie fordert nicht weniger als die komplette Abschaffung der Rentenreform. Kein Innehalten, kein Dialog – nein: Rückabwicklung. Zurück auf Los. Ideologie vor Realität.

    Was bitte soll das?

    Es ist, als würde ein Kapitän auf stürmischer See nicht nur den Kurs wechseln, sondern das Steuer gleich ins Meer werfen. Die Reform von 2023 mag vielen missfallen – aber sie war notwendig. Sie war ehrlich. Und ja, sie war mutig. Denn wer heute den Menschen verspricht, mit 62 in Rente gehen zu können, ohne das System zu ruinieren, der belügt entweder sich selbst oder die Bevölkerung.

    Die Fakten liegen auf dem Tisch: Wir leben länger, die Beitragszahler werden weniger – und das Geld reicht nicht. Diese Gleichung löst sich nicht mit Streikplakaten auf.

    Natürlich klingt es populär, wenn Gewerkschaften „soziale Gerechtigkeit“ skandieren. Aber was ist gerecht daran, wenn die jungen Generationen die Zeche zahlen für ein System, das längst überholt ist? Was ist gerecht daran, wenn Beitragszahler:innen später bis weit über 67 hinaus schuften müssen, während andere heute den Rückweg ins „heile Früher“ fordern?

    Das ist nicht sozial – das ist asozial.

    Die Wahrheit ist unbequem: Eine Abrogation der Reform würde Milliarden kosten. Geld, das wir nicht haben. Geld, das wir uns leihen müssten – von den Märkten, von unseren Kindern, von der Zukunft. Wollen wir das wirklich?

    Und wer sind eigentlich „wir“?

    Die CGT spricht gern im Namen „der arbeitenden Bevölkerung“. Doch bei aller Lautstärke – sie spricht nicht für alle. Sie spricht für ein Weltbild, das sich der Realität verweigert. Für einen politischen Reflex, der reflexhaft Nein sagt – egal worum es geht.

    Wo bleibt der Gegenvorschlag?

    Wie soll ein stabiles, solidarisches Rentensystem aussehen, wenn es keine Reform geben darf? Wovon sollen die Renten bezahlt werden, wenn das Eintrittsalter niedrig und die Lebensdauer hoch bleibt? Woher soll die Gerechtigkeit kommen, wenn alle nur fordern, aber keiner aufzeigt, wo gekürzt werden kann?

    Die Wahrheit ist: Es gibt keine einfache Lösung. Aber es gibt Ehrlichkeit. Und die fehlt derzeit aufseiten derer, die am lautesten „Abschaffen!“ rufen.

    Ein Land regiert man nicht mit Parolen. Schon gar nicht in der Krise.

    Es braucht Mut, Verantwortung und einen Blick über die Wahlperioden hinaus. Die Reform war ein Schritt in diese Richtung. Vielleicht nicht perfekt, aber notwendig. Sie jetzt zu kippen wäre nicht nur ein Rückschritt – es wäre ein Verrat an der Generation von morgen.

    Ein Kommentar von Andreas M. Brucker

  • Kommentar: Herr Macron, was haben Sie nur gegen das Teilen der Macht?

    Kommentar: Herr Macron, was haben Sie nur gegen das Teilen der Macht?

    Eigentlich wollte ich schon wieder einen Kommentar schreiben – über die nächste Regierungskrise in Frankreich, über die endlosen Rochaden, über das Schauspiel aus Rücktritt, Berufung, Rücktritt. Aber mir bleibt die Stimme weg. Nicht vor Erstaunen. Sondern vor Erschöpfung.

    Wie oft kann man denselben politischen Fehler begehen, bevor man begreift, dass es kein Zufall mehr ist?

    Frankreich steht am Rand eines Abgrunds, und im Élysée-Palast scheint man das Echo aus der bedrohlichen Tiefe noch immer für Applaus zu halten. Emmanuel Macron sucht seit Monaten nach einem Premierminister, der ihm gehorcht – statt einem, der das Land eint. Und mit jedem gescheiterten Versuch schrumpft der Raum der Vernunft, wächst die Versuchung der Extreme.

    Darum diese eine, einfache, fast verzweifelte Frage:
    Herr Macron, was ist so schlimm daran, eine Premierministerin oder einen Premierminister aus dem linken Lager zu ernennen?

    Wirklich – was?
    Wäre es Verrat? Schwäche? Ein Eingeständnis, dass die „Mitte“ allein nicht mehr trägt?

    Vielleicht wäre es einfach nur das, was Frankreich jetzt braucht: ein Zeichen der Demut. Ein Schritt auf die andere Seite, ohne die eigene zu verlieren. Eine Geste, die zeigt, dass Macht teilen keine Niederlage ist – sondern ein Akt politischer Reife.

    Denn alles, wirklich alles, ist besser als das, was sonst droht:
    Ein Sieg der Rechtspopulisten, ein Rutsch ins autoritäre Denken, ein Land, das sich selbst aufgibt, weil seine demokratische Elite zu stolz war, Brücken zu bauen.

    Frankreich hat schon zu oft in seiner Geschichte erlebt, wohin Überheblichkeit führt.
    Diesmal sollte es nicht wieder so enden.

    Herr Macron, hören Sie zu – nicht auf Ihre Berater, nicht auf Ihr Ego. Auf die Menschen. Auf das Land, das Sie führen sollen, nicht dominieren.

    Denn die Stimme, die mir heute fehlt, ist die vieler Franzosen.
    Und sie könnte bald sehr laut werden – aber dann nicht mehr in Ihrem Sinn.

    Von C. Hatty

  • Kommentar: Ein „Weiter so“ hat uns noch nie nach vorne gebracht – Herr Macron

    Kommentar: Ein „Weiter so“ hat uns noch nie nach vorne gebracht – Herr Macron

    Frankreich taumelt. Und Emmanuel Macron schaut zu.

    Während das politische Paris in Flammen steht – institutionell, moralisch, demokratisch – klammert sich der Élysée an ein Phantom: Stabilität. Mit der Ernennung Sébastien Lecornus zum Premierminister und Wiedereinsetzung fast aller bisheriger Minister in ihre angestammten Ämter hat Macron keinen Aufbruch gewagt, sondern eine Bankrotterklärung unterschrieben. Keine Vision, keine Linie, kein Mut. Nur Taktik, nur Machterhalt. Ein „Weiter so“ in seiner erschlafften Reinform.

    Doch ein „Weiter so“ hat uns noch nie nach vorne gebracht, Herr Macron.

    Die Franzosen haben den politischen Verschleiß satt. Sie haben genug von gesichtslosen Technokraten, von inszenierten Kabinetten ohne Herzschlag. Lecornu? Ein loyaler Verwalter, vielleicht. Aber kein Mann der Stunde. Nicht inmitten der schwersten Legitimitätskrise der Fünften Republik seit 1958. Nicht in einem Land, in dem jeder zweite Wähler inzwischen radikal wählt – aus Wut, aus Angst oder aus Ohnmacht.

    Die Demokratie steht auf dem Spiel. Und der Präsident spielt Mikado.

    Was Macron in diesen Wochen präsentiert, ist eine Reproduktion seiner alten Fehler: Personalpolitik als politische Alibihandlung. Reformrhetorik ohne Substanz. Dialogangebote, die wie Drohungen klingen. Er lässt einen Premier auftreten, der das Renten-Thema umschifft, die soziale Frage weichzeichnet und den zentralen Nerv der Zeit – die Spaltung zwischen Zentrum und Peripherie – nicht einmal benennt. Lecornu spricht von Zusammenhalt, während ihm das Fundament zerbröselt.

    Die Franzosen brauchen keinen Verwaltungsdirektor im Matignon – sie brauchen eine Regierung mit Haltung. Mit Courage. Mit einer Antwort auf das wachsende Misstrauen gegenüber den Institutionen.

    Macron hätte ein Zeichen setzen können. Stattdessen wählte er die Sicherungskopie seiner selbst.

    Die Entscheidung für Lecornu und des „neuen“ Kabinetts ist ein Schlag ins Gesicht derer, die noch an die Erneuerung der Republik glaubten. Sie zeigt, dass Macron entweder nicht mehr versteht, was im Land vor sich geht – oder es ihm schlicht egal ist. Beides wäre fatal. Denn der nächste politische Unfall lauert bereits: Eine erfolgreiche Misstrauensabstimmung. Eine Implosion der Mehrheitsbasis. Oder – und das ist das gefährlichste Szenario – der endgültige Triumph des Rassemblement National bei Neuwahlen.

    Wer heute in Frankreich auf die Straße geht, ruft nicht mehr nach Reformen. Er ruft nach Abrechnung.

    Macron hat noch eine letzte Chance. Aber dafür müsste er tun, was ihm zutiefst widerstrebt: Macht abgeben. Verantwortung teilen. Ehrlich kommunizieren. Und endlich aufhören, sein Land wie ein Start-up zu führen – und beginnen, es wie eine Demokratie zu behandeln.

    Ein „Weiter so“ war nie der Weg in die Zukunft. Sondern der direkte Weg ins politische Vakuum.

    Frankreich braucht keine Beruhigungstabletten. Es braucht einen Schock. Einen ehrlichen Neuanfang. Alles andere ist Selbstbetrug.

    Ein Kommentar von Andreas M. Brucker