Kategorie: Kommentar

Kommentare unserer Redaktion zu aktuellen Gegebenheiten und wirtschaftlichen und politischen Zusammenhängen.

  • Kommentar: Vermieterführerschein? Nein. Anstand würde reichen – oder?

    Kommentar: Vermieterführerschein? Nein. Anstand würde reichen – oder?

    Ein Führerschein für Vermieter. Allein das Wort klingt nach Satire, nach einem Sketch im Spätprogramm. Und doch ist es bitterer Ernst. In Aubagne braucht man inzwischen eine behördliche Erlaubnis, um Wohnungen zu vermieten. Nicht, weil der Staat plötzlich seinen Spaß am Kontrollieren entdeckt hätte, sondern weil Menschen jahrelang in feuchten, dunklen, schimmelnden Löchern leben mussten, die auf Immobilienanzeigen noch immer großmütig als „charmanter Altbau“ firmieren.

    Man fragt sich unweigerlich: Wie tief muss man sinken, damit so etwas nötig wird?

    Der permis de louer soll sicherstellen, dass Böden nicht einstürzen, Dächer dicht sind und Wände nicht mehr Pilzkulturen als Wohnraum beherbergen. Eine radikale Idee, offenbar. Für manche Eigentümer sogar eine Zumutung. Ein Monat Wartezeit! Ein Techniker, der Fragen stellt! Formulare! Bürokratie! Man hört förmlich das verletzte Stöhnen jener, die jahrelang sehr gut davon lebten, nichts zu tun.

    Dabei geht es nicht um Luxus. Niemand verlangt Fußbodenheizung aus Carrara-Marmor oder Designerküchen. Es geht um Licht. Um trockene Räume. Um Wohnungen, in denen Kinder schlafen können, ohne dass die Eltern nachts die Luftfeuchtigkeit messen. Um das, was früher einmal selbstverständlich war und heute als staatliche Gängelung gilt.

    Besonders rührend ist das Argument vom „verlorenen Mieter“. Der wolle sofort einziehen, heißt es, und warte nicht auf Genehmigungen. Ja, natürlich. Wer verzweifelt eine Wohnung sucht, hat selten Geduld. Genau darauf haben viele Vermieter jahrelang gebaut. Auf Not. Auf Alternativlosigkeit. Auf das Schweigen jener, die froh sind, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben, selbst wenn es tropft.

    Und nun plötzlich: Kontrolle. Verantwortung. Die Drohung mit empfindlichen Geldstrafen. Bis zu 15.000 Euro. Das empört. Nicht etwa der Schimmel, nicht die Evakuierungen, nicht die einsturzgefährdeten Häuser. Sondern die Rechnung.

    Man könnte das alles als überregulierten Irrsinn abtun. Man kann sich über den „Vermieterführerschein“ lustig machen. Aber vielleicht ist genau das der Punkt. Vielleicht ist er kein Zeichen staatlicher Übergriffigkeit, sondern ein Armutszeugnis für eine Branche, die ohne Zwang offenbar nicht mehr zwischen Rendite und Verantwortung unterscheidet.

    Denn seien wir ehrlich: Wer eine Wohnung vermietet, übernimmt Verantwortung für Menschen. Punkt. Wer dazu nicht bereit ist, sollte sein Objekt nicht vermieten, sondern verkaufen, verschenken oder leer stehen lassen. Niemand zwingt irgendwen zum Vermieter-Dasein. Es ist kein soziales Pflichtjahr.

    Dass man heute Genehmigungen braucht, um elementare Mindeststandards durchzusetzen, sagt weniger über den Staat als über den Zustand des Anstands. Vielleicht braucht es keinen Führerschein. Vielleicht reicht ein Spiegel. Und ein kurzer Blick hinein.

    Ein Kommentar von Daniel Ivers

  • Kommentar: „Vertraue keinem – außer Tante Gertrude auf WhatsApp“

    Kommentar: „Vertraue keinem – außer Tante Gertrude auf WhatsApp“

    Es ist ja wirklich rührend. Da sitzen sie also, die Franzosen, mit gerunzelter Stirn vor ihren Smartphones, umgeben von einem Sturm aus Push-Nachrichten, Talkshows, Dauerpanik und Breaking-News-Bombardement – und entscheiden sich: Ich glaub da lieber dem, was mir mein Cousin Thierry bei der Familienfeier erzählt hat. Oder was Tante Gertrude auf WhatsApp weitergeleitet hat – mit drei Ausrufezeichen, einem betenden Emoji und dem Hinweis: „Sie wollen nicht, dass du das siehst!!!“

    Willkommen im Zeitalter der selbstgewählten Verwirrung. Die Mehrheit der Franzosen misstraut den Medien? Skandalös! Nein, eigentlich nur konsequent – schließlich haben Journalisten ja die absurde Marotte, Quellen zu prüfen, Fakten zu sortieren und nicht alles zu glauben, was ein wütender TikTok-Rentner in die Kamera brüllt.

    Aber man versteht es ja. Man ist müde. Fatigué. Die Nachrichten sind zu laut, zu oft, zu gleich. Immer wieder Krise, Krieg, Klima. Und dann auch noch der Versuch, das alles irgendwie einzuordnen. Wie übergriffig! Da zieht man sich lieber auf bewährte Informationsquellen zurück: Facebook-Kommentare, die Nachbarin mit dem „Instinkt für das, was nicht gesagt wird“ – oder eben das Gefühl. Das gute, alte Gefühl. Das hat noch nie gelogen. Außer in der Geschichte der Menschheit. Aber gut.

    Die neue Wahrheit: Ich fühle also weiß ich

    Es geht längst nicht mehr darum, was ist. Es geht darum, wie es sich anfühlt. „Ich finde, die Medien übertreiben.“ – Merci, Analyse abgeschlossen. Dasselbe Klima, dieselbe Inflation, dieselben Zusammenhänge – aber plötzlich klingt es irgendwie besser, wenn es ein Influencer mit Glitzerfilter erklärt. Oder ein Podcast mit dramatischer Musik. Oder ein Kettenbrief, der mit den Worten endet: „Teile das, bevor es gelöscht wird!“

    Man wirft den Medien gerne vor, sie seien manipulativ. Aber wehe, sie berichten nicht über das, was einen gerade beschäftigt. Zu viel über die US-Wahl? Frechheit! Zu wenig über die Sterbehilfe-Debatte? Skandal! Zu viele Fakten? Elitär! Zu viele Meinungen? Propaganda!

    Die Rebellion der Gekränkten

    Was hier als Misstrauen verkauft wird, ist oft schlicht Gekränktheit. Gekränktheit darüber, dass komplexe Probleme keine einfachen Lösungen haben. Dass Journalismus kein Wunschkonzert ist. Dass nicht jede Meinung automatisch wahr wird, nur weil sie laut genug ist. Dass Satire auch mal wehtun darf. Und dass Freiheit eben auch bedeutet, Dinge auszuhalten, die einem nicht passen – auch im Fernsehen.

    Aber wehe, man spricht das aus. Dann heißt es gleich, die Meinungsfreiheit sei in Gefahr. 77 % der Franzosen glauben das – und posten es auf Plattformen, die täglich Milliarden Meinungen durchleiten. Ironie? Nein, Realität. Willkommen im Zeitalter der unbegrenzten Selbstdarstellung, in dem man „nicht mehr sagen darf, was man denkt“ – und genau das in jede Kamera brüllt, die nicht rechtzeitig auf stumm schaltet.

    Die Pointe?

    Das eigentliche Problem ist nicht, dass die Medien versagen. Es ist, dass sie immer weniger gegen das Rauschen ankommen, gegen das Getöse aus Halbwahrheiten, Selbstbestätigung und digitalem Narzissmus. Die vierte Gewalt wird nicht von oben bedroht – sondern von unten zersetzt. Von uns. Mit jeder weitergeleiteten Verschwörung, jedem misstrauischen Augenrollen, jedem „man wird ja wohl noch sagen dürfen“.

    Aber keine Sorge. Die Rettung naht. Thierry hat gerade wieder was in die Familiengruppe gepostet. Diesmal mit einem Link zu einem Video „von jemandem, der dabei war“. Ohne Quelle, ohne Kontext, aber mit sehr eindringlichem Tonfall. Also bitte: Vertraue keinem – außer Thierry. Und Tante Gertrude.

    Ein Kommentar von Daniel Ivers

  • Kommentar: Willkommen im Land der 14-Milliarden-Euro-Frage

    Kommentar: Willkommen im Land der 14-Milliarden-Euro-Frage

    Wenn Sozialstaat und Parallelrealität ein Date haben

    Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen: 14 Milliarden Euro. Nicht für neue Krankenhäuser. Nicht für mehr Pflegepersonal. Nicht für Schulsanierungen oder schnellere Digitalisierung. Nein – das ist das geschätzte Volumen der Sozialbetrugsfälle in Frankreich im Jahr 2025. Quatorze milliards. In Zahlen: 14.000.000.000. Man fragt sich beinahe ehrfürchtig, wie man das überhaupt schafft. Eine solche Summe muss man sich schon redlich ergaunern.

    Aber keine Sorge – bevor jemand auf falsche Gedanken kommt: Nein, die Franzosen seien nicht plötzlich betrügerischer geworden, beruhigt uns der Haut Conseil du financement de la protection sociale. Das sei alles nur ein bisschen Statistik, ein bisschen besserer Überblick, ein bisschen weitergefasste Definition. Also alles halb so wild, oder? Wenn die Titanic eben besser kartographiert ist, sinkt sie auch gleich viel angenehmer.

    Betrug als Businessmodell

    Der größte Posten auf der betrügerischen Rechnung ist übrigens der Arbeitgeberbetrug: Schwarzarbeit, nicht gezahlte Sozialabgaben – rund 8 Milliarden Euro jährlich. Bravo. Offenbar gibt es in Frankreich ganze Branchen, in denen es eher unüblich ist, sich mit solch lästigen Kleinigkeiten wie Gesetzestreue herumzuschlagen. Das Baugewerbe, die Gastronomie, der Transportsektor – kurz: all die vermeintlichen Stützen der französischen Wirtschaft – zeigen sich besonders kreativ, wenn es darum geht, die Sozialkassen zu umgehen.

    Aber auch auf der anderen Seite des Tresens wird mitgedacht: 36 % der Verluste gehen auf das Konto der Leistungsbezieher, die mit geschicktem Understatement Einkommen verschweigen, Wohnorte verlegen oder Kinder aus dem Hut zaubern, um sich durch die Maschen des Systems zu schlängeln. Und nicht zu vergessen: die Mediziner, die sich offenbar in parallelen Realitäten bewegen, in denen Behandlungen stattfinden, die in der echten Welt nie das Licht einer Praxis gesehen haben.

    Vom Aufdecken und Wegsehen

    Natürlich, man hat dazugelernt. Die Kontrollmechanismen wurden verschärft. Immerhin 2 Milliarden Euro wurden 2024 entdeckt – Chapeau! Das klingt beeindruckend, bis man merkt: das entspricht etwa 14 % des geschätzten Gesamtbetrags. Und von dem, was man entdeckt, kann man wiederum nur einen Bruchteil tatsächlich eintreiben. Denn offenbar endet der französische Rechtsstaat dort, wo das Portemonnaie des Steuerbetrügers beginnt.

    Wer sich also fragt, warum das Vertrauen in den Sozialstaat sinkt – voilà une réponse. In einem System, das auf Solidarität basiert, ist der Gedanke, dass der Nachbar sich still und leise einen Teil des Kuchens nimmt, ohne etwas beizutragen, nichts weniger als toxisch. Während der ehrliche Steuerzahler über Monate auf einen Arzttermin wartet und pünktlich seine Beiträge abführt, laufen im Hintergrund die Drucker heiß, um gefälschte Atteste und Scheinrechnungen zu produzieren.

    Wer schützt die Fairness?

    Aber wehe, jemand wagt es, mehr Kontrollen zu fordern. Dann ist der Aufschrei groß: Diskriminierung! Überwachung! Stigmatisierung! Natürlich muss man aufpassen, dass niemand ungerechtfertigt ins Fadenkreuz gerät. Aber genauso gefährlich ist es, ein System zu tolerieren, das seine eigenen Regeln zur Karikatur verkommen lässt.

    Frankreich steht vor einer bitteren Wahrheit: Man kann keinen Sozialstaat aufrechterhalten, wenn sich allzu viele systematisch entziehen – auf Arbeitgeber- und Empfängerseite. Und man kann kein Vertrauen in Institutionen erwarten, wenn deren Instrumente zur Durchsetzung des Rechts zahnlos, ineffizient und überfordert bleiben.

    Die wahre Tragödie? Die Normalisierung.

    Das wirklich Erschreckende an der aktuellen Debatte ist nicht der Betrag selbst – obwohl der ausreicht, um das Bildungsbudget eines Kleinstaates zu decken. Nein, es ist die fast schon gelangweilte Gelassenheit, mit der diese Zahl zur Kenntnis genommen wird. Als sei Betrug eine unvermeidliche Begleiterscheinung des französischen Modells. Als gehöre es halt einfach dazu, wie der Streik zum Bahnverkehr oder die Bürokratie zum Behördengang.

    Wenn ein Land 14 Milliarden Euro jährlich an Sozialbetrug „verliert“ – ein Euphemismus, der klingt, als hätte man seine Schlüssel verlegt –, dann ist das keine Petitesse, sondern ein systemischer Notruf. Und wer dann immer noch über „gefühlte Ungerechtigkeit“ spricht, statt sich mit der realen Aushöhlung des Vertrauens zu befassen, der hat den Ernst der Lage entweder nicht verstanden – oder sich bereits damit arrangiert.

    Ein Kommentar von Andreas M. Brucker

  • Kommentar: Lasst doch endlich das Morden sein – ein korsisches Inseldrama in Endlosschleife

    Kommentar: Lasst doch endlich das Morden sein – ein korsisches Inseldrama in Endlosschleife

    Ach, Korsika. Du schöne, wilde, widerspenstige Insel. Schauplatz unzähliger Urlaubsbroschüren, gesäumt von türkisfarbenem Wasser, Macchia-Duft und patriotischem Stolz. Und wieder einmal schallt kein Kirchenlied durch deine Hügel – sondern der dumpfe Hall eines Gewehrschusses. Diesmal trifft er Alain Orsoni, Symbolfigur des korsischen Nationalismus, getroffen am Grab seiner eigenen Mutter. Man hätte fast denken können, man lässt ihm noch einen letzten Moment der Trauer. Aber nein – Ehre, Vendetta, Prestige, alte Rechnungen… irgendjemand meinte, jetzt sei genau der richtige Zeitpunkt, das nächste Kapitel dieser blutdurchtränkten Tragödie aufzuschlagen.

    Kommt diese Insel denn nie zur Ruhe?

    Es ist, als hänge über Korsika ein unsichtbares Drehbuch, verfasst von einem zynischen Dramatiker, der sich weigert, das letzte Kapitel zu schreiben. Da ist kein Platz für „post-konfliktuelle Stabilität“, kein Raum für Reue oder Dialog. Stattdessen bekommt die Welt nun wieder einen dieser symbolgeladenen Morde serviert, bei dem man sich fragt: War es politisch? War es privat? War es beides? Oder einfach nur – korsisch?

    Denn wo sonst als auf Korsika wird ein Mann erschossen, der früher einmal eine Untergrundarmee anführte, dann im Exil Unterschlupf fand, später Fußballpräsident wurde – und schließlich mit einem Präzisionsgewehr während einer Beerdigung eliminiert wird? Nicht einmal in sizilianischen Mafiaepen der 1970er-Jahre hätte man sich das ausdenken können.

    Und die Reaktionen? Betretenes Schweigen. Politische Zurückhaltung. „Die Ermittlungen laufen“, sagt Paris. „Man soll nicht spekulieren“, sagt Ajaccio. Und wir sagen: Wie viele Ermittlungen müssen denn noch „laufen“, bevor diese Insel endlich lernt, dass politische Konflikte nicht mit Schüssen im Macchia gelöst werden?

    Ist es wirklich so schwer, sich für eine Zukunft zu entscheiden, die nicht am Gewehrlauf endet?

    Natürlich, Orsoni war kein Heiliger. Sein Lebenslauf liest sich wie ein Roman zwischen „Der Pate“ und „Che Guevara light“. Aber er war auch ein Mensch, ein Vater, ein Sohn – und er stand an einem Grab. Wenn selbst der Tod nicht mehr heilig ist, was dann?

    Vielleicht ist es Zeit, dass Korsika sich selbst eine Frage stellt: Was genau wird hier eigentlich verteidigt, mit all diesen Waffen? Ehre? Identität? Oder nur alte Geister, die man nicht beerdigen will?

    Lasst doch endlich das Morden sein. Es ist 2026. Die Welt hat größere Sorgen – Klimakrise, geopolitische Eskalationen, künstliche Intelligenz. Aber irgendwo in den korsischen Bergen liegt ein Mann tot im Gras, und jemand ist schon wieder dabei, das nächste Magazin zu laden.

    Ein Kommentar von Andreas M. Brucker

  • Kommentar: Agrarland à la dérive – Frankreichs große Kunst, keine Agrarpolitik zu haben

    Kommentar: Agrarland à la dérive – Frankreichs große Kunst, keine Agrarpolitik zu haben

    Ach, Frankreich. Land der Haute Cuisine, der AOP-Käsevielfalt, der Traktorkorsos und der permanenten Agrar-Apokalypsen. Alle paar Monate das gleiche Schauspiel: Bauern protestieren, der Präsident verspricht, und Brüssel ist natürlich wieder schuld. Und während ganz Europa still und leise die Märkte öffnet, sitzt Paris trotzig auf seinem Miststock und ruft: Non ! Zum EU-Mercosur-Abkommen? Natürlich Non. Was sonst?

    Man könnte fast glauben, Agrarpolitik sei in Frankreich ein ritualisiertes Drama, kein politisches Gestaltungsfeld. Und tatsächlich: Jedes Mal, wenn irgendwo auf der Welt jemand „Freihandel“ sagt, schnallen sich französische Landwirte schon mal die gelben Westen an. Wenn dann auch noch südamerikanisches Rindfleisch ins Spiel kommt, ist der Ausnahmezustand sicher. Die Regierung reagiert wie immer: hektisch, widersprüchlich und am Ende handlungsunfähig. Agrarpolitik? Nein, das ist in Frankreich eher so etwas wie ein Reflexbogen zwischen Bauernlobby, Regierungsangst und nationaler Nostalgie.

    Die heilige Kuh: Der französische Bauernstand

    Frankreich hat bis heute eine fast mystische Beziehung zu seinem Bauernstand. Der Landwirt ist hier nicht einfach ein Beruf – er ist eine Projektionsfläche nationaler Identität. Ländliche Idylle, gallisches Selbstverständnis, Widerstand gegen die Moderne: Alles vereint sich im Mythos vom kleinen Hof, der gegen den globalisierten Weltmarkt kämpft. Und wehe, jemand wagt es, diese Idylle mit Zahlen zu hinterfragen.

    Denn tatsächlich ist der französische Agrarsektor längst hochgradig industrialisiert. Die Zeiten von Maurice, der seine drei Kühe beim Namen kennt, sind lange vorbei. Heute exportiert Frankreich weltweit – Getreide, Milchpulver, Luxuswein. Gleichzeitig sind staatliche Subventionen aus Brüssel das Rückgrat vieler Betriebe. Man lebt gut vom EU-Agrarhaushalt – und schimpft auf die EU, sobald sie eine Öffnung fordert.

    Mercosur – das Lieblingsmonster des französischen Protestes

    Jetzt also Mercosur: ein Abkommen mit Südamerika, das in den meisten EU-Staaten als strategisch wichtig gilt – Stichwort Diversifizierung, geopolitische Hebel, marktwirtschaftlicher Zugang. Doch in Frankreich? Dort heißt es, das Abkommen sei ein „ökologischer Skandal“, ein „sozialer Sprengsatz“ und natürlich eine „Bedrohung der Ernährungssouveränität“. Kurzum: Der Weltuntergang. Wieder einmal.

    Dass viele der angeblich „unter unfairen Bedingungen“ produzierten Importe längst den EU-Standards entsprechen müssen? Egal. Dass Frankreich selbst massive Exporte in Drittstaaten betreibt – unter anderem subventioniertes Geflügel nach Afrika? Pas de problème. Es geht ja nicht um Kohärenz, sondern um Haltung. Frankreichs Agrarpolitik funktioniert nach dem Motto: Moralisch immer überlegen, politisch immer blockierend.

    Macron zwischen Panikreaktion und Symbolpolitik

    Emmanuel Macron hat nun also verkündet, dass Frankreich das EU-Mercosur-Abkommen nicht ratifizieren wird. Ein klares „Non“, begleitet von dramatischen Auftritten und der Behauptung, französische Standards stünden zur Disposition. Dass sein Alleingang innerhalb der EU kaum Rückhalt findet? Geschenkt. Dass er sich damit einmal mehr isoliert? Kollateralschaden. Schließlich ist es in Paris seit Jahren Staatsräson, sich bei Agrarfragen querzustellen, koste es, was es wolle.

    Ironischerweise ist Macron – sonst ein glühender Verfechter europäischer Integration – hier plötzlich der oberste Agrarpopulist der Nation. Ob aus Angst vor Traktoren auf den Champs-Élysées oder aus strategischem Kalkül: Seine Positionierung zeigt vor allem, dass Frankreich keine konsistente Agrarpolitik besitzt. Es gibt nur Reaktionen, keine Vision.

    Wenn Agrarpolitik zur Kulisse wird

    Statt langfristiger Strategien sieht man in Paris nur Notfallmanagement. Während andere Länder längst auf klimafreundliche Landwirtschaft, technologische Innovationen und faire Handelsintegration setzen, bleibt Frankreich im Status quo gefangen – aus Angst vor dem nächsten Protest. Die Landwirtschaft wird nicht gestaltet, sondern beruhigt. Ein bisschen mehr Subvention hier, ein bisschen weniger Mercosur dort – das reicht, um die nächsten Wahlen zu überstehen. Zukunftssicherung? Ist was für Technokraten in Brüssel.

    Dabei hätte gerade Frankreich das Potenzial, europäische Agrarpolitik aktiv mitzugestalten – als Brücke zwischen bäuerlicher Tradition und industrieller Innovation. Doch solange sich die nationale Debatte um die Frage dreht, ob ein südamerikanisches Steak wirklich die Apokalypse bedeutet, wird man weiter am Rand der EU stehen – nicht als Avantgarde, sondern als Verweigerer.

    Und so wird Frankreich auch 2026 wieder das Gleiche tun wie 2016 und 2006: Seine Bauern feiern, seine Präsidenten beschwichtigen, seine europäischen Partner irritieren. Eine Agrarpolitik wird daraus nicht entstehen – aber immerhin ein Gefühl nationaler Selbstgerechtigkeit. In Paris reicht das oft schon.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Kommentar: Es geht also doch. Ihr könnt es doch – wenn Ihr nur wollt.

    Kommentar: Es geht also doch. Ihr könnt es doch – wenn Ihr nur wollt.

    Was in Cannes gerade passiert, fühlt sich an wie ein Aufatmen nach Jahren des Kopfschüttelns. Jahrelang hieß es: zu teuer, zu kompliziert, nicht machbar, unrealistisch. Und jetzt? Jetzt wird einfach gemacht. Ohne Drama, ohne Ausreden, ohne endlose Gipfeltreffen mit warmen Worten und kaltem Kaffee.

    Man nimmt das Meer. Das sowieso da ist. Jeden Tag. Kostenlos. Und nutzt seine Energie, statt weiter Rechnungen an die fossile Vergangenheit zu überweisen. Punkt.

    Und plötzlich fällt dieses hartnäckige Märchen in sich zusammen, das uns immer wieder erzählt wurde: Umweltschutz koste Geld, schade der Wirtschaft, sei Luxus. Nein. Das Gegenteil ist wahr. Wer klug schützt, spart. Wer lokal denkt, wird unabhängiger. Wer investiert, gewinnt langfristig. So simpel, so logisch – und trotzdem so lange ignoriert.

    Das wirklich Erfreuliche daran: Niemand friert. Niemand verzichtet. Niemand zahlt drauf. Im Gegenteil. Die Rechnungen werden kleiner, die Luft sauberer, die Abhängigkeit geringer. Genau so fühlt sich Fortschritt an. Still, effizient, unaufgeregt – und verdammt überzeugend.

    Man möchte den Verantwortlichen fast zurufen: Danke, dass Ihr zeigt, dass es nicht an der Technik scheitert. Nicht am Geld. Nicht am Wissen. Sondern einzig am Willen.

    Cannes hat ihn.
    Andere könnten ihn auch haben.

    Es wäre höchste Zeit.

    Ein Kommentar von C. Hatty

  • Kommentar: Schüsse statt Lösungen – Marseille und die bequeme Illusion der Repression

    Kommentar: Schüsse statt Lösungen – Marseille und die bequeme Illusion der Repression

    Irgendwann, liebe Verantwortliche, müsste dieser Moment doch kommen. Dieser eine Augenblick, in dem man innehält, tief durchatmet und sich eingesteht, dass etwas fundamental schiefläuft. Nicht ein bisschen. Nicht aus Versehen. Sondern krachend, systematisch, seit Jahren. Doch stattdessen zählen wir weiter Einschusslöcher, als wären sie bloß statistische Unschärfen im Sicherheitsbericht.

    Wieder Schüsse. Wieder nachts. Wieder Marseille. Wieder dieses Viertel, dessen Name in Aktenordnern und Polizeiberichten längst schwerer wiegt als im Stadtplan: Saint-Mauront. Ein Stadtteil, der inzwischen mehr über die staatliche Hilflosigkeit erzählt als jede Sonntagsrede. Und mittendrin ein Bürogebäude von Orange, tausend Arbeitsplätze, Glasfassade, Besprechungsraum – jetzt mit Kugelloch. Modernes Frankreich, Version 2026.

    Man stelle sich das kurz vor. Da gehen Menschen morgens zur Arbeit, Laptop unterm Arm, Kaffee in der Hand, und das Erste, worüber man spricht, ist nicht das Wetter oder die Deadline, sondern die Frage, ob man heute besser nicht am Fenster sitzt. Kugeln als neue Form der Arbeitsplatzgestaltung. Offene Büros waren gestern, heute gibt es offene Einschusslöcher. Läuft.

    Und dann dieser alte, abgegriffene Reflex: mehr Polizei, mehr Blaulicht, mehr Durchgreifen. Härter. Strenger. Repressiver. Als hätte man nicht seit zwanzig Jahren genau das ausprobiert. Als wäre der „Krieg gegen die Drogen“ nicht längst eine endlose Wiederholung derselben Szene, immer mit denselben Verlierern. Spoiler: Es sind nicht die Drogenbosse.

    Die Repression marschiert ein, geschniegelt, bewaffnet, kurz präsent – und zieht wieder ab. Die Netzwerke bleiben. Das Geld bleibt. Die Waffen sowieso. Wer glaubt, man könne organisierte Kriminalität mit gelegentlichen Razzien und martialischen Pressefotos beeindrucken, glaubt vermutlich auch noch an den Weihnachtsmann. Nur dass der wenigstens Geschenke dalässt.

    Marseille ist längst kein Einzelfall mehr, sondern ein Symbol. Für eine Politik, die laut sein kann, aber nicht wirksam. Für einen Staat, der Stärke demonstriert, wo er keine Kontrolle mehr hat. Für eine Öffentlichkeit, die sich an Schussgeräusche gewöhnt wie an Baustellenlärm. Ach ja, ist halt wieder was passiert. Weitergehen, bitte.

    Besonders bitter wirkt dabei diese scheinheilige Trennung zwischen „Problemviertel“ und „normaler Stadt“. Als ließe sich Gewalt geografisch einsperren. Als würde sie höflich an der Stadtteilgrenze Halt machen. Das Orange-Gebäude steht da wie ein Mahnmal aus Beton und Glas: Die Realität klopft nicht mehr an, sie schießt sich den Weg frei.

    Und während man oben diskutiert, ob die Polizeipräsenz „ausreichend“ sei, organisieren unten andere längst ihre Geschäfte. Hochprofessionell. International. Mit besserer Logistik als so mancher Mittelständler. Der Drogenmarkt funktioniert, weil Nachfrage da ist, Geld fließt und Alternativen fehlen. Das weiß jeder. Wirklich jeder. Man müsste es nur aussprechen – und danach handeln. Genau das scheint das eigentliche Tabu zu sein.

    Repression allein ist wie Aspirin gegen einen offenen Bruch. Es beruhigt das Gewissen, nicht das Problem. Wer glaubt, man könne soziale Verwahrlosung, Perspektivlosigkeit und Milliardenmärkte mit Schlagstöcken auflösen, verwechselt Ursache und Symptom. Oder will sie verwechseln. Das ist bequemer.

    Natürlich ist es einfacher, Polizeistreifen zu verdoppeln, als Schulen, Sozialarbeit, Prävention und Ausstiegshilfen konsequent auszubauen. Natürlich bringt ein harter Einsatz schneller Applaus als eine langfristige Strategie. Aber der Applaus verhallt, die Schüsse nicht.

    Vielleicht kommt irgendwann der Tag, an dem man den Mut aufbringt, das Offensichtliche auszusprechen: Dieser Kampf wird so nicht gewonnen. Nicht mit Symbolpolitik. Nicht mit immer gleichen Phrasen. Nicht mit dem Glauben, man müsse nur noch ein bisschen härter sein. Die Realität lacht darüber. Sarkastisch. Laut. Bewaffnet.

    Bis dahin zählen wir weiter die Einschusslöcher. Und nennen es Sicherheitspolitik.

    Ein Kommentar von Andreas M. Brucker

  • Kommentar: Angst vor Uncle Sam, die Herren Macron und Merz?

    Kommentar: Angst vor Uncle Sam, die Herren Macron und Merz?

    Ach, wie mutig sie doch sind, unsere westlichen Staatsmänner. Da wird ein Präsident eines souveränen Landes von US-Soldaten aus dem Bett gezerrt, wie in einem drittklassigen Hollywood-Remake von „Apocalypse Now“, und was hört man aus Paris und Berlin? Murmeln. Räuspern. Und dann das berüchtigte „Wir nehmen zur Kenntnis…“.

    Emmanuel Macron, der sich einst als neuer De Gaulle inszenierte, spricht vom „Ende der Diktatur“ in Venezuela, als hätte ihn das Weiße Haus vorher zu einem Briefing eingeladen. Keine klare Verurteilung des Völkerrechtsbruchs, keine Kritik an der unilateralen Aktion. Nur ein leichtes Stirnrunzeln, bevor man zur Ukraine überleitet – dort, wo man sich mit Brüssel und Washington wieder sicher im moralischen Konsens wiegen kann.

    Und in Deutschland? Friedrich Merz, stets auf der Suche nach dem transatlantischen Gleichklangston, spricht vermutlich gerade mit glänzenden Augen über „amerikanische Führung in schwierigen Zeiten“. Kritik? Fehlanzeige. Lieber gleich die Füße unter den Tisch im West Wing stellen, bevor man am europäischen Frühstückstisch überhaupt Platz nimmt.

    Ja, wo ist sie denn, die vielbeschworene „strategische Autonomie Europas“? Versteckt sich offenbar im Weinkeller des Élysée oder im sicherheitspolitischen Sandkasten der CDU-Fraktion. Wenn die USA morgen in Libyen, Iran oder Weißrussland intervenieren – wird man dann auch nur „zur Kenntnis nehmen“, um sich nicht den Zeigefinger Uncle Sams einzufangen?

    Die Wahrheit ist: Solange Paris und Berlin nicht den Mut aufbringen, amerikanische Machtpolitik auch dann zu kritisieren, wenn sie unter dem Banner der Demokratie daherkommt, wird Europa kein ernstzunehmender Akteur auf der Weltbühne sein – sondern bleibt das, was es derzeit ist: ein geopolitisches Feigenblatt, das beim ersten Druck verwelkt.

    Vielleicht sollte man Macron und Merz mal einen Spiegel schenken – oder besser noch: einen Globus. Damit sie sehen, dass die Welt nicht nur aus Washington und Wunschdenken besteht.

    Ein Kommentar von Daniel Ivers

  • Kommentar: Wenn Paris so ackern würde wie seine Landwirte…

    Kommentar: Wenn Paris so ackern würde wie seine Landwirte…

    Wären Frankreichs Politiker nur halb so fleißig wie die französischen Landwirte, dann wäre das Land längst gerettet – und wir müssten uns keine druckfrischen Briefe aus Matignon anhören, in denen „Bon sens“ plötzlich als Entdeckung gefeiert wird. Ja, genau dieser gesunde Menschenverstand, den dieselben Politiker jahrzehntelang unter Verwaltungsvorschriften, EU-Verordnungen und Parlamentsrhetorik begraben haben.

    Während auf dem Acker bei Regen, Frost und Inflation gearbeitet wird, ringen im warmen Palais Bourbon Kommissionen um das korrekte Gendern von Agrargesetzen. Die einen produzieren Milch, Fleisch und Brot. Die anderen produzieren PDFs, Pressemitteilungen und Versprechen.

    jetzt kommt Sébastien Lecornu mit einem offenen Brief – einer jener literarischen Gattungen, die immer dann hervorgekramt wird, wenn der politische Motor stottert. Er wolle die Dinge „klar sagen“, schreibt er. Welch noble Geste! Es wäre nur schön, wenn dem auch klare Taten folgten. Oder überhaupt irgendeine Form von Entschlusskraft, die über das „Ankündigen von Ankündigungen“ hinausgeht.

    Da wird also angekündigt, Importstopps für Avocados und Äpfel aus Südamerika zu verhängen – weil Pestizide drin sind, die hier längst verboten wurden. Bravo! Das hätte man auch vor fünf Jahren schon wissen können, als dieselben Früchte in französischen Supermärkten lagen.

    Und natürlich: Bürokratieabbau! Ein uraltes französisches Ritual. Alle Regierungen fordern ihn, keine erreicht ihn. Wenn die Verwaltung ein Misthaufen wäre, dann wären die Bauern längst damit durch – aber in Paris schaufelt man lieber formvollendet im Kreis.

    Es ist ja nicht so, dass Frankreichs Landwirte nach Samt und Seide verlangen. Sie wollen bloß gleiche Regeln für alle, planbare Zukunft, faire Preise – und einen Staat, der nicht jedes Mal überrascht tut, wenn er von einer Krise erfährt, die auf dem Land schon seit Jahren gärt.

    Vielleicht sollte man Lecornu & Co. mal eine Woche lang auf einem Hof arbeiten lassen. Nicht für die Kameras, sondern morgens um 5, wenn der Traktor nicht anspringt, der Tierarzt zu spät kommt und die Bürokratie wartet. Vielleicht würde dann das Wort Verantwortung nicht mehr nur im Briefkopf stehen.

    Bis dahin bleibt nur der sarkastische Trost: Gott sei Dank ernähren uns Bauern – und nicht Politiker.

    Autor: P. Tiko

  • Frankreich 2025: Ein Staat spielt Regierung – Chaos als Prinzip

    Frankreich 2025: Ein Staat spielt Regierung – Chaos als Prinzip

    Was haben 62 Minister, ein Präsident ohne Staatshaushalt, ein Premierminister mit 14-Stunden-Haltbarkeitsdatum und ein Ex-Staatschef im Knast gemeinsam? Richtig: Sie alle sind Teil des französischen Politikbetriebs 2025 – einer Tragikomödie, die selbst Kafka zu absurd gewesen wäre. Während Emmanuel Macron zu Jahresbeginn 2025 noch auf „kollektive Vernunft“ hoffte, stolperte Frankreich in zwölf Monaten durch mehr Regierungswechsel als ein Fußballverein in der Regionalliga Trainer verschleisst.

    Macron wünscht sich Stabilität – geliefert wird das Gegenteil

    „Ich wünsche mir ein Jahr der Stabilität“, flötete Emmanuel Macron zum Jahreswechsel, ganz der staatsmännische Optimist. Hätte er vielleicht besser ins Horoskop geschaut: Saturn im Haus der chaotischen Institutionen, Mars im Quadrat zu rationalem Haushaltsvollzug. Was folgte, war ein Amtsjahr wie eine Doku über dysfunktionale politische Systeme – nur mit schlechterem Drehbuch.

    François Bayrou, politisches Fossil mit Hang zur Selbstüberschätzung, wurde als Premier eingesetzt, weil man dachte, ein alter Zausel mit Verhandlungsgeschick könne das sinkende Schiff schon irgendwie lenken. Doch nach dem üblichen Ritual aus Haushaltsblockade, Rentenfiasko und Provinzskandal war auch er reif fürs präsidiale Recycling. Die Nationalversammlung zog ihm den Stecker – und damit gleich dem ganzen Regierungsapparat.

    Lecornu und das Kabinett für 14 Stunden

    Sébastien Lecornu sollte es richten. Er tat das, indem er ein Kabinett aufstellte, das kürzer hielt als die Mittagspause eines Beamten. Ganze 14 Stunden – dann krachte es zwischen ihm und Bruno Retailleau. Ob Streit um Inhalte oder nur der bessere Sessel im Kabinettssaal – unklar. Lecornu wurde zwar später im Amt belassen, allerdings mit amputiertem Werkzeugkasten: Kein Artikel 49.3 mehr, keine Rentenreform, kein Spaß.

    Das Ergebnis: Politik als Pantomime. Man tut so, als regiere man, während die eigentlichen Entscheidungen von Misstrauensvoten, internen Intrigen und juristischen Pressetexten dominiert werden. Frankreich, die so stolze Republik, wirkt 2025 wie ein Internat ohne Aufsicht – laut, verwahrlost und voller egomaner Nachwuchspolitiker.

    Sarkozy im Knast, Le Pen vor Gericht: Bei den Rechten wird aufgeräumt

    Wer glaubt, der französische Rechtsstaat funktioniere nicht, wird 2025 eines Besseren belehrt – zumindest, wenn es gegen rechte Prominenz geht. Nicolas Sarkozy, einst Grand Monsieur mit Napoleongesicht, wird wegen mafiöser Machenschaften im Zusammenhang mit libyschem Geld zu echter Haft verurteilt. Zwanzig Tage in La Santé – für einen Mann mit seiner Eitelkeit eine Ewigkeit.

    Marine Le Pen wiederum stolpert über ein altbekanntes Hobby des Front National: Phantomjobs im EU-Parlament. Die Strafe: politische Unwählbarkeit – sofort. Sie selbst sieht darin – wie immer – keinen Justiz-, sondern einen Komplottfall. Natürlich. Wahrscheinlich auch orchestriert von der Rothschild-Bank und dem Soros-Netzwerk.

    Und während die matriarchale Lichtgestalt des RN juristisch wankt, reibt sich ihr Ziehsohn Jordan Bardella die Hände: Die Macht ist nah, die Konkurrenz schwach, das Programm vage genug, um für alle Frustrierten attraktiv zu bleiben.

    Linke Selbstzerstörung als Kunstform

    Die Linke, lange totgesagt, lebt – allerdings vor allem in internen Schlammschlachten. Zwischen LFI und Sozialisten herrscht Frostklimastufe V. Die einen werfen den anderen vor, Macrons Fußschemel zu sein, die anderen kontern mit Antisemitismusvorwürfen. Wenn das französische Linkssein 2025 etwas verkörpert, dann Selbstverachtung mit ideologischem Feinschliff.

    Olivier Faure wirkt wie der letzte Sozialist, der noch glaubt, Politik könne Menschen helfen. Jean-Luc Mélenchon dagegen zelebriert den intellektuellen Maximalismus, indem er alles kritisiert, was nicht revolutionär genug ist – inklusive sich selbst, wenn’s sein muss. In einer Mischung aus moralischem Überlegenheitsgefühl und politischer Rechthaberei degradiert sich die Linke zuverlässig zur Wahlverliererin mit Prinzipien.

    Und plötzlich: Ein Moment der Würde

    In all dem Chaos gab es dann doch noch einen Tag, der nicht wie eine Szene aus einer Polit-Soap wirkte: Die Panthéonisierung von Robert Badinter. Alle waren da – Macron, Lecornu, Bardella, vielleicht auch ein Hologramm von Mélenchon. Es war der Moment, in dem sich die französische Politik einig war: Die Vergangenheit ist toll, die Gegenwart ein Desaster, und für die Zukunft hat man immerhin gute Erinnerungen.

    Von Andreas Brucker