Kategorie: Frankreich

  • Marseille rückt näher an New York

    Marseille rückt näher an New York

    Ab Juni 2027 schrumpft der Atlantik für Marseille ein gutes Stück. United Airlines verbindet die südfranzösische Metropole täglich direkt mit New York Newark. Für die Provence bedeutet die neue Strecke weit mehr als einen zusätzlichen Eintrag auf dem Abflugplan – sie öffnet eine direkte Tür zu einem der wichtigsten und ausgabefreudigsten Reisemärkte der Welt.

    Am 5. Juni 2027 startet der erste Flug von Marseille Richtung New York. Bereits einen Tag zuvor hebt die erste Maschine in Newark nach Südfrankreich ab. United setzt einen Airbus A321XLR mit 150 Plätzen ein, darunter 20 Polaris Suiten mit vollständig flachstellbaren Sitzen. Für die Strecke nach New York sind rund neun Stunden und 15 Minuten vorgesehen.

    Vorbei also mit dem Umsteigen in Paris, Frankfurt, London oder Amsterdam.

    Was auf der Landkarte zunächst nach einer simplen neuen Fluglinie aussieht, besitzt für Marseille durchaus historischen Charakter. Noch nie zuvor nahm eine amerikanische Fluggesellschaft die Stadt mit einer Nonstopverbindung in ihr Netz auf. Newark spielt dabei eine besondere Rolle: United bietet von seinem dortigen Drehkreuz Anschlüsse zu mehr als 120 Zielen in den USA und auf dem amerikanischen Kontinent.

    Für Reisende aus Südfrankreich rücken damit nicht nur Manhattan und Brooklyn näher. Auch Städte wie Chicago, Los Angeles, Miami oder Denver lassen sich künftig mit nur einem Umstieg erreichen.

    Doch wirtschaftlich könnte die Gegenrichtung noch spannender ausfallen.

    Amerikaner lieben die Provence

    Rund 250.000 Menschen reisen bereits jedes Jahr zwischen Marseille und den Vereinigten Staaten. Fast die Hälfte davon stammt aus den USA. Gleichzeitig steigt das Interesse amerikanischer Gäste an Marseille deutlich.

    Zwischen Januar und Juli 2026 legten ihre Übernachtungen gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 18 Prozent zu. Besonders auffällig verlief der Frühsommer: Im Juni lag das Plus bei 45 Prozent, im Juli noch bei 31 Prozent.

    Warum sollte jemand aus New York ausgerechnet nach Marseille fliegen?

    Die Antwort liegt praktisch vor der Haustür des Flughafens: Marseille selbst mit seinem Alten Hafen, den Calanques und seiner lebhaften Gastronomie. Dazu kommen Aix en Provence, Arles, Avignon, die Camargue, der Luberon und weiter östlich die Côte d’Azur. Für viele amerikanische Urlauber klingt das ziemlich genau nach jenem Frankreich, das sie aus Filmen, Büchern und Reiseträumen kennen.

    Und diese Gäste lassen Geld in der Region.

    Amerikaner bilden inzwischen die größte ausländische Hotelkundengruppe in Provence Alpes Côte d’Azur. Rund 6,4 Millionen Übernachtungen pro Jahr gehen auf ihr Konto. Noch interessanter für Hoteliers, Gastronomen und Händler sind ihre Ausgaben: Im Durchschnitt geben US Gäste etwa 134 Euro pro Tag aus. Internationale Besucher insgesamt liegen bei rund 87 Euro, französische Urlauber bei 61 Euro.

    Da klingelt nicht nur an der Hotelrezeption die Kasse.

    Restaurants, Museen, Geschäfte, Autovermieter, Weingüter und Anbieter hochwertiger Freizeitangebote dürften ebenfalls profitieren. Gerade kleinere Orte im Hinterland könnten neue Gäste erreichen, sofern es gelingt, sie geschickt mit Marseille zu verknüpfen.

    Ein neues Tor zum Süden

    Die Verbindung trifft auf eine Region, deren internationaler Tourismus weiter wächst. Ausländische Gäste stellen mittlerweile rund 37 Prozent der Besucher in Provence Alpes Côte d’Azur. Besonders dynamisch entwickeln sich die amerikanischen und asiatischen Märkte.

    Marseille wiederum arbeitet seit Jahren daran, sein altes Image als reine Hafenstadt abzustreifen. Neue Kulturangebote, internationale Veranstaltungen, moderne Stadtviertel und eine immer sichtbarere Gastronomieszene verändern den Blick auf die Metropole.

    Eine tägliche Verbindung mit New York passt perfekt in dieses Bild.

    Bleibt nur die Frage: Wird aus der neuen Flugroute tatsächlich ein dauerhafter wirtschaftlicher Höhenflug?

    Die Voraussetzungen sehen gut aus. Die Nachfrage existiert bereits, amerikanische Besucher kommen zahlreicher denn je und der lästige Zwischenstopp entfällt. Ab Sommer 2027 trennt Manhattan von Marseille im besten Fall nur noch ein Nachtflug – und für die Provence könnte genau diese Verbindung erstaunlich weit reichen.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Gift im Garten, Gewinn in der Bilanz – und zahlen sollen wieder die kleinen Leute

    Gift im Garten, Gewinn in der Bilanz – und zahlen sollen wieder die kleinen Leute

    Kommentar

    Es gibt Geschichten, bei denen der Zynismus so vollkommen ist, dass man ihn kaum noch erfinden müsste. Die Geschichte der „Cité des jardins“ im westfranzösischen Tonnay-Charente gehört dazu. Ein Viertel, dessen Name nach Tomatenstauden, spielenden Kindern und Sonntagnachmittagen unter dem Apfelbaum klingt, steht plötzlich für Blei, Cadmium und Arsen.

    Willkommen im Gartenparadies des Industriezeitalters.

    92 Grundstücke wurden untersucht, bei annähernd der Hälfte gilt die Belastung als derart problematisch, dass normale Wohnnutzung und insbesondere der Anbau eigener Lebensmittel nicht miteinander vereinbar erscheinen. Rund 40 Häuser betrifft das.

    Häuser.

    Dieses Wort sollte man einen Moment wirken lassen. Denn Häuser sind für normale Menschen keine Position in einer Excel-Tabelle. Sie sind das Schlafzimmer der Kinder, die Terrasse mit dem alten Tisch, die Küche, die man vor zwölf Jahren renoviert hat. Sie sind Schulden, Ersparnisse, Erinnerungen und Altersvorsorge in einem. Ein Haus ist für viele Familien das Ergebnis eines ganzen Arbeitslebens.

    Und dann kommt irgendwann die Nachricht: Übrigens, essen Sie besser nicht mehr, was in Ihrem Garten wächst.

    Na dann. Schönen Feierabend.

    In unmittelbarer Nähe des Viertels liegt eine Düngemittelfabrik von Timac Agro, einer Tochter der Groupe Roullier. Das Unternehmen erklärt, bei den Umweltuntersuchungen vollständig mit den Behörden kooperiert zu haben. Die rechtliche Verantwortung für die Belastungen ist damit keineswegs abschließend geklärt. Gerade deshalb sollte man sauber unterscheiden zwischen dem, was nachgewiesen wurde, und dem, was noch geklärt werden muss.

    Doch gesellschaftlich stellt sich längst eine größere Frage.

    Wer trägt eigentlich das Risiko industrieller Wertschöpfung?

    Die Antwort fällt in Europa erstaunlich oft ähnlich aus: Solange Maschinen laufen, Arbeitsplätze entstehen, Produkte verkauft und Gewinne erwirtschaftet werden, gehört der Erfolg selbstverständlich denen, die ihn erwirtschaftet und finanziert haben. Tauchen Jahrzehnte später Altlasten auf, beginnt dagegen eine bemerkenswerte philosophische Phase.

    Plötzlich wird Verantwortung zu einem ausgesprochen komplizierten Begriff.

    Dann kommen Gutachten. Zuständigkeiten werden geprüft. Kausalitäten müssen bewiesen, Grenzwerte interpretiert, historische Abläufe rekonstruiert werden. Akten wandern über Schreibtische. Juristen formulieren Sätze, die normale Menschen dreimal lesen müssen, bevor sie verstehen, dass eigentlich niemand gerade versprechen möchte, ihre verseuchte Erde wegzuräumen.

    Das Kapital liebt klare Eigentumsverhältnisse beim Gewinn und komplizierte Zusammenhänge beim Schaden.

    Natürlich ist das polemisch.

    Leider macht es die Sache nicht weniger bitter.

    Denn der Verdacht in Tonnay-Charente existiert offenbar nicht erst seit gestern. Bewohner äußerten bereits seit fast zwei Jahrzehnten Sorgen. Frühere Untersuchungen zeigten erhöhte Metallkonzentrationen. Bei einzelnen Messungen erreichte die Bleibelastung sogar Werte bis zum Zehnfachen der herangezogenen Grenzwerte.

    Seit 2019 forderten staatliche Behörden Timac Agro dazu auf, mögliche gesundheitliche Auswirkungen der industriellen Tätigkeit auf die Umgebung untersuchen zu lassen.

    2019.

    Wer sechs oder sieben Jahre alt war, als diese Untersuchungen eingefordert wurden, nähert sich inzwischen dem Erwachsenenalter.

    Genau hier endet jeder billige Sarkasmus. Denn Blei ist kein abstrakter Posten eines Umweltberichts. Besonders Kinder reagieren empfindlich auf Belastungen. Und hinter jeder nüchternen Formulierung über Expositionswege steht eine Mutter oder ein Vater mit einer Frage, die niemand stellen möchte: Hat mein Kind möglicherweise jahrelang in Erde gespielt, vor der heute gewarnt wird?

    Was antwortet man darauf?

    „Die Zuständigkeiten werden derzeit geprüft“?

    Das dürfte kaum reichen.

    Und als wäre die Sorge um die Gesundheit nicht genug, folgt die zweite Rechnung. Denn plötzlich steht auch der Wert des Hauses infrage. Wer kauft ein Grundstück, auf dem Gemüseanbau zum Risiko geworden ist? Welchen Preis erzielt ein Haus, dessen Garten womöglich saniert werden muss? Wer trägt die Kosten für Bodenaustausch, Untersuchungen und mögliche Wertverluste?

    Für vermögende Investoren mag eine Immobilie eine Anlageklasse sein. Für die kleine Familie ist sie oft das Lebenswerk.

    Mehr gibt es nicht.

    Kein diversifiziertes Portfolio, keine Beteiligungsgesellschaft, kein hübscher Notgroschen irgendwo auf den Cayman Islands. Da stehen ein Haus, ein Garten und vielleicht noch 17 Jahre Kreditvertrag. Fertig.

    Deshalb trifft Umweltverschmutzung kleine Eigentümer mit einer Brutalität, die in ökonomischen Debatten gern hinter Fachbegriffen verschwindet. Wird ihr Grundstück entwertet, schrumpft nicht irgendein Investment. Ein Stück ihrer Lebensleistung löst sich auf.

    Besonders grotesk wirkt dabei die Symbolik dieses Ortes. „Cité des jardins“ – Gartenstadt.

    Ausgerechnet.

    Der Garten war einmal das Versprechen von Selbstversorgung, Gesundheit und Bodenständigkeit. Ein paar Kartoffeln, Bohnen, Erdbeeren für die Enkel. Man wusste, wo das Essen herkam: nämlich drei Meter hinter der Küchentür.

    Nun lautet die Botschaft sinngemäß: Lieber Finger weg.

    Das besitzt eine fast schon boshafte Ironie. Jahrzehntelang galt der eigene Garten als Gegenentwurf zur anonymen industriellen Lebensmittelproduktion – und nun steht ausgerechnet die industrielle Vergangenheit möglicherweise mit im Beet.

    Tonnay-Charente erzählt deshalb mehr als eine lokale Umweltgeschichte. Der Fall zeigt das Grundproblem eines Wirtschaftsmodells, das Folgekosten gern erst dann entdeckt, wenn sie bei jemand anderem vor der Haustür liegen.

    Gewinne gehen an Eigentümer.

    Schäden verbleiben bei der Gesellschaft.

    Genau gegen dieses Prinzip richtet sich die Wut.

    Nicht gegen Industrie an sich, nicht gegen Arbeitsplätze und auch nicht gegen Unternehmen, die produzieren und Geld verdienen. Eine moderne Gesellschaft braucht all das. Aber wer wirtschaftliche Freiheit beansprucht, darf Verantwortung nicht wie Sondermüll behandeln: möglichst weit weg und bitte auf Kosten anderer.

    Wo konkrete Verursachung nachgewiesen wird, muss deshalb auch konkrete Haftung folgen. Nicht symbolisch. Nicht irgendwann. Sondern so, dass Familien weder ihre Gesundheit noch ihre Altersvorsorge dafür opfern, dass industrielle Hinterlassenschaften jahrzehntelang im Boden schlummerten.

    Die Bewohner der Cité des jardins brauchen keine wohltemperierten Worte über „komplexe Sachverhalte“. Sie brauchen Klarheit darüber, was mit ihrer Gesundheit, ihren Grundstücken und ihren Häusern geschieht. Sie brauchen sichere Böden. Und sollte eine Sanierung notwendig sein, brauchen sie eine Finanzierung, die nicht ausgerechnet diejenigen belastet, die das Gift garantiert nicht bestellt haben.

    Denn eines wäre an Zynismus kaum zu überbieten: Wenn am Ende Menschen ihre Tomaten wegwerfen, um ihre Gesundheit fürchten und den Wert ihres Hauses schwinden sehen – während die Rechnung für die Sanierung ebenfalls bei ihnen landet.

    Dann wäre aus dem Verursacherprinzip endgültig ein Verarschungsprinzip geworden.

    Und ja, das Wort ist derb.

    Die Situation ist es auch.

    Die entscheidende Frage von Tonnay-Charente lautet deshalb nicht nur, wie viel Blei, Cadmium oder Arsen in welchem Garten steckt. Sie lautet, welchen Wert Verantwortung in einer Gesellschaft besitzt, sobald sie Geld kostet.

    Erst die Antwort darauf entscheidet, ob aus den giftigen Gärten irgendwann wieder Gärten werden – oder ob sie ein Denkmal dafür bleiben, wie bequem sich Gewinne privatisieren und Schäden sozialisieren lassen.

    Daniel Ivers

  • Frankreich bricht mit Infantino – der Machtkampf um die FIFA tritt in eine neue Phase

    Frankreich bricht mit Infantino – der Machtkampf um die FIFA tritt in eine neue Phase

    Es ist ein bemerkenswerter Bruch im internationalen Fußball: Die Fédération Française de Football (FFF) entzieht FIFA-Präsident Gianni Infantino ihre Unterstützung für dessen Wiederwahl im März 2027. Noch Ende Juni hatte Frankreich seine Kandidatur mitgetragen. Nun spricht FFF-Präsident Philippe Diallo von einem Vertrauensverlust, mangelnder Transparenz und einer Führung, die den Fußball zunehmend spalte. Der Vorgang reicht weit über die französische Verbandspolitik hinaus. Er zeigt, wie tief der Konflikt über Macht, Geld und Kontrolle innerhalb der FIFA inzwischen geworden ist – und zugleich, warum Infantino trotz des Aufstands wichtiger Verbände weiterhin als Favorit in die Wahl gehen könnte.

    Ein einstimmiger Bruch mit dem FIFA-Präsidenten

    Am 10. September beschloss das Exekutivkomitee des französischen Fußballverbandes einstimmig, Gianni Infantino nicht länger bei seiner Kandidatur für eine weitere Amtszeit zu unterstützen. Für einen der politisch und sportlich bedeutendsten Verbände Europas ist dies ein außergewöhnlicher Schritt.

    Besonders bemerkenswert ist der Zeitpunkt. Noch am 29. Juni hatte Diallo Infantino seine Unterstützung zugesagt. Damals hatten nach seinen Angaben bereits mehr als 200 nationale Verbände die Kandidatur des FIFA-Präsidenten unterstützt. Infantino schien praktisch ohne ernsthaften Gegenkandidaten in die Wahl 2027 zu gehen.

    Innerhalb weniger Wochen änderte sich die Lage grundlegend.

    Im Zentrum steht das inzwischen aufgegebene Projekt «FIFA Forward Enterprise». Infantino wollte einen Teil der kommerziellen Rechte der FIFA-Wettbewerbe in eine neue Gesellschaft einbringen und einen Anteil von rund 20 Prozent privaten Investoren öffnen. Betroffen gewesen wären damit letztlich einige der wertvollsten Vermögenswerte des Weltfußballs, darunter kommerzielle Rechte rund um die Weltmeisterschaft.

    Für die FFF war weniger die grundsätzliche Zusammenarbeit mit privatem Kapital entscheidend als das Verfahren. Nach Darstellung Diallos erfuhren die Franzosen von dem Vorhaben aus den Medien. Ein Projekt dieser Größenordnung sei vorbereitet worden, ohne die Mitgliedsverbände angemessen einzubeziehen.

    Damit berührt der Konflikt eine alte Schwachstelle der FIFA: die Frage, wie weit die Macht des Präsidenten reicht und welche Entscheidungen einer breiteren institutionellen Kontrolle bedürfen.

    Milliardenvermögen und die Frage nach dem Zweck

    Diallo stellt zudem eine einfache wirtschaftliche Frage: Weshalb benötigt eine finanziell ausgesprochen starke FIFA überhaupt privates Kapital?

    Nach seinen Angaben brachte die Weltmeisterschaft 2026 Einnahmen von annähernd 16 Milliarden Dollar ein. Zugleich verfüge der Weltverband über Reserven in einer Größenordnung von fünf bis sechs Milliarden Dollar.

    Vor diesem Hintergrund erscheint die geplante Beteiligung privater Investoren erklärungsbedürftig. Sie hätte nicht lediglich zusätzliches Kapital beschafft, sondern möglicherweise langfristige Ansprüche auf Einnahmen aus einigen der wichtigsten Wettbewerbe des Weltfußballs geschaffen.

    Für Frankreich wurde der Fall damit zu einer grundsätzlichen Governance-Frage. Diallo spricht von den Auswüchsen einer «finanziellen Drift». Die Kritik richtet sich nicht allein gegen eine einzelne Transaktion, sondern gegen eine Entscheidungsstruktur, in der wirtschaftlich weitreichende Projekte nach Auffassung der Kritiker zu stark im Umfeld des FIFA-Präsidenten konzentriert werden.

    Das Vorhaben wurde Anfang August aufgegeben. Der politische Schaden blieb.

    Aus dem Streit über Geld wird eine Führungskrise

    Frankreichs Kritik beschränkt sich inzwischen nicht mehr auf das gescheiterte Investorenprojekt. Diallo wirft Infantino vor, zu einem Faktor der Spaltung geworden zu sein und dem Ansehen sowie der Einheit des Fußballs geschadet zu haben.

    Damit verschiebt sich die Auseinandersetzung.

    Es geht nicht länger nur um die Frage, ob ein bestimmtes Geschäftsmodell sinnvoll war. Zur Debatte steht Infantinos Führungsstil insgesamt. Seine Gegner verlangen stärkere institutionelle Kontrollen, mehr Transparenz und eine stärkere Beteiligung der Verbände an strategischen Entscheidungen.

    Der Konflikt erinnert damit in Teilen an jene Governance-Debatten, welche die FIFA seit der großen Korruptionskrise von 2015 begleiten. Infantino wurde 2016 gerade mit dem Versprechen gewählt, den Weltverband nach der Ära Joseph Blatter institutionell zu erneuern.

    Zehn Jahre später lautet der Vorwurf seiner Gegner ausgerechnet, dass sich erneut zu viel Macht an der Spitze konzentriere.

    Für die FFF besitzt diese Frage besondere Bedeutung. Frankreich gehörte 1904 zu den Gründungsmitgliedern der FIFA und versteht sich nicht nur als sportliche Großmacht, sondern auch als institutioneller Akteur des internationalen Fußballs.

    Europas Widerstand wächst – doch Europa reicht nicht

    Frankreich steht mit seiner Kritik keineswegs allein. Mehrere europäische Verbände haben ihre Unterstützung für Infantino zurückgezogen. Auch innerhalb der UEFA ist die Opposition erheblich.

    Der Widerstand reicht inzwischen sogar über Europa hinaus. Auch aus dem asiatischen Fußballverband AFC und aus der nord- und mittelamerikanischen CONCACAF kam scharfe Kritik an dem gescheiterten Investorenprojekt.

    Damit entsteht auf den ersten Blick eine ungewöhnlich breite Koalition gegen den FIFA-Präsidenten.

    Doch die institutionelle Struktur der FIFA macht aus politischem Widerstand noch keine parlamentarische Mehrheit.

    Bei der Präsidentenwahl besitzt grundsätzlich jeder der 211 Mitgliedsverbände eine Stimme. Deutschland oder Frankreich verfügen damit formal über dasselbe Stimmgewicht wie ein kleiner Inselverband. Europas wirtschaftliche Stärke und die Bedeutung seiner Ligen lassen sich deshalb nicht unmittelbar in Stimmen bei einer FIFA-Wahl übersetzen.

    Genau darin liegt seit Jahrzehnten ein Kern der FIFA-Machtpolitik.

    Infantino hat seine Beziehungen zu den Verbänden Afrikas, Südamerikas, Ozeaniens und zahlreichen kleineren Fußballnationen während seiner Amtszeit systematisch gepflegt. Die Confederation of African Football (CAF) hält bislang ausdrücklich an ihm fest. Auch aus Südamerika verfügt er weiterhin über starken Rückhalt.

    Diese Bündnisse könnten entscheidender sein als der Widerstand der großen europäischen Fußballnationen.

    Die Suche nach einem Gegenkandidaten stockt

    Die Wahl findet am 18. März 2027 beim FIFA-Kongress in Rabat statt. Die Frist für Kandidaturen endet bereits am 18. November 2026. Damit bleibt Infantinos Gegnern nur wenig Zeit.

    Frankreich will zunächst ein alternatives Governance-Modell entwickeln. Die FFF plant dazu Konsultationen mit Fachleuten für internationale Sportverbände. Erst anschließend soll geklärt werden, welche Person ein solches Reformprogramm vertreten könnte.

    Das klingt institutionell sorgfältig, offenbart aber zugleich das zentrale Problem der Opposition: Bislang fehlt ein Kandidat, der gleichzeitig über internationales Gewicht und eine realistische globale Stimmenbasis verfügt.

    Mehrere zeitweise gehandelte Namen scheinen aus dem Rennen zu sein. Damit wächst die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Machtkampf weniger um die Person des Präsidenten als um die institutionelle Begrenzung seiner Kompetenzen drehen könnte.

    Sollte Infantino über eine ausreichend stabile Stimmenmehrheit verfügen, könnten seine Gegner versuchen, Reformen der FIFA-Strukturen durchzusetzen: mehr Kontrolle bei großen kommerziellen Entscheidungen, stärkere Einbindung des FIFA-Councils und der Konföderationen sowie verbindlichere Transparenzregeln.

    Der Konflikt würde sich dann von der Präsidentenwahl auf die Verfassung der FIFA verlagern.

    Frankreich erhöht den politischen Preis

    Für Infantino ist der französische Seitenwechsel dennoch unangenehm. Frankreich hatte ihn noch wenige Monate zuvor unterstützt und gehört zu den Verbänden, deren öffentliches Urteil international wahrgenommen wird.

    Hinzu kommt die Geschwindigkeit des Bruchs. Zwischen Diallos Unterstützung Ende Juni und dem formellen Rückzug im September liegen kaum zweieinhalb Monate. Eine derart schnelle Kehrtwende zeigt, wie stark das Investorenprojekt das Vertrauen innerhalb der Fußballpolitik erschüttert hat.

    Zugleich sollte die Bedeutung des französischen Schrittes nicht überschätzt werden. Symbolische Autorität und Stimmenarithmetik sind bei der FIFA zwei unterschiedliche Dinge.

    Infantino hat bestätigt, erneut anzutreten. Sollte er 2027 gewinnen, könnte er bis 2031 im Amt bleiben. Für seine Gegner wird deshalb entscheidend sein, ob sie aus der gegenwärtigen Empörung eine organisatorische Alternative entwickeln können.

    Frankreichs Kurswechsel macht aus der Unzufriedenheit mit dem FIFA-Präsidenten erstmals einen sichtbaren institutionellen Bruch eines Schwergewichts. Er beweist jedoch noch nicht, dass eine Mehrheit gegen ihn existiert.

    Die kommenden Wochen bis zum 18. November werden deshalb wichtiger sein als die öffentlichen Rücktrittsforderungen. Findet sich ein Kandidat, der über Europa hinaus Verbände hinter sich versammeln kann, könnte aus der Governance-Krise tatsächlich ein offener Machtkampf werden. Bleibt ein solcher Kandidat aus, dürfte Infantino trotz der schwersten politischen Krise seiner bisherigen Amtszeit als Favorit nach Rabat reisen.

    Dann hätte die Revolte gegen ihn möglicherweise ein paradoxes Ergebnis: Der Präsident bliebe – aber die Diskussion darüber, wie viel Macht ein FIFA-Präsident besitzen darf, hätte gerade erst begonnen.

    Quellen: Reuters (6., 10. und 11. September 2026), Le Monde (10. und 11. September 2026), The Guardian (30. Juli, 6. und 10. September 2026), Fédération Internationale de Football Association (FIFA), Fédération Française de Football (FFF)

    Christine Macha

  • Saumur zahlt jungen Hauskäufern 10.000 Euro – eine französische Stadt setzt auf Eigentum gegen den Niedergang

    Saumur zahlt jungen Hauskäufern 10.000 Euro – eine französische Stadt setzt auf Eigentum gegen den Niedergang

    Während steigende Immobilienpreise und Finanzierungskosten vielen jungen Franzosen den Weg ins Wohneigentum erschweren, geht die westfranzösische Stadt Saumur einen ungewöhnlich direkten Weg: Wer dort erstmals eine Wohnung oder ein Haus kauft, kann seit September 2026 von der Kommune 10.000 Euro erhalten. Die Stadt verbindet damit Wohnungspolitik, Demografie und Stadtentwicklung. Hinter der Prämie steht eine grundsätzliche Überlegung, die viele französische Mittelstädte beschäftigt: Wie lassen sich junge Haushalte dauerhaft binden, bestehender Wohnraum wieder nutzen und die schleichende Verlagerung des Lebens an die Peripherie bremsen?

    10.000 Euro für den Schritt ins Eigentum

    Die Regelung ist bemerkenswert einfach. Seit dem 1. September 2026 gewährt Saumur Haushalten, die erstmals Wohneigentum erwerben, eine kommunale Unterstützung von 10.000 Euro. Gefördert werden sowohl Wohnungen als auch Häuser, Neubauten ebenso wie Bestandsimmobilien.

    Anders als gelegentlich dargestellt, beschränkt sich das neue Programm nicht auf die historische Innenstadt. Es gilt im gesamten Gebiet von Saumur sowie in den zur Stadt gehörenden communes déléguées. Damit handelt es sich weniger um eine reine Innenstadtprämie als um ein Instrument der kommunalen Wohnungs- und Bevölkerungspolitik.

    Die Bedingungen grenzen den Kreis der Begünstigten dennoch deutlich ein. Antragsteller dürfen bei Einreichung höchstens 40 Jahre alt sein und zuvor noch nie Eigentümer einer Wohnimmobilie gewesen sein. Das gekaufte Objekt muss mindestens 40.000 Euro kosten, wobei Makler- und Notargebühren nicht berücksichtigt werden. Vor allem aber muss die Immobilie mindestens fünf Jahre lang als Hauptwohnsitz genutzt werden.

    Damit versucht die Stadt, Mitnahmeeffekte zu begrenzen. Gefördert werden sollen weder Ferienwohnungen noch kurzfristige Immobilieninvestitionen, sondern Menschen, die tatsächlich in Saumur leben wollen.

    Die eigentliche Währung heißt Einwohner

    Die 10.000 Euro sind deshalb weniger als Sozialleistung denn als Standortinvestition zu verstehen. Eine Kommune gewinnt mit einem jungen Haushalt nicht lediglich einen neuen Immobilieneigentümer. Sie gewinnt Einwohner, Konsumenten und potenziell Familien, deren Kinder Schulen besuchen und deren tägliche Ausgaben lokale Geschäfte und Dienstleistungen stützen.

    Für eine französische Mittelstadt ist diese Rechnung von erheblicher Bedeutung. Gerade außerhalb der großen Wachstumsräume um Paris, Lyon, Bordeaux, Toulouse oder Nantes konkurrieren Städte zunehmend um mobile Erwerbstätige und junge Familien.

    Saumur mit seinem historischen Zentrum an der Loire besitzt zwar touristische Attraktivität und ein international bekanntes kulturelles Erbe. Doch touristische Frequenz allein garantiert keine lebendige Stadt. Restaurants, Einzelhandel, Schulen und Dienstleistungen benötigen dauerhaft ansässige Bevölkerung.

    Die Stadt setzt daher auf einen klassischen wirtschaftspolitischen Hebel: Sie senkt die Eintrittskosten. Bei einem Immobilienpreis von beispielsweise 150.000 Euro entsprechen 10.000 Euro immerhin rund 6,7 Prozent des Kaufpreises. Gerade für junge Haushalte, deren Problem häufig weniger die langfristige Kreditrate als das erforderliche Eigenkapital und die Nebenkosten des Erwerbs sind, kann dies entscheidend sein.

    Das größere Problem liegt im alten Wohnungsbestand

    Besonders interessant wird das Modell durch die Verbindung mit der bereits bestehenden Sanierungspolitik für die Innenstadt. Dort verfügt Saumur über ein spezifisches Förderinstrument für Erstkäufer von mehr als 15 Jahre alten Immobilien im Gebiet der Stadterneuerungsoperation OPAH-RU.

    Auch dort können insgesamt bis zu 10.000 Euro zusammenkommen. Die Förderung ist jedoch anders aufgebaut: Eine Grundprämie von 5.000 Euro wird an die Verpflichtung geknüpft, die Immobilie mindestens fünf Jahre als Hauptwohnsitz zu nutzen. Weitere 2.500 Euro können hinzukommen, wenn das Objekt seit mindestens zwei Jahren leer steht. Noch einmal 2.500 Euro sind bei bestimmten förderfähigen Renovierungsarbeiten möglich.

    Diese Konstruktion zeigt deutlicher als die allgemeine Eigentumsprämie, welches Problem französische Mittelstädte zu lösen versuchen. In historischen Zentren stehen teilweise Wohnungen leer, obwohl gleichzeitig außerhalb der Städte neue Wohngebiete entstehen.

    Für Kommunen ist diese Entwicklung doppelt problematisch. Einerseits müssen Straßen, Leitungen, Schulen und andere Infrastruktur an der Peripherie erweitert werden. Andererseits verliert die bereits vorhandene Infrastruktur im Zentrum an Auslastung.

    Leerstand erzeugt zudem einen sich selbst verstärkenden Prozess. Weniger Bewohner bedeuten weniger Kunden. Weniger Kunden erhöhen den Druck auf Geschäfte und Gastronomie. Geschlossene Geschäfte wiederum vermindern die Attraktivität eines Viertels für potenzielle Bewohner.

    Ein französisches Problem mit nationaler Dimension

    Saumur steht mit dieser Herausforderung keineswegs allein. Frankreich versucht seit 2018 mit dem nationalen Programm „Action cœur de ville“, seine Mittelstädte systematisch zu stärken. Das Programm umfasst unter anderem die Sanierung von Wohnraum, wirtschaftliche Entwicklung, Handel, Mobilität und die Aufwertung öffentlicher Räume.

    In der zweiten Phase von 2023 bis 2026 rückten zusätzlich Klimaanpassung und ein sparsamerer Umgang mit Boden in den Vordergrund. Dahinter steht ein Paradigmenwechsel der französischen Raumplanung: Wachstum soll möglichst nicht mehr automatisch bedeuten, weitere Flächen am Stadtrand zu bebauen.

    Die Zahlen zeigen, weshalb diese Politik relevant bleibt. Nach Daten der französischen Agence nationale de la cohésion des territoires liegt der strukturelle Wohnungsleerstand – Immobilien, die seit mindestens zwei Jahren unbewohnt sind – in Saumur bei rund 8,7 Prozent. Das ist deutlich mehr als der für die Region Pays de la Loire ausgewiesene Durchschnitt von 2,6 Prozent und auch mehr als der nationale Vergleichswert von 5,1 Prozent innerhalb der entsprechenden „Action cœur de ville“-Daten.

    Beim Gewerbeleerstand steht Saumur dagegen vergleichsweise besser da: Er wird mit etwa 8,7 Prozent angegeben, während der Durchschnitt der betreffenden Städte in Pays de la Loire bei rund 13 Prozent liegt.

    Das macht die Strategie der Kommune nachvollziehbar. Saumur kämpft nicht gegen einen bereits vollständig verödeten Stadtkern. Die Stadt versucht vielmehr, eine vorhandene wirtschaftliche und städtebauliche Struktur zu stabilisieren, bevor Leerstand und demografischer Wandel eine schwer umkehrbare Dynamik entwickeln.

    Die Rechnung der Kommune

    Eine Prämie von 10.000 Euro pro Haushalt klingt zunächst teuer. Aus kommunalpolitischer Perspektive muss sie jedoch gegen die langfristigen Kosten des Leerstands gerechnet werden.

    Ein leer stehendes Haus verliert nicht nur privaten Wert. Dauerhafter Leerstand kann Nachbarimmobilien beeinträchtigen, Sanierungsbedarf erhöhen und ganze Straßenzüge weniger attraktiv machen. Gleichzeitig verursacht die Erschließung neuer Wohngebiete am Stadtrand öffentliche Kosten.

    Gelingt es dagegen, vorhandenen Wohnraum wieder dauerhaft zu belegen, wird bestehende Infrastruktur besser ausgelastet. Neue Einwohner zahlen lokale Abgaben, kaufen vor Ort ein und erhöhen die Nachfrage nach Dienstleistungen.

    Ob die 10.000-Euro-Prämie tatsächlich zusätzliche Käufer nach Saumur bringt oder überwiegend Menschen unterstützt, die ohnehin dort gekauft hätten, wird allerdings die entscheidende Frage sein. Genau darin liegt das klassische Problem solcher Subventionen: Ein Teil der öffentlichen Mittel kann als Mitnahmeeffekt enden.

    Auch steigende Nachfrage könnte einen Teil der Förderung langfristig in höhere Immobilienpreise übersetzen. Je größer und dauerhafter ein Zuschussprogramm wird, desto wichtiger ist deshalb eine Evaluation der tatsächlichen Wirkung.

    Eigentum als Instrument der Stadtentwicklung

    Bemerkenswert an Saumurs Ansatz ist weniger die Summe selbst als die politische Logik dahinter. Wohnungspolitik wird nicht isoliert betrachtet. Eigentumsförderung, Leerstandsbekämpfung, Sanierung, Einzelhandel und Flächennutzung werden als Teile desselben Problems verstanden.

    Das entspricht zunehmend der französischen Strategie für die villes moyennes. Jahrzehntelang konzentrierte sich die öffentliche Debatte vor allem auf die Metropolen und ihre angespannten Wohnungsmärkte. In vielen kleineren und mittleren Städten besteht jedoch das umgekehrte Problem: Wohnraum ist vorhanden, aber nicht unbedingt dort, in dem Zustand oder für jene Bevölkerungsgruppen, die für eine langfristige Stabilisierung der Stadt benötigt werden.

    Gerade deshalb können 10.000 Euro eine erstaunlich große Hebelwirkung entwickeln. In Paris wäre eine solche Summe angesichts der Immobilienpreise kaum mehr als ein Zuschuss zu den Erwerbsnebenkosten. In einer Mittelstadt wie Saumur kann sie einen relevanten Anteil der Finanzierung eines jungen Haushalts darstellen.

    Die Stadt geht damit ein kalkuliertes Experiment ein. Sie gibt heute öffentliches Geld aus, um morgen Einwohner, Kaufkraft und genutzten Wohnraum zu gewinnen. Entscheidend wird nicht sein, wie viele Förderanträge eingehen, sondern wie viele zusätzliche Haushalte sich tatsächlich dauerhaft niederlassen, wie viel leer stehender Wohnraum wieder genutzt wird und ob davon Handel und Innenstadt profitieren.

    Sollte diese Rechnung aufgehen, könnte Saumur beispielhaft für eine neue Generation kommunaler Wohnpolitik stehen: Statt immer neue Bauflächen auszuweisen, bezahlt die Stadt einen Teil des Weges zurück in den bestehenden Ort. Die 10.000 Euro wären dann nicht in erster Linie ein Geschenk an junge Käufer, sondern der Preis dafür, eine Stadt dichter, jünger und dauerhaft bewohnt zu halten.

    Quellen: Ville de Saumur, „Une aide de 10 000 € pour les primo-accédants à Saumur“ (September 2026); Ville de Saumur, „Les aides à la rénovation“ (2026); Agence nationale de la cohésion des territoires (ANCT), „Action cœur de ville“ (2026); ANCT, Fiches territoriales Maine-et-Loire und Pays de la Loire, Datenstand August 2026.

    P.T.

  • „Dieses Bild des Grauens bleibt“: Explosion reißt Kinosaal in Vesoul auf

    „Dieses Bild des Grauens bleibt“: Explosion reißt Kinosaal in Vesoul auf

    Es sind Szenen, die eher in einen Actionfilm gehören als in eine ruhige Nacht in der französischen Provinz: In Vesoul im Département Haute-Saône sprengten maskierte Täter in der Nacht zum Mittwoch, 9. September, einen Geldautomaten – und verwandelten dabei einen angrenzenden Kinosaal in ein Trümmerfeld.

    Gegen drei Uhr morgens nahm eine offenbar gut vorbereitete Tätergruppe einen Geldautomaten des Crédit Agricole ins Visier. Der Automat befindet sich unmittelbar am Gebäude des Kinos Majestic. Um an das Bargeld zu gelangen, setzten die Täter auf eine ebenso brachiale wie gefährliche Methode: Sauerstoff und Acetylen wurden in den Automaten geleitet und anschließend zur Explosion gebracht.

    Die Detonation entwickelte eine enorme Wucht.

    Der Geldautomat wurde praktisch vollständig zerstört, doch damit nicht genug. Die Druckwelle durchschlug auch die Wand zum unmittelbar dahinterliegenden Kinosaal 1. Wo Kinobesucher normalerweise im Dunkeln sitzen und auf die Leinwand blicken, klafft nun ein großes Loch. Teile des Saals liegen regelrecht offen.

    Am Morgen danach bot sich den Mitarbeitern ein verstörender Anblick. Betonbrocken, Dämmmaterial und weitere Trümmer lagen auf und zwischen den roten Sesseln. Elektrische Leitungen waren durchtrennt. Selbst schwere technische Ausstattung hielt der Explosion nicht stand: Nach Angaben des Kinobetreibers schleuderte die Druckwelle einen Lautsprecher rund zehn Meter weit durch den Raum.

    Ein ziemlicher Wahnsinn – für eine Beute, die am Ende vergleichsweise bescheiden ausfiel.

    Besondere Sorgen bereitet dem Betreiber inzwischen nicht allein die sichtbare Zerstörung. Der bei der Explosion entstandene feine Staub verteilte sich offenbar auch in Bereichen mit empfindlicher Projektionstechnik. Dort reichen mitunter bereits kleine Verunreinigungen aus, um kostspielige Geräte zu beschädigen. Das tatsächliche Ausmaß der technischen Folgen dürfte sich deshalb erst nach gründlichen Untersuchungen zeigen.

    Für Jean-Claude Tupin, Chef der Majestic-Gruppe, geht der Schaden ohnehin über Beton, Kabel und Kinotechnik hinaus. Der Anblick des verwüsteten Saals hat sich eingebrannt. „Dieses Bild des Grauens bleibt“, beschreibt er seine Eindrücke.

    Besonders bitter erscheint das Verhältnis zwischen Beute und Zerstörung. Die Täter sollen lediglich einige Tausend Euro erbeutet haben. Dem stehen Schäden von rund 800.000 Euro gegenüber. Aus einem Angriff auf einen Geldautomaten wurde damit binnen Sekunden ein finanzielles Desaster für einen Kinobetreiber, der mit der eigentlichen Tat überhaupt nichts zu tun hatte.

    Saal 1 dürfte entsprechend längere Zeit geschlossen bleiben. Die zerstörte Wand muss wiederhergestellt, technische Anlagen müssen geprüft, repariert oder ersetzt werden. Hinzu kommen mögliche Schäden an der Projektionsanlage und Arbeiten zur Beseitigung von Staub und Trümmern.

    Das Majestic ließ sich dennoch nicht vollständig aus dem Takt bringen. Der Kinobetrieb in den übrigen Sälen ging weiter. Dass die Tat ausgerechnet an einem Mittwoch geschah, besitzt dabei eine besondere Pointe: Mittwochs starten in Frankreich traditionell die neuen Kinofilme. Während hinter einer zerstörten Wand Ermittler und Techniker arbeiteten, lief nebenan also weiter das reguläre Programm.

    Die Polizei nahm noch am frühen Morgen die Ermittlungen auf. Maskierung, Vorbereitung und Vorgehensweise könnten darauf hindeuten, dass erfahrene Täter am Werk waren. Angriffe auf Geldautomaten mithilfe explosiver Gasgemische beschäftigen französische Ermittler bereits seit längerem.

    Für das Majestic bleibt vorerst ein bizarrer Schauplatz zurück. Ein Ort, an dem sonst künstliche Explosionen über die Leinwand flimmern, trägt plötzlich die Spuren sehr realer Gewalt.

    Und diesmal endet die Szene nicht mit dem Abspann.

    Andreas M. Brucker

  • Bayeux-Teppich in London: Ein mittelalterlicher Blockbuster sorgt für Ticket-Chaos

    Bayeux-Teppich in London: Ein mittelalterlicher Blockbuster sorgt für Ticket-Chaos

    „Es war einfacher, Karten für die Rückkehr von Oasis zu bekommen.“ Mit diesem halb scherzhaften, halb verzweifelten Vergleich beschreiben Briten derzeit den Versuch, Eintrittskarten für eine der außergewöhnlichsten Ausstellungen des Jahres zu ergattern. Seit dem 10. September ist der fast tausend Ja…

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  • Sabotage in der Haute-Savoie: Ein Strommast bringt Fabriken zum Stillstand

    Sabotage in der Haute-Savoie: Ein Strommast bringt Fabriken zum Stillstand

    Ein beschädigter Hochspannungsmast, plötzlich stillstehende Maschinen und Betriebe, die ihre Produktion unterbrechen müssen: In der Haute-Savoie hat die mutmaßliche Sabotage an der Strominfrastruktur gezeigt, wie empfindlich eine hochindustrialisierte Region auf den Ausfall einer einzigen zentralen Verbindung reagiert.

    Der Vorfall traf insbesondere das Arve-Tal, einen der bedeutendsten Industriestandorte im französischen Alpenraum. Zahlreiche Unternehmen dort sind auf Präzisionsmechanik und die Herstellung hoch spezialisierter Bauteile ausgerichtet. Sie beliefern unter anderem die Automobilindustrie, die Luftfahrtbranche und andere Industriezweige, bei denen selbst kleinste Komponenten exakt gefertigt und termingerecht geliefert werden müssen.

    Ohne Strom läuft hier allerdings wenig.

    Durch die Beschädigung des Hochspannungsmastes wurde die Versorgung zahlreicher Betriebe unterbrochen. In mehreren Werken standen Maschinen und Fertigungsstraßen zeitweise still. Gerade energieintensive Produktionsprozesse benötigen eine stabile Versorgung; ein abrupter Ausfall lässt sich nicht einfach mit ein paar Verlängerungskabeln überbrücken. Für die Unternehmen bedeutet jede Stunde Stillstand zusätzliche Kosten – und möglicherweise Probleme bei ohnehin eng getakteten Lieferterminen.

    Nach ersten Erkenntnissen der Behörden handelt es sich nicht um einen technischen Defekt oder einen gewöhnlichen Zwischenfall. Vielmehr steht der Verdacht eines vorsätzlichen Sabotageaktes im Raum. Spezialisten untersuchten den beschädigten Mast und suchten nach Hinweisen auf den genauen Ablauf. Gleichzeitig bemühten sich die zuständigen Techniker des Stromnetzes darum, betroffene Gebiete über alternative Leitungen wieder zu versorgen.

    Auch die Justiz beschäftigt sich mit dem Fall. Ermittlungen wegen der vorsätzlichen Beschädigung kritischer Infrastruktur sollen klären, wer hinter der Tat steckt und welches Motiv eine Rolle spielte.

    Für die Haute-Savoie reicht die Bedeutung des Vorfalls weit über einen regionalen Stromausfall hinaus. Das Arve-Tal besitzt in Frankreich eine besondere Stellung als Zentrum der Drehteilefertigung und Präzisionsmechanik. Viele dort ansässige Firmen sitzen an entscheidenden Stellen internationaler Lieferketten.

    Fällt eine zentrale Stromverbindung aus, entsteht deshalb schnell ein Dominoeffekt: Maschinen stehen, Aufträge verzögern sich, Liefertermine geraten unter Druck und Kunden weit außerhalb der Region spüren möglicherweise die Folgen.

    Der beschädigte Mast macht damit eine unbequeme Realität sichtbar. Moderne Industrie lebt von komplexen Produktionsanlagen und weltweiten Lieferketten – doch am Anfang steht etwas erstaunlich Grundsätzliches: eine zuverlässige Stromversorgung.

    Andreas M. Brucker

  • 100-Tonnen-Fels stoppt 20 Zentimeter vor Wohnhaus in den Pyrenäen

    100-Tonnen-Fels stoppt 20 Zentimeter vor Wohnhaus in den Pyrenäen

    Es fehlten gerade einmal 20 Zentimeter – eine Handspanne, die im französischen Pyrenäendorf Louvie-Soubiron über Glück und Katastrophe entschied. Ein gewaltiger Felsblock mit einem geschätzten Gewicht von nahezu 100 Tonnen löste sich vom Berghang, raste talwärts und kam unmittelbar vor einem Wohnhaus zum Stillstand. Die dort lebende Familie entging nur knapp einer Katastrophe.

    Der Vorfall ereignete sich in Louvie-Soubiron im Ossau-Tal des südwestfranzösischen Départements Pyrénées-Atlantiques. Dort gehören steile Hänge und mächtige Felsformationen zur eindrucksvollen Landschaft – doch genau diese Nähe zum Gebirge birgt Risiken.

    Als sich der riesige Gesteinsblock aus dem Berg löste und den Hang hinabstürzte, blieb den Bewohnern kaum Zeit, das Geschehen einzuordnen. Das Krachen und Dröhnen muss enorm gewesen sein. Erst danach zeigte sich, wie unfassbar knapp die Familie davongekommen war: Zwischen Fels und Haus lagen lediglich rund 20 Zentimeter.

    „Ich habe gezittert“, berichtete einer der Bewohner nach dem Ereignis. Viel mehr braucht es wohl nicht, um diesen Moment zu beschreiben. Wäre der Koloss nur geringfügig anders gesprungen oder gerollt, hätte er das Gebäude mit voller Wucht treffen können.

    Ein ziemlicher Schreck – gelinde gesagt.

    Felsstürze und Erdrutsche sind in den Pyrenäen kein unbekanntes Naturphänomen. Starke Regenfälle, Erosion sowie der regelmäßige Wechsel zwischen Frost und Tauwetter setzen dem Gestein zu. Wasser dringt in Spalten ein, gefriert, dehnt sich aus und lockert über längere Zeit ganze Felspartien. Irgendwann reicht mitunter eine vergleichsweise geringe zusätzliche Belastung, damit sich ein Block löst.

    Nach dem Zwischenfall rückten deshalb die Sicherheit des Hanges und mögliche weitere Gefahren in den Mittelpunkt. Fachleute und zuständige Behörden müssen prüfen, wie stabil der betroffene Bereich noch ist und ob weitere Gesteinsmassen abstürzen könnten. Solche Untersuchungen entscheiden darüber, welche Sicherungsmaßnahmen nötig sind und ob gefährdete Bereiche vorübergehend gemieden oder gesperrt bleiben müssen.

    Für Berggemeinden gehört diese Vorsorge zum Alltag. Absolute Sicherheit bietet die Natur dennoch nicht. Gerade Felsstürze besitzen eine unangenehme Eigenschaft: Sie kündigen sich für Menschen vor Ort nicht immer deutlich an.

    In Louvie-Soubiron blieb am Ende vor allem eine gewaltige Portion Glück. Ein rund 100 Tonnen schwerer Fels, ein Wohnhaus – und dazwischen nur 20 Zentimeter Luft.

    Manchmal misst das Glück tatsächlich nur eine Handbreit.

    Daniel Ivers

  • Frankreich vor einem Papstbesuch von historischer Dimension

    Frankreich vor einem Papstbesuch von historischer Dimension

    Frankreich bereitet sich auf einen der grössten religiösen Anlässe der vergangenen Jahrzehnte vor. Vom 25. bis 28. September reist Papst Leo XIV. nach Paris, Lourdes und Metz. Es ist der erste Besuch eines Papstes in der französischen Hauptstadt seit Benedikt XVI. im Jahr 2008. Mehr als eine Million Menschen könnten an den verschiedenen Veranstaltungen teilnehmen. Doch die Reise ist weit mehr als ein katholisches Grossereignis: Sie berührt das schwierige Verhältnis Frankreichs zur Religion, die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs innerhalb der Kirche und nicht zuletzt die Frage nach Europas politischer und kultureller Identität.

    Vier Tage zwischen Republik und Kirche

    Der Auftakt könnte symbolischer kaum sein. Am 25. September landet Leo XIV. in Paris und wird zunächst von Staatspräsident Emmanuel Macron im Élysée-Palast empfangen. Anschliessend trifft er Vertreter der staatlichen Institutionen, der Zivilgesellschaft und des diplomatischen Korps.

    Dass ein Papst im laizistischen Frankreich mit derartiger Aufmerksamkeit empfangen wird, ist keineswegs selbstverständlich. Seit dem Gesetz über die Trennung von Kirche und Staat von 1905 gehört die laïcité zu den tragenden Prinzipien der französischen Republik. Der Staat erkennt keine Religion als privilegiert an und finanziert grundsätzlich keinen Kultus.

    Doch Frankreichs Verhältnis zum Katholizismus ist komplizierter, als es dieses Prinzip vermuten lässt. Die Republik ist säkular, ihre Geschichte und ihr kulturelles Erbe sind es nicht. Kathedralen, Klöster, Feiertage und Pilgerorte gehören ebenso zur französischen Identität wie die republikanische Tradition der Trennung von Religion und Politik.

    Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich der Besuch von Leo XIV.

    Nach seinem Treffen mit Macron spricht der Papst am Sitz der UNESCO. Damit erhält die Reise bereits am ersten Tag eine internationale Dimension. Themen wie Bildung, Kultur, Frieden und der Schutz des kulturellen Erbes gehören traditionell zu jenen Feldern, auf denen der Heilige Stuhl seine diplomatische Rolle besonders sichtbar macht.

    Danach folgt eine Fahrt im Papamobil durch Paris. Am späten Nachmittag feiert Leo XIV. mit Bischöfen, Priestern, Diakonen und Ordensleuten die Vesper in Notre-Dame.

    Auch dieser Ort trägt eine aussergewöhnliche Symbolik. Die Kathedrale wurde nach dem verheerenden Brand von 2019 im Dezember 2024 wiedereröffnet. Der Papstbesuch macht Notre-Dame erneut zu einer Bühne, auf der sich französische Geschichte, christliches Erbe und moderne nationale Identität überschneiden.

    Am Abend werden rund 80 000 Jugendliche zu einer Gebetsvigil im Stade de France in Saint-Denis erwartet.

    Eine Messe für eine halbe Million Menschen

    Der organisatorische Höhepunkt folgt am Samstag. Nach einem Besuch im Sozial- und Integrationszentrum Maison Bakhita und einer Begegnung am Institut Catholique de Paris feiert Leo XIV. um 15 Uhr eine Messe auf der Place de la Concorde.

    Rund 500 000 Menschen werden im Bereich zwischen Concorde und Champs-Élysées erwartet. Die Zahl könnte noch steigen. Anfang September waren für die Veranstaltungen der Papstreise insgesamt bereits mehr als 700 000 Teilnehmer registriert; zeitweise gingen täglich Tausende weitere Anmeldungen ein.

    Damit erreicht der Besuch Dimensionen, wie sie Frankreich sonst eher von politischen Grossereignissen, internationalen Sportveranstaltungen oder nationalen Gedenkfeiern kennt.

    Die logistischen Anforderungen sind entsprechend hoch. Allein die kirchlichen Organisatoren rechnen mit rund 12 000 freiwilligen Helfern. Der französische Staat plant auf dem Höhepunkt des Besuchs ein Sicherheitsdispositiv von etwa 15 000 Polizisten, Gendarmen, Angehörigen mobiler Einheiten und Soldaten der Operation Sentinelle. Rund 14 000 Sicherheitskräfte sollen zeitweise allein in Paris eingesetzt werden.

    Die Regierung hat den Papstbesuch offiziell als «Grossereignis» im Sinne des französischen Sicherheitsrechts eingestuft. Hintergrund sind vor allem die enormen Menschenansammlungen und das damit verbundene Terrorismusrisiko. Eine konkrete terroristische Bedrohung war Anfang September nach Angaben der Behörden allerdings nicht bekannt.

    Auch finanziell ist das Ereignis aussergewöhnlich. Die französische Bischofskonferenz beziffert die Kosten inzwischen auf rund 27 Millionen Euro. Finanziert werden Organisation, Infrastruktur und kirchliche Veranstaltungen vor allem von der Kirche und durch private Spenden; die staatlichen Sicherheitsmassnahmen trägt hingegen die öffentliche Hand. Anfang September waren erst rund 5,5 Millionen Euro an Spenden zusammengekommen.

    Lourdes und die offene Wunde des Missbrauchs

    Am Samstagabend reist Leo XIV. weiter nach Lourdes. Der Wallfahrtsort am Fuss der Pyrenäen gehört zu den bedeutendsten katholischen Pilgerstätten der Welt. Für den Sonntag rechnen die Organisatoren dort mit etwa 150 000 Besuchern.

    Das Programm folgt zunächst der klassischen Symbolik von Lourdes: Gebet an der Grotte von Massabielle, eine grosse Messe auf der Prairie des Heiligtums und am Sonntagabend Rosenkranz und Lichterprozession.

    Doch der vielleicht politisch und kirchlich sensibelste Termin steht nicht im öffentlichen Mittelpunkt des offiziellen Programms. Leo XIV. soll in Lourdes sieben Menschen treffen, die innerhalb der katholischen Kirche Opfer sexueller Gewalt geworden sind.

    Die Begegnung ist für die französische Kirche von besonderer Bedeutung. Seit der Veröffentlichung des Berichts der unabhängigen Untersuchungskommission CIASE im Jahr 2021 steht das Ausmass sexuellen Missbrauchs im französischen Katholizismus im Zentrum einer schmerzhaften Aufarbeitung. Die Kommission kam damals zu dem Ergebnis, dass seit 1950 Hunderttausende Minderjährige Opfer sexueller Gewalt durch Kleriker, Ordensangehörige oder andere mit der Kirche verbundene Personen geworden waren.

    Dass Leo XIV. Betroffene persönlich trifft, ist deshalb nicht bloss eine pastorale Geste. Es berührt unmittelbar die Glaubwürdigkeit einer Institution, die um Vertrauen ringt.

    Ein säkulares Land mit katholischem Gedächtnis

    Die Reise fällt zugleich in eine bemerkenswerte Phase des französischen Katholizismus.

    Langfristig ist der Bedeutungsverlust eindeutig. Nach einer Ifop-Erhebung von 2025 erklärten nur noch 41 Prozent der Franzosen, an Gott zu glauben; 1947 waren es noch 66 Prozent gewesen. Nur 26 Prozent gaben an, zumindest einige Male im Jahr eine Messe zu besuchen. 1961 waren es noch 68 Prozent.

    Gleichzeitig zeigen sich gegenläufige Entwicklungen. Die französische Kirche registriert seit einigen Jahren einen starken Anstieg bei Erwachsenentaufen und Katechumenen. Gerade unter jüngeren Erwachsenen scheint Religion für eine kleine, aber sichtbare Minderheit wieder stärker identitätsstiftend zu werden.

    Von einer «Rückkehr Frankreichs zum Katholizismus» zu sprechen wäre deshalb übertrieben. Eher verändert sich die Struktur des französischen Katholizismus: Aus einer einst gesellschaftlich dominierenden Volkskirche wird zunehmend eine kleinere, bewusst praktizierende Gemeinschaft.

    Der Papstbesuch macht diese Minderheit für einige Tage aussergewöhnlich sichtbar.

    Metz und die europäische Botschaft

    Die letzte Station der Reise führt Leo XIV. am 28. September nach Metz. Die Wahl der lothringischen Stadt ist politisch aufgeladen.

    Im Robert-Schuman-Kongresszentrum nimmt der Papst zunächst an einer interreligiösen Begegnung teil. Anschliessend steht eine Veranstaltung unter dem programmatischen Titel «Zu den Wurzeln Europas für Frieden und Einheit» auf dem Programm.

    Der Bezug auf Robert Schuman ist bewusst gewählt. Der französische Aussenminister und christdemokratische Politiker gehörte gemeinsam mit Konrad Adenauer, Alcide De Gasperi und Jean Monnet zu den prägenden Figuren der europäischen Einigung nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Schuman-Erklärung vom 9. Mai 1950 gilt als einer der politischen Ausgangspunkte der heutigen Europäischen Union.

    Metz liegt zudem in einer Grenzregion, deren Geschichte von den französisch-deutschen Konflikten des 19. und 20. Jahrhunderts geprägt wurde. Kaum ein Ort eignet sich deshalb besser, um über Versöhnung, Frieden und europäische Zusammenarbeit zu sprechen.

    Vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine, der angespannten Beziehungen zu Russland und der wachsenden strategischen Unsicherheit Europas erhält diese Botschaft eine Aktualität, die weit über kirchliche Fragen hinausgeht.

    Am Nachmittag feiert Leo XIV. in der Kathedrale Saint-Étienne seine letzte Messe auf französischem Boden, bevor er nach Rom zurückkehrt.

    Die Reise zeigt damit eine bemerkenswerte Dramaturgie. Paris steht für das Verhältnis zwischen Kirche, Republik und internationaler Diplomatie. Lourdes verkörpert Glauben und Wallfahrt, aber ebenso die Auseinandersetzung mit den Verfehlungen der Kirche. Metz verbindet schliesslich christliches Erbe mit der politischen Idee Europas.

    Gerade darin liegt die Bedeutung des Besuchs. Leo XIV. kommt nicht in ein Land, in dem die katholische Kirche noch die gesellschaftliche Stellung früherer Jahrzehnte besitzt. Er kommt in eine weitgehend säkularisierte Republik, in der religiöse Bindungen schwächer geworden sind, das katholische Erbe aber weiterhin tief in Landschaft, Architektur, Geschichte und kollektiver Erinnerung verankert ist.

    Wenn Hunderttausende Menschen Ende September auf den Champs-Élysées, in Lourdes und in Metz zusammenkommen, wird deshalb nicht nur sichtbar werden, wie viele Katholiken Frankreich noch mobilisieren kann. Der Besuch dürfte zugleich zeigen, welche Rolle Religion in einer europäischen Gesellschaft spielen kann, die politisch säkular geworden ist, ihre religiöse Vergangenheit aber keineswegs vollständig hinter sich gelassen hat.

    P.T.

  • Europas Griff zu den Sternen – nur die Raketen fehlen

    Europas Griff zu den Sternen – nur die Raketen fehlen

    Emmanuel Macron lädt die Welt ins Grand Palais, um über die Zukunft Europas im Weltraum zu sprechen. Rund 2.000 Teilnehmer aus etwa 120 Ländern sollen kommen. Staatschefs, Astronauten, Forscher, Unternehmer. Ein Gipfel der großen Ambitionen. Nur haben ausgerechnet einige derjenigen abgesagt, die heute tatsächlich Raketen in großer Zahl ins All schießen. SpaceX kommt nicht. Blue Origin kommt nicht. Auch Stoke Space und Starcloud bleiben fern. Aus Washington soll zuvor ziemlich nachdrücklich signalisiert worden sein, dass amerikanische Unternehmen bei einem Treffen, das nach europäischer „strategischer Autonomie“ riecht, besser nicht allzu begeistert mitmachen sollten. Das ist bemerkenswert. Früher stritten Großmächte darüber, wer zuerst auf dem Mond landet. Heute genügt offenbar schon die Vorstellung, Europa könnte irgendwann selbstständig Satelliten starten, um diplomatische Nervosität auszulösen. Europas Autonomie beginnt mit einer Absage Noch hübscher wird die Geschichte dadurch, das…

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