Kategorie: Frankreich

  • Berry – Frankreichs stille Seele

    Berry – Frankreichs stille Seele

    Verträumte Teiche, verwunschene Dörfer, große Literatur und eine Küche voller Überraschungen: Zwischen den Wasserlandschaften der Brenne, den Weinbergen von Sancerre und dem einstigen Zuhause von George Sand zeigt Frankreich eine seiner stillsten und zugleich reizvollsten Seiten. Eine Reise für alle, die lieber entdecken als abhaken.

    Manchmal liegt das schönste Frankreich dort, wo kaum jemand danach sucht.

    Das Berry, mitten im Herzen des Landes, gehört zu diesen Gegenden. Keine spektakulären Küsten, keine mondänen Badeorte, kein Gedränge vor weltberühmten Sehenswürdigkeiten. Stattdessen ziehen sich schmale Landstraßen durch sanfte Hügel, alte Dörfer schmiegen sich an Flussufer, und über stillen Teichen liegt am Morgen ein feiner Nebelschleier.

    Hier bestimmt die Landschaft den Rhythmus.

    Die historische Provinz Berry umfasst im Wesentlichen die heutigen Départements Indre und Cher. Auf modernen Verwaltungskarten existiert sie nicht mehr als eigenständige Region. Doch ihre kulturelle Identität lebt weiter – in Traditionen, Geschichten und einer bemerkenswert eigenwilligen Küche.

    Wer braucht schon ein überfülltes Reiseprogramm, wenn hinter der nächsten Wegbiegung ein kleines Stück französischer Alltagspoesie wartet?

    Die Brenne – wo das Wasser Geschichten erzählt

    Im Westen des Berry erstreckt sich eine Landschaft, die beinahe unwirklich erscheint: die Brenne, auch „Land der tausend Teiche“ genannt.

    Tatsächlich verteilen sich hier rund 3.000 Wasserflächen zwischen Wiesen, Heide, Schilf und kleinen Wäldern. Viele entstanden bereits im Mittelalter, als Menschen Teiche für die Fischzucht anlegten. Besonders Karpfen gehören bis heute zur regionalen Wirtschaft.

    Was zunächst wie unberührte Wildnis aussieht, erzählt somit auch von jahrhundertelanger menschlicher Arbeit.

    Im Herbst ziehen Kraniche über die Landschaft. Reiher stehen regungslos am Ufer, Enten durchpflügen das Wasser, und irgendwo raschelt es im Schilf. Im Naturschutzgebiet Chérine bieten Beobachtungsstände Gelegenheit, dieses Schauspiel aus nächster Nähe zu verfolgen.

    Ein Fernglas, feste Schuhe und ein bisschen Geduld – mehr braucht es kaum.

    Auf den Spuren einer außergewöhnlichen Frau

    Weiter südlich verändert sich die Landschaft. Im Boischaut Sud ziehen sich Hecken entlang kleiner Felder, schmale Wege verschwinden zwischen alten Bäumen, und Bäche schlängeln sich durch grüne Täler.

    Hier lebte und arbeitete George Sand.

    In ihrem Haus in Nohant schrieb die berühmte Schriftstellerin zahlreiche Werke und empfing Persönlichkeiten wie Frédéric Chopin, Eugène Delacroix und Gustave Flaubert.

    Noch heute vermitteln die historischen Räume und der Garten eine Vorstellung vom Leben dieser außergewöhnlichen Frau. 2026 erinnert die Region an ihren 150. Todestag.

    Auch das malerische Dorf Gargilesse im Tal der Creuse gehörte zu ihren Rückzugsorten. Zwischen steilen Dächern, alten Mauern und engen Gassen scheint die Zeit langsamer zu verstreichen.

    Und mal ehrlich: Genau solche Orte bleiben oft länger im Gedächtnis als jede große Sehenswürdigkeit.

    Eine Küche mit Bodenhaftung und Charakter

    Nach einem ausgedehnten Spaziergang zeigt das Berry seine herzhafte Seite.

    Die Galette aux pommes de terre etwa verbindet Kartoffeln, frischen Käsebruch und reichlich Butter zu einem blättrigen Gebäck. Außen knusprig, innen weich – eine bodenständige Spezialität, die erstaunlich raffiniert schmeckt.

    Noch deftiger präsentiert sich der Pâté berrichon, traditionell auch Pâté de Pâques genannt. Unter goldbraunem Teig verbergen sich gewürztes Fleisch und hart gekochte Eier. Früher vor allem zu Ostern serviert, gehört die Pastete längst zu den kulinarischen Wahrzeichen der Gegend.

    Eine weitere Spezialität wächst auf den Feldern der Champagne berrichonne: die grünen Linsen des Berry. Mit ihrer geschützten geografischen Angabe, dem französischen Label Rouge und ihrem leicht nussigen Geschmack genießen sie einen ausgezeichneten Ruf.

    Dazu passen regionale Ziegenkäse wie Crottin de Chavignol, Valençay oder Pouligny Saint Pierre.

    Und natürlich ein Glas Wein.

    Rund um Sancerre entstehen elegante Weißweine aus Sauvignon Blanc sowie Rotweine und Rosés aus Pinot Noir. Landschaft und Genuss gehen hier eine besonders glückliche Verbindung ein.

    Eine Birne, die Pfeffer liebt

    Die vielleicht ungewöhnlichste Überraschung wartet zum Dessert.

    Der Poirat berrichon ist eine gedeckte Birnenpastete, deren Geheimnis in einer unerwarteten Zutat liegt: schwarzem Pfeffer.

    Manche Rezepte ergänzen Birnenbrand oder Cognac. Lauwarm serviert, entfaltet das Gebäck ein reizvolles Zusammenspiel aus fruchtiger Süße und feiner Schärfe.

    Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Pfeffer einer Birne so viel Charme verleihen könnte?

    Vielleicht beschreibt dieses Dessert das Berry sogar besonders treffend: vertraut auf den ersten Blick, überraschend beim zweiten.

    Denn die eigentliche Schönheit dieser Region liegt nicht im Spektakel, sondern in ihren leisen Entdeckungen – im Morgennebel über einem Teich, im Schatten eines alten Gartens und im Duft frisch gebackener Pastete.

    Man muss nur ein wenig Zeit mitbringen.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Fort de la Conchée: 6,5 Millionen Euro für eine Festung im Meer

    Fort de la Conchée: 6,5 Millionen Euro für eine Festung im Meer

    Vor der bretonischen Korsarenstadt Saint-Malo steht ein außergewöhnliches Stück französischer Geschichte vor seiner letzten großen Rettungsaktion. Für 6,5 Millionen Euro soll das Fort de la Conchée seine ursprüngliche Gestalt zurückerlangen. Ein ehrgeiziges Vorhaben zwischen gewaltigen Gezeiten, rauen Atlantikwinden und jahrhundertealten Mauern – mit dem Ziel, die einst uneinnehmbare Festung künftig für mehr Besucher zu öffnen.

    Stand: 24. Oktober 2026

    Wer an der bretonischen Küste vor Saint-Malo steht und den Blick über das Meer schweifen lässt, entdeckt draußen zwischen Wellen und Felsen eine Festung, die beinahe unwirklich erscheint. Mächtige Granitmauern stemmen sich gegen den Atlantik, während ringsum die Gezeiten das Landschaftsbild verändern.

    Hier draußen trotzt das Fort de la Conchée seit mehr als drei Jahrhunderten Wind, Wasser und Krieg.

    Nun beginnt das nächste Kapitel seiner bewegten Geschichte.

    Vaubans steinerner Wächter

    Ende des 17. Jahrhunderts ließ Ludwig XIV. die Küstenverteidigung Frankreichs ausbauen. Sein berühmter Festungsbaumeister Sébastien Le Prestre de Vauban entwarf rund um Saint-Malo ein ausgeklügeltes Verteidigungssystem.

    Das Fort de la Conchée spielte darin eine besondere Rolle. Seine Kanonen sollten feindliche Kriegsschiffe daran hindern, vor der wohlhabenden Hafenstadt Stellung zu beziehen.

    Schon damals verlangte der Bau den Arbeitern nahezu Unmögliches ab. Auf einem winzigen, ständig von Sturmfluten bedrohten Felsen entstand eine militärische Anlage, deren Mauern selbst schwerster Brandung standhalten sollten.

    Doch gegen die Zerstörungen des 20. Jahrhunderts bot auch Vaubans Architektur keinen ausreichenden Schutz.

    Während der Bombardierungen von 1944 erlitt die Festung massive Schäden. Danach nagten Salzwasser, Stürme und Vernachlässigung jahrzehntelang an ihren Überresten.

    Die Rettung begann schließlich mit einer ungewöhnlichen Privatinitiative.

    1989 erwarb die Compagnie du Fort de la Conchée das beschädigte Bauwerk. Unter maßgeblicher Beteiligung des Journalisten Alain Rondeau begann eine Restaurierung, die bis heute andauert.

    Stein für Stein, Mauer für Mauer.

    Inzwischen sind rund 90 Prozent der historischen Anlage wiederhergestellt.

    Ein Millionenprojekt gegen Wind und Wellen

    Für den letzten großen Bauabschnitt stehen nun geschätzte 6,5 Millionen Euro im Raum.

    Im Mittelpunkt steht der sogenannte boulevard de défense, ein vorgelagertes Verteidigungsbauwerk am Festungseingang, das während des Zweiten Weltkriegs nahezu vollständig zerstört wurde.

    Seine Rekonstruktion soll nicht nur Vaubans ursprüngliche Architektur vervollständigen.

    Sie könnte zugleich ein Problem lösen, das Besucher und Restauratoren seit Jahrzehnten beschäftigt: den schwierigen Zugang vom Meer.

    Westwinde und starke Strömungen erschweren das Anlegen erheblich. Das wiedererrichtete Schutzbauwerk soll die Bedingungen am Anleger verbessern.

    Eine Festung, die einst feindliche Schiffe fernhalten sollte, könnte damit ausgerechnet durch ihre alte Verteidigungsarchitektur leichter erreichbar sein.

    Ist das nicht eine wunderbare Ironie der Geschichte?

    Eine Baustelle mitten im Atlantik

    Der Baubeginn ist für März 2027 vorgesehen. Vier Jahre sollen die Arbeiten dauern.

    Allerdings folgt der Zeitplan hier weniger dem Kalender als den Launen des Meeres.

    Taucher müssen die untersten Steinlagen auf teilweise überfluteten Felsen errichten. Ein schwerer Hubschrauber des Typs Super Puma soll die Einzelteile eines Baukrans zur Festung transportieren.

    Auch die Handwerker erwartet ein ungewöhnlicher Arbeitsplatz. Rund zehn Beschäftigte sollen während der Arbeitswoche direkt auf dem Fort wohnen – samt Küche, Schlafmöglichkeiten und sanitären Einrichtungen.

    Feierabend mit Meerblick, gewiss. Allerdings ohne gemütlichen Spaziergang zum nächsten Bistro.

    Und wenn ein Atlantiksturm aufzieht, entscheidet die Natur, wann die Arbeit ruht.

    Drei Millionen Euro und eine offene Rechnung

    Finanziell ist der Anfang gesichert.

    Rund drei Millionen Euro an Spenden, Fördermitteln und weiteren Unterstützungsleistungen verzeichnet die Fondation du patrimoine für das Projekt. Zusätzlich kündigte die regionale Kulturbehörde DRAC Bretagne einen staatlichen Zuschuss von 417.000 Euro für die erste Bauphase an.

    Die bislang zugesagten Mittel ermöglichen nach Angaben der Verantwortlichen zunächst zwei Baujahre.

    Für die anschließenden Arbeiten fehlen weitere Geldgeber.

    Dabei geht es längst um mehr als historische Mauern.

    Die Compagnie möchte das Fort künftig einem breiteren Publikum zugänglich machen. Bislang beschränken sich Besichtigungen auf besondere Gelegenheiten, darunter die französischen Denkmaltage.

    Ein verbindlicher Termin für regelmäßige Besucherfahrten steht noch aus.

    Doch welche schönere Zukunft gäbe es für diese einstige Militärfestung, als Menschen ihre Geschichte zu erzählen?

    Draußen vor Saint-Malo schlägt der Atlantik weiterhin gegen Vaubans Granitmauern. Die Gezeiten kommen und gehen, so zuverlässig wie seit Jahrhunderten.

    Nur eines verändert sich langsam: Aus einem beinahe verlorenen Bollwerk entsteht wieder ein lebendiges Denkmal französischer Geschichte.

    Und vielleicht legen eines Tages regelmäßig kleine Besucherboote dort an, wo einst Kanonen über die Sicherheit der Korsarenstadt wachten.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Spaniens Sommer kennt kein Ende – Rekordhitze bis in den Herbst

    Spaniens Sommer kennt kein Ende – Rekordhitze bis in den Herbst

    Der Sommer wollte einfach nicht gehen. Während sich Europa langsam auf kühlere Tage einstellte, glühte Spanien weiter unter einer Sonne, die offenbar wenig Lust auf Herbst verspürte. Der September 2026 schrieb Klimageschichte: Mit durchschnittlich 22,5 Grad erlebte das spanische Festland seinen wärmsten September seit Beginn der landesweiten Messungen im Jahr 1961. Ein Rekord, der weit über die Iberische Halbinsel hinaus Fragen aufwirft.

    Stand: 24. Oktober 2026

    Wenn der Herbst plötzlich Sommer spielt

    Normalerweise bringt der September in Spanien eine erste Verschnaufpause. Die Strände leeren sich langsam, die Abende fühlen sich frischer an, und in den Straßencafés kehrt nach der sommerlichen Betriebsamkeit etwas Ruhe ein.

    Doch 2026 lief alles anders.

    Mit 22,5 Grad im Monatsdurchschnitt lag die Temperatur auf dem spanischen Festland satte 3,4 Grad über dem langjährigen Septembermittel. Selbst der bisherige Rekord aus dem Jahr 1987 blieb um 0,7 Grad zurück.

    Besonders bemerkenswert: Der September war sogar wärmer als ein durchschnittlicher spanischer Sommer. Für die Monate Juni bis August liegt das langjährige Temperaturmittel nämlich bei 22,1 Grad.

    Ein Herbstmonat, der den Sommer übertrifft – wer hätte das vor wenigen Jahrzehnten für möglich gehalten?

    Andalusien schwitzte bei über 44 Grad

    Wie außergewöhnlich die Situation ausfiel, zeigte sich besonders im Süden des Landes.

    Am 3. September registrierten die Meteorologen in Morón de la Frontera unglaubliche 44,4 Grad. Am Flughafen von Sevilla kletterte das Thermometer auf 44 Grad, in Córdoba auf 43,5 Grad.

    Temperaturen, bei denen selbst ein kurzer Spaziergang zur Herausforderung gerät.

    Und nachts? Auch dann blieb die ersehnte Abkühlung vielerorts aus. Die durchschnittlichen Tiefsttemperaturen lagen 2,1 Grad über dem üblichen Niveau. Bei den Tageshöchstwerten betrug die Abweichung sogar 4,6 Grad.

    Zwischen dem 2. und 7. September erfasste eine Hitzewelle das spanische Festland und die Balearen. Weitere Wärmephasen folgten. Auf den Kanaren zählten die Meteorologen gleich drei kurze Hitzewellen.

    Für viele Menschen bedeutete das zusätzliche Wochen mit geschlossenen Fensterläden, laufenden Ventilatoren und Nächten, in denen der Schlaf nur schwer zu finden war.

    Ein Sommer, der bereits Rekorde brach

    Dabei begann die ungewöhnliche Geschichte lange vor September.

    Schon der meteorologische Sommer von Juni bis August stellte einen neuen Temperaturrekord auf. Durchschnittlich 24,5 Grad bedeuteten einen Vorsprung von 0,3 Grad gegenüber dem bisherigen Rekordsommer 2025.

    Die zehn heißesten Sommer seit Beginn der spanischen Messreihe fallen inzwischen allesamt ins 21. Jahrhundert.

    Bereits in der zweiten Maihälfte hatte Spanien Temperaturen erlebt, die eher zum Hochsommer passen. Mit dem außergewöhnlichen September dehnte sich die warme Jahreszeit praktisch über mehrere Monate aus.

    Der Kalender sagte Herbst. Das Thermometer widersprach.

    Hitze und Trockenheit – eine gefährliche Mischung

    Zur ungewöhnlichen Wärme gesellte sich ein weiteres Problem: Regen blieb vielerorts Mangelware.

    Auf dem spanischen Festland fielen im September durchschnittlich gerade einmal 15,9 Liter pro Quadratmeter. Das entspricht lediglich 36 Prozent der üblichen Niederschlagsmenge.

    Damit rangiert der September 2026 unter den sieben trockensten Septembermonaten seit 1961.

    Für Böden, Landwirtschaft und natürliche Ökosysteme bedeutet eine solche Kombination zusätzlichen Stress. Hohe Temperaturen fördern die Verdunstung, während fehlende Niederschläge die Wasservorräte kaum auffüllen.

    Zwar gab es örtlich kräftige Regengüsse. Am Flughafen von Valencia fielen beispielsweise am 16. September 71,9 Liter pro Quadratmeter innerhalb eines Tages. Doch solche Ereignisse änderten wenig an der landesweiten Trockenheit.

    Auch Frankreich spürte den verlängerten Sommer

    Die Hitze machte an den Pyrenäen keineswegs halt.

    Frankreich erlebte seinen zweitwärmsten September seit Beginn der dortigen Temperaturmessreihe im Jahr 1900. Die Temperaturen lagen landesweit 3,1 Grad über dem Vergleichsmittel von 1991 bis 2020.

    Gleichzeitig fehlten rund 70 Prozent des üblichen Regens. An der Côte d’Azur und in weiten Teilen Korsikas blieb der September sogar vollständig trocken.

    Der europäische Klimadienst Copernicus stellte für Westeuropa einen außergewöhnlichen Wärmemonat fest. Gemeinsam mit September 2023 erreichte der September 2026 dort den höchsten Wert seiner Auswertung.

    Anhaltende Hochdrucklagen und ungewöhnlich warme Meeresoberflächen im westlichen Mittelmeer sowie im östlichen Nordatlantik begünstigten diese Entwicklung.

    Wenn die Jahreszeiten ihre Grenzen verlieren

    Was bedeutet ein solcher September für die Zukunft?

    Ein einzelner Rekord erklärt noch nicht den gesamten Klimawandel. Doch er fügt sich in eine langfristige Entwicklung ein, die Klimaforscher seit Jahrzehnten beobachten: Hitzewellen treten häufiger auf, dauern länger und erreichen höhere Temperaturen.

    Der menschengemachte Klimawandel verstärkt diese Entwicklung erheblich.

    Für Spanien bedeutet das neue Herausforderungen bei Wasserversorgung, Landwirtschaft, Stadtplanung und Gesundheitsschutz. Besonders ältere Menschen, Kinder und Personen mit Vorerkrankungen leiden unter anhaltender Hitze.

    Auch für Südfrankreich stellt sich zunehmend die Frage, wie sich Städte und Gemeinden auf längere Wärmeperioden einstellen sollen.

    Denn was früher als ungewöhnlich heißer Spätsommertag galt, könnte künftig häufiger zum herbstlichen Alltag gehören.

    Spaniens RekordSeptember 2026 erinnert daran, dass sich der Klimawandel nicht allein in spektakulären Temperaturspitzen zeigt. Manchmal liegt seine eigentliche Wucht in der Dauer – in Wochen, in denen die ersehnte Abkühlung ausbleibt.

    Und während die ersten Herbstblätter fallen, bleibt eine unbequeme Erkenntnis: Die Jahreszeiten halten sich längst nicht mehr zuverlässig an ihre vertrauten Grenzen.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Marrons glacés aus der Ardèche: Die süße Kunst der Geduld

    Marrons glacés aus der Ardèche: Die süße Kunst der Geduld

    Eine hauchdünne Zuckerglasur, ein zarter Kern und ein unverwechselbares Aroma: Marrons glacés zählen zu den edelsten Spezialitäten der französischen Confiserie. Besonders in der Ardèche besitzt die kandierte Kastanie eine lange Tradition. Doch während Feinschmecker die süße Köstlichkeit genießen, kämpfen die Kastanienbauern der Region im Herbst 2026 mit schwierigen Erntebedingungen.

    Vom Brot der Armen zur kostbaren Delikatesse

    Was heute in goldenes Papier gehüllt über die Ladentheke geht, sicherte einst das Überleben ganzer Familien. Seit dem Mittelalter prägen Kastanienhaine die steilen Hänge der Ardèche. Im 19. Jahrhundert erreichte der Anbau seine größte Ausdehnung. Die nahrhaften Früchte ersetzten vielerorts Getreide, ernährten Mensch und Tier und dienten gelegentlich sogar als Tauschmittel.

    Nicht umsonst erhielt die Edelkastanie den Beinamen „Brotbaum“.

    Heute gilt sie als kulinarisches Wahrzeichen der Region. Zwischen Mitte September und Mitte November sammeln die Erzeuger die reifen Früchte ein. Anschließend folgen sorgfältiges Sortieren, Reinigen und die Einteilung nach Größe. Besonders schöne, unbeschädigte Exemplare eignen sich für die aufwendige Herstellung von Marrons glacés.

    Eine Süßigkeit, die keine Eile verträgt

    Wie viel Fingerspitzengefühl dafür nötig ist, zeigt die traditionsreiche Confiserie Sabaton in Aubenas. Dort beginnt die Veredelung mit dem vorsichtigen Schälen der Kastanien. Jede Verletzung der empfindlichen Frucht gefährdet das Ergebnis.

    Anschließend wickeln die Mitarbeiter jeweils zwei Kastanien in feinen Tüll. Das Gewebe verhindert, dass sie während der weiteren Verarbeitung auseinanderfallen. In einem Sirup aus Zucker und Vanille beginnt daraufhin das eigentliche Kandieren.

    Mindestens 48 Stunden benötigt die süße Flüssigkeit, um bis zum Kern vorzudringen. Danach ruhen die Früchte wenigstens eine Woche im Sirup. Erst dann folgen Qualitätskontrolle und Glasur.

    Die Zuckerschicht soll möglichst dünn ausfallen, damit das natürliche Kastanienaroma erhalten bleibt. Nach einem kurzen Ofenaufenthalt ruhen die fertigen Marrons glacés weitere zwölf Stunden. Schließlich erfolgt das traditionelle Verpacken in Goldpapier – von Hand, versteht sich.

    Das klingt nach ziemlich viel Aufwand für eine einzige Kastanie. Genau darin liegt allerdings ihr besonderer Reiz.

    Nicht jede Kastanie stammt aus der Ardèche

    Eine überraschende Besonderheit betrifft die Herkunft. Obwohl Sabaton seine Marrons glacés in der Ardèche produziert, stammen die Früchte der klassischen Produktlinie überwiegend aus Italien, insbesondere aus den Regionen um Avellino, Neapel und Salerno.

    Daneben bietet das Unternehmen eine begrenzte Produktion mit heimischen Kastaniensorten wie Sardonne, Bouche-Rouge, Comballe und Merle an. Diese Früchte tragen die geschützte Herkunftsbezeichnung „Châtaigne d’Ardèche“ und erhalten eine leichtere Kandierung, damit ihr charakteristischer Geschmack stärker hervortritt.

    Die Kastanie aus der Ardèche besitzt seit 2006 die französische AOC-Anerkennung und seit 2014 das europäische AOP-Siegel. Der Herkunftsschutz umfasst frische und getrocknete Kastanien sowie Kastanienmehl, nicht jedoch automatisch jede daraus hergestellte Süßigkeit.

    Die Ernte 2026 bereitet Sorgen

    Hinter dem süßen Genuss steht allerdings eine Landwirtschaft unter zunehmendem Druck. Während einzelne Berichte Mitte Oktober von einer erfreulichen Ernte sprechen, zeichnen andere Beobachtungen ein deutlich düstereres Bild.

    Nach Einschätzungen aus der Region könnte die Kastanienernte 2026 gegenüber dem Vorjahr um die Hälfte zurückgehen. Hitze, Trockenheit und die gefürchtete Tintenkrankheit setzen den Bäumen zu. Manche Erzeuger beklagen zudem ungewöhnlich kleine Früchte.

    Eine endgültige Erntebilanz steht noch aus. Die Schwierigkeiten verdeutlichen jedoch, wie empfindlich diese jahrhundertealte Kulturlandschaft auf klimatische Veränderungen und Pflanzenkrankheiten reagiert.

    Damit erzählt jeder Marron glacé weit mehr als eine Geschichte französischer Zuckerbäckerei. Er steht für traditionelles Handwerk, regionale Identität und die Zukunft einer Landwirtschaft, die das Landschaftsbild der Ardèche über Generationen geprägt hat.

    Wer die heimischen Kastanienbauern gezielt unterstützen möchte, sollte deshalb beim Einkauf auf die tatsächliche Herkunft der Früchte achten.

    Von C. Hatty

  • Frankreich rüstet sich für einen weiteren Protestsamstag

    Frankreich rüstet sich für einen weiteren Protestsamstag

    70.000 Polizisten und Gendarmen, gepanzerte Fahrzeuge, Wasserwerfer und Spezialeinheiten: Frankreich bereitet sich auf einen Samstag voller Spannungen vor. Nach den schweren Ausschreitungen vom vergangenen Wochenende setzt die Regierung auf massive Polizeipräsenz. Doch während das Innenministerium vor neuer Gewalt warnt, wächst der Streit um die Versammlungsfreiheit. Paris, Freitag, 23. Oktober 2026, am Abend. Es ist ein ungewöhnliches Bild, das sich für Frankreichs Straßen ankündigt. Gepanzerte Fahrzeuge stehen bereit, Polizeieinheiten beziehen Stellung, Hubschrauber und Drohnen sollen das Geschehen aus der Luft beobachten. In den Sicherheitszentralen laufen die letzten Vorbereitungen für einen Samstag, der erneut zum politischen und gesellschaftlichen Belastungstest geraten dürfte. 70.000 Einsatzkräfte im ganzen Land – 10.000 mehr als am vergangenen Wochenende. Innenminister Laurent Nuñez ließ am Freitag keinen Zweifel an seiner Entschlossenheit. Die Plünderungen, Sachbeschädigungen …

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  • Wenn Burgund golden wird: Herbstgenuss in der Côte-d’Or

    Wenn Burgund golden wird: Herbstgenuss in der Côte-d’Or

    Goldene Weinberge, bunt schimmernde Ziegeldächer und ein Senf, der weit mehr zu bieten hat als Schärfe: Im Herbst zeigt sich die Côte-d’Or von ihrer genussvollsten Seite. Zwischen Dijon, Beaune und den berühmten Winzerdörfern erzählt Burgund von jahrhundertealtem Handwerk, großer Weinkultur und der wunderbaren Kunst, das Leben nicht zu überstürzen.

    Es gibt Landschaften, die im Herbst regelrecht aufblühen. Die Côte-d’Or gehört dazu. Sobald die Tage kürzer und die Morgen kühler ausfallen, verwandeln sich ihre Weinberge in ein Mosaik aus Goldgelb, Kupferrot und warmem Orange. Nebelschwaden ziehen durch die Täler, während die ersten Sonnenstrahlen über den sanften Hügeln tanzen.

    Rund um Pommard und Volnay reihen sich die Rebstöcke wie sorgfältig gezogene Pinselstriche aneinander. Zwischen alten Steinmauern führen schmale Wege durch eine Landschaft, deren berühmte Namen Weinliebhabern weltweit vertraut sind.

    Doch Burgund allein auf seine edlen Tropfen zu reduzieren, wäre ungefähr so, als würde man Paris ausschließlich wegen des Eiffelturms besuchen.

    Hier steckt der Genuss in jeder Gasse, hinter jeder Kellertür und manchmal sogar in einem unscheinbaren Senfglas.

    Dijon: Wo der Senf zur kleinen Wissenschaft wird

    In Dijon beginnt die Entdeckungsreise mit einer Spezialität, die beinahe jeder kennt und über die erstaunlich wenige wirklich Bescheid wissen.

    Senf.

    In der malerischen Rue de la Chouette lädt die traditionsreiche Senfmanufaktur Fallot zu einer kulinarischen Begegnung ein. Hier mahlen Steinmühlen die Senfkörner nach überlieferten Verfahren. Besucher entdecken, wie aus wenigen Zutaten eine erstaunliche Vielfalt an Aromen entsteht.

    Mal mild, mal würzig, gelegentlich mit einer überraschend eleganten Weinnote.

    Dabei lohnt ein genauer Blick auf die Etiketten. Die Bezeichnung „Moutarde de Dijon“ beschreibt vor allem eine Herstellungsart und garantiert keineswegs eine Herkunft aus Dijon. Anders verhält es sich mit der geschützten „Moutarde de Bourgogne“. Ihre Senfkörner und der verwendete Weißwein stammen aus Burgund, ebenso die Verarbeitung.

    Ein kleines Glas voller regionaler Identität.

    Nur wenige Schritte entfernt zeigt Dijon eine weitere Spezialität: seine Architektur. Das prachtvolle Hôtel de Vogüé aus dem frühen 17. Jahrhundert trägt ein Dach aus farbig glasierten Ziegeln. Die geometrischen Muster erinnern an einen kostbaren Teppich, den jemand über die Dächer der Stadt gelegt hat.

    Manchmal lohnt es sich eben, den Blick vom Schaufenster zu lösen.

    Die Route des Grands Crus: Gold zwischen den Reben

    Südlich von Dijon beginnt eine der berühmtesten Weinstraßen Frankreichs. Die rund 60 Kilometer lange Route des Grands Crus führt durch eine Landschaft, deren Ortsnamen beinahe wie ein Gedicht klingen.

    Gevrey-Chambertin, Vosne-Romanée, Nuits-Saint-Georges, Pommard, Meursault.

    Hinter jedem Namen verbirgt sich eine eigene Geschichte aus Boden, Klima und menschlicher Geduld.

    Besonders faszinierend sind die sogenannten Climats. Damit bezeichnen die Burgunder exakt abgegrenzte Weinbergsparzellen, deren unterschiedliche Eigenschaften den Charakter ihrer Weine prägen. Seit 2015 gehört diese außergewöhnliche Kulturlandschaft zum UNESCO-Welterbe.

    Was unterscheidet schließlich einen großen Weinberg vom benachbarten, nur wenige Schritte entfernten Stück Erde?

    Manchmal entscheidet eine kaum sichtbare Veränderung des Bodens, manchmal die Neigung des Hangs oder die Sonneneinstrahlung.

    Im Herbst offenbart die Landschaft ihre Unterschiede besonders eindrucksvoll. Während einzelne Parzellen bereits tiefrot leuchten, schimmern andere noch gelbgrün.

    Wer hier zu Fuß unterwegs ist, versteht schnell: Burgund verlangt keine Eile.

    Beaune: Ein Dach erzählt von Menschlichkeit

    In Beaune wartet eines der schönsten historischen Bauwerke Frankreichs.

    Das Hôtel-Dieu, gegründet 1443 von Nicolas Rolin und seiner Frau Guigone de Salins, beeindruckt zunächst mit seinen farbenprächtigen Ziegeldächern. Gelbe, grüne, rote und schwarze Muster schmücken den Innenhof und verleihen dem Gebäude einen beinahe märchenhaften Charakter.

    Doch hinter dieser Pracht steckt eine berührende Geschichte.

    Das Hospital entstand als Zufluchtsort für arme und kranke Menschen. Während draußen Armut und Krankheiten den Alltag bestimmten, fanden Bedürftige hier Pflege, Nahrung und ein Dach über dem Kopf.

    Bis ins 20. Jahrhundert erfüllte die Einrichtung medizinische Aufgaben.

    Heute erzählen die historischen Krankensäle von einer Zeit, in der Wohltätigkeit, Glauben und gesellschaftliches Ansehen eng miteinander verbunden waren.

    Wer durch den Innenhof schlendert, betrachtet die berühmten Dächer plötzlich mit anderen Augen.

    Wenn der Herbst auf den Teller kommt

    Und was wäre eine Reise durch Burgund ohne seine Küche?

    Spätestens wenn die Abendluft kühler wird, locken gemütliche Gasthäuser mit herzhaften Spezialitäten.

    Ein langsam geschmortes Bœuf bourguignon, Eier in kräftiger Rotweinsauce, würziger Époisses oder frisch gebackene Gougères passen wunderbar zur Jahreszeit. Dazu ein Glas Burgunderwein und ein Gespräch, das ruhig etwas länger dauern darf.

    In den Markthallen von Dijon duften Käse, Gewürzbrot und regionale Köstlichkeiten um die Wette.

    Hier zeigt sich jene französische Lebensart, die keinen großen Auftritt braucht.

    Ein guter Tisch genügt.

    Vielleicht liegt gerade darin das Geheimnis der Côte-d’Or. Zwischen goldenen Reben, jahrhundertealten Mauern und liebevoll gepflegten Traditionen verliert die Uhr ein wenig ihre Bedeutung.

    Warum also von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit hetzen, wenn hinter der nächsten Kurve schon ein weiterer schöner Augenblick wartet?

    Burgund im Herbst ist keine Reise zum Abhaken. Es ist eine Einladung zum Schauen, Schmecken und Verweilen.

    Und manchmal bleibt von einem solchen Wochenende nicht nur die Erinnerung an einen außergewöhnlichen Wein, sondern auch ein kleines Glas Senf im Reisegepäck.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Nach Sturm Austen: In der Bretagne bangen Händler um ihre Waren

    Nach Sturm Austen: In der Bretagne bangen Händler um ihre Waren

    Der Sturm Austen hinterlässt in der Bretagne umgestürzte Bäume, beschädigte Stromleitungen und große Sorgen. Zehntausende Haushalte sitzen am Freitagabend noch immer im Dunkeln. Besonders hart trifft der Stromausfall Lebensmittelhändler, deren Kühltruhen längst nicht mehr zuverlässig arbeiten. Für manche geht es inzwischen um Waren im Wert von mehreren Zehntausend Euro.

    Ein Supermarkt im bretonischen Lannion. Die Türen bleiben geschlossen, das elektrische Rollgitter rührt sich nicht. Drinnen lagern Lebensmittel, die eigentlich längst über die Ladentheke gehen sollten. Doch ohne Strom steht der Betrieb still. Und während draußen die Aufräumarbeiten nach Sturm Austen beginnen, läuft drinnen die Zeit gegen die Händler.

    Denn Fleisch, Fisch, Milchprodukte und andere empfindliche Waren vertragen keine längeren Unterbrechungen der Kühlung.

    Wie lange bleibt die Ware noch genießbar, wenn die Kühlanlagen schweigen?

    Für einen Supermarktbetreiber in Lannion im Département Côtes d’Armor steht einiges auf dem Spiel. Zwischen 15.000 und 20.000 Euro könnte ihn der Stromausfall kosten, falls die Versorgung nicht rechtzeitig zurückkehrt. Noch handelt es sich um einen befürchteten Schaden, nicht um eine endgültige Bilanz.

    Doch allein diese Aussicht reicht, um aus einem ohnehin schwierigen Freitag einen wirtschaftlichen Albtraum zu machen.

    Zehntausende Bretonen weiterhin ohne Strom

    Sturm Austen fegte in der Nacht zum Freitag, dem 23. Oktober, über die Bretagne hinweg. Heftige Böen rissen Äste von den Bäumen, beschädigten Leitungen und blockierten Straßen. Besonders entlang der Küste erreichten die Windgeschwindigkeiten zwischen 120 und 140 Kilometer pro Stunde.

    Am Freitagmorgen meldete der Stromnetzbetreiber Enedis zunächst 128.000 Haushalte ohne Elektrizität in der Bretagne. Gegen Mittag stieg diese Zahl auf rund 148.500.

    In der gesamten betroffenen Großregion Nordwestfrankreichs lag die Zahl zeitweise sogar bei knapp 289.000 Haushalten.

    Bis 18 Uhr entspannte sich die Lage in der Bretagne spürbar. Dennoch blieben dort noch 65.800 Haushalte ohne Strom. Über sämtliche betroffenen Regionen hinweg waren es weiterhin rund 242.000.

    Hinter diesen Zahlen stecken Familien ohne warmes Abendessen, ältere Menschen in dunklen Wohnungen und Geschäftsleute, die auf ihre stillstehenden Kühlgeräte blicken.

    Ein Sturm zieht innerhalb weniger Stunden weiter. Seine Folgen bleiben oft tagelang.

    Wenn jede Minute Geld kostet

    Für Lebensmittelgeschäfte bedeutet ein Stromausfall weit mehr als eine vorübergehend geschlossene Kasse.

    Ohne funktionierende Kühlung steigen die Temperaturen in empfindlichen Warenbeständen. Je länger dieser Zustand anhält, desto größer das Risiko, dass Lebensmittel aus Sicherheitsgründen entsorgt werden müssen.

    Dabei entscheidet nicht allein die Dauer des Ausfalls. Auch die tatsächlichen Lagertemperaturen, die Art der Produkte und die Bedingungen während der Unterbrechung spielen eine Rolle.

    Ein Händler verliert unter Umständen doppelt: Erst bleiben die Kunden aus, anschließend landet ein Teil der bereits bezahlten Ware im Müll.

    Das tut weh.

    Besonders kleinere Geschäfte verfügen nicht immer über Notstromaggregate oder ausreichende finanzielle Reserven. Ein einziger verlorener Warenbestand belastet ihre wirtschaftliche Situation erheblich.

    Und wer ersetzt den Schaden, wenn der Sturm längst weitergezogen ist?

    Ob Versicherungen einspringen, hängt von den jeweiligen Verträgen, den versicherten Risiken und den konkreten Umständen ab. Für betroffene Geschäftsleute beginnt deshalb nach der Wiederherstellung der Stromversorgung möglicherweise schon die nächste Herausforderung: Schäden dokumentieren, Bestände kontrollieren und finanzielle Verluste beziffern.

    Reparaturtrupps kämpfen gegen die Folgen des Sturms

    Enedis mobilisierte mehr als 2.000 Beschäftigte und zusätzliche Kräfte von Partnerunternehmen. Mehrere Hundert Techniker der schnellen Eingreiftruppe FIRE sollten die Reparaturarbeiten unterstützen.

    Doch vielerorts erschweren umgestürzte Bäume, beschädigte Straßen und gefährliche Wetterbedingungen den Zugang zu den Stromleitungen.

    Gerade die im Oktober noch dicht belaubten Bäume boten den heftigen Windböen eine große Angriffsfläche.

    Auch der Bahnverkehr geriet durcheinander. In der Bretagne fielen Verbindungen aus, in der benachbarten Normandie mussten Strecken zeitweise gesperrt bleiben. Weitere Einschränkungen waren für Samstag angekündigt.

    Nicht nur Geschäfte leiden unter den Unterbrechungen. Dienstleister sagen Termine ab, Bewohner suchen geöffnete Cafés und Läden auf, um sich aufzuwärmen oder wenigstens einen heißen Kaffee zu bekommen.

    Ein kleines Stück Normalität inmitten des Chaos.

    Das bange Warten auf den Strom

    Am Freitagabend steht noch nicht fest, wann sämtliche betroffenen Haushalte wieder zuverlässig versorgt sind. Enedis nennt keinen verbindlichen Termin für die vollständige Wiederherstellung.

    Für die Händler zählt deshalb jede Stunde.

    In Lannion und anderen betroffenen Orten entscheidet sich erst nach der Rückkehr des Stroms, welche Vorräte noch verkauft werden dürfen und welche endgültig verloren sind.

    Draußen legt sich der Wind langsam. Auf den Straßen beginnen die Aufräumarbeiten, und nach und nach kehrt Licht in die Häuser zurück.

    Doch hinter mancher geschlossenen Ladentür bleibt die Sorge.

    Denn manchmal hinterlässt ein Sturm seine tiefsten Spuren nicht auf den Straßen, sondern in den Kassenbüchern der Menschen, die dort ihren Lebensunterhalt verdienen.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Monet für 50 Millionen Euro: Ein Garten schreibt Kunstgeschichte

    Monet für 50 Millionen Euro: Ein Garten schreibt Kunstgeschichte

    Ein paar Irisblüten, geheimnisvolle Spiegelungen und ein Feuerwerk aus Farben – mehr brauchte Claude Monet nicht, um ein Meisterwerk zu schaffen. Am Donnerstag, dem 22. Oktober 2026, erzielte sein Gemälde „Iris“ bei Sotheby’s in Paris sensationelle 50,045 Millionen Euro. Damit ist es das teuerste jemals in Frankreich versteigerte Kunstwerk. Hinter diesem Rekord steckt allerdings weit mehr als eine astronomische Summe: die Geschichte eines lange verborgenen Schatzes und eines Malers, der selbst im hohen Alter noch künstlerische Grenzen sprengte.

    45 Minuten zwischen Hoffnung und Millionen

    Es muss eine elektrisierende Atmosphäre gewesen sein, als im Pariser Auktionssaal von Sotheby’s die Gebote immer höher kletterten.

    Sechs Interessenten kämpften um das monumentale Gemälde. Rund 45 Minuten dauerte das Duell, ehe ein privater Sammler aus Asien den Zuschlag erhielt. Seine Gebote übermittelte Jen Hua, die Asienchefin des Auktionshauses, telefonisch. Wer sich künftig an Monets Irisblüten erfreut, bleibt vorerst ein Geheimnis.

    Der Hammer fiel bei 43 Millionen Euro. Einschließlich Gebühren summierte sich der Kaufpreis auf exakt 50.045.000 Euro.

    Dabei lag die ursprüngliche Schätzung lediglich zwischen 22 und 30 Millionen Euro. Der Zuschlag übertraf somit die obere Erwartungsgrenze um rund 43 Prozent.

    Ein stolzer Preis für ein Stück bemalte Leinwand – und ein eindrucksvoller Beweis dafür, welche Anziehungskraft Monets späte Werke heute entfalten.

    Die Versteigerung der Sammlung Schlumberger brachte insgesamt 74,4 Millionen Euro ein. Sämtliche angebotenen Lose fanden Käufer. Auch Monets Trauerweide, bekannt als Der Feuerbaum, erzielte mit knapp 9,7 Millionen Euro einen bemerkenswerten Preis.

    Ein Garten, der die Wirklichkeit auflöst

    Doch was macht gerade dieses Gemälde so außergewöhnlich?

    Entstanden um 1924 oder 1925, gehört Iris zu Monets letzten Schöpfungen. Der Künstler starb 1926 im Alter von 86 Jahren.

    Auf einer Leinwand von beinahe 160 mal 180 Zentimetern entfaltet sich eine geheimnisvolle Pflanzenwelt. Dunkle Blätter ragen empor, dazwischen leuchten gelbe und violette Blüten. Blau schimmert im Hintergrund.

    Himmel, möchte man meinen.

    Tatsächlich zeigt das Blau eine Spiegelung im Wasser. Ein klarer Horizont fehlt. Formen verschwimmen, Farben fließen ineinander, und plötzlich erscheint der vertraute Garten von Giverny wie eine Landschaft zwischen Traum und Wirklichkeit.

    Monet malte längst nicht mehr bloß Blumen. Er erforschte Licht, Bewegung und Farbe mit einer Freiheit, die spätere abstrakte Künstler inspirierte.

    Das Erstaunliche daran: Während andere Maler im Alter ihren bewährten Stil pflegten, wagte Monet immer neue Experimente.

    Sein Garten wurde zum Labor der Moderne.

    Jahrzehntelang hinter verschlossenen Türen

    Die Geschichte des Gemäldes besitzt beinahe etwas Märchenhaftes.

    Nach Monets Tod gelangte es zunächst an seinen Sohn Michel. Später spielte die Pariser Kunsthändlerin Katia Granoff eine entscheidende Rolle bei seiner Weitergabe an die Familie Schlumberger.

    Jeanne Schlumberger, Witwe des Industriellen Marcel Schlumberger, liebte besonders Monets späte Arbeiten. Zu einer Zeit, als viele Kunstkenner diese Gemälde noch skeptisch betrachteten, erkannte sie deren außergewöhnliche Kraft.

    Allerdings bevorzugte die Sammlerin eine sehr persönliche Beziehung zur Kunst.

    Statt ihre Schätze regelmäßig an Museen auszuleihen, behielt sie diese lieber in ihrem Pariser Stadtpalais in der Rue Las Cases.

    Dort blieb Iris jahrzehntelang weitgehend unsichtbar.

    Bis September 2026 war das Werk nach Angaben von Sotheby’s niemals öffentlich ausgestellt worden. Kunsthistoriker kannten es vor allem durch Schwarzweißfotografien.

    Erst seine Präsentation vor der Auktion offenbarte die ganze Intensität der Farben.

    Ein Rekord mit französischer Adresse

    Mit 50,045 Millionen Euro übertraf Iris den bisherigen französischen Auktionsrekord, den eine Skulptur von Amedeo Modigliani 2010 mit 43,185 Millionen Euro aufgestellt hatte.

    Monets persönlicher Weltrekord liegt allerdings deutlich höher. Seine Meules, eine Darstellung von Heuhaufen, erzielten 2019 in New York rund 110,7 Millionen Dollar.

    Der neue Triumph betrifft also ausdrücklich den französischen Auktionsmarkt.

    Und doch erzählt dieser Abend etwas Größeres.

    Ein Gemälde, das fast ein Jahrhundert lang im Verborgenen schlummerte, zieht plötzlich die Aufmerksamkeit der internationalen Kunstwelt auf sich. Aus einem privaten Gartentraum entsteht ein öffentliches Ereignis.

    Was hätte Monet wohl zu diesem Millionenrummel gesagt?

    Vielleicht hätte er nur gelächelt, seinen Pinsel genommen und wäre zurück zu seinen Blumen gegangen.

    Denn während Sammler über Preise verhandeln, bleibt Monets eigentliches Vermächtnis unbezahlbar: die Fähigkeit, in einem gewöhnlichen Garten eine völlig neue Welt zu entdecken.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Wer Demonstrationen verbietet, schützt nicht die Demokratie – das sollte auch der Präfekt von Lyon wissen!

    Wer Demonstrationen verbietet, schützt nicht die Demokratie – das sollte auch der Präfekt von Lyon wissen!

    Kommentar

    Lyon hat ein Problem. Ein gewaltiges sogar. Aber offenbar glaubt die Präfektur des Département Rhône, man könne dieses Problem lösen, indem man einfach das Demonstrationsrecht auf Eis legt. Nach den Ausschreitungen vom vergangenen Wochenende sollen am Samstag sämtliche Demonstrationen in Lyon verboten werden. Das ist ungefähr so, als würde man nach einem Banküberfall das Bargeld abschaffen. Willkommen in einer Republik, die ihre Freiheit verteidigen will, indem sie sie vorsorglich einschränkt.

    Herr Präfekt, die Demokratie ist keine Schönwetterveranstaltung!

    Da haben wir also den Salat! Am vergangenen Samstag ziehen nach Behördenangaben rund 20 000 Menschen durch Lyon, um gegen die hohen Lebenshaltungskosten zu protestieren. Was als gesellschaftlicher Protest beginnt, endet teilweise in Gewalt, Plünderungen und Verwüstung.

    Mehr als 200 Geschäfte werden beschädigt, das Tourismusbüro an der Place Bellecour geht in Flammen auf, Polizisten werden verletzt, rund 200 Menschen werden im Laufe des Wochenendes festgenommen.

    Das ist keine Bagatelle. Das ist kriminell. Und wer Geschäfte plündert, Gebäude anzündet oder Menschen angreift, gehört vor Gericht. Punkt!

    Aber jetzt kommt die Präfektur und verkündet für Samstag, den 24. Oktober, ein Verbot sämtlicher Demonstrationen in Lyon.

    Sämtlicher Demonstrationen!

    Nicht nur der gewalttätigen Zusammenrottungen. Nicht nur jener Gruppen, bei denen konkrete Anhaltspunkte für neue Ausschreitungen bestehen. Nein, nach der öffentlichen Ankündigung soll gleich die ganze Stadt zur demonstrationsfreien Zone werden.

    Herr Präfekt, geht’s eigentlich noch?

    Seit wann ist das Grundrecht auf friedlichen Protest eine Art staatlich gewährte Freizeitbeschäftigung, die man bei schlechtem Benehmen einiger Teilnehmer einfach streicht?

    Die französische Republik trägt die Worte Liberté, Égalité, Fraternité nicht deshalb auf ihren öffentlichen Gebäuden, damit die Behörden bei der ersten ernsthaften Belastungsprobe ausgerechnet die Liberté aus dem Programm nehmen.

    Wer randaliert, bekommt es mit der Polizei zu tun. Wer demonstriert, wahrt seine Rechte!

    Machen wir uns nichts vor: Die Ausschreitungen vom 17. Oktober waren schwerwiegend. Wer als Ladenbesitzer seine zerstörte Schaufensterscheibe betrachtet, interessiert sich zunächst herzlich wenig für verfassungsrechtliche Feinheiten.

    Und das ist verständlich.

    Wer morgens vor den Trümmern seiner wirtschaftlichen Existenz steht, hat ein Recht darauf, dass der Staat ihn schützt. Die Stadt Lyon hat Unterstützung angekündigt, die Métropole einen Hilfsfonds von zehn Millionen Euro für betroffene Gewerbetreibende.

    Alles richtig. Alles notwendig.

    Aber seit wann folgt daraus, dass friedliche Bürger ihre politischen Rechte verlieren müssen?

    Ein Demonstrant ist kein Plünderer. Ein Gewerkschafter ist kein Brandstifter. Und ein Bürger, der gegen steigende Preise protestiert, ist nicht automatisch ein Sicherheitsrisiko!

    Das sollte eigentlich zum kleinen Einmaleins eines demokratischen Rechtsstaates gehören.

    Doch in Frankreich scheint man zunehmend einer anderen Logik zu folgen: Weil einige Menschen gewalttätig werden könnten, sollen vorsorglich alle zu Hause bleiben.

    Wie praktisch!

    Dann muss man nicht mehr mühsam zwischen friedlichen Demonstranten und gewalttätigen Störern unterscheiden. Dann muss man keine differenzierten Sicherheitskonzepte entwickeln. Dann erklärt man das Problem kurzerhand zur verbotenen Veranstaltung.

    Das ist keine überzeugende Demonstration staatlicher Stärke. Das ist der Verdacht administrativer Bequemlichkeit.

    Und bevor jetzt jemand empört aufschreit: Selbstverständlich darf der Staat Demonstrationen unter bestimmten Voraussetzungen verbieten. Niemand verlangt, dass die Polizei tatenlos zusieht, wenn eine Innenstadt auseinandergelegt wird.

    Aber zwischen einem gezielten Eingriff und einem pauschalen Verbot liegt ein ziemlich großer Unterschied.

    Er heißt: Rechtsstaat.

    Frankreich hat einen Conseil d’État – und der ist kein Dekorationsartikel!

    Vielleicht sollte man in der Präfektur des Rhône gelegentlich einen Blick in die französische Rechtsprechung werfen.

    Der Conseil d’État hat am 4. Dezember 2023 in einer Entscheidung zu Demonstrationsverboten klargestellt, dass solche Maßnahmen geeignet, erforderlich und verhältnismäßig sein müssen.

    Das ist keine unverbindliche Empfehlung für besonders grundrechtsfreundliche Sonntage. Das ist ein rechtsstaatlicher Maßstab.

    Ein Verbot muss das letzte Mittel sein. Zuvor sind weniger einschneidende Möglichkeiten zu prüfen: andere Demonstrationsrouten, zeitliche Begrenzungen, gezielte Sicherheitsmaßnahmen.

    Und genau hier beginnt das Problem von Lyon.

    Warum soll eine friedliche Kundgebung grundsätzlich unmöglich sein, wenn beispielsweise ein veränderter Versammlungsort, eine andere Route oder ein massives Polizeiaufgebot das Risiko begrenzen könnten?

    Warum sollen Menschen, die gegen die hohen Lebenshaltungskosten demonstrieren wollen, dieselben Konsequenzen tragen wie diejenigen, die vergangene Woche Geschäfte geplündert haben?

    Natürlich kennen wir die vollständigen Verordnungen noch nicht. Ihre genauen Zeiten, räumlichen Grenzen, Ausnahmen und Begründungen sind entscheidend. Deshalb lässt sich derzeit nicht seriös behaupten, das Verbot sei bereits nachweislich rechtswidrig.

    Aber politisch darf man sehr wohl fragen, ob die Präfektur die richtige Antwort auf eine gefährliche Lage gefunden hat.

    Denn nicht alles, was eine Verwaltung rechtlich begründen kann, ist deshalb auch politisch klug.

    Monsieur Macron, Freiheit ist kein Luxus für ruhige Zeiten!

    Und dann ist da noch Emmanuel Macron.

    Der französische Präsident hat sich angesichts der jüngsten Gewalt für Beschränkungen weiterer Demonstrationen ausgesprochen. Alternative Routen für bestimmte Versammlungen, Verbote für andere.

    Nun ist es die Aufgabe eines Präsidenten, für öffentliche Sicherheit einzutreten. Darüber muss niemand streiten.

    Aber Herr Macron, erinnern Sie sich vielleicht noch daran, dass Frankreich eine Republik ist, deren politische Identität ganz wesentlich aus dem Widerstand gegen staatliche Willkür entstanden ist?

    1789? Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte? Freiheit als grundlegendes Prinzip?

    Klingelt da etwas?

    Artikel 11 der Erklärung von 1789 schützt die freie Mitteilung von Gedanken und Meinungen. Die Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit wird in Frankreich durch weitere verfassungsrechtliche und menschenrechtliche Garantien geschützt, insbesondere durch Artikel 11 der Europäischen Menschenrechtskonvention.

    Diese Rechte sind nicht grenzenlos. Aber sie sind auch keine freundliche Leihgabe der Exekutive.

    Gerade wenn die politische Stimmung aufgeheizt ist, müssen sie etwas wert sein.

    Eine Demokratie, die Protest nur dann duldet, wenn er geräuschlos, bequem und vollkommen risikofrei bleibt, hat den Sinn politischer Freiheit nicht verstanden.

    Und übrigens: Dass in Paris eine Demonstrationsroute zwischen Bastille und Nation vorgesehen ist, während Lyon ein umfassendes Verbot ankündigt, zeigt doch gerade, dass unterschiedliche Sicherheitskonzepte möglich sind.

    Weshalb soll das, was in der Hauptstadt unter Auflagen möglich ist, in Lyon grundsätzlich ausgeschlossen sein?

    Darauf schulden die Verantwortlichen eine überzeugende Antwort.

    Eine Republik, die Angst vor ihren Bürgern hat, hat ein größeres Problem als ein paar zerbrochene Schaufenster

    Wissen Sie, was an dieser ganzen Geschichte besonders ärgerlich ist?

    Dass ausgerechnet die Gewalttäter am Ende den größten politischen Erfolg verbuchen könnten.

    Denn wenn ein paar hundert Randalierer ausreichen, um Zehntausenden friedlichen Menschen die Möglichkeit zum Protest zu nehmen, dann haben die Gewalttäter faktisch ein Vetorecht über die Versammlungsfreiheit erhalten.

    Herzlichen Glückwunsch!

    Dann muss man künftig nur noch genügend Schaufenster einschlagen, und schon erledigt die Verwaltung den Rest.

    Das ist doch absurd!

    Der Staat darf sich nicht von Gewalttätern diktieren lassen, ob friedliche Bürger ihre Rechte wahrnehmen können.

    Und er darf erst recht nicht ausgerechnet jene Menschen bestrafen, die sich an die Regeln halten.

    Es geht hier um mehr als einen Samstag in Lyon. Es geht um ein gefährliches politisches Prinzip: Sicherheit wird nicht mehr allein durch die Bekämpfung konkreter Gefahren hergestellt, sondern zunehmend durch die vorsorgliche Einschränkung von Freiheit.

    Heute trifft es Demonstranten gegen hohe Lebenshaltungskosten. Morgen vielleicht streikende Arbeitnehmer. Übermorgen möglicherweise andere gesellschaftliche Gruppen, deren Protest einer Regierung gerade ungelegen kommt.

    Nein, daraus folgt nicht, dass Frankreich auf dem Weg in eine Diktatur wäre. Solche Vergleiche wären maßlos.

    Aber demokratische Freiheiten werden nicht erst dann beschädigt, wenn sie vollständig abgeschafft sind. Sie verlieren bereits an Substanz, wenn ihre Ausübung immer stärker von der Risikobereitschaft staatlicher Behörden abhängt.

    Und deshalb, Monsieur Guyot, Präfekt des Rhône, sollte eines klar sein:

    Ihre Aufgabe besteht darin, das Demonstrationsrecht zu schützen und Gewalttäter zu stoppen. Nicht darin, das Demonstrationsrecht zu stoppen, weil Sie Gewalttäter fürchten!

    Schützen Sie die Geschäfte. Schützen Sie die Passanten. Schützen Sie die Polizisten. Nehmen Sie Brandstifter fest. Stellen Sie Plünderer vor Gericht.

    Aber lassen Sie friedliche Menschen demonstrieren, soweit dies mit verhältnismäßigen Sicherheitsmaßnahmen möglich ist.

    Denn die Demokratie braucht keinen Staat, der ihr aus Angst vor Unruhen den Mund verbietet.

    Sie braucht einen Staat, der stark genug ist, Freiheit auch dann auszuhalten, wenn sie unbequem wird.

    Wer die Demokratie schützen will, indem er demokratische Grundrechte pauschal einschränkt, sollte sich dringend fragen, was er da eigentlich noch schützt.

    Und das, Herr Präfekt, sollte man in Lyon eigentlich wissen!

    P.T.

  • Überschwemmungen in Südfrankreich: Drei Tote, zerstörte Häuser und verzweifelte Bewohner

    Überschwemmungen in Südfrankreich: Drei Tote, zerstörte Häuser und verzweifelte Bewohner

    Nach den verheerenden Regenfällen vom 19. und 20. Oktober zeigt sich im Département Bouches-du-Rhône das ganze Ausmaß der Katastrophe. Häuser sind verwüstet, Straßen unpassierbar und Bahnstrecken beschädigt. Während erste Bewohner in ihre Häuser zurückkehren dürfen, kämpfen zahlreiche Gemeinden weiterhin mit den Folgen der Wassermassen.

    Ein umgestürzter Gefrierschrank mitten in der Küche, zerborstene Terrassentüren und Möbel, die der Schlamm durch die Zimmer geschoben hat. In Saint-Mitre-les-Remparts, westlich von Marseille, bietet sich den Bewohnern ein Bild der Verwüstung. Arnaud berichtet von zwei Meter hohem Wasser in seinem Haus. Seine Nachbarin Chantal erinnert sich an den Augenblick, als die Flut hereinbrach: „Als wir die Tür öffneten, riss uns die Welle mit.“

    Was nach einem Katastrophenfilm klingt, ist für viele Familien inzwischen bittere Realität.

    Die schweren Unwetter forderten nach Angaben der Präfektur vom Mittwochabend drei Menschenleben, eine weitere Person erlitt Verletzungen. Neben der Trauer um die Opfer wächst nun die Sorge um die Zukunft. Denn hinter den beschädigten Fassaden warten zerstörte Einrichtungen, durchnässte Wände und oftmals erhebliche finanzielle Belastungen.

    Erste Rückkehrer, aber noch lange keine Normalität

    In Istres entspannte sich die Lage am Donnerstagabend zumindest teilweise. Nach einer geologischen Begutachtung durften Bewohner des Viertels Heures Claires ab 21 Uhr in ihre Häuser zurückkehren. Einzelne Grundstücke bleiben allerdings gesperrt. Für die betroffenen Familien prüft die Stadt vorübergehende Unterkünfte.

    Auch im Ortsteil Entressen öffneten die nördlichen und südlichen Zufahrtsstraßen wieder. Dennoch bleibt der Alltag schwierig. Leitungswasser durfte nach dem kommunalen Lagebericht vom Donnerstagabend weiterhin nicht getrunken werden. Die Behörden warteten auf Untersuchungsergebnisse der regionalen Gesundheitsbehörde. Für Freitagmorgen waren zusätzliche Trinkwasserausgaben vorgesehen.

    Ähnliche Vorsichtsmaßnahmen gelten in Saint-Mitre-les-Remparts, Martigues und Port-de-Bouc. Dort soll Leitungswasser vorerst weder getrunken noch zur Lebensmittelzubereitung genutzt werden. Hintergrund ist eine erhöhte Konzentration von Schwebstoffen im Wasser, das die Aufbereitungsanlage Ranquet versorgt. Eine tatsächliche Verunreinigung war bei den bisherigen Kontrollen allerdings nicht nachgewiesen.

    Schlamm, Trümmer und beschädigte Bahnstrecken

    In Saint-Chamas registrierte die Gemeinde bereits am Dienstag mehr als 150 Schadensfälle. Neben überfluteten Gebäuden zählen Erdrutsche, umgestürzte Bäume und eingestürzte Mauern dazu. Zusätzliche Abfallcontainer und Sonderabholungen sollen die Entsorgung zerstörter Möbel und Haushaltsgegenstände erleichtern.

    In Martigues arbeiten nach Angaben von Bürgermeister Gaby Charroux rund 80 kommunale Beschäftigte dauerhaft daran, Straßen und öffentliche Plätze wieder nutzbar zu machen. Zusätzlich angemietete Maschinen sollen die Arbeiten beschleunigen. Der Einsatz dauert voraussichtlich über das Wochenende hinaus.

    Besonders schwer wiegen die Schäden am Schienennetz. Eine Schlammlawine beschädigte bei Saint-Chamas Bahnanlagen, rund um Miramas stehen weitere Streckenabschnitte unter Wasser. Auch die landschaftlich reizvolle Côte-Bleue-Bahnlinie ist von Erdrutschen betroffen.

    Die französische Staatsbahn SNCF rechnet auf mehreren Verbindungen frühestens am 27. Oktober mit einer stark eingeschränkten Wiederaufnahme des Verkehrs. Einzelne Reparaturen dürften sogar mehrere Wochen beanspruchen.

    Fünf Millionen Euro Soforthilfe – doch die Sorgen bleiben

    Das Département Bouches-du-Rhône stellt fünf Millionen Euro als außerordentliche Unterstützung für betroffene Gemeinden bereit. Das Geld dient vor allem der Wiederherstellung öffentlicher Einrichtungen und Infrastruktur. Die tatsächlichen Gesamtschäden liegen bislang nicht abschließend vor.

    Für viele Hausbesitzer beginnt unterdessen ein nervenaufreibender Wettlauf mit Versicherungen und Gutachtern. In Martigues kritisiert Bürgermeister Charroux, dass erste Begutachtungstermine teilweise erst Ende November oder Anfang Dezember angeboten würden. Über den Antrag der Stadt auf Anerkennung als Naturkatastrophengebiet soll am 27. Oktober beraten werden.

    In Saint-Mitre-les-Remparts erhalten Betroffene Unterstützung bei Versicherungsangelegenheiten, der Suche nach Unterkünften und der psychologischen Bewältigung des Erlebten.

    Denn mit dem Rückzug des Wassers endet die Katastrophe keineswegs. Für zahlreiche Familien beginnt der schwierigste Teil erst jetzt: aus Schlamm, Trümmern und Erinnerungen wieder ein Zuhause zu machen.

    Stand: Freitag, 23. Oktober 2026, auf Grundlage der zuletzt veröffentlichten Lageberichte.

    Daniel Ivers