Schlagwort: Verfassungsrecht

  • Frankreich verschärft den Schutz für Polizisten – Nationalversammlung billigt umstrittene Waffenregelung

    Frankreich verschärft den Schutz für Polizisten – Nationalversammlung billigt umstrittene Waffenregelung

    Frankreich hat einen weiteren Schritt in einer seit Jahren kontrovers geführten Debatte über Polizeigewalt und innere Sicherheit vollzogen. Die Nationalversammlung verabschiedete am 7. Juli 2026 in erster Lesung ein Gesetz, das Polizeibeamten und Gendarmen bei der Nutzung ihrer Schusswaffen einen erweiterten rechtlichen Schutz gewähren soll. Die Regierung bezeichnet die Reform als notwendige Absicherung der Sicherheitskräfte. Kritiker hingegen sehen darin eine erhebliche Schwächung rechtsstaatlicher Kontrollmechanismen und warnen vor weitreichenden Folgen für die gerichtliche Aufarbeitung tödlicher Polizeieinsätze.

    Bevor das Gesetz in Kraft treten kann, muss es noch den Senat passieren und anschließend das weitere parlamentarische Verfahren durchlaufen.

    Vom Begriff der Notwehr zur Vermutung rechtmäßigen Waffengebrauchs

    Der ursprüngliche Gesetzesentwurf sah eine Vermutung der Notwehr („présomption de légitime défense“) für Polizeibeamte und Gendarmen vor. Diese Formulierung stieß jedoch bereits im Vorfeld auf erhebliche juristische Bedenken. Die Regierung entschied sich deshalb für eine rechtlich abgeschwächte, aber dennoch weitreichende Neufassung.

    Künftig soll nicht mehr vermutet werden, dass ein Beamter in Notwehr gehandelt hat. Stattdessen gilt zunächst die Annahme, dass der Schusswaffengebrauch innerhalb der gesetzlich vorgesehenen Einsatzsituationen erfolgte und die Voraussetzungen der „absoluten Erforderlichkeit“ sowie der „strikten Verhältnismäßigkeit“ eingehalten wurden. Diese Vermutung ist allerdings widerlegbar. Staatsanwaltschaften und Gerichte können sie durch gegenteilige Beweise entkräften.

    Die Regierung betont deshalb, das Gesetz schaffe keine Straflosigkeit für Polizeibeamte. Vielmehr solle verhindert werden, dass Einsatzkräfte nach jedem Schusswaffengebrauch automatisch unter Generalverdacht gerieten.

    Das geltende Recht stammt bereits aus dem Jahr 2017

    Die Reform baut auf einer bereits bestehenden Rechtsgrundlage auf. Seit einer Gesetzesänderung im Jahr 2017 regelt Artikel L.435-1 des französischen Sicherheitsgesetzbuches detailliert, unter welchen Voraussetzungen Polizei und Gendarmerie ihre Schusswaffen einsetzen dürfen.

    Ein Schuss ist nur in eng definierten Situationen zulässig, etwa zur unmittelbaren Abwehr lebensgefährlicher Angriffe, zum Schutz Dritter oder zur Verhinderung unmittelbar drohender schwerster Straftaten. Darüber hinaus gilt bereits heute der Grundsatz, dass jeder Waffeneinsatz zwingend „absolut notwendig“ und „strikt verhältnismäßig“ sein muss.

    An diesen materiellen Voraussetzungen ändert das neue Gesetz nichts. Die eigentliche Neuerung betrifft vielmehr die strafrechtliche Bewertung nach einem Schusswaffeneinsatz. Während bislang Staatsanwaltschaften zunächst prüften, ob sämtliche gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt waren, verschiebt sich nun die Ausgangslage zugunsten der eingesetzten Beamten.

    Juristen sprechen deshalb weniger von einer Änderung des materiellen Polizeirechts als vielmehr von einer Veränderung der Beweislast im Ermittlungsverfahren.

    Regierung sieht besseren Schutz für Einsatzkräfte

    Innenminister Laurent Nuñez verteidigte die Reform als notwendige Antwort auf die zunehmenden Belastungen der Sicherheitskräfte. Polizisten und Gendarmen müssten in Sekundenbruchteilen Entscheidungen treffen, oftmals unter Lebensgefahr. Dass gegen sie nach jedem Schusswaffeneinsatz automatisch umfangreiche strafrechtliche Ermittlungen eingeleitet würden, führe zu erheblicher Rechtsunsicherheit und könne im Ernstfall zu gefährlichem Zögern führen.

    Die Regierungsmehrheit argumentiert, die Reform stelle lediglich klar, dass Beamte zunächst als gesetzeskonform handelnd gelten sollen, solange keine gegenteiligen Beweise vorliegen. Strafrechtliche Ermittlungen blieben weiterhin möglich. Auch Verurteilungen seien keineswegs ausgeschlossen, wenn sich ein unverhältnismäßiger oder rechtswidriger Waffeneinsatz nachweisen lasse.

    Unterstützt wurde das Vorhaben neben den Regierungsparteien auch von den konservativen Republikanern sowie den Abgeordneten des Rassemblement National.

    Linke Opposition warnt vor einem „Freibrief zum Töten“

    Die parlamentarische Linke lehnte das Gesetz geschlossen ab. Vertreter von La France insoumise, Sozialisten, Grünen und Kommunisten bezeichneten die Reform als gefährlichen Bruch mit rechtsstaatlichen Prinzipien. Immer wieder fiel im Plenarsaal der Begriff „permis de tuer“ – ein „Freibrief zum Töten“.

    Nach Auffassung der Gegner verändert die gesetzliche Vermutung zwangsläufig die Ausgangslage jeder strafrechtlichen Untersuchung. Ermittlungsbehörden müssten künftig zunächst die Vermutung der Rechtmäßigkeit widerlegen. Dadurch werde die gerichtliche Kontrolle erschwert und die Position möglicher Opfer oder ihrer Angehörigen geschwächt.

    Mehrere Organisationen von Richtern, Strafverteidigern und Menschenrechtsverbänden hatten sich bereits im Vorfeld gegen das Gesetz ausgesprochen. Auch die französische Menschenrechtsbeauftragte (Défenseure des droits) äußerte erhebliche verfassungsrechtliche Bedenken.

    Hitzige Debatte und Proteste im Parlament

    Die Beratungen verliefen außergewöhnlich angespannt. Die linke Opposition versuchte mit zahlreichen Änderungsanträgen und Geschäftsordnungsanträgen den parlamentarischen Ablauf zu verzögern. Die Regierung griff schließlich auf verfahrensrechtliche Instrumente zurück, um die Abstimmung dennoch herbeizuführen.

    Das Gesetz wurde schließlich mit 313 gegen 199 Stimmen angenommen.

    Nach Verkündung des Abstimmungsergebnisses kam es auch auf der Zuschauertribüne zu Protesten. Vertreter von Initiativen, die Angehörige von Opfern tödlicher Polizeischüsse vertreten, riefen lautstark „Pas de justice, pas de paix“ („Keine Gerechtigkeit, kein Frieden“) und wurden anschließend aus dem Sitzungssaal geführt.

    Parallel zum parlamentarischen Verfahren hatte eine Petition gegen das Gesetz innerhalb weniger Wochen mehrere Hunderttausend Unterstützer gefunden.

    Verfassungsrechtliche Fragen dürften den Gesetzgeber weiter beschäftigen

    Ob das Gesetz in seiner jetzigen Form Bestand haben wird, bleibt offen. Zahlreiche Verfassungsrechtler weisen darauf hin, dass Frankreich sowohl an seine eigene Verfassung als auch an die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte gebunden ist.

    Gerade beim Einsatz tödlicher Gewalt verlangt die Straßburger Rechtsprechung besonders effektive und unabhängige Ermittlungen. Kritiker bezweifeln, dass eine gesetzliche Vermutung zugunsten der Einsatzkräfte mit diesen Anforderungen vollständig vereinbar ist.

    Befürworter halten dagegen, dass die Vermutung ausdrücklich widerlegbar ausgestaltet wurde und deshalb weder Ermittlungen verhindere noch gerichtliche Verfahren ausschließe. Ob diese Argumentation auch einer späteren verfassungs- oder menschenrechtlichen Überprüfung standhält, dürfte erst die weitere Rechtsprechung zeigen.

    Mit der ersten Lesung in der Nationalversammlung ist die politische Debatte daher keineswegs beendet. Im Senat dürfte der Gesetzentwurf erneut intensiv diskutiert werden. Selbst nach einem erfolgreichen Abschluss des parlamentarischen Verfahrens erscheint wahrscheinlich, dass sich der Verfassungsrat oder später auch europäische Gerichte mit der neuen Regelung befassen werden. Unabhängig vom endgültigen Ausgang verdeutlicht die Reform einmal mehr den schwierigen Balanceakt zwischen dem Schutz der Sicherheitskräfte und der rechtsstaatlichen Kontrolle staatlicher Gewalt – ein Spannungsfeld, das Frankreich seit Jahren beschäftigt und auch künftig die politische Diskussion prägen dürfte.

    Andreas M. Brucker

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  • Macrons Personalpolitik: Machtkonsolidierung oder republikanische Routine?

    Macrons Personalpolitik: Machtkonsolidierung oder republikanische Routine?

    Zum Ende jeder französischen Präsidentschaft flammt dieselbe Debatte erneut auf: Nutzt ein scheidender Präsident seine verbleibende Amtszeit, um den Staatsapparat langfristig auf Linie zu bringen? Auch Emmanuel Macron sieht sich derzeit mit diesem Vorwurf konfrontiert. Mehrere jüngste Ernennungen in hohen Verwaltungsposten, bei unabhängigen Behörden und in staatlichen Unternehmen haben der Opposition Anlass gegeben, von einer „permanenten Präsidentialisierung“ der Macht zu sprechen. Ein Blick auf die Geschichte der Fünften Republik zeigt allerdings, dass derartige Vorgänge keineswegs außergewöhnlich sind. Verfassungsrechtler und Institutionenforscher weisen regelmäßig darauf hin, dass Personalentscheidungen am Ende eines Mandats nahezu zur politischen Tradition Frankreichs gehören. Ein derzeit häufig zitierter Verfassungsjurist formulierte es pointiert: „Es ist die Regel, nicht die Ausnahme.“ Die Logik der Fünften Republik Die Verfassung der Fünften Republik verleiht dem Präsidenten we…

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  • Ein beispielloser Vorgang: Festnahme von Andrew Mountbatten-Windsor erschüttert britische Monarchie

    Ein beispielloser Vorgang: Festnahme von Andrew Mountbatten-Windsor erschüttert britische Monarchie

    Die kurzfristige Festnahme von Andrew Mountbatten-Windsor, ehemals Prinz Andrew, markiert einen historischen Einschnitt für das britische Königshaus. Die Polizei ermittelt wegen des Verdachts auf „misconduct in public office“, also Fehlverhaltens im öffentlichen Amt. Konkret geht es um den Vorwurf, er habe während seiner Zeit als britischer Sondergesandter für internationalen Handel vertrauliche Informationen an den US-amerikanischen Finanzier Jeffrey Epstein weitergegeben.

    Die Ermittlungen knüpfen an damalige Verbindungen zwischen Andrew und Epstein an, die bereits seit Jahren Gegenstand medialer und juristischer Auseinandersetzungen sind. Neu ist jedoch die strafrechtliche Dimension im Vereinigten Königreich selbst. Sollte sich der Verdacht bestätigen, stünde nicht nur persönliches Fehlverhalten im Raum, sondern ein möglicher Missbrauch eines diplomatischen Mandats im Staatsdienst.

    Nach mehreren Stunden in Polizeigewahrsam wurde Mountbatten-Windsor gegen Auflagen wieder freigelassen. Nach Angaben der Behörden muss er seinen Reisepass abgeben, darf ohne Genehmigung das Vereinigte Königreich nicht verlassen und hat regelmäßige Meldepflichten bei den Ermittlungsbehörden. Zudem wurde ihm untersagt, Kontakt zu bestimmten namentlich nicht genannten Personen aufzunehmen, die im Zusammenhang mit den Untersuchungen stehen. Die Ermittlungen dauern an.

    Für die britische Monarchie ist der Vorgang ein empfindlicher Schlag. Zwar war Andrew bereits 2022 offiziell seiner militärischen Ehren und königlichen Schirmherrschaften enthoben worden, doch bleibt er formal achter in der Thronfolge. König Charles III erklärte, er unterstütze einen „vollständigen, fairen und ordnungsgemäßen Prozess“. Diese demonstrative Distanzierung unterstreicht den institutionellen Selbsterhaltungstrieb der Krone, die in den vergangenen Jahren wiederholt um öffentliche Akzeptanz ringen musste.

    Historisch betrachtet ist die Festnahme eines hochrangigen Mitglieds der königlichen Familie ein höchst seltener Vorgang. Der letzte vergleichbare Einschnitt datiert aus dem Jahr 1649, als Charles I im Zuge des Englischen Bürgerkriegs wegen Hochverrats hingerichtet wurde. Zwar sind die Umstände heute grundlegend andere, doch zeigt der Vergleich, wie außergewöhnlich strafrechtliche Schritte gegen Mitglieder des Hauses Windsor sind.

    Unabhängig vom Ausgang des Verfahrens verdeutlicht der Fall die gewachsene Erwartung an Transparenz und Rechtsgleichheit. Auch eine konstitutionelle Monarchie bleibt dem Primat rechtsstaatlicher Verfahren unterworfen – ein Prinzip, das im 21. Jahrhundert stärker wiegt als dynastische Tradition.


    Donald Trump leitet erste Sitzung seines „Board of Peace“

    US-Präsident Donald Trump hat die konstituierende Sitzung seines neu geschaffenen „Board of Peace“ persönlich geleitet und dabei angekündigt, Milliardenbeträge für den Wiederaufbau des Gazastreifens bereitzustellen. Konkrete Angaben zur Finanzierung, zu beteiligten Partnern oder zu politischen Bedingungen blieb er jedoch schuldig.

    Nach Angaben aus dem Umfeld des Weißen Hauses soll das Gremium als Plattform dienen, um internationale Investoren, regionale Akteure und multilaterale Organisationen zu koordinieren. Trump sprach von einer „historischen Chance“, Gaza wirtschaftlich zu stabilisieren und langfristig zu befrieden. Der Wiederaufbau zerstörter Infrastruktur, darunter Wohngebiete, Energieversorgung und Krankenhäuser, stehe im Zentrum der Initiative.

    Beobachter weisen jedoch darauf hin, dass finanzielle Zusagen allein die strukturellen politischen Probleme nicht lösen dürften. Unklar bleibt insbesondere, wie Sicherheitsfragen, die Rolle der Hamas sowie die Abstimmung mit Israel geregelt werden sollen. Auch zur Einbindung arabischer Staaten oder internationaler Geber wie der Weltbank äußerte sich Trump nicht detailliert.

    Die Ankündigung fügt sich in Trumps außenpolitische Strategie ein, wirtschaftliche Hebel als Instrument zur Konfliktlösung zu nutzen. Ob das „Board of Peace“ über symbolische Politik hinaus konkrete Wirkung entfalten kann, wird maßgeblich von der institutionellen Ausgestaltung und der regionalen Akzeptanz abhängen.


    Weitere Weltnachrichten

    Donald Trump erwägt mögliche Militärschläge gegen Iran. Nur selten in der jüngeren Geschichte haben sich die Vereinigten Staaten darauf vorbereitet, einen bedeutenden Angriff mit so wenig öffentlicher Erklärung durchzuführen.

    Venezuela hat ein Amnestiegesetz verabschiedet, das nach erheblichem Druck aus den USA die Freilassung von Hunderten politischen Gefangenen ermöglichen könnte.

    Der frühere südkoreanische Präsident Yoon Suk Yeol wurde zu lebenslanger Haft verurteilt, nachdem er schuldig gesprochen worden war, einen Aufstand angeführt zu haben, als er im Jahr 2024 versuchte, das Kriegsrecht zu verhängen.

    Ein Bericht der Vereinten Nationen stellte fest, dass ein Angriff auf die Stadt El Fasher durch die sudanesische paramilitärische Gruppe, bekannt als Rapid Support Forces, „die Kennzeichen eines Völkermords“ trug.

    Ein russischer Offizier steht vor Gericht, weil er beschuldigt wird, ein System erdacht zu haben, in dem Soldaten sich selbst anschossen, um Entschädigungszahlungen für Gefechtsverletzungen zu erhalten.

    Investoren verlieren Interesse am chinesischen Markt für Elektrofahrzeuge, da intensiver Wettbewerb die Gewinnmargen schrumpfen lässt und staatliche Subventionen wegfallen.

    WAS SONST NOCH GESCHAH

    Eric Dane, der Schauspieler, der vor allem als charmanter Chirurg mit dem Spitznamen „McSteamy“ in der Serie „Grey’s Anatomy“ bekannt wurde, ist im Alter von 53 Jahren gestorben.

    Autor: P. Tiko

  • Frankreichs Haushaltskrise 2026: Lecornu regiert per Artikel 49.3 – die Opposition mobilisiert den Widerstand

    Frankreichs Haushaltskrise 2026: Lecornu regiert per Artikel 49.3 – die Opposition mobilisiert den Widerstand

    Frankreichs Premierminister Sébastien Lecornu hat mit dem Rückgriff auf Artikel 49.3 der Verfassung eine politische Notbremse gezogen, um die erste Etappe des Haushaltsgesetzes für das Jahr 2026 ohne parlamentarische Abstimmung durchzusetzen. Der Schritt erfolgt vor dem Hintergrund einer tief zersplitterten Nationalversammlung und massiver Auseinandersetzungen über die Haushaltsausrichtung. Als Antwort darauf haben sowohl La France Insoumise (LFI) als auch der Rassemblement National (RN) jeweils eigene Misstrauensanträge eingebracht. Die Lage spitzt sich zu – und offenbart strukturelle Schwächen des politischen Systems der Fünften Republik. Eine gelähmte Nationalversammlung Die Parlamentswahlen von 2024 hatten keine stabile Mehrheit hervorgebracht. Der bürgerlich-konservative Block um Präsident Macron und Premier Lecornu regiert seither ohne klare parlamentarische Unterstützung. Insbesondere die Haushaltsdebatten entwickelten sich zur politischen Zerreißprobe: Während der Regierung an …

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  • Blick in die Welt – 24. Dezember 2025

    Blick in die Welt – 24. Dezember 2025

    Ausgewählte Hintergrundartikel zu den wichtigsten internationalen Entwicklungen


    Supreme Court setzt Trump Grenzen – Kein Militäreinsatz in Chicago

    Der Versuch von Präsident Donald Trump, mehrere Hundert Angehörige der Nationalgarde in der Metropolregion Chicago einzusetzen, ist vorerst gescheitert. Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten verweigerte am Vortag die Zustimmung zu einem entsprechenden Antrag der Regierung. Damit folgt das Gericht der Argumentation, dass ein solcher Einsatz ohne eindeutige gesetzliche Grundlage und außerhalb eines außergewöhnlichen Notstands verfassungswidrig sei.

    Die Entscheidung markiert einen weiteren Wendepunkt in der seit Trumps Wiedereinzug ins Weiße Haus verschärften Debatte über föderale Eingriffe in lokale Sicherheitsangelegenheiten. Trump hatte erklärt, gegen angebliche „Unruhen“ in der Stadt vorgehen zu wollen. Doch weder der Bundesstaat Illinois noch lokale Behörden hatten einen Hilferuf an Washington gerichtet – ein Umstand, der juristisch wie politisch von zentraler Bedeutung ist. Mehrere Richter äußerten in abweichenden Meinungen zwar Verständnis für den sicherheitspolitischen Impuls, betonten jedoch die Notwendigkeit klarer rechtsstaatlicher Grenzen.

    Die Entscheidung dürfte Signalwirkung für ähnliche Konflikte in anderen Bundesstaaten entfalten – insbesondere dort, wo konservative Gouverneure mit dem Weißen Haus kooperieren, liberale Stadtregierungen aber auf Distanz gehen.


    Russland reagiert mit Gewalt auf Friedensinitiative – Angriffswelle in der Ukraine

    Die Hoffnung auf einen diplomatischen Durchbruch im russisch-ukrainischen Krieg hat einen herben Rückschlag erlitten. Nur wenige Stunden nachdem der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj eine neue Friedensinitiative als „ziemlich solide“ bezeichnet hatte, starteten russische Streitkräfte eine umfassende Angriffswelle mit Raketen und Drohnen auf Infrastrukturziele in der Ukraine.

    Die Offensive scheint gezielt als politische Botschaft verstanden zu werden: Moskau lehnt offenbar jegliche Friedenslösung ab, die mit westlicher Vermittlung erfolgt oder ukrainische Eigenständigkeit betont. Die jüngsten diplomatischen Bemühungen – eine US-gestützte Gesprächsstruktur, die sowohl Moskau als auch Kiew einbinden sollte – blieben wirkungslos. Russland führte zwar technische Gespräche mit US-Vertretern, verweigerte jedoch eine direkte Beteiligung der Ukraine.

    Die Eskalation zeigt, wie festgefahren die geopolitischen Fronten mehr als drei Jahre nach Kriegsbeginn geblieben sind. Russland fordert faktisch die Anerkennung seiner Gebietsgewinne, während die Ukraine auf die vollständige Wiederherstellung ihrer territorialen Integrität besteht – ein Widerspruch, der sich in immer neuen Zyklen von Gewalt entlädt. Für die Zivilbevölkerung bedeutet dies vor allem eins: ein weiterer Winter im Ausnahmezustand.


    Bundesstaaten gegen Washington – Rechtsstreit um geschlechtsbezogene Gesundheitsversorgung

    Ein neuer Konflikt zwischen Bundesstaaten und der Trump-Administration hat die amerikanische Innenpolitik erfasst. 19 demokratisch regierte Bundesstaaten haben Klage gegen eine Richtlinie des Gesundheitsministeriums eingereicht, die Bundesmittel für Krankenhäuser streichen will, sofern diese geschlechtsangleichende Behandlungen bei Minderjährigen anbieten. Die Kläger sehen darin nicht nur einen politischen Angriff auf Transrechte, sondern auch einen gravierenden Eingriff in die medizinische Autonomie und föderale Zuständigkeiten.

    Die Bundesregierung argumentiert, dass solche Behandlungen nicht ausreichend wissenschaftlich abgesichert seien – eine Position, die in Fachkreisen heftig umstritten ist. Die klagenden Staaten verweisen darauf, dass die Richtlinie ohne öffentliche Anhörung durchgesetzt wurde und somit gegen geltendes Verwaltungsrecht verstoße. Zudem werfen sie Washington vor, ideologische Vorgaben in die medizinische Praxis hineinzutragen und vulnerable Gruppen gezielt zu diskriminieren.

    Das Verfahren hat das Potenzial, zu einem Grundsatzurteil über den Umgang mit geschlechtlicher Identität im amerikanischen Gesundheitswesen zu werden. Bereits jetzt mobilisieren konservative wie progressive Akteure auf nationaler Ebene – das Thema dürfte 2026 zu einem Wahlkampfschlager bei den US-Zwischenwahlen werden.


    Greta Thunberg festgenommen – Großbritannien kriminalisiert Solidaritätsaktionen

    In London ist die schwedische Aktivistin Greta Thunberg unter Berufung auf Antiterrorgesetze verhaftet worden. Anlass war ihre Teilnahme an einer Protestaktion, bei der sie sich mit inhaftierten Mitgliedern der Gruppierung „Palestine Action“ solidarisch erklärte. Diese Organisation wurde in Großbritannien vor Kurzem wegen mutmaßlicher Verbindungen zu gewaltsamen Angriffen auf Rüstungsfirmen verboten.

    Thunberg hatte öffentlich betont, dass ziviler Ungehorsam ein legitimes Mittel sei, um auf die Komplizenschaft westlicher Staaten in internationalen Konflikten aufmerksam zu machen – eine Position, die sie auch im Kontext des Nahostkriegs vertritt. Die britischen Behörden hingegen bewerten ihre Aussagen als Unterstützung einer verbotenen Vereinigung.

    Die Festnahme hat international Empörung ausgelöst. Kritiker werfen London vor, das Antiterrorrecht zur Unterdrückung politischer Meinungsäußerung zu missbrauchen. Unterstützer der Regierung verweisen auf die Pflicht zur Wahrung der öffentlichen Ordnung. Der Fall zeigt, wie schmal der Grat geworden ist zwischen sicherheitspolitischer Vorsorge und Einschränkung demokratischer Freiheiten – besonders dann, wenn prominente Stimmen betroffen sind.


    Yemen – Hoffnungsschimmer im Schatten des Konflikts

    Erstmals seit Jahren haben sich die international anerkannte jemenitische Regierung und die Huthi-Rebellen auf einen groß angelegten Gefangenenaustausch geeinigt. Es handelt sich um den größten Austausch seit Beginn des Bürgerkriegs vor über zehn Jahren. Die Vereinbarung wurde unter Vermittlung der Vereinten Nationen und regionaler Akteure wie Oman und Saudi-Arabien getroffen und könnte den Weg für weitere vertrauensbildende Maßnahmen ebnen.

    Obwohl der Bürgerkrieg im Jemen längst in eine Phase relativer militärischer Stabilisierung eingetreten ist, bleiben politische Lösungen rar. Der neue Austausch wird als symbolischer Schritt gewertet – und als Indiz dafür, dass hinter den Kulissen neue Gesprächskanäle etabliert wurden. Insbesondere Saudi-Arabien scheint bemüht, sich diplomatisch zu rehabilitieren, nachdem es jahrelang als treibende Kraft hinter der jemenitischen Militärkoalition galt.

    Noch bleibt offen, ob sich daraus mehr entwickelt als eine humanitäre Geste. Doch angesichts der humanitären Katastrophe, die das Land seit Jahren prägt, ist jedes Zeichen von Kooperation ein vorsichtiger Schritt in Richtung Frieden.


    Flugzeugunglück in Texas – Fünf Tote bei Crash einer mexikanischen Militärmaschine

    Ein medizinischer Evakuierungsflug der mexikanischen Marine ist beim Anflug auf Houston im texanischen Galveston Bay abgestürzt. An Bord befanden sich neben einem Patienten auch medizinisches Personal und die Crew. Fünf Menschen kamen ums Leben, darunter die zu transportierende Person. Die genaue Ursache ist noch unklar; die US-amerikanische Flugaufsichtsbehörde ermittelt gemeinsam mit mexikanischen Stellen.

    Der Unfall wirft erneut Fragen nach den Sicherheitsstandards grenzüberschreitender Notfalltransporte auf. Mexiko hat in den vergangenen Jahren verstärkt auf militärische Ressourcen zurückgegriffen, um medizinische Infrastruktur in entlegenen Regionen zu ersetzen – eine Maßnahme, die mit dem Rückbau ziviler Kapazitäten in Verbindung steht.


    Elon Musk und die Bürokratie – Effizienzministerium sorgt für Chaos, aber ohne Einsparung

    Das eigens unter Elon Musk geschaffene US-Ministerium für Regierungseffizienz hat ein Jahr nach seiner Gründung eine ernüchternde Bilanz vorzuweisen. Interne Analysen zeigen, dass zahlreiche Verwaltungsprozesse durcheinandergerieten, Systeme inkompatibel wurden und Fachpersonal das Ministerium reihenweise verließ. Die versprochenen Einsparungen blieben aus, während die Produktivität vieler Behörden messbar sank.

    Das Projekt war von Anfang an ein politisches Symbol: Bürokratieabbau als Prestigevorhaben einer technokratischen Vision. Doch statt schlanker Prozesse produzierte das „Department of Government Efficiency“ vor allem Unruhe – eine klassische Leerstelle zwischen technologischem Anspruch und institutioneller Realität. Der politische Schaden könnte sich noch verstärken, wenn staatliche Dienstleistungen dauerhaft beeinträchtigt bleiben.

    Autor: P. Tiko

  • Das Pentagon setzt auf Influencer statt auf Journalisten – ein Wendepunkt für die Pressefreiheit in den USA

    Das Pentagon setzt auf Influencer statt auf Journalisten – ein Wendepunkt für die Pressefreiheit in den USA

    Ende 2025 wurde im US-Verteidigungsministerium eine tiefgreifende Veränderung im Umgang mit Medienvertretern vollzogen. Unter dem republikanischen Verteidigungsminister Pete Hegseth hat das Pentagon die Zugangsregeln für den hauseigenen Press Corps umfassend reformiert – mit drastischen Folgen: Zahlreiche renommierte Medienhäuser haben ihren Zugang freiwillig aufgegeben oder verloren, während an ihrer Stelle eine neue Generation an Medienakteuren – vor allem konservative Influencer, Blogger und Kommentatoren sozialer Netzwerke – Einzug gehalten hat. Die Entwicklung markiert einen Bruch mit jahrzehntelanger Praxis und wirft grundlegende Fragen zur Rolle von Journalismus, Regierungs-PR und demokratischer Kontrolle auf.

    Ein radikaler Umbau hinter verschlossenen Türen

    Bisher waren es erfahrene Korrespondenten großer überregionaler Zeitungen, Nachrichtenagenturen und Fernsehsender, die täglich über die Arbeit des Verteidigungsministeriums berichteten. Sie verfügten über festen Zugang, konnten an Pressebriefings teilnehmen, Interviews führen und Informationen auch über informelle Quellen verifizieren. Diese Form des institutionellen Journalismus galt als Rückgrat der militärischen Berichterstattung in den USA – und als Teil eines demokratischen Kontrollmechanismus.

    Seit Herbst 2025 jedoch verlangt das Pentagon von allen akkreditierten Medienvertretern, dass sie sich an neue Kommunikationsrichtlinien halten. Dazu gehört die Verpflichtung, nur vorab freigegebene Inhalte zu veröffentlichen – auch wenn diese nicht der Geheimhaltung unterliegen. Gleichzeitig wurden interne Kontaktmöglichkeiten zu nicht autorisierten Quellen stark eingeschränkt. Die neuen Regeln greifen tief in die redaktionelle Unabhängigkeit ein und wurden von vielen Medien als unvereinbar mit der US-Verfassung bewertet.

    In der Folge gaben führende Nachrichtenorganisationen – darunter Tageszeitungen, Fernsehsender und Agenturen – geschlossen ihre Akkreditierungen zurück. Der historische Pressesaal des Pentagon wurde nahezu vollständig neu besetzt.

    Ein neues „Press Corps“ – konservativ, digital, loyal

    In die entstandene Lücke rückte binnen Wochen eine neue Gruppe von Berichterstattern nach. Sie stammen überwiegend aus dem Milieu der sozialen Medien, betreiben politische YouTube-Kanäle, Podcasts oder Webseiten, die der republikanischen Partei oder explizit der Trump-nahen Rechten verbunden sind. Viele dieser Akteure bezeichnen sich selbst nicht als Journalisten, sondern als politische Kommentatoren oder „patriotische Stimmen“.

    Einige von ihnen verfügen über große Reichweiten in sozialen Netzwerken, haben aber wenig oder keine journalistische Ausbildung. Ihre Inhalte zeichnen sich oft durch meinungsstarke, polarisierende Formate aus. Teilweise brüsten sich einzelne Vertreter öffentlich damit, die Plätze „linksgerichteter Medien“ eingenommen zu haben. Die neue Kommunikationsstrategie des Pentagons scheint diese Form der Sichtbarkeit zu bevorzugen – nicht zuletzt, um jüngere Zielgruppen zu erreichen, die traditionelle Medien zunehmend meiden.

    Aus Sicht des Verteidigungsministeriums handelt es sich um eine Anpassung an den digitalen Strukturwandel. Kritiker sehen darin jedoch eine bewusste Politisierung des Informationszugangs, die auf regierungstreue Berichterstattung setzt – auf Kosten von Unabhängigkeit und kritischem Journalismus.

    Verfassungsklage, Proteste, medienpolitischer Flurschaden

    Der Umbau blieb nicht unbeantwortet. Mehrere Medienverbände und Journalistennetzwerke verurteilten die neuen Regeln als klaren Angriff auf die Pressefreiheit. Ein führendes Medienhaus reichte eine Bundesklage ein und beruft sich auf den ersten Verfassungszusatz, der die Meinungs- und Pressefreiheit garantiert. Die Klage gilt als potenziell wegweisend für zukünftige Abgrenzungen zwischen legitimer Regierungs-PR und verfassungswidriger Informationskontrolle.

    Gleichzeitig beobachten Rechtswissenschaftler mit Sorge, wie sich das Machtverhältnis zwischen Regierung und Medien verschiebt – und wie stark ideologische Kriterien bei der Auswahl der neuen Pressevertreter eine Rolle spielen. Die traditionelle Rolle des Journalismus als kritischer Begleiter staatlichen Handelns wird durch eine Form medialer Gefolgschaft ersetzt, deren Ziel es offenbar ist, das Image der Regierung zu stärken, nicht ihre Entscheidungen zu hinterfragen.

    Einige Medien versuchen, trotz Ausschluss vom Pressesaal, weiterhin über das Pentagon zu berichten – durch informelle Quellen, geleakte Informationen und investigative Recherche. Doch der Zugang zu primären Informationen und Hintergrundgesprächen ist erheblich erschwert.

    Ein Paradigmenwechsel mit internationaler Signalwirkung

    Was sich im Pentagon vollzieht, ist mehr als ein interner Machtkampf. Es ist ein Präzedenzfall für den Umgang einer staatlichen Institution mit kritischer Öffentlichkeit im Zeitalter der sozialen Medien. Die Entscheidung, journalistische Standards durch digitale Reichweite zu ersetzen, könnte auch in anderen Bereichen Schule machen – ob in der Innenpolitik, im Außenministerium oder in regionalen Behörden.

    Die Frage, wie staatliche Stellen mit Medien umgehen, ist nicht nur eine technokratische – sie berührt das Fundament demokratischer Ordnung: die Transparenz des Regierungshandelns, die Vielfalt der Perspektiven und das Recht der Öffentlichkeit auf unabhängige Information. Der Versuch, dieses Gleichgewicht durch kontrollierte Inhalte zu verschieben, ist ein Spiel mit hohem Einsatz.

    Während das Pentagon von einer Modernisierung der Kommunikationsstrukturen spricht, ist in Wahrheit ein gefährlicher Präzedenzfall geschaffen worden. Ein Verteidigungsministerium, das nur noch mit genehmen Medien spricht, kann kaum als Modell für eine offene Gesellschaft gelten.

    Autor: P. Tiko

  • Herkunft als Ausschlusskriterium

    Herkunft als Ausschlusskriterium

    Trumps Vorstoß gegen Migration aus „armen Ländern“ markiert eine neue Stufe restriktiver US-Einwanderungspolitik

    Am 28. November 2025 kündigte Donald J. Trump in einer medial breit beachteten Erklärung an, er wolle die Einwanderung aus sogenannten „armen Ländern“ dauerhaft aussetzen. Es sei an der Zeit, „Amerikas Grenzen gegen das Chaos der Dritten Welt zu sichern“. Einwanderung solle nur noch dann erfolgen, wenn der Zuwanderer ein „nachweislicher Netto-Nutzen“ für die USA sei. Die Debatte um diesen radikalen Vorschlag berührt zentrale Fragen von Verfassung, Menschenrechten und internationaler Ordnung – und könnte zum Lackmustest für die künftige Ausrichtung westlicher Migrationspolitik werden.

    Die Formulierung „poor nations“ bleibt in Trumps Ankündigung bewusst vage. Eine offizielle Liste liegt bislang nicht vor. Der Begriff knüpft jedoch an bekannte Narrative von „Shithole countries“ und geopolitisch diskriminierenden Kategorien an, die bereits während Trumps erster Amtszeit Kontroversen auslösten. Damals wie heute wird nicht nur mit Ressentiments operiert, sondern auch mit weitreichenden strukturellen Eingriffen in das Einwanderungssystem.

    Von der Quotenpolitik zur Herkunftssperre

    Historisch betrachtet wäre ein pauschales Einreiseverbot nach wirtschaftlicher Herkunft ein Bruch mit den Grundprinzipien des modernen US-Einwanderungsrechts. Der Immigration and Naturalization Act von 1965 hatte das zuvor geltende Quotensystem auf Basis nationaler Herkunft abgeschafft. Stattdessen rückten seither Kriterien wie Familienzusammenführung, Arbeitskräftebedarf und humanitärer Schutz in den Vordergrund. Die Reform von 1965 war eine direkte Antwort auf Jahrzehnte eines rassistisch geprägten Migrationsregimes, das etwa Einwanderung aus Asien, Afrika oder Lateinamerika gezielt einschränkte.

    Zwar gab es in den vergangenen Jahren immer wieder Bestrebungen, das System stärker zu ökonomischen Kriterien hin auszurichten – etwa mit dem von Trump 2017 vorgestellten RAISE Act, der ein Punktesystem nach kanadischem Vorbild vorsah. Doch selbst diese Vorschläge vermieden eine Kategorisierung nach Herkunftsland. Das nun avisierte Verbot würde einen fundamentalen Paradigmenwechsel darstellen: von einem selektiv leistungsbezogenen Ansatz hin zu einem generalisierenden Territorialausschluss.

    Rechtsstaat unter Druck

    Juristisch ist ein pauschales Einreiseverbot auf Basis ökonomischer Entwicklungslage höchst problematisch. Die US-Verfassung kennt keine explizite Gleichstellungsklausel für Nicht-Staatsbürger – dennoch ist die Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsgruppen nach Herkunft schwer mit dem Grundsatz individueller Prüfung vereinbar, wie ihn auch internationale Abkommen wie die Genfer Flüchtlingskonvention fordern. Das Individualprinzip ist zentraler Pfeiler westlicher Rechtsstaatlichkeit: Jeder Antrag auf Asyl, auf Aufnahme, auf Aufenthalt muss anhand persönlicher Umstände geprüft werden.

    Trumps Vorstoß umgeht diese Logik. Er setzt voraus, dass Herkunft allein Rückschluss auf Integrationsfähigkeit, ökonomische Leistungsfähigkeit oder gesellschaftliche Kompatibilität zulässt – ein Argumentationsmuster, das nicht nur moralisch fragwürdig, sondern auch empirisch widerlegt ist.

    Die Realität internationaler Migration

    Zahlreiche Studien widerlegen die Annahme, Migration aus „armen Ländern“ sei per se problematisch. Eine Analyse der Konrad-Adenauer-Stiftung (2024) zeigt: Die ökonomische Herkunft eines Migranten sagt wenig über dessen Integrationsaussichten oder Beitrag zum Arbeitsmarkt aus. Vielmehr spielen Bildung, Alter, Sprachkenntnisse und Aufnahmestrukturen entscheidende Rollen. Auch die Kriminalitätsraten unter Migranten zeigen laut Untersuchungen des Migration Policy Institute kein signifikant höheres Niveau in Abhängigkeit vom Herkunftsland.

    Hinzu kommt der demografische Aspekt: Die USA – wie viele westliche Staaten – sehen sich mit alternden Bevölkerungen und Fachkräftemangel konfrontiert. Gerade Menschen aus Ländern mit niedrigem Pro-Kopf-Einkommen sind oftmals bereit, Tätigkeiten in unbeliebten Bereichen zu übernehmen. Ein rigoroser Ausschluss würde nicht nur humanitäre, sondern auch wirtschaftliche Kosten nach sich ziehen.

    Globale Verantwortung oder Abschottung?

    Auch außenpolitisch setzt der Vorschlag ein heikles Signal. Die Vereinigten Staaten haben in den vergangenen Jahrzehnten stets eine Doppelrolle eingenommen: als Fluchtursache – etwa durch militärische Interventionen – ebenso wie als Zufluchtsort. Der pauschale Ausschluss von Menschen aus strukturell benachteiligten Regionen entzieht dieser doppelten Verantwortung die Grundlage. Er delegitimiert internationale Normen wie das Recht auf Asyl und schwächt multilaterale Ansätze zur Lösung globaler Krisen.

    Für viele Länder des globalen Südens ist Migration ein soziales Sicherheitsventil. Geldsendungen von Migranten machen in Staaten wie Nepal, Haiti oder El Salvador bis zu 20 % des BIP aus. Wird dieses Ventil geschlossen, steigt der Druck auf ohnehin fragile Gesellschaften. Migrationsvermeidung durch Abschottung erzeugt nicht Stabilität, sondern Destabilisierung – mit Folgekosten, die auch den Westen treffen.

    Ein Wahlkampfmanöver mit System

    Politisch reiht sich Trumps Ankündigung ein in eine Strategie gezielter Provokation. Bereits 2017 hatte die Regierung mit dem „Muslim Ban“ versucht, Einreisen aus überwiegend muslimischen Ländern zu unterbinden – ein Vorhaben, das erst nach mehreren Anläufen vom Supreme Court in abgeschwächter Form durchgewunken wurde. Auch das jetzige Vorhaben dürfte auf juristischen Widerstand stoßen, könnte aber im Wahlkampf der Zwischenwahlen mobilisierend wirken.

    Die Forderung nach „Netto-Nutzen“ und „Null-Kosten-Migration“ spricht ein Publikum an, das Globalisierung, Migration und kulturellen Wandel zunehmend kritisch sieht. Dabei ersetzt der Vorschlag keine Reform des US-Einwanderungssystems – sondern bietet ein einfaches Feindbild: den Anderen, den Fremden, den Armen.

    Was auf den ersten Blick wie ein instrumenteller Tabubruch erscheinen mag, ist in Wirklichkeit ein ideologisches Projekt: Migration wird nicht als Bestandteil globaler Realität, sondern als Bedrohung nationaler Homogenität verstanden. Der Preis dafür ist hoch – für Rechtsstaatlichkeit, für internationale Ordnung und für den inneren Zusammenhalt pluraler Demokratien.

    Autor: P. Tiko

  • Frankreichs Haushaltskrise auf Zeit – Wie der Budgetentwurf für 2026 zur Nagelprobe für Regierung und Parlament wird

    Frankreichs Haushaltskrise auf Zeit – Wie der Budgetentwurf für 2026 zur Nagelprobe für Regierung und Parlament wird

    Ein Haushalt ist mehr als ein Zahlenwerk. Er ist das Abbild politischer Kräfteverhältnisse, Ausdruck von Prioritäten – und manchmal auch ein Seismograf institutioneller Instabilität. Der französische Entwurf für den Staatshaushalt 2026 verdeutlicht all dies in komprimierter Form. Zwischen gesetzlich fixierten Fristen, einem Berg parlamentarischer Änderungsanträge und einer Regierung ohne feste Mehrheit wird die Verabschiedung des Haushaltsentwurfs zu einem riskanten Spiel auf Zeit. Frankreich steht damit nicht nur vor einer fiskalischen Herausforderung, sondern auch vor einer politischen Belastungsprobe, die tieferliegende Probleme der V. Republik offenlegt.

    Ein enges Korsett: Verfassungsrecht trifft Realpolitik Gemäß der Loi organique relative aux lois de finances (LOLF) hätte die Regierung ihren Haushaltsentwurf spätestens am ersten Dienstag im Oktober vorlegen müssen. Tatsächlich wurde das Projekt de loi de finances (PLF) 2026 jedoch erst am 14. Oktober eingebracht – eine Verzögeru…

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  • Marine Le Pen und das Gesetz: Wie der Rassemblement National über die Unwählbarkeit nachdenkt

    Marine Le Pen und das Gesetz: Wie der Rassemblement National über die Unwählbarkeit nachdenkt

    Marine Le Pen steht im Zentrum einer juristisch wie politisch heiklen Konstellation. Nach ihrer Verurteilung im März 2025 in der Affäre um die europäischen Parlamentsassistenten wurde sie zu vier Jahren Haft – davon zwei auf Bewährung –, einer Geldstrafe von 100.000 Euro und vor allem zu fünf Jahren Unwählbarkeit verurteilt. Besonders schwer wiegt dabei, dass die Strafe mit sofortiger Wirkung gilt, auch wenn das Urteil noch nicht rechtskräftig ist. Damit ist Le Pen zunächst von jeder Wahl ausgeschlossen, selbst wenn ihr Berufungsverfahren, das Anfang 2026 beginnt, noch nicht abgeschlossen ist. Die Versuchung der Gesetzesänderung Innerhalb des Rassemblement national (RN) wird mittlerweile offen darüber gesprochen, die bestehende Rechtslage zu ändern. Parteivize Sébastien Chenu erklärte unumwunden, man denke darüber nach, die Regeln zu modifizieren. Seine Argumentation lautet, dass die Exekution provisoire im französischen Recht eine Anomalie darstelle: Sie bestrafe Personen, die noch ni…

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  • Wenn die Politik stillsteht – Handlungsspielräume eines geschäftsführenden Kabinetts in Frankreich

    Wenn die Politik stillsteht – Handlungsspielräume eines geschäftsführenden Kabinetts in Frankreich

    Der Sturz der Regierung von François Bayrou markiert einen weiteren Moment institutioneller Unsicherheit in der französischen Fünften Republik. Nachdem der Premierminister am 8. September die Vertrauensabstimmung in der Assemblée nationale verloren hatte, kündigte Präsident Emmanuel Macron an, „in den nächsten Tagen“ einen Nachfolger zu ernennen. Bis dahin bleibt Bayrou mit seinem Kabinett im Amt – allerdings nur noch in eingeschränkter Funktion. Frankreich befindet sich damit in einer klassischen Übergangsphase, in der das Prinzip der expédition des affaires courantes – die Abwicklung der laufenden Geschäfte – gilt. Ein Prinzip der Kontinuität Das französische Staatsrecht sieht keine eigentliche „Interimsregierung“ vor. Stattdessen bleibt das zurückgetretene Kabinett geschäftsführend im Amt, um die Kontinuität des Staates zu gewährleisten. Rechtsgrundlage ist nicht ein formelles Gesetz, sondern eine über Jahrzehnte gewachsene Praxis, die auf der Rechtsprechung des Conseil d’État sowie…

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