Schlagwort: Tierschutz

  • Ikone, Provokateurin, politische Reizfigur – wie Brigitte Bardot jahrzehntelang polarisierte

    Ikone, Provokateurin, politische Reizfigur – wie Brigitte Bardot jahrzehntelang polarisierte

    Sie war das Gesicht einer Epoche, ein Symbol der sexuellen Befreiung, eine Leinwanderscheinung von weltweitem Rang. Und zugleich eine Figur, die nie davor zurückschreckte, mit Worten zu verletzen, zu provozieren, zu spalten. Der Tod von Brigitte Bardot im Alter von 91 Jahren hat Frankreich noch einmal mit einer unbequemen Wahrheit konfrontiert: Hinter dem Mythos der Filmikone verbarg sich eine Frau, deren politische Aussagen und gesellschaftliche Positionierungen über Jahrzehnte hinweg für Empörung sorgten – und die mehrfach vor Gericht endeten.

    Schon die ersten Reaktionen aus dem rechten politischen Spektrum fielen auffallend herzlich aus. Jordan Bardellasprach von einer „glühenden Patriotin“, Marine Le Pen würdigte eine „freie, unzähmbare, kompromisslose Frau“. Worte, die mehr über die politische Nähe aussagen als über nostalgische Verehrung. Denn Bardot hatte ihre Sympathien für die extreme Rechte nie verborgen. Im Gegenteil. Sie trug sie wie ein Ehrenzeichen vor sich her.

    Dabei begann alles vergleichsweise früh. Als sie 1973 dem Kino den Rücken kehrte und sich selbst als „freie Frau“ inszenierte, wandte sie sich zugleich scharf gegen den Feminismus. Das Mouvement de libération des femmes hielt sie für lächerlich, für ein Missverständnis weiblicher Selbstbestimmung. Frauen, so Bardot damals, wollten plötzlich keine Frauen mehr sein. Ein Satz, der schon damals Kopfschütteln auslöste und rückblickend wie ein Vorbote späterer Grenzüberschreitungen wirkt.

    Die politische Verortung nach rechts außen nahm in den frühen neunziger Jahren deutlichere Konturen an. 1992 heiratete Bardot den Unternehmer Bernard d’Ormale, den sie im Umfeld von Jean-Marie Le Pen kennengelernt hatte. In ihrer Autobiografie beschrieb sie den damaligen Front-National-Chef als charmant, intelligent, als jemanden, der – wie sie – von bestimmten Entwicklungen „revoltiert“ sei. Gemeint war vor allem die Einwanderung, die sie als bedrohlich empfand. Worte, die nicht im luftleeren Raum standen, sondern Teil eines ideologischen Fundaments waren.

    Besonders schwer wogen jene Aussagen, die ihr zwischen 1997 und 2008 mehrere Verurteilungen wegen Volksverhetzung einbrachten. Bardot äußerte sich wiederholt islamfeindlich, vor allem im Zusammenhang mit dem muslimischen Opferfest. In offenen Briefen und Zeitungsartikeln sprach sie von einer „Überfremdung“, von einer Unterwerfung Frankreichs unter muslimische Bräuche. Das war keine beiläufige Provokation mehr, das war gezielte sprachliche Eskalation. Die Justiz reagierte, mehrmals, mit Geldstrafen.

    Ihr Buch „Un cri dans le silence“ markierte 2003 einen weiteren Tiefpunkt. Darin beschrieb Bardot Muslime als Teil einer gefährlichen, schleichenden Infiltration, die sich weder an Gesetze noch an Traditionen halte. Auch Homosexuelle wurden Ziel ihrer Tiraden, ebenso wie das, was sie abschätzig als „Metissage“ bezeichnete. Die Sprache war roh, verletzend, entmenschlichend. Wieder folgte eine Verurteilung. Und wieder zeigte Bardot keinerlei Reue.

    Selbst in hohem Alter blieb sie ihrer Linie treu. 2019 diffamierte sie die Bevölkerung von La Réunion in einem offenen Brief als „degeneriert“, diesmal unter dem Vorwand des Tierschutzes. 2021 verurteilte ein Gericht sie wegen öffentlicher Beleidigung mit rassistischem Charakter zu einer Geldstrafe von 20.000 Euro. Man hätte denken können, irgendwann kehrt Stille ein. Tat es nicht.

    Politisch unterstützte Bardot über Jahre hinweg Kandidatinnen und Kandidaten des rechten Spektrums. 2012 forderte sie Bürgermeister dazu auf, Marine Le Pen die notwendigen Unterstützungsunterschriften zu geben. Sie selbst nannte Le Pen eine bewundernswerte Frau. 2017 stellte sie sich offen gegen Emmanuel Macron, den sie für seine aus ihrer Sicht mangelnde Tierpolitik kritisierte. Ob sie den Front National – später Rassemblement National – wählte, ließ sie offen, ihre Sympathie jedoch machte sie deutlich.

    Kurzzeitig setzte sie ihre Hoffnungen auch auf Eric Zemmour, bevor sie sich enttäuscht abwandte und schließlich Nicolas Dupont-Aignan unterstützte. Ideologische Konsistenz spielte dabei eine untergeordnete Rolle. Der rote Faden blieb der Tierschutz, den sie als moralischen Kompass ihres Handelns verstand – oder zumindest als Rechtfertigung.

    Dieser Fokus führte sie sogar in die Nähe internationaler Machtpolitik. 2013 drohte Bardot damit, die russische Staatsbürgerschaft anzunehmen, um zwei Elefanten vor der Einschläferung zu retten. In Interviews äußerte sie offen ihre Bewunderung für Wladimir Putin, dem sie mehr Menschlichkeit attestierte als den Präsidenten ihres eigenen Landes. Wenn sie ihn um etwas bitte, so sagte sie einmal, erfülle er es ihr meist. Das klang weniger nach politischer Analyse als nach persönlicher Verklärung.

    Dabei betonte Bardot stets, sie sei keiner Partei verpflichtet. Sie habe sogar Jean-Luc Mélenchon kontaktiert, erzählte sie, und würde jeden wählen, der die Forderungen ihrer Stiftung im Wahlprogramm übernehme. Diese Stiftung, die Fondation Brigitte-Bardot, bleibt ihr unbestrittenes Vermächtnis. Ihr Engagement für Tiere war real, beharrlich, wirkungsvoll. Und doch wirft es einen langen Schatten, wenn es immer wieder als Schutzschild für menschenverachtende Aussagen diente.

    Brigitte Bardot war nie nur die blonde Göttin von Saint-Tropez. Sie war auch eine Frau, die bewusst aneckte, die provozierte, manchmal einfach drauflosredete – nach dem Motto: Mir doch egal, was ihr denkt. Das mag für Fans Ausdruck von Unabhängigkeit gewesen sein. Für viele andere blieb es schlicht verletzend. Und genau diese Ambivalenz macht ihr Erbe so kompliziert. Eine Ikone, ja. Aber eine mit Rissen. Deutlichen.

    Von C. Hatty

  • Brigitte Bardot ist tot – das Ende einer Ikone, die Frankreich veränderte

    Brigitte Bardot ist tot – das Ende einer Ikone, die Frankreich veränderte

    Frankreich trauert. Und mit ihm eine Filmwelt, die ohne sie kaum vorstellbar gewesen wäre. Brigitte Bardot ist im Alter von 91 Jahren gestorben. Bestätigt wurde ihr Tod am Sonntagmorgen, dem 28. Dezember 2025, von der nach ihr benannten Stiftung. Damit endet ein Leben, das weit über Kino, Glamour und Prominenz hinausreichte – ein Leben voller Widersprüche, Provokationen, Brüche. Und voller Wirkung.

    Geboren am 28. September 1934 in Paris, wurde Bardot bereits in jungen Jahren zu einem Gesicht ihrer Zeit. Ihr Tod, eingetreten am 28. Dezember 2025 in Saint-Tropez, schließt ein Kapitel französischer Kulturgeschichte, das die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts entscheidend geprägt hat. Kaum eine andere Persönlichkeit verband Kino, gesellschaftliche Debatte und politische Reibung so eng miteinander.

    der Mythos entstand früh. Bardot begann als jugendliches Model, tanzte Ballett, posierte für Magazine. Doch es war das Kino, das sie unaufhaltsam in den Rang einer Weltfigur hob. Mit Et Dieu… créa la femme explodierte ihre Bekanntheit. Der Film von Roger Vadim zeigte eine neue Weiblichkeit – sinnlich, selbstbestimmt, frei von Scham. Bardot wurde zur Projektionsfläche einer Gesellschaft im Umbruch. Für die einen Provokation, für andere Verheißung. Für viele schlicht ein Schock. Und genau darin lag ihre Kraft.

    In den fünfziger und sechziger Jahren arbeitete sie mit Regisseuren, die selbst Geschichte schrieben. Jean-Luc Godard, Henri-Georges Clouzot, Jean-Pierre Melville – Namen, die heute ehrfürchtig ausgesprochen werden. Filme wie La Véritéoder Le Mépris machten deutlich, dass Bardot mehr war als ein blondes Sexsymbol. Sie spielte Frauen, die litten, liebten, widersprachen. Und sie tat das mit einer Direktheit, die damals ungewohnt wirkte. Kein akademisches Schauspiel, sondern ein Spiel aus Instinkt, Körper, Blick. Man mochte das oder eben nicht. Gleichgültig ließ es niemanden.

    Dann kam der Schnitt. 1973, auf dem Höhepunkt ihrer Popularität, zog sich Bardot vollständig aus dem Filmgeschäft zurück. Kein Abschied auf rotem Teppich, kein letzter großer Auftritt. Einfach Schluss. Viele verstanden das nicht. Manche hielten es für Eskapismus. In Wahrheit begann hier ihr zweites, nicht minder öffentliches Leben.

    Denn Bardot wandte sich mit voller Energie dem Tierschutz zu. 1986 gründete sie die Fondation Brigitte Bardot, die bald zu einer der bekanntesten Tierschutzorganisationen Europas wurde. Robbenjagd, industrielle Massentierhaltung, Tierversuche – Bardot mischte sich ein, laut, kompromisslos, oft wütend. Diplomatie lag ihr nie. Sie schrieb offene Briefe, attackierte Politiker, nutzte ihren Ruhm als Rammbock. Das gefiel nicht allen. Aber es zeigte Konsequenz. Sie meinte es ernst, verdammt ernst.

    Mit den Jahren verdunkelte sich jedoch das Bild. Bardot äußerte sich zunehmend zu politischen und gesellschaftlichen Fragen, insbesondere zu Immigration und nationaler Identität. Ihre Worte waren scharf, pauschal, verletzend. Mehrfach wurde sie dafür verurteilt. Das führte zu einer Spaltung ihres Vermächtnisses. Für manche blieb sie die Freiheitsikone, für andere eine Figur, die sich verrannt hatte. Beides existierte nebeneinander. Und vielleicht gehört genau das zu ihrer Geschichte.

    Bardot war nie bequem. Sie wollte es nicht sein. Sie sprach oft spontan, sagte Dinge, die andere nur murmelten. Das machte sie angreifbar, aber auch authentisch. Man konnte ihr vieles vorwerfen – Gleichgültigkeit gehörte nicht dazu. Sie lebte, wie sie sprach: radikal, emotional, ohne Rückversicherung.

    Die Reaktionen auf ihren Tod fielen entsprechend vielstimmig aus. Politiker würdigten ihren Mut, Künstler erinnerten an ihre Wirkung auf Mode, Musik, Film. Tierschützer verloren eine ihrer sichtbarsten Verbündeten. Und irgendwo dazwischen saß das Publikum, das mit Bardot aufgewachsen war – oder sich an ihr gerieben hatte. Ihre blonde Silhouette, das lässige Haar, der Blick zwischen Trotz und Melancholie bleiben Teil des kollektiven Gedächtnisses.

    Mit dem Tod von Brigitte Bardot verschwindet keine einfache Heldin. Es geht eine Figur, die das 20. Jahrhundert in all seiner Ambivalenz widerspiegelt. Befreiung und Verhärtung, Aufbruch und Abgrenzung, Glanz und Streit. Sie hat ästhetische Codes verändert, gesellschaftliche Debatten angeheizt, Engagement neu definiert. Und sie hat gezeigt, dass Berühmtheit eine Last sein kann – oder ein Werkzeug.

    Jetzt ist es still geworden in Saint-Tropez. Kein Blitzlicht mehr, kein Aufschrei. Aber das Echo bleibt. In Filmen, Bildern, Debatten. Bardot war nie nur ein Star. Sie war ein Ereignis. Und Ereignisse verschwinden nicht einfach. Sie wirken nach.

    Autor: Andreas M. Brucker

    https://twitter.com/legendaarykay/status/2005224102312001899
  • Tiere hinter Gittern – und im Stich gelassen: Behörden räumen Wildpark in Montredon-Labessonnié

    Tiere hinter Gittern – und im Stich gelassen: Behörden räumen Wildpark in Montredon-Labessonnié

    Was bleibt von einem Ort, der einst seine Besucher faszinieren wollte – und am Ende nur Entsetzen hinterlässt? Im Tarn, einem ländlich geprägten Département im Süden Frankreichs, wurde in dieser Woche ein düsteres Kapitel tierschutzrechtlicher Versäumnisse geschlossen. 24 Tiere, darunter eine Tigerdame, zwei Wölfe, ein Otter, ein Karakal (eine mittelgroße Wildkatze, die vor allem in Afrika und Teilen Asiens heimisch ist – bekannt für ihre charakteristischen langen, schwarzen Ohrpinsel) und sage und schreibe 19 Waschbären, wurden aus dem ehemaligen Wildpark „Les Trois Vallées“ evakuiert – allesamt in einem Zustand, der den Verantwortlichen keine Wahl ließ. Der Ort: ein verwaistes Tiergehege bei Montredon-Labessonnié. Die Lage: alarmierend. Schon Anfang September hatten Kontrollbehörden bei einer unangekündigten Inspektion festgestellt, was man auf den ersten Blick kaum glauben möchte: Lebensräume, die diesen Namen nicht verdienen. Zerfallene Gitter, spitze Metallteile, ungesicherte Ausl…

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  • Kommentar: Die letzte Bitte der Meeresriesen – warum Frankreich jetzt handeln muss

    Kommentar: Die letzte Bitte der Meeresriesen – warum Frankreich jetzt handeln muss

    Es ist still geworden in Antibes. Zu still. Wo einst das Kreischen von Kindern und das Echo spritzender Flossen durch die Becken hallte, hört man heute nur das leise Schlagen von Wellen gegen Beton. Hinter den geschlossenen Toren von Marineland warten zwei Orkas und zwölf Delfine auf etwas, das für sie längst überfällig ist: Rettung.

    „La situation est critique pour les animaux“, schreibt der Park in einem offenen Brief – und selten klang ein Satz so schwer. Kritisch heißt in diesem Fall: Leben und Tod. Denn die einst glitzernden Becken sind marode, die Risse im Beton werden größer, das Wasser trüber. Ein kleines Erdbeben – und alles wäre vorbei.

    Die Pfleger kämpfen seit Monaten mit dem, was man wohl nur noch Verzweiflung nennen kann. Sie sehen ihre Tiere jeden Tag – die Orkas Inouk und Wikie, die seit Jahrzehnten zwischen Glaswänden kreisen, die Delfine, die sich apathisch im Kreis drehen. Sie wissen: Diese Tiere spüren, dass etwas nicht stimmt. Dass ihre Welt zerbricht. Und dass niemand kommt.

    Frankreich zögert. Spanien zögert. Währenddessen schwimmen fühlende Wesen in einem bröckelnden Becken, in einer Zone mit seismischer Aktivität. Man kann sich die Szene kaum vorstellen, ohne dass einem das Herz bricht.

    Wie kann es sein, dass in einem Land, das sich den Tierschutz auf die Fahnen schreibt, eine solch dringende Situation zur bürokratischen Farce verkommt? Akten liegen in Schubladen, Anträge warten auf Stempel – während Lebewesen in Betonbecken um ihr Dasein kreisen.

    Marineland, einst Symbol menschlicher Kontrolle über die Natur, ist heute Sinnbild menschlicher Ohnmacht. Und doch – ausgerechnet der Park selbst ruft jetzt um Hilfe. Er, der jahrelang von Shows lebte, in denen Orkas und Delfine Kunststücke für Applaus vollführten, bittet nun um einen Akt der Menschlichkeit. Ein bitteres Paradox.

    Aber vielleicht liegt in dieser Wende auch ein Funken Hoffnung. Vielleicht ist es genau dieser Moment, in dem wir begreifen, dass es nie nur um Tiere in Gefangenschaft ging, sondern um unser Verhältnis zur Natur insgesamt.

    Denn die Orkas und Delfine von Antibes sind nicht einfach „Attraktionen“. Sie sind Botschafter einer Welt, die wir zu oft ignorieren – bis sie bricht.

    Das Gesetz von 2021, das Delfin- und Orca-Shows ab 2026 verbietet, war ein Meilenstein. Aber was nützt ein gutes Gesetz, wenn es seine Opfer in der Übergangszeit vergisst? Die Tiere müssen jetzt umgesiedelt werden – nicht in einem Jahr, nicht nach weiteren Sitzungen, sondern sofort.

    Spanische Wissenschaftler haben längst signalisiert, dass sie bereit wären, die Tiere aufzunehmen. Alles, was fehlt, ist ein offizielles Wort aus Paris. Ein Telefonat, ein Beschluss, eine Entscheidung. Mehr braucht es nicht, um Leben zu retten.

    Und man fragt sich: Wie viele Briefe, wie viele Appelle braucht es noch, bis jemand in der Regierung versteht, dass jede weitere Woche Stillstand eine Qual bedeutet?

    Marineland ist zu einem Mahnmal geworden. Für unsere Trägheit. Für das Scheitern von Verwaltung, wenn Menschlichkeit gefragt wäre. Und für die Frage, die uns alle betrifft: Wie weit darf Bürokratie gehen, wenn Leben auf dem Spiel steht?

    Inouk, der ältere der beiden Orkas, ist 25 Jahre alt. In freier Wildbahn hätte er vielleicht noch Jahrzehnte vor sich. In Antibes schwimmt er im Kreis. Er wartet auf Rettung – und mit ihm ein Stück unserer eigenen Verantwortung.

    Frankreich muss jetzt handeln. Nicht irgendwann. Jetzt.
    Weil Menschlichkeit nicht in Formularen steht. Sondern in Entscheidungen, die Leben retten.

    Ein Kommentar von Andreas M. Brucker

  • Jane Goodall ist tot – und hinterlässt der Welt mehr als nur Forschung

    Jane Goodall ist tot – und hinterlässt der Welt mehr als nur Forschung

    Sie gab Schimpansen Namen. Sie gab der Natur eine Stimme. Und sie gab uns ein Vermächtnis, das bleibt.

    Am 1. Oktober 2025 ist Jane Goodall im Alter von 91 Jahren in Los Angeles gestorben – mitten auf einer Vortragsreise, wie es sinnbildlicher kaum sein könnte. Bis zuletzt war sie unterwegs, um zu sprechen, zu bewegen, zu erinnern. Der Tod dieser bemerkenswerten Frau markiert nicht nur das Ende eines außergewöhnlichen Lebens, sondern auch einen Moment der kollektiven Rückschau: Was bleibt, wenn die Stimme der Natur verstummt?

    Eine stille Beobachterin, die laut wurde

    Jane Goodall wurde 1934 in London geboren – in eine Welt, die von Männern regiert und von Konventionen begrenzt wurde. Doch schon als Kind war da diese Neugier, dieses stille Staunen über Tiere und ihre Welt. Mit Mitte Zwanzig zog es sie nach Afrika, wo sie 1960 in Tansania ihre Langzeitbeobachtung von Schimpansen begann – ohne akademischen Abschluss, ohne formale Ausbildung. Nur mit einem Fernglas, einem Notizbuch und einem unbeirrbaren Willen.

    Sie saß stundenlang im Busch, beobachtete, schrieb mit – und veränderte, was wir über Tiere dachten. Schimpansen, entdeckte sie, benutzen Werkzeuge. Sie haben Emotionen. Sie bilden soziale Strukturen, kennen Freundschaft und Konflikt, Liebe und Verlust. Goodall sprach nicht von „Versuchsobjekten“, sondern von David Greybeard, Flo, Goliath. Sie benannte, wo andere nummerierten – und schenkte uns dadurch neue Augen.

    Vom Regenwald ins Weltgeschehen

    Doch Jane Goodall blieb nicht im Dschungel. Ab den 1980er Jahren wandelte sie sich von der Forscherin zur Aktivistin. Sie reiste, sprach, forderte. Sie kämpfte gegen Wildtierhandel, gegen die Vernichtung von Lebensräumen, gegen das Verstummen der Artenvielfalt.

    1977 gründete sie das Jane Goodall Institute. Es war mehr als eine Stiftung – es war eine Vision. Naturschutz, so glaubte sie, funktioniert nur, wenn man Menschen mitnimmt: lokale Gemeinschaften, junge Generationen, politische Entscheidungsträger. Ihr Bildungsprogramm „Roots & Shoots“ wurde zu einer globalen Bewegung, in der Kinder Bäume pflanzen, Umweltprojekte starten und lernen, dass auch kleine Taten große Kreise ziehen.

    Die Macht der leisen Revolution

    Jane Goodall war nie laut. Aber sie hatte eine Präsenz, die Räume veränderte. Ihre Stimme – sanft, aber bestimmt. Ihre Sprache – klar, niemals belehrend. Ihre Haltung – immer von Respekt getragen, vor Mensch und Tier.

    Und dennoch war sie unbequem. Sie sprach unbeirrt von Verantwortung, von unserer Rolle als Teil, nicht als Herrscher der Natur. Ihr Leben war ein Appell: Seht hin. Hört zu. Handelt.

    2025, wenige Monate vor ihrem Tod, erhielt sie die Presidential Medal of Freedom – als Symbol dafür, wie weit ihre Botschaft gereist war. Vom Tanganyika der Sechzigerjahre bis in die politische Bühne der Welt heute.

    Was bleibt, wenn sie geht?

    Ihr Tod ist ein Verlust. Keine Frage. Aber vielleicht ist es mehr ein Übergang. Denn Jane Goodalls größter Beitrag war nie allein die Wissenschaft. Es war die Idee, dass Veränderung bei uns beginnt – in unserem Blick auf Tiere, auf Umwelt, aufeinander.

    Was also bleibt?

    Vier Spuren, die ihr Wirken hinterlässt:

    1. Empathie als Wissenschaftsprinzip:
    Sie zeigte, dass Beobachtung nicht kühl sein muss. Dass auch im Forschen Mitgefühl möglich ist. Ihre Methode war revolutionär – gerade weil sie menschlich war.

    2. Naturschutz als Gemeinschaftsaufgabe:
    Goodall glaubte nicht an Lösungen von oben. Sie glaubte an Engagement von innen. Ihr Vermächtnis ist partizipativ, inklusiv, dezentral.

    3. Eine globale Stimme für das Stumme:
    Ob beim Weltwirtschaftsforum oder vor Schüler:innen in ländlichen Schulen – Goodall sprach für die, die selbst keine Stimme haben: Tiere, Pflanzen, Ökosysteme.

    4. Ein Netzwerk, das weiterwächst:
    Das Jane Goodall Institute lebt weiter. In Afrika, Europa, Asien. Ihr Denken ist kein Monument, sondern ein Samen, der weiter Früchte trägt.

    Und jetzt?

    Die Frage, die bleibt, ist keine kleine: Wer spricht jetzt für die Natur? Wer füllt die Lücke, wenn ihre Stühle leer bleiben, ihre Sätze verhallen?

    Die Antwort liegt womöglich in ihrem eigenen Glaubenssatz: Jeder Mensch kann einen Unterschied machen – jeden Tag.

    Sicher beginnt ihr Erbe nicht in Gedenkfeiern, sondern im Alltag. Beim Plastikverzicht. Beim Spaziergang mit offenen Augen. Beim Gespräch mit Kindern über Tiere. Beim Pflanzen eines Baumes.

    Denn was Jane Goodall uns gelehrt hat, ist nicht nur Biologie. Es ist eine Haltung. Eine Verbindung. Ein Blick auf das Leben, der leise sagt: Du bist Teil davon. Also kümmere dich.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Drôme: Siebter Wolf abgeschossen – zwischen Schutzinstinkt und Artenschutz

    Drôme: Siebter Wolf abgeschossen – zwischen Schutzinstinkt und Artenschutz

    In den Bergen über Châtillon-en-Diois fiel am 15. September 2025 ein einzelner Schuss – und mit ihm ein Wolf. Nicht der erste in diesem Jahr. Nicht der letzte im Land. Es war bereits der siebte Abschuss im Département Drôme seit Jahresbeginn. Frankreichweit summiert sich die Zahl der getöteten Wölfe 2025 inzwischen auf 138 – erlaubt sind maximal 192. Der Fall rückt einmal mehr ein Thema in den Fokus, das seit Jahren polarisiert: Wie viel Schutz braucht der Wolf? Und wie viel Schutz braucht das Schaf? Ein Angriff, ein Schuss – ein toter Wolf Die Szene spielt sich ab wie ein typisches Kapitel aus dem Buch des ländlichen Überlebens: Ein Wolf attackiert eine Schafherde. Die louveterie – staatlich beauftragte Jäger zur Regulierung von Wildtieren – schreitet ein. Der Abschuss erfolgt im Rahmen eines tir de défense simple, also eines Notwehr-Schusses während eines laufenden Angriffs. Rechtlich gedeckt, operativ durchdacht – und doch alles andere als unproblematisch. Denn diese Eingriffe, auch…

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  • Insel der Katzen – Wie Molène zwischen Idylle und Plage balanciert

    Insel der Katzen – Wie Molène zwischen Idylle und Plage balanciert

    Molène, ein winziger Fleck im Atlantik, irgendwo zwischen den Gezeiten und den Möwenschreien des Finistère. Kaum 120 Menschen leben hier – doch fast ebenso viele Katzen streunen durch Gassen und Gärten. Was einst romantisch klang, „die Insel der Katzen“, ist längst zum Problemfall geworden. Wenn Katzen das Kommando übernehmen Die Insulaner nennen sie „targazh“. Wilde Katzen, die nachts durch die Straßen jagen, Mülltonnen plündern und sich lautstark prügeln. Manchmal endet das Ganze nicht nur mit Kratzern an den Türen, sondern auch mit ernsthaften Verletzungen. Eine Frau etwa stürzte beim Gassigehen, weil eine Katze plötzlich ihren Hund attackierte – Armbruch. Solche Szenen sind auf einer so kleinen Insel Gesprächsthema Nummer eins. Bedrohung aus dem Unterholz Doch das eigentliche Drama spielt sich nicht in den Gärten der Bewohner ab, sondern draußen auf den Klippen und im Gestrüpp. Dort brütet die Sturmschwalben, die größte Ansammlung dieser winzigen Hochseevögel in ganz Europa. Für di…

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  • Ziegen-Alarm an der Côte Bleue: Wenn eine wilde Herde zur Plage wird

    Ziegen-Alarm an der Côte Bleue: Wenn eine wilde Herde zur Plage wird

    Eine Ziege im Wohnzimmer? Klingt wie eine schräge Anekdote aus einem Ferienhaus am Mittelmeer – ist aber für viele Anwohner westlich von Marseille inzwischen bittere Realität. Auf der Côte Bleue sorgt eine wachsende Population wilder Ziegen für Ärger, Gefahren im Straßenverkehr und ökologische Schäden. Was als kleine Herde begann, hat sich zu einer regelrechten Invasion entwickelt.

    Vom Helfer zum Störenfried Die Rede ist von den berühmten „Chèvres du Rove“. Diese alte, robuste Rasse mit ihren markanten, spiralförmig gedrehten Hörnern gilt als Symbol der Region. Ursprünglich wurden sie zur Landschaftspflege eingesetzt: Sie fressen Gestrüpp, halten Flächen frei und leisten so einen wichtigen Beitrag zur Brandprävention. Doch die Erfolgsgeschichte hat einen Haken. Vor fünf Jahren zählte man nur eine Handvoll Tiere – heute sind es mehr als 1.200. Sie streifen frei durch Straßen, springen über Gartenmauern und schrecken nicht davor zurück, durch offene Türen in Häuser einzudringen. Ein Bil…

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  • Elf Hunde tot in Durnes – Wenn der Tierschutz an seine Grenzen stößt

    Elf Hunde tot in Durnes – Wenn der Tierschutz an seine Grenzen stößt

    Es ist der 14. August 2025, als die Mitarbeiter der Société Protectrice des Animaux (SPA) in ein Haus in Durnes, im französischen Département Doubs, gerufen werden. Was sie dort finden, ist kaum in Worte zu fassen: elf Hundekadaver in fortgeschrittener Verwesung, auf dem Boden verstreut zwischen Müllbergen und Gestank. Drei abgemagerte Hunde und ein schwaches Kätzchen klammern sich an ihr Leben – ausgehungert, verdurstet, gezwungen, ihre eigene Urinlache zu trinken. Eine Szene wie aus einem Albtraum. Und doch bittere Realität. Eine Wiederholungstat, die schockiert Die Besitzerin des Hauses ist keine Unbekannte. Christelle T., 41 Jahre alt, war bereits im Dezember 2024 verurteilt worden – damals wegen Tierquälerei an Ponys im Parc Micaud in Besançon. Das Urteil schien zunächst ein Signal: Justiz und Gesellschaft dulden kein solches Verhalten. Doch die Frau durfte trotz ihrer Verurteilung weiterhin Tiere halten. Keine Auflagen, keine Verbote. Das Ergebnis sehen wir jetzt in Durnes. Elf t…

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  • Urlaub, Koffer, Hund im Straßengraben – Warum die Sommerzeit zum Alptraum für Haustiere wird

    Urlaub, Koffer, Hund im Straßengraben – Warum die Sommerzeit zum Alptraum für Haustiere wird

    Der Sommer – für viele die schönste Zeit des Jahres. Endlich raus, Sonne tanken, Abstand vom Alltag. Aber während sich die einen auf die Ferien freuen, beginnt für andere eine Zeit der Angst, der Verlassenheit, der Kälte – mitten im Juli.

    Die Leidtragenden sind nicht auf den ersten Blick sichtbar. Sie sitzen in Käfigen, warten auf Parkplätzen oder irren über Autobahnraststätten: ausgesetzte Haustiere, oft „geliebte“ Familienmitglieder, die plötzlich lästig werden, wenn der Urlaub ruft.

    Ein Drama, das sich jedes Jahr aufs Neue abspielt – und Frankreich wie Deutschland gleichermaßen betrifft.

    Frankreich hat dabei traurige Berühmtheit erlangt: Über 60.000 Tiere werden dort jedes Jahr während der Ferienzeit ausgesetzt. Hunde, Katzen, Kaninchen – achtlos zurückgelassen wie Sperrmüll. Als hätte ein Tier kein Recht auf ein verlässliches Zuhause. Und als sei die Beziehung zu einem Lebewesen einfach kündbar.

    Die Gründe? So banal wie bitter: spontane Anschaffungen, steigende Lebenshaltungskosten, fehlende Urlaubsbetreuung. Alles verständlich – aber nichts rechtfertigt das Aussetzen eines Tieres. Die Gesetze in Frankreich sind streng. Bis zu 30.000 Euro Strafe und drei Jahre Gefängnis drohen. Doch wie so oft: Papier ist geduldig, Kontrolle rar, die Konsequenzen meist nicht spürbar.

    Besonders dramatisch ist das Schicksal vieler Fundtiere in sogenannten „Fourrières“, den kommunalen Auffangstationen. Zehn Tage haben sie Zeit. Zehn Tage Hoffnung. Dann entscheidet das Schicksal: Einschläferung oder Tierheim. In ländlichen Regionen ist das ein Spiel mit sehr schlechten Karten.

    Und Deutschland? Steht kaum besser da.

    Auch hier schnellen die Zahlen in den Sommermonaten in die Höhe. Tierheime schlagen Alarm: Mehrere hunderttausend Tiere jährlich, viele davon in den Ferien. Die Geschichten dahinter gleichen sich: Urlaub, der neue Job, die Ferienwohnung, die Scheidung, das Kind, das keine Lust mehr auf den Hamster hat.

    Der Unterschied zu Frankreich liegt in der Organisation. Deutsche Tierheime sind meist spendenfinanziert, auf ehrenamtliches Engagement angewiesen – ein Kraftakt zwischen Herzblut und Hilflosigkeit. Doch auch hier stößt das System an seine Grenzen. Plätze sind knapp, Personal überfordert, Tiere traumatisiert.

    Und man fragt sich: Wie kann das sein?

    Wie kann ein Land, das sich selbst gern als tierlieb bezeichnet, so gleichgültig mit seinen Mitgeschöpfen umgehen? Wie kann ein Urlaub wichtiger sein als das Leben eines Tieres?

    Vielleicht liegt die Antwort in unserem Konsumverhalten. Tiere sind verfügbar – online, schnell, unkompliziert. Ein Klick, ein Herzchen, ein neuer Mitbewohner. Dass ein Haustier kein Gadget, sondern ein fühlendes Wesen ist, gerät da leicht in Vergessenheit.

    Was fehlt, ist Bewusstsein.

    Aufklärung. Konsequenz. Und der Mut, Verantwortung nicht nur zu übernehmen, sondern sie auch zu tragen.

    Denn ein Haustier zu halten heißt: Auch im Alltag da sein. Auch in schwierigen Zeiten. Auch, wenn die Ferien locken.

    In Frankreich wie in Deutschland ist das Aussetzen eines Tieres keine Lappalie. Es ist ein Akt der Gleichgültigkeit – und oft der Anfang eines langen Leidenswegs. Für die Tiere. Für die Helfer. Für ein System, das schon lange überlastet ist.

    Vielleicht ist genau jetzt der Moment, umzudenken.

    Bevor der Koffer gepackt wird – überlegen: Wohin mit dem Hund? Wer kümmert sich um die Katze? Habe ich wirklich langfristig Zeit, Geld, Energie für ein Haustier? Fragen, die über Leben und Tod entscheiden können.

    Denn der Sommer darf alles sein – nur keine Saison der grausamen Wegwerfmentalität.

    Autor: Andreas M. Brucker