Schlagwort: Sonntagsausgabe

  • Paris erwartet 600.000 Gläubige zu Papstmesse

    Paris erwartet 600.000 Gläubige zu Papstmesse

    Paris kennt große Menschenmengen. Jubelnde Fußballfans, Demonstrationen, Konzerte und historische Feiern gehören zum Bild der französischen Hauptstadt. Doch am 26. September 2026 dürfte sich im Herzen der Metropole eine Menschenmenge versammeln, die selbst für Pariser Verhältnisse außergewöhnlich ausfällt: Mindestens 500.000 bis 600.000 Gläubige sollen an der großen Messe mit Papst Leo XIV. teilnehmen.

    Und dabei dürfte noch Luft nach oben sein.

    Die Organisatoren rechnen angesichts der bisherigen Anmeldungen inzwischen mit einem enormen Andrang. Die Place de la Concorde, die Champs Élysées und das Gebiet rund um den Arc de Triomphe verwandeln sich für einige Stunden in eine riesige Kirche unter freiem Himmel.

    Man stelle sich dieses Bild vor: Hunderttausende Menschen stehen auf einer der berühmtesten Straßen Europas, Familien neben Pilgern, Jugendliche neben Ordensleuten, Pariser neben Besuchern aus allen Teilen Frankreichs und vermutlich aus zahlreichen Nachbarländern.

    Wann erlebt Paris schon einmal eine solche Kulisse?

    Die Messe bildet den Höhepunkt der ersten offiziellen Frankreichreise von Papst Leo XIV., die vom 25. bis 28. September geplant ist. Vier Tage lang stehen politische Gespräche, religiöse Feiern und Begegnungen mit unterschiedlichen Teilen der französischen Gesellschaft auf dem Programm.

    Zu Beginn seiner Reise trifft Leo XIV. Präsident Emmanuel Macron im Élysée Palast. Auch eine Rede bei der UNESCO gehört zum Programm. Eine Fahrt mit dem Papamobil durch Paris dürfte anschließend zahlreiche Menschen an die Straßen locken.

    Besonders symbolträchtig verspricht der Besuch von Notre Dame zu sein. Dort feiert der Papst die Vesper. Die nach dem verheerenden Brand von 2019 restaurierte Kathedrale rückt damit erneut ins Zentrum eines internationalen kirchlichen Ereignisses — ein Moment voller Geschichte und Emotionen.

    Auch die junge Generation erhält ihren großen Auftritt.

    Rund 80.000 Jugendliche sollen zu einer gemeinsamen Vigil im Stade de France zusammenkommen. Wo sonst Fußballspiele und Konzerte Zehntausende begeistern, stehen an diesem Abend Gebete, Musik und Begegnungen im Mittelpunkt. Gerade solche Veranstaltungen entwickeln bei Papstreisen oft ihre ganz eigene Dynamik: weniger Protokoll, mehr spontane Begeisterung.

    Dann folgt die große Messe mitten in Paris.

    Wie organisiert man eigentlich eine Veranstaltung, deren Besucherzahl der Bevölkerung einer ganzen Großstadt entspricht?

    Allein die Zahlen zeigen die Dimension. Rund 12.000 freiwillige Helfer sollen die Pilger empfangen, informieren und durch die verschiedenen Bereiche führen. Entlang der Champs Élysées sind 42 Großbildschirme vorgesehen. So lässt sich die Feier auch dort verfolgen, wo der eigentliche Altar längst nur noch als kleiner Punkt in der Ferne erscheint.

    Hinzu kommt ein gewaltiges Sicherheitskonzept. Rund 14.000 Polizisten und Gendarmen sollen im Einsatz sein. Bei der Planung greifen die Verantwortlichen auf Erfahrungen der Olympischen Spiele von Paris zurück. Kontrollierte Zugänge, abgesicherte Bereiche und eine genaue Steuerung der Besucherströme gehören zum Konzept.

    Kurz gesagt: Paris fährt ziemlich groß auf.

    Nach den Bildern der riesigen Menschenmenge erhält die Reise in Lourdes einen stilleren und ernsteren Charakter. Dort soll Leo XIV. unter anderem Opfer sexuellen Missbrauchs treffen. Zudem steht die berühmte Lichterprozession auf dem Programm. Tausende Kerzen, Gebete und Gesänge prägen seit Jahrzehnten die besondere Atmosphäre des Wallfahrtsortes.

    Die letzte Station führt den Papst nach Metz. Dort richtet sich der Blick auf Frieden in Europa und das politische Erbe Robert Schumans, eines der Wegbereiter der europäischen Einigung.

    Sollten sich die bisherigen Erwartungen bestätigen, erlebt Frankreich Ende September eines seiner größten katholischen Treffen seit Jahrzehnten. Doch vermutlich erzählen die bloßen Zahlen nur einen Teil der Geschichte.

    Denn zwischen 600.000 Menschen entstehen auch 600.000 persönliche Geschichten: Menschen reisen aus Glauben an, aus Neugier, aus Hoffnung oder schlicht deshalb, weil sie einen historischen Moment miterleben möchten.

    Und Paris?

    Für einen Tag verwandelt sich seine berühmteste Prachtachse in einen riesigen Pilgerweg.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Alpe d’Huez: Nervenkitzel über dem Lac Besson

    Alpe d’Huez: Nervenkitzel über dem Lac Besson

    Mehr als 2300 Meter über dem Meer, tief unten das türkisblaue Wasser des Lac Besson und vor den Augen die mächtigen Gipfel des Oisans: In Alpe d’Huez wartet ein Bergerlebnis, bei dem selbst erfahrene Wanderer kurz innehalten dürften. Ein spektakulärer Höhenweg führt direkt an den Felsen entlang und verbindet Nervenkitzel mit einem jener Sonnenuntergänge, für die man gern noch ein paar Minuten länger in der Kälte stehen bleibt.

    Dabei richtet sich das Erlebnis keineswegs nur an hartgesottene Bergsteiger.

    Die Teilnehmer tragen Helm und Klettergurt und bewegen sich entlang einer durchgehenden Sicherung. Der Weg schmiegt sich an die Felswand, während sich daneben der Abgrund öffnet. An manchen Stellen liegen rund 70 Meter zwischen den Wanderern und dem Wasser des Lac Besson. Das klingt erst einmal nach einer ziemlich wilden Nummer – doch gerade die Sicherung macht das Erlebnis auch für Menschen interessant, die normalerweise keine ausgesetzten Kletterrouten unter die Bergschuhe nehmen.

    Zwischen Fels, Himmel und See

    Rund 40 Minuten dauert der Parcours. Auf dem Papier klingt das überschaubar. In der Höhe bekommt Zeit allerdings einen anderen Rhythmus.

    Ein Schritt, ein Blick ins Tal, noch ein Schritt.

    Über den Felsen breitet sich die Landschaft des Oisans aus. Almen, Bergseen und schroffe Gipfel bilden eine Kulisse, die sich mit jeder Minute verändert. Besonders am Abend zeigt die Natur ihre große Bühne. Die Sonne sinkt langsam hinter die Bergkämme, Schatten wandern über die Hänge und das Licht färbt die Felsen erst golden, später rötlich und schließlich beinahe violett.

    Wer denkt bei einem solchen Anblick noch an die Uhr?

    Gerade dieser Übergang vom Tag zum Abend verleiht der Tour ihren besonderen Charakter. Während Alpe d’Huez tagsüber von Wanderern, Mountainbikern und Urlaubern belebt erscheint, kehrt am Abend allmählich Ruhe ein. Stimmen verstummen, die Luft fühlt sich kühler an und irgendwo weit unten spiegeln die letzten Sonnenstrahlen auf dem Wasser.

    Dann gehört die Bühne den Bergen.

    Die Alpen suchen neue Abenteuer

    Das Angebot passt zu einer Entwicklung, die sich in vielen französischen Bergregionen beobachten lässt. Ferienorte setzen längst nicht mehr ausschließlich auf Skipisten im Winter und klassische Wanderwege im Sommer. Gesicherte Felsrouten, Panoramawege, Hängebrücken und besondere Abendtouren bringen Besucher näher an die alpine Landschaft.

    Alpe d’Huez greift diese Idee besonders konsequent auf. Auch andere Angebote rund um den Sonnenuntergang verbinden Höhe, Natur und Erlebnis. Das Ziel dahinter liegt auf der Hand: Die Berge sollen nicht bloß Kulisse für sportliche Aktivitäten sein, sondern selbst zum Erlebnisraum avancieren.

    Und mal ehrlich: Wann sieht ein Berg schöner aus als in jenem Moment, in dem die letzten Sonnenstrahlen über seine Flanken ziehen?

    Respekt vor der Höhe bleibt Pflicht

    Trotz Sicherung verlangt die Tour Aufmerksamkeit. Trittsicherheit und eine solide körperliche Verfassung gehören dazu. Wer schon beim Blick von einem Balkon im fünften Stock weiche Knie bekommt, dürfte auf dem ausgesetzten Abschnitt wenig Freude verspüren.

    Auch das Wetter entscheidet mit.

    Starker Wind, Regen oder Gewitter verwandeln eine reizvolle Unternehmung schnell in ein Risiko. Anweisungen der Begleiter und aktuelle Wetterbedingungen besitzen deshalb Vorrang vor dem Wunsch nach dem perfekten Urlaubsfoto.

    Für Fotografen lohnt sich vor allem die Zeit kurz vor Sonnenuntergang. Das flache Licht zeichnet Konturen in die Felsen, lässt das Gras der Hochalmen leuchten und verleiht dem Lac Besson intensive Farben.

    Doch vielleicht liegt der schönste Moment ohnehin nicht auf der Speicherkarte.

    Vielleicht entsteht er genau dann, wenn man die Kamera einmal sinken lässt, tief durchatmet und über dem See steht, während der Tag langsam hinter den Gipfeln verschwindet. Alpe d’Huez zeigt hier eine andere Seite der Alpen: stiller als eine Skipiste, aufregender als ein gewöhnlicher Spaziergang und nah genug am Abgrund, um das Herz ein bisschen schneller schlagen zu lassen.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Lautlos über dem Pic Saint Loup

    Lautlos über dem Pic Saint Loup

    Sie tauchen oft auf, ohne sich anzukündigen.

    Ein schlanker weißer Segler gleitet über die hellen Kalkfelsen des Pic Saint Loup, legt sich sanft in eine Kurve und zieht einen weiten Kreis durch den südfranzösischen Himmel. Kein Motorenlärm begleitet ihn. Kein Dröhnen kündigt seine Ankunft an. Von Cazevieille, Saint Martin de Londres oder Mas de Londres aus gehört dieser Anblick längst zum Alltag – und trotzdem schauen viele Menschen noch immer nach oben.

    Denn über dem markanten Berg nördlich von Montpellier spielt sich seit Jahrzehnten ein stilles Schauspiel ab.

    Der Pic Saint Loup zählt nicht nur zu den bekanntesten Bergen des Hérault. Für Segelflieger besitzt er eine besondere Bedeutung. Seine steile Nordseite und die umliegenden Höhenzüge formen Luftströmungen, die Piloten geschickt nutzen. Trifft Wind auf die Felsen, steigt die Luft nach oben. An sonnigen Tagen entstehen zusätzlich warme Luftsäulen, sogenannte Thermiken.

    Für Segelflieger sind sie so etwas wie unsichtbare Aufzüge.

    Nach dem Start zieht meist ein Motorflugzeug den Segler in die Höhe. Dann löst der Pilot das Schleppseil. Der Motor verschwindet mit dem vorausfliegenden Flugzeug und plötzlich herrscht Ruhe. Von diesem Moment an entscheidet das Gespür für Wind, Wetter und Landschaft darüber, wohin die Reise führt.

    Wie weit trägt einen eigentlich Luft, die man weder sehen noch anfassen kann?

    Erstaunlich weit.

    Erfahrene Piloten legen an guten Tagen mehrere hundert Kilometer zurück. Die umliegenden Landschaften mit dem Hortus, der Séranne und den ersten Ausläufern der Cevennen bieten dafür ausgezeichnete Bedingungen. Der Pilot kreist zunächst in einer aufsteigenden Luftströmung, gewinnt Höhe und gleitet anschließend mit hoher Geschwindigkeit zur nächsten Thermik.

    Von unten sieht das alles ziemlich gemütlich aus.

    Am Flugplatz von Mas de Londres pflegt der Centre de Vol à Voile de Montpellier Pic Saint Loup eine Tradition, deren Wurzeln bis in die 1950er Jahre reichen. Anfänger treffen dort auf erfahrene Piloten, Freizeitflieger auf Teilnehmer großer Wettbewerbe. Verschiedene Segelflugzeuge stehen bereit, darunter doppelsitzige Maschinen für Ausbildung und erste Flugerlebnisse sowie leistungsfähige Segler für lange Strecken.

    Besonders faszinierend wirkt das Schauspiel im Frühjahr und Sommer. Dann genügt manchmal ein Blick nach oben, um mehrere weiße Flugzeuge zu entdecken, die gemeinsam ihre Kreise ziehen.

    Und gelegentlich bekommen sie Gesellschaft.

    Große Greifvögel nutzen dieselben aufsteigenden Luftmassen. Ein Segelflugzeug und ein Vogel kreisen dann scheinbar gemeinsam über der Landschaft. Der eine vertraut auf Instinkt, der andere zusätzlich auf Instrumente und meteorologisches Wissen. Beide suchen jedoch dasselbe: den besten Weg nach oben.

    Wer hat hier wohl von wem gelernt?

    Auch Besucher müssen nicht am Boden bleiben. Bei Einführungsflügen lässt sich die Landschaft rund um den Pic Saint Loup aus einem doppelsitzigen Segelflugzeug erleben. Besonders eindrucksvoll ist jener Augenblick, in dem sich das Schleppseil löst. Das Motorflugzeug entfernt sich, sein Geräusch verblasst – und plötzlich hört man fast nur noch die Luft an der Haube vorbeistreichen.

    Unter den Tragflächen verwandelt sich die Landschaft.

    Dörfer sehen wie Modelle aus, Straßen ziehen sich als dünne Linien durch die Garrigue und Weinberge bilden ein geometrisches Mosaik. Bei klarer Sicht reicht der Blick über die Cevennen und mit etwas Glück bis zur Mittelmeerküste.

    Der Segelflug zeigt dabei eine ungewöhnlich ursprüngliche Form des Fliegens. Zwar braucht der Start meist motorisierte Hilfe, danach nutzt der Pilot jedoch vor allem die Kräfte der Atmosphäre. Technik und Natur arbeiten nicht gegeneinander, sondern miteinander.

    Am Pic Saint Loup gehört dieses lautlose Ballett inzwischen zur Landschaft. Wanderer bleiben stehen, Winzer blicken aus ihren Reben nach oben und Bewohner der umliegenden Dörfer erkennen längst jene Tage, an denen besonders viele Segler unterwegs sind.

    Dann verschwindet wieder eine weiße Silhouette hinter dem Berg.

    Zurück bleibt für einen Moment nur der blaue Himmel – und der Gedanke, dass Fliegen manchmal am schönsten wirkt, wenn man es kaum hört.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Wo der Herbst nach Walnüssen duftet

    Wo der Herbst nach Walnüssen duftet

    Es riecht warm, nussig und ein wenig nach geröstetem Brot. In der Mühle knirschen die Steine, irgendwo schlägt Metall gegen Holz, und aus einer Presse läuft langsam ein dünner goldener Strahl in ein Gefäß.

    Walnussöl.

    Wer an diesem Morgen im Périgord die Tür einer alten Ölmühle öffnet, versteht ziemlich schnell, warum man die Walnuss hier einst das „Gold des Périgord“ nannte.

    Sie gehört zu dieser Landschaft wie die hellen Kalksteinhäuser, die Burgen über der Dordogne und die Märkte, auf denen Käse, Brot und Entenpasteten dicht nebeneinanderliegen. Ihre Geschichte reicht erstaunlich weit zurück. Archäologen fanden in der Region Walnussschalen, die rund 17.000 Jahre alt sind.

    Die Menschen hier kannten den Geschmack also lange bevor jemand auf die Idee kam, daraus eine touristische Route zu machen.

    Eine Straße für Genießer

    Heute verbindet die Route de la Noix mehr als vierzig Stationen in der Dordogne, im Lot und in der Corrèze. Sie führt durch Walnusshaine, zu Bauernhöfen und Mühlen, vorbei an Restaurants, kleinen Läden und einigen der schönsten Orte Südwestfrankreichs.

    Sarlat liegt auf dem Weg, ebenso Domme, Martel und das rot leuchtende Collonges la Rouge.

    Doch diese Reise lebt nicht allein von ihren berühmten Dörfern.

    Sie lebt von Begegnungen.

    Im Moulin de Vielcroze bei Castelnaud la Chapelle lässt sich verfolgen, wie Walnusskerne zerkleinert, erwärmt und anschließend gepresst werden. Das klingt zunächst wenig romantisch. Doch sobald der Duft gerösteter Nüsse den Raum erfüllt, sieht die Sache anders aus.

    Dann kommt ein Stück Brot auf den Tisch.

    Ein paar Tropfen frisches Öl darüber.

    Mehr braucht es nicht.

    Kann ein Lebensmittel eine ganze Landschaft erzählen?

    Hier lautet die Antwort ziemlich eindeutig: ja.

    Wenn die Mühlsteine sprechen

    Auch im Moulin de la Veyssière in Neuvic sur l’Isle dreht sich seit Generationen vieles um die Walnuss. Alte Mühlsteine arbeiten dort weiter, während Besucher zuschauen, riechen und probieren.

    Das Öl schmeckt mal mild, mal kräftig geröstet, manchmal beinahe süßlich.

    Und plötzlich merkt man, wie wenig Aufmerksamkeit man einem alltäglichen Produkt normalerweise schenkt.

    Die Walnuss selbst zeigt ebenfalls verschiedene Gesichter. Vier traditionelle Sorten stehen besonders für den Périgord: Franquette, Marbot, Corne und Grandjean.

    Im Écomusée de la Noix bei Castelnaud erzählen Werkzeuge, Pressen und alte Arbeitsgeräte von jener Zeit, als der Walnussanbau für viele Familien über Wohlstand oder karge Jahre entschied.

    Im Mittelalter besaßen die Früchte sogar einen solchen Wert, dass sie gelegentlich als Tauschmittel dienten.

    Das Gold auf dem Fluss

    Über Jahrhunderte transportierten Lastkähne große Mengen Walnüsse auf der Dordogne Richtung Bordeaux. Von dort gelangten sie weiter nach England, Deutschland und in die Niederlande.

    Der Fluss war damals Handelsstraße, Lebensader und manchmal vermutlich auch Nervensäge zugleich — je nachdem, wie freundlich Wetter und Wasserstand gerade mitspielten.

    Heute reist man gemütlicher.

    Und am schönsten vielleicht im Herbst.

    Ab Mitte September beginnt die Ernte. Die Walnusshaine wechseln langsam ihre Farbe, Körbe füllen sich mit frischen Nüssen und in den Mühlen startet die arbeitsreichste Zeit.

    Bäckereien verkaufen kräftiges Walnussbrot. Konditoreien backen Tartes. Restaurants kombinieren geröstete Kerne mit Käse oder Salaten. Dazu kommt der traditionelle Vin de Noix.

    Wer wollte da ernsthaft Kalorien zählen?

    Eine Reise, die Zeit verlangt

    Die Route de la Noix eignet sich nicht für Eilige.

    Ihr Reiz liegt gerade im Anhalten: bei einem Bauernhof, einer alten Mühle, einem Markt oder einem kleinen Laden, dessen Tür man beinahe übersehen hätte.

    Man reist von Dorf zu Dorf, probiert ein Stück Brot, hört Geschichten und schaut einem Handwerk zu, das in dieser Landschaft seit Generationen weiterlebt.

    Und irgendwann versteht man, dass die Walnuss hier weit mehr als eine Zutat ist.

    Sie ist Erinnerung, Arbeit, Handel und Genuss zugleich.

    Vor allem aber schenkt sie dem Périgord etwas, das sich kaum ins Navigationsgerät eingeben lässt: einen eigenen Geschmack.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Mayenne: Frankreichs stille Schatzkammer

    Mayenne: Frankreichs stille Schatzkammer

    Auf den ersten Blick gehört die Mayenne wohl kaum zu jenen französischen Reisezielen, bei denen sofort Urlaubsbilder im Kopf entstehen. Kein Eiffelturm, keine Côte d’Azur, keine weltberühmten Weinberge. Und genau darin liegt ihr Reiz.

    Denn wer sich auf dieses stille Stück der Pays de la Loire einlässt, entdeckt Orte, die lange im Gedächtnis bleiben – manchmal skurril, manchmal berührend und gelegentlich ziemlich überraschend.

    Zwischen Drachen und Giganten

    In Cossé le Vivien wartet einer der ungewöhnlichsten Kunstorte Frankreichs: das Musée Robert Tatin.

    Schon der Weg hinein wirkt wie der Beginn einer fantastischen Geschichte. Neunzehn monumentale Figuren säumen die berühmte Allée des Géants. Manche erinnern an Wächter, andere an Wesen aus einer fremden Mythologie.

    Was hat einen Künstler dazu gebracht, mitten in der Mayenne eine solche Welt zu erschaffen?

    Robert Tatin war Maler, Bildhauer und Keramiker – vor allem aber ein Mann mit grenzenloser Vorstellungskraft. Mehr als zwanzig Jahre verwandelte er sein Anwesen in eine riesige begehbare Kunstlandschaft. Reisen, Religionen, Mythen und Erinnerungen verschmolzen dort zu einer ganz eigenen Sprache.

    Drachen tauchen zwischen Mauern auf, Reliefs erzählen rätselhafte Geschichten, Gärten besitzen symbolische Bedeutungen. Wer hier entlanggeht, besucht keinen klassischen Museumsbau. Man spaziert vielmehr durch den Kopf eines Künstlers.

    Seit 2022 steht Tatins außergewöhnliches Lebenswerk unter Denkmalschutz.

    Art déco unter der Dusche

    Ganz anders, aber nicht weniger überraschend präsentiert sich Laval.

    Zwischen 1925 und 1927 entstanden dort öffentliche Badehäuser, die einst vor allem einem praktischen Zweck dienten: Hygiene für Menschen, deren Wohnungen kein eigenes Badezimmer besaßen.

    Heute zählen die ehemaligen Bains Douches zu den schönsten Art déco Zeugnissen der Stadt.

    Besonders eindrucksvoll sind die Mosaiken von Isidore Odorico. Blaue und goldene Farbtöne, geometrische Muster und elegante Schmiedearbeiten verwandeln die früheren Duschräume in kleine Kunstwerke. Da staunt man nicht schlecht – ausgerechnet dort, wo früher Seife und Handtücher zum Alltag gehörten.

    Nach der Schließung im Jahr 2003 erhielt das Gebäude eine sorgfältige Restaurierung. Heute dienen die Räume Ausstellungen und kulturellen Veranstaltungen.

    Erinnerung, die bleibt

    Auch in der Stadt Mayenne erzählen frühere öffentliche Bäder eine Geschichte. Doch dort ist der Ton ernster.

    Die alten Räume beherbergen heute La Vigie, das Mémorial des Déportés de la Mayenne. Persönliche Gegenstände, Berichte von Überlebenden und ein Namenswall erinnern an Menschen aus dem Département, die während der nationalsozialistischen Besatzung deportiert wurden.

    Die Gestaltung bleibt bewusst zurückhaltend.

    Gerade deshalb trifft der Ort.

    Braucht Erinnerung große Gesten, um Menschen zu berühren? In La Vigie lautet die Antwort ganz eindeutig: nein.

    Römer und Schokolade

    Geschichtlich reicht die Mayenne allerdings noch viel weiter zurück. In Jublains begegnet man der gallorömischen Vergangenheit des Départements.

    Das antike Noviodunum gehörte einst zu den wichtigsten Orten der Diablintes. Heute lassen sich Überreste eines Theaters, von Thermen, eines Tempels und einer gewaltigen Festungsanlage erkunden. Zwischen alten Mauern und grünen Wiesen entsteht jene besondere Atmosphäre, bei der Geschichte plötzlich erstaunlich nah wirkt.

    Und irgendwann verlangt so viel Kultur nach einer süßen Pause.

    Die bietet die Mayenne ebenfalls. Kleine Chocolaterien in Laval und anderen Orten fertigen Pralinen, Ganaches und Tafeln oft noch in handwerklicher Tradition. Keine großen touristischen Inszenierungen, sondern kleine Geschäfte, in denen es nach Kakao riecht und die Auswahl schnell größer ausfällt als geplant.

    Tja, passiert.

    Der Charme des Unscheinbaren

    Vielleicht liegt genau hier das Geheimnis der Mayenne. Sie drängt sich nicht auf.

    Ihre Sehenswürdigkeiten stehen selten auf den berühmten Wunschlisten internationaler Frankreichreisender. Doch wer sich Zeit nimmt, begegnet außergewöhnlicher Kunst, römischer Geschichte, elegantem Art déco, bewegenden Erinnerungsorten und kleinen kulinarischen Entdeckungen.

    Die Mayenne flüstert eher, als dass sie ruft.

    Und vielleicht hört man gerade deshalb besonders gerne hin.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Marseille rückt näher an New York

    Marseille rückt näher an New York

    Ab Juni 2027 schrumpft der Atlantik für Marseille ein gutes Stück. United Airlines verbindet die südfranzösische Metropole täglich direkt mit New York Newark. Für die Provence bedeutet die neue Strecke weit mehr als einen zusätzlichen Eintrag auf dem Abflugplan – sie öffnet eine direkte Tür zu einem der wichtigsten und ausgabefreudigsten Reisemärkte der Welt.

    Am 5. Juni 2027 startet der erste Flug von Marseille Richtung New York. Bereits einen Tag zuvor hebt die erste Maschine in Newark nach Südfrankreich ab. United setzt einen Airbus A321XLR mit 150 Plätzen ein, darunter 20 Polaris Suiten mit vollständig flachstellbaren Sitzen. Für die Strecke nach New York sind rund neun Stunden und 15 Minuten vorgesehen.

    Vorbei also mit dem Umsteigen in Paris, Frankfurt, London oder Amsterdam.

    Was auf der Landkarte zunächst nach einer simplen neuen Fluglinie aussieht, besitzt für Marseille durchaus historischen Charakter. Noch nie zuvor nahm eine amerikanische Fluggesellschaft die Stadt mit einer Nonstopverbindung in ihr Netz auf. Newark spielt dabei eine besondere Rolle: United bietet von seinem dortigen Drehkreuz Anschlüsse zu mehr als 120 Zielen in den USA und auf dem amerikanischen Kontinent.

    Für Reisende aus Südfrankreich rücken damit nicht nur Manhattan und Brooklyn näher. Auch Städte wie Chicago, Los Angeles, Miami oder Denver lassen sich künftig mit nur einem Umstieg erreichen.

    Doch wirtschaftlich könnte die Gegenrichtung noch spannender ausfallen.

    Amerikaner lieben die Provence

    Rund 250.000 Menschen reisen bereits jedes Jahr zwischen Marseille und den Vereinigten Staaten. Fast die Hälfte davon stammt aus den USA. Gleichzeitig steigt das Interesse amerikanischer Gäste an Marseille deutlich.

    Zwischen Januar und Juli 2026 legten ihre Übernachtungen gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 18 Prozent zu. Besonders auffällig verlief der Frühsommer: Im Juni lag das Plus bei 45 Prozent, im Juli noch bei 31 Prozent.

    Warum sollte jemand aus New York ausgerechnet nach Marseille fliegen?

    Die Antwort liegt praktisch vor der Haustür des Flughafens: Marseille selbst mit seinem Alten Hafen, den Calanques und seiner lebhaften Gastronomie. Dazu kommen Aix en Provence, Arles, Avignon, die Camargue, der Luberon und weiter östlich die Côte d’Azur. Für viele amerikanische Urlauber klingt das ziemlich genau nach jenem Frankreich, das sie aus Filmen, Büchern und Reiseträumen kennen.

    Und diese Gäste lassen Geld in der Region.

    Amerikaner bilden inzwischen die größte ausländische Hotelkundengruppe in Provence Alpes Côte d’Azur. Rund 6,4 Millionen Übernachtungen pro Jahr gehen auf ihr Konto. Noch interessanter für Hoteliers, Gastronomen und Händler sind ihre Ausgaben: Im Durchschnitt geben US Gäste etwa 134 Euro pro Tag aus. Internationale Besucher insgesamt liegen bei rund 87 Euro, französische Urlauber bei 61 Euro.

    Da klingelt nicht nur an der Hotelrezeption die Kasse.

    Restaurants, Museen, Geschäfte, Autovermieter, Weingüter und Anbieter hochwertiger Freizeitangebote dürften ebenfalls profitieren. Gerade kleinere Orte im Hinterland könnten neue Gäste erreichen, sofern es gelingt, sie geschickt mit Marseille zu verknüpfen.

    Ein neues Tor zum Süden

    Die Verbindung trifft auf eine Region, deren internationaler Tourismus weiter wächst. Ausländische Gäste stellen mittlerweile rund 37 Prozent der Besucher in Provence Alpes Côte d’Azur. Besonders dynamisch entwickeln sich die amerikanischen und asiatischen Märkte.

    Marseille wiederum arbeitet seit Jahren daran, sein altes Image als reine Hafenstadt abzustreifen. Neue Kulturangebote, internationale Veranstaltungen, moderne Stadtviertel und eine immer sichtbarere Gastronomieszene verändern den Blick auf die Metropole.

    Eine tägliche Verbindung mit New York passt perfekt in dieses Bild.

    Bleibt nur die Frage: Wird aus der neuen Flugroute tatsächlich ein dauerhafter wirtschaftlicher Höhenflug?

    Die Voraussetzungen sehen gut aus. Die Nachfrage existiert bereits, amerikanische Besucher kommen zahlreicher denn je und der lästige Zwischenstopp entfällt. Ab Sommer 2027 trennt Manhattan von Marseille im besten Fall nur noch ein Nachtflug – und für die Provence könnte genau diese Verbindung erstaunlich weit reichen.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Trikolore auf dem Schulhof

    Trikolore auf dem Schulhof

    Wenn Anfang September in Nizza die Schultore wieder aufgehen, sollen zwischen Pausenhof, Platanen und Basketballkörben nach und nach neue Fahnenmasten auftauchen. Oben weht Blau, Weiß, Rot. Nizzas Bürgermeister Éric Ciotti möchte den französischen Nationalfarben sichtbar mehr Raum im Schulalltag geben. Bis zu den Allerheiligenferien sollen die öffentlichen Elementarschulen der Stadt schrittweise mit Fahnenmasten ausgestattet sein. Ein erster Mast steht bereits. Doch Ciotti denkt weiter. Er möchte mit dem Rektorat darüber sprechen, regelmäßig die französische Flagge zu hissen und solche Zeremonien mit der Marseillaise zu begleiten. Schüler könnten dann gemeinsam an einer sogenannten Levée des couleurs teilnehmen — einem Fahnenappell, wie man ihn eher von offiziellen Gedenkveranstaltungen oder militärischen Zeremonien kennt. Für Ciotti geht es um Zugehörigkeit. Kinder sollen früh lernen, welche Symbole die Französische Republik repräsentieren und weshalb diese Symbole Menschen mit sehr u…

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  • Wenn die Brille heimlich filmt

    Wenn die Brille heimlich filmt

    Eine kurze Begegnung auf der Straße. Ein fremder Mann spricht eine Frau an, sie antwortet freundlich, vielleicht etwas überrascht. Zwei Menschen unterhalten sich ein paar Minuten. Danach geht jeder seiner Wege.

    So könnte die Geschichte enden.

    Doch Tage später entdeckt die Frau ihr Gesicht im Internet. TikTok, Instagram oder YouTube zeigen genau jene Begegnung, die sie für ein privates Gespräch hielt. Hunderttausende Menschen sehen zu. Fremde kommentieren ihr Aussehen, ihre Gesten, ihre Antworten. Manche urteilen über ihre Attraktivität, andere machen sich lustig oder diskutieren darüber, ob sie richtig auf den Mann reagiert habe.

    Nur eines wusste sie während des Gesprächs nicht: Die Brille ihres Gegenübers zeichnete alles auf.

    Mehrere Frauen in Frankreich berichten inzwischen von solchen Erlebnissen mit vernetzten Brillen, deren eingebaute Kameras Videos aus der Perspektive des Trägers aufnehmen. Einige Betroffene erstatteten Anzeige.

    Eine Frau beschreibt ihr Gefühl mit einem Satz, der weit über diesen einzelnen Fall hinausweist: „On a abusé de ma confiance.“

    Man habe ihr Vertrauen missbraucht.

    Genau darum geht es.

    Die Kamera verschwindet aus dem Blickfeld

    Menschen kennen Kameras.

    Wer auf einer Straße einen Mann sieht, der sein Smartphone sichtbar auf eine andere Person richtet, erkennt meist sofort, was passiert. Das Telefon verändert die Situation. Viele reagieren automatisch anders, drehen sich weg oder fragen, weshalb jemand filmt.

    Bei einer vernetzten Brille fehlt dieser offensichtliche Moment.

    Sie sieht zunächst aus wie eine gewöhnliche Brille. Die Kamera sitzt im Rahmen, klein und unauffällig. Manche Modelle zeigen mit einer Leuchte, dass eine Aufnahme läuft. Doch im Alltag nimmt nicht jeder dieses Signal wahr oder versteht sofort dessen Bedeutung.

    Damit verschiebt sich etwas Grundsätzliches.

    Die gefilmte Person verliert die Gelegenheit, ihre Entscheidung vor Beginn der Aufnahme bewusst zu treffen.

    Sie redet.

    Sie lächelt.

    Sie erzählt vielleicht etwas Persönliches.

    Und glaubt, mit einem Menschen zu sprechen — nicht mit einem zukünftigen Publikum.

    Was bedeutet Zustimmung noch, wenn man erst nach einem Gespräch erfährt, dass dieses Gespräch längst aufgezeichnet wurde?

    Diese Frage steht im Zentrum der Kontroverse.

    Authentisch für wen?

    Einige Produzenten solcher Videos verteidigen ihre Methode mit einem Begriff, der in sozialen Netzwerken beinahe zum Gütesiegel aufgestiegen ist: Authentizität.

    Die Begegnungen sollen spontan wirken. Keine Schauspieler, keine abgesprochenen Dialoge, keine gestellten Szenen. Zuschauer sollen erleben, wie ein Flirt auf der Straße „wirklich“ funktioniert.

    Besonders im Bereich des sogenannten Dating Coachings besitzt dieses Format einen erheblichen Reiz. Ein Mann spricht fremde Frauen an, kommentiert später seine Vorgehensweise und erklärt seinem Publikum, welche Formulierung funktioniert habe und welche nicht.

    Die Frau wird dabei vom Gesprächspartner zum Anschauungsmaterial.

    Und genau dort beginnt das Problem.

    Natürlich darf ein Mensch eine andere Person auf der Straße ansprechen. Ein Gespräch im öffentlichen Raum gehört zum normalen Leben. Doch eine Kamera verändert die Beziehung zwischen beiden Beteiligten fundamental.

    Der eine weiß, dass ein Publikum zusieht.

    Die andere weiß es nicht.

    Der eine produziert Inhalt.

    Die andere glaubt, sich lediglich zu unterhalten.

    Der eine entscheidet über Schnitt, Veröffentlichung und Kontext.

    Die andere erfährt möglicherweise erst davon, wenn Freunde ihr den Link schicken.

    Das ist keine Begegnung auf Augenhöhe.

    Millionen Augen statt zwei

    Für Betroffene endet die Sache nicht mit dem Hochladen eines Videos.

    Das Internet besitzt ein langes Gedächtnis und eine ziemlich kurze Aufmerksamkeitsspanne — eine ungünstige Kombination.

    Innerhalb weniger Stunden verbreitet ein Algorithmus ein Video an Tausende oder Hunderttausende Menschen. Kommentare sammeln sich darunter. Ausschnitte tauchen auf anderen Accounts auf. Nutzer speichern, teilen oder bearbeiten Szenen.

    Was ursprünglich wenige Minuten auf einem Bürgersteig dauerte, entwickelt plötzlich ein zweites Leben.

    Eine Frau steht dann nicht mehr einem einzigen Mann gegenüber.

    Sie steht einem Publikum gegenüber, das sie nie eingeladen hat.

    Besonders verletzend wirken Kommentare über Körper, Kleidung oder Verhalten. Menschen analysieren Gesichtsausdrücke, bewerten Attraktivität oder unterstellen Absichten. Manche tun das mit jener bemerkenswerten Rücksichtslosigkeit, die sich offenbar leichter entwickelt, sobald zwischen Mensch und Bildschirm ein paar Zentimeter Glas liegen.

    Für die betroffene Person bleibt das nicht abstrakt.

    Sie erkennt ihr Gesicht.

    Ihre Stimme.

    Ihre Bewegungen.

    Vielleicht erkennen Kollegen, Freunde oder Verwandte sie ebenfalls.

    Aus einem harmlosen Gespräch entsteht eine öffentliche Darstellung, über deren Rahmen sie keine Kontrolle besitzt.

    Zustimmung nach der Aufnahme

    Einige Videoproduzenten erklären, sie fragten die gefilmten Personen nach dem Gespräch um Erlaubnis.

    Das klingt zunächst nach einer Lösung.

    Ist es aber nicht automatisch.

    Denn eine freie Zustimmung setzt voraus, dass jemand versteht, worin er einwilligt. Dazu gehören nicht nur die Aufnahme selbst, sondern möglichst auch deren Zweck und geplante Veröffentlichung.

    Ein Gespräch, das bereits vollständig aufgezeichnet vorliegt, schafft eine andere Situation.

    Die betroffene Person steht möglicherweise noch immer ihrem Gesprächspartner gegenüber. Vielleicht fühlt sie sich überrumpelt. Vielleicht möchte sie höflich bleiben. Vielleicht versteht sie nicht, wie groß dessen Onlinepublikum tatsächlich ist.

    Ein schnelles „Ist es okay, wenn ich das poste?“ besitzt deshalb nicht zwangsläufig denselben Wert wie eine vorherige, klare Zustimmung.

    Und mal ehrlich: Wer denkt in einem solchen Moment sofort an Reichweite, Kommentare, Weiterverwendung und Screenshots?

    Das Machtgefälle bleibt bestehen.

    Der Produzent kennt das Format und sein Publikum.

    Die gefilmte Person kennt beides womöglich nicht.

    Öffentlichkeit bedeutet nicht Rechtlosigkeit

    Die Diskussion berührt eine verbreitete Vorstellung: Wer sich auf einer öffentlichen Straße befindet, müsse damit rechnen, gefilmt zu werden.

    So einfach funktioniert es in Frankreich nicht.

    Zwar unterscheidet sich eine Aufnahme im öffentlichen Raum grundsätzlich von einer heimlichen Kamera in einer privaten Wohnung oder einem geschützten persönlichen Bereich. Doch daraus folgt kein grenzenloses Recht, identifizierbare Personen beliebig zu veröffentlichen oder für kommerzielle Inhalte zu benutzen.

    Entscheidend sind Umstände, Darstellung, Verwendungszweck und mögliche Eingriffe in Persönlichkeitsrechte.

    Besonders heikel erscheint eine Veröffentlichung, wenn eine einzelne Person klar erkennbar im Mittelpunkt steht und das Video nicht bloß zufällig eine Straßenszene dokumentiert.

    Bei Datingvideos liegt genau dieser Fall häufig nahe.

    Die Frau ist kein zufälliger Hintergrund.

    Sie ist der Inhalt.

    Ihr Gesicht, ihre Antworten und ihre Reaktion liefern den Unterhaltungswert des Videos.

    Damit bekommt die Frage nach Zustimmung besonderes Gewicht.

    Die eingereichten Anzeigen dürften auch deshalb aufmerksam verfolgt werden. Neue Technik verändert nicht unbedingt die Grundprinzipien des Rechts, stellt deren Anwendung aber vor neue Situationen.

    Eine Kamera im Brillengestell erzeugt schließlich dieselbe Aufnahme wie andere Kameras — nur bemerkt das Gegenüber sie deutlich schwerer.

    Die Technik selbst ist nicht das Problem

    Vernetzte Brillen besitzen zahlreiche sinnvolle Einsatzmöglichkeiten.

    Sie unterstützen bei Navigation, ermöglichen freihändige Aufnahmen und erleichtern Menschen in bestimmten Situationen den Zugang zu digitalen Informationen. Reisende dokumentieren Erlebnisse, Eltern filmen besondere Momente, Handwerker zeichnen Arbeitsschritte auf.

    Die Technik ist zunächst ein Werkzeug.

    Entscheidend bleibt, wie Menschen damit umgehen.

    Smartphones liefern dafür ein gutes Beispiel. Niemand würde ernsthaft fordern, Telefone mit Kameras grundsätzlich zu verbieten, nur weil manche Menschen damit andere heimlich filmen.

    Doch Gesellschaften entwickeln Regeln.

    Man hält einem Fremden nicht ohne Grund eine Kamera ins Gesicht. Man fragt bei persönlichen Aufnahmen um Erlaubnis. Viele Menschen besitzen inzwischen ein ziemlich gutes Gespür dafür, wann ein Smartphone zur Grenzüberschreitung wird.

    Bei Smart Glasses fehlt diese soziale Routine noch.

    Wir müssen erst lernen, dass eine Brille möglicherweise nicht nur sieht, sondern speichert.

    Und genau das macht die Situation so unangenehm.

    Vom Menschen zum Content

    Hinter der Diskussion steckt noch ein größeres Thema.

    Soziale Netzwerke leben von ständigem Nachschub.

    Neue Clips.

    Neue Reaktionen.

    Neue Überraschungen.

    Wer mit Inhalten Geld verdient oder Reichweite aufbauen möchte, steht unter Druck, regelmäßig etwas Interessantes zu veröffentlichen. Authentische Begegnungen wirken dabei besonders wertvoll, weil sie sich von offensichtlich inszenierten Videos unterscheiden.

    Doch irgendwann stößt die Logik des Contents auf die Rechte realer Menschen.

    Nicht jeder, der zufällig durch das Sichtfeld eines Influencers läuft, möchte Teil dessen Geschäftsmodells sein.

    Nicht jede Unterhaltung ist Rohmaterial.

    Nicht jede Reaktion gehört ins Netz.

    Der Begriff Content klingt neutral. Fast technisch.

    Doch hinter jedem solchen Video steht manchmal ein Mensch, der am nächsten Morgen feststellen muss, dass seine Stimme und sein Gesicht plötzlich öffentlich diskutiert werden.

    Diese Perspektive geht im Kampf um Klicks leicht verloren.

    Frauen tragen ein besonderes Risiko

    Bemerkenswert ist außerdem, dass die bekannt gewordenen Vorwürfe häufig Frauen betreffen, die von Männern auf der Straße angesprochen wurden.

    Dadurch verbindet sich die Technikdebatte mit einer älteren Diskussion über Belästigung und Grenzen im öffentlichen Raum.

    Viele Frauen kennen Situationen, in denen sie entscheiden müssen, wie sie auf eine unerwartete Ansprache reagieren. Freundlich bleiben? Gespräch beenden? Weitergehen? Eine klare Abfuhr erteilen?

    Kommt eine unsichtbare Kamera hinzu, entsteht eine weitere Ebene.

    Plötzlich könnte jede Reaktion später öffentlich bewertet werden.

    Ist sie freundlich, interpretieren Zuschauer das womöglich als Interesse.

    Ist sie kühl, gilt sie vielleicht als arrogant.

    Geht sie weg, diskutiert das Publikum darüber.

    So entsteht eine absurde Situation: Eine Person glaubt, ein paar Minuten ihres Alltags zu erleben, während andere daraus eine Erzählung mit Rollen, Bewertungen und Kommentaren bauen.

    Das hinterlässt Spuren.

    Vertrauen gehört schließlich zu den unsichtbaren Regeln gesellschaftlichen Zusammenlebens.

    Wenn jemand uns anspricht, gehen wir normalerweise nicht automatisch davon aus, dass eine Kamera läuft.

    Sollte sich das ändern?

    Ein kleines Licht reicht gesellschaftlich nicht

    Hersteller vernetzter Brillen versuchen oft, Aufnahmen sichtbar zu kennzeichnen. Eine Leuchte am Gestell signalisiert beispielsweise, dass die Kamera aktiv ist.

    Technisch ergibt das Sinn.

    Sozial reicht es möglicherweise nicht.

    Menschen müssen ein Signal erkennen, verstehen und rechtzeitig reagieren. In einer belebten Straße, bei Sonnenschein oder mitten in einem Gespräch dürfte ein winziger Lichtpunkt leicht untergehen.

    Hinzu kommt Gewöhnung.

    Je häufiger solche Brillen auftauchen, desto weniger Aufmerksamkeit erhalten sie möglicherweise. Gleichzeitig steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen gar nicht mehr sicher wissen, ob ihr Gegenüber gerade filmt.

    Das erzeugt eine merkwürdige Form von Unsicherheit.

    Früher zeigte die Kamera, wann Öffentlichkeit begann.

    Heute passt sie ins Brillengestell.

    Morgen sitzt sie vielleicht noch unsichtbarer in Kleidung oder anderen Alltagsgegenständen.

    Technischer Fortschritt schrumpft Geräte. Gesellschaftliche Verantwortung sollte dabei nicht mitschrumpfen.

    Die entscheidende Grenze heißt Respekt

    Die aktuellen Beschwerden zeigen deshalb weniger ein Problem mit einer bestimmten Brillenmarke als ein kulturelles Problem.

    Wir müssen entscheiden, welche Regeln gelten sollen, wenn Aufnahmen nahezu unsichtbar möglich sind.

    Das Recht liefert einen Rahmen.

    Doch nicht jede menschliche Grenze braucht zuerst einen Gerichtssaal.

    Manchmal genügt eine einfache Frage vor der Aufnahme.

    „Darf ich filmen?“

    Vier Wörter.

    Sie verändern alles.

    Die andere Person weiß Bescheid und trifft eine Entscheidung. Ja oder nein. Vielleicht unter bestimmten Bedingungen.

    Das mag ein Video weniger spontan machen.

    Dafür bleibt ein Mensch ein Mensch und gerät nicht heimlich zum Rohstoff eines Accounts.

    Die Frauen, die nun öffentlich über ihre Erfahrungen sprechen, fordern letztlich nichts besonders Revolutionäres.

    Sie möchten wissen, wenn jemand sie aufzeichnet.

    Sie möchten selbst darüber entscheiden, ob ihr Gesicht im Internet erscheint.

    Und sie möchten nicht erst durch Bekannte erfahren, dass eine vermeintlich private Begegnung längst hunderttausendfach angesehen wurde.

    Die Technik mag neu sein.

    Der Grundsatz dahinter ist uralt.

    Vertrauen funktioniert nur, solange beide Seiten die Regeln kennen.

    Eine Kamera, die eine Seite verschweigt, verändert diese Regeln — selbst wenn sie elegant in einer Brille steckt.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Die Bretagne entdeckt die Heidelbeere

    Die Bretagne entdeckt die Heidelbeere

    Wer im französischen Supermarkt nach Heidelbeeren greift, findet auf den kleinen Schalen häufig Herkunftsländer wie Peru, Chile, Marokko, Spanien oder Portugal. Das gehört längst zum Alltag. Doch ausgerechnet an der windigen Küste der Bretagne wächst eine Konkurrenz heran, mit der vor wenigen Jahren kaum jemand gerechnet hätte.

    Die bretonische Heidelbeere kommt.

    Und zwar ziemlich flott.

    Die Erzeugerorganisation Prince de Bretagne begann 2021 mit dem Aufbau einer eigenen Produktion. Geduld gehörte von Anfang an dazu, denn Heidelbeersträucher liefern nicht sofort nennenswerte Erträge. Erst 2023 kamen die ersten kommerziellen Mengen auf den Markt.

    Seitdem zeigt die Kurve steil nach oben: 2024 lag die Ernte bei acht Tonnen, 2025 bereits bei rund 30 Tonnen. Für 2026 rechnen die acht beteiligten Produzenten mit etwa 55 Tonnen. Bis 2030 sollen jährlich 120 bis 150 Tonnen zusammenkommen.

    Für französische Verhältnisse bleibt das überschaubar.

    Doch die Richtung stimmt.

    Frankreich bekommt Appetit auf Blau

    Der Grund für den bretonischen Vorstoß liegt direkt im Einkaufswagen der Verbraucher. Die Franzosen essen deutlich mehr Heidelbeeren als noch vor einigen Jahren. Innerhalb von fünf Jahren stieg der Konsum um ungefähr ein Fünftel, zusätzlich kamen rund eine Million neue Käufer hinzu.

    Die kleinen Beeren passen perfekt zu modernen Essgewohnheiten.

    Packung öffnen, kurz abspülen, fertig.

    Kein Schälen, kein Schneiden, kein Kochen. Heidelbeeren landen im Müsli, im Joghurt, im Smoothie oder direkt im Mund. Gerade jüngere Verbraucher mögen diese unkomplizierte Art des Obstessens.

    Traditionelle bretonische Kulturen wie Artischocken oder Blumenkohl besitzen dagegen ein kleines Imageproblem. Gesund? Ohne Frage. Aber als Snack für unterwegs taugt ein Blumenkohlkopf nun mal eher mäßig.

    Für Landwirte eröffnet die Heidelbeere deshalb eine interessante Möglichkeit, ihr Angebot zu erweitern.

    Regionalität als Verkaufsargument

    Frankreich produziert bislang nur einen kleinen Teil jener Heidelbeeren, die im Land gegessen werden. Der überwiegende Rest kommt aus dem Ausland.

    Genau dort liegt die Chance der Bretagne.

    Während Importware mitunter lange Transportwege zurücklegt, gelangen die regional geernteten Beeren sehr schnell in Kühlung und Handel. In Kerannou bei Saint Pol de Léon entstand dafür eine eigene Verpackungsinfrastruktur. Ein modernes optisches Sortiersystem prüft unter anderem Farbe und Festigkeit der Früchte.

    Doch am stärksten dürfte ein Argument wirken, das keine Maschine liefern muss: Nähe.

    Was spricht gegen eine bretonische Heidelbeere, wenn sie zur gleichen Zeit neben einer Frucht aus mehreren Tausend Kilometern Entfernung liegt?

    Für viele Kunden lautet die Antwort inzwischen: ziemlich wenig.

    Ganz ohne Tricks geht es nicht

    Dabei eignet sich die Bretagne nicht automatisch für Heidelbeerplantagen. Die Pflanzen bevorzugen saure Böden und stellen besondere Ansprüche an ihre Umgebung. Einige Produzenten kultivieren sie deshalb in Töpfen mit speziellem Substrat.

    Das klingt zunächst etwas ungewöhnlich, bringt aber Vorteile.

    Wasser und Nährstoffe lassen sich gezielt dosieren. Netze schützen die empfindlichen Pflanzen vor Vögeln, Hagel, starkem Wind und intensiver Sonne. Angesichts heißerer und trockenerer Sommer gewinnt diese Kontrolle zusätzlich an Bedeutung.

    Geduld bleibt trotzdem Pflicht.

    Bis zur ersten ordentlichen Ernte vergehen etwa drei Jahre, die volle Leistung erreichen die Pflanzen erst später. Ein Bauer, der heute Heidelbeeren setzt, investiert also in eine Zukunft, die nicht nächste Woche beginnt.

    Wer macht das schon, wenn der Markt nicht überzeugt?

    Offenbar genug Betriebe.

    Eine kleine Beere mit großer Idee

    Besonders clever erscheint die zeitliche Lage der bretonischen Saison. Größere Mengen kommen vor allem zwischen Mitte Juli und Anfang September auf den Markt. Damit ergänzt die Bretagne frühere französische Anbaugebiete und verlängert die Saison heimischer Ware.

    Selbst Beeren, die optisch nicht ins Frischeregal passen, landen nicht zwangsläufig im Abfall. Ein Teil fließt inzwischen in bretonische Heidelbeerkonfitüre.

    Aus zweiter Wahl entsteht neue Wertschöpfung.

    Klar, 55 Tonnen verändern den französischen Heidelbeermarkt noch nicht. Auch 150 Tonnen im Jahr 2030 ersetzen keine Importe aus Spanien, Marokko oder Südamerika.

    Trotzdem erzählt die Entwicklung eine spannende Geschichte über Frankreichs Landwirtschaft.

    Bauern suchen Kulturen mit wachsender Nachfrage. Verbraucher interessieren sich stärker für Herkunft und kurze Wege. Gleichzeitig verlangen Klimaveränderungen neue Produktionsmethoden und mehr Flexibilität.

    Und manchmal steckt die Antwort darauf eben nicht in einem großen politischen Programm, sondern in einer kleinen blauen Beere.

    Wenn im bretonischen Supermarkt künftig Heidelbeeren aus der Nachbarschaft neben weit gereister Importware liegen, bekommt der alte Satz „regional ist besser“ jedenfalls einen ziemlich leckeren Beweis.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Nur noch zwölf Monate Arbeitslosengeld?

    Nur noch zwölf Monate Arbeitslosengeld?

    Der französische Präsidentschaftswahlkampf 2027 bekommt ein Thema, das erfahrungsgemäß zuverlässig für Streit sorgt: das Arbeitslosengeld. Édouard Philippe, ehemaliger Premierminister und Kandidat für den Élysée, möchte die maximale Bezugsdauer für Arbeitslose unter 50 Jahren von derzeit 18 auf zwölf Monate verkürzen. Sein Vorbild liegt auf der anderen Rheinseite. „Wie Deutschland“, lautet im Kern Philippes Argument. Dort erhalten Arbeitslose unter 50 Jahren bei ausreichenden Beitragszeiten tatsächlich höchstens zwölf Monate Arbeitslosengeld. Für Philippe steckt dahinter eine klare politische Botschaft: Frankreich müsse Arbeit stärker fördern, die Rückkehr in Beschäftigung beschleunigen und gleichzeitig die Ausgaben der Arbeitslosenversicherung begrenzen. Das klingt einfach. Doch genau da beginnt die Debatte. Sechs Monate weniger Sicherheit Für einen Arbeitslosen unter 50 Jahren würde Philippes Modell die maximale Absicherung um ein Drittel verkürzen. Nach zwölf statt 18 Monaten wäre S…

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