Schlagwort: Russland

  • Washingtoner Gespräche – Selenskyj zwischen Trump und Europa

    Washingtoner Gespräche – Selenskyj zwischen Trump und Europa

    Mit klaren Worten ist der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in Washington angekommen. Die Botschaft ist ebenso einfach wie anspruchsvoll: Der Krieg gegen Russland soll „schnell“, aber auf Basis einer „dauerhaften“ Friedenslösung beendet werden. Die Kulisse, vor der diese Worte fallen, ist alles andere als gewöhnlich. Nur drei Tage nach dem bilateralen Gipfel zwischen Donald Trump und Wladimir Putin in Alaska steht Selenskyj heute dem amerikanischen Präsidenten gegenüber – flankiert von einer beeindruckenden Riege europäischer Spitzenpolitikerinnen und -politiker.

    Ein diplomatischer Spagat

    Das Treffen in der amerikanischen Hauptstadt ist mehr als ein bilateraler Austausch: Es ist ein politisches Schaulaufen um die künftige Ordnung Europas – und darüber hinaus. Selenskyj will verhindern, dass die Ukraine zum Faustpfand einer eineseitigen Verständigung zwischen Washington und Moskau wird. Doch Donald Trump signalisiert unmissverständlich: Die Krim wird nicht wieder ukrainisch, und ein NATO-Beitritt Kiews ist ausgeschlossen.

    Damit markiert Trump eine geopolitische Verschiebung. Statt multilateraler Sicherheitsgarantien durch bestehende Bündnisse setzt die neue US-Administration auf bilaterale Arrangements. Für die Ukraine bedeutet das: Sicherheit könnte es auch ohne NATO-Mitgliedschaft geben – aber um den Preis territorialer Konzessionen.

    Europas demonstrative Geschlossenheit

    Bemerkenswert ist die Kulisse des Treffens: Emmanuel Macron, Friedrich Merz, Giorgia Meloni, Keir Starmer, Alexander Stubb, Mark Rutte und Ursula von der Leyen reisen gemeinsam mit Selenskyj an. Ihre Anwesenheit ist weit mehr als symbolisch. Sie signalisiert: Die Ukraine bleibt ein europäisches Projekt – und Europa ist nicht bereit, zentrale Sicherheitsfragen allein Washington zu überlassen.

    Insbesondere der französische Präsident betonte im Vorfeld, ein zu nachgiebiger Kurs gegenüber Moskau würde „die Kriege von morgen vorbereiten“. Hinter dieser Aussage steht die Furcht, Russland könnte einen Präzedenzfall schaffen: territoriale Gewinne durch militärische Aggression und das internationale Stillhalten als stillschweigendes Einverständnis.

    Druck der Wirklichkeit

    Während in Washington über diplomatische Formeln verhandelt wird, liefert die russische Armee ein weiteres Argument gegen ein vorschnelles Entgegenkommen: In Charkiw sterben erneut Zivilisten durch Raketen- und Drohnenangriffe. Die militärische Realität widerspricht jedem Eindruck, der Krieg befinde sich auf dem Rückzug. Russland demonstriert Handlungsfähigkeit – und Unnachgiebigkeit.

    Vor diesem Hintergrund erscheint jede Friedenslösung ohne glaubhafte Sicherheitsgarantien für Kiew als illusionär. Der Wunsch nach „schnellem Frieden“, wie Selenskyj ihn formuliert, kollidiert mit der politischen Realität: Moskau wird nur zu Verhandlungen bereit sein, wenn die militärische oder diplomatische Lage es erzwingt. Und Washington ist nicht mehr der Garant uneingeschränkter westlicher Solidarität, der es einst war.

    Neue Architektur der europäischen Sicherheit?

    Das Washingtoner Treffen lässt auch grundsätzliche Fragen aufscheinen: Wie sieht eine tragfähige Sicherheitsarchitektur in Europa nach dem Ukrainekrieg aus? Was bleibt vom westlichen Konsens, wenn die transatlantischen Partner unterschiedliche Interessen verfolgen? Und welche Rolle will Europa in einer Ordnung spielen, die nicht mehr ausschließlich vom Westen dominiert wird?

    Die Tatsache, dass ein amerikanischer Präsident offen territoriale Zugeständnisse der Ukraine ins Spiel bringt, zeigt, wie sehr sich die Parameter der internationalen Diplomatie verschoben haben. Selenskyj steht vor der Herausforderung, zwischen geopolitischem Realismus und dem legitimen Anspruch seines Landes auf territoriale Integrität zu vermitteln. Und Europa steht vor der Entscheidung, ob es bereit ist, diesen Anspruch nicht nur rhetorisch, sondern auch strategisch abzusichern.

    Der heutige Montag in Washington dürfte deshalb nicht nur über den Fortgang des Ukrainekriegs entscheiden – sondern auch über das Kräfteverhältnis zwischen Amerika, Europa und Russland im 21. Jahrhundert.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Ukrainische und EU-Spitzenpolitiker besuchen das Weiße Haus – und andere World-News

    Ukrainische und EU-Spitzenpolitiker besuchen das Weiße Haus – und andere World-News

    Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wird heute US-Präsident Donald Trump im Weißen Haus treffen. Das Gespräch folgt nur drei Tage nach Trumps Zusammenkunft mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin – einem Treffen, das internationale Irritationen auslöste, nachdem Trump offen Putins Friedensvorschlag unterstützte. Dieser sieht vor, dass die Ukraine weite Teile ihres Staatsgebiets abtritt.

    Aktuelle Entwicklungen im Überblick

    Europäische Spitzenpolitiker – darunter Bundeskanzler Friedrich Merz, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und der britische Premierminister Keir Starmer – kündigten an, Selenskyj nach Washington zu begleiten. Ihr Besuch soll ein klares Zeichen europäischer Solidarität setzen.

    Das Treffen zwischen Trump und Putin, das am Freitag im US-Bundesstaat Alaska stattfand, wurde in Kiew und europäischen Hauptstädten als Rückschlag für die Ukraine gewertet. Hoffnung gibt jedoch ein US-Vorschlag, Sicherheitsgarantien für die Ukraine zu schaffen, die künftige russische Aggressionen abschrecken sollen.

    Hintergrund: Der russische Friedensvorschlag enthält die Bedingung, dass die Ukraine die östliche Industrieregion Donbas, in der eine mehrheitlich russischsprachige Bevölkerung lebt, aufgibt.

    Für viele Ukrainerinnen und Ukrainer, die durch russische Luftangriffe zur Flucht gezwungen wurden, war der Gipfel zwischen Trump und Putin ein Affront. Sie sehen in der russlandfreundlichen Haltung Washingtons eine Missachtung ihres Leids und ihres Landes.


    USA stoppen Besuchsvisa für Menschen aus Gaza

    Die Trump-Administration hat die Genehmigung von Besuchsvisa für Menschen aus dem Gazastreifen gestoppt – ein Schritt, der vor allem Kinder mit schweren Erkrankungen trifft, die in US-Kliniken behandelt werden sollten.

    Dem Beschluss ging eine medienwirksame Kampagne der rechtsgerichteten Aktivistin Laura Loomer voraus, die in sozialen Netzwerken ankommende Flüge aus Gaza als „nationale Sicherheitsbedrohung“ bezeichnete. Loomer gilt als einflussreiche Stimme bei Entscheidungen innerhalb der Trump-Regierung.

    Eine in Ohio ansässige Hilfsorganisation, die sich um palästinensische Familien kümmert, teilte mit, sie habe allein in diesem Monat elf Kinder, von denen viele im Gaza-Krieg Gliedmaßen verloren hatten, mithilfe solcher Visa in US-Kliniken gebracht.

    Israel: Hunderttausende Menschen demonstrierten in Israel für einen sofortigen Waffenstillstand und die Freilassung von Geiseln. Gleichzeitig bereitete sich das israelische Militär auf eine Ausweitung der Offensive im Gazastreifen vor.


    Boliviens Schattenwahlkampf

    Obwohl Ex-Präsident Evo Morales nicht mehr zur Wahl steht, versucht er weiterhin, Einfluss auf Boliviens Präsidentschaftswahl zu nehmen. Morales, der nicht erneut kandidieren darf und mit dem Vorwurf konfrontiert ist, ein 15-jähriges Mädchen geschwängert zu haben, führt seinen inoffiziellen Wahlkampf aus einem abgeschotteten Anwesen im bolivianischen Urwald.

    Morales, der sich mit loyalen Anhängern umgibt, ruft seine Gefolgschaft dazu auf, ungültige Stimmen abzugeben. Ehemalige linke Weggefährten warnen, dass dieses Vorgehen die Wahl zugunsten von Samuel Doria Medina, einem wirtschaftsliberalen Unternehmer, oder Jorge Quiroga, einem konservativen Ex-Präsidenten, beeinflussen könnte.

    Hintergrund: Morales war Boliviens erster indigener Präsident und prägte die politische Landschaft des Landes tiefgreifend, indem er benachteiligten Gruppen Gehör verschaffte. Seine umstrittene Kandidatur für eine vierte Amtszeit führte jedoch zu Protesten und einem erzwungenen Rückzug ins Exil.


    Weitere Schlagzeilen

    • Kanada: Die Gewerkschaft der streikenden Flugbegleiter von Air Canada kündigte an, einem richterlichen Beschluss zur Wiederaufnahme der Arbeit nicht Folge zu leisten. Der Flugverkehr bleibt massiv gestört.
    • Pakistan: Verheerende Sturzfluten forderten an einem einzigen Tag mindestens 194 Menschenleben – ein weiterer Höhepunkt einer tödlichen Monsunsaison.
    • Türkei: Seit März wurden hunderte mutmaßliche Oppositionelle festgenommen. Kritiker sprechen von einer systematischen Repressionswelle unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan.
    • Plastikabkommen: Die Verhandlungen über ein globales Abkommen zur Eindämmung der Plastikverschmutzung scheiterten am Widerstand rohstoffexportierender Länder wie den USA.
    • USA: In Washington D.C. protestierten Tausende friedlich gegen den Einsatz der Nationalgarde, den Präsident Trump angeordnet hatte.

    Autor: P. Tiko

  • Ukraine-Krieg: Trumps Wende hin zu russlandfreundlicher Friedenslösung löst internationale Dissonanz aus

    Ukraine-Krieg: Trumps Wende hin zu russlandfreundlicher Friedenslösung löst internationale Dissonanz aus

    Der erneute plötzliche Kurswechsel von US‑Präsident Donald Trump hin zu direkten Friedensverhandlungen mit Russland – ohne vorherige Waffenruhe – markiert eine Zäsur in der westlichen Herangehensweise an den Ukraine‑Konflikt. Der Vorschlag, auf direkte Gespräche und mögliche Gebietsabtretungen an Russland zu setzen, bricht mit grundlegenden Prinzipien der Souveränität und stellt die transatlantische Koalition vor einen neuen Bewährungstest.


    Der Wendepunkt von Waffenruhe zu Friedensdeal

    Nach dem Gipfeltreffen mit Wladimir Putin im US-Bundesstaat Alaska kündigte Trump an, seine bisherige Bedingung einer Waffenruhe vor Friedensgesprächen aufzugeben. Stattdessen befürwortet er direkte Verhandlungen – ganz im Sinne von Moskaus Vorstellungen. Im Raum stehen die Abtretung der ostukrainischen Gebiete Donezk und Luhansk sowie ein faktisches Einfrieren der bestehenden Frontlinien im Süden, etwa in Cherson und Saporischschja. Die Begründung Trumps: Waffenruhen seien illusorisch, nur ein umfassender Deal könne den Krieg beenden.


    Reaktionen aus Kiew: Zelenskyys entschiedene Haltung

    Der ukrainische Präsident Wolodymyr Zelenskyy weist jede Form territorialer Zugeständnisse kategorisch zurück. Für ihn steht die Unverletzbarkeit der ukrainischen Grenzen nicht zur Disposition. Ein Abkommen ohne belastbare Sicherheitsgarantien hält er für gefährlich – es würde aus seiner Sicht lediglich das aggressive Kalkül Moskaus bestätigen. Ein anberaumtes Treffen mit Trump in Washington soll klären, ob ein tragfähiger Verhandlungspfad überhaupt besteht. Die Ausgangspositionen bleiben fundamental unterschiedlich.


    Europas diplomatischer Schock und möglicher Kurswechsel

    In europäischen Hauptstädten sorgte Trumps Positionswechsel für Irritation – doch eine einheitliche Front gibt es nicht. Während Staaten wie Frankreich oder Deutschland Friedensgesprächen grundsätzlich offen gegenüberstehen, betonen sie zugleich, dass keine Lösung ohne die Ukraine gefunden werden dürfe. Frieden auf Kosten territorialer Integrität gilt für viele als Präzedenzfall, der künftige Aggressionen begünstigen könnte.

    Einige europäische Regierungen denken laut über eine stärkere eigenständige Rolle nach: Eine mögliche Koalition der Willigen, bestehend aus europäischen Kernstaaten, könnte Sicherheitsgarantien für die Ukraine abseits eines US-geführten Rahmens ins Auge fassen. Dies wäre ein geopolitischer Einschnitt – ein Europa, das sicherheitspolitische Verantwortung eigenständiger übernimmt.


    Sicherheitsgarantien: vage, aber potenziell wegweisend

    Trump selbst skizzierte eine vage Vision von Sicherheitsgarantien für die Ukraine – etwa durch eine europäisch geführte Friedenstruppe mit amerikanischer Rückendeckung. Als mögliche Beteiligte gelten Großbritannien, Frankreich und die Türkei. Eine NATO-Mitgliedschaft, lange Ziel Kiews, wäre dabei ausdrücklich ausgeschlossen.

    Ob ein solches Schutzarrangement mehr als symbolische Wirkung entfalten kann, bleibt fraglich. Ohne die rechtlich bindende Rückendeckung eines Verteidigungsbündnisses wie der NATO stünde Kiew weiter unter strategischem Druck. Kritiker sehen darin ein „Sicherheitsversprechen ohne Substanz“.


    Transatlantische Allianz unter Spannung

    Die Entscheidung des US-Präsidenten stellt das Vertrauen in die Führungsrolle Washingtons innerhalb des westlichen Bündnisses erneut auf eine harte Probe. In europäischen sicherheitspolitischen Kreisen wächst der Eindruck, dass Trumps geopolitische Prioritäten sich zunehmend vom kollektiven Ansatz lösen – hin zu bilateralen Arrangements mit autoritären Mächten.

    Die transatlantische Geschlossenheit, wie sie seit Beginn des Krieges betont wurde, könnte damit in eine finale Phase struktureller Unsicherheit eintreten. Vor diesem Hintergrund erscheint es wahrscheinlich, dass europäische Staaten ihre sicherheitspolitische Resilienz neu definieren – und damit mittelbar auch die künftige Rolle der USA in Europa hinterfragen.


    Die historische Analogie zur Appeasement-Politik der 1930er-Jahre drängt sich manchen Kommentatoren auf – der freiwillige Verzicht auf besetztes Territorium, um einen weiteren Krieg zu verhindern, könnte sich als gefährlicher Irrweg erweisen.

    Für die Ukraine stellt sich eine existentielle Frage: Ist ein rascher Frieden möglich, ohne die nationale Integrität preiszugeben? Oder wird ein solcher Kompromiss langfristig zum sicherheitspolitischen Bumerang – nicht nur für Kiew, sondern für ganz Europa?

    Autor: P. Tiko

  • UN warnt Israel und Russland – nur ein Schritt vor der offiziellen „Blacklist“

    UN warnt Israel und Russland – nur ein Schritt vor der offiziellen „Blacklist“

    Die Vereinten Nationen haben Israel und Russland in ihrem jüngsten Bericht über sexualisierte Gewalt in bewaffneten Konflikten unter verschärfte Beobachtung gestellt. Beide Staaten stehen damit kurz davor, in eine Liste aufgenommen zu werden, die weltweit jene Regierungen und bewaffneten Gruppen aufführt, denen der systematische Einsatz sexueller Gewalt als Kriegsinstrument zur Last gelegt wird. Die Warnung markiert einen sensiblen diplomatischen Moment – sie ist weder Anklage noch Freispruch, sondern Ausdruck wachsender internationaler Besorgnis.

    Die Liste, die jährlich vom UN-Generalsekretariat veröffentlicht wird, umfasst aktuell 63 Staaten oder Organisationen, darunter zahlreiche Rebellengruppen und Milizen. Neu hinzugekommen ist in diesem Jahr der militärische Arm der Hamas, deren Kämpfer im Zuge des Überfalls auf Israel am 7. Oktober 2023 unter anderem wegen sexueller Gewalt gegen Geiseln angeklagt werden. In Bezug auf Israel und Russland jedoch bleibt es bislang bei einer Vorwarnung – ein Novum im Umgang mit zwei international stark beachteten Akteuren.

    Dokumentierte Gewalt in Gefangenschaft

    Dem Bericht zufolge liegen der UNO glaubhafte Hinweise auf sexuelle Misshandlungen in Gewahrsamssituationen vor – sowohl durch russische Kräfte an ukrainischen Kriegsgefangenen als auch durch israelische Sicherheitskräfte an palästinensischen Inhaftierten. In beiden Fällen ist von wiederholten Fällen sexueller Erniedrigung, Genitalgewalt und erzwungener Nacktheit die Rede. Die dokumentierten Vorfälle betreffen insbesondere Gefängnisse, Militärbasen und Untersuchungshaftzentren.

    Dabei macht die UNO deutlich, dass es sich bei sexueller Gewalt nicht um ein Nebenprodukt bewaffneter Konflikte handelt, sondern um eine gezielt eingesetzte Methode der Einschüchterung, Demütigung oder Informationsbeschaffung. Das lässt sich auch an der Sprache des Berichts ablesen, der von sexueller Gewalt als Mittel der Folter, Repression und Terrorisierung spricht.

    Israelische und russische Reaktionen

    Die Reaktionen aus Tel Aviv und Moskau fielen unterschiedlich aus, aber beide Regierungen wiesen die Vorwürfe zurück. Israel betonte, seine Sicherheitskräfte handelten im Einklang mit dem Völkerrecht, und warf der UNO vor, sich einseitig auf fragwürdige Quellen zu stützen, statt die dokumentierten Kriegsverbrechen der Hamas ins Zentrum zu rücken. Russland äußerte sich nicht öffentlich, verweigerte allerdings nach Angaben der UN jede Kooperation mit dem zuständigen Sonderbeauftragten.

    Die russische Haltung dürfte als Teil einer breiteren Strategie verstanden werden, internationale Institutionen zu delegitimieren – ein Muster, das sich bei Russland bereits in anderen Gremien wie dem Internationalen Strafgerichtshof beobachten lässt.

    Der politische Mechanismus hinter der Liste

    Die Liste selbst ist Teil eines umfassenderen Mechanismus, der in den UN-Resolutionen 1820 und 1888 verankert ist. Diese sehen neben der Ächtung sexueller Kriegsverbrechen auch konkrete Maßnahmen zur Prävention und Ahndung vor. Staaten und Organisationen, die auf der Liste stehen, sind aufgefordert, glaubhafte Schutzmechanismen zu schaffen, Untersuchungen einzuleiten und ihre Sicherheitskräfte entsprechend zu schulen. Wer dem nicht nachkommt, riskiert diplomatische Isolierung und mögliche Sanktionen.

    Allerdings ist der Mechanismus nicht bindend – die Aufnahme auf die Liste hat vor allem symbolischen und reputationspolitischen Charakter. Für Demokratien wie Israel, die international auf Legitimität und Allianzen angewiesen sind, kann schon die Androhung eines Eintrags erheblichen Druck erzeugen. Für autoritäre Systeme wie Russland hingegen ist der Effekt geringer, doch auch dort dürfte die öffentliche Sichtbarkeit solcher Berichte innenpolitische Reibung erzeugen.

    Ein sich verschärfendes globales Problem

    Der UN-Bericht verweist zudem auf eine besorgniserregende Entwicklung: Weltweit nahm der dokumentierte Einsatz sexueller Gewalt in bewaffneten Konflikten im vergangenen Jahr um ein Viertel zu. 92 Prozent der Betroffenen waren Frauen oder Mädchen. In zahlreichen Kontexten – von Myanmar über die Demokratische Republik Kongo bis Sudan – bleibt sexuelle Gewalt ein systematisch eingesetztes Machtinstrument, oft ohne Konsequenzen für die Täter.

    Diese Zahlen unterstreichen, dass das Thema weit über einzelne Konflikte hinausreicht. Die Debatte um Israel und Russland zeigt dabei exemplarisch, wie schwierig der Umgang mit Vorwürfen ist, wenn geopolitisch mächtige Staaten betroffen sind. Doch gerade deshalb kommt dem Mechanismus der UN eine besondere Rolle zu: Er dient nicht der Schuldzuweisung, sondern dem Aufbau internationaler Normen.

    Die nächste Ausgabe des Berichts ist für Sommer 2026 angekündigt. Bis dahin haben Israel und Russland Gelegenheit, interne Ermittlungen zu dokumentieren, Präventionsmaßnahmen zu verstärken und gegenüber den UN Transparenz herzustellen. Ob sie diese Chance nutzen, bleibt offen. Klar ist nur: Das öffentliche Anprangern durch die UNO setzt ein Zeichen – und es stellt die Frage, wie ernst es der internationalen Gemeinschaft mit dem Schutz vor sexueller Gewalt wirklich ist.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Wird über das Schicksal der Ukraine in Alaska entschieden? Und andere World-News

    Wird über das Schicksal der Ukraine in Alaska entschieden? Und andere World-News

    Donald Trump und Wladimir Putin treffen sich heute in Alaska, um über die Zukunft des Krieges in der Ukraine zu sprechen. Nicht anwesend: Vertreter der Ukraine und Europas.

    Die Frontlinien haben sich in den vergangenen Monaten nur wenig verschoben. Die Ziele Russlands und der Ukraine sind unverändert.

    Und dennoch ist alles möglich – denn niemand weiß, was Trump tun wird. In den letzten sieben Monaten hat er seine Positionen zu diesem Krieg mehrfach drastisch verändert. Er demütigte den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj im Oval Office, kritisierte anschließend Putins „Bullshit“ und drohte Moskau mit Sanktionen.

    Vergangene Woche verkündete Trump überraschend es werde ein persönliches Treffen mit dem russischen Präsidenten geben – und strich Selenskyj prompt von der Gästeliste. In Kiew und unter den europäischen Staaten wächst nun die Sorge, Trump könne mit Putin einen „Deal“ schließen.

    Blick auf den Ukraine-Krieg:

    Wer gewinnt? Nachdem die Ukraine 2022 Russlands schlecht ausgerüstete Streitkräfte schwer getroffen hatte, hat Putin sein Land auf Kriegswirtschaft umgestellt. Russland zahlte enorme Summen, um neue Soldaten zu rekrutieren, und investierte in iranische Drohnen. Putin war bereit, hohe Verluste in Kauf zu nehmen – Russland beklagt etwa doppelt so viele Opfer wie die Ukraine. Allerdings entwickelte sich der zermürbende Abnutzungskrieg inzwischen zugunsten Russlands.

    Die Ukraine kann Russland weiterhin schaden: Sie hat bewiesen, dass der moderne Drohnenkrieg finanzielle und personelle Unterlegenheit ausgleichen kann. Beispiel „Operation Spinnennetz“ – ein Überraschungsangriff, der Russland Schäden in Milliardenhöhe tief im eigenen Territorium zufügte. Die eingesetzten Drohnen kosteten teils nur 600 Dollar.

    Die Beziehung Trump–Putin: Trump scheint Russlands Präsidenten weiterhin zu schätzen – im Einklang mit seiner generellen Bewunderung für autoritäre Führer. Er ist darüber hinaus noch immer sehr verärgert über den Vorwurf, russische Einflussnahme habe ihm 2016 zum Wahlsieg verholfen. Trumps Wut über das, was er als ‘Russland-Schwindel’ bezeichnet, gärt seit Jahren – ein so tief sitzender Groll, dass er Putin nun als Verbündeten in einer gemeinsamen Opferrolle sieht.

    Der Krieg, der Krieg verändert hat: Tausende Drohnen haben den Himmel über der Ukraine – und teils auch über Russland – in ein tödliches Versuchslabor verwandelt. Es ist ein regelrechter Wettstreit entstanden, wer das Gefecht beherrschen kann. Durch Drohnen – möglicherweise auch in allen künftigen Kriegen.

    Die menschlichen Kosten: Der Krieg hat die Weltpolitik verändert – ausgetragen wird er jedoch von Menschen. Mehr als eine Million russische und ukrainische Soldaten wurden inzwischen getötet oder schwer verletzt. Zivilisten leiden in hohem Maße. Bildjournalisten zeigen in aktuellen Reportagen Evakuierte auf der Flucht vor russischen Vorstößen, schwer verwundete ukrainische Soldaten, die an die Front zurückkehren, und das blutige Ausmaß der intensiven russischen Angriffe auf die Zivilgesellschaft.


    Mehr Hilfslieferungen für Gaza, aber zu wenig

    Die israelische Behörde zur Koordinierung von Hilfslieferungen nach Gaza erklärte, in den vergangenen Tagen seien täglich rund 300 Lastwagen in das Gebiet gelangt, was zu einem Rückgang einiger Lebensmittelenpässe geführt habe.

    Hilfsorganisationen und die Vereinten Nationen betonen jedoch, dass dies bei weitem nicht ausreiche. Viele Lkw würden von verzweifelten Menschen oder bewaffneten Gruppen abgefangen, bevor sie ihr Ziel erreichten. Weitere Hindernisse seien die begrenzten Zufahrtswege nach Gaza und lange Wartezeiten an israelischen Kontrollpunkten.

    Während die Weltöffentlichkeit auf Gaza blickt, verüben extremistische Siedler im Westjordanland eine der gewalttätigsten und effektivsten Einschüchterungs- und Landnahme-Kampagnen seit Beginn der israelischen Besatzung 1967. Recherchen zeigen, dass vermummte Siedler meist nachts in palästinensische Dörfer eindringen und Fahrzeuge sowie Gebäude in Brand setzen.


    Weitere Schlagzeilen:

    • Sudan: Krieg und Vertreibung verursachten den schlimmsten Choleraausbruch des Landes seit Jahren.
    • Syrien: Ein UN-Bericht kommt zu dem Schluss, dass Sicherheitskräfte der Regierung und andere bewaffnete Gruppen vermutlich Kriegsverbrechen begangen haben.
    • Indien: Sturzfluten auf einer Pilgerroute im von Indien kontrollierten Kaschmir haben Dutzende Menschen getötet. Hunderte werden noch vermisst.
    • Kanada: Air Canada hat gestern Flüge gestrichen, um sich auf einen möglichen Streik des Kabinenpersonals vorzubereiten.
    • Wissenschaft: Forschern gelang es, Sprache, die sich Patienten vorstellen, in hörbare Wörter zu übersetzen – eine Hilfe für gelähmte Patienten, um besser zu kommunizieren.
    • Handel: Trumps geplante Zölle bedrohen Irlands Pharmaindustrie, wo US-Pharmakonzerne seit Langem von Steuervorteilen profitieren.

  • Ein Gipfeltreffen an symbolträchtigem Ort

    Ein Gipfeltreffen an symbolträchtigem Ort

    Trump und Putin treffen sich in Alaska – ein diplomatisches Manöver mit geopolitischer Sprengkraft

    Donald Trumps diplomatische Inszenierungen folgen seit jeher einer eigenen Logik. Dass nun ausgerechnet der US-Bundesstaat Alaska – geostrategisch abgelegen, historisch symbolträchtig – zum Schauplatz eines Gipfeltreffens mit Wladimir Putin wird, fügt sich nahtlos in dieses Muster. Es ist das erste persönliche Treffen der beiden seit Trumps Rückkehr ins Amt und findet in einem sicherheitspolitisch hochsensiblen Moment statt: Der Krieg in der Ukraine dauert mittlerweile über dreieinhalb Jahre, ein militärischer Patt zeichnet sich ab – die Welt blickt gespannt nach Anchorage.

    Nähe und Misstrauen: Trumps ambivalentes Verhältnis zu Putin

    Trump hat stets betont, er „verstehe sich gut“ mit dem russischen Präsidenten, lobte Putin wiederholt als „strategisch klug“ – selbst im Kontext des Angriffs auf die Ukraine. Doch zuletzt wich die demonstrative Bewunderung merklicher Distanz. Trump äußerte sich zunehmend kritisch über Russlands Kriegsführung, sprach von „inakzeptablen Verlusten“ und drohte mit „sehr ernsten Konsequenzen“, sollte Moskau keine Kompromissbereitschaft zeigen.

    Zugleich bleibt unklar, welche konkrete Agenda Trump beim Alaska-Gipfel verfolgt. Er selbst sprach von einem „feel-out meeting“, also einem Sondierungsgespräch – ließ jedoch auch durchblicken, dass er Putin zu einer Waffenruhe drängen wolle. Diese widersprüchliche Kommunikation nährt die Zweifel an Trumps strategischer Linie. Für Putin hingegen eröffnet das Treffen die Möglichkeit, im direkten Gespräch Einfluss auf den US-Präsidenten zu nehmen – ohne dass die Ukraine selbst am Tisch sitzt.

    Ohne die Ukraine am Tisch – ein Signal mit Wirkung

    Die Tatsache, dass Präsident Selenskyj nicht zum Gipfel eingeladen wurde, hat sowohl in Kiew als auch in europäischen Hauptstädten Irritationen ausgelöst. Zwar sei Selenskyj im Vorfeld in Videokonferenzen konsultiert worden, doch der Ausschluss von den eigentlichen Gesprächen birgt politischen Sprengstoff. Er signalisiert, dass die Zukunft der Ukraine möglicherweise über ihren Kopf hinweg verhandelt wird – ein Szenario, das Erinnerungen an die Konferenz von Jalta weckt, als die Grossmächte Europas Nachkriegskarte ohne aktive Beteiligung der Betroffenen neu zeichneten.

    In Kiew hat man mehrfach bekräftigt, dass territoriale Kompromisse nicht verfassungskonform seien. Die ukrainische Führung sieht in einem Waffenstillstand ohne vollständige territoriale Wiederherstellung lediglich einen Zeitgewinn für Russland – nicht aber einen tragfähigen Frieden.

    Europas Sorge: Ein Deal ohne Garantien

    Auch in Brüssel, Paris und Berlin ist die Nervosität spürbar. Zwar wird ein Ende der Kämpfe in der Ukraine grundsätzlich begrüßt – doch nicht um den Preis westlicher Prinzipien. Sollten Trump und Putin auf einen Kompromiss hinarbeiten, der eine faktische Anerkennung russischer Besatzungszonen impliziert, droht nicht nur ein Bruch mit der Ukraine, sondern auch eine Erosion des Völkerrechts. Westliche Sicherheitsgarantien außerhalb der NATO-Strukturen, wie Trump sie andeutet, erscheinen vage – und für viele Europäer unzuverlässig.

    Dazu kommt: Trumps außenpolitischer Stil – geprägt von bilateralen „Deals“ statt multilateraler Koordination – steht im Gegensatz zum traditionellen sicherheitspolitischen Konsens des transatlantischen Bündnisses. Die Sorge ist, dass er bereit wäre, substanzielle Zugeständnisse zu machen, um sich als Friedensstifter zu profilieren – unabhängig von den langfristigen Folgen für Europas Sicherheitsarchitektur.

    Putin auf Augenhöhe? Eine riskante Bühne

    Für Wladimir Putin ist das Treffen ein außenpolitischer Erfolg. Allein die Tatsache, dass er zu einem Gipfel auf US-amerikanischem Boden eingeladen wurde – trotz internationaler Isolation und eines Haftbefehls des Internationalen Strafgerichtshofs – wertet ihn symbolisch auf. Alaska wurde dabei nicht zufällig gewählt: Die juristische Sondersituation dieses US-Bundesstaats schützt Putin faktisch vor einer Festnahme, während der symbolische Ort historisch auf die russische Vergangenheit der Region verweist.

    Putin dürfte versuchen, das Treffen zu nutzen, um sich als rationaler Verhandlungspartner zu präsentieren – bei gleichzeitiger Beharrung auf strategischen Kernzielen: Einflusszonen, Neutralität der Ukraine und faktische Kontrolle über besetzte Gebiete. Ein kurzfristiger Waffenstillstand könnte Moskau militärische Entlastung verschaffen – ohne politische Substanz aufzugeben.

    Zwischen Symbolik und Substanz

    Noch ist unklar, ob das Alaska-Treffen mehr sein wird als eine medienwirksame Kulisse. Trump inszeniert sich als Vermittler, doch eine tragfähige Friedenslösung erfordert mehr als persönliche Gespräche zwischen zwei Männern mit egozentrischem Politikstil. Ohne ukrainische Mitsprache und ohne klar definierte Parameter für territoriale Integrität, Sicherheitsgarantien und Wiederaufbau bleibt jeder Kompromiss brüchig.

    Das Gipfeltreffen in Alaska mag der Beginn eines neuen diplomatischen Prozesses sein – oder ein weiterer Beleg für die Fragmentierung der internationalen Ordnung. Klar ist nur: Die Entscheidung über den weiteren Verlauf des Ukrainekriegs wird nicht allein in Anchorage fallen, wohl aber könnte dort die Richtung angedeutet werden.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Gipfeltreffen ohne Kiew: Wie das Treffen zwischen Trump und Putin in Alaska Selenskyj unter Druck setzt

    Gipfeltreffen ohne Kiew: Wie das Treffen zwischen Trump und Putin in Alaska Selenskyj unter Druck setzt

    Wenn sich Donald Trump und Wladimir Putin am Freitag im entlegenen Anchorage treffen, um über den Ukrainekrieg zu sprechen, dann fehlt ein zentraler Akteur: die Ukraine selbst. Auch die europäischen Partner sind außen vor. Für Präsident Wolodymyr Selenskyj ist das mehr als nur ein Affront – es ist eine geopolitische Schwächung in einem Moment, in dem seine militärische, politische und diplomatische Position ohnehin unter erheblichem Druck steht.

    Die Abwesenheit der Ukraine bei diesem bilateralen Gipfel markiert eine Rückkehr zu einem machtpolitischen Denken, das der Logik der Einflusssphären folgt. Wenn über die territoriale Integrität eines Staates verhandelt wird, ohne dessen Vertreter einzubeziehen, degradiert dies diesen Staat symbolisch wie faktisch zum Objekt internationaler Politik. Die Formel „Wer nicht am Tisch sitzt, steht auf der Speisekarte“ bringt diese Logik auf den Punkt.

    Für Selenskyj bedeutet dies eine sichtbare Marginalisierung: Die beiden mächtigsten Atommächte der Welt debattieren über das Schicksal seines Landes, ohne ihn zu konsultieren. Selbst wenn es das erklärte Ziel des Treffens ist, einen Waffenstillstand zu erreichen, bleibt der Ausschluss Kiews ein diplomatischer Affront und ein Signal an andere Akteure – insbesondere an Russland –, dass militärische Aggression nicht notwendigerweise zu Isolation, sondern womöglich sogar zu Verhandlungsgewinnen führen kann.

    Washingtons Kurswechsel und die Angst vor einem Deal zu Lasten der Ukraine

    Donald Trump hat bereits mehrfach durchblicken lassen, dass er wenig Interesse daran hat, die harte Linie seines Vorgängers gegenüber Russland fortzusetzen. Vielmehr betont er seine Bereitschaft zu einem schnellen Deal – auch um einen außenpolitischen Erfolg vor den Zwischenwahlen zu präsentieren. In Kiew wächst daher die Sorge, dass die USA bereit sein könnten, territoriale Konzessionen der Ukraine zumindest in Erwägung zu ziehen.

    Besonders brisant ist, dass Trump zuletzt öffentlich sein Unverständnis darüber geäußert hat, dass die Ukraine ein mögliches „Gebietstausch“-Modell kategorisch ablehnt. Diese Haltung untergräbt die ukrainische Verhandlungsposition und stellt indirekt das westliche Bekenntnis zur Unverletzlichkeit international anerkannter Grenzen infrage. Ein Friedensschluss, der auf Kosten ukrainischer Territorien geht, käme einer politischen Kapitulation gleich – und würde innenpolitisch von Selenskyj wohl kaum vermittelbar sein.

    Militärische Rückschläge und schwindende Spielräume

    Auf dem Schlachtfeld verzeichnet Russland seit Wochen kleine Fortschritte – insbesondere im Donbass. Ukrainische Truppen sehen sich in mehreren Frontabschnitten zum Rückzug gezwungen, Evakuierungen ziviler Bevölkerungsteile deuten auf eine sich verschärfende Lage hin. Zwar sind diese Bewegungen taktischer Natur und keine strategische Wende, doch sie verstärken den Eindruck eines zunehmenden Kräfteungleichgewichts.

    Hinzu kommt die strukturelle Abhängigkeit Kiews vom Westen: Ohne ausländische Waffenlieferungen und milliardenschwere Finanzhilfen – auch zur Deckung laufender Staatsausgaben – wäre der ukrainische Staat kaum handlungsfähig. Dass die US-Hilfen unter Trump bereits zurückgefahren wurden, verschärft die Unsicherheit. In dieser Lage wächst der Druck auf Selenskyj, Kompromissbereitschaft zu signalisieren – selbst wenn dies seine innenpolitische Basis weiter erodieren lässt.

    Die diplomatische Rehabilitierung Putins

    Der Gipfel in Alaska bedeutet nicht nur eine außenpolitische Herausforderung für die Ukraine, sondern auch eine symbolische Aufwertung für Russland. Seit der Invasion im Februar 2022 war Putin weitgehend von der westlichen Staatengemeinschaft isoliert. Nun trifft er sich mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten auf Augenhöhe – ohne dass Russland zuvor substanzielle Zugeständnisse gemacht hätte.

    Diese Normalisierung internationaler Kontakte trotz fortbestehender Aggression birgt langfristige Risiken: Sie könnte als Signal verstanden werden, dass militärische Fakten geschaffen und später diplomatisch legitimiert werden können. Für autokratische Regime weltweit wäre dies eine fatale Ermutigung. Dass Putin nun mit einem US-Präsidenten verhandelt, ohne dass die Kriegshandlungen nachgelassen haben oder Rückzüge erfolgt sind, stellt die Glaubwürdigkeit westlicher Abschreckung infrage.

    Ein Gipfel mit offenem Ausgang – aber großer Wirkung

    Ob das Treffen zwischen Trump und Putin zu konkreten Ergebnissen führt, ist offen. Einige Beobachter verweisen auf frühere Treffen der beiden Präsidenten, die eher als mediale Inszenierungen denn als diplomatische Durchbrüche in Erinnerung geblieben sind. Dennoch bleibt das Risiko bestehen, dass symbolische Gesten – etwa ein bilateraler Handschlag oder die Ankündigung eines vagen Fahrplans – bereits als Fortschritt verkauft werden.

    Für Selenskyj ergibt sich daraus eine Zwangslage: Sollte Trump eine Einigung mit Putin präsentieren, wird es schwer sein, sich dieser öffentlich zu widersetzen, ohne als Friedensverweigerer dazustehen. Gleichzeitig wäre die Zustimmung zu einem unausgewogenen Kompromiss ein politischer Offenbarungseid. In jedem Fall zeigt der Gipfel in Alaska, wie fragil die diplomatische Rückendeckung für die Ukraine geworden ist – und wie dringend notwendig eine konsolidierte europäische Position wäre, um weiteren geopolitischen Erosionsprozessen entgegenzuwirken.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Russland erzielt Geländegewinne vor den geplanten Gesprächen – und weitere World-News

    Russland erzielt Geländegewinne vor den geplanten Gesprächen – und weitere World-News

    Nach monatelangen zermürbenden Kämpfen haben russische Streitkräfte einen schnellen Vorstoß im Osten der Ukraine erzielt. Diese Erfolge finden statt, bevor Präsident Wladimir Putin am Freitag bei einem Gipfeltreffen in Alaska von US-Präsident Donald Trump weitreichende Forderungen stellen dürfte.

    In den vergangenen Tagen durchbrachen russische Truppen einen Abschnitt der ukrainischen Verteidigungslinie nahe der Stadt Pokrowsk, einer ukrainischen Bastion in der Region Donezk. Russische Kräfte haben die Stadt teilweise eingekreist und dürften die Schlinge um Pokrowsk enger ziehen, um ukrainische Truppen zum Rückzug zu zwingen – eine Taktik, die sie bereits zur Einnahme anderer Städte nutzten.

    Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte, die Russen „verlegen ihre Truppen und Kräfte auf eine Weise, die auf Vorbereitungen neuer Offensivoperationen hindeutet“ und „nicht auf einen Waffenstillstand oder ein Kriegsende“.

    Auch die Ukraine sucht vor den Gesprächen Vorteile zu erlangen. Kiew hat seine Angriffe auf russische Ölraffinerien verstärkt, um Moskau unter Druck zu setzen, indem es die wichtigste Einnahmequelle des Landes ins Visier nimmt.

    Kiew und seine europäischen Verbündeten bestehen darauf, dass ernsthafte Friedensgespräche erst nach einem Waffenstillstand beginnen und die aktuelle Frontlinie Ausgangspunkt der Verhandlungen sein müsse. Doch mit den schnellen russischen Gewinnen im Osten in den vergangenen Tagen könnte sich diese Linie bis Freitag bereits weiter verschoben haben.


    Waldbrände wüten während Hitzewelle in Südeuropa

    Südeuropa ächzte gestern unter einer unerbittlichen, lebensgefährlichen Hitze, die Waldbrände anfachte und mindestens zwei Todesopfer forderte – eines in Spanien, eines in Frankreich.

    Spanien und Frankreich erleben die bisher extremsten Temperaturen. Meteorologen warnen, dass das Thermometer mancherorts weiter über 40 Grad Celsius steigen könnte. Ursache der extremen Hitze ist ein großflächiges Hochdruckgebiet, das warme, trockene Luft über den Kontinent zieht – und das in vielen Regionen mindestens bis Montag anhalten könnte.


    WEITERE WICHTIGE NACHRICHTEN

    • USA: Soldaten der Nationalgarde patrouillieren nun in den Straßen von Washington, D.C., wo Trump außerdem Bundesbeamte einsetzt und die Stadtpolizei unter seine Kontrolle gebracht hat.
    • Südchinesisches Meer: Die Philippinen warfen China „gefährliche Manöver“ vor, nachdem ein chinesisches Küstenwachschiff bei der Verfolgung eines philippinischen Patrouillenboots mit einem chinesischen Kriegsschiff kollidierte.
    • Handel: Trumps Anordnung zur Verlängerung des US-Zollstillstands mit China ebnet den Weg für einen möglichen Gipfel mit Xi Jinping noch in diesem Jahr.
    • Indien: Nach einer Serie von Angriffen streunender Hunde in Neu-Delhi ordnete das Oberste Gericht an, alle Straßenhunde aus der Hauptstadt zu entfernen.
    • Südkorea: Kim Keon Hee, die Ehefrau des abgesetzten Präsidenten des Landes, wurde wegen Bestechung und Korruption inhaftiert.
    • Brasilien: Trumps Zölle verschaffen US-Techkonzernen mehr Einfluss, um die Regeln zur Kontrolle ihrer Plattformen im Land mitzugestalten.
    • Island: Ein 50 Jahre altes Rätsel wurde gelöst, nachdem sich einer der mutmaßlichen Täter des ersten Bankraubs des Landes selbst gestellt hat.
    • Künstliche Intelligenz: Das Start-up Perplexity bietet an, den Google-Webbrowser Chrome für 34,5 Milliarden Dollar zu kaufen.
    • Apple: Elon Musk droht, den Technologiekonzern zu verklagen, weil dieser OpenAI gegenüber seinem eigenen KI-Unternehmen bevorzugt behandle.
    • Krypto: Do Kwon, der Unternehmer, der 2022 einen Marktzusammenbruch bei Krypto-Währungen auslöste, bekannte sich in den USA des Betrugs schuldig und muss mit bis zu zwölf Jahren Haft rechnen.
  • Europa besorgt über Trump-Putin-Gipfel – und weitere World-News

    Europa besorgt über Trump-Putin-Gipfel – und weitere World-News

    Die Ukraine und ihre europäischen Verbündeten präsentierten gestern eine geschlossene Front im Vorfeld eines Treffens am kommenden Freitag in Alaska zwischen Präsident Trump und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Die Europäer befürchten, dass Trump Zugeständnisse an Putin machen könnte, die die Ukraine in künftigen Friedensgesprächen ins Abseits drängen würden.

    Sieben europäische Staats- und Regierungschefs, darunter der französische Präsident Emmanuel Macron und der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz, veröffentlichten eine gemeinsame Erklärung, in der es heißt: „Der Weg zum Frieden in der Ukraine kann nicht ohne die Ukraine entschieden werden.“

    Man könne nur dann „substantielle Verhandlungen“ führen, wenn ein Waffenstillstand herrsche oder die Kampfhandlungen deutlich reduziert würden – eine seit Langem von der Ukraine vertretene Position, die Russland jedoch ablehnt. Außerdem erklärten die Unterzeichner, die aktuelle Frontlinie „sollte der Ausgangspunkt der Verhandlungen sein“ – eine implizite Absage an Trumps Vorschlag von „Gebietstausch“ mit Russland. Die Ukraine lehnt jegliche Abtretung von Territorium kategorisch ab.

    Die EU-Außenminister werden heute zu Beratungen über das weitere Vorgehen zusammenkommen.

    Weitere wichtige Meldungen

    Israel: Als Reaktion auf internationale Kritik erklärte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, die ausgeweitete Militäroperation im Gazastreifen sei „der beste Weg, den Krieg zu beenden“. Unklar bleibt, wer das Gebiet letztlich verwalten wird.

    Diplomatie: Die jüngsten Schritte Europas spiegeln die weltweite Empörung über das Blutvergießen in Gaza wider. So verschärften Großbritannien, Frankreich und Deutschland ihre Haltung.

    Gaza: Ein extremer Bargeldmangel erschwert die Versorgung mit Lebensmitteln zusätzlich.

    USA: In einer höchst ungewöhnlichen Vereinbarung mit Trump sollen Nvidia und Advanced Micro Devices der US-Regierung 15 Prozent ihrer Einnahmen aus dem Verkauf von KI-Chips nach China abgeben.

    Türkei: Ein Erdbeben der Stärke 6,1 tötete mindestens eine Person und brachte Gebäude in der westtürkischen Stadt Sindirgi zum Einsturz.

    Indien: Tausende Bengali-Befürworter, die meisten von ihnen Muslime, wurden in den vergangenen Monaten festgenommen, interniert oder nach Bangladesch abgeschoben.

  • Ein Immobilienmogul als Friedensstifter – Steve Witkoff und die Schatten-Diplomatie der USA

    Ein Immobilienmogul als Friedensstifter – Steve Witkoff und die Schatten-Diplomatie der USA

    Ein Mann, der weder Diplomat noch Militärexperte ist, steht plötzlich im Zentrum der globalen Krisendiplomatie: Steve Witkoff, ein 68-jähriger New Yorker Milliardär, wird am 6. August zu Gesprächen in Moskau erwartet. Nur zwei Tage bleiben dann bis zum Ablauf eines Ultimatums, das US-Präsident Donald Trump der russischen Führung gesetzt hat: Bis Freitag soll ein Waffenstillstand in der Ukraine erzielt werden – oder Washington droht mit umfassenden Sanktionen. Witkoff, der als persönlicher Gesandter des Präsidenten agiert, hat in den vergangenen Monaten mehrfach mit Wladimir Putin verhandelt. Seine Rolle wirft Fragen auf – über die neue Außenpolitik der USA, über die Vermischung von Geschäft und Diplomatie und über den Einfluss informeller Netzwerke auf geopolitische Entscheidungen.

    Von der Kanzlei zum Golfplatz des Präsidenten

    Steve Witkoff ist ein klassisches Produkt des amerikanischen Aufstiegsversprechens. In den 1980er Jahren arbeitete er als Anwalt in einer Kanzlei, die Donald Trump in Immobilienfragen beriet. Die Faszination für den schillernden Unternehmer wurde zur Basis einer langjährigen Freundschaft. Witkoff selbst stieg bald ins Immobiliengeschäft ein und entwickelte sich zu einem der großen Player der Branche. Heute beläuft sich sein Vermögen auf rund zwei Milliarden Dollar.

    Die persönliche Loyalität zu Donald Trump blieb über Jahrzehnte bestehen – durch dessen geschäftliche Pleiten, private Skandale und politische Zerreißproben hindurch. Witkoff wich dem Präsidenten auch dann nicht von der Seite, als sich viele Republikaner nach dem Sturm auf das Kapitol im Januar 2021 von Trump distanzierten. Diese Treue wurde belohnt: Nach Trumps Rückkehr ins Weiße Haus im November 2024 zählte Witkoff zu den ersten, die für außenpolitische Schlüsselrollen nominiert wurden.

    Zunächst beauftragt mit einer Sondermission im Nahen Osten, half er im Januar 2025 dabei, einen Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas auszuhandeln. Bereits kurz darauf erhielt er ein weiteres Mandat – als Chefverhandler in der Ukraine-Frage, einem Konflikt, den Trump medienwirksam „in 24 Stunden“ zu beenden versprach.

    Vier Treffen mit Putin, kein Besuch in Kiew

    Seither ist Witkoff zu einer Schlüsselfigur in Washingtons Ukraine-Politik geworden – und das, obwohl er noch nie ukrainischen Boden betreten hat. Stattdessen fokussiert er sich auf den Kreml. Vier Mal traf er sich seit Februar mit Wladimir Putin. Bei seinem ersten Besuch gelang ihm die Freilassung eines in Russland inhaftierten US-Bürgers – ein symbolischer Erfolg, den er medienwirksam inszenierte.

    Doch seine Aussagen zur Ukraine stoßen vielerorts auf Kritik. In Interviews äußerte er sich verständnisvoll gegenüber russischen Positionen, relativierte die Verantwortung Moskaus am Krieg und sprach den von Russland in Teilen der Ukraine durchgeführten Schein-Referenden eine gewisse Legitimität zu. Auch die NATO-Mitgliedschaft der Ukraine stellte er öffentlich infrage – eine Haltung, die in Kiew und bei den europäischen Alliierten der USA Alarm auslöste.

    Bemerkenswert ist zudem Witkoffs selbstgewählter Alleingang bei den Gesprächen: Mehrfach reiste er ohne offizielles diplomatisches Protokoll, ohne Delegation und ohne Vertreter des US-Außenministeriums nach Moskau. Als Begründung gab er an, Trump „ungeschönte“ Berichte liefern zu wollen – direkte Informationen, nicht gefiltert durch die Bürokratie.

    Diplomatie als Geschäft – und umgekehrt

    Steve Witkoff pflegt einen transaktionalen Zugang zur Außenpolitik – ganz im Sinne seines Mentors. Wiederholt betonte er, dass finanzielle Hilfen an Bedingungen geknüpft werden müssten. Für die Ukraine etwa forderte er ein „Business Model“, bevor über amerikanische Unterstützung gesprochen werden könne. Auch über die Erschließung ukrainischer Ressourcen wie Seltene Erden als mögliche Gegenleistung wurde laut nachgedacht.

    Diese Ökonomisierung der Diplomatie wirft grundlegende Fragen auf. Geopolitik als Geschäft – ist das pragmatisch oder zynisch? Witkoff jedenfalls sieht keinen Widerspruch. In Interviews beschreibt er Konfliktlösung als Form von „Deal-Making“: Man müsse die Interessen beider Seiten verstehen, Gemeinsamkeiten identifizieren und Differenzen durch kreative Vorschläge überbrücken. Eine Herangehensweise, die in bilateralen Investitionsverhandlungen funktioniert – doch im Kontext eines Angriffskrieges, in dem territoriale Integrität und Völkerrecht zur Disposition stehen, erscheint dieser Ansatz mindestens problematisch.

    Unkonventionell, einflussreich – aber auch effektiv?

    Der Einfluss Witkoffs auf die amerikanische Außenpolitik unter Trump ist unübersehbar. Nicht wenige Beobachter bezeichnen ihn inzwischen als faktischen Außenminister – eine Rolle, die offiziell Marco Rubio innehat. Beide betonen, sie arbeiteten „exzellent“ zusammen, doch hinter den Kulissen ist das Kräfteverhältnis unausgewogen. Rubio agiert im institutionellen Rahmen, Witkoff genießt direkten Zugang zum Präsidenten.

    Derzeit steht Witkoff vor seiner bislang schwierigsten Aufgabe. Mit seinem aktuellen Besuch in Moskau will er letzte Verhandlungsoptionen sondieren, bevor Washington seine angekündigten Sanktionen gegen Russland und möglicherweise auch gegen Drittstaaten wie Indien oder China ausweitet. Die Uhr tickt – und die Erwartungen an eine schnelle Einigung sind niedrig. In diplomatischen Kreisen wächst die Skepsis, ob ein Quereinsteiger ohne außenpolitische Ausbildung der Komplexität des Ukraine-Krieges gewachsen ist.

    Dennoch: Witkoff genießt das Vertrauen Trumps, das Wohlwollen des Kreml und eine mediale Aufmerksamkeit, die ihn zum Gesicht einer neuen, informellen Außenpolitik macht. Ob daraus eine Lösung oder ein Desaster erwächst, wird sich in den kommenden Tagen zeigen. Sicher ist nur: Mit Steve Witkoff betritt ein Mann die Bühne der Weltpolitik, der sie nach seinen eigenen Regeln bespielt.

    Autor: Andreas M. Brucker