Schlagwort: Rechtsstaat

  • Bolsonaro zu 27 Jahren Haft verurteilt – und weitere World-News

    Bolsonaro zu 27 Jahren Haft verurteilt – und weitere World-News

    Brasiliens Oberstes Gericht hat gestern den ehemaligen Präsidenten Jair Bolsonaro wegen der Planung eines Putsches nach seiner Niederlage bei der Wahl 2022 verurteilt. Bolsonaro, der inzwischen 70 Jahre alt ist, wurde zu 27 Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt.

    Eine Mehrheit der Richter in dem Verfahren stimmte für die Verurteilung des ehemaligen Präsidenten sowie von sieben Mitverschwörern, darunter sein Vizepräsidentschaftskandidat, sein Verteidigungsminister und ein Marinekommandant.

    Dieses Urteil stellt einen Meilenstein für das Land dar: Brasilien hat seit dem Sturz der Monarchie im Jahr 1889 mindestens 15 Putsche oder Putschversuche mit Beteiligung des Militärs erlebt – doch zum ersten Mal wurde ein führender Kopf eines solchen Versuchs verurteilt.

    Details: Bolsonaro wurde wegen der Planung einer groß angelegten Verschwörung verurteilt, die unter anderem die Auflösung des Obersten Gerichts sowie die Ermordung seines Gegners Luiz Inácio Lula da Silva vor dessen Amtsantritt vorsah. Bolsonaro bestritt, einen Putsch geplant zu haben, gab jedoch an, er habe nach „verfassungsgemäßen Wegen“ gesucht, um im Amt zu bleiben.

    Kontext: Das Urteil ist ein schwerer Schlag für eine der bedeutendsten politischen Figuren Lateinamerikas. Bolsonaros politische Strahlkraft zeigte sich in den vergangenen Tagen erneut, als im ganzen Land Menschenmengen gegen seine strafrechtliche Verfolgung demonstrierten. Er hatte eine rechtsgerichtete Bewegung mobilisiert, die das Land tiefgreifend veränderte. Eine Inhaftierung würde diese Bewegung ohne erkennbare Führung zurücklassen.

    Wie es weitergeht: Bolsonaros Anwälte werden voraussichtlich beantragen, dass er seine Strafe wegen gesundheitlicher Probleme im Hausarrest verbüßt. Die Verurteilung dürfte den Konflikt zwischen Brasilien und den USA verschärfen. Präsident Trump hatte versucht, Brasilien durch hohe Zölle – die höchsten, die er dieses Jahr auf Produkte irgendeines Landes verhängte – dazu zu zwingen, das Verfahren fallen zu lassen. Er erklärte, Bolsonaro werde wie er selbst verfolgt, weil er versucht habe, eine manipulierte Wahl rückgängig zu machen.


    Polizei fahndet weiter nach Schützen im Fall Charlie Kirk

    Das FBI veröffentlichte gestern weitere Videoaufnahmen und Bilder einer „interessanten Person“. Kirks Mörder war auch mehr als einen Tag nach der Tat noch auf freiem Fuß. Der Direktor des FBI reiste nach Utah, um die Leitung der Fahndung zu übernehmen.

    Die vom FBI veröffentlichten Bilder zeigen einen Mann mit schwarzem T-Shirt, Baseballkappe und dunkler Sonnenbrille. Das neue Videomaterial zeigt, wie eine Person nach der Schussabgabe über ein Dach rennt, ein Stockwerk hinunterspringt, eine belebte Straße überquert und in einem bewaldeten Gebiet verschwindet. Dort fanden Ermittler später ein Gewehr.

    Ein einzelner Schuss wurde laut Behörden von einem Hausdach aus etwa 100 Metern Entfernung abgegeben, während Kirk eine Rede hielt. Er wurde am Hals getroffen und tödlich verletzt. In der Nähe des Campus von Utah Valley wurde ein hochpräzises Repetiergewehr gefunden, das offensichtlich bei dem Anschlag verwendet wurde.


    Überraschender Verhandlungspartner der nepalesischen Protestbewegung

    Die anhaltenden Proteste in Nepal haben zu einer unerwarteten Entwicklung geführt: Junge Anführer der Gen-Z-Bewegung verhandeln über die Zukunft des Landes – ausgerechnet mit der nepalesischen Armee.

    Nachdem Demonstrierende das Parlament, das Oberste Gericht und die Wohnhäuser von fünf ehemaligen Premierministern in Brand gesetzt hatten, blieb die Armee als einzige Institution übrig, die überhaupt noch verhandlungsfähig war. Die Streitkräfte genießen in Nepal hohes Ansehen, haben jedoch nie eigenständig politische Macht ausgeübt und stehen nun im Zentrum eines schwierigen Übergangsprozesses. Wie auch immer die nächsten Schritte aussehen werden – das politische Vakuum soll wohl durch eine Einigung zwischen der uneinheitlichen Jugendbewegung und der Militärführung gefüllt werden.


    WEITERE WICHTIGE NACHRICHTEN

    Gaza: Israel hat Hunderttausende Menschen in Gaza-Stadt zur Evakuierung aufgefordert. Satellitenbilder zeigen jedoch, wie schwierig das in der Praxis ist.

    Großbritannien: Die Regierung hat ihren Botschafter in den USA, Peter Mandelson, entlassen, nachdem neue E-Mails seine engen Verbindungen zu Jeffrey Epstein offenlegten.

    Südkorea: Präsident Lee Jae Myung warnte vor Investitionen in den USA, nachdem südkoreanische Arbeiter vergangene Woche bei einer Einwanderungsrazzia im Bundesstaat Georgia festgenommen wurden. Die Rückkehr der Betroffenen nach Südkorea wird heute erwartet.

    Weissrussland: Der autoritär regierende Präsident Alexander Lukaschenko hat in einem neuen Annäherungsversuch an die USA 52 politische Gefangene freigelassen.

    Polen: Der jüngste Drohnenangriff Russlands wird als Test der NATO betrachtet. Der Kreml eskaliert die Provokationen gegenüber dem Westen zunehmend.

    Israel: Offizielle Stellen bestätigten, dass das israelische Militär versucht habe, die Hamas-Führung in der katarischen Hauptstadt Doha zu ermorden – aus Frustration über die stockenden Waffenstillstandsverhandlungen und als Vergeltung für den Anschlag vom 7. Oktober.

    P. Tiko

  • Gerichtstermin mit Signalwirkung: Marine Le Pen und der Prozess, der ihre politische Zukunft bestimmen könnte

    Gerichtstermin mit Signalwirkung: Marine Le Pen und der Prozess, der ihre politische Zukunft bestimmen könnte

    Im Januar 2026 wird sich Marine Le Pen, langjährige Führungsfigur des französischen Rassemblement National (RN), erneut vor Gericht verantworten müssen. Die Berufungsverhandlung im sogenannten „Assistenten-Skandal“ vor der Pariser Cour d’appel ist nicht nur ein juristischer Vorgang – sie könnte zur Weichenstellung für die Präsidentschaftswahl 2027 werden. Der Prozess betrifft nicht nur eine Einzelperson, sondern wirft ein grelles Licht auf das Verhältnis von Recht, Macht und Legitimität im französischen Parteiensystem. Ein alter Fall mit neuer Brisanz Gegenstand des Verfahrens ist die mutmaßliche zweckwidrige Verwendung von Mitteln des Europäischen Parlaments in den Jahren 2004 bis 2016. Die französische Justiz geht davon aus, dass unter Le Pens Führung Dutzende parlamentarische Assistenten formal für die Fraktion im EU-Parlament angestellt waren, faktisch aber Parteiarbeit für den Front National (heute RN) in Frankreich leisteten. Der durch dieses System entstandene Schaden wird auf r…

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  • „La police tue“ – Streit zwischen einem Abgeordneten und dem Pariser Polizeipräfekten eskaliert

    „La police tue“ – Streit zwischen einem Abgeordneten und dem Pariser Polizeipräfekten eskaliert

    Der Konflikt um den Umgang mit Polizeigewalt in Frankreich hat eine neue Eskalationsstufe erreicht. Der Pariser Polizeipräfekt Laurent Nuñez hat am 22. August Strafanzeige gegen den linkspopulistischen Abgeordneten Aly Diouara eingereicht. Auslöser war ein Beitrag des neu gewählten Abgeordneten aus Seine-Saint-Denis, der auf der Plattform X erklärte: „La police tue“ – die Polizei tötet. Damit wollte er den „institutionellen und politischen“ Umgang mit Gewalt durch Beamte anprangern, den er als „erschütternd“ bezeichnete. Gleichzeitig warf er der Polizei „Rassismus“ und eine „nostalgie coloniale“ vor. Scharfe Reaktion der Polizei Für Laurent Nuñez gingen diese Worte weit über eine legitime Kritik hinaus. In seiner Replik sprach er von „inadmissiblen und inqualifizierbaren“ Aussagen, die „die Frauen und Männer beleidigen, die sich täglich für Sicherheit und Schutz einsetzen“. Die Präfektur von Seine-Saint-Denis schloss sich dem an und warf Diouara vor, aus „elektoralen Motiven“ eine zent…

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  • Montfermeil: Der Tod von Kyllian Samathi und die Debatte um Polizeigewalt in Frankreich

    Montfermeil: Der Tod von Kyllian Samathi und die Debatte um Polizeigewalt in Frankreich

    Mitten in einer Winternacht, in den engen Straßen von Montfermeil, endete das Leben von Kyllian Samathi auf dramatische Weise. Der 30-Jährige, der in einer örtlichen Epicerie arbeitete, geriet am 4. Januar 2024 in eine Auseinandersetzung mit der Polizei – eine Begegnung, die nicht nur sein Leben kostete, sondern nun auch das französische Justizsystem und die Polizeiarbeit ins Scheinwerferlicht rückt.

    Ein Einsatz eskaliertKurz nach Mitternacht rückten mehrere Polizeibeamte zu einem Einsatz in einer kleinen Lebensmittelladenfiliale aus. Laut den Einsatzprotokollen soll Samathi sich in einem „Zustand der Übererregung“ befunden und aggressiv verhalten haben. Was folgte, ist inzwischen Gegenstand intensiver Ermittlungen: Über ein Dutzend Stromstöße aus Tasern trafen den Mann. Er brach zusammen, wurde ins Krankenhaus gebracht – und starb am folgenden Tag. Die Szene, wie sie von Augenzeugen und Berichten geschildert wird, liest sich wie ein Protokoll aus einem Handbuch für Eskalationen: enge…

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  • Kommentar: Wenn Gesetze biegsam werden wie Kaugummi – willkommen in der Asphalt-Republik

    Kommentar: Wenn Gesetze biegsam werden wie Kaugummi – willkommen in der Asphalt-Republik

    Es gibt Momente, in denen man sich fragt: Hat Frankreich gerade ernsthaft beschlossen, das Prinzip des Rechtsstaates in den Graben zu fahren?
    Da werden über Jahre hinweg illegale Bodenschwellen gebaut – von Kommunen, die es besser wissen müssten – und anstatt sie zu entfernen, ändert man einfach die Regeln. Voilà, plötzlich ist alles legal.
    Das ist, als würde man beim Fußball das Abseits abschaffen, nur weil zu viele Spieler drinstehen.

    Was sagt das den Bürgerinnen und Bürgern?
    Dass Gesetze nur für jene gelten, die sie nicht machen. Dass sich Macht durchsetzt, egal was im Regelbuch steht. Dass man als Staat nicht Vorbild, sondern Trickser sein kann.

    „Bananenrepublik“ – ein hartes Wort. Aber wenn der Staat beginnt, unbequeme Gesetze nicht durchzusetzen, sondern rückwirkend umzuschreiben, dann kratzt das verdammt nah an diesem Image.
    Wer so handelt, verliert nicht nur den Respekt der Menschen, sondern auch die moralische Autorität, anderen Vorschriften zu machen.

    Und ganz ehrlich: Wenn der Rechtsstaat auf der Straße anfängt zu wackeln, wie lange dauert es, bis er auch anderswo Risse bekommt?

    Oder, ums mal kurz und prägnant auszudrücken:

    „Frankreichs neue Tempobremse: der Rechtsstaat“

    Illegale Bodenschwellen? Kein Problem – wir ändern einfach das Gesetz.
    Das ist wie beim Monopoly: Wenn du verlierst, erfinde neue Regeln.
    Herzlichen Glückwunsch, Frankreich – von der Grande Nation zur Grande Manipulation.
    Vielleicht sollten wir das Land gleich offiziell „Bananenrepublik“ nennen und die Bodenschwellen in gelb anstreichen.

    Ein Kommentar von Andreas M. Brucker

  • Verkehrsberuhigung – Frankreichs Streit um illegale Bodenschwellen

    Verkehrsberuhigung – Frankreichs Streit um illegale Bodenschwellen

    Manchmal ist es nur ein Stück Asphalt, das Wellen schlägt.In diesem Fall: wortwörtlich. Frankreich diskutiert seit Juli 2025 über eine brisante Idee der Regierung – die nachträgliche Legalisierung von Tausenden nicht normgerechten Bodenschwellen. Was nach einer technischen Randnotiz klingt, hat sich zu einem handfesten Streit über Recht, Sicherheit und Verantwortung entwickelt. Die Vorlage aus Paris Auslöser war eine schriftliche Antwort des Verkehrsministeriums auf eine Anfrage der Abgeordneten Annaïg Le Meur. Darin deutete die Regierung an, dass sie eine pauschale „Regularisierung“ plant: Bodenschwellen, die nicht den geltenden Normen entsprechen, sollen nicht mehr entfernt oder angepasst, sondern gesetzlich legitimiert werden.Der Grund liegt auf der Hand – oder besser gesagt: beim Geld. Denn die vollständige Anpassung oder Demontage aller betroffenen Schwellen würde nach Schätzungen zwischen fünf und sieben Milliarden Euro verschlingen. Geld, das Kommunen und Staat offenbar lieber s…

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  • Funke der Empörung – Eine Zigarette an der Flamme des unbekannten Soldaten befeuert die politische Debatte

    Funke der Empörung – Eine Zigarette an der Flamme des unbekannten Soldaten befeuert die politische Debatte

    Ein einzelner Funke genügte, um diesmal ein politisches Feuer zu entfachen: Die Szene, in der ein Mann unter dem Pariser Arc de Triomphe eine Zigarette an der Flamme des unbekannten Soldaten entzündet, verbreitete sich in Windeseile über soziale Netzwerke und Nachrichtenkanäle. Die Empörung war unmittelbar und parteiübergreifend. Der französische Innenminister Bruno Retailleau reagierte umgehend – und ließ dem marokkanischen Staatsangehörigen das Aufenthaltsrecht in Frankreich entziehen. Der Vorfall löst nicht nur moralische Entrüstung aus, sondern wirft grundsätzliche Fragen auf: Wie geht der französische Staat mit symbolischer Provokation um? Wo liegt die Grenze zwischen Rechtsstaatlichkeit und politischer Härte? Und inwiefern wird die nationale Erinnerung zum Schauplatz identitätspolitischer Kämpfe? Die Symbolik der Flamme – Eine Verletzung kollektiven Gedächtnisses Die Flamme des unbekannten Soldaten brennt seit 1923 unter dem Arc de Triomphe – ein ununterbrochenes Gedenken an die …

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  • Krise im Kabinett: Wie Rachida Datis Angriff auf die Justiz die politische Balance in Frankreich erschüttert

    Krise im Kabinett: Wie Rachida Datis Angriff auf die Justiz die politische Balance in Frankreich erschüttert

    Mitten im Sommerloch flammt in Paris ein politischer Konflikt auf, der weit über ein persönliches Fehlverhalten hinausweist. Die Angriffe der französischen Kultusministerin Rachida Dati auf die Justiz haben eine institutionelle Debatte entfacht – und Premierminister François Bayrou zum Eingreifen gezwungen. Die Affäre offenbart nicht nur den prekären Umgang der politischen Elite mit rechtsstaatlichen Grundprinzipien, sondern gefährdet auch die fragile Kohärenz innerhalb der Regierung. Eine Ministerin vor Gericht Ausgangspunkt der Krise ist die Entscheidung der Justiz, Rachida Dati wegen Korruption und Einflussnahme vor Gericht zu stellen. Der Vorwurf: Zwischen 2010 und 2012 soll sie für Beratungsleistungen beim niederländischen Ableger von Renault-Nissan, RNBV, rund 900.000 Euro erhalten haben – ohne dass ein klarer Nachweis über den tatsächlichen Arbeitsumfang existiert. Pikant ist, dass Dati in dieser Zeit gleichzeitig als Europaabgeordnete und Anwältin tätig war. Der Verdacht eines …

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  • Nächtliche Ausgangssperren für Jugendliche

    Nächtliche Ausgangssperren für Jugendliche

    Was Frankreich und Deutschland trennt – und was sie eint

    In mehreren französischen Städten dürfen Kinder und Jugendliche nachts nicht mehr ohne Begleitung auf die Straße. Die Maßnahme zielt auf die Eindämmung von Jugendgewalt und die Prävention krimineller Karrieren. In Deutschland hingegen wäre eine solche Regelung außerhalb von Pandemien rechtlich kaum haltbar – und politisch kaum durchsetzbar. Der Vergleich zwischen den beiden Ländern offenbart nicht nur unterschiedliche Sicherheitslagen, sondern auch tiefgreifende Differenzen im Verhältnis von Staat, Gesellschaft und individueller Freiheit.

    Frankreichs Reaktion auf eskalierende Jugendgewalt

    In Frankreich häufen sich in jüngerer Zeit brutale Gewalttaten unter Jugendlichen. Die Reaktion der Politik ist entschlossen – wenn auch umstritten. Zahlreiche Städte, darunter Nîmes, Béziers oder Teile von Paris, haben nächtliche Ausgangssperren für Minderjährige verhängt. Kinder unter 13 oder 16 Jahren dürfen in bestimmten Vierteln nachts nur noch in Begleitung Erwachsener unterwegs sein. Die Maßnahme wird mit dramatischen Entwicklungen begründet: Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Jugendbanden, zunehmende Bewaffnung im öffentlichen Raum, Angriffe auf Lehrkräfte und Sicherheitskräfte.

    Die Bürgermeister der betroffenen Kommunen sehen in der Ausgangssperre ein Mittel der Prävention. Sie wollen damit verhindern, dass Jugendliche auf der Straße in kriminelle Strukturen abrutschen oder zum Ziel von Gewalt werden. Besonders in sogenannten Problemvierteln, die von hoher Arbeitslosigkeit, prekären Wohnverhältnissen und mangelnder sozialer Durchdringung geprägt sind, soll die nächtliche Ruhe als Schutzraum fungieren – für potenzielle Täter wie für potenzielle Opfer.

    Gleichwohl bleibt die Maßnahme rechtlich wie praktisch umstritten. Frankreichs kommunales Polizeirecht erlaubt zwar gewisse Einschränkungen zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung, doch fehlt es oft an einer landesweit einheitlichen Handhabe. Kritiker monieren eine symbolpolitische Maßnahme ohne belegbare Wirksamkeit – zumal Kontrolle und Durchsetzung ohne massive Polizeipräsenz kaum gewährleistet sind. Auch ethisch bleibt das Konzept problematisch: Es trifft oft gerade jene jungen Menschen, die ohnehin am Rand der Gesellschaft stehen.

    Deutschland: Rechtsstaatliche Zurückhaltung statt kommunaler Autorität

    In Deutschland existieren außerhalb von Krisensituationen wie der Corona-Pandemie keine flächendeckenden Ausgangssperren für Jugendliche. Und selbst während der pandemiebedingten Kontaktbeschränkungen stießen solche Maßnahmen regelmäßig an juristische Grenzen. Der Grund liegt im deutschen Grundrechtsverständnis: Freiheit der Person, Gleichbehandlung und Verhältnismäßigkeit bilden hohe Hürden für generelle Aufenthaltsverbote – erst recht ohne konkreten Anlass oder individuelle Gefährdung.

    Jugendschutz in Deutschland basiert stattdessen auf einem abgestuften Konzept aus Aufklärung, Altersgrenzen und sozialpädagogischer Betreuung. Das Jugendschutzgesetz regelt etwa, wie lange sich Kinder und Jugendliche in Kinos, Gaststätten oder Diskotheken aufhalten dürfen. Öffentliche Plätze hingegen unterliegen in der Regel keiner spezifischen Aufenthaltskontrolle, solange keine akute Gefahr besteht.

    Vereinzelt gibt es kommunale Verordnungen, die etwa den Alkoholkonsum auf Spielplätzen oder in Parks einschränken. Eine pauschale nächtliche Ausgangssperre würde allerdings mit großer Wahrscheinlichkeit vor Verwaltungsgerichten scheitern. Auch politisch ist der Ruf nach solchen Maßnahmen selten laut – nicht zuletzt wegen historischer Sensibilität gegenüber Eingriffen in die persönliche Freiheit.

    Wirkung und Nebenwirkungen: Zwischen Sicherheitsgefühl und Stigmatisierung

    Die Wirksamkeit nächtlicher Ausgangssperren ist empirisch schwer zu belegen. In manchen US-amerikanischen Städten zeigten sie kurzfristig eine moderate Reduktion bestimmter Delikte. Längerfristig jedoch verschwimmen die Effekte im statistischen Rauschen. Entscheidend bleibt, ob solche Maßnahmen Teil eines kohärenten sicherheitspolitischen Gesamtkonzepts sind – oder bloß symbolische Beruhigung einer verunsicherten Öffentlichkeit.

    Vor allem bergen sie das Risiko sozialer Ausgrenzung. Wer in prekären Verhältnissen aufwächst, ist ohnehin stärker von polizeilicher Kontrolle betroffen. Eine Ausgangssperre trifft dann nicht nur potenzielle Täter, sondern auch jene Jugendlichen, die schlicht keinen anderen Ort für Freizeit, Begegnung oder Rückzug haben. Zudem kann sie familiäre Spannungen verschärfen, wenn etwa Eltern aus unterschiedlichen Gründen nicht in der Lage sind, ihre Kinder zu begleiten oder zu beaufsichtigen.

    In Deutschland wird dieser Aspekt meist stärker gewichtet. Der Fokus liegt hier traditionell auf Prävention durch Teilhabe: Jugendzentren, Sportvereine, schulische Sozialarbeit und offene Freizeitangebote gelten als tragende Säulen einer integrativen Jugendpolitik. Sie sind aufwändig, langfristig und nicht immer spektakulär – aber nachhaltiger als temporäre Verbote.

    Gemeinsame Herausforderungen – unterschiedliche Antworten

    Frankreich und Deutschland stehen vor ähnlichen gesellschaftlichen Herausforderungen: sozialräumliche Segregation, Vertrauensverlust gegenüber staatlichen Institutionen, zunehmende Gewalt unter jungen Menschen. Doch die Antworten fallen unterschiedlich aus – nicht nur wegen der unterschiedlichen Rechtslage, sondern auch aufgrund divergierender politischer Kulturen.

    Frankreich setzt im Zweifel schneller auf ordnungspolitische Maßnahmen, auch als Mittel der politischen Kommunikation. Der starke Zentralstaat und seine traditionsreiche Rolle des „Maître d’ordre“ prägen das sicherheitspolitische Selbstverständnis. In Deutschland hingegen dominiert ein föderales System mit ausgeprägtem Rechtsschutz und gewachsener Skepsis gegenüber autoritären Lösungen.

    Beide Länder könnten voneinander lernen: Deutschland von der französischen Entschlossenheit, Probleme nicht zu bagatellisieren – Frankreich von der deutschen Erfahrung, dass Prävention nachhaltiger wirkt als Repression. Die Ausgangssperre mag ein sichtbares Signal sein, doch echte Sicherheit entsteht durch soziale Integration, Bildung und Vertrauen. Gerade in einer polarisierten Gesellschaft ist das der klügere Weg.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • „Mitten ins Gesicht“ – Der Fall Aly Saounera und das fragile Vertrauen in die Polizei

    „Mitten ins Gesicht“ – Der Fall Aly Saounera und das fragile Vertrauen in die Polizei

    Ein Jugendlicher, blutüberströmt am Rand eines Parks. Vier Polizisten, suspendiert, unter Anklage. Ein Land, erneut konfrontiert mit einer Frage, die nicht verblasst: Wie tief sitzt das Problem der Polizeigewalt in Frankreich? In der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2025, kurz nach dem Nationalfeiertag, wurde in Garges-lès-Gonesse im Département Val-d’Oise ein 17-jähriger Teenager zur Hauptfigur eines Dramas, das inzwischen ganz Frankreich erschüttert. Sein Name: Aly Saounera. Nach eigenen Angaben war er allein unterwegs, um ein paar Besorgungen zu machen, als ein Polizeifahrzeug neben ihm hielt. Die Beamten, offenbar der Meinung, er filme sie mit seinem Handy, sollen ihn bedroht haben. Aly rannte los – aus Angst, sagt er. Doch er wurde geschnappt, in den Wagen verfrachtet, geschlagen und, wie er berichtet, später blutend am Rande eines Parks abgesetzt. Die Bilder, die anschließend in sozialen Netzwerken kursierten, sprechen eine deutliche Sprache: Eine aufgeplatzte Lippe, ein geplatztes…

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