Schlagwort: Radikalisierung

  • Die neue Gefahr aus dem digitalen Untergrund

    Die neue Gefahr aus dem digitalen Untergrund

    Frankreich hat in den vergangenen Jahren gelernt, auf vielfältige Formen des Extremismus zu reagieren. Der islamistische Terrorismus bleibt die größte sicherheitspolitische Bedrohung, rechtsextreme Netzwerke werden intensiv überwacht, und auch linksextreme Gewalt steht im Fokus der Behörden. Nun rückt eine weitere Form der Radikalisierung in den Blick: der sogenannte maskulinistische Extremismus.

    Noch handelt es sich um ein vergleichsweise kleines Phänomen. Doch die erstmalige Behandlung eines mutmaßlich von der sogenannten Incel-Ideologie inspirierten Anschlagsplans durch die französische Antiterrorjustiz markiert einen Wendepunkt. Die Frage lautet nicht mehr, ob diese Form der Radikalisierung existiert, sondern wie ernst sie genommen werden muss.

    Der Begriff „Incel“ steht für „involuntary celibate“, also unfreiwillig enthaltsam lebende Männer. In den digitalen Echokammern dieser Bewegung vermischen sich persönliche Frustrationen mit ideologischen Deutungsmustern. Frauen werden zu Schuldigen erklärt, gesellschaftliche Entwicklungen als Angriff auf die männliche Identität interpretiert. Aus individueller Enttäuschung entsteht ein politisiertes Weltbild, das in seinen radikalsten Ausprägungen Gewalt legitimiert.

    Die Mechanismen sind vertraut. Wie bei anderen extremistischen Bewegungen erfolgt die Radikalisierung häufig online. Digitale Gemeinschaften verstärken gegenseitig Ressentiments, schaffen ein Gefühl kollektiver Opferrolle und fördern eine zunehmende Entfremdung von gesellschaftlichen Institutionen. Die Gewalt wird nicht selten romantisiert, frühere Attentäter werden zu Symbolfiguren stilisiert.

    Dennoch wäre es ein Fehler, jede Form antifeministischer oder frauenfeindlicher Äußerung automatisch als terroristische Gefahr einzustufen. Nicht jede radikale Meinung führt zur Gewalt. Die Sicherheitsbehörden stehen vor der Herausforderung, zwischen gesellschaftlich problematischen Einstellungen und tatsächlicher terroristischer Bedrohung zu unterscheiden.

    Gerade deshalb ist Nüchternheit gefragt. Die Geschichte der Terrorismusbekämpfung zeigt, dass neue Gefahren häufig zunächst unterschätzt werden. Zugleich besteht die Gefahr einer Überreaktion. Eine aufgeheizte öffentliche Debatte kann dazu führen, dass ein zahlenmäßig begrenztes Phänomen größer erscheint, als es tatsächlich ist.

    Besondere Aufmerksamkeit verdient die Tatsache, dass viele der betroffenen Personen sehr jung sind. Jugendliche und junge Erwachsene bewegen sich oft in digitalen Räumen, in denen Algorithmen extreme Inhalte begünstigen und soziale Isolation verstärken können. Die Bekämpfung dieser Entwicklung wird daher nicht allein Aufgabe von Polizei und Geheimdiensten sein. Schulen, Familien, Sozialarbeit und digitale Plattformen tragen ebenfalls Verantwortung.

    Frankreich steht damit vor einer Herausforderung, die weit über die klassische Terrorismusbekämpfung hinausgeht. Es geht um die Frage, wie offene Gesellschaften mit neuen Formen der Online-Radikalisierung umgehen, bevor aus Hass Gewalt wird.

    Die maskulinistische Szene ist gegenwärtig keine Bedrohung von derselben Größenordnung wie der islamistische Terrorismus oder organisierte rechtsextreme Netzwerke. Doch die ersten Warnsignale sind sichtbar. Eine wehrhafte Demokratie darf solche Entwicklungen weder dramatisieren noch ignorieren. Wachsamkeit ohne Alarmismus bleibt der angemessene Weg.

    Autor: P. Tiko

  • Terrorverdacht in Paris: Tunesier in Untersuchungshaft – Frankreich bleibt im Alarmzustand

    Terrorverdacht in Paris: Tunesier in Untersuchungshaft – Frankreich bleibt im Alarmzustand

    Mitten in Paris, in einer Stadt, die seit Jahren unter besonderer Beobachtung der Sicherheitsbehörden steht, hat eine neue Antiterror-Ermittlung für Aufmerksamkeit gesorgt. Ein tunesischer Staatsbürger steht im Verdacht, einen Anschlag auf französischem Boden vorbereitet zu haben. Ein spezialisierter Ermittlungsrichter ordnete Untersuchungshaft an – ein Schritt, der in Frankreich nur dann erfolgt, wenn die Justiz eine ernsthafte Gefährdungslage erkennt. Die Festnahme reiht sich in eine lange Serie vereitelter Anschlagspläne ein, die Frankreich seit den verheerenden Terrorattacken von 2015 beschäftigen. Damals erschütterten die Anschläge auf das Bataclan, mehrere Straßencafés und das Stade de France das Land bis ins Mark. Seitdem gleicht der französische Sicherheitsapparat einem fein justierten Uhrwerk, das rund um die Uhr mögliche Gefahrenprofile analysiert. Im aktuellen Fall sollen Geheimdienste durch auffällige Online-Aktivitäten auf den Verdächtigen aufmerksam geworden sein. Ermittl…

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  • Zwischen Brauchtum und politischer Instrumentalisierung: Der Fall des „Canon français“ in Caen

    Zwischen Brauchtum und politischer Instrumentalisierung: Der Fall des „Canon français“ in Caen

    Was als folkloristisches Großereignis begann, ist binnen weniger Tage zu einem Politikum von nationaler Tragweite geworden. Das Bankett des „Le Canon français“ am 18. April 2026 im normannischen Caen steht im Zentrum einer Debatte über Rechtsextremismus, kulturelle Symbolik und die Verwischung gesellschaftlicher Grenzen zwischen Tradition und Ideologie.

    Ein Fest mit Schatten

    Das Konzept des „Canon français“ ist ebenso einfach wie wirkungsvoll: lange Tafeln, regionale Produkte, Wein, Gesang und eine Inszenierung französischer Lebensart. In einer Zeit gesellschaftlicher Fragmentierung trifft diese Mischung einen Nerv – nicht zuletzt bei einem Publikum, das sich nach vermeintlicher Authentizität und Verwurzelung sehnt.

    Doch die Bilder, die nach dem Bankett in Caen kursierten, zeichnen ein anderes Bild. Videoaufnahmen, verbreitet unter anderem durch StreetPress, zeigen Teilnehmer, die Gesten ausführen, die als Hitlergruß interpretiert werden können. Hinzu kommen Berichte über rassistische und islamfeindliche Äußerungen. Auch Le Parisien spricht von „Nazigesängen“ im Anschluss an die Veranstaltung.

    Die juristische Bewertung dieser Vorfälle obliegt nun den Behörden. Doch unabhängig von strafrechtlichen Konsequenzen entfaltet der Vorfall bereits jetzt eine erhebliche politische Wirkung.

    Die Politisierung des Terroirs

    Die Kontroverse um das Bankett ist nicht isoliert zu betrachten. Bereits im Vorfeld hatten Beobachter auf die ideologischen Verflechtungen hinter dem „Canon français“ hingewiesen. Recherchen von Le Monde ordnen das Projekt in eine breitere „kulturelle Schlacht um das Terroir“ ein.

    Im Zentrum steht der Unternehmer Pierre-Édouard Stérin, der über den Fonds Odyssée Impact in das Unternehmen investiert hat. Stérin gilt als einflussreicher Vertreter eines konservativ-katholischen Milieus und wird mit Netzwerken in Verbindung gebracht, die ideologisch bis in die radikale Rechte reichen.

    Die Strategie erscheint dabei nicht neu, wohl aber effektiv: kulturelle Codes – Essen, Geselligkeit, regionale Identität – werden genutzt, um politische Narrative zu transportieren. Der Politikwissenschaftler Pierre-André Taguieff spricht in diesem Zusammenhang von einer „Metapolitik des Alltags“, bei der kulturelle Praktiken zur langfristigen Verschiebung gesellschaftlicher Diskurse eingesetzt werden.

    Zwischen Einzelfall und Symptom

    Die zentrale Frage lautet daher: Handelt es sich bei den Vorfällen in Caen um einzelne Entgleisungen – oder um ein Symptom struktureller Probleme?

    Veranstalter betonen regelmäßig den unpolitischen Charakter der Bankette. Doch Kritiker argumentieren, dass gerade die scheinbare Harmlosigkeit solcher Events problematisch sei. Sie schaffe Räume, in denen sich ideologische Gleichgesinnte treffen und radikale Positionen normalisieren könnten.

    Historisch betrachtet ist die Instrumentalisierung von Kultur kein neues Phänomen. Bereits im Europa des 20. Jahrhunderts nutzten autoritäre Bewegungen gezielt Volkskultur und Traditionen, um nationale Identität exklusiv und oft aggressiv umzudeuten. Der französische Historiker Nicolas Lebourg verweist darauf, dass „kulturelle Codes häufig als Türöffner für politische Radikalisierung dienen“.

    Die Ereignisse von Caen fügen sich in diese Logik ein. Sie markieren weniger einen Bruch als vielmehr eine Eskalation bereits vorhandener Tendenzen.

    Medien unter Druck

    Besonders alarmierend ist die Entwicklung im Nachgang der Berichterstattung. Laut Télérama wurde eine Journalistin des öffentlich-rechtlichen Senders Ici Normandie, die über das Bankett berichtet hatte, Ziel massiver Online-Angriffe. Beleidigungen, Drohungen und koordinierte Einschüchterungsversuche sind dokumentiert.

    Der Vorfall steht exemplarisch für einen breiteren Trend. Laut dem Jahresbericht von Reporter ohne Grenzen (2025) nimmt die Zahl der Übergriffe auf Journalisten in Europa zu, insbesondere im digitalen Raum. Frankreich bildet dabei keine Ausnahme.

    Der Informationsdirektor des Netzwerks Ici sprach von einer „besorgniserregenden Normalisierung von Einschüchterung“. Die Grenze zwischen legitimer Kritik und gezielter Delegitimierung journalistischer Arbeit verschwimme zunehmend.

    Politische Reaktionen und gesellschaftliche Einordnung

    Die politische Reaktion fiel bislang zurückhaltend aus. Lokale Behörden kündigten Untersuchungen an, während nationale Politiker den Vorfall unterschiedlich bewerteten – je nach politischer Position.

    Diese Zurückhaltung ist strategisch erklärbar. Das Thema berührt sensible Fragen der Meinungsfreiheit, der kulturellen Identität und der politischen Polarisierung. Eine zu scharfe Verurteilung könnte von Teilen der Bevölkerung als Angriff auf „traditionelle Werte“ interpretiert werden.

    Gleichzeitig zeigt der Fall, wie stark kulturelle Räume politisiert sind. Veranstaltungen wie das Bankett in Caen fungieren nicht mehr nur als soziale Ereignisse, sondern als symbolische Arenen, in denen gesellschaftliche Konflikte sichtbar werden.

    Eine poröse Grenze

    Die zentrale Erkenntnis aus Caen ist die zunehmende Durchlässigkeit zwischen Kultur und Politik. Was als unbeschwerte Feier regionaler Identität inszeniert wird, kann unter bestimmten Bedingungen zu einem Resonanzraum für ideologische Positionen werden, die weit über das Kulinarische hinausgehen.

    Dabei ist es entscheidend, zwischen dem legitimen Ausdruck kultureller Tradition und deren politischer Instrumentalisierung zu unterscheiden. Das „Terroir“ – ein zentraler Begriff französischer Identität – steht nicht per se zur Debatte. Wohl aber seine Vereinnahmung durch Akteure, die es zur Abgrenzung und Mobilisierung nutzen.

    Die Ereignisse in Caen zeigen, dass diese Grenze nicht nur theoretisch existiert, sondern praktisch überschritten werden kann. Sie werfen grundlegende Fragen auf: Wer definiert kulturelle Identität? Und zu welchem Zweck?

    Die Antworten darauf werden nicht allein in Gerichtssälen gefunden werden, sondern im öffentlichen Diskurs – und in der Fähigkeit einer Gesellschaft, zwischen Tradition und Ideologie zu unterscheiden.

    Autor: P. Tiko

  • Minderjährige und der Terrorismus: Europas Sicherheitsarchitektur unter Druck

    Minderjährige und der Terrorismus: Europas Sicherheitsarchitektur unter Druck

    Die wachsende Beteiligung von Minderjährigen an terroristischen Aktivitäten stellt europäische Sicherheitsbehörden vor eine neue, komplexe Herausforderung. Was lange als Randphänomen galt, entwickelt sich zunehmend zu einem strukturellen Problem mit sicherheitspolitischer, gesellschaftlicher und pädagogischer Dimension. Die Entwicklung verweist auf tiefgreifende Veränderungen in den Radikalisierungsprozessen – und zwingt Staaten dazu, ihre bisherigen Strategien grundlegend zu überdenken.

    Frühzeitige Radikalisierung als neues Muster

    Das klassische Bild des Terroristen – erwachsen, ideologisch gefestigt, häufig in Netzwerke eingebunden – verliert an Realität. Stattdessen beobachten Sicherheitsbehörden eine deutliche Verjüngung der Täterprofile. Jugendliche im Alter zwischen 13 und 17 Jahren geraten zunehmend in den Fokus der Behörden, teils sogar noch früher.

    Diese Entwicklung ist eng mit der digitalen Transformation verknüpft. Soziale Netzwerke und Online-Plattformen fungieren als zentrale Räume der politischen Sozialisation. Extremistische Akteure haben ihre Kommunikationsstrategien gezielt angepasst: Inhalte werden visuell ansprechend, emotional aufgeladen und narrativ vereinfacht vermittelt. Die Ansprache erfolgt niedrigschwellig, häufig eingebettet in popkulturelle Codes, die Jugendliche unmittelbar ansprechen.

    Dabei beschränkt sich die Radikalisierung nicht auf religiös motivierten Extremismus. Auch rechtsextreme Ideologien gewinnen an Zugkraft. Gewaltverherrlichende Inhalte, Verschwörungserzählungen und identitäre Narrative wirken stark auf Jugendliche, die nach Orientierung, Zugehörigkeit oder Provokation suchen. Ideologische Kohärenz ist dabei oft zweitrangig – entscheidend ist die Dynamik der Abgrenzung und Selbstermächtigung.

    Heterogene Hintergründe, gemeinsame Verwundbarkeit

    Ein einheitliches Täterprofil existiert nicht. Die Bandbreite reicht von Jugendlichen aus stabilen sozialen Verhältnissen bis hin zu solchen mit belasteten Biografien, psychischen Problemen oder sozialer Isolation. Diese Heterogenität erschwert präventive Ansätze erheblich.

    Was viele dieser Fälle verbindet, ist eine Form der Vulnerabilität. Diese kann emotional, sozial oder psychologisch begründet sein – und wird gezielt ausgenutzt. Besonders relevant ist in diesem Zusammenhang die sogenannte Selbst-Radikalisierung: Jugendliche konsumieren extremistische Inhalte eigenständig und entwickeln daraus ein geschlossenes, oft dichotomes Weltbild.

    Diese Entwicklung entzieht sich klassischen Überwachungsmechanismen. Während organisierte Netzwerke infiltriert und beobachtet werden konnten, verlaufen individuelle Radikalisierungsprozesse häufig im Verborgenen – fragmentiert, digital vermittelt und schwer nachvollziehbar.

    Zwischen Fantasie und Tat: Die Verkürzung der Radikalisierungszyklen

    Nicht jeder radikalisierte Jugendliche wird zum Attentäter. Viele verbleiben in einer Phase symbolischer Identifikation mit Gewalt. Doch die Schwelle zur konkreten Tat scheint zu sinken. In mehreren europäischen Ländern konnten in den vergangenen Jahren Anschlagspläne von Minderjährigen vereitelt werden – mit unterschiedlichem Grad der Ausarbeitung.

    Auffällig ist vor allem die Geschwindigkeit der Entwicklung. Innerhalb weniger Wochen kann sich ein Jugendlicher von der ersten Exposition gegenüber extremistischen Inhalten bis zur konkreten Handlungsplanung bewegen. Diese Beschleunigung stellt Sicherheitsbehörden vor erhebliche operative Herausforderungen.

    Frühwarnsysteme stoßen an ihre Grenzen, da die relevanten Signale oft subtil sind. Digitale Kommunikation, verschlüsselte Kanäle und algorithmisch verstärkte Inhalte erschweren die rechtzeitige Intervention.

    Institutionelle Reaktionen im Spannungsfeld von Prävention und Repression

    Die europäischen Staaten haben begonnen, ihre Strategien anzupassen. Präventionsprogramme werden ausgebaut, insbesondere im schulischen Umfeld. Lehrkräfte, Sozialarbeiter und Psychologen sollen frühzeitig Anzeichen von Radikalisierung erkennen und intervenieren können.

    Doch die Wirksamkeit dieser Maßnahmen bleibt begrenzt, solange strukturelle Fragen ungelöst sind. Die zentrale Herausforderung liegt in der Balance zwischen Sicherheit und Integration. Repressive Maßnahmen allein greifen zu kurz – insbesondere bei Minderjährigen, deren Persönlichkeitsentwicklung noch nicht abgeschlossen ist.

    Auch die Justiz steht vor einem Dilemma. Soll ein radikalisierter Jugendlicher primär als Täter oder als Gefährdeter behandelt werden? Die Antwort fällt je nach Einzelfall unterschiedlich aus. In der Praxis entsteht ein hybrider Ansatz, der sowohl strafrechtliche als auch pädagogische Elemente umfasst.

    Gesellschaftlicher Kontext: Fragmentierung und digitale Prägung

    Die Zunahme terroristischer Tendenzen unter Minderjährigen ist nicht isoliert zu betrachten. Sie ist eingebettet in breitere gesellschaftliche Entwicklungen. Die Digitalisierung hat nicht nur Informationszugang demokratisiert, sondern auch die Verbreitung extremistischer Inhalte erleichtert.

    Jugendliche wachsen in einem Umfeld auf, das durch Informationsüberflutung, widersprüchliche Narrative und eine zunehmende Fragmentierung sozialer Bindungen geprägt ist. Klassische Orientierungsinstanzen – Familie, Schule, gesellschaftliche Institutionen – verlieren teilweise an Einfluss.

    In diesem Kontext kann Extremismus als vermeintlich sinnstiftendes Angebot erscheinen. Er bietet klare Feindbilder, einfache Erklärungen und die Illusion von Bedeutung. Für einige Jugendliche wird Gewalt so zur radikalen Form der Selbstvergewisserung.

    Die wachsende Rolle digitaler Plattformen verstärkt diesen Effekt zusätzlich. Algorithmen fördern oft polarisierende Inhalte, da diese höhere Interaktionsraten erzeugen. Damit entsteht ein struktureller Verstärker für Radikalisierungsprozesse.

    Die Herausforderung besteht darin, diese Dynamiken zu erkennen, ohne in pauschale Schuldzuweisungen zu verfallen. Weder Technologie noch soziale Herkunft allein erklären das Phänomen – entscheidend ist das Zusammenspiel verschiedener Faktoren.

    Europas Gesellschaften stehen damit vor einer doppelten Aufgabe: Sie müssen ihre Sicherheitsarchitektur anpassen und gleichzeitig die sozialen Bedingungen adressieren, die Radikalisierung begünstigen. Die Einbindung von Familien, Bildungseinrichtungen und digitalen Akteuren wird dabei ebenso zentral sein wie die Weiterentwicklung präventiver Strategien.

    Autor: P. Tiko

  • Frankreich unter Hochspannung: Der Nahostkrieg und die fragile Sicherheitslage im Innern

    Frankreich unter Hochspannung: Der Nahostkrieg und die fragile Sicherheitslage im Innern

    Der Krieg im Nahen Osten wirkt längst über die Grenzen der Region hinaus. Auch in Europa, insbesondere in Frankreich, werden seine politischen und sicherheitspolitischen Auswirkungen zunehmend spürbar. Zwar betonen die französischen Behörden derzeit, dass keine konkrete Terrorgefahr identifiziert worden sei. Dennoch befindet sich der Sicherheitsapparat des Landes in höchster Alarmbereitschaft. Die Erklärung des Pariser Polizeipräfekten Laurent Nuñez verdeutlicht eine Realität, die Frankreich seit Jahren prägt: permanente Wachsamkeit in einem Umfeld globaler Krisen.

    Sicherheitspolitische Wachsamkeit ohne konkrete Bedrohung

    Nach Angaben der französischen Sicherheitsbehörden liegen aktuell keine Hinweise auf einen unmittelbar bevorstehenden Terroranschlag im Land vor. Diese Feststellung dient auch dazu, eine übermäßige Dramatisierung der Lage zu vermeiden. Gleichwohl bleibt die Sicherheitsarchitektur des Staates in erhöhter Alarmbereitschaft.

    Frankreich verfügt mit dem nationalen Sicherheitsplan Vigipirate über ein System, das auf verschiedene Bedrohungsstufen reagieren kann. Dieses Instrument wurde in den vergangenen Jahren mehrfach angepasst und ist zu einem zentralen Bestandteil der französischen Terrorismusbekämpfung geworden. Polizei, Gendarmerie und Militär arbeiten dabei eng zusammen, um potenzielle Risiken frühzeitig zu erkennen und abzuwehren.

    Im öffentlichen Raum ist diese Sicherheitsstrategie sichtbar: verstärkte Polizeipräsenz in Bahnhöfen, Flughäfen, Schulen, religiösen Einrichtungen sowie an touristischen Hotspots. Die Behörden verfolgen damit eine doppelte Strategie – potenzielle Täter abschrecken und zugleich der Bevölkerung ein Gefühl staatlicher Handlungsfähigkeit vermitteln.

    Der geopolitische Kontext: Ein Konflikt mit globaler Resonanz

    Die erhöhte Wachsamkeit erklärt sich vor allem aus der geopolitischen Lage. Eskalationen im Nahen Osten haben in der Vergangenheit wiederholt Auswirkungen auf Europa gehabt – sowohl politisch als auch sicherheitspolitisch.

    Frankreich nimmt in diesem Zusammenhang eine besondere Stellung ein. Das Land beherbergt sowohl eine der größten jüdischen Gemeinschaften Europas als auch eine bedeutende muslimische Bevölkerungsgruppe. Wenn der Konflikt zwischen Israel und Palästina eskaliert, spiegeln sich die Spannungen häufig auch im französischen öffentlichen Raum wider – etwa in Form von Demonstrationen, politischen Kontroversen oder vereinzelt auch gewalttätigen Vorfällen.

    Für die Sicherheitsbehörden ergibt sich daraus eine komplexe Lage: Einerseits müssen sie das Recht auf politische Meinungsäußerung und Demonstrationsfreiheit schützen, andererseits gilt es, mögliche Radikalisierungsdynamiken frühzeitig zu erkennen.

    Die neue Bedrohung: Einzeltäter statt Netzwerke

    Die größte Sorge der Sicherheitsdienste richtet sich heute weniger auf klassische Terrornetzwerke als auf sogenannte Einzeltäter. Diese Form des Terrorismus unterscheidet sich fundamental von den Strukturen früherer dschihadistischer Organisationen.

    Während Gruppen wie Al-Qaida oder der sogenannte Islamische Staat einst komplexe Netzwerke mit logistischer Unterstützung aufgebaut hatten, handeln heutige Täter oftmals allein. Radikalisierungsprozesse verlaufen häufig online, über soziale Netzwerke oder verschlüsselte Kommunikationsplattformen. Die Vorbereitung eines Anschlags kann dadurch deutlich schneller erfolgen und erfordert weniger organisatorische Infrastruktur.

    Für die Sicherheitsbehörden stellt dies eine enorme Herausforderung dar. Einzeltäter hinterlassen oft nur wenige Spuren, und ihre Taten sind schwer vorhersehbar. Die französische Innenpolitik hat sich daher in den vergangenen Jahren zunehmend auf präventive Maßnahmen konzentriert.

    Prävention durch Überwachung und internationale Kooperation

    Die französischen Sicherheitsdienste setzen verstärkt auf die Beobachtung von Personen, die wegen extremistischer Aktivitäten oder Radikalisierung bekannt sind. Tausende Namen befinden sich auf entsprechenden Beobachtungslisten, deren Verwaltung zu den zentralen Aufgaben der inneren Sicherheitsbehörden gehört.

    Parallel dazu hat sich die internationale Kooperation intensiviert. Der Austausch von Geheimdienstinformationen innerhalb Europas sowie mit Partnerstaaten außerhalb der EU gilt heute als entscheidender Baustein der Terrorismusbekämpfung. Grenzüberschreitende Netzwerke und digitale Kommunikationswege machen eine enge Zusammenarbeit der Sicherheitsdienste nahezu unverzichtbar.

    Zugleich haben soziale Medien und digitale Plattformen eine neue Rolle im sicherheitspolitischen Instrumentarium erhalten. Behörden beobachten dort gezielt Radikalisierungsprozesse, Propagandaverbreitung oder potenzielle Mobilisierungsaufrufe.

    Der innenpolitische Balanceakt

    Die sicherheitspolitische Wachsamkeit steht jedoch in einem sensiblen Spannungsverhältnis zur gesellschaftlichen Stabilität. Jede Eskalation im Nahen Osten hat das Potenzial, auch den politischen Diskurs in Frankreich zu polarisieren.

    Demonstrationen, hitzige Debatten in den Medien und politische Instrumentalisierungen sind keine Seltenheit. Die französische Regierung versucht deshalb, einen Balanceakt zu vollziehen: einerseits klare Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen, andererseits eine übermäßige Dramatisierung zu vermeiden.

    Eine zu starke Alarmrhetorik könnte das gesellschaftliche Klima zusätzlich aufheizen und Misstrauen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen verstärken. Umgekehrt wäre eine Bagatellisierung möglicher Risiken politisch kaum vertretbar – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der traumatischen Erfahrungen der vergangenen Dekade.

    Ein Land im Zustand dauerhafter Wachsamkeit

    Seit den Terroranschlägen von 2015 hat sich Frankreichs sicherheitspolitische Realität grundlegend verändert. Die damaligen Angriffe – insbesondere in Paris – haben das Selbstverständnis des Staates nachhaltig geprägt.

    Viele Maßnahmen, die ursprünglich als temporäre Reaktion auf eine akute Bedrohung gedacht waren, sind inzwischen zum festen Bestandteil der Sicherheitsarchitektur geworden. Militärpatrouillen im öffentlichen Raum, verstärkte Polizeipräsenz an sensiblen Orten und umfassende Überwachungsinstrumente gehören mittlerweile zum Alltag.

    Internationale Krisen wirken in diesem Kontext wie ein Verstärker bereits bestehender Risiken. Der Krieg im Nahen Osten erinnert die europäischen Staaten daran, wie eng globale Konflikte mit der inneren Sicherheit verknüpft sind.

    Die Botschaft der französischen Behörden bleibt deshalb bewusst nüchtern formuliert: Es gibt derzeit keine identifizierten Anschlagspläne, doch die Wachsamkeit bleibt maximal. Diese Formel beschreibt präzise die sicherheitspolitische Realität eines Landes, das gelernt hat, mit permanenter Unsicherheit zu leben – und dessen Sicherheitsstrategie längst von globalen Konfliktlinien geprägt wird.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Das scharfe Schwert der Republik – und seine Grenzen

    Das scharfe Schwert der Republik – und seine Grenzen

    Die administrative Auflösung gewaltbereiter Gruppierungen gehört zu den schärfsten Instrumenten, die der französische Staat gegen politische und ideologische Radikalisierung in Stellung bringen kann. Sie ist juristisch präzise geregelt, politisch hoch aufgeladen und gesellschaftlich umstritten. Immer dann, wenn schwere Ausschreitungen das Land erschüttern, extremistische Milieus erstarken oder paramilitärische Strukturen sichtbar werden, greift die Regierung zu diesem Mittel – per Ministerratsbeschluss, ohne vorheriges Strafverfahren. Es ist ein Akt exekutiver Macht, der unmittelbar in die Vereinigungsfreiheit eingreift.

    Frankreich, das sich als „République indivisible, laïque, démocratique et sociale“ versteht, bewegt sich dabei auf einem schmalen Grat. Die administrative „dissolution“ ist Ausdruck staatlicher Handlungsfähigkeit – und zugleich Prüfstein für die Belastbarkeit des liberalen Rechtsstaats.

    Ein Instrument mit klarer Rechtsgrundlage

    Rechtsbasis ist der „Code de la sécurité intérieure“. Er erlaubt der Regierung, Vereinigungen oder faktische Gruppierungen aufzulösen, wenn diese zu Gewalt aufrufen, bewaffnete oder paramilitärische Strukturen aufweisen, Hass oder Diskriminierung fördern oder die republikanische Ordnung untergraben. Anders als ein strafrechtliches Verbot erfolgt die Auflösung administrativ durch Dekret im Ministerrat; sie ist sofort wirksam, kann aber vor dem Conseil d’État angefochten werden.

    Unter Präsident Emmanuel Macron ist die Zahl solcher Maßnahmen deutlich gestiegen. Vor allem der damalige Innenminister Gérald Darmanin machte die Auflösung extremistischer Organisationen zu einem Kernbestandteil seiner sicherheitspolitischen Linie. Betroffen waren islamistische Vereinigungen ebenso wie rechtsextreme Gruppierungen, gewaltorientierte Fußball-Ultras oder militante Netzwerke im Umfeld von Demonstrationen.

    Politisch sendet eine Auflösung eine klare Botschaft: Der Staat toleriert keine Strukturen, die Gewalt propagieren oder die republikanische Ordnung aushöhlen. In Zeiten zunehmender Polarisierung – sichtbar etwa in den Protesten gegen Rentenreformen oder bei eskalierenden Demonstrationen – ist dieses Signal für einen Teil der Öffentlichkeit von erheblicher Bedeutung.

    Zwischen Symbolik und struktureller Wirkung

    Doch die Wirkung der „dissolution“ ist ambivalent. Eine Organisation mag juristisch verschwinden, ihr ideologisches Umfeld bleibt bestehen. Radikale Milieus sind selten an eine einzige Rechtsform gebunden. Sie agieren in losen Netzwerken, nutzen digitale Plattformen, knüpfen transnationale Kontakte.

    Die Auflösung der rechtsextremen Bewegung Génération Identitaire im Jahr 2021 illustriert diese Dynamik. Zwar verlor die Organisation ihre juristische Existenz, doch zentrale Akteure blieben politisch aktiv, Ideologie und Narrative zirkulierten weiter – in neuen Zusammenschlüssen, informellen Initiativen oder im virtuellen Raum. Die Maßnahme traf die Struktur, nicht aber zwingend das Gedankengut.

    Ähnlich verhält es sich bei gewaltbereiten Gruppen im Kontext von Straßenprotesten. Frankreich verfügt über eine ausgeprägte Demonstrationskultur, die von den „Gilets jaunes“ bis zu den jüngsten Mobilisierungen gegen Sozialreformen reicht. In solchen fluiden Bewegungen entstehen häufig temporäre, schwer greifbare Aktionsformen. Eine formale Auflösung läuft ins Leere, wenn keine klar identifizierbare Organisation existiert.

    Die „dissolution“ ist daher ein Instrument gegen institutionalisierte Strukturen – weniger gegen spontane, netzwerkartige Mobilisierung. In einer digitalisierten Öffentlichkeit, in der politische Radikalisierung häufig online beginnt, stößt das klassische Vereinsrecht an strukturelle Grenzen.

    Rechtsstaatliche Kontrolle und politische Sensibilität

    Jede Auflösung unterliegt der Kontrolle durch den Conseil d’État. Das höchste Verwaltungsgericht prüft, ob die Maßnahme verhältnismäßig ist, ob ausreichende Belege vorliegen und ob die Voraussetzungen des Gesetzes erfüllt sind. In mehreren Fällen hat es Regierungsentscheidungen bestätigt; in anderen wurde die Exekutive korrigiert oder zur Nachbesserung gezwungen.

    Diese gerichtliche Kontrolle ist zentral für die Legitimität des Instruments. Sie verhindert, dass politische Opportunität über rechtsstaatliche Prinzipien triumphiert. Gleichwohl bleibt die Kritik von Bürgerrechtsorganisationen und Teilen der Opposition virulent. Sie sehen die Gefahr einer schleichenden Ausweitung administrativer Befugnisse – insbesondere in einem Kontext, in dem Frankreich seit den Terroranschlägen der vergangenen Dekade zahlreiche Sicherheitsgesetze verschärft hat.

    Die Balance zwischen Sicherheit und Freiheit ist in Frankreich traditionell sensibel. Das Land verfügt über eine starke republikanische Tradition, aber auch über eine Geschichte ausgeprägter exekutiver Macht. Die administrative Auflösung bewegt sich genau in diesem Spannungsfeld: Sie soll Gefahren abwehren, ohne die politische Pluralität zu unterminieren.

    Prävention als strukturelle Ergänzung

    Sicherheitspolitisch ist unbestritten, dass Repression allein Radikalisierung nicht nachhaltig eindämmen kann. Der Kampf gegen extremistische Gewalt beginnt im sozialen Raum – in Schulen, Stadtvierteln, religiösen Einrichtungen und digitalen Netzwerken. Nach den islamistischen Anschlägen seit 2015 hat Frankreich umfangreiche Präventions- und Deradikalisierungsprogramme aufgelegt. Die Ergebnisse sind gemischt.

    Radikalisierung speist sich aus unterschiedlichen Quellen: sozialer Marginalisierung, Identitätskonflikten, geopolitischen Narrativen oder ideologischer Propaganda. Eine administrative Auflösung kann organisatorische Ressourcen kappen, Räume schließen, Finanzströme unterbrechen. Sie kann aber weder soziale Ungleichheit beseitigen noch ideologische Anziehungskraft neutralisieren.

    Im rechtsextremen Spektrum zeigt sich zudem eine zunehmende internationale Vernetzung. Narrative zirkulieren europaweit, Kontakte reichen über nationale Grenzen hinaus. Nationale Verbote können solche Netzwerke nur bedingt durchbrechen. Digitale Plattformen bieten Rückzugsräume, in denen sich Ideologien fortschreiben – jenseits klassischer Vereinsstrukturen.

    Politische Signalwirkung – mit realen Effekten

    Gleichwohl wäre es verkürzt, die „dissolution“ als bloße Symbolpolitik abzutun. Sie hat handfeste Konsequenzen: Vermögen werden eingefroren, Vereinsräume geschlossen, Veranstaltungen untersagt. Führungspersonen geraten verstärkt ins Visier von Ermittlungen. Für viele Gruppierungen bedeutet eine Auflösung einen organisatorischen Bruch, der Ressourcen und Mobilisierungsfähigkeit erheblich schwächt.

    Darüber hinaus entfaltet die Maßnahme eine politische Signalwirkung. Sie verdeutlicht, dass der Staat die Grenzen des Zulässigen definiert und durchsetzt. In einer Zeit, in der das Vertrauen in staatliche Institutionen unter Druck steht, kann dies stabilisierend wirken. Zugleich birgt jede Auflösung das Risiko, Märtyrer-Narrative zu befördern und Radikalisierung weiter zu emotionalisieren.

    Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob das Instrument legitim ist. Seine Rechtsgrundlage ist klar, seine gerichtliche Kontrolle gewährleistet. Die eigentliche Herausforderung liegt in der strategischen Einbettung. Wird die „dissolution“ als Teil eines umfassenden Ansatzes verstanden, der Prävention, soziale Integration und politische Bildung einschließt? Oder wird sie zum bevorzugten Mittel einer Politik, die auf schnelle, sichtbare Handlungsfähigkeit setzt?

    Frankreich steht damit exemplarisch für ein Dilemma moderner Demokratien. Der Staat hat die Pflicht, seine Bürger vor Gewalt zu schützen und die republikanische Ordnung zu verteidigen. Zugleich darf er die Freiheitsrechte nicht unterminieren, die diese Ordnung tragen. Die administrative Auflösung gewaltbereiter Gruppierungen ist ein scharfes Schwert – manchmal notwendig, aber nie hinreichend.

    Wer glaubt, mit Verboten allein ließen sich ideologische Konflikte befrieden, verkennt die Tiefe gesellschaftlicher Bruchlinien. Wer hingegen auf dieses Instrument verzichten wollte, würde die Schutzfunktion des Staates schwächen. Zwischen diesen Polen bewegt sich die französische Sicherheitspolitik – in permanenter Aushandlung zwischen Autorität und Freiheit. Gerade diese Spannung ist Kennzeichen einer Demokratie, die ihre eigenen Grenzen ernst nimmt.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Ein Todesfall, neun Festnahmen – und eine politische Bewegung unter Druck

    Ein Todesfall, neun Festnahmen – und eine politische Bewegung unter Druck

    Der gewaltsame Tod des 23-jährigen Studenten Quentin Deranque in Lyon erschüttert Frankreich – juristisch wie politisch. Was zunächst wie eine weitere Episode eskalierender Straßenkonfrontationen zwischen radikalen Milieus erschien, hat sich binnen Tagen zu einer Affäre mit institutioneller Sprengkraft entwickelt. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht Jacques-Élie Favrot, bis vor kurzem parlamentarischer Mitarbeiter des LFI-Abgeordneten Raphaël Arnault. Seine Festnahme im Rahmen der Ermittlungen wegen „vorsätzlicher Tötung“ und „schwerer Gewalt“ verleiht dem Fall eine Dimension, die weit über die strafrechtliche Aufarbeitung hinausreicht. Der Tatabend und die juristische Einordnung Quentin Deranque erlag nach einer gewaltsamen Auseinandersetzung in Lyon seinen schweren Verletzungen. Die Staatsanwaltschaft leitete ein Verfahren wegen vorsätzlicher Tötung ein – ein juristischer Begriff, der im französischen Strafrecht eine bewusste Inkaufnahme des Todes umfasst. Neun Personen wurden zwisch…

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  • Sechs Monate Stillstand: Warum eine Moschee im Isère geschlossen wurde

    Sechs Monate Stillstand: Warum eine Moschee im Isère geschlossen wurde

    In der beschaulichen Gemeinde Saint-Siméon-de-Bressieux, eingebettet in die ländliche Ruhe des Départements Isère, sorgt eine Entscheidung der Behörden für landesweite Aufmerksamkeit. Die Moschee Mosquée Assalam bleibt für sechs Monate geschlossen. Eine Maßnahme, die tief in das Spannungsfeld zwischen Religionsfreiheit und Sicherheitsinteresse eingreift. Verantwortlich für den Schritt zeichnet die Präfektin Catherine Séguin. Sie ordnete die Schließung per Verwaltungsakt an – gestützt auf das französische Sicherheitsrecht, das bei Gefährdung der öffentlichen Ordnung einschneidende Mittel vorsieht. Im Kern steht der Vorwurf, innerhalb der Moschee seien Predigten verbreitet worden, die Gewalt verherrlichten oder extremistisches Gedankengut transportierten. Laut Behörden bezogen sich diese Inhalte auf ideologische Narrative, wie sie in jihadistischen Kreisen kursieren. Nicht bloß scharfe Worte also, sondern Aussagen mit potenzieller Sprengkraft. Das französische Innenrecht erlaubt in solch…

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  • Frankreichs blinder Fleck: Der unterschätzte Aufstieg des radikalen Maskulinismus

    Frankreichs blinder Fleck: Der unterschätzte Aufstieg des radikalen Maskulinismus

    Ein neuer Bericht des Hohen Rats für die Gleichstellung von Frauen und Männern (HCE), veröffentlicht am 21. Januar 2026, wirft ein grelles Licht auf ein bislang weitgehend verdrängtes Phänomen in der französischen Öffentlichkeit: den zunehmenden Einfluss maskulinistischer Ideologien. Der Bericht spricht von einem „besorgniserregenden Rückstand“ Frankreichs im Umgang mit dieser Entwicklung – sowohl in der politischen Wahrnehmung als auch im institutionellen Handeln. Während Länder wie Kanada oder das Vereinigte Königreich bereits konkrete Maßnahmen zur Bekämpfung misogyn motivierter Gewalt ergreifen, fehlt es in Frankreich an systematischer Analyse und effektiver Gegenstrategie. Zwischen Ideologie und Radikalisierung Der Begriff „Maskulinismus“ bezeichnet Strömungen, die sich explizit gegen den Feminismus wenden, männliche Benachteiligung postulieren und tradierte Geschlechterrollen verteidigen. Ursprünglich in den 1980er-Jahren als Reaktion auf feministische Erfolge entstanden, hat sic…

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  • Ein Jugendlicher, ein Urteil, viele offene Fragen: Wie Frankreich mit radikalisierten Minderjährigen umgeht

    Ein Jugendlicher, ein Urteil, viele offene Fragen: Wie Frankreich mit radikalisierten Minderjährigen umgeht

    Es ist eine dieser Nachrichten, die kurz innehalten lassen. Sechzehn Jahre alt. Zwei Jahre Haft ohne Bewährung. Verurteilt wegen der Vorbereitung eines terroristischen Anschlags. Der Ort: Le Mans. Das Urteil: gesprochen vom Tribunal pour enfants de Paris. Und dahinter eine Geschichte, die weit über einen einzelnen Jugendlichen hinausweist. Der Fall betrifft einen Minderjährigen aus der Sarthe, der im November 2025 festgenommen wurde, nachdem Ermittler des Parquet national antiterroriste auf ihn aufmerksam geworden waren. Was sie fanden, war kein fertiger Sprengsatz, kein konkreter Tatort, kein unmittelbar bevorstehender Anschlag. Aber es war genug, um die Justiz zu überzeugen: systematische Radikalisierung, intensive Vorbereitung, ideologische Verfestigung. In der Sprache des Strafrechts: „association de malfaiteurs en vue de la préparation d’un acte de terrorisme“. Das klingt technokratisch, beinahe nüchtern. Tatsächlich verbirgt sich dahinter ein jugendlicher Alltag, der sich zunehme…

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