Schlagwort: proteste

  • 17. November – Ein Datum zwischen Revolution und Erinnerung

    17. November – Ein Datum zwischen Revolution und Erinnerung

    Manche Tage wirken unscheinbar, bis man sie genauer betrachtet. Der 17. November ist so einer. Ein Datum, das sich über die Jahrhunderte hinweg immer wieder mit Momenten des Aufbruchs, des Widerstands und des Wandels füllte – in Europa, in der Welt und nicht zuletzt in Frankreich.


    Der Aufstand, der ein System zu Fall brachte

    Im Jahr 1989, in der damaligen Tschechoslowakei, war der 17. November der Tag, an dem die Samtene Revolution begann. Studenten gingen auf die Straße, zunächst um der Opfer der nationalsozialistischen Besatzung zu gedenken – doch die Kundgebung wandelte sich rasch zu einem Protest gegen das kommunistische Regime. Die Sicherheitskräfte reagierten brutal, doch das Feuer der Freiheit war entfacht. Innerhalb weniger Wochen fiel die Regierung. Der 17. November wurde später zum Tag der Studenten, ein Symbol für friedlichen Widerstand in Osteuropa.

    Fast ironisch: Vier Jahrzehnte zuvor hatte an genau diesem Datum ein anderes Regime denselben Fehler gemacht – die Nazis schlossen 1939 alle tschechischen Hochschulen und verschleppten Studenten in Konzentrationslager, nachdem sie gegen die Besatzung protestiert hatten. Geschichte wiederholt sich nicht, sagt man – aber sie reimt sich.


    Eine Wasserstraße, die die Welt veränderte

    Rund 120 Jahre früher, am 17. November 1869, öffnete sich im heißen Wüstensand Ägyptens eine Pforte zur Globalisierung: Der Sueskanal wurde eingeweiht. Plötzlich lagen Europa und Asien nicht mehr Monate, sondern nur noch Wochen voneinander entfernt. Französischer Ingenieursgeist – Ferdinand de Lesseps stand hinter dem Projekt – verband zwei Meere und schuf eine der wichtigsten Handelsrouten des Planeten. Frankreich spielte hier eine Hauptrolle: wirtschaftlich, politisch und symbolisch.

    Der Kanal veränderte alles. Kolonialreiche festigten sich, Handelsflotten wuchsen, die Welt wurde kleiner. Wer heute durch den Panamakanal oder das Internet surft, ahnt vielleicht nicht, dass diese Idee, Welt und Wirtschaft zu vernetzen, am 17. November 1869 eine greifbare Form erhielt.


    Konflikte und Krisen – vom Nil bis nach Griechenland

    Der 17. November ist auch ein Datum, an dem sich Machtfragen verdichteten. 1973 stürmten in Athen Studenten das Polytechnikum und protestierten gegen die Militärjunta. Die Panzer rollten, es gab Tote – doch der Mut der Jugend führte ein Jahr später zum Sturz der Diktatur. Dieser Tag wurde in Griechenland zum Symbol des Widerstands, ähnlich wie der 14. Juli in Frankreich.

    Ein anderer 17. November, 1950, führte nach Tibet, wo chinesische Truppen Lhasa einnahmen und das Land unterwarfen – eine Zäsur, deren Folgen bis heute nachhallen.


    Frankreichs 17. November: Wut auf der Straße

    Springen wir in die jüngere Vergangenheit: 17. November 2018. Ein Datum, das in Frankreich in Erinnerung geblieben ist. An diesem Samstag traten die sogenannten Gilets jaunes, die Gelbwesten, zum ersten Mal in Aktion. Was als Protest gegen steigende Benzinpreise begann, wurde rasch zu einer breiten sozialen Bewegung. Menschen aus allen Regionen, vor allem aus der Provinz, blockierten Straßen und Kreisverkehre, trugen ihre Wut über Ungerechtigkeit und politische Entfremdung auf die Straße.

    Frankreich erlebte ein politisches Beben. Wochenlang beherrschten brennende Barrikaden, Gelbwesten und Tränengas das Bild der Städte. Das Vertrauen zwischen Bevölkerung und Regierung erhielt einen tiefen Riss. Fünf Jahre später ist der 17. November in Frankreich noch immer ein Reizdatum – Symbol einer Kluft zwischen Zentrum und Peripherie, zwischen Paris und dem Land.


    Ein Tag der Studenten, der Händler – und der Bürger

    Was also verbindet all diese Ereignisse? In gewisser Weise: der Mensch selbst. Immer wieder zeigt der 17. November, dass Wandel selten von oben kommt. Er beginnt unten – in den Hörsälen, auf den Straßen, an den Schleusen der Welt.

    Vielleicht ist es Zufall, dass so viele Bewegungen gerade an diesem Tag ihren Anfang nahmen. Vielleicht aber auch nicht. Denn der November ist in Europa oft der Monat des Aufbegehrens: kalt, dunkel, aber voller Energie. Eine Zeit, in der Menschen das Gefühl haben, dass Stillstand gefährlicher ist als Veränderung.

    Und so steht der 17. November für das, was Geschichte immer wieder ausmacht – den Mut, sich gegen den Lauf der Dinge zu stemmen.


    Echo in die Gegenwart

    Heute, in einer Zeit globaler Krisen, wirkt dieser Tag wie eine Mahnung. Die Samtene Revolution, der Sueskanal, die Gelbwesten – sie alle erzählen davon, dass Geschichte nicht in den Büchern ruht, sondern weiterlebt. In Bewegungen, Ideen, Widerspruch.

    Vielleicht sollte man also jedes Jahr am 17. November kurz innehalten und sich fragen: Wo beginnt der Wandel heute? Und wer bringt ihn in Bewegung?

  • Verdun: Messe für Pétain sorgt für politische Kontroverse und Proteste

    Verdun: Messe für Pétain sorgt für politische Kontroverse und Proteste

    Verdun, 15. November 2025 – Eine von der „Association pour défendre la mémoire du maréchal Pétain“ (ADMP) organisierte Gedenkmesse für Philippe Pétain hat am Samstag in Verdun zu Protesten und politischen Reaktionen geführt. Die Zeremonie fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit in der Kirche Saint-…

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  • Marseille, Tränengas und ein Sturz: Wenn das Demonstrationsrecht mit Gewalt beantwortet wird

    Marseille, Tränengas und ein Sturz: Wenn das Demonstrationsrecht mit Gewalt beantwortet wird

    Ein warmer Spätsommertag in Marseille. Menschen versammeln sich auf den Straßen, um ihre Meinung kundzutun – laut, aber friedlich. Mitten unter ihnen: eine junge Frau, Anfang zwanzig, Studentin, engagiert, wach. Was dann geschieht, wird nicht nur ihr Leben kurzzeitig aus dem Gleichgewicht bringen, sondern auch eine öffentliche Debatte neu entfachen: über Gewalt, Verantwortung – und Gerechtigkeit. Denn was sich am 18. September abspielt, ist auf Video dokumentiert. Die Bilder gehen viral: Die Studentin wird von der Polizei mit Tränengas besprüht, taumelt, wird gestoßen – zweimal. Sie stürzt zu Boden. Ohne ersichtlichen Grund, ohne Bedrohung, ohne Aggression ihrerseits. Was bleibt, ist mehr als nur ein blauer Fleck.

    Anzeige gegen Unbekannt – aber mit klarer Botschaft Am 22. Oktober, gut einen Monat nach dem Vorfall, reicht sie Anzeige ein – gegen Unbekannt, aber mit einer sehr klaren Anschuldigung: unverhältnismäßige Polizeige…

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  • Marokkos Jugend erhebt sich: „Wir wollen keine Stadien, wir wollen Krankenhäuser“

    Marokkos Jugend erhebt sich: „Wir wollen keine Stadien, wir wollen Krankenhäuser“

    Seit Mitte September 2025 erlebt Marokko eine Protestwelle, wie sie das Land seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Tausende junge Menschen gehen auf die Straßen, ihre Stimmen hallen von Casablanca bis Tanger, von Fès bis Agadir. Ihr Slogan ist simpel und kraftvoll: „Das Volk will Gesundheit und Bildung.“

    Dieser Satz ist mehr als eine Parole. Er ist ein Weckruf.


    Der Funke von Agadir

    Der Auslöser der Proteste war ein Drama, das die Nation erschütterte: In einem Krankenhaus in Agadir starben acht schwangere Frauen, die für Kaiserschnitte eingeliefert worden waren. Die Familien der Opfer machen das öffentliche Gesundheitssystem verantwortlich – fehlendes Personal, marode Strukturen, Mangel an Medikamenten.

    Ein trauriger, fast schon symbolischer Vorfall, der das Fass zum Überlaufen brachte.

    Die Empörung schlug schnell hohe Wellen. Was lange Zeit nur ein stiller Frust war, bekam plötzlich ein Gesicht, eine Geschichte, einen Auslöser, den niemand ignorieren konnte.


    Eine Bewegung aus der digitalen Welt

    Die Proteste sind nicht das Werk klassischer Parteien oder Gewerkschaften. Sie sind organisch, digital und jung.

    Auf TikTok, Instagram und Discord vernetzen sich Jugendliche, posten Videos, teilen Aufrufe. Der Katalysator trägt einen modernen Namen: GenZ 212 – ein kollektives Sprachrohr einer Generation, die sich selbst „frei“ nennt, ohne Parteibindung, ohne Hierarchie, dafür mit einer klaren Botschaft.

    Allein auf Discord sollen es inzwischen Hunderttausende sein. Junge Stimmen, junges Vokabular, aber mit einer Wucht, die selbst die Regierung nicht überhören kann.


    Von Stadien und Krankenhäusern

    „Wir wollen keine Weltmeisterschaft, wir wollen Krankenhäuser.“

    Dieser Satz, der in den Demonstrationen immer wieder ertönt, zeigt das Kernproblem: ein Missverhältnis zwischen staatlichen Investitionen und den realen Bedürfnissen der Bevölkerung.

    Während Milliarden in die Vorbereitung auf die Fußball-WM 2030 fließen, klagen viele über überfüllte Klassenzimmer, fehlende Ärzte, baufällige Schulgebäude und Krankenhäuser. Der Kontrast könnte größer kaum sein – und er nagt am sozialen Frieden.

    Denn die Botschaft ist klar: Glanzprojekte machen sich gut im Fernsehen, aber sie füllen keine Medikamentenschränke.


    Warum gerade jetzt?

    Ein Leben ohne Perspektive

    Der Frust der Jugend hat auch ökonomische Wurzeln. Über 35 % der 15- bis 35-Jährigen Marokkaner sind arbeitslos. Viele haben studiert, viele haben Abschlüsse – aber keine Jobs. Statt Stabilität gibt es Praktika, befristete Verträge und Warten.

    Für viele bedeutet das: kein eigenes Zuhause, keine finanzielle Sicherheit, kaum Zukunftsperspektiven.

    Ein Staat mit fragwürdigen Prioritäten

    Die Proteste richten sich nicht nur gegen Mängel im Alltag, sondern auch gegen die grundsätzliche Haushaltspolitik. Warum werden Milliarden in Prestigeprojekte investiert, wenn ganze Regionen nicht einmal über eine funktionierende Klinik verfügen?

    Die Wut richtet sich deshalb nicht nur gegen das Kabinett, sondern gegen eine gesamte politische Logik.

    Der Druck einer neuen Generation

    Die Generation Z ist global vernetzt, sie vergleicht. Sie sieht, was Gleichaltrige in Europa oder Asien fordern und erreichen. Transparenz, soziale Sicherheit, funktionierende Schulen und Krankenhäuser.

    Sie will nicht länger warten.


    Die Risiken auf der Straße

    Die Bewegung wirkt kraftvoll, doch sie ist verletzlich.

    Ihre Forderungen sind bislang klar: Gesundheit und Bildung verbessern, die Regierung in die Pflicht nehmen. Aber je länger die Proteste dauern, desto stärker droht eine Radikalisierung.

    Denn was passiert, wenn die Regierung nur kosmetische Maßnahmen verspricht? Wird die Jugend sich mit kleinen Zugeständnissen abspeisen lassen? Oder eskaliert die Lage, wenn Polizei und Sicherheitskräfte härter durchgreifen?

    Schon jetzt berichten Beobachter von Verhaftungen und gewaltsamen Auflösungen von Kundgebungen.

    Die Frage ist: Hört die Politik zu – oder greift sie durch?

    Zwischen Reformchance und Vertrauenskrise

    Für die Regierung ist die Lage heikel. Ignoriert sie die Proteste, droht eine tiefe Spaltung zwischen Jugend und Staat. Reagiert sie nur halbherzig, riskiert sie, das Vertrauen vollends zu verlieren.

    Es könnte aber auch eine historische Chance sein: den Protest nicht als Bedrohung, sondern als Anstoß für echte Reformen zu begreifen.

    Gesundheit und Bildung sind nicht nur Forderungen. Sie sind Grundrechte, die den Kitt einer Gesellschaft ausmachen.


    Eine Generation, die nicht mehr schweigt

    Marokkos Jugend tritt aus dem Schatten. Sie ist laut, sie ist digital, sie ist entschlossen.

    „Le peuple veut la santé et l’éducation“ – dieser Satz ist mehr als ein Echo aus den Straßen. Er klingt wie ein Entwurf für einen neuen Gesellschaftsvertrag.

    Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Regierung diese Stimme hört oder ob sie versucht, sie zu übertönen. Doch eins ist klar: Diese Generation hat gelernt, sich Gehör zu verschaffen.

    Und sie wird nicht mehr so leicht verstummen.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Frankreichs Streikbewegung lahmt – Müde Gewerkschaften, leere Straßen

    Frankreichs Streikbewegung lahmt – Müde Gewerkschaften, leere Straßen

    Die Protestzüge werden dünner. Am 2. Oktober gingen in ganz Frankreich laut Innenministerium nur noch 195.000 Menschen auf die Straße. Die Gewerkschaften sprechen zwar von fast 600.000 – doch egal, welche Zahl man nimmt: Der Trend ist eindeutig. Die Mobilisierung nimmt ab. Und das, obwohl mit dem neuen Haushalt und dem angekündigten Regierungskurs die sozialen Spannungen eigentlich auf dem Höhepunkt sein sollten. Selbst im traditionell streikfreudigen Bildungssektor war die Beteiligung mau. Gerade einmal 4,22 Prozent der Staatsbediensteten machten mit. Ein Alarmsignal für die Gewerkschaften, die sich zunehmend in der Defensive wiederfinden – statt in der Offensive, wie noch vor wenigen Wochen. Symbolpolitik statt Strukturreform Was die Gewerkschaften besonders aufbringt, ist nicht nur die sinkende Teilnehmerzahl – sondern die Reaktion der Regierung. Oder besser gesagt: das, was davon übrig bleibt. Statt eines echten sozialen Kurses gibt es – aus Sicht der Arbeitnehmervertretungen – ein…

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  • Frankreichs Generalstreik: Zwischen Symbolkraft und sinkender Mobilisierung

    Frankreichs Generalstreik: Zwischen Symbolkraft und sinkender Mobilisierung

    Am 2. Oktober hallen erneut die Sprechchöre durch französische Städte. Lehrerinnen, Lehrer und zahlreiche andere Beschäftigte des Bildungswesens legten ihre Arbeit nieder, während landesweit Demonstrationszüge die Straßen füllten. Doch die Zahlen erzählen eine Geschichte von Ambivalenz – einerseits breite Wut über die Regierungspolitik, andererseits ein sichtbarer Rückgang der Mobilisierung. Laut dem französischen Bildungsministerium beteiligten sich 6,42 % der Lehrkräfte an den Arbeitsniederlegungen. In den Grundschulen lag die Quote bei 6,95 %, in den weiterführenden Schulen bei 6,13 %. Das klingt nach wenig, zumal das mächtige Lehrergewerkschaftsbündnis Snes-FSU deutlich höhere Werte meldete: 27 % Streikbeteiligung in den collèges und lycées, wenn man neben Lehrkräften auch Psychologen, Schulassistenten und Begleitkräfte mitrechnet. Zwischen offizieller Statistik und gewerkschaftlichen Zahlen klafft also eine große Lücke – nicht untypisch bei französischen Streiktagen.

    Die politisc…

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  • Frankreich vor dem Knall: Hunderttausende demonstrieren – kurz vor dem Haushaltsvotum

    Frankreich vor dem Knall: Hunderttausende demonstrieren – kurz vor dem Haushaltsvotum

    Frankreich hält den Atem an. Wenige Tage vor der entscheidenden Haushaltsvorlage im Parlament marschieren wieder Hunderttausende in den Straßen. Ein Land im Alarmmodus – zwischen Zorn, Hoffnung und politischem Kalkül.

    Ein Aufschrei vor dem Kassensturz Es ist kein gewöhnlicher Herbsttag in Frankreich. Die Gewerkschaften rufen, und das Echo hallt laut durchs Land: Über 300.000 Menschen werden heute zu landesweiten Demonstrationen erwartet, allein bis zu 40.000 in Paris. Die Botschaft? Unmissverständlich. Der Staatshaushalt 2026 steht zur Diskussion, und mit ihm das soziale Gleichgewicht. Viele Bürgerinnen und Bürger sehen in den Sparplänen der Regierung nicht nur notwendige Kürzungen – sondern eine politische Kampfansage an die unteren und mittleren Einkommensschichten. „So nicht“, sagen die Gewerkschaften. „Nicht auf unserem Rücken.“

    Ein Déjà-vu – doch diesmal mit Ansage Schon im September war das Land in Bewegung: Am 18.9. hatten bereits Hunderttausende gegen die drohende Sparpolitik…

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  • Generalstreik am 2. Oktober 2025: Kraftprobe zwischen Regierung und Gewerkschaften

    Generalstreik am 2. Oktober 2025: Kraftprobe zwischen Regierung und Gewerkschaften

    Frankreich steht erneut vor einem Tag der Zäsur. Am Mittwoch, dem 2. Oktober, ruft die Intersyndicale, ein Bündnis von acht Gewerkschaften, zu einer weiteren großen Protest- und Streikwelle auf. Die Stimmung ist aufgeheizt, die Erwartungen hoch – und doch liegt über allem die Frage: Handelt es sich um eine neue Etappe der Mobilisierung oder bereits um das erste Anzeichen von Erschöpfung?

    Ein Herbst voller Spannungen Seit der erfolgreichen Aktion am 18. September ist klar: Die Gewerkschaften können die Regierung unter Druck setzen. Doch nach einem Treffen mit Premierminister Sébastien Lecornu am 24. September blieb das Gefühl einer Enttäuschung zurück. Keine klaren Antworten, keine spürbaren Zugeständnisse – so lautete die Diagnose der CFDT. Das Ultimatum folgte prompt: Ein neuer Aktionstag, diesmal mit noch deutlicheren Forderungen. Im Zentrum steht der Haushaltsentwurf 2026, der gleich mehrere Reizthemen bündelt – die geplante Erhöhung der medizinischen Selbstbeteiligungen, die Strei…

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  • Die Aktivisten und eine japanische Animationsserie: Wenn Gen Z mit Piratenflaggen protestiert

    Die Aktivisten und eine japanische Animationsserie: Wenn Gen Z mit Piratenflaggen protestiert

    Der Protest der Generation Z erlebt weltweit einen Moment des Aufbruchs.

    Allein im vergangenen Monat kam es in Nepal, Indonesien, auf den Philippinen und in Madagaskar zu massiven Demonstrationen, die maßgeblich von jungen Menschen getragen wurden – aus Protest gegen Korruption, soziale Ungleichheit und staatliche Willkür. Über all diesen Protesten flatterte eine unerwartete, aber immer gleiche Fahne: ein grinsender Totenkopf mit Strohhut.

    Diese Fahne stammt aus der populären japanischen Manga- und Anime-Serie One Piece, die eine anarchisch-freie Piratenbande im Kampf gegen ein repressives, korruptes Weltregime begleitet. Die Serie, jüngst auch als Realverfilmung auf Netflix erschienen, wurde in über ein Dutzend Sprachen übersetzt und hat weltweit eine immense Fangemeinde – mit über 500 Millionen verkauften Manga-Exemplaren zählt One Piece zu den erfolgreichsten Franchises der Welt.

    Zum ersten Mal wurde die Piratenflagge im Jahr 2023 bei pro-palästinensischen Demonstrationen in Indonesien und Großbritannien öffentlich gezeigt. Seither hat sie sich zu einem globalen Symbol jugendlicher Protestbewegungen entwickelt.

    Sie hing am Tor des Regierungsviertels in Kathmandu, das in Folge der Proteste niedergebrannt wurde – ein Fanal, das letztlich zum Sturz der Regierung führte. Sie wurde auf Mauern in Jakarta gesprüht und von Demonstrierenden in Manila getragen. Und diese Woche tauchte sie in Madagaskar auf – wo die Proteste am Montag die Auflösung der Regierung erzwangen.

    „Wir wissen, dass die Gen Z auf der ganzen Welt protestiert, und wir wollten Symbole nutzen, die für unsere Generation Sinn ergeben“, sagte Rakshya Bam, 26, eine der nepalesischen Organisatorinnen. „Die Piratenflagge, der Jolly Roger – das ist wie eine gemeinsame Sprache geworden.“

    Doch die One Piece-Flagge ist mehr als nur ein Banner – sie ist Allegorie und Anklage zugleich. Die Hauptfigur Luffy gilt – je nach Perspektive – entweder als Terrorist oder als Freiheitskämpfer. Sein ikonischer Strohhut ist ein Vermächtnis seines Kindheitsidols, das daran glaubte, dass Luffys Generation eines Tages triumphieren würde.

    Gerade dieser erzählerische Hintergrund verleiht dem Symbol seine Kraft, meint auch Irfan Khan, ein weiterer nepalesischer Aktivist. „Der Pirat ist unsere Art zu sagen: Wir lassen uns Ungerechtigkeit und Korruption nicht länger gefallen.“

    Dass kulturelle Symbole aus Popkultur und Fiktion Einzug in politische Proteste halten, ist nicht neu. In den 2010er-Jahren machten sich Gegner der Militärjunta in Thailand den Drei-Finger-Gruß aus der dystopischen Hunger Games-Reihe zu eigen – ein Zeichen des Widerstands, das bis heute in Ländern wie Myanmar genutzt wird.

    „Ich denke, wir erleben gerade eine neue Ära der politischen Organisierung“, sagt Raqib Naik, Direktor des US-amerikanischen Center for the Study of Organized Hate, das Online-Aktivismus und Desinformation beobachtet. „Sie greift stark auf digitale, popkulturelle und Gaming-Elemente zurück und schafft dadurch ein gemeinsames Vokabular.“

    So vereint die One Piece-Flagge Protestierende, die tausende Kilometer voneinander entfernt leben. Was sie eint, ist eine gemeinsame kulturelle Prägung – ein Generationencode, der populäre Erzählungen und antiautoritäre Haltungen miteinander verbindet. Eine Protestform, die bereits mindestens zwei Regierungen zu Fall gebracht hat – und deren Dynamik noch längst nicht am Ende scheint.


    Was Moldaus Wahl über Europas Zukunft verrät

    Moldau zählt nur 2,4 Millionen Einwohner – etwas weniger sogar, als die Metropolregion Stuttgart. Doch die geopolitische Lage der ehemaligen Sowjetrepublik verleiht ihr strategisches Gewicht. Umso bemerkenswerter ist der Wahlsieg einer pro-europäischen Partei am vergangenen Sonntag – eine Wahl, die zuvor als äußerst knapp galt. Es sei, so formulierte es die Journalistin Jeanna Smialek, „ein Wettstreit der Werte gewesen – ein Referendum Europa gegen Russland.“

    Der Wahlausgang wirft ein Schlaglicht auf die Stimmungslage in Europa. Nach dem Brexit wurden vielerorts Befürchtungen laut, dass weitere Länder dem britischen Beispiel folgen könnten. Heute jedoch geben knapp drei Viertel der EU-Bürger an, dass ihr Land von der Mitgliedschaft profitiert habe. Sogar in Ungarn, wo Ministerpräsident Viktor Orbán offen anti-europäische Töne anschlägt, liegt der Zustimmungswert bei 77 %.

    Neben wirtschaftlichen Vorteilen gewinnt die EU zunehmend als sicherheitspolitischer Anker an Bedeutung – gerade in Zeiten des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine und eines US-Präsidenten Trump, der alte Bündnisse infrage stellt. Zwar gibt es Gegenbeispiele wie Georgien, das einst prowestlich war und sich heute Russland annähert. Doch das klare Bekenntnis zu Europa in Moldau zeigt: Viele Bürger der östlichen Peripherie sehen die EU als Schutzraum und Zukunftsversprechen – und stehen bereit, dies auch an der Wahlurne zu verteidigen.


    Weitere internationale Meldungen:

    – Die US-Regierung ist heute erstmals seit 2019 wieder lahmgelegt worden, nachdem Demokraten und Republikaner sich nicht auf ein neues Haushaltsgesetz einigen konnten. Tausende Staatsbedienstete werden unbezahlt in Zwangsurlaub geschickt, essenzielle Dienste wie medizinische Versorgung für Senioren laufen weiter.

    – Donald Trump hat der Hamas „drei oder vier Tage“ gegeben, um auf seinen Vorschlag für ein Ende des Krieges im Gazastreifen zu reagieren. Der Plan kommt Premierminister Benjamin Netanjahu weit entgegen – trotz wachsender internationaler Isolation Israels.

    – Die USA haben eine Gruppe iranischer Staatsbürger nach einem bilateralen Abkommen per Flugzeug in den Iran abgeschoben.

    – Auf den Philippinen hat ein schweres Erdbeben mindestens 53 Menschenleben gefordert und mehrere Gebäude zum Einsturz gebracht.

    – In Pakistans Provinz Belutschistan explodierte eine Autobombe vor dem Hauptquartier einer paramilitärischen Einheit. Mindestens zehn Menschen kamen ums Leben.

    – Südafrikas Botschafter in Frankreich wurde tot vor einem Hotel in Paris aufgefunden. Die Polizei ermittelt wegen des Verdachts auf Suizid.

    – Ein neues KI-Start-up hat Forschende von Meta und Google abgeworben – mit dem Versprechen, wissenschaftliche Durchbrüche zu beschleunigen.

    Autor: P. Tiko

  • Gewerkschaften am Zug: Lecornu unter Druck vor neuer Protestwelle am 2. Oktober

    Gewerkschaften am Zug: Lecornu unter Druck vor neuer Protestwelle am 2. Oktober

    Frankreichs Gewerkschaften rufen erneut zum Streik – und diesmal soll es ernst werden. Nur wenige Tage nach der ersten großen Mobilisierung vom 18. September wollen die großen Gewerkschaften den Druck auf Premierminister Sébastien Lecornu nochmals spürbar erhöhen. Die Botschaft ist klar: Halbherzige Zugeständnisse reichen nicht, jetzt muss die Regierung liefern. Warum gehen die Leute wieder auf die Straße? Die Vorgeschichte liest sich wie ein klassisches Machtspiel. Nach der ersten Streikwelle, die je nach Quelle zwischen 500.000 und über eine Million Menschen auf die Straße brachte, stellten die großen Gewerkschaften ein Ultimatum. Bis zum 24. September sollte Premierminister Lecornu konkrete Antworten geben. Die Antworten aus Matignon? Für die Gewerkschaften viel zu vage, für viele Beschäftigte kaum mehr als Placebos. Das Kernpaket der Forderungen hat es in sich: Keine Erhöhung des Rentenalters auf 64, mehr Mittel für Schulen, Krankenhäuser und Verwaltungen, eine gerechtere Steuerpol…

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