Schlagwort: Pressefreiheit

  • Die BBC unter Beschuss

    Die BBC unter Beschuss

    Es ist naheliegend, den plötzlichen Rücktritt zweier führender BBC-Manager am Sonntagabend – ausgelöst durch scharfe Kritik der Trump-Regierung – als Fortsetzung des Drucks zu sehen, den Präsident Trump auf Medienorganisationen in den USA ausübt.

    Die beiden Führungskräfte traten zurück, nachdem ein durchgesickertes Memo bekannt geworden war, wonach die BBC eine Rede von Trump, die dem Kapitol-Sturm vom 6. Januar 2021 vorausging, irreführend geschnitten hatte. Dabei wurden Aussagen miteinander verbunden, die in Wirklichkeit etwa 50 Minuten auseinanderlagen.

    Doch die British Broadcasting Corporation ist nicht CBS oder ABC – beide hatten Klagen Trumps wegen ihrer Berichterstattung über ihn beigelegt. Die aktuelle Krise, die laut Experten die schwerwiegendste ist, mit der die BBC seit Jahrzehnten konfrontiert ist, hat weniger mit Trump zu tun, sondern mit den unlösbaren Spannungen, denen ein renommierter öffentlich-rechtlicher Rundfunksender in einer tief gespaltenen Welt ausgesetzt ist.

    Von politischen Gegnern verteufelt, die ihr eine chronische Parteilichkeit – in diesem Fall nach links – vorwerfen, und von konkurrierenden Nachrichtenorganisationen angegriffen, die sich an ihrer öffentlichen Finanzierung stören, ist die BBC in Großbritannien ein dauerhafter Spielball politischer Auseinandersetzungen. Aufgrund ihrer globalen Reichweite gerät sie regelmäßig auch mit ausländischen Regierungen aneinander – etwa in Indien oder den USA.


    Eine Reihe von Problemen

    Die Dokumentation zum 6. Januar 2021 war der unmittelbare Auslöser, doch der Rücktritt von Generaldirektor Tim Davie und der Nachrichtenchefin Deborah Turness folgt auf eine Reihe von Kontroversen über die Berichterstattung des Senders zu anderen sensiblen Themen – darunter der Krieg zwischen Israel und der Terrororganisation Hamas sowie die Rechte von Transpersonen.

    Davie, ein langjähriger BBC-Manager mit beruflichen Wurzeln im Marketing, nicht im Journalismus, musste seit seiner Ernennung 2020 eine Krise nach der anderen durchstehen.

    Ihm wurde unter anderem vorgeworfen, im Fall eines BBC-Moderators, dem sexuelles Fehlverhalten vorgeworfen wurde, nicht schnell genug gehandelt zu haben. Außerdem sah er sich mit einer internen Rebellion konfrontiert, nachdem er einen beliebten Fußballmoderator suspendiert hatte, der die Asylpolitik der konservativen Regierung mit derjenigen Deutschlands in den 1930er-Jahren verglichen hatte.

    Im Jahr 2024 stand Davie erneut unter Beobachtung, als Kritiker ihm vorwarfen, er habe nicht angemessen auf Vorwürfe wegen unangemessener körperlicher Annäherung und Sprache des „MasterChef“-Moderators Gregg Wallace gegenüber Kolleginnen und Kollegen reagiert.

    Der Krieg zwischen Israel und der Hamas brachte eine neue Welle von Schwierigkeiten mit sich. Eine im Jahr 2025 ausgestrahlte Dokumentation mit dem Titel „Gaza: How to Survive a War Zone“ geriet in heftige Kritik, als bekannt wurde, dass der Vater des 13-jährigen Erzählers ein Hamas-Funktionär war. Davie ließ den Film daraufhin aus der BBC-Mediathek (iPlayer) entfernen und erklärte, er habe das Vertrauen in das Projekt verloren.

    Im vergangenen Sommer musste Davie erneut in die Defensive gehen, als die BBC bei einem Auftritt des britischen Punk-Rap-Duos Bob Vylan auf dem Glastonbury Festival nicht die Liveübertragung unterbrochen hatte – obwohl das Duo das Publikum zu einem Sprechchor „Death to the I.D.F.“ (gemeint ist das israelische Militär) animiert hatte.


    Der Trump-Faktor

    Schon bevor Trump sich öffentlich zu Wort meldete, war die BBC regelmäßig Zielscheibe konservativer Politiker wie zum Beispiel dem ehemaligen Premier Boris Johnson. Dieser forderte kürzlich „Köpfe müssen rollen“ als Reaktion auf die Dokumentation zum 6. Januar 2021.

    Nigel Farage, der rechtspopulistische Vorsitzende der einwanderungskritischen Partei Reform UK, warf der BBC „Wahlbeeinflussung“ vor. Er sagte, er habe die Angelegenheit letzten Freitag mit Trump besprochen, und der US-Präsident habe seine Meinung in einer „nicht zitierfähigen Form“ geäußert.

    Trotz des ständigen Trommelfeuers an Kritik genießt die BBC laut einer Studie des Pew Research Center unter Zuschauern mehr Vertrauen als die großen US-Sender. Während der Amtszeit von Davie konnte sie auch im Bereich Unterhaltung Erfolge erzielen.

    Die britische Regierung hat der BBC ihre verhaltene Unterstützung ausgesprochen. Doch Trumps Rolle in der Angelegenheit bringt Premierminister Keir Starmer in eine unangenehme Lage. Er versucht, Konflikte mit Trump über Themen wie Zölle oder den Krieg in der Ukraine zu vermeiden. Am Montag bezeichneten ranghohe Regierungsvertreter die Situation als „lehrreichen Moment“ für den Sender – selbst die entschlossensten Verteidiger der BBC stimmten dem zu.

    „Was jetzt das Beste für die BBC wäre, ist ein echter Neustart und die konsequente Aufarbeitung dieser Vorgänge“, sagte Claire Enders, Medienanalystin aus London. „Wenn die BBC politische Parteinahme zeigt, ist das in der heutigen Welt das Gefährlichste, was sie tun kann.“


    Weitere wichtige Nachrichten

    Der US-Senat hat ein Abkommen zur Beendigung des Shutdowns der Regierung verabschiedet

    Der Senat verabschiedete gestern ein Gesetz zur Beendigung des längsten Shutdowns in der Geschichte der Vereinigten Staaten, nachdem eine Gruppe abtrünniger Demokraten sich den Republikanern angeschlossen hatte. Das Gesetz wurde ohne die zentrale Gesundheitsversorgungsklausel verabschiedet, auf die die Demokraten wochenlang gedrängt hatten.

    Nun geht das Gesetz ins Repräsentantenhaus, das möglicherweise bereits heute oder am Mittwoch darüber abstimmen wird. Doch angesichts der nur knappen republikanischen Mehrheit und der heftigen Opposition der Demokraten könnte die Abstimmung knapp ausfallen. Trump hat angedeutet, dass er das Gesetz unterzeichnen wird.

    Die US-Regierung ist seit über 40 Tagen stillgelegt – Hunderttausende Bundesangestellte wurden beurlaubt, Millionen Amerikaner sind von der Kürzung der Lebensmittelhilfe bedroht, weitere Millionen vom Chaos im Flugverkehr betroffen.


    Weitere Meldungen

    • Der syrische Präsident Ahmed al-Shara traf sich gestern mit Trump. Es war der erste Besuch eines syrischen Staatsoberhaupts im Weißen Haus.
    • Die ukrainische Antikorruptionsbehörde gab bekannt, ein groß angelegtes Bestechungssystem im staatlichen Atomenergieunternehmen aufgedeckt zu haben.
    • Frankreichs früherer Präsident Nicolas Sarkozy wurde unter Auflagen aus der Haft entlassen.
    • Der Oberste Gerichtshof der USA lehnte es ab, eine Revision seiner historischen Entscheidung aus dem Jahr 2015 zur Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe zu prüfen.
    • In einem dicht besiedelten Viertel Neu-Delhis explodierte während der Hauptverkehrszeit ein Auto – mindestens acht Menschen wurden getötet.

    P. Tiko

  • Wenn Bilder lauter sprechen als Worte – Die Macht der Karikatur in der französischen Presse

    Wenn Bilder lauter sprechen als Worte – Die Macht der Karikatur in der französischen Presse

    Ein spitzer Bleistift, ein weißes Blatt – mehr braucht es nicht, um in Frankreich ein politisches Erdbeben auszulösen. In einer Welt, die von Bildern überflutet wird, gelingt es dem Pressezeichner mit wenigen Strichen, mitten ins Herz der Debatte zu treffen. Keine lange Analyse, keine endlose Kolumn…

    [wtr-time]

    Der weitere Text ist unseren Abonnenten vorbehalten.


    Warum ein Abo? Weil guter Journalismus seinen Preis hat.

    Information mag frei zugänglich sein – aber Journalismus ist kein Selbstläufer. Recherchen, Interviews, Faktenchecks und Einordnungen erfordern Zeit, Expertise und Verantwortung.

    Wer unabhängige, fundierte Berichterstattung will, muss sie ermöglichen. Werbefinanzierung allein reicht nicht – sonst entscheiden Klickzahlen über Inhalte.

    Ein Abonnement ist kein Eintrittsgeld, sondern ein Bekenntnis: zur Qualität, zur Unabhängigkeit und zu einer informierten Öffentlichkeit.

    Information ist frei. Journalismus kostet. Und genau deshalb lohnt sich ein Abo.


    Abo-Light – das Monatsabonnement zum schlanken Preis

    Alle Artikel für 0,50 € pro Woche. Das Abo wird monatlich mit 2 € abgerechnet und ist monatlich kündbar.

    Monatsabonnement buchen…


    Premium-Abo – das Jahresabonnement mit wertvollen Add-Ons

    Alle Artikel für 0,38 € pro Woche. Das Abo wird jährlich mit 20 € abgerechnet und ist jährlich kündbar.

    Das Premium-Jahres-Abo bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    Jahresabonnement buchen…


    Lebenslang – das Premium-Abo für immer

    Für eine einmalige Zahlung für nur 36 €. Unbegrenzter Zugriff – ein Leben lang.

    Das Premium-Abo-Lebenslang bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    „Abo-Lebenslang“ buchen…


     

     

  • Zielscheibe Presseweste – Der Fall Antoni Lallican und die juristische Sprengkraft seiner letzten Reportage

    Zielscheibe Presseweste – Der Fall Antoni Lallican und die juristische Sprengkraft seiner letzten Reportage

    Der 3. Oktober 2025 – ein Tag, der sich in die Chronik des Kriegsjournalismus eingebrannt hat.

    An diesem grauen Morgen in der Ostukraine, nahe der Stadt Droujkivka, explodierte eine Drohne direkt neben einem zivilen Konvoi von Journalisten. Unter den Insassen: der französische Fotojournalist Antoni Lallican, 37 Jahre alt. Er starb noch am Tatort. Neben ihm wurde sein ukrainischer Kollege Georgiy Ivanchenko schwer verletzt. Das Auto trug deutlich sichtbar die Aufschrift „Presse“.

    Die ersten Ermittlungen deuten auf einen gezielten Angriff durch eine FPV-Drohne hin – eine jener ferngesteuerten Waffen, die mit präziser Steuerung ihr Ziel zentimetergenau treffen können. In diesem Fall: ein ziviler Reporter, klar gekennzeichnet, ohne militärischen Status.

    Lallican war kein Unbekannter. Er hatte den Ukrainekrieg über Jahre hinweg dokumentiert, war zuvor in Syrien, im Libanon, in den palästinensischen Gebieten im Einsatz. Seine Fotografien – oft rau, eindringlich, unbequem – hatten ihm internationale Anerkennung eingebracht. 2024 wurde er mit dem Victor-Hugo-Preis für engagierte Fotografie ausgezeichnet.

    Doch nun steht nicht sein Werk im Mittelpunkt – sondern die Umstände seines Todes.


    Kriegsverbrechen? Die französische Justiz erhebt Anklage

    Noch am selben Tag leitete die französische Antiterror-Staatsanwaltschaft (PNAT) ein Verfahren wegen Kriegsverbrechens ein. Ein gewichtiger Schritt. Denn hier geht es nicht nur um Aufklärung – sondern um ein Signal: Wenn ein Journalist gezielt getötet wird, steht das nicht nur moralisch, sondern auch juristisch außerhalb jeder Legitimität.

    Mit dem Begriff „Kriegsverbrechen“ bewegt sich die Justiz auf heiklem Terrain. Er bedeutet: Diese Tat könnte gegen internationales Kriegsrecht verstoßen – etwa gegen die Genfer Konventionen, die den Schutz von Zivilisten und Pressevertretern regeln. Und: Die Tat könnte geahndet werden.

    Die Ermittlungen übernimmt das französische Zentralamt zur Bekämpfung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Ein juristisches Schwergewicht.


    Zwischen Frontlinie und Gerichtssaal – der schwierige Weg der Aufklärung

    Die Liste der Hürden ist lang.

    Erstens: die Frage nach der Zuständigkeit. Welches Gericht soll urteilen? Französische Justiz? Ein internationales Tribunal? Die Ukraine selbst?

    Zweitens: die Beweislage. Um ein Kriegsverbrechen nachzuweisen, reicht es nicht, dass ein Journalist stirbt. Es braucht konkrete Belege: Wrackteile des Drohnenmodells, digitale Steuerungsspuren, Radaraufzeichnungen, möglicherweise Zeugenaussagen aus der Kommandokette. Vor allem aber braucht es: die Absicht.

    Denn ob ein Angriff gezielt oder „nur“ fahrlässig war, entscheidet über Schuld oder Straffreiheit. Ein gezielter Angriff auf Pressevertreter gilt klar als völkerrechtswidrig. Und genau das soll nun bewiesen werden.

    Drittens: die Verantwortlichkeit. Wer hat die Drohne gesteuert? Wer hat den Befehl gegeben? Wer trägt letztlich die politische oder militärische Verantwortung?

    Im Raum steht ein Verdacht – aber noch keine gerichtsfesten Beweise. Noch nicht.


    Was dieser Fall verändern könnte

    Sollte Frankreich in diesem Fall Anklage erheben – und ein Verfahren durchziehen –, hätte das Signalwirkung.

    Denn bislang gilt: Journalisten sterben im Krieg, aber selten wird ermittelt. Noch seltener landet ein Fall vor Gericht. Die meisten Taten verschwinden im Nebel des Krieges, zwischen diplomatischem Kalkül und militärischer Ohnmacht.

    Hier aber gibt es eine klare Spur. Eine Identität. Einen bekannten Reporter. Ein präzises Angriffsmuster. Und ein Land – Frankreich –, das nicht bereit ist, das einfach zu schlucken.

    Wenn die Justiz hier erfolgreich ist, könnte sie ein Fundament legen für neue internationale Standards: Wer gezielt Journalisten angreift, muss mit Konsequenzen rechnen. Auch Jahre später. Auch über Grenzen hinweg.


    Der lange Schatten der Realität

    Und doch: Euphorie ist fehl am Platz.

    Denn in der Praxis sind solche Ermittlungen oft zäh, verlaufen meist im Sande. Beweise verschwinden, Zeugen verstummen, Staaten blockieren. Und: Die wirklichen Täter sitzen oft außerhalb der Reichweite westlicher Justiz.

    Die Gefahr, dass auch dieser Fall in einem politischen Patt endet, ist real. Der Vorwurf „Kriegsverbrechen“ ist juristisch aufgeladen, aber diplomatisch heikel.

    Was passiert, wenn Russland jede Beteiligung abstreitet? Wenn Beweise fehlen? Wenn internationale Zusammenarbeit verweigert wird?


    Ein Symbol, das bleibt

    So oder so: Der Name Antoni Lallican wird nicht verschwinden.

    Er steht heute für mehr als nur einen toten Journalisten. Er steht für die Frage, wie weit Kriegsparteien gehen – und wie stark unser Wille ist, das Völkerrecht nicht nur auf dem Papier zu verteidigen.

    Sein Tod könnte der Moment gewesen sein, in dem ein Rechtsstaat sagte: „Bis hierhin – und nicht weiter.“

    Oder?

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Kommentar: Wenn das Schweigen lauter wird als jedes Bild

    Kommentar: Wenn das Schweigen lauter wird als jedes Bild

    Es gibt Momente, in denen ein einzelner Tod mehr erzählt als tausend Fotos. Der Tod von Antoni Lallican ist so ein Moment.

    Er war kein Soldat, kein Politiker, kein Stratege. Er war ein Mensch mit einer Kamera – und dem unerschütterlichen Glauben, dass man hinschauen muss, wenn andere wegsehen. Diese Haltung, so schlicht sie klingt, ist im Krieg ein Akt der Rebellion. Denn wer Bilder macht, entzieht sich der Kontrolle der Mächtigen. Er zeigt, was sie lieber verbergen möchten.

    Drohnen treffen präzise. Sie unterscheiden nicht, sie prüfen nicht, sie fragen nicht. Sie erledigen. Und wenn eine Drohne einen Fotografen trifft, dann trifft sie mehr als nur einen Körper. Sie trifft das Prinzip des freien Blicks, das Fundament jedes Journalismus.

    Antoni Lallican stand dort, wo der Rauch noch in der Luft hing, wo das Leben zitterte zwischen Flucht und Widerstand. Nicht um zu schockieren, sondern um zu verstehen. Um uns verstehen zu lassen. Und dieses „uns“ ist entscheidend: Denn Reporter wie er halten den dünnen Faden ihn ihren Händen, der uns verbindet mit der Realität hinter den Frontlinien. Ohne sie bleibt nur das, was Armeen, Regierungen oder Algorithmen uns zeigen wollen.

    Sein Tod ist kein Unfall, kein Kollateralschaden. Es ist das Resultat einer Welt, in der Information zur Waffe geworden ist – und Wahrheit zum Risiko.

    Ich stelle mir vor, wie er in diesem letzten Moment durch die Linse sah. Vielleicht auf einen Menschen, der gerade versuchte, Wasser zu holen. Vielleicht auf ein Stück Sonne, das durch eine zerbombte Wand fiel. Und dann: Stille.

    Was bleibt, ist dieses Schweigen – das Schweigen nach dem Bild. Ein Schweigen, das in unseren Köpfen dröhnt, weil wir wissen, dass jemand das Risiko getragen hat, uns sehen zu lassen.

    Antoni Lallican ist tot. Aber seine Arbeit lebt – nicht in Galerien oder Preislisten, sondern in der Verantwortung, die wir tragen, weiterzuschauen. Hinzusehen, auch wenn der Himmel dunkel wird.

    Denn wenn niemand mehr hinsieht, dann gewinnen jene, die die Wahrheit fürchten.

    Und das wäre der zweite Tod.

    Ein Kommentar von C. Hatty

  • Antoni Lallican – Der letzte Blick durch die Linse

    Antoni Lallican – Der letzte Blick durch die Linse

    Er wollte nur zeigen, was geschieht. Keine Heldenposen, keine Schlagzeilenjagd – einfach Zeugnis ablegen. Am 3. Oktober 2025, um 9.20 Uhr Ortszeit, endet dieser Blick: Antoni Lallican, französischer Fotojournalist, 37 Jahre alt, stirbt in der Ostukraine. Eine Drohne trifft ihn bei Droujkivka, nahe der Frontlinie im Donbass. Ein gezielter Schlag, sagen die ukrainischen Behörden. Ein Kriegsverbrechen, nennen es die internationalen Journalistenverbände.

    Neben ihm: der ukrainische Kollege Heorgiy Ivanchenko, schwer verletzt, beide gekennzeichnet mit Westen, auf denen groß „Presse“ stand. Es ist das erste Mal im Verlauf des Ukrainekriegs, dass ein Reporter durch eine Drohne getötet wird. Und es ist ein Wendepunkt – für den Journalismus, für das Bild vom Krieg, für die Frage: Wie sichtbar muss und darf Wahrheit noch sein?


    Vom Apotheker zum Kriegsfotografen

    Antoni Lallican war kein Mann des geraden Wegs. Geboren in Paris, aufgewachsen in Villers-sur-Coudun im Département Oise, begann er seine berufliche Laufbahn als Pharmazeut. Ein sicherer Beruf, sagen manche. Eine Sackgasse, sagte er selbst später einmal in einem Interview. Die Kamera war stärker als das Labor.

    Seit 2018 arbeitete er für die Fotoagentur Hans Lucas, belieferte französische und internationale Medien: Le Monde, Le Figaro, Libération, Der Spiegel, Die Welt, Le Temps. Ein freier, wacher Beobachter, der immer näher heranrückte, dorthin, wohin andere sich nicht trauten.

    Seine Reportagen führten ihn nach Syrien, in den Libanon, in die palästinensischen Gebiete – und seit 2022 immer wieder an die ukrainische Front. Nicht als Draufgänger, sondern als stiller Zeuge. „Er fotografierte keine Explosionen, er fotografierte die Menschen, die danach übrigblieben“, erinnert sich ein Kollege.

    Im Januar 2024 erhielt Lallican den Victor-Hugo-Preis für engagierte Fotografie für seine Serie „Soudain, le ciel s’est assombri“ – ein Werk über die Schatten des ukrainischen Kriegsalltags. Die Jury lobte seine „unbestechliche Nähe“.


    Der Moment, in dem Technik tödlich wird

    Droujkivka, ein unscheinbarer Ort, kaum 20 Kilometer von der Front entfernt. Dort, wo die Stille trügerisch ist. Lallican war unterwegs mit Ivanchenko, um das Leben der Zivilbevölkerung im Angesicht des ständigen Beschusses zu dokumentieren. Dann kam das Summen – jenes kalte, metallische Geräusch, das mittlerweile zum Klang der modernen Kriegsführung gehört.

    Ein FPV-Drohne, gesteuert in Echtzeit, zielgenau, schnell. Ein Schlag. Ein Schnitt. Kein Zufall, vermuten Beobachter.

    Die ukrainischen Behörden sprechen von einer „gezielten Attacke auf Journalisten“. Reporter ohne Grenzen, der Europäische und der Internationale Journalistenverband fordern eine unabhängige Untersuchung. Der französische Präsident Emmanuel Macron sprach von einem „Akt der Barbarei“ und versprach Aufklärung. Doch was lässt sich in einem Krieg wirklich aufklären, in dem Maschinen längst schneller töten als Worte erklären?


    Das Dilemma der Sichtbarkeit

    Der Tod von Antoni Lallican steht sinnbildlich für eine gefährliche Entwicklung. Der Krieg ist nicht mehr nur eine Front aus Schützengräben und Geschützen. Er ist eine Arena ferngesteuerter Waffen – und diese berücksichtigen keine Pressekennzeichnung mehr.

    Drohnen machen keine Unterschiede zwischen Soldaten und Beobachtern. Sie treffen, was der Algorithmus sieht. Und so wird der Journalist, der die Wahrheit sichtbar machen will, selbst zur sichtbaren Zielscheibe.

    Wie viele Reporter sind in diesem Konflikt schon gestorben? Vier französische, Dutzende ukrainische, internationale Korrespondenten. Jeder einzelne Verlust ist mehr als eine Tragödie – er ist ein Riss in der Informationskette, eine Schwächung der öffentlichen Wahrnehmung.


    Zwischen Nähe und Gefahr

    Wer einmal Kriegsfotografen begegnet ist, weiß: Es sind keine Abenteurer. Eher Chronisten, manchmal Getriebene. Lallican gehörte zu jenen, die Nähe suchten, ohne Pathos, ohne Selbstdarstellung. Seine Kollegen beschreiben ihn als „empathisch bis zur Verletzlichkeit“.

    Er sprach wenig, beobachtete viel, wartete auf den einen Moment, in dem Licht und Mensch eine Geschichte erzählten, die kein Text der Welt je einfangen könnte.

    Vielleicht ist das der Preis der Authentizität: Wer hinschaut, riskiert getroffen zu werden.


    Der Krieg, der auch das Zeugnis trifft

    Im digitalen Zeitalter gleicht der Krieg einem endlosen Strom von Bildern. Jeder hat eine Kamera, jeder sendet. Doch Lallicans Tod erinnert daran, dass echter Journalismus mehr bedeutet als bloßes Dokumentieren. Es ist ein Akt der Verantwortung – und manchmal des Widerstands.

    Denn wo Kriegsparteien versuchen, das Narrativ zu kontrollieren, werden Fotografen zu Störenfrieden. Sie zeigen das Ungezeigte, sie stellen Fragen, wo Schweigen bequemer wäre. Und genau deshalb geraten sie ins Visier.

    Die Drohne, die Antoni Lallican tötete, hat nicht nur einen Menschen getroffen, sondern ein Symbol: das des unabhängigen Blicks.


    Ein Vermächtnis in Bildern

    Seine Kamera ist nun still. Aber die Bilder, die er hinterlässt, sprechen weiter – von Schmerz, von Menschlichkeit, von jenem stillen Mut, der keine Orden trägt.

    Freunde erzählen, dass Lallican kurz vor seiner letzten Reise gesagt habe: „Ich will zeigen, dass selbst im Krieg noch Gesichter sind, keine Schatten.“

    Er hat es gezeigt. Und dafür bezahlt.

    Sein Tod ist Mahnung und Vermächtnis zugleich – ein Appell, den Blick aufrechtzuhalten, selbst wenn der Himmel sich verdunkelt.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Hat Mediapart einen Fake vorgelegt? – Was das Sarko-Urteil über die umstrittene „Note Koussa“ aussagt

    Hat Mediapart einen Fake vorgelegt? – Was das Sarko-Urteil über die umstrittene „Note Koussa“ aussagt

    Ein Schuldspruch, ein Halbsatz im Urteil – und plötzlich kocht ein alter Verdacht wieder hoch: Hat Mediapart 2012 mit der sogenannten „Note Koussa“ einen gefälschten Beleg für mutmaßliche libysche Wahlkampfgelder veröffentlicht? Wer die aktuelle Lage nüchtern sortiert, erkennt: Es geht weniger um Schlagzeilen als um die feine Trennlinie zwischen Verdacht, Beweiswert und gerichtsfester Feststellung. Am 25. September 2025 hat ein Pariser Gericht Nicolas Sarkozy zu fünf Jahren Haft verurteilt – wegen „association de malfaiteurs“, also wegen einer kriminellen Verabredung rund um die Suche nach libyschen Geldquellen für den Präsidentschaftswahlkampf 2007. Historisch, gewiss, und zugleich basierend auf einem Mosaik aus Aussagen, Indizien und Verbindungen – nicht auf einem einzigen Papier. Das Urteil entlastet Sarkozy in anderen Punkten, etwa bei konkreten Geldflüssen und Korruptionsvorwürfen; die Kammer legte den Schwerpunkt auf die Bildung einer kriminellen Vereinigung und deren Verabredung…

    [wtr-time]

    Der weitere Text ist unseren Abonnenten vorbehalten.


    Warum ein Abo? Weil guter Journalismus seinen Preis hat.

    Information mag frei zugänglich sein – aber Journalismus ist kein Selbstläufer. Recherchen, Interviews, Faktenchecks und Einordnungen erfordern Zeit, Expertise und Verantwortung.

    Wer unabhängige, fundierte Berichterstattung will, muss sie ermöglichen. Werbefinanzierung allein reicht nicht – sonst entscheiden Klickzahlen über Inhalte.

    Ein Abonnement ist kein Eintrittsgeld, sondern ein Bekenntnis: zur Qualität, zur Unabhängigkeit und zu einer informierten Öffentlichkeit.

    Information ist frei. Journalismus kostet. Und genau deshalb lohnt sich ein Abo.


    Abo-Light – das Monatsabonnement zum schlanken Preis

    Alle Artikel für 0,50 € pro Woche. Das Abo wird monatlich mit 2 € abgerechnet und ist monatlich kündbar.

    Monatsabonnement buchen…


    Premium-Abo – das Jahresabonnement mit wertvollen Add-Ons

    Alle Artikel für 0,38 € pro Woche. Das Abo wird jährlich mit 20 € abgerechnet und ist jährlich kündbar.

    Das Premium-Jahres-Abo bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    Jahresabonnement buchen…


    Lebenslang – das Premium-Abo für immer

    Für eine einmalige Zahlung für nur 36 €. Unbegrenzter Zugriff – ein Leben lang.

    Das Premium-Abo-Lebenslang bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    „Abo-Lebenslang“ buchen…


     

     

  • Ein weltweiter Feldzug gegen Meinungsfreiheit – Warum Autokraten Angst vor dem Lachen haben

    Ein weltweiter Feldzug gegen Meinungsfreiheit – Warum Autokraten Angst vor dem Lachen haben

    Sieben Monate vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs beendete Hitlers Propagandaminister abrupt die Karrieren von fünf Komikern. Er bezeichnete sie als „frech, unverschämt, arrogant und taktlos“ – ihr Publikum sei „parasitärer Abschaum“.

    Die Entlassung der Künstler war der New York Times am 4. Februar 1939 eine Titelgeschichte wert. Der Bericht erläuterte, was ihnen zum Verhängnis wurde: Die Komiker karikierten „mit Geschick, aber unmissverständlich die Gesten, Posen und körperlichen Eigenheiten führender Nationalsozialisten.“

    Im September 2025 wurde der amerikanische Late-Night-Moderator Jimmy Kimmel suspendiert – wenig später aber wieder eingesetzt.

    Die Episode erinnert an all jene Länder, in denen politische Führer versuchen, die freie Rede zu unterdrücken – sei es durch die Übernahme von Zeitungen, die Schließung von Fernsehsendern oder gezielte Angriffe auf Komiker. Seit über einem Jahrzehnt zeigt die globale Entwicklungskurve in eine klare Richtung: weg von der Meinungsfreiheit. Das gilt für klassische Autokratien wie Russland oder China ebenso wie für vermeintlich demokratische Staaten wie die Türkei und Ungarn. Die Methoden variieren, doch die Zahl der repressiven Staaten steigt kontinuierlich.

    Erschreckend ist, dass mittlerweile auch die USA – konkret: deren Regierung – zu diesem Kreis gehören.

    Warum ist Humor für Autokraten so gefährlich?

    Autoritäre Herrscher haben gemeinhin ein dünnes Fell. Sie bestehen darauf, als groß und unantastbar wahrgenommen zu werden. Einige Politikwissenschaftler argumentieren, dass die Wahrnehmung von Kompetenz entscheidend für die Stabilität von Diktaturen ist. Lachen hingegen zielt nicht auf Machtkonkurrenz wie Proteste oder Wut – sondern verweigert dem Machtanspruch jede Ernsthaftigkeit: „Dieser Typ ist ein Witz.“ Spott und Ironie sind somit keine Angriffswaffen, sondern Mittel der Delegitimierung. In diesem Sinne ist Humor die ultimative Bedrohung für autoritäre Regime.

    Wie gehen autoritäre Systeme gegen freie Rede vor?

    Typischerweise beginnt der Angriff mit genereller Medienschelte. Es folgt die gezielte Diffamierung einzelner Journalist:innen, Satiriker oder Publikationen als „Volksfeinde“. Danach erfolgt meist die systematische Übernahme von Medienhäusern – sei es durch politische Einflussnahme, wirtschaftlichen Druck oder rechtliche Mittel.

    Das Ziel ist stets dasselbe: die Schaffung eines Echoraums. Heute geht es längst nicht mehr nur um Zeitungen und Fernsehsender, sondern auch um soziale Netzwerke und künftige Technologien wie Künstliche Intelligenz. Doch die Logik bleibt konstant: Kontrolle über den Informationsraum zu gewinnen, um eine neue Vorstellung von Normalität oder „gesunder Menschenverstand“ durchzusetzen. Es geht um kulturelle Hegemonie, um die langfristige Sicherung politischer Macht.

    China verfügt derzeit zweifellos über das technologisch ausgefeilteste System zur Steuerung des öffentlichen Diskurses. Das chinesische Modell basiert auf einer Kombination aus Zensur, Überwachung und umfassender Internetkontrolle. Dabei geht es nicht nur um politische Inhalte – auch Themen wie Männlichkeitsbilder oder Computerspiele unterliegen staatlicher Regulierung. Das Ziel: Ein engmaschiges Regelwerk für alles, was gesagt, gezeigt oder gedacht werden darf.

    Was bedeutet ein Rückzug der USA von der Meinungsfreiheit?

    Die Vereinigten Staaten galten lange als Hochburg der Redefreiheit – zumindest auf dem Papier. Das verfassungsmäßig garantierte „First Amendment“ erlaubte Äußerungen, die in vielen anderen Ländern längst verboten wären. Sollte dieser Verfassungszusatz ins Wanken geraten, hätte das internationale Signalwirkung.

    Es würde repressiven Regimen weltweit Legitimität verschaffen – und autoritären Tendenzen in Demokratien neue Nahrung geben. Auch ansonsten stabile Staaten könnten in Versuchung geraten: „Wenn selbst die USA Einschränkungen vornehmen, warum nicht auch wir?“

    Dies würde eine neue Ära einläuten – eine Welt, in der selbst gerechtfertigte und pointierte Kritik an Machthabern nicht mehr als notwendiger Bestandteil der Demokratie gilt, sondern als zu riskant erscheint. Wo sich Menschen zweimal überlegen, ob sie ihren Mund aufmachen – und sich dann dagegen entscheiden.


    Trump und Netanyahu präsentieren Plan für Gaza

    US-Präsident Donald Trump und Israels Premierminister Benjamin Netanyahu stellten gestern einen neuen Vorschlag zur Beendigung des Krieges im Gazastreifen vor. Der Plan sieht unter anderem vor, dass die Hamas vollständig entwaffnet wird, einer reduzierten israelischen Präsenz zustimmt und keine Rolle in der künftigen Verwaltung Gazas spielt – eine Voraussetzung, die von Beobachtern als kaum realistisch eingeschätzt wird.

    Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz im Weißen Haus sagte Trump, dass Israel seine „volle Unterstützung“ erhalte, sollte die Hamas den Plan ablehnen. Netanyahu kündigte an: „Wenn Hamas nicht zustimmt, wird Israel die Sache zu Ende bringen.“

    Der Plan sieht einen schrittweisen Rückzug der israelischen Streitkräfte vor – zunächst teilweise bis zur Freilassung aller Geiseln, später vollständig nach der Etablierung einer internationalen Stabilisierungstruppe. Hamas-Kämpfern, die ihre Waffen niederlegen und friedliche Koexistenz akzeptieren, soll Amnestie gewährt werden. Jene, die Gaza verlassen wollen, erhalten sicheres Geleit.

    Ein konkreter Fahrplan für einen palästinensischen Staat wird nicht benannt – lediglich das „Staatswerdungsstreben des palästinensischen Volkes“ wird erwähnt.

    Zukunft des Gazastreifens: Die USA schlagen eine Übergangsverwaltung zur Stabilisierung Gazas vor. Ehemalige politische Führungspersönlichkeiten wie der britische Ex-Premier Tony Blair könnten beteiligt sein.


    Weitere Meldungen

    • Die pro-europäische Partei gewinnt trotz massiver russischer Einmischung die Wahl in Moldau.
    • Namibia setzt Soldaten zur Bekämpfung eines Waldbrands ein, der schon mehr als ein Drittel des Etosha-Nationalparks verwüstete.
    • Dänemark sperrt vor einem großen EU-Gipfel den Luftraum für zivile Drohnen – nach einer Reihe verdächtiger Sichtungen in Flughafennähe.
    • In Kanada wird die Postzustellung eingestellt: Streik der Briefträger gegen eine umfassende Regierungsreform.

    Autor: P. Tiko

  • Ohne öffentlich-rechtliche Medien stirbt die Demokratie leise aber sicher

    Ohne öffentlich-rechtliche Medien stirbt die Demokratie leise aber sicher

    Wer braucht heute noch ARD, ZDF oder France Télévisions? So höhnt es in manchen Ecken. „Netflix reicht doch“, sagen die einen. „Die Öffentlich-Rechtlichen sind nur ein alter Dinosaurier“, die anderen. Aber wer so redet, hat eines vergessen: Demokratie lebt nicht von Algorithmen, die uns vorsortieren, was wir angeblich mögen. Sie lebt von einem gemeinsamen Raum, von Nachrichten, die nicht zuerst Profit, sondern Öffentlichkeit im Blick haben.

    Stellen wir uns eine Gesellschaft ohne öffentlich-rechtliche Sender vor. Nachrichten, gefiltert durch Konzerne, durch private Interessen, durch Klickzahlen. Politik als Show, Debatte als Ware, Wahrheit als Nebensache. Genau das passiert, wenn wir das Feld allein den Plattformen überlassen, deren einziges Ziel Gewinnmaximierung ist. Wollen wir wirklich, dass Google, TikTok und Elon Musk entscheiden, was wir morgen über unsere Regierungen, unsere Städte, unsere Welt wissen?

    Öffentlich-rechtliche Medien sind kein Luxus, sie sind eine Schutzmauer. Sie garantieren, dass auch Themen auf den Tisch kommen, die nicht in 30 Sekunden auf Instagram passen. Sie sind der Ort, an dem Minderheiten Stimmen haben, wo regionale Kultur nicht im globalen Rauschen verschwindet, wo Politik noch erklärt statt nur zugespitzt wird.

    Natürlich: France Télévisions, ARD, ZDF und Co. haben Probleme. Strukturen sind träge, Kosten hoch, und ja – manches wirkt angestaubt. Aber die Alternative ist nicht, sie sterben zu lassen. Die Alternative ist, sie zu reformieren und stärker zu machen.

    Die Rechnungshof-Berichte, die Defizite, die Sparzwänge – das alles ist ernst. Doch der größere Skandal wäre, wenn wir zusehen, wie die Axt an eine der Grundsäulen der Demokratie gelegt wird. Denn eine Gesellschaft ohne freien und zugänglichen öffentlichen Rundfunk ist wie ein Haus ohne Fundament: Es mag von außen glänzen, doch beim ersten Sturm bricht es zusammen.

    Wer Demokratie will, muss öffentlich-rechtliche Medien wollen. Punkt. Alles andere ist Selbsttäuschung.

    Ein Kommentar von: Andreas M. B.

  • Trump gegen die Presse: Neue Eskalation in einem alten Kampf

    Trump gegen die Presse: Neue Eskalation in einem alten Kampf

    Donald Trump hat einen weiteren juristischen Schlag gegen die amerikanische Medienlandschaft angekündigt. In der Nacht zu Dienstag erklärte der US-Präsident, er habe eine Klage über 15 Milliarden Dollar gegen die traditionsreiche Tageszeitung The New York Times eingereicht. Trump wirft der Zeitung vor, ihn systematisch diffamiert und durch falsche Darstellungen seine politische wie wirtschaftliche Stellung geschädigt zu haben.

    Die Attacke reiht sich in eine Serie von Konfrontationen zwischen Trump und großen US-Medien ein, die sich seit seiner ersten Präsidentschaft fast ununterbrochen fortsetzt. Doch die aktuelle Klage ist nicht nur aufgrund der geforderten Rekordsumme bemerkenswert, sondern auch, weil sie Fragen zur Meinungsfreiheit, zur Rolle der Medien in der Demokratie und zur politischen Strategie Trumps aufwirft.


    Der Kern der Klage

    Laut Trumps Darstellung habe die Zeitung über Jahre hinweg Artikel und Bücher veröffentlicht, die ihn bewusst in ein falsches Licht rückten. Er nennt sie einen „verlängerten Arm der Demokraten“ und bezeichnet die New York Times als „eines der degeneriertesten Blätter in der Geschichte Amerikas“. Kernvorwurf ist, dass die Berichterstattung nicht nur fehlerhaft, sondern in böswilliger Absicht erfolgt sei.

    Die Klage wurde in Florida eingereicht. Dass Trump diesen Gerichtsstand wählte, dürfte kein Zufall sein: Die Gerichte dort gelten als konservativer geprägt, was in seiner Kalkulation eine Rolle spielen könnte. Ob die Zuständigkeit in einem Verfahren gegen eine in New York ansässige Redaktion tatsächlich begründet werden kann, ist allerdings ungewiss.


    Juristische Hürden

    In den Vereinigten Staaten genießen Medien durch den ersten Verfassungszusatz (First Amendment) weitreichenden Schutz. Für Personen des öffentlichen Lebens gilt ein besonders hoher Standard: Um Schadenersatz zu erstreiten, muss nachgewiesen werden, dass die beanstandete Berichterstattung „mit tatsächlicher Böswilligkeit“ erfolgte – also im Bewusstsein ihrer Unwahrheit oder in rücksichtsloser Missachtung der Wahrheit.

    Gerade für Trump ist dies ein nahezu unüberwindbares Hindernis. Frühere Klagen gegen große Medienhäuser scheiterten regelmäßig an diesem Maßstab. Die Forderung von 15 Milliarden Dollar erscheint zudem eher symbolisch. Solche Summen sind in den USA zwar keine Seltenheit in Zivilklagen, dienen jedoch oft als politisches Signal oder als Druckmittel.


    Politische Dimension

    Die Eskalation fällt in eine Phase, in der Trump bereits die Zwischenwahlen im Jahr 2026 vorbereitet. Die Konfrontation mit etablierten Medien spielt dabei eine doppelte Rolle: Sie mobilisiert seine treue Anhängerschaft, die seit Jahren überzeugt ist, dass die Presse ihn unfair behandelt. Gleichzeitig dient sie als Abschreckung für kritische Berichterstattung.

    Dass Trump der New York Times vorwirft, offen Partei für Kamala Harris ergriffen zu haben, unterstreicht die politische Stoßrichtung der Klage. Für ihn geht es weniger um juristische Erfolgsaussichten, sondern darum, die eigene Opferrolle im Kulturkampf gegen das „liberale Establishment“ zu inszenieren.


    Ein bekanntes Muster

    Bereits zuvor hatte Trump vergleichbare Schritte unternommen. Erst im Sommer forderte er vom Wall Street Journal zehn Milliarden Dollar Schadenersatz, nachdem die Zeitung ihn mit einem dubiosen Schreiben an den verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein in Verbindung gebracht hatte. Auch diese Klage stieß auf Skepsis, sowohl in juristischer als auch in politischer Hinsicht.

    Das Vorgehen gegen Medien reiht sich damit in eine lange Tradition von Attacken Trumps gegen kritische Institutionen ein – von Gerichten über Geheimdienste bis hin zu Nachrichtensendern. Für ihn gilt: Wer Zweifel an seiner Integrität äußert, wird zum Feind erklärt.


    Ausblick

    Die Chancen, dass die neue Klage erfolgreich ist, sind gering. Amerikanische Gerichte haben in den vergangenen Jahrzehnten eine hohe Schwelle für Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens gesetzt, um die Pressefreiheit zu schützen. Auch in diesem Fall dürfte es schwer sein, den Nachweis vorsätzlicher Diffamierung zu erbringen.

    Doch Trumps Strategie zielt ohnehin weniger auf den Gerichtssaal als auf die politische Bühne. Mit der Ankündigung, den „Kampf gegen die Lügenpresse“ mit Milliardenforderungen zu führen, bekräftigt er sein Narrativ vom einsamen Kämpfer gegen ein feindliches Establishment. Für seine Unterstützer ist er damit erneut der Mann, der es wagt, den Mächtigen in den Medien die Stirn zu bieten – und genau das dürfte der eigentliche Zweck dieser Eskalation sein.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • 110 Jahre Unabhängigkeit, Satire und Skandale: Der „Canard enchaîné“ wird zum Denkmal des Journalismus

    110 Jahre Unabhängigkeit, Satire und Skandale: Der „Canard enchaîné“ wird zum Denkmal des Journalismus

    Ein Zeitungsente wird 110 – und ganz Frankreich feiert mit. „Le Canard enchaîné“, das wohl bissigste Blatt der Grande Nation, begeht am 10. September 2025 sein 110-jähriges Bestehen. Während viele Printmedien ums Überleben kämpfen, hat sich dieser traditionsreiche Titel etwas bewahrt, das heute selt…

    [wtr-time]

    Der weitere Text ist unseren Abonnenten vorbehalten.


    Warum ein Abo? Weil guter Journalismus seinen Preis hat.

    Information mag frei zugänglich sein – aber Journalismus ist kein Selbstläufer. Recherchen, Interviews, Faktenchecks und Einordnungen erfordern Zeit, Expertise und Verantwortung.

    Wer unabhängige, fundierte Berichterstattung will, muss sie ermöglichen. Werbefinanzierung allein reicht nicht – sonst entscheiden Klickzahlen über Inhalte.

    Ein Abonnement ist kein Eintrittsgeld, sondern ein Bekenntnis: zur Qualität, zur Unabhängigkeit und zu einer informierten Öffentlichkeit.

    Information ist frei. Journalismus kostet. Und genau deshalb lohnt sich ein Abo.


    Abo-Light – das Monatsabonnement zum schlanken Preis

    Alle Artikel für 0,50 € pro Woche. Das Abo wird monatlich mit 2 € abgerechnet und ist monatlich kündbar.

    Monatsabonnement buchen…


    Premium-Abo – das Jahresabonnement mit wertvollen Add-Ons

    Alle Artikel für 0,38 € pro Woche. Das Abo wird jährlich mit 20 € abgerechnet und ist jährlich kündbar.

    Das Premium-Jahres-Abo bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    Jahresabonnement buchen…


    Lebenslang – das Premium-Abo für immer

    Für eine einmalige Zahlung für nur 36 €. Unbegrenzter Zugriff – ein Leben lang.

    Das Premium-Abo-Lebenslang bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    „Abo-Lebenslang“ buchen…