Schlagwort: Pestizide

  • Zwischen Wettbewerbsdruck und Gesundheitsschutz: Der erbitterte Streit um die «Loi Duplomb»

    Zwischen Wettbewerbsdruck und Gesundheitsschutz: Der erbitterte Streit um die «Loi Duplomb»

    Auf dem Place Édouard-Herriot, direkt gegenüber der französischen Nationalversammlung, wird Politik zur Inszenierung. Aktivisten in weissen Kitteln reichen «Glypho Spritz» und «Néonicotinoïde Sunrise» – harmlose, eingefärbte Getränke mit provokativen Namen. Die symbolischen «Pestizid-Cocktails» sollen sichtbar machen, was nach Ansicht der Demonstrierenden unsichtbar bleibt: chemische Rückstände in Böden, Gewässern und Lebensmitteln. Im Zentrum der Auseinandersetzung steht ein Gesetzesvorhaben, das weit über agrarpolitische Detailfragen hinausweist – die sogenannte Loi Duplomb.

    Benannt ist der Entwurf nach dem Senator Laurent Duplomb von den Les Républicains. Seit Wochen mobilisieren Umweltverbände, kleinere landwirtschaftliche Gewerkschaften und Gesundheitsinitiativen gegen das Vorhaben. Sie sehen darin einen Rückschritt im Umwelt- und Verbraucherschutz. Befürworter hingegen sprechen von einer überfälligen Korrektur regulatorischer Übertreibungen und einem notwendigen Schritt zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit französischer Landwirte.

    Ein Gesetz im Kontext einer tiefen Agrarkrise

    Die Loi Duplomb ist ohne den agrarpolitischen Hintergrund der Jahre 2024/25 nicht zu verstehen. Frankreichs Bauern gingen damals landesweit auf die Strasse. Sie protestierten gegen sinkende Einkommen, steigende Produktionskosten, bürokratische Auflagen und den wachsenden Druck durch internationale Konkurrenz. Traktoren blockierten Autobahnen, Präfekturen und Grossmärkte. Die Bilder erinnerten an frühere Krisenjahre, doch der Frust wirkte tiefer und struktureller.

    Die französische Landwirtschaft steht seit Jahren unter erheblichem Anpassungsdruck. Einerseits verlangt die europäische Agrarpolitik Umweltauflagen, Biodiversitätsschutz und eine Reduktion des Pestizideinsatzes. Andererseits konkurrieren französische Produzenten mit Importen aus Ländern, in denen Produktionsstandards weniger streng sind. Diese Spannung hat sich durch steigende Energiepreise und globale Marktverwerfungen weiter verschärft.

    Hier setzt die Loi Duplomb an. Sie sieht vor, bestimmte nationale Sonderregelungen beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu lockern, Zulassungsverfahren zu beschleunigen und sogenannte «Übererfüllungen» europäischer Vorgaben – in Frankreich politisch besonders ausgeprägt – zurückzunehmen. Befürworter argumentieren, französische Landwirte dürften nicht länger mit strengeren Regeln arbeiten müssen als ihre europäischen Wettbewerber.

    Das zentrale Argument lautet: Wer bestimmte Wirkstoffe im Inland verbietet, während sie in anderen EU-Staaten zugelassen bleiben, produziert eine Wettbewerbsverzerrung. Am Ende, so die Befürworter, würden Lebensmittel importiert, die mit genau jenen Substanzen behandelt wurden, die man in Frankreich aus Vorsorgegründen untersagt habe. Der nationale Sonderweg führe paradoxerweise nicht zu weniger, sondern zu verlagerten Risiken.

    Gesundheit und Biodiversität als rote Linie

    Für die Gegner des Gesetzes ist diese Argumentation zu kurz gegriffen. Sie verweisen auf eine breite wissenschaftliche Literatur, die Zusammenhänge zwischen bestimmten Pestiziden und schweren Erkrankungen nahelegt – von bestimmten Krebsarten über neurologische Störungen bis hin zu endokrinen Effekten. Frankreich hat in den vergangenen Jahren mehrfach über die Anerkennung von Berufskrankheiten im Zusammenhang mit Pestizidexposition debattiert.

    Zudem steht die ökologische Dimension im Vordergrund. Der dramatische Rückgang von Insektenpopulationen, die Gefährdung von Bestäubern und die Erosion landwirtschaftlicher Biodiversität gelten als gut dokumentiert. Pestizide sind nach Einschätzung vieler Umweltforscher ein wesentlicher Treiber dieser Entwicklung – neben Habitatverlust und Klimawandel.

    Organisationen wie Générations Futures sprechen deshalb von einer «historischen Regression». Sie sehen in der Loi Duplomb nicht bloss eine technische Anpassung, sondern eine politische Weichenstellung: Wettbewerbsfähigkeit werde gegen Gesundheits- und Umweltinteressen ausgespielt. Die symbolischen «Cocktails» vor der Nationalversammlung bringen diese Kritik zugespitzt auf den Punkt.

    Symbolpolitik im politischen Herzen der Republik

    Die Proteste konzentrieren sich bewusst auf die Machtzentren in Paris – Nationalversammlung, Senat, Landwirtschaftsministerium. Der öffentliche Raum wird zur Bühne, um einen zunächst technisch anmutenden Gesetzestext in eine gesellschaftliche Grundsatzfrage zu verwandeln.

    Die Inszenierung folgt einer klaren Logik moderner Umweltbewegungen: Abstrakte Risiken werden konkretisiert. Pestizidrückstände sind unsichtbar, geruchlos, chemisch komplex. Indem Aktivisten sie als vermeintliche Getränke darbieten, übersetzen sie wissenschaftliche Befunde in alltagsnahe Bilder. Die politische Wirkung solcher Aktionen liegt weniger in unmittelbaren Mehrheiten als in der Verschiebung der öffentlichen Wahrnehmung.

    Frankreich verfügt über eine lange Tradition symbolischer Protestkultur. Von den Gelbwesten bis zu Rentenreformen wurde Paris immer wieder zum Schauplatz gesellschaftlicher Auseinandersetzungen. Der Streit um die Loi Duplomb reiht sich in diese Konfliktgeschichte ein, bleibt bislang jedoch vergleichsweise friedlich – und stark themenbezogen.

    Ein Riss durch die Landwirtschaft

    Bemerkenswert ist die Spaltung innerhalb der landwirtschaftlichen Interessenvertretung. Grosse Verbände und exportorientierte Betriebe unterstützen die Lockerungen. Für sie geht es um Erträge, Planungssicherheit und die Verteidigung von Marktanteilen – insbesondere im Getreide- und Zuckerrübenanbau.

    Demgegenüber positionieren sich kleinere Gewerkschaften wie die Confédération paysanne kritisch. Sie argumentieren, das eigentliche Problem liege nicht im Mangel an Pflanzenschutzmitteln, sondern in einem Agrarmodell, das auf Mengenproduktion und Preisdruck beruhe. Wer die strukturellen Einkommensprobleme nicht angehe, löse mit chemischen Mitteln lediglich Symptome.

    Diese Debatte berührt Grundfragen der französischen Landwirtschaft: Soll sie primär exportorientiert und produktivistisch bleiben – oder stärker auf Diversifizierung, regionale Kreisläufe und ökologische Standards setzen? Hinter der Auseinandersetzung um einzelne Wirkstoffe verbirgt sich somit ein Zielkonflikt über die strategische Ausrichtung des gesamten Sektors.

    Europäische Dimension und nationale Identität

    Die Diskussion ist zudem europapolitisch eingebettet. Die Gemeinsame Agrarpolitik der EU setzt Rahmenbedingungen, die von den Mitgliedstaaten unterschiedlich umgesetzt werden. Frankreich galt lange als Vorreiter bei Umweltauflagen. Die Rücknahme nationaler Verschärfungen könnte als Signal verstanden werden, dass wirtschaftlicher Druck ökologische Ambitionen relativiert.

    Zugleich ist Landwirtschaft in Frankreich mehr als ein Wirtschaftssektor. Sie ist identitätsstiftend, historisch aufgeladen und politisch sensibel. Fragen der Ernährungssouveränität, des ländlichen Raums und der nationalen Tradition sind eng miteinander verwoben. Reformen werden daher nicht nur technisch, sondern symbolisch gelesen.

    Der Konflikt um die Loi Duplomb verdeutlicht ein Dilemma, das viele europäische Staaten teilen: Die ökologische Transformation erfordert Anpassungen, die kurzfristig Kosten verursachen. Gleichzeitig stehen Regierungen unter dem Druck, soziale und ökonomische Stabilität zu gewährleisten. Politische Mehrheiten entstehen selten im luftleeren Raum; sie sind das Resultat konkurrierender Interessen und Narrative.

    Ob das Gesetz in der vorliegenden Form Bestand haben wird, ist offen. Sicher ist jedoch, dass die Debatte die politische Agenda verändert hat. Ein vermeintlich spezialisiertes Agrargesetz ist zum Prüfstein für die Glaubwürdigkeit ökologischer Versprechen und für die Tragfähigkeit des französischen Agrarmodells geworden.

    Auf dem Place Édouard-Herriot werden die Tische abgebaut, die Plakate zusammengerollt. Doch der Konflikt ist nicht beendet. Er steht exemplarisch für die Frage, wie Frankreich – und mit ihm Europa – den Ausgleich zwischen ökonomischem Realismus und ökologischer Verantwortung gestalten will. Die Antwort darauf wird nicht nur über Pflanzenschutzmittel entscheiden, sondern über die langfristige Legitimität politischer Steuerung in einer Zeit multipler Krisen.

    Autor: P. Tiko

  • Zwischen Feld und Vorsorge: Frankreichs Agrardebatte am Kipppunkt

    Zwischen Feld und Vorsorge: Frankreichs Agrardebatte am Kipppunkt

    Der Satz ist bewusst zugespitzt, fast wie ein politischer Marker in einer zunehmend polarisierten Debatte: „Soutenir nos agriculteurs, mais pas au prix de la santé de nos enfants“ – „Unsere Landwirte unterstützen, aber nicht auf Kosten der Gesundheit unserer Kinder.“ Mit diesen Worten positioniert sich Benjamin Lucas, Sprecher der ökologischen Fraktion in der französischen Nationalversammlung, in einem Konflikt, der Frankreich seit Jahren beschäftigt und zuletzt erneut mit voller Wucht auf die politische Bühne zurückgekehrt ist.

    Die Formulierung ist kurz, moralisch klar und strategisch gewählt. Sie verdichtet einen Grundkonflikt, der weit über parteipolitische Auseinandersetzungen hinausweist und zentrale Fragen der französischen Wirtschafts-, Umwelt- und Gesundheitspolitik berührt.

    Ein Satz, der ein strukturelles Dilemma bündelt

    Lucas’ Aussage ist mehr als ein politischer Kommentar. Sie fasst ein Dilemma zusammen, das Frankreich – und im weiteren Sinne ganz Europa – seit Jahrzehnten begleitet: Wie lässt sich eine leistungsfähige Landwirtschaft erhalten, ohne Umwelt und öffentliche Gesundheit zu gefährden? Wie können landwirtschaftliche Einkommen gesichert werden, während gleichzeitig der Einsatz umstrittener Pestizide reduziert wird? Und wer trägt die wirtschaftlichen Lasten dieses Übergangs?

    In Frankreich ist die Landwirtschaft nicht nur ein Wirtschaftszweig, sondern Teil der nationalen Identität. Sie steht für Tradition, regionale Vielfalt und Ernährungssouveränität. Politisch besitzt sie eine Durchsetzungskraft, die sich regelmäßig in landesweiten Protesten, Blockaden und unmittelbarem Druck auf die Regierung niederschlägt. Gleichzeitig ist sie untrennbar mit ökologischen Problemen verbunden: intensive Monokulturen, Bodendegradation und eine seit Jahrzehnten hohe Abhängigkeit von chemischen Pflanzenschutzmitteln.

    Lucas spricht daher nicht nur als Vertreter der Ökologen, sondern als Repräsentant eines politischen Lagers, das einen grundlegenden Systemwechsel anstrebt – wissend, dass dieser Kurs mit mächtigen Interessen kollidiert.

    Pestizide, Gesundheit und das Vorsorgeprinzip

    Im Zentrum der aktuellen Auseinandersetzungen steht erneut der Einsatz bestimmter Pestizide, deren gesundheitliche Risiken seit Jahren wissenschaftlich untersucht werden. Studien weisen auf mögliche Zusammenhänge zwischen einzelnen Wirkstoffen und Krebs, neurologischen Erkrankungen oder hormonellen Störungen hin. Besonders sensibel ist die Frage der Auswirkungen auf Kinder, deren Organismus deutlich anfälliger für Umweltgifte ist als der von Erwachsenen.

    Ökologische Parteien und Umweltorganisationen argumentieren, dass die vorliegenden wissenschaftlichen Hinweise ausreichen, um das Vorsorgeprinzip konsequent anzuwenden. In ihren Augen ist die fortgesetzte Zulassung bestimmter Stoffe weniger Ausdruck wissenschaftlicher Ungewissheit als vielmehr Ergebnis politischen Drucks durch Agrarindustrie und Lobbyverbände.

    Vertreter der Landwirtschaft halten dagegen. Sie warnen vor einem Bruch mit der Realität des landwirtschaftlichen Alltags. Viele Betriebe, so ihr Argument, hätten kurzfristig keine praktikablen Alternativen zu chemischem Pflanzenschutz. Ernteausfälle, steigende Kosten und ein Verlust an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Importprodukten aus Ländern mit weniger strengen Auflagen seien die unmittelbare Folge.

    Hier verläuft die zentrale Bruchlinie der Debatte: Unterstützung der Landwirtschaft – ja, aber nicht um jeden Preis.

    Politische Symbolik und kalkulierte Rhetorik

    Die Wortwahl von Benjamin Lucas ist politisch präzise. Sie vermeidet eine offene Konfrontation mit den Landwirten selbst und richtet die Kritik stattdessen gegen ein Agrarmodell, das auf chemische Inputs und globalen Wettbewerbsdruck angewiesen ist. Diese Differenzierung ist entscheidend in einem Land, in dem Bauernproteste regelmäßig erhebliche politische Zugeständnisse erzwingen.

    Regierungen – unter Emmanuel Macron oder seinen Vorgängern – mussten immer wieder zwischen ökologischen Ambitionen und sozialem Frieden im ländlichen Raum vermitteln. Subventionen, Ausnahmeregelungen und zeitlich befristete Sondergenehmigungen waren häufig das Ergebnis.

    Lucas und seine Fraktion versuchen, diese Logik umzudrehen. Nicht strengere Umweltauflagen seien das Problem, sondern ein System, das Landwirte in ökonomische Abhängigkeiten zwinge und gleichzeitig gesundheitliche Risiken externalisiere. Die Gesundheit der Bevölkerung, so die implizite Botschaft, dürfe kein Verhandlungsgegenstand sein.

    Gesellschaftlicher Wandel und neue Prioritäten

    Die politische Debatte spiegelt einen tiefergehenden gesellschaftlichen Wandel wider. Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe in Frankreich sinkt seit Jahrzehnten, während das Umwelt- und Gesundheitsbewusstsein der Bevölkerung wächst. Bio-Produkte, kurze Lieferketten und nachhaltige Produktionsmethoden gewinnen an Bedeutung, auch wenn sie bislang nur einen Teil des Marktes ausmachen.

    Was früher als alternativ oder idealistisch galt, ist zunehmend Teil des politischen Mainstreams geworden. Gesundheit und Umwelt werden nicht mehr als nachrangige Aspekte wirtschaftlicher Entscheidungen betrachtet, sondern als zentrale Kriterien staatlichen Handelns.

    In diesem Kontext wirkt Lucas’ Satz weniger radikal, als es auf den ersten Blick scheint. Er markiert eine Verschiebung der politischen Prioritäten – weg von der ausschließlichen Betonung von Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit, hin zu einer ganzheitlicheren Bewertung gesellschaftlicher Kosten.

    Zwischen Pragmatismus und Ideologie

    Kritiker werfen den Ökologen vor, die ökonomischen Zwänge der Landwirtschaft zu unterschätzen. Ein zu schneller Ausstieg aus bestimmten Pestiziden könne die Existenz vieler Betriebe gefährden und strukturelle Verwerfungen im ländlichen Raum verschärfen. Befürworter entgegnen, dass das Festhalten am Status quo langfristig höhere Kosten verursache – für das Gesundheitssystem, die Umwelt und das Vertrauen der Bevölkerung in staatliche Regulierung.

    Die Realität liegt vermutlich zwischen diesen Polen. Der Übergang zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft erfordert Zeit, erhebliche Investitionen und gezielte politische Unterstützung. Gleichzeitig wächst der Druck, gesundheitliche Risiken ernst zu nehmen und das Vorsorgeprinzip nicht länger politisch zu relativieren.

    Lucas’ Satz löst diesen Konflikt nicht auf. Er formuliert vielmehr einen normativen Anspruch, der den Handlungsspielraum der Politik neu absteckt.

    Ein politischer Marker mit Langzeitwirkung

    Auch wenn es sich nur um einen einzelnen Satz handelt, besitzt er symbolische Kraft. Er zeigt, wie sich politische Sprache und gesellschaftliche Erwartungen verändert haben. Landwirtschaft wird nicht mehr ausschließlich als schützenswerter Wirtschaftszweig verstanden, sondern als Teil eines Systems, das ökologische und gesundheitliche Verantwortung trägt.

    Für Benjamin Lucas und die ökologische Bewegung ist diese Position zentral: Unterstützung für Landwirte darf nicht bedeuten, bekannte oder vermutete Gesundheitsrisiken zu akzeptieren. Für ihre Gegner bleibt sie Ausdruck eines Idealismus, der den Druck des internationalen Wettbewerbs unterschätzt.

    Die Debatte wird weitergehen – im Parlament, auf den Straßen und in der öffentlichen Meinung. Lucas’ Satz ist dabei weniger ein Schlusswort als ein Ausgangspunkt: ein politischer Marker in einem Konflikt, der Frankreich noch lange beschäftigen dürfte.

    Autor: P. Tiko

  • Wenn auf dem Wasserhahn ein Warnsignal klebt

    Wenn auf dem Wasserhahn ein Warnsignal klebt

    Ein Glas Leitungswasser gehört zu den stillen Selbstverständlichkeiten des Alltags. Es steht auf dem Tisch, klar, kühl, unscheinbar. In den Hauts-de-France, einer landwirtschaftlich geprägten Region im Norden Frankreichs, ist dieses Vertrauen nun ins Wanken geraten. Nach Angaben der Umweltorganisation Générations Futures werden rund 83.000 Menschen mit Trinkwasser versorgt, das die geltenden Qualitätsgrenzen für ein Pestizid deutlich überschreitet. Der Stoff trägt den wenig bekannten Namen Fluopyram und entfaltet gerade deshalb eine umso größere Sprengkraft. Die Organisation stützt sich auf Daten, die über das hauseigene Transparenztool „Dans mon eau“ ausgewertet wurden. Sichtbar werden dadurch Messwerte, die sonst nur in Verwaltungsakten schlummern. Das Ergebnis wirkt ernüchternd. In 17 sogenannten Einheiten der Trinkwasserverteilung, die insgesamt 46 Gemeinden versorgen, liegt der Grenzwert für Fluopyram über dem zulässigen Maß. Betroffen sind vor allem Kommunen im Pas-de-Calais und …

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  • Illegale Pestizide aus Spanien: Ein Prozess wirft Fragen zum französischen Agrarmodell auf

    Illegale Pestizide aus Spanien: Ein Prozess wirft Fragen zum französischen Agrarmodell auf

    In Marseille hat ein Prozess begonnen, der nicht nur juristische, sondern auch tiefgreifende politische und ökologische Fragen aufwirft: Sechs südfranzösische Gemüsebauern sowie ein Zwischenhändler müssen sich wegen des Kaufs und Gebrauchs verbotener Pflanzenschutzmittel verantworten. Die Verfahren betreffen über dreieinhalb Tonnen illegaler Substanzen und betreffen zentrale Akteure der französischen Landwirtschaft. Einblicke in ein graues Netzwerk agrochemischer Praktiken Die Angeklagten stammen aus der Drôme und den Bouches-du-Rhône – Regionen, die als Hochburgen des Gemüseanbaus gelten. Unter ihnen sind zwei prominente Produzenten: Didier Cornille, mit über 2.000 Hektar Land einer der größten Salatanbauer Frankreichs, sowie Frédéric Berlhe, ein bedeutender Melonenerzeuger. Die Vorwürfe: Besitz und Nutzung von Pflanzenschutzmitteln, die in Frankreich verboten sind – teilweise seit Jahren. Die illegalen Substanzen wurden offenbar über einen Zwischenhändler eingeführt, der diese aus Sp…

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  • BASF in der Kritik: Protest gegen „ewige Gifte“ bringt Chemieriesen in Erklärungsnot

    BASF in der Kritik: Protest gegen „ewige Gifte“ bringt Chemieriesen in Erklärungsnot

    Ein Montagmorgen, wie ihn sich ein Weltkonzern nicht wünscht: blockierte Werkstore, wütende Proteste und die Kameraobjektive direkt auf das eigene Logo gerichtet. Was sich am 17. November 2025 vor dem BASF-Werk im normannischen Saint-Aubin-lès-Elbeuf abspielte, war mehr als ein lokaler Aufstand. Es war ein Fanal – gegen Giftstoffe, gegen Doppelmoral und für eine andere Zukunft. Traktoren gegen PFAS Der Protest begann früh. Bereits um 7:45 Uhr formierte sich eine bunte Mischung aus Landwirt:innen, Anwohner:innen und Umweltaktivist:innen vor den Toren der Fabrik. Mit Traktoren, Erdhaufen und Transparenten blockierten sie die Zufahrt – eine Mischung aus bäuerlichem Protest und zivilem Ungehorsam. Rund 60 Personen verschafften sich Zugang zum Gelände selbst.

    Das Ziel: Aufmerksamkeit erregen – für das, was ihrer Ansicht nach seit Jahren im Verborgenen geschieht. Worum es eigentlich geht Im Zentrum der Kritik steht ein altbekann…

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  • Französische Weinberge im Umbruch: Hybride Rebsorten gegen Pestizide

    Französische Weinberge im Umbruch: Hybride Rebsorten gegen Pestizide

    Die Weinberge Frankreichs stehen unter Druck. Krankheiten, Klimawandel, steigende Umweltauflagen – alles drängt die Winzer, neue Wege zu gehen. Eine der spannendsten Entwicklungen trägt den unscheinbaren Namen „hybride Rebsorten“. Doch hinter diesem Begriff steckt nichts weniger als ein kleines Erdbeben für die Weinwelt.

    Was sind hybride oder resistente Rebsorten? Hybride Rebsorten, auch PIWI genannt, entstehen aus einer Kreuzung der klassischen europäischen Vitis vinifera mit wilden Arten aus Nordamerika oder Asien. Ziel ist ein doppelter Gewinn: die aromatische Finesse der europäischen Weine und die natürliche Abwehrkraft der Wildarten.So entstehen Sorten, die sich gegen Pilzkrankheiten wie Mehltau oder Oidium deutlich robuster zeigen. Weniger Behandlungen mit Kupfer und Schwefel, weniger Traktorfahrten durch die Rebzeilen – und damit weniger Belastung für Böden, Grundwasser und Menschen.

    Frankreich tastet sich vor In der Gironde hat die Winzergenossenschaft Tutiac begonnen, resist…

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  • Wenn Bürgerprotest Politik formt – die Loi Duplomb im parlamentarischen Gegenwind

    Wenn Bürgerprotest Politik formt – die Loi Duplomb im parlamentarischen Gegenwind

    Am 17. September 2025 hat die Kommission für Wirtschaftsanliegen der französischen Nationalversammlung einstimmig beschlossen, eine Bürgerpetition zur Loi Duplomb formell zu prüfen. Die Petition mit dem Titel „Nein zur Loi Duplomb – für Gesundheit, Sicherheit und kollektive Intelligenz“ hatte über zwei Millionen Unterschriften gesammelt – ein Rekord in der Geschichte der französischen Parlamentsplattform für öffentliche Petitionen.

    Was das Verfahren tatsächlich bedeutet Mit dem Beschluss der Kommission beginnt ein formeller parlamentarischer Prozess, der über das Symbolische hinausgeht:

    Die Kommission wird Sachverständige, Minister, Verbände und die Initiatorinnen und Initiatoren der Petition anhören. Auf dieser Grundlage wird ein Bericht erstellt, der sowohl die Anliegen der Petition als auch die Positionen der befragten Akteure zusammenfasst. Die Konferenz der Präsidenten der Nationalversammlung kann anschließend entscheiden, ob das Thema in das Plenum eingebracht wird – allerdings…

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  • Giftige Doppelmoral – Wie ein verbotenes BASF-Pestizid in Lyon produziert und exportiert wird

    Giftige Doppelmoral – Wie ein verbotenes BASF-Pestizid in Lyon produziert und exportiert wird

    Ein Insektizid, das in Europa aus gutem Grund verboten ist, wird weiterhin in großen Mengen produziert – nicht irgendwo im Verborgenen, sondern in einer BASF-Fabrik vor den Toren Lyons. Ein aktueller Bericht der Regionalbehörde DREAL bringt ans Licht, was lange gemunkelt wurde: Rund zehn Tonnen des Pestizids Fastac lagern in Genay. Fastac enthält Alpha-Cypermethrin, eine Substanz, die seit 2021 in der EU untersagt ist. Grund: ihre schädlichen Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt. Trotzdem rollen regelmäßig Lieferungen aus Indien auf das BASF-Gelände. Dort wird der Wirkstoff weiterverarbeitet und als fertiges Pflanzenschutzmittel exportiert – nicht nach Europa, sondern in Länder des globalen Südens. Das wirkt wie eine chemische Form des Kolonialismus. „Warum exportieren wir Produkte, die uns hier zu gefährlich sind?“, fragt Jean-Luc Juthier, einer der Aktivisten, die im Juni in das Werk eingedrungen sind. Seine Empörung ist verständlich: Während europäische Felder offiziell geschützt …

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  • Macron setzt umstrittene Agrarreform trotz Teil­zensur durch Verfassungsrat in Kraft

    Macron setzt umstrittene Agrarreform trotz Teil­zensur durch Verfassungsrat in Kraft

    Am 12. August 2025 hat Präsident Emmanuel Macron die sogenannte Loi Duplomb unterzeichnet – ein Gesetzespaket zur Lockerung agrarischer Vorschriften, das wenige Tage zuvor vom Conseil constitutionnel in einem zentralen Punkt gekippt worden war. Die Richter hatten die vorgesehene Wiederzulassung des umstrittenen Pestizids Acetamiprid für verfassungswidrig erklärt. Die übrigen Bestimmungen treten dennoch in Kraft. Ein Gesetz mit klarer agrarpolitischer Handschrift Die Loi Duplomb, benannt nach dem konservativen Senator Laurent Duplomb, war im Juli mit den Stimmen der Macron-Mehrheit, der Republikaner und der äußersten Rechten verabschiedet worden. Sie erleichtert Genehmigungen für große Stallanlagen, vereinfacht den Bau von Bewässerungsspeichern („méga-bassines“) und reduziert Verwaltungsauflagen für Großbetriebe. Ziel der Regierung ist es, die Wettbewerbsfähigkeit der Landwirtschaft zu stärken und Investitionen zu beschleunigen. Die rote Linie der Verfassungsrichter Das Herzstück des ur…

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  • Glyphosat, Justiz und Gerechtigkeit: Der lange Atem der Familie Grataloup

    Glyphosat, Justiz und Gerechtigkeit: Der lange Atem der Familie Grataloup

    55 Operationen, eine Tracheotomie und ein Leben voller medizinischer Herausforderungen – das ist die Realität von Théo Grataloup. Ein Junge, dessen Geburt nicht nur seine Familie, sondern auch ein ganzes Land aufgerüttelt hat. Denn seine Geschichte ist verknüpft mit einer der umstrittensten Chemikalien der letzten Jahrzehnte: Glyphosat. Am 31. Juli 2025 lehnte das Gericht im französischen Vienne (Isère) die Klage der Familie Grataloup gegen Bayer-Monsanto ab. Der Vorwurf: Das Glyphosat-haltige Herbizid, das Sabine Grataloup unwissentlich in ihrer Frühschwangerschaft 2006 benutzte, sei verantwortlich für die schweren Fehlbildungen ihres Sohnes. Das Urteil: Keine ausreichenden Beweise. Kein Schuldspruch. Kein Sieg – zumindest nicht vor Gericht. Doch was bleibt, ist weit mehr als ein verlorener Prozess. Ein Kind, ein Produkt, ein Verdacht Sabine Grataloup war 2006 Gärtnerin. An einem Augusttag versprühte sie auf einem Grundstück ein Totalherbizid – zu diesem Zeitpunkt ahnte sie noch nicht…

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