Schlagwort: Permafrost

  • Mont Blanc im Wandel: Gletscherschmelze verändert den Alpinismus grundlegend

    Mont Blanc im Wandel: Gletscherschmelze verändert den Alpinismus grundlegend

    Der Tod zweier Bergsteiger am Mont Blanc hat eine alte Debatte mit neuer Dringlichkeit zurück auf die Tagesordnung gebracht. Nach einem Felssturz im berüchtigten Goûter-Korridor verloren zwei tschechische Alpinisten ihr Leben, als ihre Dreierseilschaft in der Nacht abstürzte. Der Unfall ereignete sich ausgerechnet zu einer Zeit, in der Fachleute seit Tagen vor außergewöhnlich hohen Temperaturen und einem deutlich erhöhten Steinschlagrisiko gewarnt hatten.

    Der Goûter-Korridor gilt seit Jahrzehnten als der gefährlichste Abschnitt der Normalroute auf den höchsten Berg der Alpen. Steinschläge gehören dort zum Alltag. Doch in diesem Sommer zeigt sich das Risiko früher und heftiger als gewohnt. Die Bedingungen Mitte Juli erinnern bereits an die Verhältnisse, die sonst erst gegen Ende des Sommers auftreten.

    Der Grund liegt tief im Berg verborgen.

    Das sogenannte Permafrost-Eis wirkt in hochalpinen Felswänden wie ein natürlicher Klebstoff. Solange der dauerhaft gefrorene Untergrund stabil bleibt, hält er Gesteinsblöcke zusammen. Schmilzt dieses Eis, verlieren die Felsen ihren Halt. Die Folge sind immer häufigere Felsabbrüche und Steinschläge – oft ohne jede Vorwarnung. Genau diese Entwicklung beobachten Glaziologen seit Jahren in den Alpen. Der Klimawandel verändert die Hochgebirge nicht schleichend, sondern zunehmend sichtbar.

    Die beiden tödlich verunglückten Bergsteiger befanden sich in einer Seilschaft mit einer dritten Person, als sich gegen halb drei Uhr morgens ein Steinschlag löste. Obwohl viele Alpinisten bewusst in den frühen Morgenstunden unterwegs sind, um den Gefahren der Tageswärme auszuweichen, reichen inzwischen selbst die kühlen Nachtstunden häufig nicht mehr aus. Bleiben die Temperaturen über viele Stunden hoch, verliert das Gestein auch nachts weiter an Stabilität.

    Genau darin liegt die eigentliche Herausforderung.

    Lange Zeit galten Frühjahr und Sommer als klassische Saison für eine Besteigung des Mont Blanc. Inzwischen verschieben sich diese Zeitfenster spürbar. Viele Bergführer passen ihre Touren bereits an und bevorzugen das Frühjahr oder den frühen Sommer, wenn Schnee und gefrorener Untergrund den Fels noch besser stabilisieren. Das reduziert zwar nicht jedes Risiko, verbessert die Bedingungen aber deutlich.

    Auf der italienischen Seite des Mont Blanc wurden einzelne Anstiege wegen der außergewöhnlichen Hitze bereits zeitweise ausgesetzt. In Frankreich gestaltet sich die Situation komplizierter. Der Gipfel bleibt grundsätzlich erreichbar, doch die Verantwortung für eine Tour liegt stärker denn je bei Bergführern und Alpinisten selbst. Wetterberichte allein reichen längst nicht mehr aus. Entscheidend ist die Entwicklung der Temperaturen über mehrere Tage hinweg und deren Einfluss auf Gletscher und Fels.

    Erfahrene Bergsteiger berichten schon seit Jahren, dass sich vertraute Routen verändern. Gletscher ziehen sich sichtbar zurück, Firnfelder verschwinden und Wege, die früher als vergleichsweise sicher galten, verlangen heute deutlich mehr Aufmerksamkeit. Mancher schaut auf eine Route, die er vor zehn Jahren problemlos begangen hat, und erkennt sie kaum wieder. Das ist schon ziemlich krass – und zugleich Realität in den Alpen.

    Die aktuellen Ereignisse zeigen deshalb mehr als einen tragischen Einzelfall. Sie stehen für einen grundlegenden Wandel im Hochgebirge. Objektive Gefahren verändern sich schneller als viele Gewohnheiten und Tourenpläne. Wer heute einen Viertausender besteigen möchte, muss nicht nur körperlich fit sein, sondern auch die neuen klimatischen Bedingungen sorgfältig einschätzen.

    Die entscheidende Frage lautet deshalb längst nicht mehr, ob eine Besteigung des Mont Blanc grundsätzlich möglich ist. Vielmehr rückt der richtige Zeitpunkt in den Mittelpunkt. Mit jeder ungewöhnlich warmen Saison verkürzt sich das Zeitfenster, in dem eine Tour unter vertretbaren Sicherheitsbedingungen stattfinden kann. Der höchste Berg der Alpen bleibt ein faszinierendes Ziel – doch er verlangt heute mehr Respekt, mehr Flexibilität und vor allem ein neues Verständnis für eine Bergwelt, die sich schneller verändert als je zuvor.

    Von C. Hatty

  • Wenn die Berge fallen: Wie Forscher nahe Lyon den Ernstfall proben

    Wenn die Berge fallen: Wie Forscher nahe Lyon den Ernstfall proben

    Es klingt ein wenig nach einem Widerspruch: Ausgerechnet dort, wo weder Gipfel noch Gerölllawinen die Landschaft prägen, wird die Gewalt der Berge bis ins Detail nachgestellt. In einem unscheinbaren Innenhof nahe Lyon verwandeln Wissenschaftler Betonblöcke in Geschosse – und machen sichtbar, was sonst im Verborgenen geschieht. Ein kurzer Moment reicht. Ein Wagen beschleunigt, ein 45 Kilogramm schwerer Block schießt nach vorn, trifft mit voller Wucht auf gestapelte Strohballen – und durchschlägt sie, als wären sie aus Papier. Kameras zeichnen jede Millisekunde auf, Sensoren registrieren Kräfte, die das menschliche Vorstellungsvermögen sprengen. Was hier passiert, erinnert eher an einen Crashtest als an Geologie. Und genau das ist gewollt. Die Forscher übertragen Methoden aus der Fahrzeugsicherheit auf die Naturgefahrenforschung. Statt Autos kollidieren hier Felsbrocken mit Schutzanlagen. Statt Blechschäden geht es um Leben, Infrastruktur, ganze Hänge. Die Idee dahinter wirkt fast simpel…

    [wtr-time]

    Der weitere Text ist unseren Abonnenten vorbehalten.


    Warum ein Abo? Weil guter Journalismus seinen Preis hat.

    Information mag frei zugänglich sein – aber Journalismus ist kein Selbstläufer. Recherchen, Interviews, Faktenchecks und Einordnungen erfordern Zeit, Expertise und Verantwortung.

    Wer unabhängige, fundierte Berichterstattung will, muss sie ermöglichen. Werbefinanzierung allein reicht nicht – sonst entscheiden Klickzahlen über Inhalte.

    Ein Abonnement ist kein Eintrittsgeld, sondern ein Bekenntnis: zur Qualität, zur Unabhängigkeit und zu einer informierten Öffentlichkeit.

    Information ist frei. Journalismus kostet. Und genau deshalb lohnt sich ein Abo.


    Abo-Light – das Monatsabonnement zum schlanken Preis

    Alle Artikel für 0,50 € pro Woche. Das Abo wird monatlich mit 2 € abgerechnet und ist monatlich kündbar.

    Monatsabonnement buchen…


    Premium-Abo – das Jahresabonnement mit wertvollen Add-Ons

    Alle Artikel für 0,38 € pro Woche. Das Abo wird jährlich mit 20 € abgerechnet und ist jährlich kündbar.

    Das Premium-Jahres-Abo bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    Jahresabonnement buchen…


    Lebenslang – das Premium-Abo für immer

    Für eine einmalige Zahlung für nur 36 €. Unbegrenzter Zugriff – ein Leben lang.

    Das Premium-Abo-Lebenslang bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    „Abo-Lebenslang“ buchen…


     

     

  • Die Kommerzialisierung der Arktis: Eine geopolitische und ökologische Herausforderung

    Die Kommerzialisierung der Arktis: Eine geopolitische und ökologische Herausforderung

    Die Arktis, jene abgelegene Region am oberen Rand der Erde, erfährt derzeit eine dramatische Transformation. Was einst als unzugänglicher, eisbedeckter Raum galt, wird zunehmend zum geopolitischen und wirtschaftlichen Schachbrett. Durch die rasant steigenden Temperaturen – die in der Arktis fast doppelt so schnell ansteigen wie im Rest der Welt – eröffnen sich neue maritime Routen und Rohstoffvorkommen. Doch hinter diesen neuen Möglichkeiten verbirgt sich eine Vielzahl an Herausforderungen, die sowohl die Umwelt als auch die geopolitische Stabilität betreffen.

    Ein Klima im Wandel

    Die Veränderungen in der Arktis sind nicht mehr nur eine Frage der Wissenschaft – sie betreffen zunehmend den Alltag der dort lebenden Menschen und die globalen Klimabedingungen. Der rapide Rückgang des Meereises, das Schmelzen des Permafrostbodens und die Verschmutzung von Flüssen mit toxischen Schwermetallen sind nur einige der alarmierenden Entwicklungen. Experten warnen, dass diese Veränderungen nicht nur lokale Auswirkungen haben. Der Verlust von Meereis und die verstärkte Zufuhr von Süßwasser aus schmelzenden Gletschern könnten die Ozeanströme destabilisieren und somit das Klima weltweit beeinflussen.

    Die Arktis ist ein globaler „Kühlschrank“, der für die Regulierung des Klimas auf der Erde eine entscheidende Rolle spielt. Das Schmelzen von Gletschern und das Freisetzen von Treibhausgasen aus dem Permafrost verstärken die Erderwärmung und führen zu einem Teufelskreis, der schwer zu stoppen ist.

    Politische und wirtschaftliche Interessen im Spiel

    Neben den ökologischen Aspekten spielt die Arktis auch eine zunehmend wichtige Rolle im geopolitischen Wettstreit der Großmächte. Insbesondere die Vereinigten Staaten haben unter der Führung der Trump-Administration begonnen, die Region strategisch und kommerziell stärker zu nutzen. Der Zugang zu bisher dort unerreichbaren Rohstoffen wie Öl, Gas, Kupfer und Zink sowie die Möglichkeit, neue Schifffahrtsrouten zu etablieren, machen die Arktis zu einem begehrten Terrain.

    Bereits im Frühjahr 2019 hatte Präsident Donald Trump durch ein Dekret den Weg für die kommerzielle Nutzung von Alaska und angrenzenden Gewässern geebnet. Besonders die Erschließung der sogenannten Arctic National Wildlife Refuge (ANWR), eines der letzten großen unberührten Gebiete Nordamerikas, sorgt für Kontroversen. Während die US-Regierung mit einem verstärkten Fokus auf nationale Sicherheit und Ressourcengewinnung argumentiert, warnen Umweltschützer vor den langfristigen Schäden für die fragile Natur dieser Region.

    Die geopolitischen Spannungen rund um Grönland

    Die US-Politik zielt nicht nur auf Alaska ab, sondern auch auf Grönland, das – obwohl es ein autonomes Gebiet Dänemarks ist – zunehmend ins Visier der USA gerät. In einem spektakulären Schritt versuchte Präsident Trump 2019, Grönland zu kaufen, was international für Stirnrunzeln sorgte. Doch die geopolitischen Ambitionen der USA in der Arktis reichen weiter: Der Ausbau der militärischen Präsenz in der Region sowie der Erwerb neuer Eisbrecher zur Sicherstellung des Schiffsverkehrs sind Teil einer langfristigen Strategie, die nicht nur ökonomische, sondern auch sicherheitspolitische Interessen verfolgt.

    Ökologischer Widerstand und internationale Bedenken

    Trotz der wirtschaftlichen Verlockungen gibt es starken Widerstand gegen die zunehmende Kommerzialisierung der Arktis. Umweltorganisationen und indigene Gruppen, die seit Jahrhunderten in der Region leben, kämpfen gegen die Zerstörung ihrer Lebensräume. Zudem gibt es immer mehr internationale Bedenken hinsichtlich der Folgen einer verstärkten Erschließung. So scheiterte ein geplantes Bohrprojekt im Arctic National Wildlife Refuge an der fehlenden Beteiligung von Investoren, da viele Banken und Unternehmen sich weigerten, solche Projekte zu finanzieren.

    Ein weiteres Beispiel für den Widerstand war der Protest gegen das Willow-Projekt von ConocoPhillips in Alaska. Trotz dieser Widerstände scheint die kommerzielle Nutzung der Arktis eine unaufhaltsame Richtung einzuschlagen, zumal die US-Regierung weiterhin auf die Bedeutung der Ressourcengewinnung für die nationale Wirtschaft hinweist.

    Die Arktis als globales Risiko

    Die Arktis steht nicht nur als Rohstoffquelle und geopolitisches Spannungsfeld im Mittelpunkt, sondern auch als ein Spiegelbild globaler Herausforderungen. Die Region ist der Ort, an dem der Klimawandel besonders schnell voranschreitet, und sie bietet den meisten Raum für die Entfaltung von Konflikten über Ressourcen. Die zunehmende Erschließung könnte schwerwiegende ökologische Konsequenzen nach sich ziehen, die weit über die Arktis hinausreichen.

    Es bleibt abzuwarten, ob der Mensch in der Lage ist, in dieser neuen Ära der Arktis sowohl die wirtschaftlichen Chancen zu nutzen als auch die ökologischen und geopolitischen Risiken zu kontrollieren. Der Wettlauf um die Arktis könnte nicht nur über den Zugang zu Rohstoffen entscheiden, sondern auch über das künftige Gleichgewicht des globalen Klimas und der internationalen Beziehungen.


    MEHR TOP-NACHRICHTEN

    Trumps Blockadebedrohung gegen Venezuela

    Die venezolanische Regierung ordnete gestern an, dass ihre Marine mehrere Öltanker eskortiert, nachdem Präsident Trump mit einer Blockade von Öltankern gedroht hatte, die auf einer US-Sanktionsliste stehen und nach Venezuela oder von dort fahren.

    Die Drohung einer Blockade hat den Druck der US-Administration auf Nicolás Maduro, den Präsidenten Venezuelas, verstärkt. Ein US-Beamter sagte, dass Washington von der militärischen Eskorte Kenntnis habe und verschiedene Handlungsoptionen prüfe.


    ANDERE NACHRICHTEN

    Der überlebende Verdächtige des Attentats am Bondi Beach in Australien wurde wegen Mordes, Terrorismus und 57 weiterer Straftaten angeklagt. Ein Begräbnis fand bereits für einen Rabbi statt, der bei dem Angriff getötet wurde.
    Nick Reiner erschien vor Gericht, gab jedoch nach seiner Anklage wegen Mordes an seinen Eltern, dem Regisseur Rob Reiner und seiner Frau Michele, keine Erklärung ab.
    Die US-Regierung übernahm die Verantwortung für die Luftkollision im Raum Washington, D.C., bei der Anfang des Jahres 67 Menschen ums Leben kamen.
    General Xu Qinxian aus China widersetzte sich den Befehlen, die pro-demokratischen Proteste auf dem Tiananmen-Platz von 1989 niederzuschlagen. Ein Video seines geheimen Prozesses ist auf YouTube aufgetaucht.
    Warner Bros. Discovery forderte seine Aktionäre auf, ein feindliches Übernahmeangebot von Paramount abzulehnen.
    Balis Resorts und Clubs stehen zum Teil auf Massengräbern aus den antikommunistischen Säuberungen der 1960er-Jahre.

    P. Tiko

  • Wenn die Berge wanken: Spektakulärer Felssturz im Cirque du Fer-à-Cheval

    Wenn die Berge wanken: Spektakulärer Felssturz im Cirque du Fer-à-Cheval

    Ein Grollen, ein Beben – und dann ein tonnenschwerer Regen aus Fels und Staub: Am Samstag, dem 6. September 2025, verwandelte sich der sonst so idyllische Cirque du Fer-à-Cheval in der Haute-Savoie binnen Sekunden in ein Naturtheater der Urgewalten. Nahezu 12.000 Kubikmeter Gestein lösten sich aus rund 1.300 Metern Höhe und donnerten die steile Felswand hinab. Zurück blieb ein riesiger Schutthaufen – und ein spürbarer Hauch von Erleichterung: Niemand kam zu Schaden.

    Besonderes Glück hatten die Wanderer. Denn die beliebten Pfade rund um den imposanten Talkessel von Sixt-Fer-à-Cheval blieben von der Gerölllawine verschont. Dennoch war das Ereignis alles andere als harmlos. Ein riesiger Staubpilz schoss in den Himmel, das Grollen war kilometerweit zu hören – und die Szenerie erinnerte mehr an einen Katastrophenfilm als an einen Spätsommertag in den Alpen.

    Schnelle Hilfe aus der Luft

    Kaum war der Fels zur Ruhe gekommen, rückten die Einsatzkräfte an. Acht Feuerwehrleute und vier Gendarmen durchkämmten das Gebiet – nicht zu Fuß, sondern mit Drohnen und Hubschraubern. Denn bevor jemand vor Ort das Gelände betreten konnte, galt es, die Lage aus sicherer Entfernung zu beurteilen. Bröckelt noch etwas nach? Besteht erneute Gefahr?

    Die Antwort kam prompt – und mit ihr eine klare Maßnahme: Der Bürgermeister von Sixt-Fer-à-Cheval zog die Reißleine und sperrte den Zugang zum Fond de la Combe. Ein Verbot mit Ansage. Neue Hinweisschilder wurden aufgestellt, Wanderer gewarnt, Touristen informiert. Kein Risiko, kein Abenteuer – nicht dieses Mal.

    Ein Stein ist nie nur ein Stein

    Was sich als einzelner Felssturz darstellt, ist womöglich Teil eines größeren Musters. Denn das alpine Gelände zeigt in den letzten Jahren immer häufiger Risse – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Geologen und Umweltexperten schlagen längst Alarm: Der Klimawandel hinterlässt Spuren im Hochgebirge, die man mit bloßem Auge sehen kann.

    Im Fokus steht dabei der Permafrost – jenes unsichtbare Eis, das in großer Höhe tief im Gestein schlummert und alles wie ein natürlicher Mörtel zusammenhält. Taut dieses Eis auf, verliert das Gebirge seinen inneren Halt. Der Berg wird zur Zeitbombe. Und genau das geschieht momentan schneller, als vielen lieb ist.

    Der stille Rückzug der Stabilität

    Die „Restauration des Terrains en Montagne“ (RTM), eine auf Gebirgssicherung spezialisierte Einrichtung, ist seit Langem in der Region aktiv. Sie misst, überwacht, analysiert – und wird auch diesmal wieder genau hinschauen. Denn selbst wenn die betroffene Felswand nun erst einmal ruhig zu sein scheint: absolute Sicherheit gibt es in den Alpen schon lange nicht mehr.

    Die Natur hat ihre eigene Dynamik. Und diese Dynamik scheint in Zeiten steigender Temperaturen an Fahrt aufzunehmen. Immer häufiger brechen Gesteinsbrocken aus eigentlich stabil geglaubten Wänden, immer öfter geraten ganze Felshänge ins Rutschen. Was jahrhundertelang unbeweglich schien, ist heute in Bewegung geraten.

    Was heißt das für die Wanderer?

    Wer in den Bergen unterwegs ist, weiß um gewisse Risiken – doch was früher seltene Ausnahmen waren, scheint inzwischen Teil der neuen Normalität. Klar: Die Wege sind meist sicher, die Warnsysteme funktionieren, und die Behörden reagieren rasch. Aber ein mulmiges Gefühl bleibt.

    Was also tun? Die Antwort liegt zwischen Respekt und Realismus. Wer gerne wandert, soll das weiterhin tun – aber nicht mit Scheuklappen. Auf Warnschilder achten, gesperrte Wege meiden, lokale Hinweise ernst nehmen. Denn der schönste Ausblick nützt wenig, wenn er vom nächsten Steinschlag überschattet wird.

    Ein Vorfall, der bleibt

    Der Felssturz im Cirque du Fer-à-Cheval war spektakulär – aber er war wohl kein Einzelfall. Vielmehr reiht er sich ein in eine beunruhigende Serie von Bergstürzen, Hangrutschen und Erdrutschen in den Alpen. Was einst als unerschütterlich galt, wankt. Und mit jedem neuen Vorfall wird klarer: Die Berge verändern sich.

    Vielleicht ist es an der Zeit, auch unser Verhältnis zu ihnen zu überdenken. Nicht aus Angst – sondern aus Ehrfurcht. Denn die Alpen sind nicht nur ein Postkartenidyll, sondern auch ein lebendiges, sich wandelndes Ökosystem. Und wer sie wirklich liebt, hört hin, wenn sie sprechen – oder donnern.

    Autor: Andreas M. B.

  • Wenn der Berg kommt: Wie der Gletschersturz von Blatten unser Vertrauen in die Alpen erschüttert

    Wenn der Berg kommt: Wie der Gletschersturz von Blatten unser Vertrauen in die Alpen erschüttert

    Es war ein Moment, den man sich in einem Alpenidyll kaum vorstellen mag – und doch wurde er Realität.

    Am 28. Mai 2025 begrub eine massive Eis- und Gerölllawine große Teile des Walliser Dorfs Blatten im Lötschental unter sich. Vorausgegangen war ein gewaltiger Gletscher- und Felssturz vom Kleinen Nesthorn, ausgelöst durch das Abrutschen von rund neun Millionen Tonnen Gestein. Wie ein Schwall aus Urgewalt stürzte die Masse ins Tal, verschlang Häuser, Straßen und Erinnerungen. Und hinterließ – ein bedrückendes Echo aus Fassungslosigkeit und Wut.

    Alarmzeichen überhört?

    Schon Mitte Mai war klar: Da braut sich was zusammen. Erste Risse im Fels, kleinere Abbrüche, ungewöhnliche Bewegungen am Gletscher – wer genau hinsah, hätte die Zeichen lesen können. Doch das Tückische an der Natur ist ihre Unberechenbarkeit. Wann genau die Katastrophe losbricht, weiß man nie. Trotz modernster Technik bleibt der Berg eben manchmal einfach… der Berg.

    Zum Glück hatte man rechtzeitig gehandelt. Die rund 300 Bewohner von Blatten wurden gut eine Woche vor dem Ereignis evakuiert. Ohne diese Maßnahme hätte der Gletschersturz vermutlich ein Vielfaches an Menschenleben gekostet.


    Was steckt dahinter?

    Der Ursprung liegt nicht allein in der Geologie, obwohl die Region rund um das Kleine Nesthorn ohnehin als instabil gilt. Viel beunruhigender ist der Zusammenhang mit dem Klimawandel. Die anhaltende Erwärmung destabilisiert die Hochgebirgsregionen auf eine Weise, die wir noch gar nicht vollständig begreifen.

    Permafrost – der natürliche „Kleber“ vieler Hochgebirgsmassive – taut. Und wenn dieser Eisleim verschwindet, rutscht das Gebirge. Kombiniert mit Starkregen, instabilem Gelände und schmelzendem Gletscher ergibt das eine tickende Zeitbombe. Klingt dramatisch? Ist es auch.

    Brienz, Blatten – wer ist der Nächste?

    Manch einer fühlt sich erinnert an Brienz im Kanton Graubünden. Auch dort bewegt sich ein Hang bedrohlich – allerdings langsam und vorhersehbar. In Blatten ging alles rasend schnell. Innerhalb weniger Tage wuchs aus einer latent bedrohlichen Situation ein katastrophales Ereignis.

    Was ist schlimmer: Das schleichende Unheil oder der plötzliche Knall?

    Die Frage stellt sich nicht nur für Betroffene, sondern auch für Behörden, Wissenschaftler und Planer. Denn wer heute in den Alpen lebt, lebt zunehmend in einer Risikoregion.


    Der Wiederaufbau – ein Dorf sucht Halt

    Jetzt, nach dem Inferno, beginnt die Phase des Wiederaufbaus. Doch wohin? Kann man ein Dorf an seinem Ursprungsort überhaupt wieder aufbauen, wenn die Erde unter den Füßen nicht mehr sicher ist?

    Viele der Evakuierten stehen vor dem Nichts. Häuser zerstört, Höfe verschüttet, Existenzen weg – wie weiter? Hoffnung geben die enorme Solidarität in der Schweiz, aber auch das Versprechen, dass solche Tragödien künftig besser verhindert werden sollen.


    Was muss sich ändern?

    Hier geht es um mehr als nur technische Lösungen. Natürlich braucht es Frühwarnsysteme, Sensoren, Messdaten. Aber vor allem braucht es einen Mentalitätswandel. Wer weiterhin glaubt, die Alpen seien ein unerschütterlicher Zufluchtsort, der irrt gewaltig.

    Raumplanung muss mutiger werden. Risikoanalysen gehören nicht in die Schublade, sondern auf den Tisch. Und vor allem: Der Klimawandel ist kein abstraktes Phänomen. Er ist konkret, messbar – und er bedroht längst unsere Lebensgrundlagen.


    Wissenschaft vernetzen – Perspektiven verbinden

    Ein weiteres großes Learning: Ohne interdisziplinäre Forschung kommen wir nicht weiter. Geologie, Meteorologie, Klimawissenschaft, Sozialforschung – nur gemeinsam lässt sich dieses Puzzle entschlüsseln. Denn am Ende geht es nicht nur darum, zu verstehen, was passiert ist. Sondern warum – und wie man darauf reagiert.


    Was bleibt?

    Vielleicht ist die eigentliche Katastrophe nicht der Gletschersturz selbst, sondern die Tatsache, dass solche Ereignisse künftig häufiger auftreten werden.

    Wie viele Täler, wie viele Dörfer, wie viele Leben riskieren wir noch, bevor wir Konsequenzen ziehen?

    Blatten steht heute für mehr als einen zerstörten Ort – es steht für eine Zeitenwende. Für das Wissen, dass selbst jahrtausendealte Landschaften zerbrechlich sind. Und dass es manchmal Mut braucht, nicht nur einen Ort, sondern auch eine Denkweise hinter sich zu lassen.

    Von Andreas M. Brucker

  • Der Permafrost taut – die schlafenden Kohlenstoffriesen erwachen

    Der Permafrost taut – die schlafenden Kohlenstoffriesen erwachen

    Die Arktis hat eine erschreckende Nachricht für uns: Neue Studien zeigen, dass der Permafrost, der seit Jahrtausenden als Kohlenstoffspeicher fungierte, mittlerweile mehr Kohlendioxid (CO₂) freisetzt, als er aufnimmt. Diese Entwicklung ist nicht nur ein Weckruf, sondern ein Alarmsignal – eines, das den globalen Klimawandel auf eine neue, gefährlichere Ebene hebt.

    Was bedeutet das? Es geht um einen der größten Kipppunkte unseres Klimasystems, der nicht mehr in ferner Zukunft droht, sondern direkt vor unseren Augen geschieht.


    Was ist Permafrost und warum ist er wichtig?

    Permafrost – das sind Böden, die mindestens zwei Jahre in Folge dauerhaft gefroren bleiben. In der Arktis sprechen wir oft von Böden, die seit Zehntausenden von Jahren unter Eis und Schnee versiegelt sind. Darin gefangen: gewaltige Mengen an Kohlenstoff. Man schätzt, dass die Permafrostregionen der Erde etwa 1.500 Milliarden Tonnen Kohlenstoff enthalten – mehr als doppelt so viel wie derzeit in der Atmosphäre schwebt.

    Doch diese Böden sind empfindlich. Mit den steigenden globalen Temperaturen tauen sie auf, und Mikroorganismen beginnen, das organische Material in den Böden zu zersetzen. Dabei entsteht Kohlendioxid oder, unter bestimmten Bedingungen, Methan – ein noch viel stärkeres Treibhausgas. Was jahrtausendelang sicher gespeichert war, wird nun freigesetzt.


    Das entscheidende Ungleichgewicht

    Wissenschaftler beobachten den Kohlenstoffaustausch des Permafrosts seit Jahrzehnten. In der Vergangenheit war der Permafrost ein „Kohlenstoffsenker“ – er nahm mehr Kohlenstoff auf, als er abgab. Aber die jüngsten Studien zeigen eine dramatische Kehrtwende: Er emittiert heute netto mehr Kohlendioxid, als er speichert. Ein Beispiel? Forscher berichten, dass in der kalten Jahreszeit, wenn der Boden normalerweise stabil bleibt, die Emissionen nun stark ansteigen. Das bedeutet, dass der Taufprozess selbst im Winter weitergeht – ein Zeichen dafür, wie tiefgreifend die Erwärmung wirkt.

    Warum ist das so brisant? Der Kohlenstoffausstoß aus dem Permafrost ist keine menschliche Aktivität, die wir mit politischen Maßnahmen direkt regulieren können. Es ist ein sich selbst verstärkender Prozess. Je mehr Permafrost taut, desto mehr Treibhausgase werden freigesetzt, was die Erderwärmung weiter beschleunigt. Ein Teufelskreis.


    Ein Kipppunkt, der uns alle betrifft

    Was passiert, wenn dieser Prozess außer Kontrolle gerät? Die Klimawissenschaft spricht hier von „Kipppunkten“ – Schwellen, bei deren Überschreiten sich das System in einen neuen, oft irreversiblen Zustand bewegt. Der Permafrost-Kipppunkt könnte weltweit Konsequenzen haben: Ein zusätzlicher Schub an Treibhausgasen, der uns noch weiter weg von den Pariser Klimazielen treibt.

    Ein Gedanke, der immer wieder aufkommt: Ist das der Anfang vom Ende der Kontrolle über den Klimawandel? Ein unangenehmer Gedanke, nicht wahr? Aber die Wissenschaft betont: Noch haben wir Handlungsspielraum.


    Lokale Dramen in einer globalen Krise

    Die Auswirkungen des Permafrosttautens beschränken sich nicht nur auf CO₂ und Methan. In den betroffenen Regionen erleben Menschen eine drastische Veränderung ihrer Umwelt. Gebäude und Infrastruktur, die auf gefrorenem Boden errichtet wurden, geraten ins Wanken – buchstäblich. Straßen brechen ein, Pipelines reißen. Ganze Dörfer müssen umziehen, weil die Böden unter ihnen verschwinden.

    Doch es sind nicht nur Menschen, die leiden. Auch die Ökosysteme der Arktis stehen unter Druck. Lebensräume für Tiere wie den Eisbären oder das Karibu schrumpfen. Gleichzeitig werden neue, wärmeliebende Arten in die Region eingeschleppt, was das fragile Gleichgewicht zusätzlich belastet.


    Technologische Hoffnungsträger?

    Ist das Tauwetter des Permafrosts unumkehrbar? Leider können wir die bereits freigesetzten Gase nicht zurückholen. Aber es gibt Technologien, die helfen könnten, das Tauen zu verlangsamen. Eine Idee ist das „Refreezing“ – das künstliche Wiedergefrieren von Permafrostböden durch gezielte Maßnahmen, wie zum Beispiel das Anlegen von Schnee- oder Eisschichten. Doch solche Ansätze befinden sich noch im experimentellen Stadium und sind mit hohen Kosten verbunden.

    Letztlich bleibt die wichtigste Strategie: Die globale Erwärmung zu bremsen. Jede Tonne CO₂, die wir heute einsparen, könnte zukünftige Freisetzungen aus dem Permafrost verhindern.


    Der Mensch am Scheideweg

    Angesichts dieser Entwicklungen stellt sich eine Frage: Warum handeln wir nicht entschlossener? Vielleicht liegt es daran, dass der Permafrost ein abstraktes Problem für viele ist. Man sieht ihn nicht – er liegt verborgen unter einer kalten, weißen Decke. Doch seine Freisetzung betrifft uns alle. Die zusätzliche Belastung des Klimasystems durch die Arktis ist wie ein Tropfen in einem Fass, das bereits überläuft.

    Die neue Erkenntnis, dass der Permafrost jetzt netto Emissionen freisetzt, sollte uns wachrütteln. Aber es darf nicht bei der Erkenntnis bleiben. Was brauchen wir, um aus dieser Einsicht echte Handlungen zu machen? Neue Gesetze? Bessere Technologien? Oder einfach mehr Mut?


    Ein Funken Hoffnung

    Es wäre falsch, die Dramatik dieser Studien zu unterschätzen. Aber ebenso falsch wäre es, die Hoffnung zu verlieren. Die Wissenschaft hat uns gezeigt, dass die Zukunft nicht in Stein gemeißelt ist. Ja, wir stehen vor einer Herausforderung gigantischen Ausmaßes, aber genau darin liegt auch unsere Chance. Ob wir diese nutzen – das liegt allein an uns.

    Werden wir den Permafrost weiterhin als tickende Zeitbombe ignorieren, oder lernen wir endlich, mit der Dringlichkeit umzugehen? Die Zeit wird es zeigen. Aber eines ist sicher: Die Arktis hat uns eine Botschaft geschickt. Die Frage ist, ob wir zuhören.

  • Naturgewalt in den Alpen: Felssturz in der Haute-Savoie

    Naturgewalt in den Alpen: Felssturz in der Haute-Savoie

    Bereits am Dienstag, dem 10. September, sorgte ein spektakulärer Felssturz in der Nähe von Vallorcine in der Haute-Savoie für Aufsehen. Ein Wanderer auf dem Berg filmte das beeindruckende Ereignis.

    Minuten der Erschütterung

    Mitten am Tag, aus heiterem Himmel: Riesige Felsbrocken, einige davon über 200 Tonnen schwer, krachen unaufhaltsam den Berghang hinab. Was der Wanderer in sicherer Entfernung festhält, ist nicht weniger als der größte Felssturz im Mont-Blanc-Massiv dieses Jahres. Binnen weniger Minuten lösen sich gewaltige Felsmassen und zerschmettern mit ohrenbetäubendem Donnern am Fuße des Berges. Ein Naturphänomen, das die atemberaubende – oder sollte man eher sagen beängstigende – Kraft der Alpen hautnah zeigt.

    Felsstürze: Keine Seltenheit mehr?

    Es ist nicht der erste Vorfall dieser Art in den französischen Bergen. Bereits vor wenigen Tagen hatten im Pyrenäen-Gebiet Steinschläge eine Straße in der Aspe-Tal-Region blockiert. Im letzten Jahr stürzten nach heftigen Regenfällen in Maurienne mehrere tausend Tonnen Felsen auf eine Autobahn und eine Zugstrecke. Solche Ereignisse, die früher als selten galten, häufen sich mittlerweile. Doch warum?

    Klimawandel als mögliche Ursache

    Experten vermuten, dass der Klimawandel eine tragende Rolle bei der Zunahme solcher Felsstürze spielt. Höhere Temperaturen sorgen dafür, dass der Permafrost – der „Kleber“, der die Felsen zusammenhält – zunehmend schmilzt. Durch diesen langsamen, aber stetigen Prozess verlieren Bergflanken an Stabilität. Was bleibt, sind zunehmend gefährdete Bergregionen, in denen in regelmäßigen Abständen oft große Felsmassen herabstürzen.

    Herausforderung für die Bergregionen

    Solche Naturereignisse werfen auch Fragen für den Tourismus und die Infrastruktur in den Alpen auf. Wie sicher sind Wanderwege, Straßen oder Bahnstrecken, die durch die spektakulären, aber auch gefährlichen Regionen führen? Der aktuelle Felssturz in der Haute-Savoie verdeutlicht, dass die Berge nicht nur majestätisch, sondern auch unberechenbar sind – und dass wir in Zukunft vielleicht öfter mit solchen beeindruckenden, aber auch bedrohlichen Szenen rechnen müssen.

    Trotz aller Gefahr bleibt die Faszination für die Landschaft der Alpen bestehen. Doch eines ist sicher: Die Natur gibt hier eindeutig den Ton an – und wir sollten respektvoll lauschen.

  • Klimawandel in den Alpen: Schleichende Bedrohung für Infrastruktur und Leben

    Klimawandel in den Alpen: Schleichende Bedrohung für Infrastruktur und Leben

    Der Klimawandel – ein allgegenwärtiges, oft abstraktes Konzept, dessen reale Auswirkungen immer greifbarer werden. Besonders in den Alpen, wo das Schmelzen des Permafrosts und der Rückzug der Gletscher nicht nur die Landschaft, sondern auch die menschlichen Errungenschaften bedrohen. Die Situation ist ernst: Ganze Täler könnten von den Folgen betroffen sein.

    Permafrost: Der unsichtbare Feind

    Permafrost, der dauerhaft gefrorene Untergrund, dient als stabiles Fundament für zahlreiche alpine Strukturen – von Berghütten über Skilifte bis hin zu Sendemasten. Doch dieser „Beton aus Eis“ beginnt zu bröckeln. „Heute, wenn sich dieser Permafrost abbaut, ist das tatsächlich auf die Beschleunigung der Erderwärmung zurückzuführen“, erklärt Ludovic Ravanel, ein führender Wissenschaftler des CNRS. Fast 947 Strukturen in den Alpen stehen auf instabilen Untergrund – eine tickende Zeitbombe.

    Die Erosion des Permafrosts hat bereits zu dramatischen Konsequenzen geführt. Der Rückzug des Gletschers Pillatte im Herzen des Écrins-Massivs destabilisierte das gleichnamige Schutzhaus so stark, dass es mittlerweile geschlossen ist. Was einst ein sicherer Zufluchtsort für Alpinisten war, ist nun eine Gefahr – die Möglichkeit eines Einsturzes ist zu hoch.

    Wenn das Gebirge bröckelt

    Die Alpenbewohner sind extreme Wetterereignisse gewohnt – Lawinen, Hochwasser, Erdrutsche. Doch die Intensität dieser Phänomene nimmt zu. „Wir sehen sie immer häufiger“, bestätigt Maria Isabel Le Meur von der Fédération des clubs alpins et de montagne. Die Frage, die sich stellt: Wie weit können und sollten wir beim Schutz dieser Bauten gehen?

    Ein Beispiel zeigt die Grenzen der Machbarkeit: Bei einem anderen Schutzhaus wäre ein hundert Meter langer Schutzwall notwendig gewesen – mitten in einem Nationalpark. „Da ist die Antwort ganz klar: Das geht nicht“, resümiert Le Meur.

    Gefährdete Täler und ihre Zukunft

    Die Bedrohung durch den Klimawandel in den Alpen betrifft nicht nur einzelne Gebäude. Laut Ravanel können ganze Täler in Mitleidenschaft gezogen werden. Die Destabilisierung von Millionen Kubikmetern Gestein, ausgelöst durch das Abschmelzen des Permafrosts, könnte katastrophale Folgen haben – für die Natur und die Menschen, die dort leben.

    Diese Entwicklungen werfen Fragen auf, die weit über technische Lösungen hinausgehen: Wie können wir solche Risiken managen? Und vor allem – wie verhindern wir, dass sich diese Situationen verschärfen? Der Schutz der Alpen erfordert nicht nur bauliche Maßnahmen, sondern ein Umdenken im Umgang mit der Natur und ein stärkeres Bewusstsein für die Auswirkungen unseres Handelns.

  • Wegen der globalen Erwärmung häufen sich die Felsstürze in den Alpen

    Wegen der globalen Erwärmung häufen sich die Felsstürze in den Alpen

    Im Alpenmassiv kam es in letzter Zeit zu mehreren spektakulären Erdrutschen. Der letzte ereignete sich am Sonntag in der Gegend von Saint-André in Savoyen und führte zu zahlreichen Verkehrsbehinderungen. Die Felswände in den Alpen sind brüchig geworden.

    Nach der großen Hitze der letzten Sommer kam es im Hochgebirge der Alpen zu mehreren Felsstürzen. Der letzte ereignete sich am Sonntagnachmittag, 27. August, in der Gemeinde Saint-André in Savoyen und führte dazu, dass der Verkehr auf der Autobahn A43 unterbrochen wurde und der Zug-Verkehr zwischen Frankreich und Italien zum Erliegen kam.

    Die Bilder vom Sonntag sind beeindruckend und zeugen von einer neuen Gefahr. Etwa 700 Kubikmeter Felsbrocken, die sich direkt über der Autobahn vom Berg lösen, man sieht zwei Fahrzeuge vorbeifahren, Sekunden bevor eine riesige Staubwolke die Sicht nimmt.

    Zuvor hatten sich am Mittwoch, dem 23. August, bereits 10.000 Kubikmeter Gestein von einem Berg an der Nordseite der Aiguille du Midi gelöst. Es war, als hätten 1.000 Kipplaster ihre Ladung Schutt gleichzeitig in 3.500 Metern Höhe abgeladen. Beide Vorfälle forderten glücklicherweise keine Todesopfer – was sicherlich nur dem Zufall geschuldet ist. Einige Tage zuvor starb ein Bergsteiger infolge von Steinschlag im Goûter-Korridor, als er zum Mont Blanc aufsteigen wollte. Der Grund für diese Felsstürze ist im schwindenden Permafrost zu suchen. Unter dem Einfluss der globalen Erwärmung taut das Eis im alpinen Boden, das früher das ganze Jahr über gefroren blieb, im Sommer auf. Dadurch werden die Felswände brüchig.

    Laut Ludovic Ravanel, Geomorphologe und Forschungsdirektor des CNRS haben sich die Bergstürze und Felsabbrüche in den letzten 30 Jahren vervielfacht – vor 1990 wurden fast gar keine festgestellt.

    Es ist noch zu früh, um eine Bilanz des Sommers 2023 zu ziehen, da die Risikoperiode noch nicht vorbei ist. Aber im Jahr 2022 zählten Wissenschaftler fast 250 größere Bergstürze allein in den französischen Alpen. Hochgebirgsspezialisten versuchen gerade herauszufinden, wie man solche Bergstürze vorhersagen kann. Es ist durchaus möglich, dass der Fels knirscht bevor er bricht, oder Wasser aus Rissen läuft.

    Glücklicherweise ist die Zahl der Todesopfer durch solche Erdrutsche bislang sehr niedrig. Ein Blick in die Zukunft zeigt, dass der Gipfel des Mont Blanc im Jahr 2050 zwar noch weiß sein wird und auf 4.000 Metern wird noch Schnee liegen, aber das Hochgebirge wird grauer, felsiger und die Zahl der Felsstürze wird stark ansteigen.

    Das Hochgebirge könnte im Frühling oder Herbst weitaus weniger gefährlich sein als im Sommer.

  • Aus der Wissenschaft: Prähistorische Viren beunruhigen die Forscher

    Aus der Wissenschaft: Prähistorische Viren beunruhigen die Forscher

    Prähistorische Viren sind für viele Wissenschaftler von Interesse, ja sogar besorgniserregend. Eine Gruppe von Forschern hat vor kurzem mehrere Dutzend 15.000 Jahre alte Viren identifiziert. Amerikanische Forscher haben Viren gefunden, die seit mehr als 15 000 Jahren in einer Höhe von mehr als 6 000 Metern auf dem tibetischen Plateau im Eis eingeschlossen sind. Von den 33 identifizierten Viren waren 28 bisher unbekannt. Es handelt sich um Mikroben, die von Pflanzen oder aus dem Boden stammen, nicht von Tieren oder Menschen. Sie enthalten Geheimnisse über die Ökosysteme der damaligen Zeit. Für die Wissenschaftler besteht die Herausforderung darin, die klimatischen Bedingungen in prähistorischen Zeiten zu ermitteln und zu verstehen, wie sich Bakterien und Viren im Zuge des Klimawandels weiterentwickeln. Wird die globale Erwärmung die im Eis eingeschlossenen Viren reaktivieren? Dies ist ein echtes Problem für die Wissenschaftler des russischen Labors Vektor. Vor einigen Monaten kündigten …

    [wtr-time]

    Der weitere Text ist unseren Abonnenten vorbehalten.


    Warum ein Abo? Weil guter Journalismus seinen Preis hat.

    Information mag frei zugänglich sein – aber Journalismus ist kein Selbstläufer. Recherchen, Interviews, Faktenchecks und Einordnungen erfordern Zeit, Expertise und Verantwortung.

    Wer unabhängige, fundierte Berichterstattung will, muss sie ermöglichen. Werbefinanzierung allein reicht nicht – sonst entscheiden Klickzahlen über Inhalte.

    Ein Abonnement ist kein Eintrittsgeld, sondern ein Bekenntnis: zur Qualität, zur Unabhängigkeit und zu einer informierten Öffentlichkeit.

    Information ist frei. Journalismus kostet. Und genau deshalb lohnt sich ein Abo.


    Abo-Light – das Monatsabonnement zum schlanken Preis

    Alle Artikel für 0,50 € pro Woche. Das Abo wird monatlich mit 2 € abgerechnet und ist monatlich kündbar.

    Monatsabonnement buchen…


    Premium-Abo – das Jahresabonnement mit wertvollen Add-Ons

    Alle Artikel für 0,38 € pro Woche. Das Abo wird jährlich mit 20 € abgerechnet und ist jährlich kündbar.

    Das Premium-Jahres-Abo bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    Jahresabonnement buchen…


    Lebenslang – das Premium-Abo für immer

    Für eine einmalige Zahlung für nur 36 €. Unbegrenzter Zugriff – ein Leben lang.

    Das Premium-Abo-Lebenslang bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    „Abo-Lebenslang“ buchen…