Schlagwort: Meinungsfreiheit

  • Acht Jahre Haft nach der Pilgerreise: Der Fall Amr Abdelfattah belastet Frankreichs Verhältnis zu Saudi-Arabien

    Acht Jahre Haft nach der Pilgerreise: Der Fall Amr Abdelfattah belastet Frankreichs Verhältnis zu Saudi-Arabien

    Die Inhaftierung des französisch-ägyptischen Forschers Amr Abdelfattah entwickelt sich in Frankreich zu einem politisch und diplomatisch heiklen Fall. Der 41-jährige Telekommunikationsingenieur und Forscher, der seit 2009 in Frankreich lebt und Vater von drei Kindern ist, sitzt seit mehr als zwei Jahren in Saudi-Arabien in Haft. Ende August wurde bekannt, dass ein saudisches Gericht ihn nach übereinstimmenden Medienberichten zu acht Jahren Gefängnis verurteilt haben soll.

    Von einer Pilgerreise ins Hochsicherheitsgefängnis

    Abdelfattah war im Juni 2024 gemeinsam mit seiner Frau zur Hadsch nach Mekka gereist. Nach Recherchen von «Le Monde» verfügte das Paar aufgrund eines mutmasslichen Betrugs durch einen Vermittler nicht über die erforderliche Genehmigung für den Zugang zu den heiligen Stätten. Am 16. Juni wurde Abdelfattah nach einer Polizeikontrolle festgenommen und kurz darauf in das Zentralgefängnis Dhahban bei Dschidda gebracht.

    Was zunächst wie ein Vergehen gegen die saudischen Pilgervorschriften erschien, entwickelte sich zu einem wesentlich schwerwiegenderen Verfahren. Ihm wurden unter anderem respektloses Verhalten gegenüber einem Polizisten sowie regierungskritische Äusserungen vorgeworfen. Später kamen Anschuldigungen hinzu, die unter die saudische Antiterrorgesetzgebung fallen. Abdelfattah weist die Vorwürfe zurück.

    Das Verfahren fand vor dem auf Staatsschutz- und Terrorismusfälle spezialisierten Strafgericht statt. Menschenrechtsorganisationen kritisieren, dass Abdelfattah zeitweise keinen ausreichenden Zugang zu einem Rechtsbeistand gehabt habe. Auch französische Konsularvertreter sollen von Gerichtsverhandlungen ausgeschlossen worden sein.

    Schwere Vorwürfe aus dem Gefängnis

    Besonders brisant sind die Berichte über seine Haftbedingungen. Abdelfattah beschreibt seine Situation als «totale Hölle». Nach Angaben seiner Familie, seiner Anwältin und von Menschenrechtsorganisationen soll er wiederholt geschlagen, isoliert und psychisch unter Druck gesetzt worden sein.

    Amnesty International berichtet unter anderem von einem Vorfall im Dezember 2024, bei dem Abdelfattah nach Schlägen das Bewusstsein verloren habe und in ein Krankenhaus gebracht worden sei. «Le Monde» berichtete zudem, französische Konsularvertreter hätten bei Besuchen Spuren von Misshandlungen wahrgenommen. Eine unabhängige Untersuchung der Vorwürfe liegt bislang nicht vor.

    Der Fall berührt damit einen neuralgischen Punkt der französisch-saudischen Beziehungen. Paris unterhält enge wirtschaftliche, strategische und sicherheitspolitische Beziehungen zu Riad, muss zugleich aber den Schutz eines französischen Staatsbürgers einfordern. Für die französische Diplomatie entsteht daraus ein klassisches Dilemma: Menschenrechte und konsularischer Schutz treffen auf erhebliche geopolitische Interessen.

    Der Fall Abdelfattah reicht deshalb über das Schicksal eines einzelnen Gefangenen hinaus. Er wirft erneut die Frage auf, wie belastbar rechtsstaatliche Garantien in Saudi-Arabien sind – und welchen politischen Preis europäische Regierungen bereit sind zu zahlen, wenn eigene Staatsbürger betroffen sind.

    Daniel Ivers

  • Der Frieden als Staatsfeind

    Der Frieden als Staatsfeind

    Russland präsentiert sich nach außen als stabile Großmacht, die den Krieg gegen die Ukraine mit Entschlossenheit fortführt. Im Inneren jedoch offenbart der Umgang des Kremls mit den wenigen verbliebenen Kriegsgegnern eine andere Realität. Nicht militärische Rückschläge oder wirtschaftliche Schwierigkeiten scheinen die Führung in Moskau derzeit am meisten zu beschäftigen, sondern die Möglichkeit, dass sich selbst begrenzter politischer Widerspruch institutionell artikulieren könnte. Die Ausschaltung oppositioneller Kandidaten vor den Parlamentswahlen im September 2026 ist deshalb weit mehr als eine Wahlkampfepisode. Sie ist Ausdruck eines Systems, das den Krieg inzwischen zum unverzichtbaren Pfeiler seiner Herrschaft gemacht hat.

    Ein Kandidat wird zur Bedrohung

    Der Fall Boris Nadeschdin verdeutlicht diese Entwicklung exemplarisch. Der liberale Politiker hatte bereits im Vorfeld der Präsidentschaftswahl 2024 Aufmerksamkeit erlangt, weil er als einer der wenigen prominenten Politiker den Angriff auf die Ukraine offen kritisierte. Seine Botschaft war weder revolutionär noch populistisch. Er forderte Verhandlungen und ein Ende des Krieges – Positionen, die in pluralistischen Demokratien zum legitimen Meinungsspektrum gehören.

    Für den russischen Staat jedoch überschritt er damit eine rote Linie. Die Einstufung als sogenannter „ausländischer Agent“, anschließend juristische Verfahren und schließlich der Ausschluss von einer Kandidatur folgen einem Muster, das sich seit Jahren beobachten lässt. Die Instrumente wirken formal rechtsstaatlich, dienen politisch jedoch einem eindeutigen Zweck: Konkurrenz soll gar nicht erst entstehen.

    Die eigentliche Botschaft richtet sich dabei weniger an Nadeschdin selbst als an potenzielle Nachahmer. Wer den Krieg öffentlich infrage stellt, verliert nicht nur seine politische Perspektive, sondern riskiert auch seine wirtschaftliche Existenz und persönliche Freiheit.

    Der Krieg als Legitimationsgrundlage

    Seit Beginn der Invasion im Februar 2022 hat sich die politische Ordnung Russlands grundlegend verändert. Während anfangs vor allem Straßenproteste unterdrückt wurden, verlagerte sich der Schwerpunkt der Repression zunehmend auf den institutionellen Raum. Neue Strafgesetze gegen die angebliche „Diskreditierung“ der Streitkräfte oder die Verbreitung vermeintlicher Falschinformationen schufen einen rechtlichen Rahmen, der nahezu jede öffentliche Kritik kriminalisieren kann.

    Parallel dazu verschwand ein erheblicher Teil der unabhängigen Medienlandschaft. Redaktionen wurden geschlossen, Journalisten emigrierten oder arbeiteten nur noch aus dem Ausland. Organisationen der Zivilgesellschaft wurden aufgelöst oder als unerwünscht eingestuft. Die Folge ist ein politisches Umfeld, in dem unabhängige Information und organisierte Opposition kaum noch möglich sind.

    Der Krieg erfüllt dabei längst eine doppelte Funktion. Er ist nicht nur außenpolitisches Projekt, sondern innenpolitischer Stabilitätsanker. Wer ihn kritisiert, stellt aus Sicht des Kremls nicht lediglich eine militärische Entscheidung infrage, sondern greift die ideologische Grundlage der gegenwärtigen Machtordnung an.

    Vorbeugende Machtsicherung

    Bemerkenswert ist, dass die Härte der Repression nicht auf eine starke Opposition trifft. Im Gegenteil: Organisierte Gegner des Krieges verfügen innerhalb Russlands nur über begrenzte Möglichkeiten, sich öffentlich zu artikulieren. Gerade diese Diskrepanz macht das Vorgehen des Staates aufschlussreich.

    Autoritäre Systeme reagieren häufig nicht erst auf konkrete Gefahren, sondern auf potenzielle Risiken. Schon die Möglichkeit, dass wirtschaftliche Belastungen, Kriegsmüdigkeit oder soziale Spannungen irgendwann politischen Ausdruck finden könnten, genügt, um präventiv einzugreifen. Wahlen verlieren unter diesen Bedingungen ihren Charakter als Wettbewerb unterschiedlicher Programme. Sie werden zu einem Verfahren kontrollierter Bestätigung der bestehenden Machtverhältnisse.

    Dass friedenspolitische Positionen bereits im Vorfeld aus dem politischen Wettbewerb entfernt werden, zeigt die Nervosität eines Systems, das öffentliche Debatten zunehmend als Sicherheitsproblem interpretiert.

    Kriegsmüdigkeit bleibt schwer messbar

    Ob sich innerhalb der russischen Gesellschaft tatsächlich eine wachsende Skepsis gegenüber dem Krieg entwickelt, lässt sich kaum verlässlich beurteilen. Umfragen unter autoritären Bedingungen unterliegen erheblichen Verzerrungen. Wer befürchten muss, dass kritische Äußerungen Konsequenzen haben könnten, antwortet häufig vorsichtig oder verweigert sich ganz.

    Dennoch sprechen zahlreiche Indikatoren dafür, dass der langwierige Konflikt seine Spuren hinterlässt. Der hohe Personalbedarf der Streitkräfte, steigende Verteidigungsausgaben und strukturelle Engpässe auf dem Arbeitsmarkt verändern die wirtschaftlichen Prioritäten des Landes. Gleichzeitig hat sich der Alltag vieler Russen dauerhaft an einen Kriegszustand angepasst, dessen Ende nicht absehbar ist.

    Gerade in einer solchen Situation erscheint jeder Politiker, der einen alternativen politischen Weg anbietet, aus Sicht der Führung als potenzieller Kristallisationspunkt gesellschaftlicher Unzufriedenheit. Seine tatsächliche Popularität spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Entscheidend ist, dass überhaupt eine Alternative sichtbar wird.

    Ein Staat schließt den politischen Raum

    Parallel zur Repression gegen Kriegsgegner setzt der Kreml seine umfassende Zentralisierung der Macht fort. Veränderungen innerhalb der militärischen Führung, eine stärkere Kontrolle staatlicher Institutionen und die enge Verzahnung von Sicherheitsapparat und Politik folgen derselben Logik: Eigenständige Machtzentren sollen gar nicht erst entstehen.

    Diese Entwicklung erinnert weniger an kurzfristige Krisenpolitik als an den langfristigen Umbau des politischen Systems. Die staatlichen Institutionen bleiben formal bestehen, ihre eigentliche Funktion verändert sich jedoch. Gerichte, Wahlkommissionen und Verwaltungsbehörden dienen zunehmend der politischen Absicherung der Exekutive.

    Die Parlamentswahl 2026 dürfte deshalb kaum neue politische Impulse hervorbringen. Wahrscheinlicher ist, dass sie den bestehenden Kurs bestätigt und den Eindruck geschlossener Geschlossenheit vermitteln soll – nach innen ebenso wie nach außen.

    Russland steht damit vor einem grundlegenden Paradox. Je länger der Krieg andauert, desto größer wird das Bedürfnis der politischen Führung, jede öffentliche Debatte über dessen Sinn oder Ende zu unterbinden. Gerade darin zeigt sich jedoch die Verwundbarkeit autoritärer Herrschaft. Ein Staat, der selbst friedliche politische Alternativen nicht mehr zulässt, dokumentiert nicht in erster Linie seine Stärke. Er offenbart, wie sehr seine Stabilität inzwischen davon abhängt, dass bestimmte Fragen gar nicht mehr gestellt werden dürfen.

    P. Tiko

  • X verbieten? Warum Europas Demokratien den Rechtsstaat nicht gegen Symbolpolitik eintauschen sollten

    X verbieten? Warum Europas Demokratien den Rechtsstaat nicht gegen Symbolpolitik eintauschen sollten

    Die Forderung galt lange als Randposition. Inzwischen ist sie Teil der politischen Debatte geworden. Angesichts wachsender Hinweise auf ausländische Einflussoperationen, koordinierte Desinformationskampagnen und der zunehmend politischen Rolle Elon Musks wird immer häufiger die Frage gestellt, ob die Plattform X in Frankreich – oder gar in der Europäischen Union – verboten werden sollte. Was vor wenigen Jahren noch als überzogen gegolten hätte, erscheint heute für manche als konsequente Antwort auf eine neue Form hybrider Bedrohung.

    Doch gerade in Zeiten zunehmender geopolitischer Spannungen müssen liberale Demokratien sorgfältig zwischen notwendiger Wehrhaftigkeit und rechtsstaatlicher Selbstbeschränkung unterscheiden. Denn die entscheidende Frage lautet nicht, ob X ein Problem darstellt. Vielmehr geht es darum, ob ein Verbot tatsächlich die geeignete Antwort wäre.

    Eine Plattform wird zum geopolitischen Akteur

    Seit der Übernahme durch Elon Musk hat sich X tiefgreifend verändert. Die drastische Reduzierung der Inhaltsmoderation, die Wiederherstellung zuvor gesperrter Nutzerkonten, Änderungen an den Empfehlungsalgorithmen sowie die wiederholten politischen Stellungnahmen des Eigentümers haben die Plattform weit über ihre ursprüngliche Funktion als soziales Netzwerk hinausgeführt.

    Gleichzeitig beschäftigen sich europäische Behörden zunehmend mit der Frage, ob X den Verpflichtungen des Digital Services Act (DSA) nachkommt. Im Mittelpunkt stehen Vorwürfe mangelnder Transparenz, unzureichender Risikobewertung und möglicher algorithmischer Mechanismen, welche die Verbreitung manipulativer Inhalte begünstigen könnten.

    Diese Debatte beschränkt sich längst nicht mehr auf Frankreich. Das Europäische Parlament warnt seit Jahren vor systematischen Einflussoperationen autoritärer Staaten, die soziale Netzwerke nutzen, um politische Polarisierung zu fördern, Wahlen zu beeinflussen oder das Vertrauen in demokratische Institutionen zu untergraben. Digitale Plattformen sind damit Teil einer sicherheitspolitischen Infrastruktur geworden, deren Stabilität heute ebenso relevant erscheint wie der Schutz kritischer Netze oder finanzieller Systeme.

    Die Logik der Befürworter

    Die Argumentation derjenigen, die ein Verbot von X fordern, wirkt auf den ersten Blick schlüssig.

    Wenn ein Unternehmen dauerhaft europäische Regeln missachtet, sich behördlichen Auflagen entzieht oder zu einem Instrument ausländischer Einflussnahme wird, weshalb sollte ihm weiterhin uneingeschränkter Zugang zum europäischen Binnenmarkt gewährt werden? Schließlich akzeptiert die Europäische Union auch in anderen Bereichen keine dauerhafte Missachtung ihrer Rechtsordnung.

    Befürworter verweisen zudem darauf, dass demokratische Staaten in Ausnahmefällen bereits Plattformen zeitweise gesperrt haben, wenn gerichtliche Entscheidungen systematisch ignoriert wurden. Ein Verbot würde nach dieser Sichtweise nicht bestimmte Meinungen unterdrücken, sondern die Durchsetzung rechtsstaatlicher Regeln gegenüber einem privaten Akteur sicherstellen.

    Diese Position gewinnt insbesondere vor dem Hintergrund hybrider Konflikte an Gewicht. Informationsräume sind längst Teil geopolitischer Auseinandersetzungen geworden. Wer sie vollständig dem Markt oder den Entscheidungen einzelner Plattformbetreiber überlässt, läuft Gefahr, staatliche Souveränität schleichend preiszugeben.

    Die Grenzen eines Verbots

    So nachvollziehbar diese Überlegungen erscheinen mögen, bleiben erhebliche Einwände bestehen.

    Der erste betrifft den Kern liberaler Demokratien: die Meinungsfreiheit. Ein vollständiges Verbot einer Kommunikationsplattform stellt einen tiefen Eingriff in den öffentlichen Diskurs dar. Europäische Rechtsordnungen verfolgen traditionell einen anderen Ansatz. Nicht das Medium als solches steht im Mittelpunkt staatlichen Handelns, sondern konkrete Rechtsverletzungen. Transparenzpflichten, Löschungsverfügungen, Bußgelder und gerichtliche Auflagen gelten als verhältnismäßigere Instrumente als ein generelles Abschalten eines digitalen Forums.

    Hinzu kommt ein praktisches Problem. Desinformation verschwindet nicht, wenn eine einzelne Plattform geschlossen wird. Nutzer weichen auf alternative Netzwerke aus – seien es Telegram, TikTok, Reddit, Discord oder künftig neue Dienste, die dieselben strukturellen Schwächen aufweisen. Das eigentliche Problem liegt nicht bei einer einzigen Plattform, sondern in einem digitalen Ökosystem, dessen Dynamik sich staatlicher Kontrolle nur begrenzt entzieht.

    Schließlich würde ein Verbot einen Präzedenzfall schaffen, dessen langfristige Folgen sorgfältig bedacht werden müssen. Wer entscheidet künftig, wann eine Plattform als hinreichend gefährlich gilt? Welche Kriterien gelten? Und welche Sicherungen verhindern politischen Missbrauch? Gerade Demokratien unterscheiden sich von autoritären Systemen dadurch, dass staatliche Eingriffe klar begrenzt und gerichtlich überprüfbar bleiben.

    Europas Antwort: Regulierung statt Verbotskultur

    Die Europäische Union hat mit dem Digital Services Act bewusst einen anderen Weg gewählt. Anstatt Plattformen vorschnell auszuschließen, verpflichtet sie besonders große Anbieter zu weitreichender Transparenz, unabhängigen Risikoanalysen und einer engen Zusammenarbeit mit den Aufsichtsbehörden.

    Die möglichen Sanktionen sind erheblich. Bei wiederholten Verstößen können empfindliche Geldbußen verhängt werden. In besonders gravierenden Fällen sieht der europäische Rechtsrahmen sogar die Möglichkeit einer zeitweisen Aussetzung eines Dienstes vor. Entscheidend ist jedoch der Unterschied zur politischen Forderung nach einem pauschalen Verbot: Eine Suspendierung erfolgt ausschließlich nach rechtsstaatlichem Verfahren, unter richterlicher Kontrolle und als letztes Mittel.

    Gerade diese Differenz ist von grundsätzlicher Bedeutung. Der Rechtsstaat kennt scharfe Instrumente – setzt sie aber nur unter klar definierten Voraussetzungen ein. Er ersetzt politische Empörung nicht durch pauschale Verbote, sondern durch überprüfbare Verfahren.

    Die eigentliche Herausforderung liegt tiefer

    Die Debatte um X verdeckt mitunter das eigentliche Problem. Nicht Elon Musk allein stellt Europas Demokratien vor neue Herausforderungen, sondern der grundlegende Wandel der digitalen Informationsordnung.

    Ausländische Einflusskampagnen arbeiten heute mit automatisierten Bot-Netzwerken, professionell organisierten Desinformationsstrukturen, bezahlten Influencern und zunehmend auch mit generativer künstlicher Intelligenz. Texte, Bilder und Videos lassen sich in bislang unbekannter Geschwindigkeit und Qualität erzeugen und verbreiten. Die Kosten für gezielte Manipulation sinken, während ihre Reichweite stetig wächst.

    Damit verändert sich das Verständnis staatlicher Sicherheit. Wo früher Grenzen, Energieversorgung oder Finanzsysteme geschützt werden mussten, rückt heute zunehmend auch der öffentliche Informationsraum in den Mittelpunkt. Die Verteidigung demokratischer Gesellschaften umfasst längst mehr als militärische Fähigkeiten oder wirtschaftliche Resilienz. Sie verlangt ebenso robuste Institutionen, transparente digitale Infrastrukturen und ein hohes Maß an Medienkompetenz.

    Ein Verbot einzelner Plattformen würde an dieser strukturellen Entwicklung wenig ändern. Es könnte allenfalls Symptome bekämpfen, nicht jedoch deren Ursachen.

    Die eigentliche Bewährungsprobe für Europa besteht deshalb nicht darin, eine Plattform zu verbieten, sondern seine eigenen Regeln konsequent durchzusetzen – unabhängig davon, wie mächtig oder einflussreich ein Unternehmen sein mag. Der Rechtsstaat beweist seine Stärke nicht durch spektakuläre Symbolpolitik, sondern durch die verlässliche Anwendung des geltenden Rechts. Gerade darin liegt seine größte Widerstandskraft gegenüber autoritären Einflussversuchen.

    Andreas M. Brucker

  • Frankreich will prorussische Kommentatorin Xenia Fedorova ausweisen

    Frankreich will prorussische Kommentatorin Xenia Fedorova ausweisen

    Frankreich verschärft seinen Kurs gegen mutmaßliche russische Einflussoperationen. Das Innenministerium hat gegen Xenia Fedorova, die ehemalige Chefin des inzwischen verbotenen Senders RT France, eine Ausweisungsverfügung erlassen. Die Behörden werfen der russischen Journalistin vor, gezielt Narrative des Kremls in die französische Medienlandschaft einzubringen und dadurch die öffentliche Ordnung sowie grundlegende Interessen des Staates zu gefährden. Fedorova ist bislang nicht abgeschoben worden. Nach Zustellung der Verfügung steht sie unter Hausarrest und muss sich täglich bei einer Polizeidienststelle melden. Ihr Anwalt Emmanuel Piwnica kündigte an, umgehend Rechtsmittel gegen die Entscheidung einzulegen. Nach französischem Verwaltungsrecht wird nun voraussichtlich ein Gericht prüfen, ob die Voraussetzungen für eine Ausweisung tatsächlich erfüllt sind. Vorwurf koordinierter Einflussnahme Nach Auffassung des Innenministeriums geht der Fall weit über eine kontroverse journalistische T…

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  • Brigitte Macron gegen Candace Owens: US-Gericht prüft Fortgang der Verleumdungsklage

    Brigitte Macron gegen Candace Owens: US-Gericht prüft Fortgang der Verleumdungsklage

    Der juristische Streit zwischen Brigitte und Emmanuel Macron auf der einen sowie der amerikanischen Influencerin Candace Owens auf der anderen Seite erreicht eine entscheidende Phase. Vor dem Superior Court des US-Bundesstaates Delaware stand am 27. Juli zunächst nicht die inhaltliche Bewertung der Vorwürfe im Mittelpunkt, sondern die Frage, ob das Gericht den Fall überhaupt verhandeln darf. Eine Entscheidung lag zunächst noch nicht vor, doch sie dürfte den weiteren Verlauf des Verfahrens maßgeblich prägen.

    Gibt das Gericht dem Antrag der Verteidigung statt, endet die Klage womöglich bereits aus formalen Gründen. Lehnt der Richter den Antrag hingegen ab, folgt die Beweisaufnahme – ein Abschnitt, der für beide Seiten weitreichende Folgen haben dürfte und Brigitte Macron möglicherweise zur Offenlegung privater Lebensumstände zwingt.

    Die Verteidigung von Candace Owens setzt vor allem auf verfahrensrechtliche Argumente. Nach ihrer Auffassung fehlt dem Gericht in Delaware die Zuständigkeit, da Owens in Tennessee lebt und arbeitet. Zwischen ihr und Delaware bestehe keine ausreichende Verbindung, die eine Verhandlung dort rechtfertige.

    Darüber hinaus erhebt Owens den Vorwurf des sogenannten „Libel Tourism“. Gemeint ist die gezielte Wahl eines Gerichtsstandes, dessen rechtliche Rahmenbedingungen für Kläger günstiger erscheinen. Nach Ansicht ihrer Anwälte hätte französisches Recht Anwendung finden müssen. Aufgrund der dort deutlich kürzeren Verjährungsfristen seien mögliche Ansprüche inzwischen ohnehin erloschen.

    Die Anwälte des französischen Präsidentenpaares widersprechen dieser Darstellung. Sie verweisen darauf, dass mehrere Unternehmen, die an der Verbreitung und Vermarktung der beanstandeten Inhalte beteiligt gewesen sein sollen, ihren Sitz in Delaware haben. Aus ihrer Sicht besitzt das Gericht deshalb eine nachvollziehbare Zuständigkeit.

    Ausgangspunkt des Rechtsstreits bildet eine umfangreiche Klage, die Emmanuel und Brigitte Macron im Juli 2025 eingereicht hatten. Sie werfen Candace Owens vor, über Jahre hinweg gezielt falsche Behauptungen verbreitet und daraus wirtschaftlichen Nutzen gezogen zu haben. Nach Auffassung der Kläger handelte es sich nicht um vereinzelte Äußerungen, sondern um eine systematische Kampagne, die ein weltweites Publikum erreichte.

    Im Zentrum steht die seit Jahren kursierende Falschbehauptung, Brigitte Macron sei als Mann geboren worden und trage in Wahrheit die Identität ihres Bruders Jean-Michel Trogneux. Diese Verschwörungserzählung verbreitete sich zunächst in sozialen Netzwerken und griff später auf verschiedene Plattformen über. Owens machte sie zum Gegenstand einer mehrteiligen Serie unter dem Titel „Becoming Brigitte“ und erklärte öffentlich, sie stehe hinter ihren Aussagen.

    Nach Darstellung der Macrons setzte Owens ihre Veröffentlichungen sogar fort, nachdem ihr Unterlagen und Hinweise vorgelegt worden waren, die ihre Behauptungen widerlegen sollten. Genau dieser Punkt besitzt für das Verfahren besondere Bedeutung. Die Kläger möchten nachweisen, dass es nicht um journalistische Recherche oder eine vertretbare Meinungsäußerung ging, sondern um die bewusste Verbreitung falscher Tatsachen mit dem Ziel, Aufmerksamkeit und Einnahmen zu steigern.

    Selbst bei einer Zulassung der Klage wartet allerdings eine hohe juristische Hürde. Nach amerikanischem Recht genießen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens einen geringeren Schutz vor Verleumdungsklagen als Privatpersonen. Deshalb genügt es nicht, die Unwahrheit einer Behauptung nachzuweisen. Zusätzlich muss belegt werden, dass die Beklagte wissentlich falsche Angaben machte oder die Wahrheit in besonders schwerwiegender Weise außer Acht ließ. Dieses Prinzip ist unter dem Begriff „Actual Malice“ bekannt und zählt zu den tragenden Säulen des amerikanischen Presse- und Meinungsfreiheitsrechts.

    Die Anwälte der Macrons kündigten an, umfangreiche Beweismittel vorzulegen. Dazu könnten Fotografien aus verschiedenen Lebensphasen, Aussagen von Familienangehörigen sowie medizinische oder wissenschaftliche Stellungnahmen gehören. Für Brigitte Macron bedeutet das eine erhebliche persönliche Belastung. Um haltlose Behauptungen zu entkräften, könnte sie gezwungen sein, intime Details ihres Privatlebens vor Gericht offenzulegen.

    Der Fall reicht damit weit über den persönlichen Konflikt zwischen den Beteiligten hinaus. Er wirft die grundsätzliche Frage auf, wie weit die Meinungsfreiheit im digitalen Zeitalter reicht und wo die Grenze zur gezielten Verbreitung nachweislich falscher Tatsachen verläuft. Gerade in sozialen Netzwerken erzielen provokante Inhalte oft enorme Reichweiten und erhebliche Werbeeinnahmen. Kritiker sehen darin einen Anreiz, spektakuläre Behauptungen zu verbreiten – selbst dann, wenn deren Wahrheitsgehalt längst widerlegt erscheint.

    Die anstehende Entscheidung des Gerichts beantwortet diese Fragen noch nicht. Sie legt zunächst lediglich fest, ob das Verfahren in Delaware geführt werden darf und ob die Klage die formalen Voraussetzungen erfüllt. Erst danach könnte sich ein amerikanisches Gericht mit den eigentlichen Vorwürfen befassen. Für Brigitte Macron stellt diese erste Entscheidung dennoch eine Schlüsselphase dar. Nur wenn die Klage zugelassen wird, erhält sie die Möglichkeit, Candace Owens zu verpflichten, ihre Aussagen unter den strengen Regeln eines US-Gerichts zu verteidigen.

    C. Hatty

  • Xenia Fedorova im Zentrum einer französischen Debatte über Meinungsfreiheit und russischen Einfluss

    Xenia Fedorova im Zentrum einer französischen Debatte über Meinungsfreiheit und russischen Einfluss

    Die Kontroverse um Xenia Fedorova hat eine neue Eskalationsstufe erreicht, nachdem sich Frankreichs Präsident Emmanuel Macron persönlich in die Debatte eingeschaltet hat. Bei einer Pressekonferenz in Montenegro am 4. Juni erklärte Macron, die ehemalige Leiterin von RT France habe bereits im Jahr 2017 im Dienst der russischen „Staatspropaganda“ gestanden, als er sie erstmals öffentlich kritisierte. Daran habe sich bis heute nichts geändert. Mit dieser Bemerkung griff Macron einen Konflikt auf, der bis in die ersten Wochen seiner Präsidentschaft zurückreicht. Bereits im Mai 2017 hatte er während eines Treffens mit Wladimir Putin im Schloss Versailles die russischen Medien RT und Sputnik ungewöhnlich scharf angegriffen. Beide würden nicht wie klassische Nachrichtenorganisationen arbeiten, sondern als Instrumente staatlicher Einflussnahme des Kremls fungieren. Die Aussagen sorgten damals international für Aufsehen und markierten den Beginn eines dauerhaft angespannten Verhältnisses zwische…

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  • Der Fall Xenia Fedorova: Warum Frankreichs Regierung in Erklärungsnot gerät

    Der Fall Xenia Fedorova: Warum Frankreichs Regierung in Erklärungsnot gerät

    Die Debatte um die russische Journalistin und ehemalige RT-France-Chefin Xenia Fedorova entwickelt sich in Frankreich zu einem politischen Problem, das weit über eine einzelne Aufenthaltsgenehmigung hinausreicht. Im Zentrum steht eine offensichtliche Widersprüchlichkeit der französischen Russlandpolitik: Während Paris seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine eine besonders harte Linie gegenüber russischen Einflussnetzwerken verfolgt, lebt eine der bekanntesten Vertreterinnen des ehemaligen russischen Staatssenders RT weiterhin unbehelligt in Frankreich – ausgestattet mit einem langfristigen Aufenthaltsstatus. Was zunächst wie ein verwaltungstechnischer Vorgang erscheint, berührt inzwischen grundlegende Fragen der französischen Innen- und Außenpolitik: Wie konsequent kann der Staat gegen mutmaßliche Propagandanetzwerke vorgehen, ohne rechtsstaatliche Prinzipien zu verletzen? Wo verläuft die Grenze zwischen politischer Einflussnahme und legitimer Meinungsäußerung? Und…

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  • Samuel Paty im Panthéon? Eine Debatte über Erinnerung, Republik und Symbolpolitik

    Samuel Paty im Panthéon? Eine Debatte über Erinnerung, Republik und Symbolpolitik

    Die Frage, ob Samuel Paty ins Panthéon aufgenommen werden soll, berührt weit mehr als die Würdigung eines einzelnen Menschen. Sie führt mitten hinein in eine Grundsatzdebatte darüber, wie Frankreich seine jüngste Geschichte erzählt, wen die Republik zu ihren Helden zählt und wie sie auf den islamist…

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  • Bardella verklagt Rapper Soli – Streit um Kunstfreiheit und politische Gewalt

    Bardella verklagt Rapper Soli – Streit um Kunstfreiheit und politische Gewalt

    Mit einer Strafanzeige gegen den Rapper Soli hat der Vorsitzende des Rassemblement National (RN), Jordan Bardella, eine neue Debatte über die Grenzen künstlerischer Freiheit in Frankreich ausgelöst. Anlass ist das Musikvideo zum Titel „Un Facho K.O.“, das nach Ansicht Bardellas explizite Gewaltfantasien gegen ihn und weitere Politiker des rechten Spektrums darstellt. Das umstrittene Video zeigt einen Mann mit einer Maske, die Bardellas Gesicht nachempfunden ist, wie er wiederholt geschlagen wird. Auch andere bekannte Persönlichkeiten der französischen Rechten und extremen Rechten, darunter Marine Le Pen und Éric Zemmour, erscheinen in Szenen, in denen sie gefesselt oder öffentlich gedemütigt werden. Begleitet werden die Bilder von aggressiven Songtexten, die sich gegen politische Gegner richten. Bardella reagierte mit scharfer Kritik und kündigte am 27. Mai 2026 rechtliche Schritte an. Über soziale Netzwerke erklärte er, politische Gewalt müsse ein Ende haben und dürfe nicht verharmlos…

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  • Kommentar: Die französische Kultur verteidigt die Meinungsfreiheit — solange niemand widerspricht

    Kommentar: Die französische Kultur verteidigt die Meinungsfreiheit — solange niemand widerspricht

    Frankreich liebt große Worte.

    Liberté. République. Résistance.
    Dicke Begriffe, geschniegelt wie ein Philosoph auf dem Boulevard Saint-Germain, begleitet vom Duft kalten Espressos und jahrzehntealter moralischer Überlegenheit.

    Und natürlich: Meinungsfreiheit.

    Kaum ein Land zelebriert seine intellektuelle Unabhängigkeit mit größerer Leidenschaft. In Frankreich diskutiert man nicht einfach — man „führt Debatten“. Möglichst laut, möglichst dramatisch, möglichst mit verschränkten Armen in einem Fernsehstudio, dessen Beleuchtung aussieht wie ein Verhörraum für Existenzialisten.

    Doch ausgerechnet dort, wo Freiheit angeblich heilig ist, zeigt sich gerade eine erstaunlich empfindliche Nervosität.

    Der Streit rund um Canal+, Vincent Bolloré und das Festival von Festival de Cannes wirkt wie ein Lehrstück über die moderne französische Kulturindustrie — und über ihre panische Angst vor echter Unabhängigkeit.

    Hunderte Filmschaffende warnen öffentlich vor dem Einfluss Bollorés auf das Kino. Man unterschreibt Manifeste, spricht von Bedrohung, von kultureller Kontrolle, von politischer Einflussnahme. Die übliche große Oper also. Frankreich ohne Pathos wäre schließlich wie Rotwein ohne Kater.

    Dann reagiert Canal+.

    Und plötzlich heißt es sinngemäß: Wer gegen uns unterschreibt, arbeitet künftig vielleicht nicht mehr mit uns zusammen.

    Da steht sie nun, die stolze Filmbranche — geschniegelt für den roten Teppich, aber mit leicht zitternden Knien vor der Buchhaltung.

    Denn natürlich rebelliert man im französischen Kino gegen das System.
    Voraussetzung bleibt allerdings, dass das System vorher die Produktionskosten übernimmt.

    Das ist die eigentliche Komik dieser Affäre.

    Die französische Kulturwelt sieht sich gern als letzte Bastion moralischer Integrität. Man kämpft gegen Kapitalismus, gegen Machtkonzentration, gegen rechte Medienmogule — finanziert allerdings oft von exakt denselben Konzernen, die man abends auf Podien anklagt.

    Revolution, bitte. Aber mit Förderzusage.

    Es hat etwas tragikomisch Französisches: Früher verbarrikadierte man Straßen. Heute fürchtet man die Streichung von Koproduktionsgeldern. Die Nouvelle Vague ist endgültig im Verwaltungsrat angekommen.

    Und natürlich geht es längst nicht nur um Kino.

    Die Affäre offenbart ein viel größeres Problem: Frankreich spricht ständig über kulturelle Unabhängigkeit, organisiert diese Kultur aber in einer Struktur extremer wirtschaftlicher Abhängigkeit. Einige wenige große Gruppen kontrollieren Sender, Produktionsbudgets, Verlage, Vertriebswege und öffentliche Aufmerksamkeit.

    Das Ergebnis erinnert manchmal an ein feudales System mit intellektuellem Feinschliff.

    Die Künstler geben den Rebellen.
    Die Konzerne geben die Mäzene.
    Und beide brauchen einander mehr, als sie zugeben möchten.

    Besonders faszinierend bleibt dabei die moralische Selbstinszenierung. Die französische Kulturszene liebt den Eindruck permanenter Dissidenz. Jeder hält sich ein bisschen für Jean-Paul Sartre im Widerstand — obwohl der gefährlichste Gegner heute oft kein Zensor mehr ist, sondern ein Excel-Sheet im Medienkonzern.

    Man rebelliert inzwischen mit Catering.

    Und dennoch tut Frankreich so, als sei jede kulturpolitische Auseinandersetzung sofort ein Kampf um die Seele der Demokratie. Das klingt heroisch, verdeckt aber einen simplen Umstand: Wer wirtschaftlich abhängig ist, besitzt nur begrenzte Freiheit. Das galt früher für Arbeiter. Heute gilt es offenbar auch für Autorenfilmer mit Festivalakkreditierung.

    Die eigentliche Ironie liegt darin, dass ausgerechnet jene Branche, die permanent von Meinungsfreiheit spricht, inzwischen auffallend empfindlich auf Widerspruch reagiert.

    Sobald Machtverhältnisse konkret werden — Budgets, Sender, Verträge, Marktanteile — endet der romantische Teil der Debatte ziemlich abrupt. Dann zeigt sich, dass kulturelle Freiheit in Frankreich oft wie ein luxuriöses Altbaufenster wirkt: wunderschön anzusehen, aber bitte nicht zu weit öffnen.

    Und Vincent Bolloré?

    Der Mann erfüllt inzwischen beinahe eine nationale Funktion. Er ist weniger Unternehmer als Projektionsfläche. Für die einen ein konservativer Kulturkämpfer mit Medienmacht. Für die anderen der perfekte Bösewicht, den das französische Feuilleton dringend braucht, um sich selbst weiterhin als Widerstandsbewegung zu fühlen.

    Ohne Bolloré fehlte der Kulturszene fast ein dramaturgisches Element.

    Denn seien wir ehrlich: Die französische Elite liebt ihre Gegner oft genauso sehr wie ihre Ideale. Ohne den großen Konflikt, ohne den moralischen Alarmton, ohne die tägliche republikanische Selbstdramatisierung würde ein erheblicher Teil des öffentlichen Diskurses in sich zusammensacken wie ein Soufflé im Durchzug.

    Vielleicht erklärt genau das die Hysterie rund um Cannes.

    Dort trifft schließlich alles aufeinander, was Frankreich über sich selbst erzählen möchte: Kunst, Macht, Moral, Geld, Politik, Glamour und die ewige Behauptung, man stehe selbstverständlich auf der richtigen Seite der Geschichte.

    Dabei zeigt der aktuelle Streit vor allem eines: Meinungsfreiheit findet man in Frankreich großartig — solange alle ungefähr dieselbe Meinung vertreten.

    Der Moment echter Dissidenz beginnt erst dort, wo finanzielle Konsequenzen drohen.

    Und genau dort wird es plötzlich still im Arthouse-Kino.

    Autor: Christine Macha