Schlagwort: Meinung

  • Kommentar: Paris übt den Ernstfall – und ignoriert doch den Elefanten im Raum

    Kommentar: Paris übt den Ernstfall – und ignoriert doch den Elefanten im Raum

    Paris ist schön. Paris ist stolz. Paris ist fragil.

    Ab dem 13. Oktober 2025 spielt sich in der französischen Hauptstadt ein ganz besonderes Theaterstück ab: eine fiktive Sintflut. Die Behörden simulierten eine Jahrhundertflut der Seine, als würde das Wasser morgen schon über die Ufer treten und sich die Metropole unter den Nagel reißen. Man übt Rettung, Evakuierung, Notkommunikation – und sonnt sich gleichzeitig in der Gewissheit, vorbereitet zu sein.

    Doch diese Gewissheit ist trügerisch.

    Denn während man in Gummistiefeln durch gedachte Hochwasserzonen stapft, spielte sich ein anderes, stilleres Drama ab: das totale Verkennen der Ursachen.

    Ja, der Klimawandel ist in Paris angekommen. Aber statt ihn zu bekämpfen, inszenieren wir seine Folgen wie eine Naturkatastrophe, die uns plötzlich und ohne Vorwarnung heimsucht. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall.

    Die Katastrophe ist nicht hypothetisch. Sie ist hausgemacht.

    Wer glaubt, dass eine sogenannte „crue centennale“ – also eine Flut mit einer 1-prozentigen jährlichen Wahrscheinlichkeit – ein reines Naturphänomen ist, hat nicht verstanden, was hier auf dem Spiel steht. Die Seine steigt nicht aus Jux und Tollerei über ihre Ufer. Sie tut das, weil jahrzehntelang gebaut, versiegelt, verdichtet wurde – ohne Rücksicht auf Wasserkreisläufe, natürliche Puffer oder ökologische Logik. Paris hat sich in ein steinernes Becken verwandelt, in dem Regen nicht mehr versickert, sondern wartet. Auf den großen Knall.

    Die Übung ist gut gemeint. Sie ist wichtig. Aber sie ist auch ein Symbol für eine gefährliche Strategie: Symptombekämpfung statt Ursachenanalyse.

    Was nützt ein perfekt geölter Evakuierungsplan, wenn man die Klimakatastrophe nicht verhindert, sondern verwaltet?

    Verstehen wir uns nicht falsch: Es ist absolut richtig, auf den Notfall vorbereitet zu sein. Doch während Feuerwehrleute und Rotkreuzhelfer Evakuierungswege testen, fahren auf der anderen Seite der Stadt weiterhin SUVs durch Viertel, die bei der nächsten Starkregenfront unter Wasser stehen könnten. Man diskutiert über Notstromaggregate – aber nicht über Energiereformen. Man füllt Sandsäcke – aber entwickelt keine Klimapolitik mit Rückgrat.

    Und dann steht da noch der Elefant im Raum: die soziale Ungleichheit der Katastrophe.

    Denn wer wird bei der nächsten realen Flut in Paris wirklich leiden? Wer wohnt in schlecht isolierten Kellergeschossen? Wer hat keine Rücklagen, keine Netzwerke, keine Möglichkeit, einfach ins Haus in der Provence zu fliehen? Sicher nicht die Entscheider in den oberen Etagen der Haussmann’schen Altbauten. Sondern die Alten, die Armen, die Alleingelassenen.

    Solche Simulationen, so nützlich sie auf dem Papier sind, offenbaren vor allem eines: unsere selektive Blindheit. Wir sehen das Wasser kommen – aber nicht, was es mit sich reißt.

    Warum trauen wir uns nicht, die Krise beim Namen zu nennen?

    Weil es unbequem ist. Weil es Veränderung braucht. Weil man plötzlich über CO₂-Budgets, Stadtbegrünung, Verkehrsberuhigung, Rückbau und soziale Gerechtigkeit reden müsste. Weil man anerkennen müsste, dass nicht die Flut das Problem ist – sondern wir.

    Vielleicht sollte Paris beim nächsten Mal nicht die Flut simulieren, sondern die Utopie: eine autofreie Innenstadt, begrünte Dächer, entsiegelte Plätze, gerechte Mieten, entschlossene Politik. Das wäre radikal. Und vielleicht sogar realistisch – wenn man nur will.

    Bis dahin bleibt uns das Planschbecken der Simulation.

    Aber wehe, das Wasser wird echt.

    Dann wird Paris nicht nur überflutet.

    Dann wird Paris entlarvt.

    Ein Kommentar von C.H.

  • Kommentar: Ein goldener Herbst zwischen Hoffnung und Heilung

    Kommentar: Ein goldener Herbst zwischen Hoffnung und Heilung

    Es ist, als hätte jemand die Welt für einen Moment angehalten – nur um sie ganz behutsam neu zu justieren.

    Frankreich hat wieder eine Regierung. Der politische Nebel, der wochenlang über dem Land hing, lichtet sich. Entscheidungen können wieder getroffen werden, Wege beschritten, Kompromisse geschlossen. In einem Europa, das so oft zittert, ist das mehr als nur ein innenpolitisches Ereignis – es ist ein Versprechen auf Stabilität.

    Und dann diese Nachricht, die beinahe zu schön klingt, um nicht vorsichtig misstrauisch zu sein: Der Frieden im Nahen Osten scheint greifbar. Ein zartes Pflänzchen, noch empfindlich, noch bedroht – aber da. Eine Waffenruhe, Gespräche, der Wille zur Verständigung. Wer hätte geglaubt, dass wir das im Jahr 2025 noch erleben dürfen? Und doch passiert es, jetzt, in diesem Moment.

    Zwischen diesen weltpolitischen Wendepunkten pulsiert das Leben weiter – und der Oktober an der Côte d’Azur zeigt sich von seiner allerschönsten Seite.

    Die Sonne steht tief, sie schmeichelt den alten Mauern von Nizza, Antibes und Menton, taucht die Pinien in honigfarbenes Licht. Die Luft riecht nach Meersalz und warmem Stein, nach Rosmarin und letzten Feigen. Alte Männer spielen Boule, Kinder jagen Möwen, irgendwo singt eine Frau ein altes Chanson. Und du sitzt da – vielleicht mit einem Café crème, vielleicht mit einem Glas Rosé – und spürst zum ersten Mal seit Langem wieder so etwas wie inneren Frieden.

    Es ist dieser seltene Moment, in dem sich Weltpolitik und persönliches Empfinden plötzlich berühren. In dem man versteht: Ja, wir sind verbunden. Wenn sich die Dinge zum Besseren wenden, dort draußen, weit weg – dann wird auch der eigene Atem ruhiger, der Blick weicher.

    Natürlich, alles ist zerbrechlich. Natürlich, nichts ist sicher. Aber für einen winzigen Augenblick liegt etwas in der Luft, das sich anfühlt wie Hoffnung – nicht die naive, sondern die stille, hart errungene. Und genau diese Hoffnung passt zu diesem goldenen Licht, zu diesem milden Meer, zu diesem Frankreich im sanften Übergang zwischen Krisen und Klarheit.

    Darf man das genießen, während anderswo noch Leid herrscht?

    Man muss sogar.

    Denn wer in der Lage ist, Frieden zu spüren, ist auch in der Lage, ihn weiterzugeben – durch Haltung, durch Worte, durch Taten. Der goldene Herbst an der Côte d’Azur ist kein Eskapismus. Er ist ein stilles Feiern der Menschlichkeit, wenn sie wieder einmal – wider Erwarten – gesiegt hat.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Kommentar: Zwischen Reben und Beton – Wie Bordeaux’ „Raisins de la Solidarité“ neue soziale Wurzeln schafft

    Kommentar: Zwischen Reben und Beton – Wie Bordeaux’ „Raisins de la Solidarité“ neue soziale Wurzeln schafft

    Manchmal scheint es, als bestünde die Welt nur noch aus Katastrophenmeldungen, aus Eilmeldungen voller Lärm und Angst. Krieg, Klimakrise, Politikverdrossenheit – es ist leicht, den Eindruck zu bekommen, dass alles nur noch bergab geht. Doch dann tauchen Geschichten auf wie diese aus Bordeaux. Und plötzlich wird es still. Warm. Menschlich.

    Denn da stehen Jugendliche in den Reben, die sonst zwischen Beton, Asphalt und Vorurteilen groß geworden sind. Sie lachen, sie schwitzen, sie lernen. Sie erleben, dass man Teil von etwas sein kann, das wächst. Nicht virtuell, nicht auf Social Media, sondern ganz real – unter der Sonne, im Geruch der Erde, mit klebrigen Fingern vom Traubensaft.

    „Les raisins de la solidarité“ – schon der Name klingt wie ein Versprechen.
    Ein Versprechen darauf, dass Zusammenhalt keine Floskel ist, sondern etwas, das man buchstäblich mit den Händen erntet. Hier begegnen sich Welten, die sonst kaum miteinander sprechen: die Jugend der Stadt und die Winzer des Landes, die Hoffnung der Zukunft und die Erfahrung der Vergangenheit.

    Was mich daran so berührt, ist diese Schlichtheit. Niemand tut hier etwas für Schlagzeilen oder Imagepflege. Es geht um Begegnung, um Würde, um Lernen.
    Und während überall sonst Schlagzeilen von Spaltung und Hass erzählen, zeigen diese jungen Menschen, dass man Brücken auch anders bauen kann – aus Vertrauen, Respekt und Neugier.

    Vielleicht liegt genau darin die Zukunft: nicht in den großen politischen Parolen, sondern in kleinen Gesten, in echten Momenten der Nähe. Ein Korb Trauben kann zum Symbol werden, wenn er gemeinsam getragen wird.

    Solche Projekte erinnern uns daran, dass Hoffnung keine naive Idee ist, sondern eine Tat. Eine Tat, die Erde unter den Fingern hat und Sonne im Herzen.

    Und ja – es gibt sie noch, die guten Nachrichten.
    Die, die nicht laut sind, aber lange nachhallen.
    Die, die uns wieder an das glauben lassen, was wir fast vergessen hätten: dass Menschen, wenn man sie lässt, füreinander da sein können.

    Vielleicht ist das der schönste Jahrgang, den Bordeaux je hervorgebracht hat – einer, der nicht nach Reichtum schmeckt, sondern nach Menschlichkeit.

    🍇✨ Es gibt sie wirklich: die schönen und guten Nachrichten. Man muss nur hinschauen – und manchmal, ganz leise, auch ein bisschen daran glauben.

    Ein Kommentar von Andreas M. Brucker

  • Kommentar: Wo bleibt die Nächstenliebe? Missbrauch in kirchlichen Internaten – und das große, feige Schweigen

    Kommentar: Wo bleibt die Nächstenliebe? Missbrauch in kirchlichen Internaten – und das große, feige Schweigen

    Es ist zum Verzweifeln.

    Wieder einmal berichten ehemalige Schüler:innen katholischer Schulen in Frankreich von Misshandlungen, Demütigungen, sexuellen Übergriffen. Wieder einmal müssen sich Erwachsene öffentlich entblößen, damit irgendjemand hinhört. Wieder einmal dreht sich alles um das gleiche Muster: Gewalt. Macht. Schweigen.

    Und mittendrin eine Institution, die sich gern auf ihre Werte beruft: christlich, moralisch, erziehend. Nächstenliebe. Vergebung. Schutz für die Schwachen. Klingt gut auf dem Papier. Aber was ist das wert, wenn Kinder in Internatsbetten weinen und niemand fragt, warum?

    Der Missbrauch in der katholischen Kirche ist kein Betriebsunfall. Er ist ein Systemfehler mit Ansage. Jahrzehntelang haben Ordensleute, Lehrer, Schulverantwortliche weggesehen – oder schlimmer: mitgemacht. Und heute? Heute ducken sich viele von ihnen weg, sobald das Wort „Verantwortung“ fällt.

    Es ist eine Schande.

    Nicht nur für die Kirche. Sondern auch für eine Gesellschaft, die sich viel zu lange von Gewändern und Weihrauch blenden ließ.

    Wie oft sollen sich noch Opfer auf Bühnen stellen müssen, ihre Geschichten erzählen, ihr Innerstes nach außen kehren? Wie oft müssen sie betteln – ja, betteln – um Anerkennung, um Würde, um einen Hauch Gerechtigkeit?

    Die Frage ist nicht: Gab es Missbrauch in kirchlichen Schulen?
    Die Frage ist: Wie viele Wellen der Offenlegung braucht es noch, bis sich endlich etwas ändert?

    Die Kirche gibt sich geläutert, veranstaltet Synoden, beruft unabhängige Kommissionen. Aber solange die Täter von einst nicht benannt werden, solange Schulträger lieber auf Schadensbegrenzung als auf Schuldeingeständnis setzen, bleibt alles Fassade.

    Und wer schützt heute die Kinder in den Internaten?

    Man kann nur hoffen, dass wir nicht auch in zehn oder zwanzig Jahren wieder Artikel lesen müssen mit der Überschrift: „Ehemalige Schüler berichten von Missbrauch.“ Denn dann hätten wir alle – Gesellschaft, Staat, Kirche – kolossal versagt.

    Nächstenliebe beginnt nicht beim Gebet.

    Sondern beim Hinschauen.

    Ein Kommentar von Daniel Ivers

  • Kommentar: Schluss mit dem Wunsch nach staatlichem Töten!

    Kommentar: Schluss mit dem Wunsch nach staatlichem Töten!

    Vor 44 Jahren hat Frankreich die Todesstrafe abgeschafft – und daran darf sich niemals etwas ändern.

    Wie kommt man überhaupt auf die Idee, diesen barbarischen Anachronismus wiederzubeleben?

    Heute vor 44 Jahren hat Frankreich einen historischen Schritt gewagt. Es hat sich – spät, aber entschlossen – von der Todesstrafe verabschiedet. Von einem Akt der Rache, der mehr über unsere Abgründe aussagt als über unsere Prinzipien. Von einem Relikt, das in einer zivilisierten Demokratie keinen Platz mehr haben darf. Und jetzt, 2025, müssen wir ernsthaft diskutieren, ob man das wieder einführen sollte?

    Entschuldigung, aber: Habt ihr den Verstand verloren?

    Was soll das bitte sein – „Gerechtigkeit“ durch Hinrichtung? „Sicherheit“ durch Tod auf Staatsbefehl? Wer das behauptet, verwechselt Recht mit Rache. Und Menschlichkeit mit Mittelalter.

    Die Todesstrafe macht keine Gesellschaft sicherer. Sie macht sie nur kälter, grausamer, zynischer.

    Sie bringt keine Opfer zurück. Sie heilt keinen Schmerz. Sie stellt keine Gerechtigkeit her – sie schafft nur ein zweites Verbrechen.

    Und ja, ich spreche in dieser Schärfe, weil ich es nicht mehr hören kann: dieses scheinheilige „in bestimmten Fällen“, dieses „wenn es ganz schlimm war“, dieses „die haben es doch verdient“. Wer so redet, blendet alles aus, was uns zu einem Rechtsstaat macht: Zweifel. Irrtum. Verhältnismäßigkeit. Menschenwürde.

    Denn was ist, wenn der Falsche stirbt? Wenn ein Justizirrtum nicht mehr korrigierbar ist? Wenn wir zu Tätern werden – als Gesellschaft?

    Wer die Todesstrafe fordert, öffnet die Tür zu einer Welt, in der Emotion über Prinzipien siegt, in der Angst Politik macht und in der die Rache regiert – nicht das Recht.

    Nein, wir brauchen keine Todesstrafe. Wir brauchen ein besseres Justizsystem. Mehr Schutz für Opfer. Mehr Aufklärung. Mehr Prävention. Mehr Vertrauen.

    Aber sicher keine Guillotine oder einen elektrischen Stuhl im Namen des Volkes.

    Frankreich hat vor 44 Jahren das einzig Richtige getan. Es darf keinen Weg zurück geben. Nie. Und nirgends.

    Ein Kommentar von C. Hatty

  • Kommentar: Wider besseres Wissen – sie fordern die Abschaffung der Rentenreform. Wer soll das bezahlen?

    Kommentar: Wider besseres Wissen – sie fordern die Abschaffung der Rentenreform. Wer soll das bezahlen?

    Man reibt sich die Augen. Da tobt eine Haushaltskrise. Da ächzt das Rentensystem unter dem Gewicht des demografischen Wandels. Und was macht die CGT? Sie fordert nicht weniger als die komplette Abschaffung der Rentenreform. Kein Innehalten, kein Dialog – nein: Rückabwicklung. Zurück auf Los. Ideologie vor Realität.

    Was bitte soll das?

    Es ist, als würde ein Kapitän auf stürmischer See nicht nur den Kurs wechseln, sondern das Steuer gleich ins Meer werfen. Die Reform von 2023 mag vielen missfallen – aber sie war notwendig. Sie war ehrlich. Und ja, sie war mutig. Denn wer heute den Menschen verspricht, mit 62 in Rente gehen zu können, ohne das System zu ruinieren, der belügt entweder sich selbst oder die Bevölkerung.

    Die Fakten liegen auf dem Tisch: Wir leben länger, die Beitragszahler werden weniger – und das Geld reicht nicht. Diese Gleichung löst sich nicht mit Streikplakaten auf.

    Natürlich klingt es populär, wenn Gewerkschaften „soziale Gerechtigkeit“ skandieren. Aber was ist gerecht daran, wenn die jungen Generationen die Zeche zahlen für ein System, das längst überholt ist? Was ist gerecht daran, wenn Beitragszahler:innen später bis weit über 67 hinaus schuften müssen, während andere heute den Rückweg ins „heile Früher“ fordern?

    Das ist nicht sozial – das ist asozial.

    Die Wahrheit ist unbequem: Eine Abrogation der Reform würde Milliarden kosten. Geld, das wir nicht haben. Geld, das wir uns leihen müssten – von den Märkten, von unseren Kindern, von der Zukunft. Wollen wir das wirklich?

    Und wer sind eigentlich „wir“?

    Die CGT spricht gern im Namen „der arbeitenden Bevölkerung“. Doch bei aller Lautstärke – sie spricht nicht für alle. Sie spricht für ein Weltbild, das sich der Realität verweigert. Für einen politischen Reflex, der reflexhaft Nein sagt – egal worum es geht.

    Wo bleibt der Gegenvorschlag?

    Wie soll ein stabiles, solidarisches Rentensystem aussehen, wenn es keine Reform geben darf? Wovon sollen die Renten bezahlt werden, wenn das Eintrittsalter niedrig und die Lebensdauer hoch bleibt? Woher soll die Gerechtigkeit kommen, wenn alle nur fordern, aber keiner aufzeigt, wo gekürzt werden kann?

    Die Wahrheit ist: Es gibt keine einfache Lösung. Aber es gibt Ehrlichkeit. Und die fehlt derzeit aufseiten derer, die am lautesten „Abschaffen!“ rufen.

    Ein Land regiert man nicht mit Parolen. Schon gar nicht in der Krise.

    Es braucht Mut, Verantwortung und einen Blick über die Wahlperioden hinaus. Die Reform war ein Schritt in diese Richtung. Vielleicht nicht perfekt, aber notwendig. Sie jetzt zu kippen wäre nicht nur ein Rückschritt – es wäre ein Verrat an der Generation von morgen.

    Ein Kommentar von Andreas M. Brucker

  • Kommentar: Herr Macron, was haben Sie nur gegen das Teilen der Macht?

    Kommentar: Herr Macron, was haben Sie nur gegen das Teilen der Macht?

    Eigentlich wollte ich schon wieder einen Kommentar schreiben – über die nächste Regierungskrise in Frankreich, über die endlosen Rochaden, über das Schauspiel aus Rücktritt, Berufung, Rücktritt. Aber mir bleibt die Stimme weg. Nicht vor Erstaunen. Sondern vor Erschöpfung.

    Wie oft kann man denselben politischen Fehler begehen, bevor man begreift, dass es kein Zufall mehr ist?

    Frankreich steht am Rand eines Abgrunds, und im Élysée-Palast scheint man das Echo aus der bedrohlichen Tiefe noch immer für Applaus zu halten. Emmanuel Macron sucht seit Monaten nach einem Premierminister, der ihm gehorcht – statt einem, der das Land eint. Und mit jedem gescheiterten Versuch schrumpft der Raum der Vernunft, wächst die Versuchung der Extreme.

    Darum diese eine, einfache, fast verzweifelte Frage:
    Herr Macron, was ist so schlimm daran, eine Premierministerin oder einen Premierminister aus dem linken Lager zu ernennen?

    Wirklich – was?
    Wäre es Verrat? Schwäche? Ein Eingeständnis, dass die „Mitte“ allein nicht mehr trägt?

    Vielleicht wäre es einfach nur das, was Frankreich jetzt braucht: ein Zeichen der Demut. Ein Schritt auf die andere Seite, ohne die eigene zu verlieren. Eine Geste, die zeigt, dass Macht teilen keine Niederlage ist – sondern ein Akt politischer Reife.

    Denn alles, wirklich alles, ist besser als das, was sonst droht:
    Ein Sieg der Rechtspopulisten, ein Rutsch ins autoritäre Denken, ein Land, das sich selbst aufgibt, weil seine demokratische Elite zu stolz war, Brücken zu bauen.

    Frankreich hat schon zu oft in seiner Geschichte erlebt, wohin Überheblichkeit führt.
    Diesmal sollte es nicht wieder so enden.

    Herr Macron, hören Sie zu – nicht auf Ihre Berater, nicht auf Ihr Ego. Auf die Menschen. Auf das Land, das Sie führen sollen, nicht dominieren.

    Denn die Stimme, die mir heute fehlt, ist die vieler Franzosen.
    Und sie könnte bald sehr laut werden – aber dann nicht mehr in Ihrem Sinn.

    Von C. Hatty

  • Kommentar: Endlich wach – Die Jugend dieser Welt jagt den alten Eliten Angst ein

    Kommentar: Endlich wach – Die Jugend dieser Welt jagt den alten Eliten Angst ein

    Manchmal braucht es nur einen Funken. Ein Gesetz, ein Bann, eine dreiste Lüge – und plötzlich brennt die Straße. 2025 ist dieser Funke die Jugend, die Gen Z, und sie fackelt nicht mehr lange.

    Ob in Nepal, Marokko oder Madagaskar – überall dort, wo alte Männer an den Schalthebeln der Macht sitzen und meinen, die Gesellschaft wie ein Familienunternehmen führen zu können, steht nun eine Generation auf, die sagt: Schluss damit.

    Sie sind laut, sie sind digital, sie sind unberechenbar.


    In Nepal begann alles mit einem Verbot von Social Media – einem Angriff auf das digitale Wohnzimmer dieser Generation. Wer glaubt, man könne 26 Plattformen einfach abschalten und die Leute würden schweigend in ihre Schulbücher zurückkriechen, hat die Zeichen der Zeit nicht verstanden. VPNs, Chatrooms, dezentrale Netzwerke – das Arsenal der Jugend ist unsichtbar, aber hocheffektiv. Die Reaktion der Regierung? Tränengas, Gummigeschosse, scharfes Feuer. Das Ergebnis? Ein Premierminister, der stürzt.


    In Marokko wütet der Protest wie ein Sandsturm. Junge Menschen, organisiert unter dem Label „GenZ 212“, klagen über kaputte Schulen, leere Krankenkassen und gigantische Stadionprojekte. Während die Elite die Fußball-WM feiert, vegetiert ein Teil der Bevölkerung am Rand der Gesellschaft. Wieder einmal gilt: Brot und Spiele für die Wenigen, Polizeiknüppel für die Vielen.


    Und in Madagaskar? Da schreien die Jugendlichen nach Wasser, nach Strom, nach Würde – nach einem Leben, das nicht im Schatten korrupter Eliten erstickt. 22 Tote, über 100 Verletzte, ein Präsident, der seine eigene Regierung auflösen muss. Man fragt sich: Wie lange wollen diese alten Strukturen noch so tun, als seien sie unantastbar?


    Natürlich – nicht jede Bewegung dieser jungen Welle wird sofort Erfolg haben. Viele laufen Gefahr, im Chaos zu versanden, weil sie bewusst auf Führungsfiguren verzichten. Aber vielleicht ist genau das ihr Trick: Sie sind wie Wasser. Man kann es einkesseln, niederdrücken, aber irgendwann sucht es sich seinen Weg.

    Die Jugend hat die Schnauze voll von „später“ und „irgendwann“. Sie hat verstanden, dass Politik zu oft bedeutet: ein kleines Netzwerk aus Begünstigten füttert sich durch, während unten das Volk zahlen darf. Korruption ist kein Betriebsunfall – sie ist System. Und wer das System nicht anrührt, der bleibt mitschuldig.


    Was diese Generation so gefährlich macht? Sie ist vernetzt wie nie. Wenn in Kathmandu ein Minister fällt, dann liest ein Student in Rabat davon auf TikTok. Wenn in Antananarivo das Parlament brennt, dann postet jemand in Nairobi ein Solidaritätsvideo. Grenzen werden durchlässig, Erfahrungen wandern von Smartphone zu Smartphone.

    Die Frage ist nur: Wann springt der Funke nach Europa? Nach Nordamerika? Hier, wo junge Menschen zwar auf Fridays-for-Future-Demos gehen, aber noch längst nicht mit derselben Härte wie ihre Altersgenossen im globalen Süden.

    Vielleicht ahnen die Mächtigen genau das – und haben deswegen Angst.


    Denn eines ist klar: Die Generation Z hat keine Lust mehr, in einem System alt zu werden, das ihnen schon in jungen Jahren die Zukunft klaut. Und wer sich an die Macht klammert, wer glaubt, mit Schlagstöcken und Internetverboten eine globale Jugendbewegung zu bremsen – der sollte lieber schon mal zittern.

    Denn diese Proteste sind mehr als Lärm auf der Straße. Sie sind der Soundtrack eines Erwachens. Und der Refrain lautet: Wir sind viele, wir sind vernetzt, und wir gehen nicht mehr weg.

    Ein Kommentar unserer Leserin Mariam H., 20 Jahre, Frankfurt/Main

    Dieser Kommentar spiegelt die persönliche Meinung einer Leserin aus Frankfurt am Main wider. Er erhebt keinen Anspruch auf Neutralität, sondern versteht sich als subjektiver Beitrag zur aktuellen Debatte.

  • Kommentar – Die Reichen lachen, während der Staat spart

    Kommentar – Die Reichen lachen, während der Staat spart

    Staat und Bürger haben kein Geld mehr – aber die Superreichen bleiben unangetastet

    Es ist eine Farce. Während Schulen verfallen, Kliniken überlastet sind und der Staat mit jedem neuen Haushaltsloch seine Bürger um „Verständnis“ bittet, sitzt eine kleine Schicht von Ultrareichen auf Milliarden – fast unberührt von der Steuerlast, die den Rest der Gesellschaft immer tiefer drückt. Und niemand rührt sie an.

    Gabriel Zucman hat es vorgerechnet: Milliardäre in Frankreich zahlen im Schnitt weniger als 0,5 % Steuern auf ihr Vermögen. Ein Satz, der nicht zu fassen ist – und doch wahr. Wer also glaubt, wir lebten in einem gerechten Steuerstaat, wer meint, „Leistung müsse sich lohnen“, der sollte sich fragen: Wessen Leistung eigentlich?

    Denn während die Superreichen ihre Holdings durch Steuerschlupflöcher schleusen und ihre Yachten in Malta registrieren, diskutiert die Politik darüber, ob es zumutbar ist, das Kindergeld zu kürzen oder das Rentenalter anzuheben. Millionen Franzosen zahlen jeden Monat Steuern auf jeden verdienten Euro. Und trotzdem heißt es: „Der Staat hat kein Geld.“

    Nein – der Staat will das Geld nicht holen. Zumindest nicht dort, wo es liegt.

    Die vorgeschlagene Mindeststeuer von Zucman – 2 % auf Nettovermögen über 100 Millionen Euro – wäre ein minimaler Schritt. Kein Umsturz, keine Revolution, kein Enteignungsprogramm. Nur ein Signal: Auch die Reichsten müssen sich beteiligen. Doch selbst dieser symbolische Schritt wurde vom Senat abgeschmettert, von Juristen mit der üblichen Formel „verfassungsrechtlich bedenklich“ beiseitegewischt, von Wirtschaftsvertretern als „gefährlich“ gebrandmarkt.

    Gefährlich – ja, für wen? Für jene, die nie mit dem öffentlichen Nahverkehr fahren, nie eine staatliche Schule betreten und nie eine Steuerprüfung fürchten müssen?

    Wir leben in einem System, das den Reichtum schützt – nicht den Staat, nicht den Bürger, nicht das Gemeinwohl. Die offizielle Linie lautet: Wir dürfen die Reichen nicht vertreiben. Die inoffizielle lautet: Wir trauen uns nicht, sie auch nur anzufassen.

    Frankreich, Europa, der Westen – sie alle drohen in eine fiskalische Schieflage zu geraten. Und doch bleibt das größte Vermögen ungenutzt, unangetastet, unbesteuert. Nicht aus Notwendigkeit, sondern aus Feigheit.

    Und was machen wir? Wir streichen Lehrerstellen, erhöhen Gebühren, bauen Sozialwohnungen ab. Wir fordern „Verantwortung“ von unten – und dulden Steuervermeidung von oben.

    Zucmans Steuer ist kein Wunderheilmittel. Aber sie ist ein Test: Ob wir bereit sind, uns dem Machtblock der Vermögenden entgegenzustellen. Oder ob wir weiter zusehen, wie sich die Gesellschaft spaltet – in jene, die zahlen, und jene, die zählen.

    Ein Kommentar von P. Tiko

  • Nicht die Menschen mit Migrationshintergrund sind das Problem – sondern die Art, wie wir über sie sprechen

    Nicht die Menschen mit Migrationshintergrund sind das Problem – sondern die Art, wie wir über sie sprechen

    Ein 18-jähriger Junge ist tot. Brutal zusammengeschlagen, mitten am helllichten Tag, an einem Ort, an dem Menschen normalerweise Busse nehmen, Freunde treffen, ihr Leben leben. Sein Name: Mamadou. Sein Schicksal: erschüttert eine ganze Stadt, vielleicht ein ganzes Land.

    Und sofort, fast reflexartig, springt die öffentliche Debatte in ein altbekanntes Muster: “Die Täter sind bestimmt Migranten.” “Das zeigt doch, wohin die Massenzuwanderung führt.” “Man sieht ja, wie die Ghettos explodieren.”

    Doch Halt. Stopp. Genau hier liegt das Problem.

    Denn nicht Menschen mit Migrationshintergrund sind das Problem. Das Problem ist, dass wir sie nach jeder Gewalttat reflexartig unter Generalverdacht stellen. Als seien Herkunft oder Hautfarbe automatisch ein Nährboden für Brutalität.

    Das ist nicht nur falsch – es ist gefährlich.

    Gewalt hat viele Gesichter, aber kein einziges hat eine eindeutige Nationalität.

    Schaut man genauer hin, zeigt sich: Es sind nicht die Migranten. Es sind Jugendliche – manche mit französischem Pass seit Generationen, andere mit ausländischen Wurzeln – die in einem Klima von Perspektivlosigkeit, sozialem Abstieg, zerbrochenen Familien und fehlender Anerkennung aufwachsen.

    Natürlich ist das keine Entschuldigung für Mord und Totschlag. Aber es ist eine Erklärung für das Umfeld, das Gewalt hervorbringen kann.

    Und es ist ein Umfeld, das nicht “importiert” wurde, sondern in Frankreich selbst gewachsen ist.

    Warum also immer dieser Griff in die Schublade “Migration”? Weil es bequem ist. Weil es die eigentlichen Fragen verdrängt: Warum gibt es Stadtviertel, in denen Kinder schon mit 12 wissen, dass sie es nie aufs Gymnasium schaffen? Warum gibt es Jugendliche, die auf dem Arbeitsmarkt keine Chance bekommen – egal, wie sehr sie sich bemühen? Warum fühlen sich ganze Straßenzüge seit Jahrzehnten politisch abgehängt?

    Es ist leichter, mit dem Finger auf eine Hautfarbe oder einen Namen zu zeigen, als auf die Gesellschaft, die diese Zustände duldet.

    Natürlich gibt es Banden. Natürlich gibt es Aggressoren. Aber die Vorstellung, dass “die Migranten” per se gewalttätig seien, ist nichts anderes als ein bequemes Ablenkungsmanöver.

    Die unbequeme Wahrheit lautet: Nicht Migration erzeugt Gewalt, sondern Marginalisierung.

    Wer also ernsthaft etwas gegen urbane Gewalt tun will, muss in Schulen investieren, in Sozialarbeit, in Jugendzentren, in Familienhilfe. Muss Jugendliche sehen, bevor sie zu Tätern werden.

    Und er muss die Sprache ändern.

    Denn jedes Mal, wenn wir das Etikett “Migrationshintergrund” wie eine Brandmarke auf Täter kleben, stigmatisieren wir Millionen Menschen, die arbeiten, studieren, Familien gründen – und nie etwas mit Gewalt zu tun haben.

    Wollen wir wirklich in einer Gesellschaft leben, in der ein Nachname schwerer wiegt als ein Lebenslauf?

    Mamadous Tod ist ein Drama. Aber noch dramatischer wäre es, wenn er einmal mehr zum Treibstoff einer verkürzten, hasserfüllten Debatte wird. Denn die eigentliche Gewalt beginnt oft nicht mit einer Faust – sondern mit einem Wort.

    Ein Kommentar von M.A.B.