Schlagwort: Marine Le Pen

  • Jordan Bardella und der lange Schatten Marine Le Pens – Ist der Kronprinz des Rassemblement National bereit für 2027?

    Jordan Bardella und der lange Schatten Marine Le Pens – Ist der Kronprinz des Rassemblement National bereit für 2027?

    Mit der drohenden endgültigen juristischen Disqualifikation Marine Le Pens rückt ihr designierter Nachfolger, Jordan Bardella, in den Fokus der politischen Debatte um die französische Präsidentschaftswahl 2027. Doch ist der 31-Jährige tatsächlich bereit, an die Spitze der Republik zu treten? Zwischen wachsender Popularität, strategischer Zurückhaltung und strukturellen Zweifeln steht eine Partei am Wendepunkt – und ein junger Politiker vor seiner wohl größten Bewährungsprobe.


    Ein Kandidat im Wartestand

    Seitdem Marine Le Pen in erster Instanz zu fünf Jahren Ineligibilität verurteilt wurde – ein Urteil, das derzeit in der Berufung überprüft wird –, scheint die Frage ihrer vierten Präsidentschaftskandidatur offener denn je. Die Entscheidung der Cour d’appel, die für den Sommer 2026 erwartet wird, könnte de facto über die politische Zukunft der langjährigen Parteichefin entscheiden. Le Pen selbst räumte kürzlich ein, dass erst „zu diesem Zeitpunkt über meine Anwesenheit oder Abwesenheit bei der Präsidentschaftswahl entschieden wird“.

    In diesem Vakuum rückt Jordan Bardella zunehmend ins Zentrum parteiinterner und öffentlicher Spekulationen. Als Parteivorsitzender des Rassemblement National (RN) seit 2022 und langjähriger Vertrauter Le Pens gilt er als natürlicher Nachfolger – aber noch nicht als offiziell nominierter Kandidat.


    Ein politischer Aufsteiger mit digitalem Profil

    Bardella verkörpert eine neue Generation des RN – medienaffin, rhetorisch geschult und strategisch präsent in sozialen Netzwerken. Auf TikTok folgen ihm über zwei Millionen Nutzer, vor allem junge Menschen. Seine Videos, oft hinterlegt mit elektronischer Musik, zeigen ihn beim Reden, Reisen oder Debattieren. In Buchhandlungen im ganzen Land füllen sich die Säle bei Signierstunden, seine Popularitätswerte in Umfragen steigen kontinuierlich.

    Laut aktuellen Erhebungen von Ifop und Ipsos rangiert Bardella derzeit mit rund 35 Prozent an der Spitze möglicher Präsidentschaftskandidaten für 2027 – teils vor Le Pen selbst. Insbesondere in der Generation der 18- bis 34-Jährigen erzielt er bemerkenswert hohe Zustimmungswerte. Eine kürzlich von Le Monde publizierte Umfrage zeigte erstmals eine Mehrheit der RN-Anhängerschaft, die Bardella eine Kandidatur gegenüber Le Pen vorziehen würde.


    Erfahrung versus Exekutive: Der zentrale Zweifel

    Trotz seines kometenhaften Aufstiegs bleibt die Gretchenfrage bestehen: Hat Bardella das nötige Format, um Staatspräsident zu werden? Seine politische Laufbahn ist beachtlich – Abgeordneter im Europäischen Parlament, Parteichef, zentrale Figur in den letzten Wahlkämpfen des RN. Doch bislang fehlt ihm jede Art exekutiver Erfahrung auf nationaler Ebene. Kritiker werfen ihm daher mangelnde Führungsreife vor.

    Der frühere Premierminister Dominique de Villepin spitzte dies in einem Interview provokant zu: „Würden Sie in einen A380 steigen mit einem Piloten, der null Flugstunden hat?“ Auch Bruno Retailleau (Les Républicains) erklärte, man könne sich „nicht einfach so in den Élysée hineinimprovisieren“.

    Hinzu kommen Unzulänglichkeiten in der Sachkenntnis: Bardella leistete sich mehrfach Pannen in Fernsehdebatten, unter anderem im Zusammenhang mit Äußerungen über Donald Trump. Auch seine dokumentierten Fehlzeiten im Europäischen Parlament werden regelmäßig medial thematisiert.


    Strategisches Schweigen: Warten auf das Urteil

    In den letzten Monaten hat Bardella seinen öffentlichen Auftritt auffällig dosiert. Politikwissenschaftler deuten dies als bewusste Zurückhaltung – einerseits, um keinen parteiinternen Machtkampf mit Le Pen zu provozieren, andererseits, um sich für den möglichen Moment des Übergangs bereitzuhalten. Die interne Statik des RN erfordert dabei politische Feinsinnigkeit: Noch immer gilt Bardella vielen Anhängern als „Zögling“ Marine Le Pens – und seine Autorität bleibt eng an ihre Zustimmung geknüpft.

    Dass Bardella es überhaupt an die Spitze der Partei geschafft hat, verdankt er maßgeblich dem Rückhalt der Parteigründerin. Ob sie bereit ist, 2027 gänzlich zu Gunsten ihres politischen Ziehsohns zu verzichten – sofern sie rechtlich nicht ausgeschlossen ist – bleibt offen. Offiziell ist das Verhältnis zwischen beiden „entspannt“, doch der beginnende Wahlzyklus wird diese Balance auf die Probe stellen.

    Am Horizont steht zudem eine weitere Herausforderung: die Neugestaltung der Strategie des RN in einer Ära post-Le Pen. Während die Partei unter Bardella weiterhin auf migrationskritische Rhetorik und nationale Souveränität setzt, mehren sich interne Stimmen, die eine institutionelle „Normalisierung“ anstreben – eine taktische Annäherung an das konservative Spektrum, ohne die Stammwählerschaft zu verprellen.


    Ob Jordan Bardella 2027 tatsächlich antritt – und ob er dann auch bestehen kann –, hängt nicht nur von seinem Talent, sondern von einer Kette politischer, juristischer und strategischer Entscheidungen in den kommenden Monaten ab. Die Popularität des jungen Parteichefs ist unbestritten. Ob sie sich in Führungskraft und Wählervertrauen ummünzen lässt, bleibt die offene Frage eines sich wandelnden französischen Rechtspopulismus.

    Autor: P. Tiko

  • Marine Le Pen im Schatten der Justiz: Eine strategische Gratwanderung vor dem Berufungsprozess

    Marine Le Pen im Schatten der Justiz: Eine strategische Gratwanderung vor dem Berufungsprozess

    Der Ausgang des Berufungsprozesses in der Affäre um fingierte Parlamentsassistenten könnte über die politische Zukunft von Marine Le Pen entscheiden. Die Chefin des Rassemblement National (RN) ringt nicht nur vor Gericht um Rehabilitierung – sie inszeniert auch eine öffentliche Strategie, in der sich juristische Verteidigung, mediale Deutungshoheit und parteitaktische Optionen überlagern.

    Vom kompromisslosen Abstreiten zur taktischen Differenzierung Noch im ersten Prozess hatte Marine Le Pen auf vollständiges Leugnen gesetzt. Die Beschäftigung europäischer Assistenten sei legitim gewesen, von einer systematischen Zweckentfremdung der Mittel könne keine Rede sein. Es handle sich, so Le Pen, um eine „institutionelle Verwirrung“, nicht um organisierte Täuschung. Das Gericht sah das anders: Vier Jahre Haft (davon zwei unter elektronischer Überwachung), 100.000 Euro Geldstrafe und – politisch am folgenreichsten – fünf Jahre Ineligibilität wurden 2023 verhängt. Im Vorfeld des Berufungsproze…

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  • Bardot, Le Pen, Macron – ein Abschied, der mehr über Frankreich erzählt als über den Tod

    Bardot, Le Pen, Macron – ein Abschied, der mehr über Frankreich erzählt als über den Tod

    Saint-Tropez im Januar. Die Wintersonne liegt flach über dem Hafen, das Licht ist mild, fast versöhnlich. Und doch schiebt sich an diesem Ort, der so oft für Leichtigkeit stand, eine Schwere in die Luft, die sich nicht allein mit dem Tod einer Ikone erklären lässt. Brigitte Bardot ist tot. Frankreich nimmt Abschied. Aber es tut es nicht geschlossen, nicht einmütig, nicht ohne Reibung. Die Nachricht vom Tod der einstigen Filmdiva und späteren Tierschutzaktivistin traf ein Land, das ohnehin permanent im Diskussionsmodus lebt. Bardot war nie nur Schauspielerin. Sie war Projektionsfläche, Reizfigur, Mythos. Eine Frau, die das Kino der fünfziger und sechziger Jahre elektrisierte und sich später politisch positionierte – laut, kompromisslos, oft verletzend. Genau darin liegt der Kern der aktuellen Debatte. Denn während die Trauerfeierlichkeiten für den 7. Januar in Saint-Tropez angesetzt sind, rückt weniger die Zeremonie selbst in den Fokus als die Gästeliste. Oder genauer: ihre Lücken. Mari…

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  • Ikone, Provokateurin, politische Reizfigur – wie Brigitte Bardot jahrzehntelang polarisierte

    Ikone, Provokateurin, politische Reizfigur – wie Brigitte Bardot jahrzehntelang polarisierte

    Sie war das Gesicht einer Epoche, ein Symbol der sexuellen Befreiung, eine Leinwanderscheinung von weltweitem Rang. Und zugleich eine Figur, die nie davor zurückschreckte, mit Worten zu verletzen, zu provozieren, zu spalten. Der Tod von Brigitte Bardot im Alter von 91 Jahren hat Frankreich noch einmal mit einer unbequemen Wahrheit konfrontiert: Hinter dem Mythos der Filmikone verbarg sich eine Frau, deren politische Aussagen und gesellschaftliche Positionierungen über Jahrzehnte hinweg für Empörung sorgten – und die mehrfach vor Gericht endeten.

    Schon die ersten Reaktionen aus dem rechten politischen Spektrum fielen auffallend herzlich aus. Jordan Bardellasprach von einer „glühenden Patriotin“, Marine Le Pen würdigte eine „freie, unzähmbare, kompromisslose Frau“. Worte, die mehr über die politische Nähe aussagen als über nostalgische Verehrung. Denn Bardot hatte ihre Sympathien für die extreme Rechte nie verborgen. Im Gegenteil. Sie trug sie wie ein Ehrenzeichen vor sich her.

    Dabei begann alles vergleichsweise früh. Als sie 1973 dem Kino den Rücken kehrte und sich selbst als „freie Frau“ inszenierte, wandte sie sich zugleich scharf gegen den Feminismus. Das Mouvement de libération des femmes hielt sie für lächerlich, für ein Missverständnis weiblicher Selbstbestimmung. Frauen, so Bardot damals, wollten plötzlich keine Frauen mehr sein. Ein Satz, der schon damals Kopfschütteln auslöste und rückblickend wie ein Vorbote späterer Grenzüberschreitungen wirkt.

    Die politische Verortung nach rechts außen nahm in den frühen neunziger Jahren deutlichere Konturen an. 1992 heiratete Bardot den Unternehmer Bernard d’Ormale, den sie im Umfeld von Jean-Marie Le Pen kennengelernt hatte. In ihrer Autobiografie beschrieb sie den damaligen Front-National-Chef als charmant, intelligent, als jemanden, der – wie sie – von bestimmten Entwicklungen „revoltiert“ sei. Gemeint war vor allem die Einwanderung, die sie als bedrohlich empfand. Worte, die nicht im luftleeren Raum standen, sondern Teil eines ideologischen Fundaments waren.

    Besonders schwer wogen jene Aussagen, die ihr zwischen 1997 und 2008 mehrere Verurteilungen wegen Volksverhetzung einbrachten. Bardot äußerte sich wiederholt islamfeindlich, vor allem im Zusammenhang mit dem muslimischen Opferfest. In offenen Briefen und Zeitungsartikeln sprach sie von einer „Überfremdung“, von einer Unterwerfung Frankreichs unter muslimische Bräuche. Das war keine beiläufige Provokation mehr, das war gezielte sprachliche Eskalation. Die Justiz reagierte, mehrmals, mit Geldstrafen.

    Ihr Buch „Un cri dans le silence“ markierte 2003 einen weiteren Tiefpunkt. Darin beschrieb Bardot Muslime als Teil einer gefährlichen, schleichenden Infiltration, die sich weder an Gesetze noch an Traditionen halte. Auch Homosexuelle wurden Ziel ihrer Tiraden, ebenso wie das, was sie abschätzig als „Metissage“ bezeichnete. Die Sprache war roh, verletzend, entmenschlichend. Wieder folgte eine Verurteilung. Und wieder zeigte Bardot keinerlei Reue.

    Selbst in hohem Alter blieb sie ihrer Linie treu. 2019 diffamierte sie die Bevölkerung von La Réunion in einem offenen Brief als „degeneriert“, diesmal unter dem Vorwand des Tierschutzes. 2021 verurteilte ein Gericht sie wegen öffentlicher Beleidigung mit rassistischem Charakter zu einer Geldstrafe von 20.000 Euro. Man hätte denken können, irgendwann kehrt Stille ein. Tat es nicht.

    Politisch unterstützte Bardot über Jahre hinweg Kandidatinnen und Kandidaten des rechten Spektrums. 2012 forderte sie Bürgermeister dazu auf, Marine Le Pen die notwendigen Unterstützungsunterschriften zu geben. Sie selbst nannte Le Pen eine bewundernswerte Frau. 2017 stellte sie sich offen gegen Emmanuel Macron, den sie für seine aus ihrer Sicht mangelnde Tierpolitik kritisierte. Ob sie den Front National – später Rassemblement National – wählte, ließ sie offen, ihre Sympathie jedoch machte sie deutlich.

    Kurzzeitig setzte sie ihre Hoffnungen auch auf Eric Zemmour, bevor sie sich enttäuscht abwandte und schließlich Nicolas Dupont-Aignan unterstützte. Ideologische Konsistenz spielte dabei eine untergeordnete Rolle. Der rote Faden blieb der Tierschutz, den sie als moralischen Kompass ihres Handelns verstand – oder zumindest als Rechtfertigung.

    Dieser Fokus führte sie sogar in die Nähe internationaler Machtpolitik. 2013 drohte Bardot damit, die russische Staatsbürgerschaft anzunehmen, um zwei Elefanten vor der Einschläferung zu retten. In Interviews äußerte sie offen ihre Bewunderung für Wladimir Putin, dem sie mehr Menschlichkeit attestierte als den Präsidenten ihres eigenen Landes. Wenn sie ihn um etwas bitte, so sagte sie einmal, erfülle er es ihr meist. Das klang weniger nach politischer Analyse als nach persönlicher Verklärung.

    Dabei betonte Bardot stets, sie sei keiner Partei verpflichtet. Sie habe sogar Jean-Luc Mélenchon kontaktiert, erzählte sie, und würde jeden wählen, der die Forderungen ihrer Stiftung im Wahlprogramm übernehme. Diese Stiftung, die Fondation Brigitte-Bardot, bleibt ihr unbestrittenes Vermächtnis. Ihr Engagement für Tiere war real, beharrlich, wirkungsvoll. Und doch wirft es einen langen Schatten, wenn es immer wieder als Schutzschild für menschenverachtende Aussagen diente.

    Brigitte Bardot war nie nur die blonde Göttin von Saint-Tropez. Sie war auch eine Frau, die bewusst aneckte, die provozierte, manchmal einfach drauflosredete – nach dem Motto: Mir doch egal, was ihr denkt. Das mag für Fans Ausdruck von Unabhängigkeit gewesen sein. Für viele andere blieb es schlicht verletzend. Und genau diese Ambivalenz macht ihr Erbe so kompliziert. Eine Ikone, ja. Aber eine mit Rissen. Deutlichen.

    Von C. Hatty

  • Frankreich 2025: Ein Staat spielt Regierung – Chaos als Prinzip

    Frankreich 2025: Ein Staat spielt Regierung – Chaos als Prinzip

    Was haben 62 Minister, ein Präsident ohne Staatshaushalt, ein Premierminister mit 14-Stunden-Haltbarkeitsdatum und ein Ex-Staatschef im Knast gemeinsam? Richtig: Sie alle sind Teil des französischen Politikbetriebs 2025 – einer Tragikomödie, die selbst Kafka zu absurd gewesen wäre. Während Emmanuel Macron zu Jahresbeginn 2025 noch auf „kollektive Vernunft“ hoffte, stolperte Frankreich in zwölf Monaten durch mehr Regierungswechsel als ein Fußballverein in der Regionalliga Trainer verschleisst.

    Macron wünscht sich Stabilität – geliefert wird das Gegenteil

    „Ich wünsche mir ein Jahr der Stabilität“, flötete Emmanuel Macron zum Jahreswechsel, ganz der staatsmännische Optimist. Hätte er vielleicht besser ins Horoskop geschaut: Saturn im Haus der chaotischen Institutionen, Mars im Quadrat zu rationalem Haushaltsvollzug. Was folgte, war ein Amtsjahr wie eine Doku über dysfunktionale politische Systeme – nur mit schlechterem Drehbuch.

    François Bayrou, politisches Fossil mit Hang zur Selbstüberschätzung, wurde als Premier eingesetzt, weil man dachte, ein alter Zausel mit Verhandlungsgeschick könne das sinkende Schiff schon irgendwie lenken. Doch nach dem üblichen Ritual aus Haushaltsblockade, Rentenfiasko und Provinzskandal war auch er reif fürs präsidiale Recycling. Die Nationalversammlung zog ihm den Stecker – und damit gleich dem ganzen Regierungsapparat.

    Lecornu und das Kabinett für 14 Stunden

    Sébastien Lecornu sollte es richten. Er tat das, indem er ein Kabinett aufstellte, das kürzer hielt als die Mittagspause eines Beamten. Ganze 14 Stunden – dann krachte es zwischen ihm und Bruno Retailleau. Ob Streit um Inhalte oder nur der bessere Sessel im Kabinettssaal – unklar. Lecornu wurde zwar später im Amt belassen, allerdings mit amputiertem Werkzeugkasten: Kein Artikel 49.3 mehr, keine Rentenreform, kein Spaß.

    Das Ergebnis: Politik als Pantomime. Man tut so, als regiere man, während die eigentlichen Entscheidungen von Misstrauensvoten, internen Intrigen und juristischen Pressetexten dominiert werden. Frankreich, die so stolze Republik, wirkt 2025 wie ein Internat ohne Aufsicht – laut, verwahrlost und voller egomaner Nachwuchspolitiker.

    Sarkozy im Knast, Le Pen vor Gericht: Bei den Rechten wird aufgeräumt

    Wer glaubt, der französische Rechtsstaat funktioniere nicht, wird 2025 eines Besseren belehrt – zumindest, wenn es gegen rechte Prominenz geht. Nicolas Sarkozy, einst Grand Monsieur mit Napoleongesicht, wird wegen mafiöser Machenschaften im Zusammenhang mit libyschem Geld zu echter Haft verurteilt. Zwanzig Tage in La Santé – für einen Mann mit seiner Eitelkeit eine Ewigkeit.

    Marine Le Pen wiederum stolpert über ein altbekanntes Hobby des Front National: Phantomjobs im EU-Parlament. Die Strafe: politische Unwählbarkeit – sofort. Sie selbst sieht darin – wie immer – keinen Justiz-, sondern einen Komplottfall. Natürlich. Wahrscheinlich auch orchestriert von der Rothschild-Bank und dem Soros-Netzwerk.

    Und während die matriarchale Lichtgestalt des RN juristisch wankt, reibt sich ihr Ziehsohn Jordan Bardella die Hände: Die Macht ist nah, die Konkurrenz schwach, das Programm vage genug, um für alle Frustrierten attraktiv zu bleiben.

    Linke Selbstzerstörung als Kunstform

    Die Linke, lange totgesagt, lebt – allerdings vor allem in internen Schlammschlachten. Zwischen LFI und Sozialisten herrscht Frostklimastufe V. Die einen werfen den anderen vor, Macrons Fußschemel zu sein, die anderen kontern mit Antisemitismusvorwürfen. Wenn das französische Linkssein 2025 etwas verkörpert, dann Selbstverachtung mit ideologischem Feinschliff.

    Olivier Faure wirkt wie der letzte Sozialist, der noch glaubt, Politik könne Menschen helfen. Jean-Luc Mélenchon dagegen zelebriert den intellektuellen Maximalismus, indem er alles kritisiert, was nicht revolutionär genug ist – inklusive sich selbst, wenn’s sein muss. In einer Mischung aus moralischem Überlegenheitsgefühl und politischer Rechthaberei degradiert sich die Linke zuverlässig zur Wahlverliererin mit Prinzipien.

    Und plötzlich: Ein Moment der Würde

    In all dem Chaos gab es dann doch noch einen Tag, der nicht wie eine Szene aus einer Polit-Soap wirkte: Die Panthéonisierung von Robert Badinter. Alle waren da – Macron, Lecornu, Bardella, vielleicht auch ein Hologramm von Mélenchon. Es war der Moment, in dem sich die französische Politik einig war: Die Vergangenheit ist toll, die Gegenwart ein Desaster, und für die Zukunft hat man immerhin gute Erinnerungen.

    Von Andreas Brucker

  • Ein Besuch mit Signalwirkung: US-Botschafter empfängt Le Pen und Bardella in Paris

    Ein Besuch mit Signalwirkung: US-Botschafter empfängt Le Pen und Bardella in Paris

    Der amerikanische Botschafter in Frankreich, Charles Kushner, hat am 12. Dezember Marine Le Pen und Jordan Bardella vom Rassemblement National (RN) in der US-Botschaft in Paris empfangen. Die Begegnung, vom Diplomaten selbst auf der Plattform X publik gemacht, sorgt in Frankreich für erhebliche politische Reaktionen – nicht nur, weil sie den außenpolitischen Kurs Washingtons im Umgang mit Europas Rechtsparteien betrifft, sondern auch, weil sie Rückschlüsse auf die Präsidentschaftswahlen 2027 zulässt. Ohne offizielle Pressekonferenz, aber mit einem symbolträchtigen Foto, veröffentlichte Kushner die Nachricht: Man habe über das Wirtschafts- und Sozialprogramm des RN gesprochen und über „ihre Visionen für Frankreich“. Für das diplomatische Protokoll ist das eine nüchterne Aussage – doch ihre Bedeutung reicht weit über die Gestenebene hinaus.

    Ein strategischer Moment für den RN Der Zeitpunkt des Treffens ist kaum zufällig gewäh…

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  • Wo soll das hinführen, Herr Sarkozy?

    Wo soll das hinführen, Herr Sarkozy?

    Ein sarkastischer Kommentar über das neueste „Comeback“ des Ex-Präsidenten

    Nun also Journal d’un prisonnier. Nein, es handelt sich nicht um ein verschollenes Manuskript aus der Résistance, sondern um das jüngste literarische Selbstbekenntnis von Nicolas Sarkozy – Frankreichs einstigem Präsidenten, Ex-Anführer der klassischen Rechten und nun offenbar designierter Vordenker einer rechten „Volksfront“ mit dem Rassemblement national.

    Kaum hat sich der Ex-Präsident aus dem Gefängnisalltag zurückgeschrieben, schon will er Frankreich politisch erlösen. Und zwar nicht etwa durch eine Renaissance gaullistischer Werte oder einer klugen bürgerlich-konservativen Programmatik. Nein, Sarkozy hat eine neue Offenbarung: die Union der Rechten – mit allem, was rechts ist. RN inklusive.

    Bravo, Herr Sarkozy. Wenn man schon politisch stürzt, dann wenigstens mit Anlauf.


    Der Mann, der mit dem Feuer tanzt

    Da ist sie also, die sarkozyistische Idee 2025: Warum nicht gleich den alten cordon sanitaire – jene bürgerliche Brandmauer gegen die extreme Rechte – durch einen roten Teppich ersetzen? Wenn schon der FN (pardon, der RN) die Herzen der Wähler gewinnt, dann doch bitte gleich Hand in Hand. Hauptsache, man bleibt irgendwie relevant im rechten Spektrum.

    Erinnern wir uns: Sarkozy war einmal der Mann der klaren Kante, des Law-and-Order-Konservatismus, der sich als Bollwerk gegen die Extreme gerierte. Doch Zeiten ändern sich, und offenbar auch der moralische Kompass. Heute beklagt er sich in seinem Buch über den „Einschluss“ bürgerlicher Kräfte in ideologische Tabus – als wäre es eine Freiheitsberaubung, nicht mit Marine Le Pen zu koalieren.

    Man fühlt sich fast versucht, ihm zuzurufen: Monsieur le Président, Sie wurden nicht verurteilt, weil Sie den Front républicain unterstützt haben – sondern wegen Korruption. Vielleicht ist das ja der Grund, warum Ihnen die Brandmauer plötzlich so eingrenzend erscheint.


    Alte Wähler, neue Sehnsüchte

    Doch geben wir Sarkozy nicht die ganze Schuld. Das Kalkül ist da – und nicht einmal ungeschickt: Der rechte Wähler von heute ist oft nicht mehr der gaullistische Beamte oder der katholische Provinznotar. Es ist der verunsicherte Rentner, die desillusionierte Mittelklasse, der „petit commerçant“, der genug hat von „woker“ Sprache, Migration, Prekarität und Paris.

    Und was sagt dieser Wähler, wenn man ihn fragt, ob man mit dem RN koalieren soll? „Warum nicht, solange es die Linken verhindert.“ Zynismus trifft Pragmatismus – ein Cocktail, den Sarkozy mit sichtbarem Genuss serviert.

    In Wahrheit bringt er nur zu Papier, was viele auf der Rechten längst denken, aber noch nicht zu sagen wagten: Wenn man die Macht nicht alleine bekommt, dann eben mit Marine. Und wenn dabei ein paar Prinzipien auf der Strecke bleiben – soit. Ideale sind schließlich etwas für die Leute mit 5 % bei Wahlen.


    Eine Koalition der Vergesslichen

    Xavier Bertrand und Co. versuchen zwar noch, die republikanische Ehre zu retten – doch es riecht bereits nach Moder. Was zählt, ist nicht mehr die Geschichte, sondern das nächste Wahlergebnis. Die Union der Rechten ist plötzlich kein Schreckgespenst mehr, sondern ein Wahlprogramm mit offenem Ende.

    Man fragt sich nur: Was bleibt von der politischen Kultur eines Landes, das seine demokratischen Brandmauern freiwillig schleift?
    Was bleibt von einer Rechten, die sich einst auf Charles de Gaulle berief – und heute auf Umfragewerte?
    Und was bleibt von einem Nicolas Sarkozy, der einst die Mitte erobern wollte – und nun den rechten Rand umarmt?

    Vielleicht hat der ehemalige Präsident aus seiner Haftzeit ja auch gelernt, dass es in der Politik wie im Gefängnis zugeht: Wer allein ist, wird untergebuttert. Und so sucht er sich neue Allianzen – ausgerechnet mit jenen, die er früher mit rhetorischer Verachtung bedachte.


    Sarkozy nennt sein Buch Journal d’un prisonnier. Ironisch, denn es liest sich eher wie das Handbuch eines politischen Gefangenen seiner eigenen Eitelkeit. Die Union der Rechten ist in seinem Szenario keine Bedrohung für die Republik, sondern der letzte Ausweg für eine Rechte, die nicht weiß, wofür sie noch steht – außer dafür, nicht links zu sein.

    Wo das hinführen soll? Ganz einfach:
    In eine Demokratie, die ihre Immunabwehr abschaltet.
    In eine Partei, die lieber mit Populisten koaliert als selbst zu denken.
    Und in eine politische Landschaft, in der ausgerechnet ein verurteilter Ex-Präsident die moralische Leitlinie vorgibt.

    Was für eine Zeit. Was für ein Erbe. Was für ein Irrweg.

    Ein Kommentar von P.Tiko

  • Kommentar: Und täglich grüßt das Murmeltier – Der RN und seine nie endenden Eskapaden

    Kommentar: Und täglich grüßt das Murmeltier – Der RN und seine nie endenden Eskapaden

    Man könnte meinen, irgendwann sei doch mal Schluss. Ein Punkt erreicht. Die Grenze des moralisch Zumutbaren überschritten. Aber nein – der Rassemblement National (RN), dieser politische Dauerbrenner des französischen Grauens, beweist erneut, dass das Fass der Dreistigkeit nach unten offen ist. Und diesmal? Ein sogenanntes „Mediatraining“ – von europäischen Steuergeldern finanziert, versteht sich –, das offenbar nicht etwa der Aufklärung über Brüsseler Agrarpolitik diente, sondern der stilistischen Politur von Präsidentschaftskandidat*innen in Frankreich.

    Wie charmant. Öffentliches Geld für private Machtträume. Ist ja nicht das erste Mal. Wird auch nicht das letzte Mal sein.

    Jordan Bardella, dieser smarte Posterboy der Rechten, ließ sich offenbar ab Herbst 2021 von einem Coach medienfit machen. Nicht etwa, um in Straßburg glänzend über Richtlinien zur Netzneutralität zu debattieren – sondern um die Bühnenreife für die französische Präsidentschaftskampagne zu erlangen. So steht es jedenfalls im „Canard Enchaîné“, und der hat in der Vergangenheit mehr Licht in dunkle Ecken gebracht als jede französische Staatsanwaltschaft in zwei Jahrzehnten.

    Aber was soll’s. Der RN? Der lebt doch davon, dass ihn all das nicht kratzt. Wählerstimmen sind bekanntlich klebrig wie Honig, sobald sich die Opferrolle inszenieren lässt. „Die da oben gegen uns“, „Hexenjagd der Eliten“ – das altbekannte Lied. Dabei müsste man eigentlich fragen: Wer jagt hier eigentlich wen?

    Denn diese neue Klage der Anti-Korruptionsorganisation AC!! ist kein Einzelfall. Sie reiht sich ein in ein ganzes Bestiarium juristischer Verfahren: Assistenzskandale, Geldflüsse in schwarze Löcher, verschwundene Budgets. Jüngst erst: Die Sache mit den 4,3 Millionen Euro, die der EU-Gruppierung „Identität und Demokratie“ – in trauter Gemeinsamkeit mit dem RN – irgendwie… sagen wir mal: „abhandenkamen“. Zwischen 2019 und 2024. Kein Scherz.

    Man fragt sich unweigerlich: Wird im RN eigentlich auch mal regulär gearbeitet? Oder ist das Parteiprogramm inzwischen eine Art Workshop in kreativer Buchhaltung?

    Die Liste der Vergehen ist so lang, dass selbst ein altgedienter Gerichtsdiener sie kaum mehr tragen könnte. Und mittendrin: Marine Le Pen, die Grande Dame des politischen Scheinwerferlichts. In erster Instanz zu fünf Jahren Unwählbarkeit verurteilt – wegen der berühmten Affäre um EU-Parlamentsassistent*innen, die angeblich mehr mit Wahlkampf in Frankreich als mit Europapolitik zu tun hatten. Aber klar: Alles nur ein Versehen. Ein bedauerliches Missverständnis. Sicher.

    Man sollte meinen, eine Bewegung, die so viel von „Werten“, „Nation“ und „Ehre“ faselt, würde sich auch ein Mindestmaß an Integrität auf die Fahne schreiben. Doch stattdessen scheint man beim RN das Prinzip der öffentlichen Finanzierung in eine Art politischen Wildwuchs verwandelt zu haben. Wo’s Geld gibt, wird zugegriffen. Ob gerechtfertigt oder nicht, ist nebensächlich – Hauptsache, es zahlt am Ende jemand anders.

    Was bleibt, ist ein beunruhigendes Muster: Ein Parteiapparat, der sich systematisch aus öffentlichen Kassen bedient, um seine Macht zu zementieren. Eine Rechtsaußenpartei, die demokratische Institutionen mit kühler Berechnung ausnutzt – während sie gleichzeitig behauptet, genau diese Institutionen seien „korrupt“ und „abgehoben“.

    Das ist, als würde ein Dieb die Polizei beschimpfen, weil sie ihn beim Stehlen stört.

    Doch der vielleicht bitterste Beigeschmack: Dass sich weite Teile der Bevölkerung längst daran gewöhnt haben. Ach ja, wieder ein Skandal beim RN – und morgen geht’s weiter. Irgendwann wird aus Empörung Gleichgültigkeit. Und das ist gefährlicher als jeder Finanztrick.

    Denn wer sich an das Unrecht gewöhnt, öffnet dem nächsten Machtmissbrauch Tür und Tor.

    Und wer weiß – vielleicht sitzt der nächste Mediatrainer ja schon bereit, finanziert mit Geldern, die eigentlich für etwas anderes gedacht waren. Zum Beispiel für Europa.

    Ein Kommentar von Daniel Ivers

  • Bruch mit der Partei – Der tiefe Fall des David Rachline

    Bruch mit der Partei – Der tiefe Fall des David Rachline

    Er galt als Aushängeschild einer neuen Generation im Rassemblement National – jung, mediengewandt, lokal verankert. Jetzt tritt David Rachline ab. Leise. Fast schleichend. Der Bürgermeister von Fréjus im südfranzösischen Département Var hat seinen Rückzug aus der Parteispitze erklärt. Eine Entscheidung, die mehr sagt als tausend Worte – und tiefe Risse im politischen Fundament der französischen Rechten offenbart. Offiziell heißt es, er wolle Schaden vom RN abwenden. Die öffentlichen Anschuldigungen dürften nicht zur Belastung für die Partei werden. Doch die Inszenierung vom selbstlosen Rückzug hält nur auf den ersten Blick. Denn hinter den Kulissen wurde längst der Stecker gezogen. Marine Le Pen, noch immer die unumstrittene Hauptfigur im Machtzentrum des RN, ließ keinen Zweifel daran: Rachlines Zeit als Vizepräsident ist abgelaufen. „Das ist in Klärung“, sagte sie am Morgen seines Rücktritts. Stunden später folgte die Bestätigung. Kein Drama. Keine Tränen. Nur ein nüchternes Ende eine…

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  • „Ich gebe absolut nicht auf“ – Marine Le Pen bleibt entschlossen, 2027 für das Präsidentenamt zu kandidieren

    „Ich gebe absolut nicht auf“ – Marine Le Pen bleibt entschlossen, 2027 für das Präsidentenamt zu kandidieren

    Marine Le Pen zeigt sich kämpferisch. Trotz eines Urteils, das ihre politische Zukunft gefährden könnte, bekräftigte die Vorsitzende der Fraktion des Rassemblement National (RN) am vergangenen Wochenende ihre Entschlossenheit, bei der französischen Präsidentschaftswahl 2027 erneut anzutreten. In einem Interview betonte sie: „Ich gebe absolut nicht auf, ich bin äußerst kampfbereit.“ Die Äußerung folgte auf mediale Spekulationen über einen möglichen Rückzug, nachdem Details zu ihrem bevorstehenden Berufungsverfahren öffentlich wurden. Sie stellte klar, dass es sich dabei keineswegs um eine Resignation handle – vielmehr sehe sie sich durch die juristische Lage gezwungen, auch einen alternativen Fahrplan in Betracht zu ziehen, sollte ein Urteil in letzter Instanz zu nah an die Wahltermine rücken. Ein Schuldspruch mit weitreichenden Folgen Marine Le Pen war im Frühjahr 2025 in erster Instanz zu fünf Jahren Unwählbarkeit verurteilt worden – also zu einem temporären Ausschluss von der Ausübun…

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