Schlagwort: Macron

  • Macron gegen den Rest der Republik: Warum der Präsident jetzt auf seinen „ treuen Soldaten“ setzt

    Macron gegen den Rest der Republik: Warum der Präsident jetzt auf seinen „ treuen Soldaten“ setzt

    In einer politischen Landschaft, die an ein Pulverfass erinnert, setzt Emmanuel Macron auf einen Mann, der eigentlich schon gegangen war. Der Präsident hat Sébastien Lecornu erneut zum Premierminister ernannt – nur wenige Tage, nachdem dieser selbst seinen Rückzug erklärt hatte. Das Kalkül dahinter: Stabilität um jeden Preis. Doch was wie eine strategische Rochade wirkt, ist in Wahrheit ein riskanter Schachzug. Denn Macron steht isolierter da denn je – und Lecornu bekommt die undankbarste Rolle in diesem politischen Drama: die des Feuerwehrmanns in einem brennenden Haus.

    Der stille Aufsteiger Sébastien Lecornu, einst Verteidigungsminister, hat sich über Jahre hinweg das Image eines loyalen Technokraten erarbeitet – zurückhaltend, wortkarg, beinahe klösterlich in seinem Auftreten. Nicht umsonst nennt er sich selbst einen „moine-soldat“ – einen Mönch-Soldaten. Früh in die Politik eingestiegen, gelang ihm der Aufstieg über das Parlament bis in höchste Regierungskreise. In der Verteidigun…

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  • Mitte, rechts oder links – Frankreichs politische Identität im Wandel

    Mitte, rechts oder links – Frankreichs politische Identität im Wandel

    Frankreich lässt sich heute schwerlich als eindeutig „linkes“ oder „rechtes“ Land einordnen. Zu tiefgreifend haben sich die politischen Koordinaten seit der Gründung der Fünften Republik verschoben, zu volatil ist die parteipolitische Landschaft geworden. Was bleibt, ist ein demokratischer Schauplatz, auf dem sich ideologische Lager neu formieren, Allianzen zerfallen und politische Ränder erstarken.

    Die Frage, ob Frankreich eher nach links oder nach rechts tendiert, verfehlt in gewisser Weise die Realität. Vielmehr handelt es sich um ein politisches Gefüge, das sich in permanenter Neujustierung befindet – geprägt von einem wachsenden Zentrum, einer geschwächten Linken und einer zunehmend präsenten Rechten.


    Ein historischer Kompass mit verblasster Nadel

    Der Ursprung der Begriffe „links“ und „rechts“ liegt in der Französischen Revolution: Damals saßen progressive Kräfte links vom Präsidenten der Nationalversammlung, konservative Vertreter rechts. Diese symbolische Ordnung hat sich über Jahrhunderte hinweg erhalten, wurde aber in Frankreich – einem Land mit tief verwurzelter politischer Streitkultur – zunehmend komplexer.

    In der Fünften Republik, die 1958 unter Charles de Gaulle gegründet wurde, prägten wechselnde Mehrheiten das Regierungshandeln. Doch die klassische Alternanz zwischen sozialistischer Linker und bürgerlicher Rechter wurde spätestens mit dem Aufstieg Emmanuel Macrons 2017 durchbrochen. Der ehemalige Wirtschaftsminister unter François Hollande formierte mit La République en Marche (heute Renaissance) ein zentristisches Lager, das sich sowohl aus konservativen als auch progressiven Strömungen speiste – ein Bruch mit dem traditionellen Parteiensystem.


    Fragmentierung statt Lagerbildung

    Die vorgezogenen Parlamentswahlen 2024 haben deutlich gemacht, wie sehr sich das politische System Frankreichs ausdifferenziert hat. Weder das linke Lager noch die rechte oder zentristische Mitte konnten eine absolute Mehrheit erringen. Zwar wurde der rechtsextreme Rassemblement National (RN) mit 33 % der Stimmen zur stärksten Einzelkraft, doch verhinderte eine breite republikanische Front seine Regierungsübernahme.

    Die neu gegründete Linksallianz Nouveau Front Populaire wurde mit 182 Sitzen zur stärksten Fraktion in der Nationalversammlung – allerdings ohne eigene Mehrheit. Präsident Macron, dessen Renaissance-Partei nur an dritter Stelle landete, sieht sich seither mit einer instabilen parlamentarischen Lage konfrontiert. Die Exekutive regiert mittels wechselnder Koalitionen, teils durch Anwendung von Artikel 49.3 der Verfassung, der Gesetzesverabschiedungen ohne Parlamentsvotum erlaubt. Die Folge: ein zunehmend fragiler politischer Betrieb mit wechselnden Mehrheitsverhältnissen.

    Diese Entwicklungen stehen exemplarisch für einen strukturellen Wandel: Frankreich ist kein Zwei-Lager-System mehr, sondern ein politisches Kaleidoskop mit mehreren Machtzentren und hoher Volatilität.


    Thematische Widersprüche: Zwischen Etatismus und Identitätspolitik

    Die französische Wählerschaft zeigt sich ideologisch keineswegs einheitlich. In Fragen der Sozialpolitik – etwa hinsichtlich Umverteilung, Renten oder öffentlicher Daseinsvorsorge – dominiert vielfach ein staatsgläubiger, eher linker Grundkonsens. Frankreich gibt rund 31 % seines BIP für Sozialausgaben aus – einer der höchsten Werte in der OECD.

    Gleichzeitig herrscht in Fragen der inneren Sicherheit, der Migration oder nationalen Identität eine zunehmend rechte Stimmungslage. Die Debatten um laizistische Prinzipien, islamistische Radikalisierung oder Kriminalität in den Banlieues werden stark durch rechte Narrative geprägt – was dem RN einen Resonanzraum eröffnet, den er strategisch nutzt.

    Diese thematische Spaltung lässt sich auch parteipolitisch beobachten: Während die Linke insbesondere im sozialen Bereich Anschluss findet, dominiert die Rechte beim Thema Sicherheit. Das politische Zentrum versucht, beide Anliegen zu integrieren, verliert dabei aber zunehmend an Profil und Glaubwürdigkeit.


    Der institutionelle Rahmen als Verstärker

    Frankreichs politische Architektur trägt zur gegenwärtigen Instabilität bei. Die starke Stellung des Präsidenten – mit weitreichenden Vollmachten in Außen- und Verteidigungspolitik – steht einer zunehmend fragmentierten Legislative gegenüber. Der Präsident wird in direkter Wahl bestimmt, was ihm eine eigene demokratische Legitimation verleiht. Die Parlamentswahlen hingegen spiegeln ein vielfältigeres Bild gesellschaftlicher Präferenzen wider.

    Zugleich begünstigt das Zwei-Runden-Wahlsystem taktische Allianzen und Blockaden. Besonders auffällig: Der sogenannte front républicain – das parteiübergreifende Bündnis zur Verhinderung eines Wahlsiegs des RN – hat sich mehrfach als wirksames Bollwerk erwiesen. Doch sein Fundament bröckelt: Immer mehr Wählerinnen und Wähler empfinden solche Zweckbündnisse als undemokratische Machterhaltungsstrategie und wenden sich in der Folge radikalen und populistischen Parteien zu.


    Frankreichs politische Identität ist im Wandel. Der Versuch, das Land entlang der klassischen Achse links–rechts zu verorten, greift zu kurz. Vielmehr zeigen sich Tendenzen zu einem „dritten Weg“, flankiert von einer wachsenden Polarisierung an den Rändern. Der zentristische Kurs Emmanuel Macrons hat das Parteiensystem durchlässiger, aber auch instabiler gemacht. Die Linke versucht, durch neue Bündnisse wieder Anschluss zu finden, während das Rassemblement National sich zunehmend als „legitime“ Volkspartei inszeniert.

    Ob Frankreich langfristig eher nach rechts oder nach links tendiert, wird weniger von ideologischer Kohärenz als von der Fähigkeit zur Regierungsbildung und zum Kompromiss abhängen. Eindeutig ist derzeit nur eines: Die politische Landschaft Frankreichs ist vielfältig, fragil – und offen wie selten zuvor.

    Autor:Andreas M. Brucker

  • „C’est la seule chose qu’on n’a pas essayée“ – Frankreichs Präsident und eine linke Regierung

    „C’est la seule chose qu’on n’a pas essayée“ – Frankreichs Präsident und eine linke Regierung

    Frankreich steht vor einem jener Momente, in denen die politische Logik der Fünften Republik an ihre Grenzen stößt. Emmanuel Macron, ein Präsident ohne Mehrheit und ohne sichtbaren Ausweg, steht vor einer Entscheidung, die seine gesamte Amtszeit neu definieren könnte: Soll er eine Premierministerin oder einen Premierminister aus dem Lager der Linken ernennen, um eine drohende Parlamentsauflösung zu vermeiden? Was noch vor Kurzem als abwegige Spekulation galt, gewinnt an Kontur. Es wäre der Versuch, das Unversöhnliche zu versöhnen – und zugleich der Beweis, dass die französische Politik, wie man sie bisher kannte, erschöpft ist.

    Die französische Verfassung gibt dem Präsidenten Machtfülle, aber keine Wunderwaffen. Nach Wochen ergebnisloser Verhandlungen, in denen der letzte Premierminister Sébastien Lecornu vergeblich versuchte, eine tragfähige Mitte-Koalition zu schmieden, scheint Macron an einem Punkt angelangt, an dem er nur noch zwischen zwei Unsicherheiten wählen kann: einem neuen Urnengang, der das Rassemblement national stärken dürfte, oder einer Zusammenarbeit mit Kräften, die ihm politisch diametral gegenüberstehen. Die Sozialisten wittern in dieser Lage ihre große Stunde. Sie fordern ein Kabinett der Linken und Grünen, getragen von einer Mehrheit der Vernunft – ein zartes, aber kalkuliertes Angebot an die Macronisten, die eine erneute Niederlage an der Wahlurne fürchten müssen.

    Dass ein solcher Premierminister überleben könnte, widerspricht auf den ersten Blick jeder politischen Erfahrung der letzten Jahre. Doch die Kräfteverhältnisse im französischen Parlament haben sich verschoben. Die Macron-Fraktion ist innerlich zersplittert, viele ihrer Abgeordneten haben sich vom Élysée entfremdet. Der frühere Hoffnungsträger Gabriel Attal zeigt eine auffallende Bereitschaft, über parteipolitische Linien hinweg zu verhandeln. Selbst in der Präsidentenpartei wächst die Einsicht, dass eine weitere Eskalation nur den Extremparteien nützen würde. Eine linke Regierung könnte so zum Instrument der Stabilisierung werden – nicht aus Überzeugung, sondern aus Notwendigkeit.

    In der Linken wiederum ist der Wunsch nach Verantwortung unübersehbar, verbunden mit der klaren Abgrenzung von Jean-Luc Mélenchons linkspopulistischer „France insoumise“. Der Sozialistischen Partei unter Olivier Faure ist es gelungen, das eigene Profil als pragmatisch, institutionstreu und kompromissfähig zu schärfen. Sie weiß, dass ein Premierminister der Linken nur dann Bestand haben kann, wenn er die Mitte nicht provoziert. Der Verzicht auf den autoritären Gebrauch des Artikels 49.3, das Bekenntnis zum parlamentarischen Dialog und die Bereitschaft zu inhaltlichen Zugeständnissen sind Signale, die über das linke Lager hinaus wirken sollen. Faure will nicht die Revolution, sondern die Rückkehr zur Normalität – ein seltenes Programm in der französischen Politik.

    Für Emmanuel Macron wäre eine solche Lösung zugleich Demütigung und Entlastung. Er müsste akzeptieren, dass die Regierungspolitik nicht von ihm selbst bestimmt wird, könnte aber den Anschein einer konstruktiven Handlungsbereitschaft wahren. Eine linke Regierung, die sich auf Kompromisse mit den Macronisten stützt, wäre kein Bruch mit dem System, sondern ein befristeter Waffenstillstand im Dienste der Stabilität. Macron könnte sagen, er habe alles versucht – eine Form politischer Schadensbegrenzung, die seine Gegner kaum angreifen können.

    Der Preis wäre freilich hoch. Die institutionelle Architektur der Fünften Republik ist auf klare Mehrheiten und vertikale Verantwortung gebaut. Eine Regierung, die auf der Duldung ihrer Gegner beruht, wäre strukturell schwach. Schon das erste unpopuläre Gesetz, der erste Haushalt, könnte sie ins Wanken bringen. Der Versuch, das Land über parteipolitische Brüche hinweg zu einen, könnte leicht in einem stillen Krieg der Revanchen enden. Die Vorstellung, dass eine Linke, die sich erst mühsam von Mélenchon emanzipiert hat, inzwischen zur Stabilität beitragen kann, bleibt gewagt.

    Und doch ist genau diese Wette der Kern des französischen Dilemmas. Das politische Zentrum hat seine Strahlkraft verloren, die Extreme wachsen, und der Präsident, der einst als Verkörperung des Pragmatismus galt, ist zur Geisel seiner eigenen Machtvorstellung geworden. Ein Premierminister aus der Linken wäre kein Sieg der Sozialdemokratie, sondern ein Symptom einer Republik, die ihren inneren Kompass sucht. Es wäre ein Experiment, das nur aus Erschöpfung geboren werden konnte – und vielleicht gerade deshalb eine Chance verdient.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Zwischen Dauerkrise und Chaos – Wie deutsche und britische Medien auf Frankreichs Regierungskrise blicken

    Zwischen Dauerkrise und Chaos – Wie deutsche und britische Medien auf Frankreichs Regierungskrise blicken

    Sébastien Lecornu war französischer Premierminister – allerdings nur kurz. Nach 27 Tagen im Amt und nur wenigen Stunden nach der Vorstellung seines Kabinetts war schon wieder Schluss. Eine Farce? Ein Albtraum? Oder schlicht Ausdruck einer politischen Realität, die Frankreichs Institutionen zunehmend sprengt?

    Ein Blick in die Presselandschaften Deutschlands und Großbritanniens zeigt: Der Nachhall dieser Rücktrittsposse hallt weit über Frankreich hinaus – und was man darin liest, klingt alarmierend.


    Großbritannien: Ein Land blickt kopfschüttelnd über den Ärmelkanal

    Die britische Presse liebt große Gesten, starke Bilder, ironische Zwischentöne. Genau das spiegelt sich in ihrer Berichterstattung über Frankreichs Regierungskrise.

    „Chaotisch“ lautet das zentrale Schlagwort. Lecornus Rücktritt wird als Symbol völliger Regierungsunfähigkeit gedeutet. Kommentatoren betonen, dass in Frankreich das Prinzip des Kompromisses offenbar ausgedient habe – Parteien agieren wie verfeindete Lager, die lieber alles blockieren, als gemeinsam Verantwortung zu tragen. Und in der Mitte: ein Präsident, der zunehmend wirkt wie ein Statist auf der eigenen Bühne.

    Das politische Drama wird dabei eng mit wirtschaftlichen Risiken verknüpft. Börsen reagieren nervös, der Euro schwächelt, die Renditen französischer Staatsanleihen steigen. Es klingt, als traue man Frankreich keine ernsthaften Reformen mehr zu. Ein Premier, der schneller geht als kommt, sendet das falsche Signal – vor allem an Investoren.

    Zwischen den Zeilen schwingt auch ein kultivierter Spott mit. „Sacre bleu!“ – nicht wörtlich, aber als Haltung. Die Idee eines Frankreichs, das brillant, impulsiv, aber im Grunde unregierbar ist, passt zu britischen Erzählmustern. Und doch: Hinter der Ironie liegt echtes Unbehagen. Denn wenn eine der wichtigsten Nationen Europas ins institutionelle Trudeln gerät, ist das keine französische Affäre mehr – sondern ein europäisches Problem.


    Deutschland: Analyse statt Drama – aber mit düsterem Unterton

    Ganz anders die Tonlage in der deutschen Presse. Keine schmissigen Überschriften, keine spitzen Kommentare – dafür umso mehr Analyse, Zahlen, Systemkritik.

    Man spricht von „Dauerkrise“, von einer „instabilen politischen Lage“, von einer „strukturellen Blockade“. Lecornus Rücktritt gilt nicht als Ausrutscher, sondern als Symptom einer tiefer liegenden Krankheit: Frankreichs politische Architektur kommt mit der realen Parteienlandschaft nicht mehr zurecht.

    Besonders deutlich wird das bei der Haushaltsproblematik. In mehreren Artikeln wird gewarnt, dass Frankreichs Budgetplanung ins Wanken geraten könnte. Ohne klare Mehrheiten und stabile Regierungsführung seien weder Reformen noch Investitionsprogramme verlässlich umsetzbar. Der Ton ist sachlich, aber unterschwellig alarmiert: Wenn Paris wackelt, wackelt auch die Eurozone.

    Einige Kommentare gehen noch weiter und fordern ein politisches „Loslassen“ – Macron müsse lernen, Macht zu teilen. Andere fragen offen, ob Frankreich noch regierbar ist. Diese Frage wirkt zunächst provokant, offenbart aber die Sorge, dass sich Frankreichs Demokratie in eine Sackgasse manövriert haben könnte.

    Und zwischen all der Nüchternheit schleicht sich ein Gedanke ein, der fast revolutionär klingt: Frankreich, so heißt es einmal, sei „reif für einen politischen Umbruch“.


    Was die internationalen Schlagzeilen gemeinsam haben

    So unterschiedlich die Tonlagen – das Urteil ist ähnlich.

    Erstens: Frankreich erscheint als unregierbar. Präsident und Parlament blockieren sich gegenseitig, während Regierungschefs im Monatsrhythmus das Handtuch werfen. Das Wort „Impasse“ – politisches Patt – taucht auffallend häufig auf, vor allem in der deutschen Berichterstattung.

    Zweitens: Die wirtschaftlichen Folgen stehen im Zentrum. Beide Länderpressehäuser sehen eine direkte Verbindung zwischen Instabilität in Paris und Reaktionen auf den Finanzmärkten. Vertrauen schwindet, Risiken steigen – das ist der Subtext jeder zweiten Analyse.

    Drittens: Macron selbst gerät ins Zentrum der Kritik. Manche fragen, ob es nicht an der Zeit sei, die eigene Rolle zu überdenken. Denn wer immer wieder Premiers benennt, die im politischen Maschinenraum sofort zerrieben werden, verliert irgendwann selbst an Autorität.


    Und was zwischen den Zeilen mitschwingt

    Interessanterweise wird eines selten thematisiert: die französische Öffentlichkeit. Was bedeutet all das für das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger? Wie lange lassen sich solche Regierungsexperimente noch durchhalten, ohne dass eine größere politische Erschütterung folgt?

    Und dann ist da noch die europäische Dimension. Besonders in deutschen Kommentaren wird zwar auf mögliche Folgen für die EU hingewiesen – aber was das konkret für gemeinsame Projekte, die deutsch-französische Zusammenarbeit oder Europas Rolle in der Welt bedeutet, bleibt vage.

    Vielleicht liegt genau hier die größte Leerstelle: Frankreichs politische Dauerkrise hat das Potenzial, die europäische Architektur zu destabilisieren. Nur traut sich das bislang kaum jemand laut auszusprechen.

    Oder traut man es sich einfach nicht zu denken?

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Frankreich taumelt – Europas Medien sehen ein Land am Rand des politischen Zusammenbruchs

    Frankreich taumelt – Europas Medien sehen ein Land am Rand des politischen Zusammenbruchs

    Frankreich steht unter Strom. Die überraschende Demission von Premierminister Sébastien Lecornu, nur 26 Tage nach seiner Ernennung, hat nicht nur in Paris Schockwellen ausgelöst – sie hat auch in den Redaktionen Europas ein Beben verursacht. Kaum ein Leitmedium, das die Entwicklung nicht als Zeichen einer tiefgreifenden Instabilität deutet. Von „Unordnung ohne Beispiel“ spricht die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die spanische ABC konstatiert eine „atemberaubende Eskalation“, und der italienische Corriere della Sera nennt das politische System der Fünften Republik eine „Maschine, die nur noch stottert“. Ein Land, das einst als Garant europäischer Stabilität galt, erscheint plötzlich wie ein politisches Experiment unter Notstrom.

    Eine Krise mit Ansage Der aktuelle Sturm ist nicht vom Himmel gefallen. Sein Ursprung reicht zurück in den Sommer 2024 – den Moment, als Präsident Emmanuel Macron in einem riskanten Manöver die Nationalversammlung auflöste, in der Hoffnung, die wachsende Unruh…

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  • Frankreichs politische Selbstblockade

    Frankreichs politische Selbstblockade

    Die 48 Stunden nach Sébastien Lecornus Rücktritt zeigen die institutionelle Erschöpfung der Fünften Republik

    Der Rücktritt von Sébastien Lecornu nach nur 27 Tagen im Amt des französischen Premierministers markiert weit mehr als ein persönliches Scheitern. Innerhalb von zwei Tagen legte sich ein grelles Licht auf die tiefe Funktionsstörung des französischen politischen Systems – ein System, das zwischen institutioneller Erstarrung, parteipolitischer Fragmentierung und einem präsidialen Machtvakuum taumelt.


    Ein Mandat ohne Mehrheit

    Als Emmanuel Macron Anfang September 2025 den jungen, erfahrenen Vertrauten Sébastien Lecornu zum Premierminister ernannte, verband er damit die Hoffnung, dem zerrissenen politischen Zentrum neues Leben einzuhauchen. Doch schon die Ausgangslage war ziemlich aussichtslos. Nach den vorgezogenen Parlamentswahlen von 2024 verfügte kein Lager über eine absolute Mehrheit: Weder das Mitte-Bündnis „Renaissance“ noch die Republikaner, Sozialisten oder die linkspopulistische „La France insoumise“ (LFI) sind regierungsfähig.

    Lecornu, zuvor Verteidigungsminister, versuchte, sich durch eine pragmatische Haltung von seinem Vorgänger François Bayrou abzugrenzen. Er versprach, den berüchtigten Artikel 49.3 – der es der Regierung erlaubt, Gesetze ohne Abstimmung durchzusetzen – nur als letztes Mittel zu nutzen, und suchte stattdessen einen „Dialog mit allen Kräften des Landes“. Doch das politische Klima ist vergiftet. Die Kompromissbereitschaft, auf die das parlamentarische System angewiesen wäre, blieb Illusion.


    Erste Risse am Koalitionsgefüge

    Schon bei der Vorbereitung der Regierungsbildung zeigte sich, dass Lecornus Versuch einer Öffnung zum Scheitern verurteilt war. Mehrere Minister der konservativen Republikaner (LR) drohten mit Rücktritt, nachdem ihre Partei nur unbedeutende Ressorts erhalten sollte. François Bayrou, Chef der Zentrumspartei MoDem und unglücklicher Vorgänger Lecornus, protestierte lautstark gegen die „Marginalisierung“ seines Lagers.

    Diese Konflikte waren keine taktischen Episoden, sondern Ausdruck einer strukturellen Krise. In einem politischen Feld, in dem persönliche Loyalitäten, parteitaktische Kalküle und ideologische Reinheit einander blockieren, war Lecornu von Anfang an eine Übergangsfigur – ohne eigene Mehrheit, ohne Rückhalt in der Assemblée nationale, ohne sichtbaren Plan.


    Zwei Tage zwischen Macht und Ohnmacht

    Am Morgen des 6. Oktober reichte Lecornu seine Demission im Élysée ein. Präsident Macron akzeptierte sie – und betraute ihn zugleich mit einer letzten Mission: 48 Stunden lang sollte er versuchen, doch noch eine „Plattform der Stabilität“ zu schaffen. Der Auftrag war symbolisch, fast theatralisch. Denn schon bald sickerte durch, dass Lecornu nicht bereit war, im Fall eines Erfolgs erneut die Regierung zu führen.

    Diese Episode legte die ganze Tragik der französischen Gegenwartspolitik offen. Lecornu war de facto Premierminister eines Landes ohne Regierung, Unterhändler eines Präsidenten ohne Mehrheit und Mediator eines Systems, das sich selber lähmt. Weder die Sozialisten noch die Republikaner, weder die Grünen noch die Linkspopulisten wollten sich auf ein gemeinsames Programm einlassen. Die Fronten zwischen den Blöcken blieben unversöhnlich.


    Der Stillstand als Systemzustand

    Was sich in diesen zwei Tagen abspielte, war weniger eine Krise als die Offenbarung einer Dauerkrise. Die Fünfte Republik, 1958 auf die Autorität des Präsidenten zugeschnitten, steht im Jahr 2025 vor einem strukturellen Paradox: Das Präsidialsystem verlangt Durchsetzungsfähigkeit, das Parteiensystem produziert Unregierbarkeit.

    Ohne Mehrheit im Parlament kann kein Premier Gesetzesvorhaben durchbringen; ohne funktionierende Legislative verliert der Präsident seine Handlungsbasis. Die Folge ist ein institutioneller Stillstand, der in Brüssel und an den Finanzmärkten zunehmend Besorgnis auslöst. Der Financial Times zufolge reagierten Investoren mit wachsendem Misstrauen auf den politischen Schwebezustand: steigende Risikoaufschläge, schwankende Kurse französischer Staatsanleihen, zunehmende Skepsis gegenüber der Haushaltsstabilität.

    Zudem zeichnet sich ab, dass Macron – inzwischen politisch weitgehend isoliert – den letzten verbliebenen Hebel nutzt: die Drohung einer erneuten Auflösung der Nationalversammlung. Doch eine weitere Parlamentswahl könnte die Fragmentierung eher vertiefen als beheben.


    Ermüdung der Institutionen

    Die französische Öffentlichkeit reagiert zunehmend mit Gleichgültigkeit auf die Abfolge von Rücktritten, Krisensitzungen und Neuverhandlungen. Seit 2024 haben sich drei Regierungen im Amt abgelöst, keine davon dauerte länger als einige Monate. Der fortgesetzte Ausnahmezustand des Regierens unterminiert nicht nur das Vertrauen in die Parteien, sondern auch in die demokratische Effizienz des Staates selbst.

    Politikwissenschaftler in Paris sprechen von einer „institutionellen Erschöpfung“: Die Mechanismen der V. Republik – einst Garant für Stabilität – seien in einer Gesellschaft, die nach Dialog und Repräsentation verlangt, zu starr geworden. Der Versuch, das alte Machtmodell durch technokratische Pragmatik zu retten, verstärkt nur den Eindruck, dass Politik sich im Kreis dreht.


    Ein Präsident scheint Schachmatt

    Für Emmanuel Macron ist Lecornus Rücktritt ein schwerer Rückschlag. Der Präsident, dessen zweite Amtszeit ohnehin von schwindender Zustimmung und Autorität geprägt ist, sieht sich ohne verlässliche Mehrheiten, ohne stabile Regierung und ohne politische Reservebank. Jede Personalentscheidung wird zur Frage der Legitimität seines eigenen Systems.

    Macrons Machtbasis beruht noch auf der Rolle des Moderators zwischen Blöcken, doch selbst diese Position verliert an Gewicht. Die extreme Rechte des Rassemblement National (RN) profitiert von der Lähmung des Zentrums, während auf der Linken das Bündnis „Nouveau Front populaire“ zwischen Sozialisten, Grünen und LFI in sich zerfällt. Frankreich steuert damit auf ein institutionelles Niemandsland zu – in dem weder klare Mehrheiten noch dauerhafte Opposition existieren.


    Frankreich erlebt in diesen Tagen die Agonie eines politischen Modells, das seine eigene Modernität überlebt hat. Die Fünfte Republik, geboren aus der Krise von 1958, hat sich über Jahrzehnte durch ihre Stabilität ausgezeichnet. Nun droht sie an genau diesem Prinzip zu scheitern: an der Unfähigkeit, Mehrdeutigkeit und Pluralismus in Regierungsfähigkeit zu übersetzen. Lecornus Rücktritt ist kein Unfall, sondern Symptom einer Republik, die in ihren eigenen Mechanismen gefangen ist – und deren Zukunft ungewisser kaum sein könnte.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Stunde der Ungewissheit: Lecornus Rücktritt erschüttert Frankreichs Märkte

    Stunde der Ungewissheit: Lecornus Rücktritt erschüttert Frankreichs Märkte

    Der spektakuläre Rücktritt von Sébastien Lecornu vom Amt des Premierministers nur wenige Stunden nach der Vorstellung seines Kabinetts hat Frankreich in eine neue Phase politischer Unsicherheit gestürzt. Die Reaktion der Finanzmärkte war unmittelbar: Die Risikoprämien für französische Staatsanleihen zogen spürbar an, der Leitindex CAC 40 verlor innerhalb weniger Stunden über zwei Prozent. Was auf den ersten Blick wie ein personalpolitisches Missgeschick wirken mag, ist in Wahrheit Ausdruck einer tieferliegenden strukturellen Krise: Die politische Mitte in Frankreich verliert an Halt – und mit ihr der ökonomische Handlungsspielraum des Staates. Vertrauensschock auf den Anleihemärkten Nur wenige Minuten nach Bekanntwerden der Rücktrittsmeldung gerieten französische Staatsanleihen unter Druck. Der Zins auf zehnjährige französische Bonds stieg kurzfristig auf 3,61 % – ein kritischer Wert, der nach Einschätzung von Marktbeobachtern als psychologische Schwelle gilt. Zwar pendelte sich der Zi…

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  • Wenn Regieren unmöglich wird – Frankreich im Spiegel der Weimarer Republik

    Wenn Regieren unmöglich wird – Frankreich im Spiegel der Weimarer Republik

    „On ne peut pas être Premier ministre quand les conditions ne sont pas réunies“ – man kann nicht Premierminister sein, wenn die Bedingungen nicht erfüllt sind. Der Satz wirkt zunächst wie eine schlichte Feststellung politischer Zweckmäßigkeit. Doch in Zeiten institutioneller Unsicherheit erhält er eine tiefere Bedeutung: Was sind eigentlich die „Bedingungen“ für eine Regierung? Und wer entscheidet, ob sie erfüllt sind? Ein Blick auf das gegenwärtige Frankreich und die historische Weimarer Republik zeigt, wie eng politische Legitimität an stabile Mehrheiten, institutionelle Kultur und strategisches Kalkül geknüpft ist.


    Die Fünfte Republik am Rand der Handlungsunfähigkeit

    Die französische Verfassung verleiht dem Präsidenten große Befugnisse. Er ernennt den Premierminister – formell ohne Rücksicht auf das Parlament. Doch in der politischen Praxis ist dieses Recht längst eingebettet in ein Geflecht unausgesprochener Regeln: Ein Premierminister muss regierungsfähig sein, muss ein Programm durchbringen, Gesetze einbringen, Mehrheiten organisieren können. All das setzt voraus, dass das Parlament ihn zumindest duldet – besser: unterstützt. Wenn diese Voraussetzungen fehlen, nützt auch der Rückhalt im Élysée wenig.

    Seit den letzten Parlamentswahlen ist genau das der Fall. Keine der politischen Blöcke verfügt über eine klare Mehrheit. Die Nationalversammlung ist zersplittert, das Vertrauen zwischen den Fraktionen gering. Der Präsident muss Premierminister ernennen, die im besten Fall Kompromisse zwischen diametral entgegengesetzten Lagern aushandeln – oder im schlechtesten Fall bereits am ersten Haushaltsentwurf scheitern.

    Die politische Folge ist eine Serie kurzer, instabiler Regierungen. Premierminister treten ab, bevor sie ihr Programm vorstellen können. Andere verweigern gleich ganz die Amtsübernahme – mit Verweis auf „nicht erfüllte Bedingungen“. Der Satz wird so zur realpolitischen Selbstdiagnose. Denn auch wenn die Verfassung keine Vertrauensabstimmung verlangt: In der Realität entscheidet das Parlament über die Lebensdauer jeder Regierung. Und eine Regierung, die keine Gesetze mehr durchbekommt, ist keine.

    Zwar existieren verfassungsrechtliche Auswege – etwa das berühmte Instrument Artikel 49.3, das es erlaubt, Gesetze ohne Abstimmung zu verabschieden. Doch jedes Mal, wenn die Exekutive zu solchen Mitteln greift, verliert sie ein Stück politische Autorität. Der Ausnahmezustand wird zur Normalität – ein gefährliches Spiel, wenn man die Geschichte Europas kennt.


    Weimar: Wenn Institutionen nicht tragen

    Die Weimarer Republik kannte keine präsidentielle Exekutive französischen Zuschnitts, wohl aber ähnliche Dilemmata. Auch dort konnte der Reichspräsident den Reichskanzler ernennen, formal ohne Zustimmung des Parlaments. Aber ein Kanzler ohne parlamentarische Mehrheit war politisch ohnmächtig. Er konnte nicht regieren – oder nur mithilfe von Notverordnungen, wenn er auf das Vertrauen des Reichstags verzichten musste.

    Zwischen 1919 und 1933 sah Weimar eine Flut kurzlebiger Kabinette. Der Grund: ein zersplittertes Parteiensystem, fragile Koalitionen, tiefe gesellschaftliche Gräben. Regierungen standen unter ständigem Druck, wurden gestürzt, traten zurück oder verloren schlicht ihre Handlungsfähigkeit. Auch hier wurde oft versucht, durch präsidentielle Notverordnungen weiterzuregieren – an der parlamentarischen Realität vorbei. Was als Ausnahme gedacht war, wurde zur Regel. Die Konsequenz war eine schleichende Aushöhlung demokratischer Legitimität.

    Die Kanzler der späten Weimarer Jahre – Brüning, Papen, Schleicher – regierten alle ohne parlamentarische Mehrheit, gestützt allein auf den Reichspräsidenten. Formell im Amt, praktisch isoliert, politisch zusehends delegitimiert. Und doch hielten sie sich – bis schließlich die Republik selbst scheiterte.

    Weimar zeigt, was geschieht, wenn die institutionelle Balance zwischen Exekutive und Legislative kippt. Wenn Regierungen existieren, aber nicht mehr regieren. Wenn „die Bedingungen“ nicht erfüllt sind – und es dennoch niemanden gibt, der das ausspricht. Der Weg ins Autoritäre beginnt nicht mit einem Putsch, sondern mit einem schleichenden Verlust parlamentarischer Realität.


    Regieren als Balanceakt zwischen Verfassung und Vertrauen

    Was lässt sich aus diesem Vergleich ziehen? Zunächst: In beiden Systemen ist die Regierungsfähigkeit nicht allein eine Frage der Verfassung. Sondern eine Frage der politischen Kultur, der Koalitionsfähigkeit, des Vertrauens. Regieren setzt voraus, dass ein Regierungschef nicht nur ernannt wird, sondern auch durchsetzen kann. Die Fähigkeit, Mehrheiten zu organisieren, ist nicht bloß taktisches Geschick – sie ist die Grundlage jeder politischen Autorität.

    In Frankreich wie in Weimar gilt: Der Verfassungstext allein garantiert keine Stabilität. Wer sich allein auf formale Rechte beruft, riskiert den Verlust realer Handlungsmacht. Eine Exekutive, die ohne parlamentarischen Rückhalt agiert, mag kurzfristig funktionieren – langfristig führt sie in eine politische Sackgasse. Und mit jeder Krise, mit jeder Regierung, die scheitert, wächst das Misstrauen in das System selbst.

    Doch der entscheidende Unterschied zwischen den beiden Republiken liegt in der institutionellen Resilienz. Frankreich verfügt über ein gefestigtes republikanisches Selbstverständnis, über ein Bewusstsein für die Grenzen exekutiver Macht – und über eine Zivilgesellschaft, die auf autoritäre Tendenzen sensibel reagiert. Weimar hatte das nicht. Dort traf institutionelle Schwäche auf gesellschaftliche Radikalisierung – ein gefährlicher Cocktail.


    Wenn also heute französische Politiker erklären, sie könnten unter den gegebenen Bedingungen kein Regierungsamt übernehmen, dann ist das kein Zeichen von Schwäche. Es ist – zumindest im besten Fall – ein Ausdruck politischer Klarsicht. Eine Regierung, die keine Mehrheit hat, ist nicht nur ineffektiv. Sie gefährdet die Legitimität des gesamten Systems.

    Und das lehrt uns auch die Geschichte: „Premierminister“ oder „Kanzler“ ist kein Titel, den man allein durch Ernennung trägt. Es ist ein Amt, das sich im täglichen politischen Handeln bewähren muss. Ohne Unterstützung, ohne Zustimmung, ohne die Fähigkeit zum Kompromiss – bleibt nur der Rücktritt. Oder der Weg in die Irre.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Kommentar: Ein „Weiter so“ hat uns noch nie nach vorne gebracht – Herr Macron

    Kommentar: Ein „Weiter so“ hat uns noch nie nach vorne gebracht – Herr Macron

    Frankreich taumelt. Und Emmanuel Macron schaut zu.

    Während das politische Paris in Flammen steht – institutionell, moralisch, demokratisch – klammert sich der Élysée an ein Phantom: Stabilität. Mit der Ernennung Sébastien Lecornus zum Premierminister und Wiedereinsetzung fast aller bisheriger Minister in ihre angestammten Ämter hat Macron keinen Aufbruch gewagt, sondern eine Bankrotterklärung unterschrieben. Keine Vision, keine Linie, kein Mut. Nur Taktik, nur Machterhalt. Ein „Weiter so“ in seiner erschlafften Reinform.

    Doch ein „Weiter so“ hat uns noch nie nach vorne gebracht, Herr Macron.

    Die Franzosen haben den politischen Verschleiß satt. Sie haben genug von gesichtslosen Technokraten, von inszenierten Kabinetten ohne Herzschlag. Lecornu? Ein loyaler Verwalter, vielleicht. Aber kein Mann der Stunde. Nicht inmitten der schwersten Legitimitätskrise der Fünften Republik seit 1958. Nicht in einem Land, in dem jeder zweite Wähler inzwischen radikal wählt – aus Wut, aus Angst oder aus Ohnmacht.

    Die Demokratie steht auf dem Spiel. Und der Präsident spielt Mikado.

    Was Macron in diesen Wochen präsentiert, ist eine Reproduktion seiner alten Fehler: Personalpolitik als politische Alibihandlung. Reformrhetorik ohne Substanz. Dialogangebote, die wie Drohungen klingen. Er lässt einen Premier auftreten, der das Renten-Thema umschifft, die soziale Frage weichzeichnet und den zentralen Nerv der Zeit – die Spaltung zwischen Zentrum und Peripherie – nicht einmal benennt. Lecornu spricht von Zusammenhalt, während ihm das Fundament zerbröselt.

    Die Franzosen brauchen keinen Verwaltungsdirektor im Matignon – sie brauchen eine Regierung mit Haltung. Mit Courage. Mit einer Antwort auf das wachsende Misstrauen gegenüber den Institutionen.

    Macron hätte ein Zeichen setzen können. Stattdessen wählte er die Sicherungskopie seiner selbst.

    Die Entscheidung für Lecornu und des „neuen“ Kabinetts ist ein Schlag ins Gesicht derer, die noch an die Erneuerung der Republik glaubten. Sie zeigt, dass Macron entweder nicht mehr versteht, was im Land vor sich geht – oder es ihm schlicht egal ist. Beides wäre fatal. Denn der nächste politische Unfall lauert bereits: Eine erfolgreiche Misstrauensabstimmung. Eine Implosion der Mehrheitsbasis. Oder – und das ist das gefährlichste Szenario – der endgültige Triumph des Rassemblement National bei Neuwahlen.

    Wer heute in Frankreich auf die Straße geht, ruft nicht mehr nach Reformen. Er ruft nach Abrechnung.

    Macron hat noch eine letzte Chance. Aber dafür müsste er tun, was ihm zutiefst widerstrebt: Macht abgeben. Verantwortung teilen. Ehrlich kommunizieren. Und endlich aufhören, sein Land wie ein Start-up zu führen – und beginnen, es wie eine Demokratie zu behandeln.

    Ein „Weiter so“ war nie der Weg in die Zukunft. Sondern der direkte Weg ins politische Vakuum.

    Frankreich braucht keine Beruhigungstabletten. Es braucht einen Schock. Einen ehrlichen Neuanfang. Alles andere ist Selbstbetrug.

    Ein Kommentar von Andreas M. Brucker

  • Regierung auf Abruf – Sébastien Lecornu zwischen Misstrauen, Manövern und Mehrheitsnot

    Regierung auf Abruf – Sébastien Lecornu zwischen Misstrauen, Manövern und Mehrheitsnot

    Der neue französische Premierminister Sébastien Lecornu ist erst seit wenigen Wochen im Amt – und sein Kabinett erst gestern ernanntes Kabinett steht bereits auf wackligen Füßen. Angesichts massiver Kritik von links und rechts, interner Unruhe in der Koalition und drohender Misstrauensanträge stellt sich die Frage: Handelt es sich um eine Übergangsregierung – oder beginnt hier ein erneuter riskanter politischer Drahtseilakt? Eine Ernennung aus der Defensive Als Sébastien Lecornu am 9. September 2025 zum Premierminister ernannt wurde, kam dies nicht aus einer Position der Stärke. Sein Vorgänger François Bayrou war nach einem Misstrauensvotum gestürzt worden – ein Novum in der Geschichte der Fünften Republik. Lecornu, bislang als loyaler Macronist und Minister für die Überseegebiete und für Verteidigung bekannt, wurde von Präsident Emmanuel Macron als verlässlicher Moderator berufen – nicht als politischer Visionär. Von Anfang an war klar: Das neue Kabinett entsteht nicht aus strategisch…

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