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  • Kommentar: Wenn Touristen die Schönheit überrennen und zertrampeln…

    Kommentar: Wenn Touristen die Schönheit überrennen und zertrampeln…

    Es gibt Orte, da bleibt einem der Atem weg. Nicht, weil sie laut oder spektakulär sind, sondern weil sie still sind. Zart. Echt. Das kleine Dorf Gerberoy ist so ein Ort – oder war es. Heute ist er ein Mahnmal dafür, wie wir Schönheit zu Tode lieben können.

    Denn was nützt die schönste Blume, wenn 100.000 Schuhe sie zertrampeln?

    Manchmal denke ich, der Mensch hat vergessen, wie man zu Gast ist. Er kommt, schaut, knipst – und lässt zurück, was er nicht mitnehmen will: Müll, Lärm, Rücksichtslosigkeit. In Gerberoy klauen sie Blumen aus Vorgärten. Blumen! Wie dumm muss man sein, um einem Dorf die Seele zu rauben?

    Es reicht eben nicht, „süßes Dörfchen“ zu sagen und weiterzuziehen. Wer Schönheit schätzt, muss sie auch schützen.

    Ich höre schon die Gegenstimmen: „Aber Tourismus ist doch wichtig!“ Ja – und? Ist das die Entschuldigung für rücksichtsloses Verhalten? Für parkende Autos auf Privatwegen? Für volle Mülleimer um elf Uhr morgens?

    Es geht hier nicht um Touristen. Es geht um Respekt. Um das fragile Gleichgewicht zwischen dem Wunsch zu entdecken – und dem Recht zu bleiben, wie man ist.

    Gerberoy ist kein Themenpark. Kein lebendes Postkartenmotiv. Es ist ein Zuhause. Für 104 Menschen, die ihre Ruhe, ihre Würde, ihre Lebensqualität verteidigen müssen – gegen ein Heer aus Flipflops, Smartphones und Eiskaffee-Bechern.

    Wo bleibt unser Maß? Unsere Demut? Muss wirklich jeder schöne Ort in Instagram-taugliche Bruchstücke zerlegt werden?

    Ich bin für Tourismus. Aber nicht für Raubzüge im Namen der Freizeitgestaltung.

    Denn die wahre Schönheit – sie zeigt sich dort, wo man still wird. Und nicht dort, wo man drängelt, filmt und Blumen klaut.

    Weniger Selfies. Mehr Seele. Das wäre mal was.

    Autor: M.A.B.

  • Wann begreifen unsere Politiker endlich, dass Aufklärung das beste Heilmittel ist?

    Wann begreifen unsere Politiker endlich, dass Aufklärung das beste Heilmittel ist?

    Es gibt Zahlen, die machen sprachlos. 15 Millionen Menschen könnten leben – wenn wir es nur ernst meinen würden mit der Prävention. Wenn wir nicht ständig an den Symptomen herumdoktern würden, sondern endlich die Ursachen bekämpfen. Doch was machen unsere Politiker? Sie schauen zu. Verwalten. Warten. Und verlieren dabei Jahr für Jahr Tausende Menschen an eine Krankheit, die oft vermeidbar gewesen wäre: Leberkrebs.

    Es ist zum Verzweifeln.

    Die Wissenschaft schreit es uns seit Jahren entgegen: Aufklärung rettet Leben. Gesundheitsbildung in der Schule, ehrliche Gespräche über Alkohol, Zucker, Bewegungsmangel – das wären unsere stärksten Waffen. Aber was passiert? Nichts. Kein einziger Präsident, Premierminister oder Bundeskanzler hat je eine Rede zur Volkskrankheit Fettleber gehalten. Kein(e) Gesundheitsminister(in) macht Prävention zur Staatsaufgabe. Stattdessen gibt’s neue Werbeplakate für Online-Apotheken – und das war’s.

    Wie kann es sein, dass wir in einem der reichsten Länder der Welt leben, aber bei gesundheitlicher Aufklärung arm dran sind?

    Statt Kindern früh beizubringen, was ihr Körper braucht – und was ihn zerstört –, lassen wir sie durch ein Bildungssystem stolpern, das Ernährung nur als Wahlfach begreift. Statt Jugendliche vor dem ungebremsten Konsumrausch von Energy Drinks und Billigalkohol zu schützen, zucken wir mit den Schultern und sagen: „Muss jeder selbst wissen.“ Echt jetzt?

    Nein, muss eben nicht jeder selbst wissen. Nicht, wenn Wissen fehlt. Nicht, wenn Lobbyinteressen lauter sind als Gesundheitsverstand. Nicht, wenn Millionen Menschen durch vermeidbare Krankheiten sterben – weil niemand den Mut hat, es ihnen rechtzeitig zu erklären.

    Wir brauchen keine neuen Medikamente. Wir brauchen Aufklärung. In jeder Schule. In jeder Familie. In jedem verdammten Supermarktregal.

    Denn Gesundheit ist kein Luxus. Und Prävention ist keine Privatangelegenheit. Sie ist die ureigenste Aufgabe eines Staates, der sich sozial nennt.

    Wann verstehen das endlich die, die unsere Gesetze machen?

    Wenn erst 1,3 Millionen Menschen jedes Jahr an Leberkrebs sterben?

    Oder nie?

    Von C. Hatty

  • Kommentar: Die beste aller schlechtesten Lösungen – Frau von der Leyen, das war eine Kapitulation

    Kommentar: Die beste aller schlechtesten Lösungen – Frau von der Leyen, das war eine Kapitulation

    Manchmal braucht es kein diplomatisches Feingefühl, sondern Klartext: Das neue Zollabkommen zwischen der EU und den USA ist kein Triumph europäischer Verhandlungskunst. Es ist ein Akt der Notwehr, eine politische Kapitulation, die uns als Erfolg verkauft wird. Und niemand sollte sich darüber täuschen lassen, dass Ursula von der Leyen hier einen „guten Deal“ geschlossen habe. Sie hat das gemacht, was in Brüssel leider viel zu oft geschieht: Zeit gekauft – auf Kosten von Einfluss, Glaubwürdigkeit und strategischer Souveränität.

    15 % Zoll auf den Großteil europäischer Exporte? 750 Milliarden Dollar an zugesagten Energieimporten aus den USA? 600 Milliarden Dollar an Investitionen, die wir angeblich dort tätigen wollen? Das ist kein Deal, das ist ein Schutzgeld, das wir zahlen, um nicht mit 30 % Zöllen wirtschaftlich erschlagen zu werden. Donald Trump hat es ganz offen gesagt: Er hat bekommen, was er wollte. Und wir? Wir applaudieren höflich – und nennen es „Stabilität“.

    Ich frage mich, was für eine Stabilität das eigentlich sein soll. Eine, in der Europa zum Juniorpartner einer ökonomischen Drohkulisse degradiert wird? Eine, in der wir unsere Energie- und Rüstungsabhängigkeit zementieren, weil uns der Mut fehlt, hier in Europa zu investieren, selbst zu handeln, selbst zu denken? Das ist keine Stabilität. Das ist Erpressbarkeit mit System.

    Man kann Frau von der Leyen zugutehalten, dass sie einen Handelskrieg verhindert hat. Ja – aber um welchen Preis? Dass sie nicht weiter wusste, ist nachvollziehbar. Dass sie das Ergebnis als Erfolg verkauft, ist eine Beleidigung der europäischen Intelligenz. Es ist, als würde man ein Leck in einem Schiff mit Tesafilm abkleben und sagen: „Das Wasser kommt wenigstens langsamer rein.“

    Noch tragischer aber ist die politische Symbolik: Europa duckt sich. Schon wieder. Vor Trump. Vor einem Präsidenten, der offen mit Handelskrieg droht, der Europa nicht als Partner, sondern als Gegner sieht. Und was tut Europa? Es verhandelt, es fleht, es zahlt. Diese Unterwürfigkeit ist ein Offenbarungseid.

    Frankreichs Europaminister Benjamin Haddad hat recht, wenn er von einem „unausgewogenen“ Abkommen spricht. Doch seine Mahnung bleibt ungehört. Wo ist der Aufschrei in Berlin, in Rom, in Madrid? Warum gibt es keine rote Linie, keine Vision, kein europäisches Gegengewicht zu dieser aggressiven Wirtschaftspolitik aus Washington?

    Wir brauchen kein „Manhattan-Projekt“ für die EU. Wir müssen endlich politisch erwachsen werden. Wer sich immer wieder auf Deals einlässt, die ihm fundamental schaden, nur um das nächste Desaster zu vermeiden, hat keine Strategie, sondern Angst. Und Angst war noch nie ein guter Ratgeber in der Weltpolitik.

    Was bleibt? Die Illusion von Stabilität, erkauft durch das Versprechen, sich nicht zu wehren. Und eine Kommissionspräsidentin, die ein „großes Abkommen“ verkündet – das in Wahrheit nichts anderes ist als die beste aller schlechten Lösungen.

    Ein Kommentar von Andreas Brucker

  • Kommentar: „Ihr Politiker – von euren Spitzenköchen könnt ihr was lernen!“

    Kommentar: „Ihr Politiker – von euren Spitzenköchen könnt ihr was lernen!“

    Was für ein Land sind wir geworden, wenn es die Spitzenköche sind, die unsere Gesundheit verteidigen müssen – während gewählte Politiker schulterzuckend Gift auf unsere Felder lassen?

    Frankreich, du Land der feinen Küche, der großen Worte und der stolzen Geschichte – du wirst gerade von denen verraten, die geschworen haben, dein Volk zu schützen. Die „Loi Duplomb“ ist kein „pragmatischer Kompromiss“, wie Minister sagen. Sie ist ein Kotau vor der Agrarindustrie, ein Ausverkauf der Verantwortung, eine Einladung zum schleichenden Vergiften.

    Und ausgerechnet jetzt sind es nicht Ärzt:innen, nicht Umweltminister oder Präsidenten, die aufstehen. Es sind unsere Köchinnen und Köche. Menschen, die sonst in ihren Küchen filigran mit Aromen hantieren, die morgens auf dem Markt die besten Produkte suchen und die noch wissen, was es heißt, Lebensmittel mit Respekt zu behandeln.

    400 von ihnen sagen jetzt laut und klar: „Nourrir, pas empoisonner“„Ernähren, nicht vergiften.“ Sie machen das, was ihr nicht mehr tut, liebe Politiker: Sie übernehmen Verantwortung. Sie kämpfen für Qualität, für das Leben, für unsere Kinder. Und ihr? Ihr setzt auf Rückschritt. Auf Gifte. Auf befristete Ausnahmegenehmigungen, die am Ende niemals wirklich befristet sind. Wie erbärmlich.

    Diese Menschen, die ihr immer gern zu Staatsempfängen einladet, weil ihr ihren Sternen und Preisen schmeichelt, haben euch gerade den Spiegel vorgehalten. Und was sie sehen, ist nicht schön. Sie sehen eine Politik, die aus Angst vor kurzfristigem Lobbydruck die langfristige Zukunft verspielt. Die Pestizide wieder erlaubt, weil es „die Wirtschaft“ verlangt – aber die Gesundheit der Bürger in den Fußnoten versteckt.

    Lasst es euch gesagt sein: Wenn selbst die stillen Handwerker der Gastronomie laut werden, dann habt ihr den Bogen längst überspannt.

    Die Spitzenköche haben Rückgrat gezeigt. Ihr hingegen, liebe Politikerinnen und Politiker, habt euch mal wieder durchgewunden. Vielleicht solltet ihr einen Tag lang mit Olivier Roellinger, Glenn Viel oder Mauro Colagreco verbringen. Sie könnten euch etwas beibringen. Nicht über Trüffel oder Jus – sondern über Anstand, Ethik und Haltung.

    Und vielleicht begreift ihr dann, was gute Politik und gute Küche gemeinsam haben: Beides beginnt mit der Qualität der Zutaten – und endet mit dem Respekt vor dem Menschen, der am Tisch sitzt.

    Ein Kommentar von Andreas Brucker

  • Kommentar: Ein Innenminister, der seinen Präsidenten angreift – das darf ja wohl nicht Ihr Ernst sein, Herr Retailleau!

    Kommentar: Ein Innenminister, der seinen Präsidenten angreift – das darf ja wohl nicht Ihr Ernst sein, Herr Retailleau!

    Man reibt sich die Augen. Der Mann, der die Sicherheit der Republik garantieren soll, der die Autorität des Staates nach außen wie nach innen verkörpert – dieser Mann, Bruno Retailleau, greift den Präsidenten der Republik frontal an. Nicht hinter verschlossenen Türen. Nicht in einem internen Arbeitskreis. Nein, öffentlich, laut, demonstrativ. Das ist kein politischer Diskurs mehr – das ist Sabotage im Ministerrang.

    Retailleau sagt, der Macronismus sei „keine Ideologie“, sondern eine „leere Hülle um einen Mann“. Er nennt die Linie des Präsidenten „verantwortungslos“, spricht von „Staatsversagen“ und „Impotenz“. Und all das als Mitglied jener Regierung, die er zugleich diskreditiert? Man fragt sich: Wo bleibt der Respekt vor dem Amt? Wo die politische Hygiene? Wo, bitte schön, der Anstand?

    Der Innenminister Frankreichs ist nicht irgendein Minister. Er ist der Hüter der öffentlichen Ordnung, der Garant für Stabilität und Verlässlichkeit in einer Zeit multipler Krisen – von der Sicherheitslage bis zur gesellschaftlichen Fragmentierung. Wer dieses Amt bekleidet, trägt eine besondere Verantwortung: Loyalität gegenüber dem republikanischen Gefüge. Was Retailleau aber tut, ist das Gegenteil – eine politisch inszenierte Selbstvermarktung auf dem Rücken der Institutionen.

    Man mag Emmanuel Macron kritisch sehen. Man darf sogar seine Politik ablehnen. Aber wer in einem Kabinett sitzt, das vom Präsidenten getragen wird, und gleichzeitig dessen politisches Fundament angreift, der betreibt nichts anderes als moralischen Vertragsbruch. Retailleau will den Kuchen essen und doch behalten: Regierungsmacht genießen und Opposition spielen. Das ist nicht couragiert, das ist schäbig.

    Und man muss es so deutlich sagen: Wer so agiert, schwächt nicht nur den Präsidenten, sondern das Vertrauen in den Staat. Wer das Gefühl vermittelt, die Regierung sei ein zerstrittener Haufen, in dem jeder seine eigene Agenda verfolgt, der bereitet den Boden – für Radikale, für Populisten, für die totale Politikverdrossenheit. Und genau das kann sich Frankreich im Moment am allerwenigsten leisten.

    Herr Retailleau, Sie wollen Präsident werden? Dann treten Sie zurück und führen Ihren Wahlkampf ganz offen. Haben Sie den Mut zur Klarheit. Aber hören Sie auf, den Staat von innen auszuhöhlen, während Sie sich von außen als moralische Autorität inszenieren. Das ist nicht staatsmännisch – das ist brandgefährlich.

    Frankreich braucht keine Minister mit doppeltem Spiel. Frankreich braucht Rückgrat. Und Ehrlichkeit.

    Ein Kommentar von Andreas M. Brucker

  • Kommentar: Die Wiederkehr der Dämonen – Frankreichs fatale Amnesie

    Kommentar: Die Wiederkehr der Dämonen – Frankreichs fatale Amnesie

    Am 23. Juli 1945, nur wenige Wochen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa, begann in Paris ein Prozess, der weit mehr war als ein juristisches Verfahren. Es war ein Akt nationaler Katharsis. Auf der Anklagebank: Marschall Philippe Pétain – Held von Verdun, Vater der „Révolution nationale“, und Symbol des moralischen Bankrotts einer ganzen Nation. Achtzig Jahre ist das jetzt her. Und doch beschleicht einen dieser Tage ein beunruhigendes Déjà-vu.

    Frankreich, das Land der Aufklärung, der Menschenrechte, der Résistance, taumelt wieder. Und es fragt sich: Haben wir wirklich etwas gelernt?

    Der Fall Pétain – eine nationale Zerreißprobe

    Pétains Prozess war mehr als ein juristisches Urteil über Hochverrat und Kollaboration. Er war eine offene Wunde. Millionen Franzosen hatten das Vichy-Regime nicht nur ertragen, sondern unterstützt. Sie hatten weggesehen, als jüdische Kinder deportiert wurden. Sie hatten profitiert, als „unfranzösische Elemente“ entrechtet und ausgegrenzt wurden. Pétain war nicht nur Täter, er war Projektionsfläche – für die Angst vor dem Chaos, für das Bedürfnis nach Ordnung, für das Versagen einer ganzen Gesellschaft.

    Und heute? Heute wird wieder projiziert. Wieder gefürchtet. Wieder gesucht: der „Schuldige“.

    Vom Schatten des Vichy ins Licht des Front National

    Wer heute durch Frankreich reist, hört wieder diese alten, gefährlichen Sätze. Dass „man im eigenen Land fremd sei“. Dass „die da oben“ das Volk verraten hätten. Dass „französische Werte“ verteidigt werden müssten – gegen Migranten, Muslime, „Globalisten“. Es ist der Soundtrack einer Nation, die sich selbst verliert. Einer Nation, die zu vergessen scheint, wohin dieser Weg schon einmal geführt hat.

    Marine Le Pen, Erbin der Vichy-Rhetorik im neuen Gewand, hat es geschafft, den Front National zu normalisieren. Die Partei nennt sich inzwischen „Rassemblement National“, gibt sich bürgerlich, staatstragend – und bleibt im Kern eine Bewegung des Ressentiments, des revisionistischen Nationalismus. Und Frankreich? Frankreich wählt sie. Immer mehr. Immer offener. In manchen Départements wurde der RN bei den Europawahlen stärkste Kraft mit über 40 Prozent.

    Ist das nicht ein kollektives Gedächtnisversagen?

    Antisemitismus – die nie geheilte Wunde

    Noch schlimmer: Der Antisemitismus, den viele nach dem Pétain-Prozess für überwunden hielten, ist zurück. Nicht mehr nur von den Rändern, nicht nur aus islamistischen Milieus, sondern auch in der Mitte. In den Schulen, in den sozialen Netzwerken, auf den Straßen. Die Affäre um die ermordete Holocaust-Überlebende Mireille Knoll (2018) war ein Fanal – und doch nur eine von vielen alarmierenden Episoden.

    Wie konnte es so weit kommen? Wie kann ein Land, das sich jedes Jahr stolz an die Résistance erinnert, gleichzeitig dulden, dass jüdische Gemeinden wieder Angst haben, die Kippa in der Öffentlichkeit zu tragen?

    Geschichte wiederholt sich nicht – aber sie reimt sich

    „Die Geschichte wiederholt sich nicht“, schrieb Mark Twain, „aber sie reimt sich.“ Und in Frankreich klingt der Reim derzeit erschreckend vertraut. Es ist nicht 1940. Aber die Sehnsucht nach autoritärer Ordnung, die Bereitschaft zur Ausgrenzung, die Gleichgültigkeit gegenüber den ersten Opfern – sie sind wieder da. Und sie greifen um sich.

    Man will schreien angesichts dieser historischen Ironie. Man will rufen: Wacht endlich auf! Habt ihr denn Pétains Prozess vergessen? Habt ihr vergessen, was es bedeutet, wenn eine Demokratie sich selbst aufgibt – Schritt für Schritt, Gesetz für Gesetz, Wahl für Wahl?

    Frankreich steht heute erneut an einem Scheideweg. Es kann sich entscheiden für die offene Republik, für Vernunft, Aufklärung und Erinnerung. Oder es kann wieder marschieren – in eine dunkle Zukunft, im Namen einer verklärten Vergangenheit.

    Wer glaubt, man könne mit den Dämonen der Geschichte spielen, ohne sie zu entfesseln, irrt. Und dieser Irrtum hat in Frankreich schon einmal Millionen das Leben gekostet.

    Ein Kommentar von Andreas M. Brucker

  • Limoges brennt – und Frankreich schaut zu

    Limoges brennt – und Frankreich schaut zu

    Ein Kind wird von einer Kugel getroffen. Neun Polizisten landen verletzt im Krankenhaus. Familien mit kleinen Kindern werden auf einer Landstraße von Baseballschlägern bedroht. Nein, wir reden nicht von Mexiko-Stadt. Wir reden von Limoges. Einer französischen Mittelstadt, einst Synonym für Ruhe, Porzellan und Provinzcharm – heute ein Pulverfass.

    Was ist passiert?

    Frankreich befindet sich längst in einem Drogenkrieg. Und Limoges, Béziers, Rennes oder Grenoble sind nur die sichtbarsten Brandherde. Der 19. Juli war kein „Zwischenfall“. Es war ein lauter Schrei: Ein Staat verliert die Kontrolle. Im Val de l’Aurence, einem Quartier wie aus dem sozialpolitischen Lehrbuch des Scheiterns, liefern sich jugendliche Dealer und die Polizei eine Straßenschlacht mit Mörsern, Baseballschlägern und blankem Hass. Wer da noch von „Jugenddelinquenz“ spricht, verharmlost die Realität.

    Denn das ist keine Jugendkriminalität. Das ist organisierter, brutal durchgesetzter Drogenhandel. Mit Waffen. Mit territorialem Anspruch. Mit Einschüchterung. Und mit dem Gefühl: Uns kann sowieso niemand etwas.

    Wer trägt die Verantwortung?

    Die Politik. Und zwar seit Jahrzehnten. Man hat ganze Viertel dem sozialen Verfall überlassen – mit wohlklingenden Konzepten, aber ohne echte Mittel. Man hat Schulen verkommen lassen, Arbeitslosigkeit verwaltet, Parallelgesellschaften ignoriert. Und jetzt? Jetzt ist man überrascht, dass junge Menschen, ohne Zukunft, ohne Perspektive, aber mit Zugang zu schnellen Euros aus dem Kokainverkauf, sich ihre eigene Ordnung schaffen.

    Und die Justiz?

    Sie wartet auf mehr Personal. Der Vergleich mit Europa ist beschämend. Viermal mehr Staatsanwälte bräuchte Frankreich, um auch nur im Mittelfeld zu landen. Viermal! Das ist kein Detail. Das ist ein Systemversagen.

    Und was tut der Staat?

    Er schickt Polizei-Einheiten. Macht punktuelle Razzien. Greift durch – für ein paar Tage. Die Dealer aber, sie lachen. Weil sie zurückkommen. Weil sie wissen: Das Netz der Kontrolle hat Löcher. Und das größte Loch ist politischer Wille. Oder genauer gesagt: der Mangel daran.

    Wie konnte es so weit kommen?

    Weil man die Augen verschlossen hat. Weil man lieber über „Chancengleichheit“ philosophiert hat, statt sich den Realitäten der Straße zu stellen. Weil man dachte, der Drogenhandel sei ein Problem von Marseille, nicht von Limoges. Falsch gedacht. Die Dealer haben keine Postleitzahlenschranken. Sie gehen dahin, wo man sie am wenigsten stört. Und das ist – ausgerechnet – die Mitte Frankreichs. Die Stille. Die Unscheinbare. Die Vergessene.

    Limoges steht symbolisch für das, was in Frankreich falsch läuft.

    Eine Stadt, die sich selbst nicht wiedererkennt. Eine Gesellschaft, die Gefahr läuft, sich aufzugeben. Und ein Staat, der mit angezogener Handbremse gegen eine Gewalt ankämpft, die längst wie ein Krebsgeschwür wuchert. Denn wer nicht hart und klug zugleich handelt, verliert. Und der Staat verliert gerade – Meter für Meter.

    Was jetzt?

    Es reicht nicht, Polizeiwagen durch die Straßen rollen zu lassen. Wir brauchen eine nationale Offensive. Keine Gießkanne, kein Placebo, sondern echten politischen Mut. Wer sich Frankreich zurückholen will, muss investieren – in Bildung, in Justiz, in Sozialarbeit. Und ja, auch in Polizei. Aber vor allem: in Konsequenz. Wer Drogenhandel duldet, duldet Gewalt. Wer Gewalt duldet, verliert das Vertrauen der Menschen.

    Und wenn Frankreich dieses Vertrauen verspielt – was bleibt dann noch?

    Ein Kommentar von C. Hatty

  • Kommentar: „Ils m’appelaient chouf“: Wie wir unsere Kinder an die Drogenmafia verlieren – und warum wir es zulassen

    Kommentar: „Ils m’appelaient chouf“: Wie wir unsere Kinder an die Drogenmafia verlieren – und warum wir es zulassen

    Ich erinnere mich noch genau an den Jungen, der mich eines Abends in Marseille mit leerem Blick ansah. Vielleicht war er 13, vielleicht 14 – aber er sprach wie ein Mann, der schon zu viel gesehen hat. „Ils m’appellent chouf“, sagte er. Sie nennen mich den Späher. Er stand am Eingang eines heruntergekommenen Immeubles, sein Handy in der Hand, bereit zu warnen, wenn die Polizei kommt. Er war höflich, nicht aggressiv. Und vollkommen verloren.

    Es war nicht sein Blick, der mir das Herz zerriss – es war die Gleichgültigkeit, mit der er seine Rolle akzeptierte. Der Staat war für ihn ein Phantom, seine Schule eine Ruine, seine Zukunft ein Witz. Die einzigen, die ihm Anerkennung gaben, waren die Dealer. Und wir – wir alle – lassen das zu.

    Die Mafia übernimmt, wo der Staat versagt

    Frankreich hat sich über Jahre hinweg an einen schleichenden Kontrollverlust gewöhnt. In Hunderten von Vierteln « sensibles » herrscht nicht mehr die République, sondern das Recht des Stärkeren – oder besser: das des Schnellsten. Denn die Drogenökonomie funktioniert effizienter als jedes staatliche Förderprogramm. Sie zahlt besser, bindet stärker, rekrutiert jünger.

    Wir reden heute davon, dass Kinder mit 12 Jahren für Gangs arbeiten. Zwölf. Während bürgerliche Eltern über bilinguale Grundschulen diskutieren, lernt ein anderer Teil der Gesellschaft, wie man Haschisch transportiert, wie man den Blick senkt, wenn das Blaulicht kommt, wie man mit 50 Euro am Tag Respekt verdient.

    Wir dürfen nicht mehr von „abgerutschten Jugendlichen“ sprechen – das ist eine gefährlich beschönigende Metapher. Die Wahrheit ist: Wir lassen zu, dass kriminelle Strukturen systematisch Kinder rekrutieren, emotional manipulieren und sozialisieren. Sie werden nicht nur Täter – sie werden vor allem Produkte eines zynischen Systems, das ihre Sehnsüchte besser versteht als jede Schulbehörde.

    Wegsehen ist Mittäterschaft

    Die Politik liefert sich der Illusion aus, man könne das Problem wegrepressieren. Mehr Polizei, härtere Strafen, neue Gesetze – das alles ändert nichts an der sozialen Realität, in der diese Kinder leben. Jeder zerschlagene Drogenring wird durch einen neuen ersetzt, jede Razzia ist am nächsten Tag vergessen.

    Gleichzeitig versagen unsere präventiven Institutionen auf ganzer Linie. Schulsozialarbeiter sind überfordert, Jugendrichter frustriert, lokale Initiativen unterfinanziert. Während wir Integrationsdebatten führen, verlieren wir Generationen an Parallelwelten, in denen die Regeln des republikanischen Zusammenlebens nie vermittelt wurden – nicht weil die Jugendlichen sie nicht verstehen könnten, sondern weil niemand sie ihnen erklärt hat.

    Noch schlimmer: Wir normalisieren das. Wenn ein 15-Jähriger mit einem Scooter und einer Louis-Vuitton-Tasche durch die cité fährt, zucken wir mit den Schultern. „So ist das halt heute.“ Nein. So darf das nicht sein.

    Wer diese Kinder retten will, muss mehr riskieren

    Es braucht keine neuen Gesetze, sondern einen radikalen Perspektivwechsel. Wer diese Kinder zurückholen will, muss dorthin, wo sie sind: auf die Straße, in die Treppenhäuser, in die stillgelegten Turnhallen. Es reicht nicht, Integrationskurse anzubieten – wir müssen alternative Biografien aufbauen.

    Initiativen wie „Cap Jeunes“ in Amiens zeigen, dass es geht. Ex-Dealer als Mentoren, Sozialarbeiter mit echter Präsenz, kulturelle Programme mit Substanz statt Symbolpolitik – das ist der Weg. Aber dafür braucht es Mut. Den Mut, Ressourcen umzuleiten. Den Mut, auch gegen Widerstand von Sicherheitsfanatikern und Etatisten zu sagen: Diese Kinder sind nicht verloren – noch nicht.

    Und es braucht Öffentlichkeit. Wir müssen aufhören, wegzuschauen. Jeder von uns, der in einem sicheren Viertel lebt, der das Glück hatte, mit intakter Familie und Zukunft aufzuwachsen, hat eine Verantwortung. Denn in einem Land wie Frankreich – das sich Republik nennt – darf das Schicksal eines Kindes nicht vom Postleitzahlenbereich abhängen.

    Wollen wir Kinder oder Soldaten?

    Am Ende stellt sich eine schmerzhafte, aber entscheidende Frage: Wollen wir, dass unsere Gesellschaft Kinder großzieht – oder dass sie Soldaten für die Unterwelt produziert? Denn genau das tun wir derzeit.

    Der 13-jährige „chouf“ in Marseille hatte keine Träume mehr. Nur einen Job. Nur ein System, das ihn benutzt und dann wegwirft. Wir können uns entscheiden, das zu ändern. Aber dafür müssen wir aufhören, uns selbst zu belügen.

    Es gibt keine Neutralität im Angesicht solcher Ungerechtigkeit. Schweigen ist Komplizenschaft.

    Von Andreas Brucker

  • Kommentar: Darf ein Land seine Jugend pauschal einsperren?

    Kommentar: Darf ein Land seine Jugend pauschal einsperren?

    Was in Frankreich derzeit geschieht, ist nicht weniger als ein politischer Offenbarungseid. In mehreren Städten – unter anderem in Nice, Béziers, Curcuron und jetzt auch in Clermont-Ferrand – verhängen Bürgermeister nächtliche Ausgangssperren für Minderjährige. Pauschal. Ohne individuelle Prüfung. Ohne Delikt. Einfach, weil sie jung sind.

    Der Staat, der sich selbst als Wiege der Freiheit rühmt, schließt nun seine Jugend aus dem öffentlichen Raum aus. Zwischen 21 / 22 Uhr und 6 Uhr dürfen Kinder und Jugendliche unter 13, 14 oder 16 Jahren – je nach Kommune – das Haus nicht mehr verlassen. Wer trotzdem draußen erwischt wird, riskiert Bußgelder und das Eingreifen der Polizei. Die Begründung? Gewalt, Vandalismus, Sicherheitsrisiken. Doch statt Ursachen zu bekämpfen, wird kollektiv bestraft – ein demokratischer Tiefpunkt.

    Das Ende der republikanischen Heuchelei

    Die französische Republik war immer stolz auf ihre Prinzipien: Liberté, Égalité, Fraternité. Doch mit jeder neuen Maßnahme dieser Art werden diese Werte ausgehöhlt. Denn es sind nicht „die Jugendlichen“, die Probleme machen. Es sind einzelne, oft sozial marginalisierte junge Menschen – viele aus prekären Vorstädten, ohne Perspektive, ohne Stimme, ohne Vertrauen in ein System, das ihnen seit Jahrzehnten nichts zu bieten hat außer Polizeikontrollen, Schulversagen und Stigmatisierung.

    Mit diesen Ausgangssperren trifft man aber eben nicht nur die Gewalttäter. Man trifft alle. Auch das ruhige Kind, das nachts seine Großmutter besuchen will. Den 13-Jährigen, der nach dem Spätdienst seine Mutter abholen möchte. Das Mädchen, das nach einem Kinobesuch nicht allein nach Hause darf.

    Die Botschaft: Ihr seid ein Risiko. Ihr gehört nicht dazu. Ihr müsst drinnen bleiben.

    Sicherheit gegen Freiheit: Ein fauler Tausch

    Natürlich, Sicherheit ist wichtig. Aber Freiheit ist kein Luxusgut für ruhige Zeiten. Freiheit zeigt ihren Wert gerade dann, wenn es schwierig wird. Wer das Kollektiv unter Generalverdacht stellt, verrät die Grundlagen des Rechtsstaates. Und wer glaubt, Jugendliche durch Repression zu besseren Bürgern zu erziehen, verkennt nicht nur die Psychologie der Jugend, sondern sät gesellschaftliche Spaltung.

    Das Vertrauen in den Staat wird so nicht gestärkt, sondern zerstört. Der Blick auf die Vororte von Paris, Marseille oder Lyon zeigt das längst: Die Gendarmen gelten dort nicht als Garanten der Ordnung, sondern als Besatzer. Wer dort aufwächst, weiß: Freiheit und Gleichheit gelten anderswo.

    Die politische Kapitulation vor dem Unbehagen

    Man darf diese Maßnahmen nicht nur als sicherheitspolitische Reaktion verstehen – sie sind auch ein Zeichen tiefer politischer Ratlosigkeit. Die Regierung in Paris und viele Kommunalpolitiker haben seit Jahren keine wirkungsvolle Antwort auf Jugendgewalt und Perspektivlosigkeit. Statt Bildungsreformen, Sozialarbeit, Integrationsprogrammen oder Investitionen in benachteiligte Viertel, gibt es jetzt: Verbote.

    Dabei zeigt sich hier ein gefährlicher Trend: Statt sozialpolitisch zu handeln, wird autoritär durchgegriffen. Man nennt es Ordnungspolitik, meint aber Kontrolle. Was als Ausnahme gilt, droht zur neuen Norm zu werden – mit fatalen Folgen für den sozialen Frieden.

    Die Jugendlichen, die man jetzt wegsperrt, sind nicht das Problem. Sie sind das Symptom einer Gesellschaft, die ihre Verantwortung abgegeben hat.

    Wenn die Jugend schweigt, hat die Republik verloren

    Es ist leicht, Angst zu schüren. Es ist bequem, mit dem Finger auf „die Jugend“ zu zeigen. Aber was sagen wir ihnen damit? Dass sie keine Teilhabe verdienen? Dass sie gefährlich sind, bevor sie überhaupt etwas getan haben?

    Ein Land, das seine Jugend einsperrt, verliert nicht nur seine Glaubwürdigkeit. Es verliert seine Zukunft. Denn diese jungen Menschen werden sich erinnern – an einen Staat, der sie ausgeschlossen hat. Und irgendwann, vielleicht schon sehr bald, werden sie sich fragen: Warum sollten wir diesen Staat noch achten?

    Ein Kommentar von P.T.

  • Kommentar: Gibt es denn gar keine andere Möglichkeit, als Gewalt und Gegengewalt?

    Kommentar: Gibt es denn gar keine andere Möglichkeit, als Gewalt und Gegengewalt?

    Charleville-Mézières brennt. Mal wieder. Und wie so oft fragt keiner mehr, warum.

    Autos in Flammen. Böller gegen Polizisten. Ein Bürgermeister, der sich in ein Einsatzfahrzeug retten muss, weil ein Feuerwerkskörper ihn fast trifft – was für eine Farce. Und was für ein Symbolbild. Einerseits ein gewählter Vertreter, der sich für Sicherheit starkmacht. Andererseits Jugendliche, die ihn zur Zielscheibe erklären. Dazwischen: Betonblöcke, Polizei, Ratlosigkeit. Und ganz viel Wut.

    Man könnte jetzt leicht sagen: Die da unten, die kennen halt keinen Anstand mehr. Kriminelle, gewaltbereit, integrationsunwillig. Am besten: Wasserwerfer, Tränengas, Ausgangssperre – fertig. Und doch… irgendwas stimmt an diesem Bild nicht. Irgendetwas stinkt gewaltig – und nicht nur wegen der brennenden Mülltonnen.

    Denn ganz ehrlich: Wer feuert denn bitte auf einen Bürgermeister, weil ein Drogenlokal geschlossen wird? Was muss da in einem Menschen brodeln, damit er sich so verhält? Die einfache Antwort – „weil er kriminell ist“ – ist zu billig. Das ist wie bei einem Fieber zu sagen: „Der Körper ist einfach schlecht.“ Nein. Da steckt mehr dahinter. Ein Infekt. Ein Schmerz. Eine Enttäuschung.

    La Houillère, Ronde-Couture – man kennt die Namen mittlerweile. Als Orte der Wut, der Gewalt, der Perspektivlosigkeit. Seit Jahren hört man dieselben Geschichten: Armut, Stigmatisierung, Vernachlässigung. Und ja, auch Drogendealer, organisierte Kriminalität, Parallelstrukturen. Aber was kam zuerst – das Elend oder der Dealer?

    Wenn der Staat jahrzehntelang wegsieht, nur das Nötigste tut, keine Chancen bietet, keine Hoffnung sät – darf er sich dann wundern, wenn er irgendwann nur noch Verachtung erntet?

    Der Bürgermeister von Charleville-Mézières sagt, er wolle „Sicherheit und Ruhe“ zurückbringen. Klingt vernünftig. Aber wie soll das gehen – mit Betonklötzen und Blaulicht allein? Mit Drohgebärden gegen Jugendliche, die sich längst abgewendet haben? Mit Symbolpolitik, die ein Café zubetoniert, während das Vertrauen in Behörden schon lange zerbröselt ist?

    Es ist leicht, über Gewalt zu urteilen, wenn man in einem ruhigen Viertel wohnt, einen Job hat, ein Netzwerk, ein Ziel. Aber wie fühlt es sich an, wenn man nie dazugehört hat? Wenn die Polizei einen nicht schützt, sondern kontrolliert? Wenn die Schule keine Zukunft bringt, sondern nur Frust? Wenn jeder Blick, jedes Gespräch, jeder Besuch im Amt einem klar macht: Du bist hier nicht willkommen?

    Das entschuldigt keine Gewalt. Keine Angriffe. Keine Zerstörung. Aber es erklärt sie.

    Vielleicht ist das die unangenehmste Wahrheit in diesem Drama: Dass wir die Probleme nicht wegbetonieren können. Dass Repression allein nichts heilt, sondern höchstens die Symptome zudeckt. Wie ein Pflaster auf eine eiternde Wunde.

    Gibt es denn gar keine andere Möglichkeit, als Gewalt und Gegengewalt?

    Doch, die gibt es. Aber sie ist unbequem. Sie braucht Zeit, Geld, Ausdauer, Geduld. Sie heißt: zuhören. Investieren. Schulen stärken. Arbeit schaffen. Würde zurückgeben. Und: endlich aufhören, Menschen in unseren Städten wie Fehler zu behandeln, die man korrigieren muss.

    Sicherheit ist nicht nur eine Frage der Polizeipräsenz. Sie ist auch eine Frage der Gerechtigkeit.

    Solange wir das nicht begreifen – solange wird Charleville-Mézières nicht die letzte Stadt sein, die brennt.

    Von C. Hatty