Schlagwort: innere Sicherheit

  • 60.000 zusätzliche Polizisten: Fabien Roussels Antwort auf die Drogenkrise in Frankreich

    60.000 zusätzliche Polizisten: Fabien Roussels Antwort auf die Drogenkrise in Frankreich

    Die Drogenkriminalität in Frankreich erreicht neue Eskalationsstufen – insbesondere in Städten wie Marseille, die seit Jahren als Brennpunkte des organisierten Rauschgifthandels gelten. Inmitten dieser Entwicklung fordert der Vorsitzende der Kommunistischen Partei Frankreichs, Fabien Roussel, einen sicherheitspolitischen Kurswechsel: 60.000 zusätzliche Polizisten, Ermittler und Zollbeamte sollen eingestellt werden, um den Drogenhandel mit „einem Kampf ohne Gnade“ zu bekämpfen.

    Ein radikaler Vorstoß im Zeichen eskalierender Gewalt Die Forderung Roussels erfolgte bei einem großen Parteitreffen in Marseille, nur einen Tag nach einer Gedenkveranstaltung für Mehdi Kessaci, der dort mutmaßlich von Drogenhändlern getötet wurde. Dessen Bruder Amine Kessaci war als junger Aktivist landesweit bekannt geworden, weil er öffentlich gegen die Macht der Drogenbanden protestiert. Für Roussel ist dieser Mord kein Einzelfall, sondern Ausdruck eines umfassenden Staatsversagens. In manchen Vierteln, so s…

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  • Schiesserei in Nizza: Zwischen Schock, Wut und dem großen französischen Erschöpfungsgefühl

    Schiesserei in Nizza: Zwischen Schock, Wut und dem großen französischen Erschöpfungsgefühl

    Es war ein Morgen, an dem die Sonne über Nice aufging, als wolle sie vergessen machen, was in der Nacht geschehen war. Doch der Asphalt des Place des Amaryllis im Viertel des Moulins sprach eine andere Sprache: Einschusslöcher in den Fassaden, Blutspuren, Blumensträuße, die hastig niedergelegt wurden. Zwei Tote, drei Verletzte – eine weitere Schießerei in einem Viertel, das schon zu oft zum Tatort geworden ist.

    Die Menschen sind nicht nur erschüttert. Sie sind müde. Müde von Versprechen, von kurzzeitigem Aktionismus, von Politikern, die für Kameras kommen und dann wieder verschwinden. „Wir haben genug“, sagt eine Anwohnerin, und in diesen drei Worten liegt der ganze Zorn einer Gesellschaft, die sich abgehängt fühlt.


    Der immergleiche Albtraum

    Die Gewalt kommt nicht überraschend. In den Straßenschluchten des Viertels des Moulins leidet man schon lange unter Revierkämpfen, unter einer Stimmung, die jederzeit kippen kann. Und dann passiert es. Männer in Kapuzen, Schüsse aus einem Auto, Panik. Die Ermittler sprechen von Banden, von Drogen, von organisiertem Verbrechen. Doch hinter diesen Begriffen stehen Menschen, Nachbarn, Familien.

    Was früher Ausnahme war, ist Routine geworden. Das Entsetzen weicht der Gewohnheit, die Angst dem Pragmatismus. Wer dort lebt, hat gelernt, Waffen am Geräusch von Schüssen zu identifizieren – eine bittere Alltagskompetenz im Herzen der Côte d’Azur.


    Die Ohnmacht des Staates

    Die Polizei wird kommen, sie wird Präsenz zeigen, dann wieder abziehen. Zurück bleibt ein Gefühl der Leere. Nicht, weil niemand sich kümmert, sondern weil das Kümmern zu episodisch, zu reaktiv ist. Es fehlt die Kontinuität, die Nähe, die Verlässlichkeit.

    Frankreichs Stadtviertel wie dieses in Nizza sind zu Versuchslaboren geworden – zwischen repressiver Polizeistrategie und überforderter Sozialarbeit. Hier zeigen sich die Risse einer Gesellschaft, die ihre Ränder längst aus dem Blick verloren hat. Wo staatliche Autorität schwindet, übernehmen andere Strukturen die Kontrolle. Und sie tun es mit Kalaschnikows und Pistolen statt mit Kompromissen.


    „Ras-le-bol“ – das erschöpfte Land

    „L’émotion est grande, le ras-le-bol également“ – der Satz, den man nun überall hört, ist mehr als nur eine Schlagzeile. Er beschreibt ein nationales Gefühl. Frankreich ist erschöpft, mürbe, zornig. Die Bürgerinnen und Bürger trauen dem Staat nicht mehr zu, das Leben in ihren Straßen zu schützen.

    In dieser Erschöpfung steckt jedoch auch ein Rest Hoffnung. Denn wer müde ist, ist nicht apathisch. Er will Veränderung. Und vielleicht ist genau dieses kollektive „Ras-le-bol“ die einzige Kraft, die etwas bewegen kann – wenn sie gehört wird.


    Die tiefere Frage

    Wie viel Sicherheit schuldet der Staat jenen, die am Rand der Städte leben? Und wie viel Vertrauen darf er von ihnen erwarten? Diese Frage stellt sich in Nizza mal wieder mit brutaler Klarheit. Sie ist nicht lokal, sie ist national.

    Frankreich diskutiert über Polizeigewalt, über Integration, über die „Peripherie“ – doch selten darüber, was es eigentlich heißt, in einem Land zu leben, das die Gleichheit seiner Bürger beschwört und zugleich ganze Stadtviertel aufgibt. Das Viertel des Moulins in Nizza ist nicht nur ein Tatort, sondern ein Symbol für diese Entfremdung.


    Was bleiben muss

    Die Schießerei in Nizza ist ein weiterer Schrei im französischen Lärm aus Krisen und Empörung. Doch sie erinnert auch an etwas Grundlegendes: Sicherheit ist nicht nur eine Frage der Ordnung, sondern des Respekts. Wer die Bewohner von des Moulins ernst nimmt, muss ihnen mehr bieten als Polizeipatrouillen. Bildung, Arbeit, öffentliche Präsenz – kurz: ein Stück Zukunft.

    Die Menschen in Nizza haben keine Geduld mehr für symbolische Politik. Und vielleicht, ja vielleicht, ist das der Beginn einer neuen Ehrlichkeit. Einer, die sich nicht mit Betroffenheit zufriedengibt.

    Autor: Andreas M. B.

  • Jung, verführbar, gefährlich? – Wenn Jugendliche in den Bann des Dschihad geraten

    Jung, verführbar, gefährlich? – Wenn Jugendliche in den Bann des Dschihad geraten

    Ein Teenager, bisher nicht strafrechtlich auffällig. Kein Eintrag, kein Vorfall – nichts. Und doch: Er steht im Verdacht, Anschläge auf en Eiffelturm und eine Synagoge geplant zu haben. Klingt wie ein düsteres Drehbuch, ist aber bittere Realität in Frankreich. Am 1. August 2025 wurden zwei Jugendliche aus der Region Paris unter dem Verdacht der Bildung einer „terroristischen Vereinigung“ angeklagt. Einer von ihnen, über 16 Jahre alt, kam in Untersuchungshaft. Der andere, jünger als 16, wurde in ein geschlossenes pädagogisches Zentrum eingewiesen. Die Ermittlungen förderten eine verstörende Menge an dschihadistischer Propaganda zutage – offenbar verbreitet über Chatgruppen und Gaming-Plattformen. Die Pläne der Teenager? Offenbar nichts Geringeres als ein Terroranschlag auf französischem Boden. Ziel: maximaler Schrecken. Das allein wäre schon alarmierend. Doch was den Fall besonders macht, ist nicht nur die jugendliche Herkunft der Verdächtigen. Es ist der wachsende Trend, den er abbilde…

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  • Nîmes greift zur Ausgangssperre – und was folgt dann?

    Nîmes greift zur Ausgangssperre – und was folgt dann?

    In der südfranzösischen Stadt Nîmes greift die Politik derzeit zu einem drastischen Mittel: Ein nächtliches Ausgangsverbot für Minderjährige unter 16 Jahren soll die zuletzt eskalierende Jugendgewalt in den Griff bekommen. Zwischen 21 Uhr und 6 Uhr dürfen sich Kinder und Jugendliche in sechs als sensibel eingestuften Vierteln nicht mehr ohne Begleitung Erwachsener aufhalten. Die Maßnahme ist vorerst auf 15 Tage befristet – mit Option auf Verlängerung. Der Fall Nîmes ist kein Einzelfall. Immer mehr französische Kommunen sehen sich gezwungen, in Reaktion auf zunehmende Gewaltakte zu temporären oder dauerhaften Ausgangssperren zu greifen. Doch was bringen solche Maßnahmen wirklich? Und welche Risiken gehen mit ihnen einher? Ordnung durch Präsenz – ein kurzer Erfolg Die erste Nacht nach Inkrafttreten der Ausgangsbeschränkung verlief ruhig. Dank massiver Polizeipräsenz, darunter Einheiten der Compagnies Républicaines de Sécurité (CRS), mobile Polizeiteams (BAC) und sogar Drohneneinsatz, bli…

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  • Gewaltspirale in Béziers: Staat reagiert mit harter Hand – Polizei wird verstärkt

    Gewaltspirale in Béziers: Staat reagiert mit harter Hand – Polizei wird verstärkt

    In der südfranzösischen Stadt Béziers eskaliert die Gewalt. Brennende Autos, Angriffe auf Einsatzkräfte und nächtliche Ausschreitungen erschüttern das Quartier La Devèze – ein Viertel, das bereits in der Vergangenheit als sozialer Brennpunkt auffiel. In der Nacht vom 19. auf den 20. Juli 2025 erreichten die Spannungen einen neuen Höhepunkt: Eine Gruppe von rund fünfzig Vermummten griff Polizisten und Feuerwehrleute mit Feuerwerkskörpern an, als diese einen Brand zu löschen versuchten. Ein Beamter wurde verletzt, eine Wohnung brannte aus – Bewohner mussten in Sicherheit gebracht werden. Die Behörden reagierten umgehend: Die Compagnie Républicaine de Sécurité (CRS) 81, eine mobile Spezialeinheit der französischen Polizei, wurde nach Béziers entsandt. Sie soll laut Präfekt François-Xavier Lauch „so lange wie nötig“ bleiben, um die öffentliche Ordnung wiederherzustellen. Brennpunkt La Devèze: Ein Spiegel tieferliegender Probleme Der Stadtteil La Devèze steht exemplarisch für viele sogenann…

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  • Nächtliche Krawalle in Charleville-Mézières: Ein Ausdruck tiefer sozialer Spannungen

    Nächtliche Krawalle in Charleville-Mézières: Ein Ausdruck tiefer sozialer Spannungen

    In der Nacht vom 20. auf den 21. Juli 2025 kam es in Charleville-Mézières die zweite Nacht in Folge zu erheblichen Unruhen, insbesondere im als sozial benachteiligt geltenden Stadtteil La Houillère. Die Bilanz: Sachbeschädigungen, Konfrontationen mit den Sicherheitskräften und insgesamt 15 Festnahmen – darunter drei Minderjährige, die später unter richterliche Aufsicht gestellt wurden. Die Ereignisse werfen ein Schlaglicht auf die tief sitzenden sozialen Herausforderungen, mit denen viele französische Vororte konfrontiert sind. Die Unruhen begannen am späten Samstagabend, als sich Gruppen junger Menschen auf den Straßen versammelten. Laut Augenzeugenberichten wurden Müllcontainer angezündet, Autos beschädigt und die Einsatzkräfte mit Wurfgeschossen attackiert. Die Polizei rückte mit einem Großaufgebot an, konnte die Situation aber erst in den frühen Morgenstunden unter Kontrolle bringen. Der Präfekt des Départements Ardennes betonte in einer Stellungnahme, dass „jede Form von Gewalt mi…

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  • Kommentar: Darf ein Land seine Jugend pauschal einsperren?

    Kommentar: Darf ein Land seine Jugend pauschal einsperren?

    Was in Frankreich derzeit geschieht, ist nicht weniger als ein politischer Offenbarungseid. In mehreren Städten – unter anderem in Nice, Béziers, Curcuron und jetzt auch in Clermont-Ferrand – verhängen Bürgermeister nächtliche Ausgangssperren für Minderjährige. Pauschal. Ohne individuelle Prüfung. Ohne Delikt. Einfach, weil sie jung sind.

    Der Staat, der sich selbst als Wiege der Freiheit rühmt, schließt nun seine Jugend aus dem öffentlichen Raum aus. Zwischen 21 / 22 Uhr und 6 Uhr dürfen Kinder und Jugendliche unter 13, 14 oder 16 Jahren – je nach Kommune – das Haus nicht mehr verlassen. Wer trotzdem draußen erwischt wird, riskiert Bußgelder und das Eingreifen der Polizei. Die Begründung? Gewalt, Vandalismus, Sicherheitsrisiken. Doch statt Ursachen zu bekämpfen, wird kollektiv bestraft – ein demokratischer Tiefpunkt.

    Das Ende der republikanischen Heuchelei

    Die französische Republik war immer stolz auf ihre Prinzipien: Liberté, Égalité, Fraternité. Doch mit jeder neuen Maßnahme dieser Art werden diese Werte ausgehöhlt. Denn es sind nicht „die Jugendlichen“, die Probleme machen. Es sind einzelne, oft sozial marginalisierte junge Menschen – viele aus prekären Vorstädten, ohne Perspektive, ohne Stimme, ohne Vertrauen in ein System, das ihnen seit Jahrzehnten nichts zu bieten hat außer Polizeikontrollen, Schulversagen und Stigmatisierung.

    Mit diesen Ausgangssperren trifft man aber eben nicht nur die Gewalttäter. Man trifft alle. Auch das ruhige Kind, das nachts seine Großmutter besuchen will. Den 13-Jährigen, der nach dem Spätdienst seine Mutter abholen möchte. Das Mädchen, das nach einem Kinobesuch nicht allein nach Hause darf.

    Die Botschaft: Ihr seid ein Risiko. Ihr gehört nicht dazu. Ihr müsst drinnen bleiben.

    Sicherheit gegen Freiheit: Ein fauler Tausch

    Natürlich, Sicherheit ist wichtig. Aber Freiheit ist kein Luxusgut für ruhige Zeiten. Freiheit zeigt ihren Wert gerade dann, wenn es schwierig wird. Wer das Kollektiv unter Generalverdacht stellt, verrät die Grundlagen des Rechtsstaates. Und wer glaubt, Jugendliche durch Repression zu besseren Bürgern zu erziehen, verkennt nicht nur die Psychologie der Jugend, sondern sät gesellschaftliche Spaltung.

    Das Vertrauen in den Staat wird so nicht gestärkt, sondern zerstört. Der Blick auf die Vororte von Paris, Marseille oder Lyon zeigt das längst: Die Gendarmen gelten dort nicht als Garanten der Ordnung, sondern als Besatzer. Wer dort aufwächst, weiß: Freiheit und Gleichheit gelten anderswo.

    Die politische Kapitulation vor dem Unbehagen

    Man darf diese Maßnahmen nicht nur als sicherheitspolitische Reaktion verstehen – sie sind auch ein Zeichen tiefer politischer Ratlosigkeit. Die Regierung in Paris und viele Kommunalpolitiker haben seit Jahren keine wirkungsvolle Antwort auf Jugendgewalt und Perspektivlosigkeit. Statt Bildungsreformen, Sozialarbeit, Integrationsprogrammen oder Investitionen in benachteiligte Viertel, gibt es jetzt: Verbote.

    Dabei zeigt sich hier ein gefährlicher Trend: Statt sozialpolitisch zu handeln, wird autoritär durchgegriffen. Man nennt es Ordnungspolitik, meint aber Kontrolle. Was als Ausnahme gilt, droht zur neuen Norm zu werden – mit fatalen Folgen für den sozialen Frieden.

    Die Jugendlichen, die man jetzt wegsperrt, sind nicht das Problem. Sie sind das Symptom einer Gesellschaft, die ihre Verantwortung abgegeben hat.

    Wenn die Jugend schweigt, hat die Republik verloren

    Es ist leicht, Angst zu schüren. Es ist bequem, mit dem Finger auf „die Jugend“ zu zeigen. Aber was sagen wir ihnen damit? Dass sie keine Teilhabe verdienen? Dass sie gefährlich sind, bevor sie überhaupt etwas getan haben?

    Ein Land, das seine Jugend einsperrt, verliert nicht nur seine Glaubwürdigkeit. Es verliert seine Zukunft. Denn diese jungen Menschen werden sich erinnern – an einen Staat, der sie ausgeschlossen hat. Und irgendwann, vielleicht schon sehr bald, werden sie sich fragen: Warum sollten wir diesen Staat noch achten?

    Ein Kommentar von P.T.

  • Frankreichs Nationalfeiertag unter Hochspannung: Gewalt, Festnahmen und die Grenzen staatlicher Autorität

    Frankreichs Nationalfeiertag unter Hochspannung: Gewalt, Festnahmen und die Grenzen staatlicher Autorität

    Am französischen Nationalfeiertag, dem 14. Juli 2025, wurde Frankreich erneut von einer Welle urbaner Gewalt erschüttert. Trotz eines massiven Polizeiaufgebots kam es in zahlreichen Städten zu Ausschreitungen, Brandstiftungen und Angriffen auf Sicherheitskräfte. Die Ereignisse werfen ein grelles Licht auf die strukturellen Herausforderungen, vor denen Frankreich in der inneren Sicherheit steht – insbesondere im Spannungsfeld zwischen repressiven Maßnahmen, gesellschaftlicher Marginalisierung und politischer Symbolik. Eskalation trotz präventiver Aufrüstung Schon im Vorfeld des Nationalfeiertags hatte das Innenministerium gewarnt und vorbeugend reagiert: Landesweit wurden 53.000 Angehörige von Polizei, Gendarmerie und Feuerwehr mobilisiert – ein außergewöhnlich hohes Niveau, das eher an den Ausnahmezustand erinnert als an eine republikanische Feier. Dennoch verlief die Nacht vom 13. auf den 14. Juli nicht wirklich friedlich. Besonders betroffen war die Île-de-France, wo allein 176 Perso…

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  • Frankreich unter Schutz – wenn der Nationalfeiertag zur Sicherheitsoperation wird

    Frankreich unter Schutz – wenn der Nationalfeiertag zur Sicherheitsoperation wird

    Am 14. Juli erinnert Frankreich an den Sturm auf die Bastille und feiert die Geburtsstunde seiner Republik. Es ist ein Tag des nationalen Selbstbewusstseins, der Freiheit, der republikanischen Werte. Doch in diesem Jahr steht weniger das Feiern im Vordergrund als das Absichern. Fast 13.000 Polizisten und Gendarmen sind im Einsatz – mehr als bei einem Gipfeltreffen internationaler Staatschefs. Frankreich feiert sich selbst – und schützt sich gleichzeitig vor sich selbst. Was sagt das über den Zustand der Nation aus?


    Ausnahmezustand im Regelbetrieb

    Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 45.000 Sicherheitskräfte landesweit, allein 12.500 davon in Paris, dazu militärische Spezialeinheiten, Drohnenüberwachung und mobile Eingreifreserven. Die Regierung begründet das alles mit der Notwendigkeit, auf Terrorgefahr, politische Spannungen und das Risiko gewaltsamer Ausschreitungen vorbereitet zu sein. Doch das Ausmaß dieses Sicherheitsaufgebots verweist auf etwas Tieferliegendes: eine strukturelle Verunsicherung des Staates.

    Der Ausnahmezustand ist zum Dauerzustand geworden. Was vor Jahren noch als Reaktion auf akute Bedrohungen erschien – islamistischer Terror, Gelbwestenproteste, soziale Unruhen – hat sich in eine neue Normalität verwandelt. Frankreichs Republik wird nicht mehr nur symbolisch, sondern buchstäblich verteidigt.


    Die politische Sprache der Sicherheitsarchitektur

    Die staatliche Präsenz bei öffentlichen Großereignissen ist längst mehr als bloßer Schutzmechanismus. Sie ist eine politische Sprache – eine Demonstration staatlicher Handlungsfähigkeit, ein Versuch, Kontrolle auszustrahlen in einer Gesellschaft, in der viele Bürger an genau dieser Kontrolle zweifeln. Präsident Emmanuel Macron setzt bewusst auf diese Symbolik. Der republikanische Feiertag wird zur Bühne der staatlichen Autorität. Panzerfahrzeuge, Elitepolizei, Überwachung – dies alles soll Vertrauen schaffen, schafft aber auch Distanz.

    Zugleich ist das Sicherheitsdispositiv Ausdruck wachsender Unübersichtlichkeit. Frankreich sieht sich konfrontiert mit einer Gemengelage aus sozialen Spannungen in den Banlieues, wachsendem Einfluss extremistischer Bewegungen von links wie rechts, importierten geopolitischen Konflikten und einer tiefen institutionellen Erschöpfung. Die Polizei schützt nicht nur vor äußeren Gefahren, sondern vor einem inneren Zerfall.


    Eine Gesellschaft im permanenten Alarmzustand

    Die französische Gesellschaft ist gespalten – und zunehmend erschöpft. Die Proteste gegen Rentenreformen, die Wut über soziale Ungleichheit, die Eskalation nach Polizeigewalt in Vororten: All dies hat das Vertrauen in die Institutionen erschüttert. Gleichzeitig wächst der Wunsch nach Sicherheit – ein Widerspruch, der sich in der paradoxen Lage verdichtet, dass der Staat sich beim Fest seiner eigenen Emanzipation von monarchischer Gewalt hinter martialischer Ordnungsmacht verbarrikadiert.

    Frankreich scheint in der eigenen republikanischen Erzählung gefangen. Die Ideale der Revolution – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – sind nach wie vor präsent, aber in den gelebten Alltag vieler Bürger kaum noch übersetzbar. Während sich die Eliten auf symbolische Gesten der Einheit konzentrieren, erleben viele Menschen ein Gefühl wachsender Ohnmacht. Das Vertrauen in Politik, Verwaltung und Justiz ist brüchig. Die nationale Feier wird zum Prüfstein gesellschaftlicher Kohäsion – und zeigt deren Risse.


    Europas Vorreiter in der Verunsicherung

    Im europäischen Vergleich steht Frankreich exemplarisch für eine Demokratie, die sich im Angesicht multipler Krisen neu erfinden muss. Der starke Zentralstaat, einst Garant republikanischer Stabilität, wirkt zunehmend wie ein Koloss auf tönernen Füßen. Seine Schlagkraft ist unbestritten, seine Integrationsfähigkeit jedoch begrenzt. Der Einsatz von Tausenden Sicherheitskräften am Nationalfeiertag ist deshalb nicht nur französische Folklore, sondern ein Warnzeichen. Er dokumentiert die Unfähigkeit, gesellschaftliche Konflikte politisch zu lösen – und ersetzt sie durch operative Kontrolle.

    Dabei bleibt die Frage offen, wie lange sich ein Gemeinwesen über Kontrolle stabilisieren lässt, ohne seine normative Grundlage zu verlieren. Der 14. Juli war einst ein Aufbruch – heute wirkt er wie eine Schutzmaßnahme gegen die eigene Vergangenheit und die ungewisse Zukunft.


    Frankreich feiert weiter seine Republik – doch der Klang dieses Festes ist leiser geworden. Wo einst Hoffnung auf Freiheit herrschte, dominiert heute der Sound von Sirenen, Drohnen, Marschschritten. Der Nationalfeiertag ist noch da – aber die Nation, die ihn hervorgebracht hat, scheint sich in einem tiefgreifenden Selbstfindungsprozess zu befinden. Was bleibt, ist ein Land im Spannungsfeld zwischen Anspruch und Angst – und die Erkenntnis, dass Freiheit ohne Vertrauen nicht zu haben ist.


    Autor: Andreas M. Brucker

  • Linkspartei LFI will Stadtpolizei entwaffnen und Kameras abschaffen – Wahlkampf der Kommunalwahlen beginnt

    Linkspartei LFI will Stadtpolizei entwaffnen und Kameras abschaffen – Wahlkampf der Kommunalwahlen beginnt

    Die Ankündigung von Mathilde Panot, Fraktionsvorsitzende von La France insoumise (LFI), die kommunalen Polizeikräfte zu entwaffnen und Videoüberwachungssysteme in von LFI-Bürgermeistern regierten Städten abzuschaffen, hat in Frankreich eine Welle der Empörung ausgelöst. Neun Monate vor den Kommunalwahlen 2026 rückt damit das Thema innere Sicherheit erneut ins Zentrum des politischen Schlagabtauschs. Die Forderung: weniger Waffen, weniger Überwachung Am 6. Juli 2025 erklärte Panot im Sender BFMTV, die Polizei solle „so wenig bewaffnet wie möglich“ sein. Die kommunale Polizei benötige keine Waffen, vielmehr sei es ihre Aufgabe, Vertrauen aufzubauen statt Furcht zu erzeugen. Videoüberwachung hingegen habe „noch nie ihren Nutzen bewiesen“, weshalb die LFI in ihren Städten konsequent auf deren Abbau setzen wolle. Panot schlug darüber hinaus vor, unbewaffnete kommunale Polizeikräfte künftig in die nationale Polizei zu integrieren, um so eine echte „Polizei der Nähe“ aufzubauen. Diese Vorschl…

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