Schlagwort: Industriepolitik

  • Dunkerque als Wendepunkt: Frankreichs Wagnis für grünen Stahl

    Dunkerque als Wendepunkt: Frankreichs Wagnis für grünen Stahl

    Mitten in einer Phase tiefgreifender Umbrüche der europäischen Industrie setzt Frankreich ein markantes Zeichen. In der nordfranzösischen Hafenstadt Dunkerque kündigte der Stahlkonzern ArcelorMittal den Bau des größten Elektrolichtbogenofens Europas an. Begleitet wurde die Ankündigung von Präsident Emmanuel Macron, der das Projekt als Symbol einer neuen industriellen Epoche würdigte. Es geht um nicht weniger als die Verbindung von industrieller Souveränität und Klimapolitik – ein Balanceakt, der exemplarisch für die Herausforderungen der europäischen Wirtschaft steht. Ein industrielles Großprojekt mit Signalwirkung Der neue Elektrolichtbogenofen, dessen Inbetriebnahme für 2029 vorgesehen ist, soll jährlich rund zwei Millionen Tonnen Stahl produzieren. Mit einem Investitionsvolumen von 1,3 Milliarden Euro handelt es sich um eines der bedeutendsten Industrieprojekte Frankreichs der vergangenen Jahre. Die Dimension unterstreicht die strategische Bedeutung, die Paris der Stahlproduktion be…

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  • Macrons europäischer Ernstfall

    Macrons europäischer Ernstfall

    Die Warnung ist ungewöhnlich offen formuliert, fast schon demonstrativ. Die Vereinigten Staaten, so sagt Emmanuel Macron, seien kein berechenbarer Partner mehr, wirtschaftlich schon gar nicht. Drohungen, Druck, kurzfristige Rückzüge – all das gehöre inzwischen zum festen Instrumentarium Washingtons. Europa dürfe sich darüber keine Illusionen mehr machen. Der französische Präsident nutzt die neue Unübersichtlichkeit der transatlantischen Beziehungen, um eine alte Forderung mit neuer Dringlichkeit zu versehen: eine „europäische Präferenz“ in strategischen Schlüsselindustrien. Was lange als französische Marotte galt, rückt damit ins Zentrum der europäischen Debatte.

    Emmanuel Macron spricht nicht mehr von abstrakten Risiken, sondern von einem Machtkonflikt. Handelsdrohungen, industriepolitische Subventionen, technologische Abschottung – all das sei Ausdruck einer Welt, in der wirtschaftliche Offenheit kein gemeinsamer Wert mehr sei, sondern ein strategischer Nachteil. Europa, so seine Diagnose, verhalte sich noch immer wie ein „Markt“, während andere längst als „Macht“ agierten.

    Abschied von der transatlantischen Selbstgewissheit

    Macrons Argumentation markiert einen Bruch mit einer lange gepflegten europäischen Selbstwahrnehmung. Über Jahrzehnte galt das transatlantische Verhältnis als verlässlicher Rahmen: Konflikte wurden als temporäre Verwerfungen interpretiert, nicht als strukturelle Gegensätze. Diese Sicht, so der französische Präsident, sei überholt. Washington verfolge seine Interessen zunehmend unilateral – unabhängig davon, wer im Weißen Haus regiere.

    Besonders deutlich werde dies in der Industriepolitik. Programme wie „Buy American“ oder massive staatliche Subventionen für Zukunftstechnologien schafften Wettbewerbsbedingungen, die europäische Unternehmen systematisch benachteiligten. Der freie Markt, auf den sich Europa berufe, existiere faktisch nur noch auf einer Seite. In einer Welt der „Staatskapitalismen“ wirke europäische Regelgläubigkeit beinahe naiv.

    Die Rückkehr der Industriepolitik

    Die von Macron geforderte „europäische Präferenz“ ist dabei weniger radikal, als der Begriff vermuten lässt. Es geht nicht um Abschottung, sondern um Priorisierung: europäische Anbieter bei öffentlichen Aufträgen, gezielte Förderung kritischer Industrien, Schutz vor aggressiv subventionierter Konkurrenz. Macron spricht von „Schutz ohne Protektionismus“ – eine semantische Gratwanderung, die den politischen Kern kaum verdeckt.

    Tatsächlich vollzieht sich hier ein ideologischer Wandel. Die Europäische Union, lange Hüterin eines nahezu dogmatischen Wettbewerbsverständnisses, beginnt vorsichtig, industriepolitische Instrumente zu akzeptieren. Der Gedanke, dass Souveränität auch ökonomische Substanz benötigt, gewinnt an Boden – nicht zuletzt unter dem Eindruck amerikanischer und chinesischer Machtpolitik.

    Europäische Union steht damit vor einer Grundsatzentscheidung: Soll sie weiterhin primär Regelsetzerin sein – oder selbst strategisch handeln?

    Geld, Macht und gemeinsame Schulden

    Eng verknüpft mit dieser Frage ist die Finanzierung. Macron beziffert den Investitionsbedarf Europas auf Größenordnungen, die nationale Haushalte überfordern. Seine Schlussfolgerung ist folgerichtig: Ohne gemeinsame europäische Schulden werde es keine strategische Handlungsfähigkeit geben. Der während der Pandemie beschrittene Weg solle verstetigt werden.

    Damit rührt der Präsident an einen der sensibelsten Punkte europäischer Politik. Für viele Mitgliedstaaten bleibt die Vergemeinschaftung von Schulden ein Tabu, Ausdruck befürchteter Transferunion und fiskalischer Disziplinlosigkeit. Für Macron hingegen ist sie Voraussetzung, um mit den Vereinigten Staaten oder China überhaupt konkurrieren zu können.

    Europas ungelöster Richtungsstreit

    Die französische Position trifft nicht überall auf Zustimmung. Gerade wirtschaftlich liberale Staaten im Norden Europas warnen vor einer Abkehr vom offenen Markt. Sie fürchten Effizienzverluste, Handelskonflikte und eine Politisierung wirtschaftlicher Entscheidungen. Ihr Gegenmodell lautet: weniger Bürokratie, mehr Binnenmarkt, mehr Freihandel.

    Der Konflikt ist grundsätzlicher Natur. Er dreht sich nicht um einzelne Instrumente, sondern um das Selbstverständnis Europas. Ist es ein Raum, der durch Offenheit prosperiert – oder ein Akteur, der seine Interessen verteidigen muss? Macron beantwortet diese Frage eindeutig.

    Europas Entscheidung unter Druck

    Die eigentliche Bedeutung von Macrons Vorstoß liegt weniger in den konkreten Vorschlägen als in der Diagnose. Die Phase der bequemen Globalisierung ist vorbei. Wirtschaft, Sicherheit und Politik lassen sich nicht länger trennen. Wer in einer Welt der Machtblöcke bestehen will, braucht industrielle, technologische und finanzielle Substanz.

    Ob die „europäische Präferenz“ zur Klammer oder zum Spaltpilz wird, ist offen. Sicher ist nur: Die Zeit, in der Europa sich hinter Regeln verstecken konnte, läuft ab. Macrons Intervention zwingt die Europäer, Position zu beziehen. Nicht gegenüber Amerika – sondern gegenüber sich selbst.

    Autor: P. Tiko

  • Kräftemessen in Dunkerque – Warum der Boykott der CFDT Emmanuel Macrons Industriepolitik infrage stellt

    Kräftemessen in Dunkerque – Warum der Boykott der CFDT Emmanuel Macrons Industriepolitik infrage stellt

    Der Entschluss der Gewerkschaft CFDT, den Besuch von Präsident Emmanuel Macron im nordfranzösischen Stahlwerk von ArcelorMittal in Dunkerque demonstrativ zu meiden, ist mehr als eine protokollarische Randnotiz. Er legt einen grundlegenden Konflikt offen, der die französische Industriepolitik seit Jahren begleitet: den wachsenden Abstand zwischen politischen Ankündigungen und den Erwartungen jener Beschäftigten, deren Arbeitsplätze im Zentrum der angekündigten „grünen Reindustrialisierung“ stehen. Der Boykott ist ein symbolischer Akt – aber einer mit politischem Gewicht. Ein demonstrativer Rückzug Die Betriebssektion der CFDT bei ArcelorMittal begründete ihre Abwesenheit mit scharfen Worten. Von einer „Maskerade“ war die Rede, von verspäteten und unzureichenden Investitionen, die den vollmundigen Zusagen der Vergangenheit nicht entsprächen. Nach Darstellung der Gewerkschaft hinkten die Modernisierungs- und Dekarbonisierungsprojekte um Jahre hinterher und seien zudem deutlich kleiner dim…

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  • Frankreichs Energiezukunft: Warum die neue „Feuille de route“ mehr ist als ein politisches Papier

    Frankreichs Energiezukunft: Warum die neue „Feuille de route“ mehr ist als ein politisches Papier

    Frankreich steht an einem energiepolitischen Wendepunkt von strategischer Tragweite. Die von der Regierung angekündigte neue „Feuille de route“, deren Unterzeichnung kurzfristig bevorsteht, ist weit mehr als ein administrativer Fahrplan. Sie markiert den Versuch, die energiepolitische Architektur des Landes unter den Bedingungen von Klimawandel, geopolitischer Unsicherheit und industrieller Transformation neu zu ordnen. Im Zentrum steht eine alte französische Grundüberzeugung: Energie ist keine Ware wie jede andere, sondern ein Pfeiler staatlicher Souveränität. Der Staat kehrt als zentraler Akteur zurück Frankreichs Energiepolitik war stets stärker staatlich geprägt als die vieler europäischer Nachbarn. Seit dem Ausbau der Kernenergie nach der Ölkrise der 1970er Jahre beruht die Stromversorgung auf einem hochgradig zentralisierten Modell. Heute decken Kernkraftwerke noch immer rund zwei Drittel des französischen Strombedarfs – ein in dieser Größenordnung einzigartiger Wert unter den In…

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  • Frankreich und die Chips – Wie Europa mit Milliarden und Strategie seine technologische Souveränität zurückgewinnen will

    Frankreich und die Chips – Wie Europa mit Milliarden und Strategie seine technologische Souveränität zurückgewinnen will

    Die Weltwirtschaft ist ohne sie nicht mehr denkbar, und doch bleiben sie für die meisten unsichtbar: Mikroprozessoren sind das Rückgrat moderner Technologie – ob in Smartphones, Autos, Kraftwerken oder Satelliten. Die winzigen Siliziumbausteine sind längst zum geopolitischen Machtfaktor geworden. In der strategischen Auseinandersetzung zwischen den USA, China und Taiwan entdeckt nun auch Europa – allen voran Frankreich – die zentrale Bedeutung dieser Technologie für seine industrielle und politische Souveränität. Europas Abhängigkeit – ein Warnruf mit Verzögerung Die Covid-19-Pandemie wirkte wie ein Brennglas: Als globale Lieferketten ruckartig zusammenbrachen, wurde Europas strukturelle Schwäche im Halbleiterbereich sichtbar. Autowerke standen still, weil Steuerchips fehlten, Lieferzeiten explodierten, die Inflation stieg. Mikroprozessoren, zuvor technische Nischenprodukte, wurden zur kritischen Ressource erklärt. Der Status quo ist alarmierend: Mehr als 70 % der globalen Chipprodukti…

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  • Kommentar: Souveränität zum Schleuderpreis – bitte greifen Sie zu!

    Kommentar: Souveränität zum Schleuderpreis – bitte greifen Sie zu!

    Ach, Europa. Ach, Frankreich. Da redet Emmanuel Macron in seinen großen Reden vom „souveränen Europa“, vom „strategischen Erwachen“, von der „Autonomie im Zeitalter globaler Bedrohungen“. Und dann? Dann wird LMB Aerospace, ein hochspezialisierter Hersteller sicherheitsrelevanter Rüstungsteile – also das industrielle Rückgrat genau dieser vielbeschworenen Autonomie – mal eben an einen US-Konzern verkauft, als ginge es um den Sommerschlussverkauf im Provinz-Baumarkt.

    400 Millionen Euro – das ist offenbar der Preis, zu dem man in Paris seine sicherheitspolitischen Prinzipien aufgibt. Herzlichen Glückwunsch an die Loar Group: Sie kaufen nicht nur Bauteile für Rafale, Atom-U-Boote und den Flugzeugträger Charles de Gaulle, Sie erhalten auch gleich einen exklusiven Einblick in französische Rüstungstechnologien. Und das ganz bequem, ohne Industriespionage, einfach mit Überweisung.

    Man fragt sich unweigerlich: Wozu eigentlich noch diese staatsmännische Pose, dieses Getöse über europäische Souveränität? Der nächste EU-Gipfel könnte effizienter gestaltet werden, indem man ihn direkt ins Pentagon verlegt. Dann kann man die Deals gleich vor Ort unterschreiben, spart Porto und diplomatische Peinlichkeiten.

    Natürlich beeilt sich das Wirtschaftsministerium zu versichern, dass die „Interessen Frankreichs gewahrt“ seien. Standortgarantien! Vetorechte! Vertragsklauseln! – Das kennen wir. Das sind dieselben Beruhigungspillen, die man auch bei Alstom verkauft hat, kurz bevor General Electric sich bedankte – und hunderte Arbeitsplätze später alles dichtmachte.

    Und während die Direction générale de l’armement (DGA) noch versucht hatte, mit einer Minderheitsbeteiligung der öffentlichen Hand ein Minimum an Einfluss zu retten, hat das Finanzministerium lieber gleich durchgewunken. Offenbar gilt dort die alte neoliberale Maxime: Was stört uns die strategische Autonomie, wenn der Preis stimmt?

    Man könnte lachen, wäre es nicht so bitter. Denn der Verlust wiegt nicht nur industriell, sondern symbolisch: Mit jedem verkauften Schlüsselunternehmen verliert Frankreich ein Stück seiner sicherheitspolitischen Unabhängigkeit. Und Europa gleich mit. Denn was ist die EU in Verteidigungsfragen anderes als ein Flickenteppich nationaler Industriestrukturen? Wenn die zerfallen, bleibt von der „strategischen Autonomie“ nicht viel mehr als ein hübscher Begriff auf PowerPoint-Folien.

    Bleibt die Frage: Wer kommt als Nächstes? Safran? Nexter? MBDA? Vielleicht können wir ja gleich ein Auktionshaus gründen: „Souveränität unter dem Hammer – jetzt live aus Brüssel!“ Der Höchstbietende darf mitentscheiden, was Europa im Ernstfall noch selbst verteidigen darf. Falls überhaupt.

    Von Andreas Brucker

  • Ringen um die Rüstungssouveränität: Frankreich verkauft Industrieperle an US-Konzern

    Ringen um die Rüstungssouveränität: Frankreich verkauft Industrieperle an US-Konzern

    Die Übernahme des französischen Rüstungsausrüsters LMB Aerospace durch einen US-amerikanischen Konzern hat in Paris eine Kontroverse ausgelöst, die weit über den Einzelfall hinausweist. Im Spannungsfeld von industrieller Offenheit und sicherheitspolitischer Selbstbehauptung wirft die Transaktion grundsätzliche Fragen zur strategischen Autonomie Frankreichs auf. Der Verkauf von LMB Aerospace an das US-amerikanische Unternehmen Loar Group für rund 400 Millionen Euro hat eine Welle der Kritik ausgelöst – von Oppositionspolitikern über Militärstrategen bis hin zu Vertretern der eigenen Verwaltung. LMB, mit Sitz im Département Corrèze, stellt unter anderem hochspezialisierte Komponenten für Kampfflugzeuge, U-Boote und Trägerschiffe her – darunter auch für die Rafale-Jets, das atomgetriebene U-Boot-Programm Frankreichs sowie den Flugzeugträger Charles de Gaulle. Seit Jahren wird die Firma in sicherheitspolitischen Kreisen als „Fleuron“, also als industriepolitisches Schmuckstück, gehandelt. …

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  • Die Montage der Abhängigkeit

    Die Montage der Abhängigkeit

    Renaults Elektromotoren aus China und das europäische Dilemma industrieller Souveränität

    Wenn Renault im Werk Cléon künftig Elektromotoren montiert, die aus China stammen, dann ist das mehr als eine Standortentscheidung. Es ist ein lehrreiches Kapitel über die neue Arbeitsteilung in der globalen Industrie – und darüber, wie europäische Staaten mit dem Verlust industrieller Tiefe umgehen.

    Die Nachricht klang zunächst unscheinbar: Ab Frühjahr 2027 sollen im traditionsreichen Werk Cléon in der Normandie jährlich bis zu 120.000 Elektromotoren zusammengebaut werden, deren Kernkomponenten vom chinesischen Zulieferer Shanghai Electric Drive stammen. Verbaut werden sollen sie in künftige Kleinwagenmodelle der Marken Renault, Dacia und Mitsubishi. Die Botschaft dahinter ist jedoch deutlich weitreichender: Europa bleibt im Strukturwandel der Automobilindustrie auf Zulieferungen aus Asien angewiesen – selbst dort, wo politische Programme den Aufbau eigenständiger Kapazitäten beschwören.


    Das günstige Herz aus Fernost

    Aus wirtschaftlicher Sicht erscheint der Schritt logisch. Der E-Motor, der nun in Frankreich montiert wird, ist nach Angaben aus Unternehmenskreisen bis zu 50 Prozent günstiger als vergleichbare europäische Eigenentwicklungen. In einem Marktsegment, das von Preissensibilität und schmalen Margen geprägt ist, zählt jeder Euro. Renault folgt also der Logik des Wettbewerbs – so wie es nahezu alle europäischen Hersteller inzwischen tun.

    Doch der Preis dieser ökonomischen Rationalität ist eine weitere Verflachung der industriellen Wertschöpfungstiefe: Entwicklung, Fertigung, technologische Expertise – all das liegt in diesem Fall nicht in Frankreich, sondern in China. Die Rolle der europäischen Standorte beschränkt sich auf die Endmontage – eine Tätigkeit, die man einst Entwicklungsländern zugeschrieben hätte.

    Das mag kurzfristig Arbeitsplätze sichern. Doch es stellt die Frage, was von Europas vielbeschworener „strategischer Autonomie“ in diesem Industriesektor übrig bleibt, wenn Schlüsselkomponenten nicht mehr eigenständig hergestellt, sondern nur noch zusammengeschraubt werden.


    Ein Etikettenschwindel mit politischer Rückendeckung

    Denn es ist gerade diese Form der Montage, die es Herstellern wie Renault ermöglicht, von politischen Förderinstrumenten zu profitieren. In der Logik vieler Programme – national wie europäisch – genügt ein bestimmter Anteil an lokaler Fertigung, um als „Made in Europe“ zu gelten. Das wiederum kann entscheidend sein, um Subventionen zu erhalten oder regulatorische Anforderungen zu erfüllen.

    Es entsteht ein paradoxes Bild: Europäische Industriepolitik läuft Gefahr, genau die Abhängigkeiten zu zementieren, die sie doch zu überwinden vorgibt. Statt eigenständiger Produktionsketten wächst eine Scheinautarkie, bei der das Label europäisch ist, der Inhalt jedoch zunehmend importiert.


    Kein Einzelfall – sondern Symptom

    Renault ist mit diesem Vorgehen nicht allein. Volkswagen sucht die Nähe zu chinesischen Partnern, Stellantis investiert in gemeinschaftliche Batterieprojekte mit asiatischen Zulieferern. Selbst Premiumhersteller sehen sich gezwungen, zentrale Technologien aus Fernost zuzukaufen.

    Die Ursachen sind vielfältig: Jahrzehntelange Verlagerung der Fertigung, politische Unterinvestition in strategische Industrien, fehlende Skaleneffekte, bürokratische Hürden, überkomplexe Förderstrukturen. Während China seine Industrie mit strategischer Zielstrebigkeit und staatlicher Unterstützung ausgebaut hat, fehlte es Europa an Koordination, Tempo und industriepolitischer Klarheit.

    Das Ergebnis: Wer heute wettbewerbsfähige kleine Elektrofahrzeuge bauen will, hat derzeit kaum eine Alternative zum Zukauf aus Asien – sei es bei Batterien, Leistungselektronik oder nun auch bei Antriebseinheiten.


    Der Verzicht auf die Kontrolle

    Es ist eine strategische Entscheidung mit Langzeitfolgen, wenn sich europäische Hersteller zunehmend auf externe Technologie verlassen. Denn jede Komponente, die man nicht selbst entwickelt oder fertigt, bedeutet einen Verlust an technologischem Wissen, an Souveränität – und an Gestaltungskraft.

    Europa droht, zum verlängerten Montageband globaler Industrieprozesse zu werden. Das ist gefährlich – nicht nur aus wirtschaftlicher Perspektive, sondern auch mit Blick auf geopolitische Risiken. Lieferketten, die sich in Krisenzeiten als brüchig erweisen, können ganze Industriezweige in Mitleidenschaft ziehen. Die Pandemie war dafür nur ein Vorgeschmack.


    Europa steht vor einer Entscheidung. Will es weiterhin mitspielen im globalen industriellen Wettbewerb, muss es sich nicht nur auf Regulierung und Förderkulissen verlassen, sondern konkrete Kapazitäten aufbauen: für Entwicklung, Fertigung, Innovation. Cléon kann ein Arbeitsplatz für Hunderte bleiben – und gleichzeitig ein Mahnmal dafür werden, wie man Kontrolle über Schlüsselindustrien verliert.

    Von Andreas Brucker

  • „Digitale Entwöhnung“ mit Ansage – Frankreich sucht den Weg aus der US-Abhängigkeit

    „Digitale Entwöhnung“ mit Ansage – Frankreich sucht den Weg aus der US-Abhängigkeit

    Frankreichs Regierung setzt in der Digitalpolitik ein deutliches Signal: Sie will die Abhängigkeit von amerikanischer Technologie im öffentlichen Sektor Schritt für Schritt reduzieren – mit klarer politischer Rückendeckung. Der Begriff, den der neue Minister für den öffentlichen Dienst, David Amiel, in einem Interview bewusst gewählt hat, ist unmissverständlich: „Il faut continuer ce sevrage avec détermination“ – diese Entwöhnung müsse mit Entschlossenheit fortgesetzt werden. Gemeint ist die technologische Loslösung von US-Anbietern wie Microsoft, Zoom oder Amazon, die bislang den digitalen Alltag in französischen Behörden maßgeblich prägen. Die Diskussion um „souveränes“ digitales Handeln ist nicht neu, doch sie bekommt in Zeiten wachsender geopolitischer Spannungen und wachsender Sensibilität für Datenhoheit neue Brisanz. Frankreichs Kurs zeigt exemplarisch, wie sich europäische Demokratien zwischen technologischer Leistungsfähigkeit, sicherheitspolitischen Interessen und industriepo…

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  • Fabrik im Risikogebiet: Warum ein Batteriewerk an der Garonne für Streit sorgt

    Fabrik im Risikogebiet: Warum ein Batteriewerk an der Garonne für Streit sorgt

    Ein geplanter Industriekomplex zur Nickelverarbeitung vor den Toren von Bordeaux sorgt in Frankreich für erbitterte Debatten. Zwar verspricht das Vorhaben hunderte Arbeitsplätze und eine Stärkung der europäischen Batterieindustrie. Doch Kritiker sehen in der Standortwahl ein ökologisches und sicherheitstechnisches Wagnis. Am Rande der kleinen Gemeinde Parempuyre, wenige Kilometer nördlich von Bordeaux, soll auf einem 32 Hektar großen Areal eine neue Raffinerie für Nickel und Kobalt entstehen. Das Werk, geplant von der Gesellschaft Electro Mobility Materials Europe (EMME), soll Rohstoffe für die Batterieproduktion liefern – ein Sektor, den Frankreich und die EU aus geopolitischen und strategischen Gründen massiv ausbauen wollen. Bis zu 500 direkte Arbeitsplätze werden erwartet, dazu ein Bedeutungsgewinn für den Hafen von Bordeaux, der mit bis zu 30 Prozent mehr Frachtverkehr rechnet. Ein Standort im Widerspruch zur Raumplanung So verheissungsvoll das Projekt aus wirtschaftlicher Sicht e…

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