Schlagwort: Haushaltsdefizit

  • Frankreichs Haushaltsstreit: Sollen die Reichen zahlen oder die Rentner verzichten?

    Frankreichs Haushaltsstreit: Sollen die Reichen zahlen oder die Rentner verzichten?

    Frankreich steht vor einer finanzpolitischen Zerreissprobe. Mit den Beratungen über den Staatshaushalt 2027 verschärft sich der Konflikt um die Verteilung der Sparlasten. Während die politische Linke eine stärkere Besteuerung grosser Vermögen fordert, plant die Regierung Einschnitte bei Renten und steuerlichen Vergünstigungen. Hinter dem Streit steht eine grundsätzliche Frage: Wie lässt sich ein hochverschuldeter Staat sanieren, ohne den gesellschaftlichen Zusammenhalt und das Wirtschaftswachstum zu gefährden? 43 Milliarden Euro gegen die Schuldenkrise Premierminister Sébastien Lecornu steht vor einer schwierigen Aufgabe. Seine Regierung will den französischen Staatshaushalt mit einem Konsolidierungspaket von 43 Milliarden Euro stabilisieren. Das öffentliche Defizit soll von voraussichtlich 5,4 Prozent des Bruttoinlandprodukts 2026 auf fünf Prozent im kommenden Jahr sinken. Doch selbst bei erfolgreicher Umsetzung dürfte die Staatsverschuldung weiter steigen. Für 2027 wird eine Schulden…

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  • Marine Le Pens 140-Milliarden-Wette: Der RN entdeckt die Haushaltsdisziplin

    Marine Le Pens 140-Milliarden-Wette: Der RN entdeckt die Haushaltsdisziplin

    Marine Le Pen will Frankreichs Staatsfinanzen einer Rosskur unterziehen. Bis 2032 sollen gegenüber 2026 netto 140 Milliarden Euro eingespart werden, das Primärdefizit binnen 18 Monaten verschwinden und die Staatsverschuldung wieder sinken. Für den Rassemblement national bedeutet dies mehr als die Präsentation eines Haushaltsprogramms. Die Partei versucht, eine ihrer grössten politischen Schwachstellen vor der Präsidentschaftswahl 2027 in eine Stärke zu verwandeln: ihre wirtschafts- und finanzpolitische Glaubwürdigkeit. Bemerkenswert ist dabei weniger die schiere Grösse der angekündigten Einsparungen als der politische Richtungswechsel. Marine Le Pen, die lange mit Kaufkraftversprechen, einem niedrigeren Rentenalter und protektionistischen Eingriffen um Wähler warb, präsentiert sich nun als Hüterin solider Staatsfinanzen. Frankreichs prekäre Haushaltslage gibt ihr dafür eine günstige Bühne. 140 Milliarden sind nicht einfach 140 Milliarden Kürzungen Die zentrale Zahl des Programms muss p…

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  • Frankreichs Schuldenrekord: Wenn der Zins die Politik regiert

    Frankreichs Schuldenrekord: Wenn der Zins die Politik regiert

    Frankreich hat eine neue finanzpolitische Schwelle überschritten. Ende Juni 2026 beliefen sich die öffentlichen Schulden auf 3595,5 Milliarden Euro – 119 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Binnen eines einzigen Quartals kamen 59,6 Milliarden Euro hinzu. Noch eindrücklicher ist die Entwicklung seit Jahresbeginn: Ende 2025 waren es 3460,5 Milliarden Euro gewesen. In sechs Monaten wuchs der Schuldenberg damit um 135 Milliarden Euro.

    Doch die schiere Größe der Zahl verstellt leicht den Blick auf das eigentliche Problem. Frankreich steht nicht vor einer unmittelbar bevorstehenden Zahlungsunfähigkeit. Es findet weiterhin Käufer für seine Staatsanleihen. Die entscheidende Veränderung liegt vielmehr im Preis der Verschuldung. Das Land trägt die finanziellen Hinterlassenschaften der Nullzinsära in eine Zeit zurückgekehrter Zinsen. Damit wird aus einer abstrakten Schuldenquote zunehmend eine konkrete Belastung des Staatshaushalts.

    119 Prozent sind mehr als ein Symbol

    Öffentliche Schulden müssen nicht wie ein privater Kredit vollständig zurückbezahlt werden. Staaten refinanzieren auslaufende Anleihen regelmäßig durch neue Emissionen. Entscheidend ist deshalb weniger die absolute Summe als das Verhältnis zwischen Schulden, Wirtschaftsleistung, Haushaltsdefizit und Finanzierungskosten.

    Gerade hier hat sich Frankreichs Position verschlechtert. Ende 2024 lag die Schuldenquote noch bei 112,6 Prozent des Bruttoinlandprodukts, Ende 2025 bei 115,7 Prozent und im zweiten Quartal 2026 nun bei 119 Prozent. Allein im ersten Halbjahr stieg die nominale Verschuldung um rund 135 Milliarden Euro. Der Staat selbst verursachte im zweiten Quartal mit zusätzlichen 53 Milliarden Euro den weitaus größten Teil des Anstiegs.

    Das zeigt, dass Frankreichs Problem nicht lediglich in den außergewöhnlichen Kosten vergangener Krisen besteht. Pandemie, Energiepreisschock und staatliche Hilfsprogramme haben die Verschuldung erheblich erhöht. Doch auch nach dem Auslaufen vieler Sondermaßnahmen bleibt der Haushalt strukturell tief im Defizit.

    Das Ende des billigen Geldes

    Lange konnte Paris darauf vertrauen, dass hohe Schuldenstände überraschend wenig kosteten. Die Niedrig- und Negativzinsen im Euro-Raum ermöglichten es dem französischen Staat, alte, höher verzinste Anleihen teilweise durch extrem günstig finanzierte neue Schulden zu ersetzen.

    Diese Konstellation ist Geschichte.

    Der durchschnittliche gewichtete Zinssatz französischer mittel- und langfristiger Neuemissionen liegt 2026 bislang bei 3,55 Prozent. Im vergangenen Jahr waren es 3,14 Prozent. Was nach einer überschaubaren Differenz aussieht, entwickelt bei einem Schuldenvolumen von mehreren Billionen Euro erhebliche fiskalische Wirkung.

    Die budgetäre Zinslast des Staates wird für 2026 inzwischen auf 62,6 Milliarden Euro veranschlagt; ursprünglich waren 59,3 Milliarden vorgesehen. Für 2027 rechnet die Agence France Trésor bereits mit 72,9 Milliarden Euro.

    Das ist die politisch bedeutsamere Zahl als der Schuldenstand selbst. Denn während fällige Anleihen refinanziert werden können, müssen Zinsen aus dem laufenden Haushalt getragen werden. Sie konkurrieren damit unmittelbar mit anderen Staatsausgaben.

    Je höher die Zinsrechnung steigt, desto enger wird der Spielraum für Verteidigung, Bildung, Infrastruktur, Krankenhäuser, Klimapolitik oder steuerliche Entlastungen. Die Vergangenheit beginnt, Ansprüche an die Gegenwart zu stellen.

    340 Milliarden Euro für den Kapitalmarkt

    Wie stark Frankreich inzwischen vom kontinuierlichen Zugang zu den Finanzmärkten abhängt, zeigt das Emissionsprogramm. Für 2026 sind mittel- und langfristige Nettoemissionen von 310 Milliarden Euro vorgesehen. Im kommenden Jahr sollen es rekordhohe 340 Milliarden Euro werden. Der gesamte staatliche Finanzierungsbedarf für 2027 wird auf 339,7 Milliarden Euro beziffert.

    Diese 340 Milliarden sind nicht mit einer entsprechenden Neuverschuldung gleichzusetzen. Ein beträchtlicher Teil dient dazu, fällige Anleihen abzulösen. Gerade darin liegt jedoch die Herausforderung.

    2027 steigen die Tilgungen mittel- und langfristiger Papiere voraussichtlich um 19,4 Milliarden Euro. Unter ihnen befinden sich Schulden, die während der Pandemie und der Energiekrise aufgenommen wurden. Frankreich refinanziert damit einen Teil der außergewöhnlichen Staatsausgaben der Krisenjahre zu den höheren Zinsen der Gegenwart.

    Noch besteht kein Hinweis darauf, dass Investoren französische Staatsanleihen grundsätzlich meiden. Bis Ende September überstieg die Nachfrage bei mittel- und langfristigen Emissionen das angebotene Volumen im Durchschnitt um das 2,5-Fache.

    Doch die relevante Frage lautet nicht nur, ob Frankreich Geld erhält. Sie lautet zunehmend: zu welchem Preis?

    Frankreichs strukturelles Dilemma

    Die Pandemie allein erklärt die Lage nicht. Frankreich verzeichnet seit Jahrzehnten wiederkehrende Haushaltsdefizite. Auch 2025, mehrere Jahre nach dem Höhepunkt der Corona-Krise, betrug das öffentliche Defizit noch 152,5 Milliarden Euro oder 5,1 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Die öffentlichen Ausgaben erreichten 57,2 Prozent des BIP, die Abgabenquote 43,6 Prozent.

    Darin zeigt sich das politische Dilemma besonders deutlich. Frankreich verfügt bereits über einen ausgeprägten Steuer- und Abgabenstaat. Zugleich finanziert es einen umfangreichen Sozialstaat und große öffentliche Strukturen. Eine schnelle Haushaltskonsolidierung lässt sich deshalb weder durch einige symbolische Einsparungen noch durch einzelne zusätzliche Abgaben erreichen.

    Sie verlangt Verteilungsentscheidungen.

    Genau diese sind in Frankreich politisch schwierig. Renten, kommunale Finanzen, Sozialleistungen, öffentlicher Dienst und Unternehmensbesteuerung berühren organisierte Interessen und gesellschaftliche Erwartungen. Der für 2027 vorgesehene Haushalt soll das Defizit auf 5 Prozent des BIP begrenzen. Selbst diese Zielmarke liegt jedoch weiterhin deutlich über der im europäischen Fiskalrahmen zentralen Drei-Prozent-Grenze.

    Solange der Staat jedes Jahr erhebliche neue Defizite produziert und die nominale Wirtschaftsleistung nicht schnell genug wächst, bleibt die Stabilisierung der Schuldenquote schwierig.

    Die irreführenden 52 000 Euro

    Teilt man 3595,5 Milliarden Euro durch die französische Bevölkerung, ergibt sich eine Größenordnung von etwas mehr als 52 000 Euro je Einwohner. Politisch ist diese Rechnung eingängig, ökonomisch jedoch nur begrenzt aussagekräftig.

    Kein Franzose schuldet persönlich 52 000 Euro. Schuldner sind die öffentlichen Körperschaften. Ihnen stehen außerdem Vermögenswerte gegenüber. Deshalb weist das Insee neben der Maastricht-Bruttoverschuldung auch eine Nettoverschuldung aus. Diese erreichte Ende Juni 111,4 Prozent des BIP und lag damit deutlich unter den 119 Prozent der Bruttoschulden.

    Die wichtigere Größe ist ohnehin nicht eine fiktive Pro-Kopf-Rechnung, sondern die fiskalische Handlungsfähigkeit des Staates. Eine hoch verschuldete Volkswirtschaft kann ihre Verbindlichkeiten über Jahrzehnte tragen, wenn Wachstum, Einnahmen und Vertrauen der Kapitalmärkte dies erlauben. Problematisch wird die Verschuldung, wenn ihre Bedienung einen immer größeren Anteil der politischen Gestaltungsmöglichkeiten beansprucht.

    Genau an diesem Punkt gewinnt Frankreichs Schuldenrekord seine Bedeutung.

    Die 3595,5 Milliarden Euro sind spektakulär, aber nicht die entscheidende Zahl. Auch 119 Prozent des BIP markieren für sich genommen keine automatische Krisenschwelle. Weder Staaten noch Finanzmärkte funktionieren nach einer solchen mechanischen Grenze.

    Entscheidend ist die Dynamik: Die Schulden steigen weiter, obwohl die außergewöhnlichen Krisenprogramme weitgehend hinter Frankreich liegen. Gleichzeitig verteuert sich die Refinanzierung. Der Haushalt muss deshalb einen wachsenden Teil seiner Mittel für Entscheidungen aufbringen, die in der Vergangenheit getroffen wurden.

    Frankreichs eigentliches Schuldenproblem ist somit nicht der drohende Tag einer großen Rechnung. Es ist der schleichende Verlust finanzpolitischer Freiheit.

    Je stärker die Zinsausgaben steigen, desto härter werden die Verteilungskonflikte. Eine zusätzliche Milliarde für den Schuldendienst kann nicht gleichzeitig für Schulen, Streitkräfte, Krankenhäuser oder Investitionen ausgegeben werden, sofern sie nicht durch höhere Einnahmen oder neue Schulden finanziert wird.

    Darin liegt die politische Botschaft der neuen Rekordzahl. Frankreich kann seine Schulden weiterhin refinanzieren. Aber es kann die Frage, wie viel Staat es dauerhaft finanzieren will und wie dieser Staat bezahlt werden soll, immer weniger mit billigem Geld vertagen.

    Andreas M. Brucker

  • Nun also doch: Die Rentner sollen es richten

    Nun also doch: Die Rentner sollen es richten

    KOMMENTAR Es ist eine der schönsten Erfindungen der modernen Finanzpolitik: die Steuererhöhung ohne Steuererhöhung. Man nimmt den Bürgern mehr Geld ab, nennt es aber nicht so. Man kürzt Freibeträge, kappt Vergünstigungen, lässt Leistungen langsamer steigen als die Preise und erklärt anschließend mit ernster Miene, die Steuern seien stabil geblieben. Das ist ungefähr so, als erhöhte der Wirt den Bierpreis nicht, sondern verkleinerte nur das Glas. Prost. Frankreichs Regierung hat diese Kunst inzwischen zu bemerkenswerter Reife gebracht. Für 2027 verspricht Premierminister Sébastien Lecornu „keine allgemeine Steuererhöhung“. Das klingt beruhigend. Fast möchte man das Portemonnaie wieder aus dem Tresor holen. Und tatsächlich: Die Mehrwertsteuer soll nicht steigen. Der Einkommensteuertarif soll nicht eingefroren werden. Die großen Hebel der Besteuerung sollen unangetastet bleiben. Nur eine Kleinigkeit gibt es noch. Der Staat wird trotzdem mehr kassieren. Stabilität ist, wenn es teurer wird …

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  • Frankreichs Milliarden-Erbe: Die Steuerfrage, der Paris nicht länger ausweichen kann

    Frankreichs Milliarden-Erbe: Die Steuerfrage, der Paris nicht länger ausweichen kann

    Editorial

    Frankreich steht vor einer jener Haushaltsdebatten, in denen sich finanzpolitische Notwendigkeit und gesellschaftliche Grundsatzfragen kaum noch voneinander trennen lassen. Für den Haushalt 2027 sucht die Regierung Einsparungen von rund 54 Milliarden Euro. Gleichzeitig rückt Oxfam France eine alte Frage in neuer Schärfe ins Zentrum der Debatte: Soll ein Staat, der Ausgaben kürzen muss, sehr große Vermögensübertragungen stärker besteuern?

    Die Frage ist politisch explosiv, weil Frankreich bereits zu den Ländern mit einer hohen Besteuerung von Erbschaften gehört. Doch genau darin liegt das Paradox. Die nominellen Steuersätze sind hoch, die tatsächliche Belastung bestimmter sehr großer Vermögensübertragungen kann aufgrund von Freibeträgen, Sonderregelungen und Gestaltungsmöglichkeiten erheblich niedriger ausfallen. Die Kontroverse dreht sich deshalb weniger um die Existenz der Erbschaftsteuer als um deren Architektur.

    Ein Haushalt unter wachsendem Druck

    Die Ausgangslage ist ungewöhnlich angespannt. Frankreichs öffentliche Verschuldung dürfte nach den jüngsten Projektionen des Finanzministeriums 2026 rund 119 Prozent der Wirtschaftsleistung erreichen und 2027 weiter steigen. Das Haushaltsdefizit soll von etwa 5,4 Prozent des Bruttoinlandprodukts 2026 auf 5 Prozent im kommenden Jahr sinken.

    Dafür plant die Regierung von Premierminister Sébastien Lecornu einen Konsolidierungsumfang von rund 54 Milliarden Euro. Der Schwerpunkt soll auf der Ausgabenseite liegen. Das Problem besteht darin, dass die politische Bereitschaft zu Kürzungen begrenzt ist, während zugleich das Wirtschaftswachstum schwach bleibt. Die Banque de France erwartet für 2026 lediglich 0,4 Prozent Wachstum.

    Auch die Finanzmärkte registrieren die Verschlechterung. Der Risikoaufschlag französischer gegenüber deutschen Staatsanleihen hat im September zeitweise mehr als einen Prozentpunkt erreicht – ein Niveau, das Erinnerungen an die europäische Schuldenkrise weckt. Frankreichs Haushaltsproblem ist damit nicht mehr nur eine Auseinandersetzung zwischen Regierung und Opposition. Es betrifft zunehmend die Finanzierungskosten des Staates.

    In dieser Situation erhält jede zusätzliche Einnahmequelle politisches Gewicht.

    Oxfams «Super-Erben»

    Oxfam France setzt an einer bemerkenswert kleinen Gruppe an. Als «super-héritages» bezeichnet die Organisation die Erbschaften des obersten 0,1 Prozent der Erben. Diese Gruppe erhält nach ihren Berechnungen durchschnittlich rund 13 Millionen Euro – ungefähr das 180-Fache einer mittleren Erbschaft.

    Besonders umstritten ist die effektive Besteuerung. Während für große Übertragungen in direkter Linie nominell ein Spitzensteuersatz von 45 Prozent gelten kann, beziffert Oxfam die durchschnittliche effektive Belastung der «Super-Erben» auf lediglich rund 10 Prozent.

    Diese Zahlen stammen von einer Organisation, die ausdrücklich für eine stärkere Besteuerung großer Vermögen eintritt, und müssen entsprechend eingeordnet werden. Doch die grundsätzliche Diagnose, dass Sonderregelungen die effektive Belastung großer Vermögensübertragungen erheblich reduzieren können, wird nicht nur von Oxfam vertreten.

    Auch die OECD sieht Reformspielraum. In ihrem Wirtschaftsbericht über Frankreich von 2026 verweist sie insbesondere auf die steuerliche Behandlung von Lebensversicherungen, Familienunternehmen und anderen begünstigten Vermögensformen.

    Damit verschiebt sich die Debatte. Es geht nicht allein um höhere Steuersätze. Es geht um die Frage, was am Ende tatsächlich besteuert wird.

    Das französische Paradox

    Frankreich ist kein Niedrigsteuerland für Erben. Im Gegenteil: Nach Angaben der OECD erzielt kein anderes Mitgliedsland einen höheren Anteil seiner Wirtschaftsleistung aus Erbschaft- und Schenkungsteuern. 2024 entsprachen die Einnahmen knapp 0,8 Prozent des Bruttoinlandprodukts.

    Eine pauschale Behauptung, große Vermögensübertragungen würden in Frankreich generell kaum besteuert, wäre deshalb irreführend.

    Gleichzeitig zeigt sich eine bemerkenswerte Diskrepanz zwischen gesetzlichen und effektiven Belastungen. Ein wichtiges Beispiel ist der Pacte Dutreil. Die Regelung soll verhindern, dass Familienunternehmen beim Generationswechsel durch Steuerforderungen finanziell destabilisiert oder zum Verkauf gezwungen werden. Unter bestimmten Bedingungen können große Teile des übertragenen Unternehmensvermögens von der Besteuerung ausgenommen werden.

    Das ökonomische Argument dahinter ist nachvollziehbar: Ein Unternehmen besteht nicht nur aus liquidem Vermögen. Hohe Erbschaftsteuern können theoretisch dazu führen, dass Erben Anteile verkaufen, Kredite aufnehmen oder dem Unternehmen Kapital entziehen müssen, um die Steuer zu bezahlen.

    Die französische Cour des comptes hat jedoch Zweifel daran geäußert, ob die heutige Ausgestaltung des Instruments noch angemessen ist. Für 2024 bezifferte sie die damit verbundene Steuervergünstigung auf rund 5,5 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Die gesamten Einnahmen aus Erbschaft- und Schenkungsteuern lagen 2023 und 2024 jeweils bei rund 20,9 Milliarden Euro.

    Oxfam fordert nun unter anderem, die Vergünstigung stärker zu begrenzen und Bedingungen wie den Erhalt von Arbeitsplätzen einzuführen. Nach Berechnungen der Organisation könnte allein eine Begrenzung bestimmter Dutreil-Vorteile mehr als drei Milliarden Euro jährlich einbringen.

    Das wäre für einen Staat mit einem Konsolidierungsbedarf von 54 Milliarden Euro relevant – aber keineswegs ausreichend.

    Erbschaftsteuer oder Vermögensteuer?

    Ökonomisch sollte zudem zwischen beiden Instrumenten unterschieden werden. Eine jährlich erhobene Vermögensteuer belastet Kapital fortlaufend. Eine Erbschaftsteuer greift dagegen beim Eigentumsübergang zwischen Generationen ein.

    Die OECD kommt in ihrer vergleichenden Untersuchung zur Erbschaftsbesteuerung zu dem Ergebnis, dass gut konstruierte Erbschaftsteuern Einnahmen erzielen und Vermögenskonzentration begrenzen können, wobei ihre wirtschaftlichen Verzerrungen unter bestimmten Bedingungen geringer ausfallen können als bei anderen Formen der Vermögensbesteuerung.

    Das bedeutet allerdings nicht, dass jede Erhöhung automatisch effizient wäre.

    Entscheidend sind Freibeträge, Bemessungsgrundlagen, Unternehmensvermögen, Liquiditätsregeln und die Behandlung früherer Schenkungen. Gerade bei Familienunternehmen besteht ein klassischer Zielkonflikt: Der Staat möchte große Vermögensübertragungen nicht dauerhaft aus der Steuerbasis herausnehmen, zugleich aber wirtschaftlich produktive Unternehmen nicht wegen eines Generationenwechsels unter Finanzierungsdruck setzen.

    Eine Reform müsste deshalb unterscheiden zwischen dem Erhalt eines Unternehmens und dem steuerlich privilegierten Erhalt eines großen Privatvermögens.

    Die Milliardenversprechen verdienen Vorsicht

    Oxfam bezifferte das mögliche zusätzliche Aufkommen einer umfassenderen Reform der «Super-Erbschaften» bereits im Zusammenhang mit dem Haushalt 2026 auf mehr als 14 Milliarden Euro jährlich. Solche Schätzungen sind politisch wirkungsvoll, sollten haushaltspolitisch jedoch nicht mit sicheren Einnahmen gleichgesetzt werden.

    Steuerpflichtige reagieren auf Steueränderungen. Vermögen kann früher übertragen, anders strukturiert oder in andere Rechtsformen überführt werden. Bei sehr mobilen Vermögenden spielen zudem Wohnsitz und internationale Steuerplanung eine Rolle.

    Umgekehrt ist auch das Argument einer zwangsläufigen Kapitalflucht zu pauschal. Die empirische Literatur findet Reaktionen vermögender Haushalte auf steuerliche Unterschiede, doch deren Umfang hängt stark von Steuerart, Ausgestaltung und internationaler Koordination ab.

    Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Verhaltensreaktionen auftreten, sondern wie groß sie sind – und ob eine Reform so gestaltet werden kann, dass zusätzliche Einnahmen erzielt werden, ohne Investitionen und Unternehmensnachfolgen unverhältnismäßig zu belasten.

    Eine Gesellschaft der Erben

    Hinter der Haushaltsfrage liegt schließlich ein strukturelles Problem westlicher Wohlstandsgesellschaften. Vermögen entsteht zunehmend nicht allein durch Erwerbsarbeit und Unternehmertum, sondern wird über Generationen weitergegeben.

    In Frankreich hat sich das Vermögen pro Kopf zwischen 2010 und 2024 nach Angaben der OECD mehr als verdoppelt. Gleichzeitig bleibt es stark konzentriert. Schenkungen und Erbschaften sind zudem ungleich verteilt: Vermögende Haushalte erhalten wesentlich häufiger größere Übertragungen als Haushalte am unteren Ende der Vermögensverteilung.

    Damit berührt die Erbschaftsteuer einen grundlegenden Konflikt liberaler Gesellschaften. Auf der einen Seite steht das Recht, über erworbenes Eigentum zu verfügen und es an die eigenen Kinder weiterzugeben. Auf der anderen Seite steht das Ideal, dass wirtschaftliche Chancen nicht überwiegend von der familiären Herkunft bestimmt werden sollen.

    Steuerpolitik kann diesen Widerspruch nicht auflösen. Sie kann ihn lediglich austarieren.

    Gerade deshalb greift die französische Debatte zu kurz, wenn sie auf die Alternative «Steuern oder Sparen» reduziert wird. Selbst mehrere zusätzliche Milliarden aus großen Erbschaften würden das strukturelle Haushaltsproblem des Landes nicht beseitigen. Ein Konsolidierungsbedarf von 54 Milliarden Euro lässt sich nicht durch eine einzige Steuerreform bewältigen.

    Umgekehrt wäre es ebenso verkürzt, Steuervergünstigungen allein deshalb unangetastet zu lassen, weil Frankreich bereits eine hohe Steuerquote besitzt. Jede Ausnahme sollte daran gemessen werden, ob sie einen nachvollziehbaren wirtschaftlichen Zweck erfüllt und ob dieser Zweck die damit verbundenen Einnahmeausfälle rechtfertigt.

    Genau an diesem Punkt besitzt die von Oxfam angestoßene Debatte ihre eigentliche Bedeutung. Der französische Staat muss nicht nur entscheiden, wie viel er seinen Bürgern abverlangt. Er muss erklären können, warum vergleichbare Millionenvermögen je nach Konstruktion ihrer Übertragung höchst unterschiedlich belastet werden.

    Im Haushalt 2027 treffen damit zwei politische Realitäten aufeinander: Frankreich kann seiner Schuldenentwicklung nicht dauerhaft ausweichen. Und eine Gesellschaft, die von ihren Bürgern finanzielle Opfer verlangt, wird genauer als zuvor darauf achten, wie diese verteilt werden.

    Die schwierigste Aufgabe besteht deshalb weniger darin, einen neuen Spitzensteuersatz festzulegen. Sie besteht darin, ein System zu schaffen, dessen Ausnahmen ökonomisch begründbar, dessen Belastungen vorhersehbar und dessen Einnahmen belastbar sind. In einem Land, das gleichzeitig sparen, investieren und seine gesellschaftliche Akzeptanz für Konsolidierung erhalten muss, dürfte diese Frage weit über den Haushalt 2027 hinausreichen.

    Andreas M. Brucker

  • Frankreichs Schulden steigen auf 121,7 Prozent des BIP – der Spielraum in Paris schrumpft

    Frankreichs Schulden steigen auf 121,7 Prozent des BIP – der Spielraum in Paris schrumpft

    Frankreich steuert auf einen neuen Höchststand seiner Staatsverschuldung zu. Nach den jüngsten Regierungsprojektionen dürfte die öffentliche Verschuldung 2027 auf 121,7 Prozent des Bruttoinlandprodukts steigen. Bereits 2026 werden 119,3 Prozent erwartet. Die zweitgrösste Volkswirtschaft der EU kämpft damit nicht nur mit einem hohen Schuldenstand, sondern vor allem mit dessen Dynamik: anhaltend grosse Defizite, schwaches Wachstum, steigende Zinskosten und politisch schwer veränderbare Staatsausgaben treiben die Quote weiter nach oben. Das Defizit bleibt deutlich zu hoch Für 2026 erwartet die Regierung ein Haushaltsdefizit von 5,4 Prozent des BIP, 2027 sollen es noch 5 Prozent sein. Damit bleibt Frankreich klar über dem europäischen Referenzwert von 3 Prozent. Paris befindet sich deshalb weiterhin im EU-Verfahren wegen eines übermässigen Defizits. Ziel ist es, die Neuverschuldung bis 2029 wieder unter Kontrolle zu bringen. Das Problem: Solange Frankreich Jahr für Jahr hohe Defizite schre…

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  • Frankreich entdeckt seine Rentner als Haushaltsposten

    Frankreich entdeckt seine Rentner als Haushaltsposten

    Kommentar Es gibt in der französischen Haushaltspolitik offenbar noch unerschlossene Rohstoffvorkommen. Man muss nur gründlich genug suchen. Unter jedem Kopfkissen könnte schließlich noch ein Sparbuch liegen, in irgendeiner Küchenschublade eine Lebensversicherung und auf irgendeinem Konto die Rente eines Menschen, der den bemerkenswerten Fehler begangen hat, jahrzehntelang zu arbeiten und anschließend nicht rechtzeitig zu verarmen. Nun also die Rentner. Bei der Vorbereitung des französischen Haushalts für 2027 wird darüber diskutiert, auch Pensionäre stärker an der Sanierung der Staatsfinanzen zu beteiligen. Wirtschaftsminister Roland Lescure spricht von einem Konsolidierungsbedarf von ungefähr 30 Milliarden Euro. Ministerpräsident Sébastien Lecornu hat eine Debatte darüber eröffnet, welchen Beitrag Rentner leisten könnten. Dabei geht es unter anderem um eine geringere Anpassung bestimmter Pensionen an die Inflation und um den steuerlichen Abschlag von 10 Prozent auf Renteneinkünfte. B…

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  • Frankreich spart sich kaputt – und wundert sich über die Wut der Menschen

    Frankreich spart sich kaputt – und wundert sich über die Wut der Menschen

    Kommentar

    Frankreich hat ein neues Wachstumsmodell entdeckt: sparen, bis die Wirtschaft wächst. Dummerweise hält sich die Wirtschaft nicht an den Plan.

    Die Regierung hat ihre Wachstumsprognose für 2026 von 0,7 auf 0,5 Prozent gesenkt. Das Defizitziel von 5 Prozent des BIP wird trotzdem verfehlt. Und der Schuldendienst steigt auf rund 65 Milliarden Euro.

    65 Milliarden – nicht für Schulen, Krankenhäuser, Straßen oder Forschung. Sondern dafür, dass Frankreich seine alten Schulden finanzieren kann.

    Das nennt man in Paris vermutlich finanzpolitische Handlungsfähigkeit.

    Der Bürger als Sanierungsfall

    Während der Staat seine Zinsen bezahlt, darf der Bürger ebenfalls seinen Beitrag leisten.

    Benzin? Teuer.
    Heizen? Teuer.
    Wohnen? Teuer.
    Einkaufen? Teuer.

    Die Kaufkraft steht unter Druck, Gewerkschaften verlangen höhere Löhne und niedrigere Kraftstoffpreise, und im Präsidentschaftswahlkampf 2027 wird bereits sichtbar, welches Thema ganz oben stehen dürfte: Wer soll das eigentlich alles noch bezahlen?

    Die Antwort der Politik kennt Frankreich seit Jahrzehnten.

    Der Steuerzahler.

    Sparen, bis es weh tut

    Natürlich muss Frankreich sein Defizit reduzieren. Ein Land kann nicht dauerhaft weit über seine Verhältnisse leben und anschließend die Finanzmärkte für steigende Zinsen verantwortlich machen.

    Nur besitzt die französische Sparstrategie einen kleinen Schönheitsfehler: Sie trifft auf eine Wirtschaft, die ohnehin kaum wächst.

    Der Mechanismus ist bestechend:

    Der Staat spart.
    Die Nachfrage schwächelt.
    Das Wachstum sinkt.
    Die Einnahmen enttäuschen.
    Das Defizit bleibt zu hoch.

    Also spart der Staat noch mehr.

    Ein Kreislauf von solcher Eleganz müsste eigentlich einen französischen Namen bekommen.

    Die Rechnung kommt 2027

    Politisch wird es noch interessanter.

    Frankreich hat bereits erlebt, was passiert, wenn Regierungen Kaufkraftprobleme für eine lästige Begleiterscheinung ihrer großen Reformpläne halten. Die Gelbwestenbewegung begann 2018 bekanntlich nicht mit einer Debatte über die Maastricht-Kriterien. Sie begann bei den Kraftstoffkosten.

    Heute steigen erneut die Sorgen über Benzinpreise, Wohnen, Heizen und Lebenshaltungskosten.

    Gleichzeitig erklärt Paris seinen Bürgern, dass leider gespart werden müsse.

    Warum?

    Weil die Schulden so teuer geworden sind.

    Warum gibt es so viele Schulden?

    Nun, bitte keine unangenehmen Fragen.

    Frankreich muss seine Staatsfinanzen sanieren. Aber ein Land mit 0,5 Prozent Wachstum, mehr als 5 Prozent Defizit und 65 Milliarden Euro Zinskosten gesundzusparen, während die Bevölkerung real immer weniger Spielraum verspürt, ist politisch ungefähr so erfolgversprechend wie Benzin ins Feuer zu gießen und anschließend über die mangelnde Brandschutzdisziplin der Bevölkerung zu klagen.

    Und wenn die Wut wächst?

    Dann wird Paris sicherlich reagieren.

    Mit einem neuen Sparpaket.

    MAB

  • Lecornu will bei der Regierung selbst sparen – Frankreichs Ministergehälter geraten ins Visier

    Lecornu will bei der Regierung selbst sparen – Frankreichs Ministergehälter geraten ins Visier

    Frankreichs Premierminister Sébastien Lecornu prüft offenbar eine Kürzung der Bezüge von Ministern und deren Mitarbeitern. Finanzpolitisch wäre der Effekt überschaubar. Politisch ist die Botschaft dagegen leicht verständlich: Wer von Bürgern und Verwaltung Sparanstrengungen verlangt, soll zunächst demonstrieren, dass die politische Führung selbst dazu bereit ist. Für eine Regierung, die angesichts angespannter Staatsfinanzen um Akzeptanz für Haushaltsdisziplin werben muss, wird damit aus einer vergleichsweise kleinen Ausgabenposition eine Frage politischer Glaubwürdigkeit. Sparen als Frage der politischen Legitimität Nach den bislang bekanntgewordenen Überlegungen erwägt Lecornu, die Vergütungen beziehungsweise Zulagen der Regierungsmitglieder und zumindest eines Teils ihrer Berater zu reduzieren. Über die genaue Höhe einer Kürzung, ihren Zeitpunkt und den Kreis der betroffenen Mitarbeiter sind noch keine endgültigen Entscheidungen bekannt. Gerade deshalb sollte die finanzielle Dimensi…

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  • Frankreichs schwarzer Herbst: Die Rechnung für Jahre des Aufschubs kommt näher

    Frankreichs schwarzer Herbst: Die Rechnung für Jahre des Aufschubs kommt näher

    Frankreich kehrt aus den Sommerferien zurück, doch von einem wirtschaftlichen Neubeginn kann keine Rede sein. Die «rentrée» des Jahres 2026 steht vielmehr im Zeichen einer ungewöhnlichen Häufung schlechter Nachrichten. Die Wirtschaft wächst praktisch nicht mehr, die Arbeitslosigkeit steigt, die Inflation zieht wieder an, die Kaufkraft sinkt. Gleichzeitig werden die Spielräume des Staates immer enger. Hinzu kommen die Folgen eines aussergewöhnlich heissen und trockenen Sommers, der vor allem die Landwirtschaft schwer getroffen hat.

    Von einer tiefen Rezession kann noch keine Rede sein. Gerade darin liegt jedoch das Problem. Frankreich befindet sich nicht in einem spektakulären Absturz, sondern in einer schleichenden wirtschaftlichen Erosion. Das macht die politische Reaktion schwieriger: Für ein grosses Krisenprogramm fehlt der Anlass – und für ein solches Programm fehlt ohnehin das Geld.

    Wachstum ohne Wachstum

    Die jüngsten Zahlen des Statistikamtes Insee zeichnen ein ernüchterndes Bild. Nach der Revision der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung schrumpfte das reale Bruttoinlandprodukt im ersten Quartal 2026 um 0,2 Prozent. Im zweiten Quartal stagnierte es. Damit beträgt der statistische Wachstumsüberhang für das Gesamtjahr gerade einmal 0,3 Prozent.

    Besonders aufschlussreich ist die Zusammensetzung dieser Stagnation. Der Konsum der privaten Haushalte erholte sich im zweiten Quartal zwar um 0,3 Prozent. Doch die Investitionen gingen erneut zurück. Die Bruttoanlageinvestitionen sanken um 0,3 Prozent, nachdem sie bereits im ersten Quartal um 0,8 Prozent gefallen waren. Das ist für die mittelfristigen Aussichten bedeutsamer als eine einzelne schwache BIP-Zahl. Wenn Unternehmen und Haushalte Investitionen verschieben, wird aus konjunktureller Unsicherheit allmählich strukturelle Schwäche.

    Die Banque de France hatte ihre Wachstumsprognose für 2026 bereits im Juni auf lediglich 0,5 Prozent reduziert. Die Regierung hält bislang an einer etwas günstigeren Erwartung von 0,7 Prozent fest. Beide Zahlen liegen weit entfernt von einer Dynamik, die ausreichen würde, Frankreichs fiskalische und soziale Probleme durch Wachstum zu entschärfen.

    Allerdings gibt es auch Gegenindikatoren. Das Geschäftsklima hat sich im Sommer etwas aufgehellt. Der entsprechende Insee-Index stieg im August auf 98 Punkte und näherte sich damit seinem langfristigen Durchschnitt. Das OFCE schätzte Anfang September das Wachstum im dritten Quartal in seinem Echtzeitmodell sogar auf rund 0,36 Prozent. Frankreich steht deshalb nicht zwangsläufig vor einer Rezession. Es steht vielmehr auf einer konjunkturellen Gratwanderung.

    Der Arbeitsmarkt verliert seinen Glanz

    Lange Zeit gehörte der Arbeitsmarkt zu den besseren Teilen der französischen Wirtschaftsbilanz. Diese Entwicklung beginnt sich umzukehren.

    Im zweiten Quartal stieg die Arbeitslosenquote auf 8,3 Prozent. Das waren 0,2 Prozentpunkte mehr als drei Monate zuvor und 0,7 Punkte mehr als ein Jahr zuvor. Rund 2,7 Millionen Menschen waren nach der Definition der Internationalen Arbeitsorganisation arbeitslos. Die Quote erreichte damit den höchsten Stand seit der Pandemie beziehungsweise – lässt man deren Sonderbedingungen ausser Betracht – seit 2019.

    Auch die Beschäftigungszahlen geben wenig Anlass zur Beruhigung. Die Zahl der abhängig Beschäftigten sank im zweiten Quartal um rund 23 500. Im privaten Sektor lag die Beschäftigung bereits das sechste Quartal hintereinander unter ihrem jeweiligen Vorjahresniveau.

    Noch ist das keine Beschäftigungskrise. Gegenüber Ende 2019 gibt es weiterhin deutlich mehr Arbeitsplätze. Doch für die öffentlichen Finanzen ist die Richtung entscheidend. Eine stagnierende Wirtschaft bei gleichzeitig steigender Arbeitslosigkeit bedeutet weniger Steuereinnahmen und Sozialbeiträge sowie höhere Sozialausgaben. Genau diese Kombination kann sich Frankreich derzeit besonders schlecht leisten.

    Die Inflation meldet sich zurück

    Auch an der Preisfront ist die Entwarnung vertagt. Nachdem die Inflation im Juni noch 1,8 Prozent betragen hatte, stieg sie im Juli auf 2,1 Prozent. Für August schätzte Insee die Teuerung vorläufig auf 2,4 Prozent.

    Treiber sind erneut vor allem die Energiepreise. Im Juli lagen sie 12,6 Prozent über dem Vorjahresniveau. Damit kehrt ein Mechanismus zurück, den Europa seit 2022 gut kennt: Energie verteuert nicht nur Strom, Treibstoff und Heizung unmittelbar, sondern wirkt mit Verzögerung auf Transport, Landwirtschaft und industrielle Produktion.

    Für Frankreich ist dies politisch besonders heikel. Die Kaufkraft pro Konsumeinheit sank bereits im zweiten Quartal um 0,6 Prozent. Eine erneute Beschleunigung der Inflation trifft damit auf Haushalte, deren finanzielle Lage sich schon zuvor verschlechtert hatte.

    Der Staat könnte versuchen gegenzusteuern. Doch anders als während der Energiekrise von 2022 und 2023 ist die fiskalische Ausgangslage heute erheblich unbequemer.

    Der gefährlichste Engpass liegt im Staatshaushalt

    Hier liegt der Kern der französischen Malaise. Frankreich könnte eine Phase schwachen Wachstums normalerweise mit einer expansiveren Fiskalpolitik abfedern. Doch die hohe Staatsverschuldung und das chronische Defizit haben diesen Spielraum weitgehend aufgezehrt.

    Die Regierung hatte für 2026 eine Verringerung des öffentlichen Defizits auf rund 5 Prozent des Bruttoinlandprodukts vorgesehen. Schon im Sommer räumte das Wirtschaftsministerium ein, dass dieses Ziel wegen der schwächeren Konjunktur und der Energiekrise schwieriger zu erreichen sei. Zusätzliche Einsparungen wurden angekündigt.

    Damit gerät Paris in ein klassisches Dilemma. Spart der Staat stärker, schwächt er kurzfristig eine ohnehin fragile Nachfrage. Spart er nicht, verschlechtert sich die Glaubwürdigkeit der französischen Finanzpolitik weiter.

    Dieses Problem ist nicht neu. Frankreich hat über Jahrzehnte einen grossen Sozialstaat, hohe öffentliche Ausgaben und eine ausgeprägte Bereitschaft zur staatlichen Stabilisierung miteinander verbunden. Dieses Modell funktioniert vergleichsweise komfortabel, solange Wachstum, niedrige Zinsen und die Glaubwürdigkeit der gemeinsamen europäischen Währung genügend finanziellen Spielraum schaffen. In einer Welt höherer Finanzierungskosten wird dieselbe Konstruktion erheblich anspruchsvoller.

    Die eigentliche Gefahr besteht deshalb weniger in einem einzelnen schwachen Quartal als in der Kombination von geringem Trendwachstum und dauerhaft hohen Staatsausgaben. Konjunkturelle Schwäche wird unter diesen Bedingungen rasch zu einem fiskalischen Problem.

    Dann kam der Sommer

    Als wären die klassischen konjunkturellen Schwierigkeiten nicht genug, hat der Sommer 2026 Frankreich mit aussergewöhnlicher Hitze und Trockenheit getroffen.

    Nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums lag die landesweite Durchschnittstemperatur im Juli bei 24,9 Grad und damit über den historischen Extremwerten der Sommer 2003 und 1976. Rund 65 Prozent des Landes waren von aussergewöhnlicher Trockenheit betroffen. In 95 Départements galten zeitweise Einschränkungen beim Wasserverbrauch; 79 erreichten auf dem Höhepunkt des Sommers die höchste Krisenstufe.

    In zahlreichen Regionen wurden Ertragseinbussen von durchschnittlich rund 50 Prozent gemeldet. Auch die Futtervorräte vieler landwirtschaftlicher Betriebe brachen ein. Anfang September stellte die Regierung deshalb mehr als eine Milliarde Euro zur Stabilisierung der Landwirtschaft und zur Wiederaufnahme der Produktion bereit.

    Die gesamtwirtschaftlichen Folgen bleiben gegenüber der Grösse der französischen Volkswirtschaft begrenzt, sind aber keineswegs bedeutungslos. Das Finanzministerium geht vorläufig davon aus, dass Hitze und Dürre das Jahreswachstum um etwa 0,1 Prozentpunkte drücken könnten. In einem Jahr mit ohnehin kaum vorhandenem Wachstum ist ein Zehntelpunkt keine statistische Fussnote.

    Der Sommer 2026 macht zudem sichtbar, dass Klimarisiken zunehmend zu makroökonomischen Risiken werden. Landwirtschaft, Energieversorgung, Tourismus, Infrastruktur und Arbeitsproduktivität reagieren unmittelbar auf extreme Temperaturen. Was früher vor allem als umweltpolitische Frage behandelt wurde, gehört inzwischen zur Wirtschafts- und Finanzpolitik.

    Europas Schwäche verstärkt Frankreichs Problem

    Frankreich kann zudem kaum auf einen kräftigen europäischen Aufschwung hoffen. Die französische Wirtschaft ist eng mit den übrigen EU-Staaten verflochten. Schwache Investitionen und geringe Nachfrage bei wichtigen Handelspartnern begrenzen daher auch die französischen Exportchancen.

    Hinzu kommen geopolitische Risiken und volatile Energiepreise. Frankreich besitzt dank seiner Kernenergie zwar eine andere Energiestruktur als Deutschland oder Italien. Gegen steigende Ölpreise und deren Auswirkungen auf Verkehr, Landwirtschaft, Chemie und Logistik schützt aber auch der französische Reaktorpark nicht.

    Die internationale Unsicherheit trifft damit auf eine Volkswirtschaft, deren interne Wachstumskräfte bereits schwach sind.

    Frankreichs «rentrée noire» ist deshalb weniger der Beginn einer dramatischen Rezession als ein Warnsignal. Noch gibt es genügend stabilisierende Faktoren: Die Unternehmen beurteilen ihre Lage inzwischen etwas besser, der Konsum ist nicht eingebrochen, und ein moderates Wachstum im dritten Quartal bleibt möglich.

    Doch die französische Wirtschaft hat ihre Sicherheitsmarge weitgehend verloren. Ein Wachstum von einem halben oder vielleicht sieben Zehntel Prozent reicht kaum aus, um gleichzeitig den Arbeitsmarkt zu stabilisieren, die Kaufkraft zu stärken, die ökologische Transformation zu finanzieren und das Haushaltsdefizit deutlich zu senken.

    Genau darin liegt die politische Brisanz dieses Herbstes. Frankreich muss seine öffentlichen Finanzen konsolidieren, ohne die Konjunktur abzuwürgen; investieren, ohne die Verschuldung weiter ausufern zu lassen; und seine Wettbewerbsfähigkeit erhöhen, ohne den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu gefährden. Keine dieser Aufgaben ist neu. Neu ist, dass sie nun gleichzeitig dringlich werden.

    Die schwarze «rentrée» des Jahres 2026 könnte deshalb rückblickend weniger als Beginn einer Rezession erscheinen denn als Moment, in dem Frankreich erkennen musste, dass sich wirtschaftspolitische Zielkonflikte nicht unbegrenzt durch zusätzliche Staatsausgaben vertagen lassen.

    Andreas M. Brucker