Schlagwort: Frauenrechte

  • Streik am Eiffelturm: Mitarbeiterinnen sollten für hinduistische Besucher „unsichtbar“ werden

    Streik am Eiffelturm: Mitarbeiterinnen sollten für hinduistische Besucher „unsichtbar“ werden

    Der Eiffelturm blieb am Montag, 7. September, den gesamten Tag geschlossen. Der Grund war kein technischer Defekt, sondern ein ungewöhnlicher Arbeitskampf: Mitarbeiterinnen sollen während des privaten Besuchs einer hinduistischen Delegation angewiesen worden sein, bestimmte Arbeitsplätze zu verlassen oder sich aus einzelnen Bereichen fernzuhalten.

    Der Vorfall ereignete sich bereits am Samstag. Rund hundert Mitglieder der hinduistischen Organisation Bochasanwasi Akshar Purushottam Swaminarayan Sanstha, kurz BAPS, besuchten das Pariser Wahrzeichen. Der Aufenthalt fiel zeitlich mit der Eröffnung eines großen BAPS-Tempels in Bussy-Saint-Georges östlich von Paris zusammen.

    Vor dem Besuch hatte die Delegation die Betreibergesellschaft des Eiffelturms, SETE, darum gebeten, den Rundgang so zu organisieren, dass „Interaktionen mit Frauen“ möglichst begrenzt blieben. Die Gesellschaft stimmte dieser Bitte zu – eine Entscheidung, die nun erhebliche Folgen nach sich zieht.

    Nach Angaben der Beschäftigten mussten einige Frauen ihre Arbeitsplätze verlassen. Andere seien durch männliche Kollegen ersetzt worden. Mitarbeiterinnen hätten zudem die Anweisung erhalten, bestimmte Bereiche während der Anwesenheit der Delegation nicht zu durchqueren.

    Für die Belegschaft war damit eine rote Linie überschritten. Frauen seien allein aufgrund ihres Geschlechts „beiseitegeschoben, ersetzt und unsichtbar gemacht“ worden, lautete der Vorwurf. Am Montag traten Beschäftigte in den Streik. Eines der meistbesuchten Wahrzeichen Frankreichs machte dicht.

    Die Betreibergesellschaft bestreitet den Kern der Vorwürfe nicht. Sie räumte ein, die Bitte nach einer Begrenzung der Kontakte zwischen den religiösen Besuchern und Frauen akzeptiert zu haben. Diese Bedingungen hätten niemals angenommen werden dürfen, erklärte die SETE inzwischen. Sie widersprächen den eigenen Werten sowie den Grundsätzen der Gleichstellung und Neutralität. Das Unternehmen entschuldigte sich bei seinen Beschäftigten und kündigte eine Überprüfung der Abläufe an.

    Auch politisch zieht der Vorgang Kreise. SETE-Präsident Ariel Weil versprach eine umfassende Aufklärung. Der Pariser Bürgermeister Emmanuel Grégoire kündigte ebenfalls eine rasche Untersuchung an.

    Der BAPS wiederum weist die Darstellung zurück, Frauen seien ausdrücklich vom Zugang zum Eiffelturm ausgeschlossen worden. Die Organisation entschuldigte sich bei Menschen, die sich durch die Situation verletzt oder beeinträchtigt fühlten, erklärte jedoch, nach eigener Kenntnis sei niemandem der Zutritt zum Monument verweigert worden.

    Genau hier liegt allerdings der Knackpunkt.

    Ob Angehörige einer Religionsgemeinschaft aus persönlichen Überzeugungen Kontakte zum anderen Geschlecht einschränken, betrifft zunächst ihre individuelle Religionsausübung. Eine andere Dimension erreicht die Sache, sobald ein französischer Arbeitgeber seine Arbeitsorganisation nach solchen Vorstellungen ausrichtet und Beschäftigte aufgrund ihres Geschlechts versetzt oder aus bestimmten Bereichen entfernt.

    Der Fall berührt deshalb zentrale französische Debatten über Gleichberechtigung, Religionsfreiheit und Laizität. Gerade der Eiffelturm besitzt dabei enorme Symbolkraft: Menschen aus nahezu allen Kulturen und Religionen besuchen ihn täglich. Ihre Überzeugungen zu respektieren gehört zum Alltag – die Gleichbehandlung der Beschäftigten dafür über Bord zu werfen, steht auf einem anderen Blatt.

    Die SETE verspricht nun strengere Verfahren, damit sich ein vergleichbarer Vorgang nicht wiederholt. Nach dem Streik soll der Eiffelturm am Dienstag, 8. September, regulär um 9.30 Uhr öffnen.

    Die entscheidende Frage bleibt jedoch offen: Wer genehmigte die Forderung der Delegation, auf welcher Hierarchieebene geschah dies – und weshalb erschien es überhaupt vertretbar, Frauen an einem französischen Arbeitsplatz wegen ihres Geschlechts aus dem Blickfeld zu nehmen?

    Andreas M. Brucker

  • Fünf Jahre nach der Machtübernahme der Taliban: Das unvollendete Exil der Afghanen in Frankreich

    Fünf Jahre nach der Machtübernahme der Taliban: Das unvollendete Exil der Afghanen in Frankreich

    Als am 15. August 2021 Kabul in die Hände der Taliban fiel, markierte dies nicht nur das Ende eines zwanzigjährigen westlichen Militäreinsatzes, sondern auch den Beginn einer der größten Fluchtbewegungen der jüngeren Zeitgeschichte. Die Bilder verzweifelter Menschen, die sich an startende Militärflugzeuge klammerten, gingen um die Welt und wurden zum Sinnbild eines dramatischen Zusammenbruchs. Frankreich beteiligte sich ebenso wie andere westliche Staaten an Evakuierungsmissionen und versprach Schutz für besonders gefährdete Afghaninnen und Afghanen.

    Fünf Jahre später hat sich die politische Realität grundlegend verändert. Die Taliban haben ihre Herrschaft gefestigt, internationale Kontakte nehmen schrittweise wieder zu, und selbst europäische Staaten führen Gespräche mit Kabul über migrations- und sicherheitspolitische Fragen. Für jene Afghanen, die in Frankreich Zuflucht gefunden haben, bedeutet diese Entwicklung jedoch keineswegs Entspannung. Ihr Exil ist längst nicht abgeschlossen. Es hat vielmehr eine neue Form angenommen – geprägt von bürokratischen Verfahren, psychischen Belastungen, Integrationshürden und der Sorge, dass die politische Stimmung in Europa eines Tages auch ihre Zukunft infrage stellen könnte.

    Die Flucht endet nicht mit der Ankunft

    Die afghanische Gemeinschaft in Frankreich ist ausgesprochen heterogen. Unter den Geflüchteten befinden sich ehemalige Ortskräfte französischer Institutionen, Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen, Journalisten, Richterinnen, Lehrer, Menschenrechtsaktivisten, aber auch zahlreiche junge Männer, die vor wirtschaftlichem Zusammenbruch, politischer Verfolgung oder drohender Zwangsrekrutierung flohen.

    Für die meisten begann das Exil lange vor der Ankunft in Frankreich. Der Weg führte häufig über den Iran, die Türkei und die Balkanroute. Viele verbrachten Monate oder sogar Jahre unter prekären Bedingungen, bevor sie europäischen Boden erreichten. Erst danach folgten langwierige Asylverfahren, Aufenthalte in Erstaufnahmeeinrichtungen und die Hoffnung auf einen rechtlich gesicherten Aufenthalt.

    Doch selbst die Anerkennung als Flüchtling markiert keinen Neubeginn im klassischen Sinn. Sie beendet lediglich die existenzielle Unsicherheit der Flucht – nicht jedoch deren psychologische Folgen. Familien leben oftmals über Kontinente hinweg getrennt. Viele Geflüchtete telefonieren regelmäßig mit Angehörigen in Afghanistan, deren Lebensbedingungen sich unter der Herrschaft der Taliban kontinuierlich verschlechtert haben. Die Sorge um Eltern, Geschwister oder Kinder bleibt für viele ein ständiger Begleiter.

    Frauen zwischen neuer Freiheit und verlorener Biografie

    Besonders tief greift das Schicksal afghanischer Frauen. Zahlreiche von ihnen verließen ihre Heimat, weil innerhalb weniger Monate nahezu sämtliche gesellschaftlichen Fortschritte der vergangenen zwanzig Jahre rückgängig gemacht wurden.

    Der Ausschluss von Mädchen aus weiterführenden Schulen und Universitäten, massive Einschränkungen der Erwerbstätigkeit sowie weitreichende Verbote der öffentlichen Teilhabe haben Afghanistan international zu einem Symbol institutionalisierter Geschlechterdiskriminierung werden lassen.

    In Frankreich genießen diese Frauen zwar grundlegende Freiheitsrechte und rechtliche Sicherheit. Der gesellschaftliche Neuanfang gestaltet sich dennoch schwierig. Akademische Abschlüsse werden häufig nicht anerkannt oder nur eingeschränkt berücksichtigt. Sprachbarrieren erschweren den Einstieg in qualifizierte Berufe erheblich. Ehemalige Richterinnen, Professorinnen oder Verwaltungsbeamtinnen sehen sich oftmals gezwungen, ihre berufliche Laufbahn vollständig neu aufzubauen oder Tätigkeiten anzunehmen, die weit unter ihrer Qualifikation liegen.

    Damit verbindet sich nicht selten ein Gefühl des sozialen Abstiegs. Während sie der Verfolgung entkommen sind, bleibt die Rückkehr in ihren früheren Beruf für viele auf absehbare Zeit unerreichbar.

    Integration zwischen Hoffnung und Realität

    Auch für Männer gestaltet sich die Integration häufig schwieriger, als es die öffentliche Debatte vermuten lässt. Wohnraum gehört zu den größten Herausforderungen. Nach dem Aufenthalt in staatlichen Unterkünften fällt vielen Familien der Zugang zum privaten Wohnungsmarkt schwer – nicht zuletzt wegen steigender Mieten und eines ohnehin angespannten Angebots.

    Hinzu kommt der Arbeitsmarkt. Viele Geflüchtete finden zunächst Beschäftigung in Branchen mit niedrigen Einstiegshürden: Baugewerbe, Gastronomie, Logistik oder Reinigungsdienste. Diese Tätigkeiten ermöglichen wirtschaftliche Eigenständigkeit, entsprechen jedoch selten der beruflichen Qualifikation der Betroffenen.

    Ein weiterer Engpass bleibt der Spracherwerb. Zwar existieren staatlich geförderte Integrationskurse, doch reichen deren Umfang und Dauer häufig nicht aus, um rasch ein Niveau zu erreichen, das anspruchsvollere Berufslaufbahnen ermöglicht. Besonders ältere Geflüchtete oder Menschen mit geringer Schulbildung benötigen deutlich längere Förderzeiträume.

    Weniger sichtbar, aber gesellschaftlich ebenso bedeutsam, sind die psychischen Folgen der Flucht. Traumatische Kriegserfahrungen, der Verlust nahestehender Menschen und die permanente Angst um zurückgelassene Familienmitglieder führen vielfach zu Depressionen, Angststörungen oder posttraumatischen Belastungssymptomen. Diese Belastungen erschweren die Integration zusätzlich und bleiben im öffentlichen Diskurs häufig unterschätzt.

    Eine Diaspora übernimmt Verantwortung

    Trotz aller Schwierigkeiten hat sich in Frankreich in den vergangenen Jahren eine zunehmend organisierte afghanische Diaspora entwickelt. Vereine und Initiativen unterstützen Neuankömmlinge bei Behördengängen, vermitteln Sprachkurse, begleiten die Wohnungssuche oder helfen bei der Arbeitsmarktintegration.

    Zugleich engagieren sich viele Organisationen politisch. Demonstrationen gegen Menschenrechtsverletzungen in Afghanistan, Informationsveranstaltungen und Kontakte zu französischen Institutionen verfolgen das Ziel, das Schicksal der Bevölkerung im Herkunftsland im öffentlichen Bewusstsein zu halten.

    Eine Schlüsselrolle übernimmt dabei die jüngere Generation. Viele junge Afghaninnen und Afghanen, die als Jugendliche oder Studierende nach Frankreich kamen, sprechen inzwischen fließend Französisch, absolvieren Hochschulstudien oder arbeiten selbst als Dolmetscher, Sozialarbeiter oder Integrationsbegleiter. Sie bilden eine Brücke zwischen den Neuankömmlingen und der französischen Gesellschaft und tragen wesentlich dazu bei, dass Integration nicht allein staatliche Aufgabe bleibt.

    Wachsende Unsicherheit durch den Wandel der Migrationspolitik

    Während sich die Lage der Taliban auf internationaler Ebene stabilisiert, verändert sich gleichzeitig die europäische Migrationspolitik. Zahlreiche Regierungen setzen verstärkt auf Rückführungen abgelehnter Asylbewerber und suchen dafür auch den Dialog mit Staaten, deren Regierungen noch vor wenigen Jahren weitgehend isoliert waren.

    Für anerkannte Flüchtlinge gilt zwar weiterhin der Schutz des internationalen Asylrechts. Dennoch verfolgen viele Afghaninnen und Afghanen diese Entwicklung mit wachsender Sorge. Sie befürchten, dass sich politische Mehrheiten verändern und langfristig auch bestehende Schutzmechanismen unter Druck geraten könnten.

    Diese Unsicherheit speist sich weniger aus konkreten rechtlichen Veränderungen als aus einem allgemeinen Stimmungswandel. Migration wird in vielen europäischen Ländern zunehmend unter sicherheits- und ordnungspolitischen Gesichtspunkten diskutiert. Für Menschen, die bereits ein neues Leben begonnen haben, entsteht dadurch erneut das Gefühl, ihre Zukunft hänge von politischen Entwicklungen ab, auf die sie keinerlei Einfluss besitzen.

    Zwischen Solidarität und Misstrauen

    Auch die öffentliche Wahrnehmung afghanischer Flüchtlinge hat sich verändert. Die breite Solidarität, die unmittelbar nach dem Fall Kabuls vorherrschte, ist einer deutlich nüchterneren Debatte gewichen. Fragen nach Integration, Migration und innerer Sicherheit bestimmen inzwischen den politischen Diskurs stärker als humanitäre Erwägungen.

    Einzelne Ermittlungsverfahren gegen afghanische Staatsangehörige wegen mutmaßlicher extremistischer Verbindungen haben diese Entwicklung zusätzlich verstärkt. Solche Fälle stehen zwar jeweils für individuelles Fehlverhalten und erlauben keinerlei Rückschlüsse auf die afghanische Gemeinschaft insgesamt. Dennoch prägen sie die öffentliche Wahrnehmung überproportional und erschweren die gesellschaftliche Integration vieler unbescholtener Geflüchteter.

    Vertreter von Hilfsorganisationen warnen deshalb davor, sicherheitspolitische Einzelfälle mit einer gesamten Bevölkerungsgruppe gleichzusetzen. Gerade jene Menschen, die vor den Taliban geflohen seien, hätten selbst unter islamistischem Terror und politischer Verfolgung gelitten.

    Fünf Jahre nach der Rückkehr der Taliban zeigt sich damit ein bemerkenswertes Paradox. Während das Regime in Kabul schrittweise aus seiner internationalen Isolation heraustritt und um diplomatische Anerkennung bemüht ist, bleibt das Leben vieler Geflüchteter von Unsicherheit geprägt. Sie haben Schutz gefunden, aber nur selten die Gewissheit, endgültig angekommen zu sein.

    Das Afghanistan, das sie einst verließen, existiert in seiner früheren Form nicht mehr. Zugleich ist Frankreich für viele noch immer kein Ort uneingeschränkter Normalität, sondern eine Gesellschaft, in der Integration Zeit, Geduld und gegenseitiges Vertrauen verlangt. Exil bedeutet deshalb weit mehr als einen Ortswechsel. Es ist ein dauerhafter Zustand zwischen Vergangenheit und Zukunft – zwischen der Erinnerung an eine verlorene Heimat und der Hoffnung, eines Tages wirklich eine neue zu finden.

    Autor: P. Tiko

    En quelques années, la France est devenue l’un des principaux pays d’accueil des réfugiés afghans en Europe, avec environ 100 000 ressortissants sur son territoire. Derrière ce chiffre, la situation de ces femmes et hommes ayant fui leur pays depuis cinq ans est souvent compliquée, entre traumatismes, difficultés pour s’intégrer et parcours professionnel à reconstruire. Reportage d’Alice Brogat et Anaïs Chesnel., En quelques années, la France est devenue l’un des principaux pays d’accueil des réfugiés afghans en Europe, avec environ 100 000 ressortissants sur son territoire. Derrière ce chiffre, la situation de ces femmes et hommes ayant fui leur pays depuis cinq ans est souvent compliquée, entre traumatismes, difficultés pour s’intégrer et parcours professionnel à reconstruire. Reportage d’Alice Brogat et Anaïs Chesnel.,

  • Spaniens konsequenter Kampf gegen häusliche Gewalt – warum Europa genau hinschauen sollte

    Spaniens konsequenter Kampf gegen häusliche Gewalt – warum Europa genau hinschauen sollte

    Wenn in Europa über erfolgreiche Strategien zur Bekämpfung häuslicher Gewalt gesprochen wird, fällt der Blick seit Jahren auf Spanien. Das Land gilt heute als Referenzmodell einer Politik, die den Schutz von Frauen nicht allein als Aufgabe der Strafjustiz versteht, sondern als gesamtstaatliche Verpflichtung. Die Zahl der Frauen, die durch ihren Partner oder Ex-Partner getötet werden, ist seit Beginn der 2000er Jahre deutlich zurückgegangen – trotz jährlicher Schwankungen. Dieser Erfolg beruht jedoch nicht auf einer einzelnen spektakulären Reform, sondern auf einem über zwei Jahrzehnte konsequent aufgebauten System, das Prävention, Justiz, Polizei, Sozialpolitik und Bildung miteinander verzahnt.

    Die Entwicklung Spaniens zeigt zugleich eine grundlegende Erkenntnis: Häusliche Gewalt ist kein ausschließlich strafrechtliches Problem. Sie entsteht in komplexen sozialen Zusammenhängen und erfordert entsprechend differenzierte staatliche Antworten.

    Der Wendepunkt nach einer gesellschaftlichen Erschütterung

    Zu Beginn der 2000er Jahre erschütterten mehrere besonders brutale Tötungsdelikte an Frauen die spanische Öffentlichkeit. Die intensive mediale Berichterstattung führte zu einer breiten gesellschaftlichen Debatte über den Umgang mit Gewalt gegen Frauen. Der politische Druck nahm rasch zu.

    Die Antwort folgte 2004 mit einem Gesetz, das bis heute als Meilenstein der spanischen Innen- und Sozialpolitik gilt. Anders als viele europäische Staaten beschränkte sich Spanien nicht darauf, Strafandrohungen zu verschärfen. Vielmehr entstand ein umfassender Rechtsrahmen, der Prävention, Opferschutz, soziale Unterstützung, gerichtliche Verfahren, Bildungsmaßnahmen und die Ausbildung staatlicher Institutionen miteinander verband.

    Damit wurde häusliche Gewalt nicht länger als privates Familiendrama behandelt, sondern als gesellschaftliches Sicherheitsproblem mit weitreichenden politischen Konsequenzen.

    Spezialisierte Gerichte statt zersplitterter Verfahren

    Eine der wichtigsten Innovationen war die Einrichtung spezialisierter Gerichte für Gewalt gegen Frauen. Diese befassen sich nicht nur mit strafrechtlichen Fragen, sondern entscheiden zugleich über zentrale familienrechtliche Angelegenheiten wie Sorgerecht oder Umgangsregelungen.

    Dieser institutionelle Ansatz verfolgt zwei Ziele. Zum einen sollen Opfer nicht gezwungen sein, parallel mehrere Gerichtsverfahren zu führen. Zum anderen ermöglichen spezialisierte Richterinnen und Richter schnellere Entscheidungen und eine höhere Sachkompetenz.

    Auch Staatsanwälte, Gerichtsschreiber und weitere Justizbedienstete erhalten eine spezifische Ausbildung über Dynamiken häuslicher Gewalt, Eskalationsmuster sowie psychologische Belastungssituationen der Betroffenen. Die Spezialisierung soll verhindern, dass Warnsignale übersehen oder Risiken unterschätzt werden.

    Risikobewertung statt bloßer Reaktion

    Als besonders innovativ gilt das seit 2007 eingesetzte System VioGén. Es bildet das Herzstück der spanischen Schutzstrategie.

    Erstattet eine Frau Anzeige, erfolgt eine standardisierte Risikoanalyse anhand eines umfangreichen Fragenkatalogs. Berücksichtigt werden unter anderem frühere Gewalttaten, Morddrohungen, Waffenbesitz des Täters, kürzlich erfolgte Trennungen, psychische Auffälligkeiten sowie die Situation gemeinsamer Kinder.

    Auf Grundlage dieser Informationen erfolgt eine Einstufung des Gefährdungsgrades in mehrere Risikokategorien – von gering bis extrem.

    Dabei handelt es sich nicht um eine automatisierte Gerichtsentscheidung, sondern um ein Instrument zur Unterstützung polizeilicher und gerichtlicher Einschätzungen. Der entscheidende Vorteil liegt in der Standardisierung: Die Bewertung hängt weniger von individuellen Erfahrungen einzelner Beamter ab, sondern folgt landesweit einheitlichen Kriterien.

    Schutzmaßnahmen orientieren sich am tatsächlichen Risiko

    Die Risikoeinstufung bleibt nicht theoretisch. Sie entscheidet unmittelbar über Umfang und Intensität staatlicher Schutzmaßnahmen.

    Je nach Gefährdungslage können regelmäßige Polizeikontrollen, verstärkte Überwachung der Wohnung, häufige telefonische Kontaktaufnahmen oder persönliche Begleitungen angeordnet werden. In besonders kritischen Fällen erfolgt eine nahezu permanente Überwachung.

    Bemerkenswert ist zudem die Dynamik des Systems. Die Gefährdungsbewertung wird regelmäßig überprüft und kann jederzeit angepasst werden, wenn neue Erkenntnisse oder weitere Vorfälle eintreten. Der Schutz entwickelt sich somit parallel zur tatsächlichen Bedrohungslage.

    Informationsaustausch als entscheidender Erfolgsfaktor

    Ein wesentlicher Unterschied zu vielen anderen europäischen Staaten liegt in der institutionellen Zusammenarbeit.

    Polizei, Justiz, Staatsanwaltschaft, Sozialdienste und teilweise auch Gesundheitseinrichtungen greifen auf gemeinsame Informationen zurück. Erlässt ein Gericht eine Schutzanordnung, steht diese den Polizeibehörden unmittelbar zur Verfügung. Erkenntnisse aus Sozialdiensten oder Ermittlungen können ihrerseits zeitnah in gerichtliche Entscheidungen einfließen.

    Gerade bei häuslicher Gewalt entstehen tödliche Risiken häufig dort, wo Informationen zwischen Behörden verloren gehen. Spanien hat deshalb erhebliche Anstrengungen unternommen, solche Brüche im Verfahren möglichst zu vermeiden.

    Elektronische Überwachung als wirksame Abschreckung

    Seit 2009 setzt Spanien zudem verstärkt elektronische Aufenthaltsüberwachung ein.

    Gewalttäter können verpflichtet werden, ein GPS-Armband zu tragen, während die betroffene Frau ein mobiles Empfangsgerät erhält. Nähert sich der Täter einer gerichtlich festgelegten Sperrzone, wird automatisch Alarm ausgelöst – sowohl bei der Betroffenen als auch in der Überwachungszentrale und bei der Polizei.

    Dieses System dient nicht nur der späteren Strafverfolgung. Sein eigentlicher Zweck besteht darin, gefährliche Annäherungen bereits im Ansatz zu verhindern. Die unmittelbare Reaktionsmöglichkeit erhöht den Schutz erheblich und stärkt zugleich die Durchsetzbarkeit gerichtlicher Kontaktverbote.

    Schutz bedeutet auch wirtschaftliche Unabhängigkeit

    Spanien betrachtet häusliche Gewalt nicht ausschließlich als Sicherheitsfrage. Viele Frauen verbleiben in gewaltgeprägten Beziehungen aus finanzieller Abhängigkeit oder aus Sorge um ihre Kinder.

    Daher umfasst das Schutzsystem auch Wohnbeihilfen, finanzielle Unterstützungsleistungen, Hilfe bei der Arbeitssuche sowie kostenfreie psychologische Betreuung. Ziel ist es, den Betroffenen einen tatsächlichen Neuanfang zu ermöglichen und wirtschaftliche Zwänge als Hindernis für eine Trennung zu reduzieren.

    Diese sozialpolitische Dimension unterscheidet das spanische Modell von Ansätzen, die den Schwerpunkt fast ausschließlich auf strafrechtliche Sanktionen legen.

    Prävention beginnt in der Schule

    Langfristig setzt Spanien auf gesellschaftlichen Wandel.

    Bereits im Schulunterricht werden Gleichberechtigung, gegenseitiger Respekt und gewaltfreie Partnerschaften thematisiert. Ergänzt wird dies durch regelmäßige landesweite Informationskampagnen in Fernsehen, Hörfunk sowie sozialen Medien.

    Die Botschaft lautet, dass Gewalt gegen Frauen nicht erst dann bekämpft werden darf, wenn sie eskaliert ist. Vielmehr soll bereits das gesellschaftliche Bewusstsein für problematische Verhaltensmuster gestärkt werden.

    Niederschwellige Hilfe rund um die Uhr

    Ein weiterer Baustein ist die landesweite Notrufnummer 016. Sie bietet Betroffenen kostenlose Beratung und Unterstützung, ohne dass der Anruf auf Telefonrechnungen erscheint – ein Detail, das für Frauen in kontrollierenden Beziehungen von erheblicher Bedeutung sein kann.

    Inzwischen wurde das Angebot um digitale Kommunikationswege erweitert, darunter Messenger-Dienste sowie barrierefreie Videoberatung für Menschen mit Hörbehinderungen.

    Damit versucht Spanien, Hilfsangebote möglichst diskret und leicht zugänglich zu gestalten.

    Kein Patentrezept – aber ein überzeugendes Gesamtkonzept

    Die Zahl der Femizide ist in Spanien nach offiziellen Statistiken gegenüber den frühen 2000er Jahren spürbar gesunken. Wissenschaftler führen diesen Rückgang auf mehrere ineinandergreifende Faktoren zurück: eine präzisere Gefährdungsanalyse, schnellere polizeiliche Interventionen, eine engere Überwachung besonders gefährlicher Täter, bessere soziale Unterstützung sowie eine höhere gesellschaftliche Sensibilität.

    Gleichzeitig warnen Fachleute vor vorschnellen internationalen Vergleichen. Rechtliche Definitionen, statistische Erfassungsmethoden und gesellschaftliche Rahmenbedingungen unterscheiden sich von Land zu Land erheblich. Ein unmittelbarer Vergleich der Fallzahlen ist deshalb nur eingeschränkt möglich.

    Dennoch hat das spanische Modell europaweit Aufmerksamkeit erregt. Zahlreiche Elemente – standardisierte Risikobewertungen, elektronische Kontaktverbote oder die institutionelle Vernetzung – wurden inzwischen auch in anderen Staaten übernommen oder dienen als Vorbild für Reformen.

    Die eigentliche Stärke Spaniens liegt jedoch nicht in einzelnen Instrumenten. Entscheidend ist die konsequente Verzahnung aller staatlichen Akteure. Polizei, Gerichte, Sozialbehörden, Gesundheitswesen und Bildungseinrichtungen verfolgen kein Nebeneinander verschiedener Zuständigkeiten, sondern arbeiten auf ein gemeinsames Ziel hin: den wirksamen Schutz potenzieller Opfer.

    Gerade darin liegt die politische Lehre dieses Modells. Häusliche Gewalt lässt sich weder allein durch schärfere Strafen noch durch einzelne technische Innovationen eindämmen. Erfolg entsteht dort, wo staatliche Institutionen über Jahre hinweg kohärent zusammenarbeiten, Risiken frühzeitig erkennen und Betroffene umfassend unterstützen. Spaniens Erfahrung zeigt, dass nachhaltiger Opferschutz weniger von spektakulären Einzelmaßnahmen als von der Beharrlichkeit eines integrierten Systems abhängt.

    Autor: P. Tiko

  • Ein globaler Aufruf zum Widerstand: Laëtitia Colombani erzählt von Solidarität über Grenzen hinweg

    Ein globaler Aufruf zum Widerstand: Laëtitia Colombani erzählt von Solidarität über Grenzen hinweg

    Paris – 21. Juni 2026. Mit ihrem neuen Roman Un jour sans femme knüpft Laëtitia Colombani an die Themen an, die bereits ihren internationalen Bestseller La Tresse zu einem weltweiten Erfolg gemacht haben. Die französische Autorin richtet den Blick erneut auf das Leben von Frauen in unterschiedlichen…

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  • Nach der Trauer wächst der Druck: Frankreich bereitet sich auf neue Proteste nach Lyhannas Beisetzung vor

    Nach der Trauer wächst der Druck: Frankreich bereitet sich auf neue Proteste nach Lyhannas Beisetzung vor

    Die Erschütterung über den Tod der jungen Lyhanna hält Frankreich weiterhin in Atem. Während die Familie und Angehörigen am Freitag in Fleurance im Département Gers Abschied von der Jugendlichen nehmen, kündigen zahlreiche Frauenrechtsorganisationen, Kinderschutzverbände und Bürgerinitiativen neue Demonstrationen im ganzen Land an. Aus der anfänglichen Trauer entwickelt sich zunehmend eine Bewegung, die Antworten fordert und politische Konsequenzen verlangt. Der Fall hat weit über die Grenzen der betroffenen Region hinaus für Entsetzen gesorgt. Seit der Auffindung des Leichnams beschäftigt die Tragödie die französische Öffentlichkeit. Besonders die Diskussion über den Umgang der Behörden mit dem mutmaßlichen Täter und mögliche Versäumnisse im Vorfeld des Verbrechens sorgt für anhaltende Empörung. In vielen Städten gingen bereits Tausende Menschen auf die Straße, um ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen und gleichzeitig Kritik an staatlichen Institutionen zu üben. Für viele Teilnehmer steh…

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  • Der Fall Lyhanna und das Versagen des Staates

    Der Fall Lyhanna und das Versagen des Staates

    Der Tod der elfjährigen Lyhanna hat Frankreich in einer Weise erschüttert, die weit über die Tragödie eines einzelnen Verbrechens hinausgeht. Die öffentliche Debatte richtet sich inzwischen nicht mehr allein gegen den mutmaßlichen Täter. Im Mittelpunkt stehen vielmehr die Institutionen eines Staates, der den Schutz von Kindern zu seinen grundlegenden Aufgaben zählt und dennoch immer wieder daran scheitert, gefährdete Minderjährige rechtzeitig zu schützen.

    Die Forderung nach einer sogenannten „Loi intégrale contre les violences sexistes et sexuelles“ ist deshalb mehr als eine spontane politische Reaktion auf einen besonders schockierenden Fall. Sie ist Ausdruck eines tieferliegenden Problems, das Frankreich seit Jahren begleitet: dem Widerspruch zwischen einer wachsenden gesellschaftlichen Sensibilität für sexuelle Gewalt und den strukturellen Defiziten jener Behörden, die diese Gewalt verhindern oder verfolgen sollen.

    Ein Spiegel institutioneller Schwächen

    Die Affäre Lyhanna reiht sich in eine Serie von Fällen ein, die das Vertrauen vieler Bürger in die Handlungsfähigkeit des Staates erschüttert haben. Immer wieder zeigt sich ein ähnliches Muster: Warnsignale werden erkannt, Hinweise registriert, Anzeigen aufgenommen – doch zwischen den beteiligten Behörden entstehen Lücken, durch die gefährdete Kinder fallen.

    Frankreich verfügt bereits heute über umfangreiche gesetzliche Regelungen zum Schutz von Minderjährigen. Dennoch beklagen Kinderschutzorganisationen seit Jahren eine unzureichende Koordination zwischen Schulen, Sozialdiensten, Polizei, Justiz und Gesundheitswesen. Die Existenz von Gesetzen allein garantiert keinen Schutz. Entscheidend ist ihre Umsetzung.

    Genau an diesem Punkt setzt die vorgeschlagene „Loi intégrale“ an. Sie versteht sexuelle Gewalt nicht als isoliertes strafrechtliches Problem, sondern als gesamtgesellschaftliche Herausforderung, die Prävention, Früherkennung, Opferschutz und Strafverfolgung gleichermaßen umfasst.

    Vom Strafrecht zur Prävention

    Bemerkenswert ist dabei die Schwerpunktsetzung der Reform. Anders als viele politische Debatten nach besonders aufsehenerregenden Verbrechen konzentriert sich die Initiative nicht primär auf höhere Strafen. Stattdessen rückt sie die Frage in den Mittelpunkt, wie Gewalt überhaupt früher erkannt werden kann.

    Die geplanten regelmäßigen Gespräche mit Kindern bereits im Vorschulalter folgen einer Erkenntnis, die in der Kinderschutzforschung seit Langem bekannt ist: Die meisten Opfer sexueller Gewalt offenbaren ihre Erfahrungen nicht unmittelbar. Oft vergehen Jahre, bevor Betroffene über das Erlebte sprechen können. In zahlreichen Fällen bleibt die Gewalt sogar dauerhaft verborgen.

    Die Befürworter des Gesetzes argumentieren deshalb, dass Prävention nicht erst beginnt, wenn ein Verbrechen angezeigt wird. Sie beginnt dort, wo staatliche Institutionen in der Lage sind, Veränderungen im Verhalten eines Kindes wahrzunehmen und angemessen darauf zu reagieren.

    Dieser Ansatz orientiert sich teilweise an Modellen aus skandinavischen Ländern, in denen interdisziplinäre Zusammenarbeit und frühzeitige Interventionen seit Jahren eine zentrale Rolle im Kinderschutz spielen.

    Die Justiz als Engpass

    Ein weiterer Kernpunkt betrifft die Strafverfolgung. Frankreich kämpft seit Jahren mit einer Überlastung seiner Justiz. Verfahren dauern häufig lange, spezialisierte Richter sind knapp, und Opfer sexueller Gewalt berichten immer wieder von belastenden Erfahrungen im Kontakt mit Ermittlungsbehörden.

    Die vorgesehenen Spezialeinheiten bei Polizei und Justiz sollen dieses Problem entschärfen. Die Grundidee ist einfach: Wer regelmäßig mit Sexualdelikten arbeitet, entwickelt fachliche Kompetenz, erkennt typische Muster schneller und kann Betroffene sensibler begleiten.

    Ähnliche Spezialisierungen existieren bereits in anderen Bereichen der Kriminalitätsbekämpfung, etwa bei Terrorismus, organisierter Kriminalität oder Finanzdelikten. Die Ausweitung dieses Prinzips auf sexuelle Gewalt erscheint daher als logische Weiterentwicklung staatlicher Strafverfolgung.

    Gleichzeitig offenbart die Debatte ein strukturelles Dilemma. Neue Zuständigkeiten, spezialisierte Kammern und zusätzliche Ermittlungsstandards verursachen erhebliche Kosten. Ohne zusätzliche Richter, Staatsanwälte, Psychologen und Sozialarbeiter droht selbst die ambitionierteste Reform zu einem weiteren Gesetz zu werden, dessen Ziele an personellen Realitäten scheitern.

    Ein politischer Moment

    Die politische Dynamik hinter der „Loi intégrale“ erinnert an andere gesellschaftliche Wendepunkte der vergangenen Jahre. Wie die #MeToo-Bewegung oder die Aufarbeitung sexueller Gewalt innerhalb religiöser Institutionen hat auch der Fall Lyhanna eine Debatte ausgelöst, die weit über den konkreten Einzelfall hinausreicht.

    Besonders bemerkenswert ist dabei die parteiübergreifende Unterstützung. In einer Zeit zunehmender politischer Polarisierung findet die Forderung nach einem umfassenden Schutz vor sexueller Gewalt Unterstützung aus unterschiedlichen politischen Lagern. Dies deutet darauf hin, dass die gesellschaftliche Sensibilität für das Thema inzwischen ein Niveau erreicht hat, das parteipolitische Grenzen teilweise überwindet.

    Gleichwohl besteht die Gefahr, dass der aktuelle öffentliche Druck Erwartungen erzeugt, die keine Gesetzesreform allein erfüllen kann. Selbst ein umfassendes Rahmengesetz wird Gewalt nicht vollständig verhindern können. Staatliche Intervention bleibt stets reaktiv, solange Gewalt im privaten Umfeld stattfindet und von den Betroffenen verborgen wird.

    Die eigentliche Herausforderung

    Die zentrale Frage lautet deshalb nicht, ob Frankreich ein weiteres Gesetz benötigt. Die entscheidende Frage ist, ob der Staat bereit ist, die notwendigen Ressourcen bereitzustellen, um bestehende und neue Regelungen tatsächlich wirksam umzusetzen.

    Der Fall Lyhanna hat schonungslos offengelegt, dass zwischen politischem Anspruch und institutioneller Realität eine erhebliche Lücke besteht. Die vorgeschlagene „Loi intégrale“ könnte ein wichtiger Schritt sein, diese Lücke zu verkleinern. Sie wäre jedoch nur dann mehr als ein symbolisches Signal, wenn ihr konkrete Investitionen in Personal, Ausbildung und Koordination folgen.

    Die eigentliche Bewährungsprobe beginnt daher nicht mit der Verabschiedung des Gesetzes, sondern erst danach. Frankreich steht vor der Aufgabe, aus einer nationalen Erschütterung dauerhafte institutionelle Konsequenzen zu ziehen. Ob dies gelingt, wird letztlich darüber entscheiden, ob der Fall Lyhanna zu einem Wendepunkt im Kinderschutz wird – oder zu einem weiteren tragischen Kapitel in einer langen Reihe vermeidbarer Versäumnisse.

    Von Andreas Brucker

  • Die neue Gefahr aus dem digitalen Untergrund

    Die neue Gefahr aus dem digitalen Untergrund

    Frankreich hat in den vergangenen Jahren gelernt, auf vielfältige Formen des Extremismus zu reagieren. Der islamistische Terrorismus bleibt die größte sicherheitspolitische Bedrohung, rechtsextreme Netzwerke werden intensiv überwacht, und auch linksextreme Gewalt steht im Fokus der Behörden. Nun rückt eine weitere Form der Radikalisierung in den Blick: der sogenannte maskulinistische Extremismus.

    Noch handelt es sich um ein vergleichsweise kleines Phänomen. Doch die erstmalige Behandlung eines mutmaßlich von der sogenannten Incel-Ideologie inspirierten Anschlagsplans durch die französische Antiterrorjustiz markiert einen Wendepunkt. Die Frage lautet nicht mehr, ob diese Form der Radikalisierung existiert, sondern wie ernst sie genommen werden muss.

    Der Begriff „Incel“ steht für „involuntary celibate“, also unfreiwillig enthaltsam lebende Männer. In den digitalen Echokammern dieser Bewegung vermischen sich persönliche Frustrationen mit ideologischen Deutungsmustern. Frauen werden zu Schuldigen erklärt, gesellschaftliche Entwicklungen als Angriff auf die männliche Identität interpretiert. Aus individueller Enttäuschung entsteht ein politisiertes Weltbild, das in seinen radikalsten Ausprägungen Gewalt legitimiert.

    Die Mechanismen sind vertraut. Wie bei anderen extremistischen Bewegungen erfolgt die Radikalisierung häufig online. Digitale Gemeinschaften verstärken gegenseitig Ressentiments, schaffen ein Gefühl kollektiver Opferrolle und fördern eine zunehmende Entfremdung von gesellschaftlichen Institutionen. Die Gewalt wird nicht selten romantisiert, frühere Attentäter werden zu Symbolfiguren stilisiert.

    Dennoch wäre es ein Fehler, jede Form antifeministischer oder frauenfeindlicher Äußerung automatisch als terroristische Gefahr einzustufen. Nicht jede radikale Meinung führt zur Gewalt. Die Sicherheitsbehörden stehen vor der Herausforderung, zwischen gesellschaftlich problematischen Einstellungen und tatsächlicher terroristischer Bedrohung zu unterscheiden.

    Gerade deshalb ist Nüchternheit gefragt. Die Geschichte der Terrorismusbekämpfung zeigt, dass neue Gefahren häufig zunächst unterschätzt werden. Zugleich besteht die Gefahr einer Überreaktion. Eine aufgeheizte öffentliche Debatte kann dazu führen, dass ein zahlenmäßig begrenztes Phänomen größer erscheint, als es tatsächlich ist.

    Besondere Aufmerksamkeit verdient die Tatsache, dass viele der betroffenen Personen sehr jung sind. Jugendliche und junge Erwachsene bewegen sich oft in digitalen Räumen, in denen Algorithmen extreme Inhalte begünstigen und soziale Isolation verstärken können. Die Bekämpfung dieser Entwicklung wird daher nicht allein Aufgabe von Polizei und Geheimdiensten sein. Schulen, Familien, Sozialarbeit und digitale Plattformen tragen ebenfalls Verantwortung.

    Frankreich steht damit vor einer Herausforderung, die weit über die klassische Terrorismusbekämpfung hinausgeht. Es geht um die Frage, wie offene Gesellschaften mit neuen Formen der Online-Radikalisierung umgehen, bevor aus Hass Gewalt wird.

    Die maskulinistische Szene ist gegenwärtig keine Bedrohung von derselben Größenordnung wie der islamistische Terrorismus oder organisierte rechtsextreme Netzwerke. Doch die ersten Warnsignale sind sichtbar. Eine wehrhafte Demokratie darf solche Entwicklungen weder dramatisieren noch ignorieren. Wachsamkeit ohne Alarmismus bleibt der angemessene Weg.

    Autor: P. Tiko

  • Marjane Satrapi: Die Frau, die dem Iran ein Gesicht gab

    Marjane Satrapi: Die Frau, die dem Iran ein Gesicht gab

    Mit Marjane Satrapi verliert Frankreich eine der prägendsten Kulturstimmen der vergangenen Jahrzehnte. Die Autorin, Zeichnerin und Regisseurin starb im Alter von 56 Jahren in Paris. Ihr Name bleibt untrennbar mit einem Werk verbunden, das weit über die Grenzen der Literatur hinaus Wirkung entfaltete: Persepolis.

    Geboren 1969 in Teheran, erlebte Satrapi als Kind die Islamische Revolution von 1979 und die Umbrüche, die das Land grundlegend veränderten. Während viele Menschen den Iran vor allem durch politische Schlagzeilen wahrnahmen, kannte sie die Geschichten hinter den Nachrichten. Genau daraus schöpfte sie später die Kraft für ihr bedeutendstes Werk.

    Mit Persepolis gelang ihr etwas Außergewöhnliches.

    In eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Zeichnungen erzählte sie von ihrer Kindheit in Teheran, vom Leben unter einem zunehmend repressiven Regime, von ihrer Jugend im österreichischen Exil und von der schwierigen Suche nach einer eigenen Identität zwischen zwei Welten. Das Werk entwickelte sich zu einem internationalen Bestseller und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt.

    Der Erfolg beruhte nicht auf großen politischen Analysen. Satrapi schilderte den Alltag. Familienfeiern, Musik, erste Lieben, Streit mit den Eltern und jugendliche Rebellion standen neben Krieg, Angst und Unterdrückung. Gerade diese Mischung verlieh ihrem Werk eine besondere Glaubwürdigkeit. Leserinnen und Leser begegneten keinem abstrakten Staat, sondern Menschen aus Fleisch und Blut.

    Viele entdeckten durch ihre Bücher erstmals einen Iran, der weit entfernt von Klischees und Vorurteilen existierte.

    2007 erreichte ihre Geschichte ein noch größeres Publikum. Die von ihr mitinszenierte Verfilmung von Persepolis gewann den Preis der Jury bei den Filmfestspielen von Cannes und erhielt später eine Oscar-Nominierung. Plötzlich war Satrapi nicht nur eine gefeierte Autorin, sondern auch eine international bekannte Stimme der iranischen Diaspora.

    Doch sie ließ sich nie auf ein einziges Werk reduzieren.

    In späteren Büchern und Filmen beschäftigte sie sich immer wieder mit Erinnerung, Heimat und persönlicher Freiheit. Ihre Figuren suchten Orientierung in einer Welt voller Widersprüche – ein Thema, das sie selbst aus eigener Erfahrung kannte. Dabei sprach sie mit bemerkenswerter Offenheit über Entwurzelung, kulturelle Identität und die Herausforderungen des Exils.

    Gleichzeitig blieb sie politisch engagiert. Satrapi kritisierte die Machthaber in Teheran scharf und setzte sich über viele Jahre für demokratische Rechte und insbesondere für die Freiheit von Frauen ein. Nach den Protesten rund um den Tod von Mahsa Amini unterstützte sie die Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ und half dabei, deren Anliegen international sichtbar zu machen.

    Bemerkenswert war ihre Fähigkeit, Kritik und Verbundenheit miteinander zu vereinen. Sie verurteilte das Regime, ohne den Iran auf seine politische Führung zu reduzieren. Für sie blieb das Land ihrer Kindheit Heimat – trotz aller Distanz und aller Enttäuschungen. Diese Spannung zieht sich wie ein roter Faden durch ihr gesamtes Schaffen.

    Auch in Frankreich verschaffte sie sich Gehör. Als unabhängige Intellektuelle scheute sie keine Kontroversen und verteidigte ihre Überzeugungen mit Nachdruck. Selbst staatliche Ehrungen betrachtete sie kritisch, wenn sie ihren Prinzipien widersprachen.

    Marjane Satrapi hinterlässt mehr als Bücher und Filme. Sie hinterlässt einen Blick auf die Welt, der Menschen vor Ideologien stellt. Ihre Geschichten erinnerten daran, dass hinter jeder politischen Krise individuelle Schicksale stehen. Genau darin liegt die anhaltende Bedeutung ihres Werkes. Persepolis bleibt nicht nur ein literarischer Erfolg, sondern ein Fenster in eine Gesellschaft, die Satrapi mit Mut, Wärme und großer erzählerischer Kraft sichtbar gemacht hat.


    Das verrückteste Roland-Garros-Turnier seit Jahrzehnten

    Wer in diesen Tagen auf die Anzeigetafel der French Open blickt, reibt sich verwundert die Augen. Die größten Namen des Tennissports sind verschwunden. Favoriten stolpern, Titelanwärter scheitern überraschend früh, und plötzlich kämpfen Spielerinnen und Spieler um den Titel, die vor wenigen Wochen kaum jemand auf der Rechnung hatte.

    Roland Garros erlebt eines der spektakulärsten Überraschungsturniere der vergangenen Jahrzehnte.

    Normalerweise folgt die Tenniswelt einer klaren Hierarchie. Bei den Männern dominieren seit Jahren wenige Ausnahmeathleten die Grand-Slam-Turniere. Jannik Sinner und Carlos Alcaraz galten als die bestimmenden Figuren einer neuen Generation, während Novak Djokovic selbst mit 39 Jahren noch immer zur Weltspitze zählt. Überraschungen kommen zwar vor, doch selten erschüttern sie gleich das gesamte Teilnehmerfeld.

    In Paris läuft diesmal alles anders.

    Schon vor Turnierbeginn fehlte Alcaraz verletzungsbedingt. Kurz darauf folgte der erste große Schock. Sinner, der mit einer beeindruckenden Siegesserie angereist war, stand nur wenige Punkte vor dem Einzug in die nächste Runde. Doch die Hitze auf dem Court setzte ihm sichtbar zu. Krämpfe und Erschöpfung machten sich bemerkbar, ehe sein Spiel völlig auseinanderfiel. Der Argentinier Juan Manuel Cerúndolo nutzte die Gelegenheit und rang den Weltranglistenersten in fünf Sätzen nieder.

    Damit begann eine Kettenreaktion.

    Auch Novak Djokovic musste überraschend die Segel streichen. Der Serbe verspielte eine komfortable Führung und unterlag dem brasilianischen Nachwuchstalent Joao Fonseca. Plötzlich blieb mit Alexander Zverev nur noch ein einziger hochgesetzter Spieler im Rennen. Selbst er wartet bislang auf seinen ersten Grand-Slam-Titel.

    Bei den Frauen verlief das Turnier kaum weniger turbulent. Mehrfache Roland-Garros-Siegerin Iga Swiatek verabschiedete sich früh aus dem Wettbewerb. Auch Titelverteidigerin Coco Gauff konnte die Erwartungen nicht erfüllen. Die Hoffnungen der Favoritinnen ruhten schließlich auf Aryna Sabalenka.

    Doch auch sie geriet ins Straucheln.

    Nach einem vielversprechenden Beginn verlor die Weltranglistenerste völlig den Faden. Die Russin Diana Shnaider drehte die Partie eindrucksvoll und sorgte für die nächste Sensation. Wenig später setzte sich das Überraschungsmärchen fort, als Shnaider selbst im Halbfinale ausschied.

    Ins Rampenlicht rückte stattdessen die Polin Maja Chwalinska. Als Außenseiterin kämpfte sie sich bis ins Endspiel vor und schrieb damit Tennisgeschichte. Im Finale trifft sie auf die Russin Mirra Andreeva.

    Für die Zuschauer bietet das Turnier zwei Gesichter. Einerseits sorgen die unerwarteten Wendungen für Spannung und Dramatik. Andererseits fehlen jene Stars, die normalerweise die größten Momente einer Grand-Slam-Veranstaltung prägen.

    Die Ursachen für die zahlreichen Überraschungen sind vielfältig. Hohe Temperaturen, starker Wind und eine ungewöhnlich lange Liste verletzter Spitzenspieler beeinflussten den Verlauf des Turniers erheblich. Gleichzeitig drängen junge Talente mit enormem Selbstvertrauen auf die große Bühne.

    Vielleicht steckt aber noch etwas anderes dahinter.

    Im Spitzensport verbreiten sich Überraschungen manchmal wie Dominosteine. Wenn ein Favorit fällt, wächst bei den Außenseitern der Glaube an die eigene Chance. Plötzlich scheint das Unmögliche erreichbar.

    Der frühere Tennisstar Roger Federer beschrieb diese Realität einst mit bemerkenswerter Einfachheit. Obwohl er rund 80 Prozent seiner Matches gewann, entschied er nur etwas mehr als die Hälfte aller gespielten Punkte für sich. Erfolg und Niederlage liegen im Tennis oft näher beieinander, als die Ergebnisse vermuten lassen.

    Genau das zeigt Roland Garros 2026 eindrucksvoll. Selbst die größten Favoriten sind nicht unbesiegbar. Und manchmal genügt ein einziger schlechter Tag, um die gesamte Ordnung einer Sportart auf den Kopf zu stellen.


    WEITERE NACHRICHTEN

    Der Anführer der Hisbollah hat ein von den USA vermitteltes Waffenstillstandsabkommen zwischen Israel und dem Libanon zurückgewiesen. Er erklärte, eine Zustimmung würde einer Kapitulation vor Israel gleichkommen.

    Der chinesische Staats- und Parteichef Xi Jinping wird am Montag zu einem zweitägigen Gipfeltreffen nach Nordkorea reisen. Das Treffen soll die Geschlossenheit beider Staaten gegenüber dem Westen demonstrieren.

    Dutzende ultraorthodoxe Extremisten haben in Israel gewaltsam vor dem Haus eines ranghohen Richters demonstriert. Anlass der Proteste war die Einberufung ultraorthodoxer Männer zum Militärdienst.

    Die regierende Mitte-links-Partei Südkoreas hat die Wahl zum Bürgermeister von Seoul verloren. Das Amt gilt als eines der einflussreichsten politischen Ämter des Landes.

    In Mogadischu, der Hauptstadt Somalias, sind heftige Gefechte zwischen bewaffneten Gruppen ausgebrochen. Bewohner berichteten von den schwersten Kämpfen seit Jahren.

    Vier neuseeländischen Abgeordneten wurde die Einreise nach China verweigert, nachdem sie im vergangenen Monat Taiwan besucht hatten.

    Wissenschaftler haben eine Gruppe von Proteinen im Blut entdeckt, die mit hoher Genauigkeit vorhersagen können, wer später an Lungenkrebs erkranken wird.

    Christine Macha

    Autor: C.H.

  • Fünf Jahre Haft für Saad Lamjarred – Frankreichs Justiz setzt ein deutliches Zeichen

    Fünf Jahre Haft für Saad Lamjarred – Frankreichs Justiz setzt ein deutliches Zeichen

    Der marokkanische Popsänger Saad Lamjarred ist vom Schwurgericht in Draguignan zu fünf Jahren Haft wegen Vergewaltigung verurteilt worden. Das Urteil fiel am 15. Mai nach einem einwöchigen Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Trotz der Schwere der Strafe verließ der Künstler das Gericht als freier Mann – ein sofortiger Haftbefehl wurde nicht erlassen. Für viele Beobachter markiert das Verfahren einen weiteren tiefen Einschnitt im Fall eines Mannes, der über Jahre als einer der größten Popstars der arabischen Welt galt. Millionen Menschen feierten seine Songs, vor allem den Hit Lm3allem, der im Internet Rekorde brach und Lamjarred weit über Marokko hinaus berühmt machte. Nun dominiert ein ganz anderes Bild die Schlagzeilen. Die Vorwürfe reichen zurück bis in den Sommer 2018. Damals lernte eine junge Frau den Sänger in einem Nachtclub in Saint-Tropez kennen. Später folgte sie ihm laut Ermittlungsakten in sein Hotel, wo beide zunächst etwas trinken wollten. Die Frau erklärte späte…

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  • Streit um den 8. März: Gewerkschaften ringen um Symbolik und Strategie

    Streit um den 8. März: Gewerkschaften ringen um Symbolik und Strategie

    Die Debatte um die politische Aufladung des Internationalen Frauentags gewinnt in Frankreich an Schärfe. Während Teile der Gewerkschaftsbewegung eine institutionelle Aufwertung des 8. März fordern, plädieren andere Akteure für die Bewahrung seines mobilisierenden Charakters. Im Zentrum steht ein Konflikt zwischen zwei der einflussreichsten Arbeitnehmervertretungen des Landes: der CGT und der CFDT. Zwei Strategien, ein Ziel Ausgangspunkt der Kontroverse ist ein Vorstoß der CGT unter ihrer Vorsitzenden Sophie Binet. Sie schlägt vor, den 8. März – bislang ein internationaler Aktionstag – in Frankreich zu einem gesetzlichen Feiertag zu erklären, arbeitsfrei und bezahlt, analog zum 1. Mai. Die Idee zielt auf eine strukturelle Aufwertung des Tages, der traditionell dem Kampf für Frauenrechte und Gleichstellung gewidmet ist. Demgegenüber lehnt die CFDT diesen Ansatz ab. Ihre Generalsekretärin Marylise Léon argumentiert, ein Feiertag berge die Gefahr der Entpolitisierung. Der 8. März solle vie…

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