Schlagwort: französische Wirtschaft

  • Frankreichs ewige Rechnung: Der Staat bestellt – und der Bürger darf zahlen

    Frankreichs ewige Rechnung: Der Staat bestellt – und der Bürger darf zahlen

    Kommentar

    Es gehört zu den bemerkenswertesten Ritualen der französischen Politik: Der Staat gibt über Jahre mehr Geld aus, als er einnimmt. Die Schulden wachsen. Die Defizite bleiben. Regierungen wechseln, Finanzminister kommen und gehen, Sparprogramme werden angekündigt, vertagt, umbenannt und anschließend erneut angekündigt. Und wenn irgendwann selbst im Finanzministerium in Bercy auffällt, dass zwischen Einnahmen und Ausgaben ein kleines Loch von einigen Dutzend Milliarden Euro klafft, beginnt die große Suche nach dem Verantwortlichen.

    Zum Glück ist er schnell gefunden.

    Der Rentner.

    Der Patient.

    Der Steuerzahler.

    Das Unternehmen.

    Kurz gesagt: der Bürger.

    Wie praktisch.

    Erst wird ausgegeben, dann wird „Solidarität“ verlangt

    Frankreich gab 2025 nach Angaben des Statistikamtes Insee 57,2 Prozent seiner Wirtschaftsleistung über den Staat und die Sozialversicherungen aus. Gleichzeitig beliefen sich die obligatorischen Abgaben bereits auf 43,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Trotzdem entstand ein Haushaltsdefizit von 152,5 Milliarden Euro oder 5,1 Prozent des BIP. Die Staatsschulden erreichten Ende 2025 rund 3,46 Billionen Euro beziehungsweise 115,7 Prozent des BIP.

    Man muss sich diese Zahlen gelegentlich ohne das beruhigende Vokabular der Finanzbürokratie ansehen.

    Ein Land kassiert bereits enorme Summen. Es verfügt über einen der umfangreichsten Staatsapparate und Sozialstaaten Europas. Und trotzdem reicht das Geld nicht.

    Jahr für Jahr.

    Jahrzehnt für Jahrzehnt.

    Und nun wird wieder erklärt, wer sich beim Budget 2027 womöglich „anstrengen“ müsse.

    Natürlich nicht der abstrakte „Staat“. Der Staat besitzt schließlich kein eigenes Geld. Er verfügt nur über das Geld, das er seinen Bürgern heute abnimmt – und über jenes, das er im Namen ihrer Kinder morgen ausgeben kann.

    Das ist der kleine, unangenehme Satz, der in Haushaltsdebatten erstaunlich selten ausgesprochen wird.

    Herzlichen Glückwunsch, Sie haben vorgesorgt

    Besonders elegant ist die Diskussion über wohlhabendere Rentner.

    Wirtschaftsminister Roland Lescure brachte eine geringere Indexierung höherer Pensionen ins Gespräch. Die Idee: Wer im Alter finanziell besser dasteht, könnte bei der Anpassung seiner Rente an die Inflation weniger bekommen.

    Das besitzt eine gewisse staatspolitische Poesie.

    Ein Bürger arbeitet vierzig Jahre. Er zahlt Steuern und Sozialabgaben. Vielleicht spart er zusätzlich. Vielleicht kauft er eine Wohnung. Vielleicht verzichtet er auf Konsum, weil ihm einmal jemand erklärt hat, private Vorsorge sei verantwortungsvoll.

    Und irgendwann stellt der Staat fest: Donnerwetter, dieser Mensch hat tatsächlich vorgesorgt.

    Das muss korrigiert werden.

    Wer wenig besitzt, soll geschützt werden – selbstverständlich. Wer aber über Jahrzehnte vernünftig gewirtschaftet hat, entdeckt möglicherweise eine neue Definition gesellschaftlicher Solidarität: Du hast mehr, also können wir dir auch leichter etwas wegnehmen.

    Die Botschaft dahinter ist fatal. Nicht weil höhere Einkommen niemals stärker belastet werden dürften. Darüber kann eine Demokratie selbstverständlich entscheiden. Sondern weil sich Leistung, Sparsamkeit und Vorsorge irgendwann wie Eigenschaften anfühlen, für die man sich gegenüber dem Finanzministerium rechtfertigen muss.

    Krank? Auch dafür findet sich eine Rechnung

    Noch schöner wird es bei den Patienten.

    Im Gesundheitsbereich werden für 2027 Einsparungen von mehr als zwei Milliarden Euro diskutiert. Zu den genannten Möglichkeiten gehören höhere Eigenbeteiligungen und geringere Erstattungen bestimmter Medikamente. Premierminister Sébastien Lecornu hatte bereits im Juli entsprechende Überlegungen erkennen lassen.

    Man stelle sich die Szene vor.

    Jahrzehntelang gelingt es der Politik nicht, die öffentlichen Finanzen strukturell zu stabilisieren. Dann sitzt ein 72-Jähriger mit Diabetes, Bluthochdruck und Arthrose beim Arzt – und plötzlich entdeckt die Republik ihr Sparpotential.

    Voilà!

    Das Haushaltsproblem ist gefunden.

    Es sitzt im Wartezimmer.

    Natürlich muss auch ein Gesundheitssystem wirtschaftlich arbeiten. Selbstverständlich sind Fehlanreize, unnötige Behandlungen und übermäßiger Medikamentenkonsum legitime Themen. Ein Sozialstaat, der seine Kosten nicht kontrolliert, gefährdet irgendwann gerade jene Leistungen, die er schützen möchte.

    Doch politisch entsteht ein verheerender Eindruck: Die Rechnung jahrzehntelanger finanzpolitischer Bequemlichkeit wird nicht dort präsentiert, wo die Entscheidungen gefallen sind, sondern dort, wo die Menschen kaum ausweichen können.

    Beim Arzt. Auf dem Rentenbescheid. Auf dem Steuerbescheid.

    Und täglich grüßt die „außergewöhnliche“ Steuer

    Auch Unternehmen dürfen selbstverständlich nicht fehlen.

    Die außergewöhnliche Zusatzabgabe auf Gewinne großer Unternehmen, ursprünglich für ein Jahr eingeführt und bereits 2026 verlängert, könnte nach derzeitigem Diskussionsstand auch 2027 fortgeführt werden. Rund 300 Unternehmen waren betroffen; für 2026 wurden daraus Einnahmen von etwa 7,3 Milliarden Euro erwartet.

    Das französische Wort exceptionnel besitzt in der Finanzpolitik ohnehin einen besonderen Charme.

    Außergewöhnliche Abgaben haben nämlich die faszinierende Eigenschaft, erstaunlich häufig wiederzukehren.

    Denn hat sich ein Staat erst an zusätzliche Milliarden gewöhnt, entwickelt er selten den spontanen Wunsch, künftig ohne sie auszukommen.

    Aus einer Krisensteuer wird eine Übergangslösung. Aus der Übergangslösung wird eine Verlängerung. Und irgendwann fragt niemand mehr, warum die Ausnahme eigentlich noch existiert.

    Unternehmen können Steuern allerdings ebenso wenig aus einem geheimnisvollen Tresor bezahlen wie der Staat seine Ausgaben aus einem Zauberbrunnen finanziert. Unternehmenssteuern treffen am Ende Eigentümer, Beschäftigte oder Kunden – über geringere Renditen, Investitionen, Löhne oder höhere Preise. Wie stark welcher Kanal wirkt, ist ökonomisch umstritten. Dass Belastungen aber nicht im luftleeren Raum verschwinden, sollte selbst in Paris keine revolutionäre Erkenntnis sein.

    3,46 Billionen Euro – und niemand war es

    Das wirklich Beunruhigende ist deshalb nicht irgendeine einzelne Sparmaßnahme.

    Es ist die politische Erzählung dahinter.

    Frankreichs Schuldenberg entstand nicht 2026.

    Auch nicht 2025.

    Er ist das Ergebnis jahrzehntelanger Entscheidungen, bei denen zusätzliche Ausgaben politisch meist angenehmer waren als Kürzungen, Reformen oder Prioritäten. Der Mechanismus funktioniert hervorragend: Die Vorteile neuer Programme sind sofort sichtbar, ihre Finanzierung lässt sich teilweise in die Zukunft verschieben.

    Die Rechnung kommt später.

    2025 erhöhte sich Frankreichs öffentliche Verschuldung allein um rund 154 Milliarden Euro. Gleichzeitig stiegen die öffentlichen Ausgaben trotz nachlassender Inflation nochmals um 2,5 Prozent. Fast 60 Prozent dieses Ausgabenanstiegs entfielen auf Sozialleistungen.

    Das bedeutet keineswegs, dass Sozialausgaben per se Verschwendung wären. Renten, Krankenversicherung, Arbeitslosenunterstützung und Familienleistungen erfüllen zentrale gesellschaftliche Funktionen.

    Aber ein Sozialstaat kann auf Dauer nur verteilen, was eine Volkswirtschaft erwirtschaftet.

    Diese geradezu beleidigend banale Wahrheit scheint im politischen Betrieb regelmäßig Überraschung auszulösen.

    Der Bürger als finanzieller Airbag der Republik

    Also beginnt das bekannte Spiel.

    Der Staat benötigt Geld.

    Der „wohlhabende“ Rentner soll verzichten.

    Der Patient soll mehr selbst bezahlen.

    Der Gutverdiener soll einen „solidarischen Beitrag“ leisten.

    Das Unternehmen bekommt eine „außergewöhnliche“ Steuer.

    Vielleicht wird noch irgendwo eine Steuervergünstigung gestrichen.

    Und jede Maßnahme für sich lässt sich begründen. Genau darin liegt die politische Kunst.

    Fünf Milliarden hier.

    Zwei Milliarden dort.

    Noch einmal 1,7 Milliarden bei Hilfen für besser gestellte Haushalte.

    Niemand nimmt angeblich besonders viel.

    Aber erstaunlicherweise haben am Ende sehr viele Menschen weniger.

    Das ist der Moment, in dem der Steuerzahler eine seiner wichtigsten Funktionen im modernen Staat entdeckt: Er ist der finanzielle Airbag der Politik.

    Wenn etwas schiefgeht, ist er dran.

    Sparen bedeutet in Paris häufig: jemand anderem weniger geben

    Dabei wäre die entscheidende Frage eine andere: Welche Aufgaben soll der Staat überhaupt übernehmen? Welche Programme funktionieren? Welche Subventionen haben ihren Zweck verloren? Wo existieren Doppelstrukturen? Welche Sozialleistungen sind langfristig finanzierbar? Welche Verwaltung kann vereinfacht werden?

    Das wären unangenehme Fragen.

    Denn echte Haushaltskonsolidierung bedeutet Prioritäten.

    Und Prioritäten bedeuten, einer Interessengruppe gelegentlich zu sagen: Nein.

    Es ist politisch wesentlich komfortabler, den Begriff „Sparen“ umzudefinieren.

    Wenn eine Rente weniger stark steigt, spart der Staat.

    Wenn ein Patient mehr bezahlt, spart der Staat.

    Wenn ein Steuerzahler mehr bezahlt, spart der Staat.

    Wenn ein Unternehmen eine Sonderabgabe entrichtet, spart der Staat.

    Ein bemerkenswertes Konzept von Sparsamkeit.

    Wenn eine Familie am Monatsende 500 Euro zu wenig hat und deshalb dem Nachbarn 500 Euro abnimmt, würde vermutlich niemand sagen: Diese Familie hat erfolgreich gespart.

    In der Haushaltspolitik klingt dieselbe Methode wesentlich würdevoller.

    Dort heißt sie Konsolidierung.

    Die eigentliche Gefahr liegt deshalb tiefer als in den einzelnen Maßnahmen für 2027. Ein Staat kann hohe Steuern erheben und einen großzügigen Sozialstaat finanzieren – sofern die Gesellschaft dieses Modell demokratisch will und bereit ist, dafür zu bezahlen. Er kann sich in Krisenzeiten auch verschulden. Problematisch wird es, wenn hohe Abgaben, hohe Ausgaben und dauerhaft hohe Defizite gleichzeitig zur Normalität werden.

    Dann wird Verschuldung zur stillen Steuer auf die Zukunft.

    Und irgendwann endet jede noch so komplizierte Haushaltsrechnung bei einer sehr einfachen Frage: Wer bezahlt?

    Die Antwort ist fast immer dieselbe.

    Nicht „der Staat“.

    Nicht „Bercy“.

    Nicht „Paris“.

    Sondern der Arbeitnehmer, dessen Nettolohn kleiner wird. Der Unternehmer, dessen Investitionsspielraum schrumpft. Der Rentner, dessen Kaufkraft sinkt. Der Patient, der mehr zuzahlen muss. Und die nächste Generation, die einen Schuldenberg übernimmt, bei dessen Entstehung sie nicht einmal gefragt wurde.

    Vielleicht wäre deshalb beim nächsten Sparpaket eine kleine sprachliche Reform angebracht.

    Statt zu verkünden, die Franzosen müssten „einen Beitrag zur Sanierung der Staatsfinanzen leisten“, könnte die Regierung schlicht sagen:

    Wir haben über sehr lange Zeit mehr ausgegeben, als wir eingenommen haben. Jetzt schicken wir Ihnen die Rechnung.

    Das wäre zumindest transparent.

    Und Transparenz kostet ausnahmsweise nichts.

    C. Hatty

  • Vom Davos-Hype in die Insolvenz: Hersteller von Macrons Sonnenbrillengläsern muss schließen

    Vom Davos-Hype in die Insolvenz: Hersteller von Macrons Sonnenbrillengläsern muss schließen

    Manchmal schreibt die Wirtschaft Geschichten, die kaum widersprüchlicher sein könnten. Anfang des Jahres sorgte eine Sonnenbrille von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron weltweit für Aufmerksamkeit. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos trug er ein Modell mit markanten bläulichen Gläsern, das binnen weniger Tage zum Gesprächsthema in den sozialen Netzwerken wurde. Besonders ein viel beachteter Videoausschnitt mit seinem englischen „for sure“ verbreitete sich rasant und machte die Brille zu einem unerwarteten Modephänomen. Für die französische Brillenindustrie schien dieser Moment wie ein Werbegeschenk des Himmels. Schließlich stammten die Gläser der Sonnenbrille aus dem traditionsreichen Jura, einer Region, die seit Generationen als Herz der französischen Brillenherstellung gilt. Hinter den Gläsern stand das Unternehmen Dalloz Creations aus Saint-Claude. Die Verantwortlichen hofften damals auf neue Aufmerksamkeit für ihr handwerkliches Können. Kein Wunder: Weltweit berichteten Medien üb…

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  • Macrons Sonnenbrillen und das Rätsel vom „echten“ Made in France

    Macrons Sonnenbrillen und das Rätsel vom „echten“ Made in France

    Seit einigen Jahren gehören sie fast schon zur politischen Uniform des französischen Präsidenten: die dunklen Sonnenbrillen von Emmanuel Macron. Kaum ein Sommerfoto ohne die markanten Modelle, die zwischen Staatsbesuch, Strandspaziergang und Militärzeremonie längst mehr darstellen als bloßen Sonnenschutz. In Frankreich sind sie zu einem kleinen politischen Symbol geworden — elegant, unaufgeregt und demonstrativ französisch. Zumindest auf den ersten Blick. Denn rund um die Brillen des Präsidenten taucht regelmäßig dieselbe Frage auf: Stammt dieses Accessoire tatsächlich vollständig aus Frankreich? Die Antwort darauf fällt komplizierter aus, als es die perfekt inszenierten Bilder aus dem Élysée-Palast vermuten lassen. Die Modelle, die Macron häufig trägt, stammen meist von französischen Premiummarken aus dem Jura. Die Region rund um Morez und Oyonnax gilt seit Jahrzehnten als Herzstück der französischen Brillenindustrie. Dort sitzen traditionsreiche Hersteller, kleine Familienbetriebe un…

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  • Wenn der Öltank plötzlich zur Sicherheitsfrage wird – Warum im Département Vienne das Heizöl knapp wirkt

    Wenn der Öltank plötzlich zur Sicherheitsfrage wird – Warum im Département Vienne das Heizöl knapp wirkt

    Wer dieser Tage im französischen Département Vienne bei einem Heizöllieferanten anruft, erlebt ein kleines Déjà-vu. Die Telefone klingeln ohne Pause, Terminlisten füllen sich in Windeseile, und so mancher Tankwagenfahrer fährt mittlerweile von früh bis spät durch die ländlichen Straßen der Region. Der Grund liegt tausende Kilometer entfernt. Die militärische Eskalation im Nahen Osten hat die internationalen Energiemärkte aufgeschreckt. Steigende Ölpreise verbreiten sich wie ein Lauffeuer durch Nachrichten und soziale Netzwerke – und genau dort beginnt die Geschichte, die nun auch in der französischen Provinz ihren Lauf nimmt. Denn sobald der Preis für Rohöl steigt, denken viele Haushalte in ländlichen Regionen sofort an ihre Heizöltanks. Und dann passiert etwas sehr Menschliches. Man bestellt. Plötzlich. Lieber heute als morgen. In der Vienne melden Heizölhändler seit einigen Tagen einen regelrechten Bestellansturm. Haushalte, die ihre Tanks normalerweise erst später im Jahr auffüllen,…

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  • Der Präsident als Influencer – wenn Staatskunst plötzlich Sonnenbrillen trägt

    Der Präsident als Influencer – wenn Staatskunst plötzlich Sonnenbrillen trägt

    Manchmal reicht ein entzündetes Blutgefäß, um die Weltordnung neu zu sortieren. In diesen Tagen genügte bei Emmanuel Macron ein Augenproblem, um aus einem Staatspräsidenten einen Mode-Influencer wider Willen zu machen. Keine Reformrede, kein europapolitisches Grundsatzpapier, kein diplomatisches Tauziehen – sondern eine Sonnenbrille. Aviator-Stil, bläulich schimmernd, 659 Euro teuer. Willkommen im Zeitalter der accessorisierten Macht.

    Der Ort des Geschehens: das World Economic Forum. Früher ging es dort um Weltwirtschaft, Schuldenkrisen, Lieferketten. Heute also auch um Fassungen, Goldanteile und Lieferzeiten. Macron betritt die Bühne, setzt die Brille auf – und plötzlich sieht die globale Öffentlichkeit nicht mehr den Präsidenten Frankreichs, sondern einen Mann, der aussieht, als wolle er gleich entweder einen Kampfjet starten oder ein neues Parfum launchen.

    Ironie der Geschichte: Die Brille war kein modisches Statement. Kein kalkulierter Auftritt, kein Team von Stilberatern im Hintergrund, die „Präsidial-Lässigkeit“ flüstern. Sie war medizinisch motiviert. Ein defektes Äderchen im Auge, harmlos, aber fotogen. Und Fotogenität ist bekanntlich die härteste Währung der Gegenwart. Wer sichtbar ist, existiert. Wer gut sichtbar ist, verkauft. Selbst dann, wenn er eigentlich nur besser sehen will.

    Die internationale Presse griff dankbar zu. Endlich wieder ein Bild, das mehr erzählte als jedes Kommuniqué. Härte gegenüber Washington, Standfestigkeit gegen Populismus, europäische Coolness – alles konzentriert in zwei Gläsern mit Spiegelreflex. Dass sich sogar Donald Trump zu einem spöttischen Kommentar hinreißen ließ, passte perfekt ins Bild. Der Mann, der aus roten Kappen eine politische Marke formte, erkannte den Konkurrenten sofort. Respekt unter Influencern, sozusagen.

    Während also die Welt rätselte, ob Macron nun tougher wirkte oder einfach nur blendfrei, passierte im französischen Jura etwas sehr Bodenständiges. Telefone klingelten. Webseiten brachen zusammen. Optiker fragten hektisch nach Lieferbarkeit. Der Name der Stunde: Henry Jullien. Eine Manufaktur, die bislang eher Kennern ein Begriff war, wurde über Nacht zum Sehnsuchtsort einer kaufkräftigen Klientel. Nicht wegen einer Werbekampagne, sondern wegen eines Präsidenten mit Augenweh.

    Das ist die eigentliche Pointe. In einer Zeit, in der Influencer monatelang an ihrer Markenidentität feilen, reicht ein Staatsbesuch plus Sonnenbrille, um einen mittelständischen Betrieb zu retten. Vier Monate Fertigungszeit, 280 Arbeitsschritte, Gold, Handarbeit – alles schön und gut. Entscheidend war der Moment, in dem Macron sie aufsetzte. Zack, Symbol. Zack, Warteliste. Wer da noch an die Trennung von Politik und Konsum glaubt, glaubt auch, dass Davos ein Ort der Bescheidenheit sei.

    Natürlich kostet diese Brille 659 Euro. Natürlich wird betont, dass sie vollständig in Frankreich gefertigt wird. Natürlich spricht man vom einzigartigen Know-how des Jura. All das stimmt. Und doch bleibt ein leicht schales Gefühl. Denn plötzlich wird politische Sichtbarkeit in Kaufimpulse übersetzt. Der Präsident als unbezahltes Testimonial. Die Republik als Laufsteg. Die Frage, ob man sich demokratische Autorität jetzt auch auf Raten kaufen kann, steht unausgesprochen im Raum.

    Man stelle sich die Fortsetzung vor. Der nächste Gipfel, der nächste kleine gesundheitliche Makel. Ein Schal gegen Halsschmerzen, handgewebt, sofort ausverkauft. Ein spezieller Kugelschreiber gegen Schreibkrampf, limitierte Edition. Ein orthopädischer Stuhl nach einer langen Sitzung – der neue Bestseller. Politik als Dauerwerbesendung, nur ohne Werbeblock. Man lacht darüber. Noch.

    Dabei ist Macron nicht der erste Politiker, dessen Äußeres mehr Aufmerksamkeit erhält als seine Inhalte. Aber selten war der Zusammenhang so direkt, so ökonomisch verwertbar. Früher sprach man von Staatsmännern, heute von Markenbotschaftern. Der Unterschied liegt nicht im Auftreten, sondern im Echo. Und dieses Echo hallt nicht in Parlamentsdebatten, sondern in Warenkörben.

    Das Tragikomische daran: Macron wollte nichts davon. Er setzte die Brille auf, um ein Problem zu kaschieren, nicht um eines zu schaffen. Jetzt steht er sinnbildlich für einen Trend, den er kaum kontrollieren kann. Jeder Blick, jede Geste, jedes Accessoire wird zur Botschaft. Und wenn keine politische Botschaft erkennbar ist, dann eben eine modische. So einfach, so gnadenlos.

    Vielleicht liegt darin die eigentliche Lektion. Macht braucht heute nicht nur Argumente, sondern auch Optik. Nicht nur Programme, sondern Präsenz. Und manchmal reicht ein medizinisch motivierter Griff zur Sonnenbrille, um zu zeigen, wie dünn die Grenze zwischen Staatsamt und Schaufenster geworden ist. Ein Präsident, der sieht – und dabei unfreiwillig dafür sorgt, dass andere gesehen werden wollen. Für 659 Euro. Handgemacht. Mit Gold. Na klar.

    Ein Kommentar von C. Hatty

  • Der schleichende Zinsverlust – warum das Livret A ab Februar weniger einbringt

    Der schleichende Zinsverlust – warum das Livret A ab Februar weniger einbringt

    Es gehört zu den Konstanten des französischen Alltags, fast so selbstverständlich wie das Baguette am Morgen oder der Espresso an der Ecke. Dasieht man genauer hin, liegt in vielen Schubladen, Ordnern und Online-Banking-Apps ein kleines finanzielles Sicherheitsnetz: das Livret A. Nun aber verliert dieses Symbol der Sparsamkeit erneut an Spannung. Ab dem 1. Februar sinkt seine Verzinsung von 1,7 auf 1,5 Prozent. Keine dramatische Zäsur, kein lauter Einschnitt – eher ein weiteres leises Nachlassen, das sich erst mit der Zeit bemerkbar macht. Angekündigt wurde die Senkung vom französischen Wirtschaftsminister Roland Lescure, sachlich und in der bekannten Sprache der wirtschaftlichen Vernunft. Auch das Livret d’épargne populaire, das Sparkonto für Haushalte mit geringerem Einkommen, bleibt von der Entwicklung nicht verschont. Sein Zinssatz sinkt von 2,7 auf 2,5 Prozent. Zwei Zehntelprozentpunkte. Auf dem Papier eine Kleinigkeit. Im Alltag vieler Menschen jedoch ein weiteres Zeichen dafür, …

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  • Ein Gütesiegel für die Ewigkeit – wie das IGP-Siegel der Tapisserie d’Aubusson Aufwind gibt

    Ein Gütesiegel für die Ewigkeit – wie das IGP-Siegel der Tapisserie d’Aubusson Aufwind gibt

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  • Strompreise unter Druck: Frankreichs Regierung sucht Wege zur Senkung der Energieausgaben

    Strompreise unter Druck: Frankreichs Regierung sucht Wege zur Senkung der Energieausgaben

    Steigende Stromrechnungen sorgen in Frankreich erneut für politischen Handlungsdruck. Mit dem nahenden Winter verschärft sich die finanzielle Belastung vieler Haushalte – insbesondere jener mit niedrigem Einkommen oder Rente. Die Regierung von Premierminister Sébastien Lecornu nimmt dies zum Anlass, eine umfassende Neuausrichtung der Energiepolitik zu prüfen. Im Zentrum steht die Hoffnung auf sinkende Strompreise – für Verbraucher wie für Unternehmen. Muriels Fall ist bezeichnend. Die Rentnerin zahlt derzeit rund 60 Euro pro Monat für Strom – eine Summe, die angesichts der Teuerung der letzten Jahre zur Belastung geworden ist. Um ihre Ausgaben zu reduzieren, nutzt sie gezielt die sogenannten „heures creuses“, also die günstigeren Nachtstromzeiten, und schränkt ihren Warmwasserverbrauch drastisch ein. „Ich spare schon maximal“, erklärt sie im Gespräch mit dem Sender France 2. Ihre Situation steht exemplarisch für viele Französinnen und Franzosen, die an den Grenzen individueller Sparmaß…

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  • „Choose France“ richtet den Blick nach innen – Ein Strategiewechsel mit Signalwirkung

    „Choose France“ richtet den Blick nach innen – Ein Strategiewechsel mit Signalwirkung

    Am 17. November 2025 hat in Paris eine Premiere stattgefunden, die sich weniger durch die Form als durch ihren Inhalt von früheren Ausgaben abhob: Das bislang als internationales Werbeformat für Frankreichs Standortattraktivität bekannte Gipfeltreffen „Choose France“ wurde erstmals ausschließlich französischen Unternehmen gewidmet. Rund 200 Akteure – von Großkonzernen bis zu Start-ups – versammelten sich in der Maison de la Chimie im 7. Arrondissement der Hauptstadt, um sich mit Regierungsmitgliedern über die künftige Rolle des „Made in France“ auszutauschen. Was nach einem Formatwechsel klingt, ist in Wirklichkeit Teil einer tiefgreifenden wirtschaftspolitischen Neuausrichtung.

    Vom Werbeforum zur industriepolitischen Bühne Seit seiner Gründung im Jahr 2018 diente der Gipfel „Choose France“ vorrangig als Bühne für Investitionsankündigungen aus dem Ausland. In Anwesenheit des Präsidenten und zahlreicher Minister wurden regel…

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  • Frankreich kann es schaffen

    Frankreich kann es schaffen

    Frankreichs Wirtschaft sendet ein Lebenszeichen: Mit einem Wachstum von 0,5 Prozent im dritten Quartal übertraf das Land die Erwartungen deutlich. Noch im Sommer war man in Paris von lediglich 0,3 Prozent ausgegangen. Die neuen Zahlen des Statistikamts deuten darauf hin, dass sich die französische Volkswirtschaft trotz innenpolitischer Spannungen und internationaler Unsicherheiten erstaunlich widerstandsfähig zeigt.

    Ein Aufschwung gegen die Erwartungen

    Nach einem verhaltenen ersten Halbjahr – mit lediglich 0,1 Prozent Wachstum im ersten und 0,3 Prozent im zweiten Quartal – markiert der aktuelle Wert eine Beschleunigung. Besonders bemerkenswert ist dieser Anstieg vor dem Hintergrund des politischen Stillstands in der Nationalversammlung, der Spannungen in den transatlantischen Handelsbeziehungen und des zögerlichen Konsumverhaltens im Inland.

    Getragen wurde das Wachstum in erster Linie von einem dynamischen Exportsektor, insbesondere in der Luftfahrtindustrie. Diese hatte seit der Pandemie mit Lieferengpässen und Nachholeffekten zu kämpfen, nun scheint sich die Lage zu normalisieren. Der französische Wirtschaftsminister sprach von einer „bemerkenswerten Leistung“ und hob hervor, dass die Unternehmen weiterhin investieren, exportieren und zur wirtschaftlichen Erholung beitragen.

    Der Haushalt als Wegweiser

    Die positive Entwicklung könnte das Jahreswachstumsziel der Regierung übertreffen, das bislang bei 0,7 Prozent lag. Das sogenannte „acquis de croissance“, also der bislang erreichte Wachstumspfad, liegt bereits bei 0,8 Prozent. Doch damit dieses Momentum anhält, bedarf es mehr als kurzfristiger Effekte. Im Zentrum steht der Haushalt für 2026, über den derzeit heftig in der Nationalversammlung gestritten wird. Die Regierung verfügt über keine eigene Mehrheit; zentrale Streitpunkte sind unter anderem die Frage nach der Besteuerung hoher Einkommen sowie der Verzicht auf weitere Rentenreformen.

    Ein handlungsfähiger Staat ist jedoch essenziell für die wirtschaftliche Planungssicherheit. Unternehmen und Haushalte brauchen klare Perspektiven. Der Wirtschaftsminister betonte daher zu Recht, dass die zügige Verabschiedung eines stabilen und vertrauensbildenden Haushalts von entscheidender Bedeutung sei. Ein Scheitern würde nicht nur das politische Klima weiter vergiften, sondern auch den zarten ökonomischen Aufschwung gefährden.

    Frankreichs strukturelle Herausforderungen

    Gleichwohl darf die aktuelle Wachstumszahl nicht über grundlegende Probleme hinwegtäuschen. Frankreich leidet weiterhin unter einer hohen Staatsverschuldung, einem vergleichsweise rigiden Arbeitsmarkt und einem Investitionsklima, das in Teilen hinter dem europäischem Spitzenfeld zurückbleibt. Die Steuerlast ist hoch, die Produktivität stagniert, und die Wettbewerbsfähigkeit bleibt trotz einzelner Fortschritte verbesserungswürdig.

    Langfristig kommt es darauf an, das Vertrauen in Frankreichs wirtschaftliche Steuerungsfähigkeit zu stärken. Dazu gehört nicht nur fiskalische Solidität, sondern auch eine verlässliche Reformagenda, die auf Wettbewerbsfähigkeit, Innovation und nachhaltiges Wachstum setzt. Ohne diese strukturellen Verbesserungen bleibt jeder Aufschwung fragil.

    Frankreich hat in den vergangenen Jahren mehrfach bewiesen, dass es zu Reformen fähig ist – wenn der politische Wille vorhanden ist. Die aktuelle konjunkturelle Entwicklung bietet eine Chance, das Vertrauen zurückzugewinnen und die wirtschaftliche Grundlage für kommende Jahre zu legen. Jetzt ist der Moment, diese Gelegenheit zu nutzen – mit einem Haushalt, der Orientierung gibt, und mit politischen Mehrheiten, die das Gemeinwohl über parteipolitische Taktik stellen.

    Ein solides drittes Quartal allein macht noch keine wirtschaftliche Wende. Doch es zeigt, dass Frankreich das Potenzial besitzt, sich aus der Stagnation zu lösen. Voraussetzung ist eine Politik, die das Momentum nicht verspielt.

    Autor: P.T.