Schlagwort: französische Wirtschaft

  • Frankreich, wo bleibt eigentlich dein großes Stromwunder?

    Frankreich, wo bleibt eigentlich dein großes Stromwunder?

    Kommentar

    Frankreich liebt seine Atomkraft. Sie gehört zur nationalen Erzählung wie der Eiffelturm, der TGV und die Überzeugung, dass man gewisse Dinge eben besser macht als die Nachbarn. Jahrzehntelang lautete das Versprechen: billiger Strom, sichere Versorgung, weniger Abhängigkeit vom Ausland. Eine formidable Idee. Nur stellt sich inzwischen eine ziemlich unangenehme Frage: Wo bleibt eigentlich die Dividende dieses gewaltigen Kraftwerksparks?

    An Strom mangelt es nämlich nicht.

    Frankreich erzeugte 2025 mehr als 95 Prozent seiner Elektrizität CO₂-arm, der Löwenanteil stammte aus Kernkraft. Das Land exportierte Strom in Rekordmengen. Elektronen? Reichlich vorhanden. Saubere noch dazu.

    Und nun kommt der französische Treppenwitz: Während das Land Strom exportiert, fährt ein gewaltiger Teil seines Verkehrs weiterhin mit importiertem Erdöl.

    Voilà.

    Noch 2024 stammten fast 90 Prozent der im französischen Verkehrssektor verbrauchten Energie aus Erdölprodukten. Elektroautos legen zwar kräftig zu; 2025 war ungefähr jeder fünfte neu verkaufte Pkw rein elektrisch. Doch im gesamten Fahrzeugbestand bleibt die Elektromobilität eine Minderheit. Selbst der französische Netzbetreiber RTE stellt nüchtern fest, dass die Elektrifizierung nicht schnell genug vorankommt.

    Man besitzt also eines der größten CO₂-armen Stromsysteme Europas – und verbrennt weiter Benzin und Diesel, als läge hinter jeder Tankstelle ein kleines gallisches Naturgesetz.

    Das muss man erst einmal schaffen.

    Noch merkwürdiger wirkt die Sache bei der viel beschworenen Energieunabhängigkeit. Frankreichs Atomreaktoren machen das Stromsystem tatsächlich erheblich weniger abhängig von Gas als das vieler Nachbarn. Das ist ein handfester Vorteil. Nur besteht eine Volkswirtschaft leider nicht ausschließlich aus Steckdosen.

    Verkehr, Industrie und Wärme verschlingen weiterhin fossile Energien. Gasimporte bleiben bedeutend, Öl sowieso. 2025 zahlte Frankreich trotz gesunkener Importpreise noch immer eine Energieimportrechnung von 45,8 Milliarden Euro.

    Und dann genügt eine geopolitische Krise irgendwo zwischen Pipeline, Tankerroute und LNG-Terminal – schon hustet Europa, die Preise springen und Paris blickt nervös auf die Märkte.

    Da steht er also, der französische Atomriese: mächtig, produktiv, vergleichsweise CO₂-arm – und daneben eine Wirtschaft, die noch immer viel zu oft am fossilen Tropf hängt.

    Das Problem Frankreichs lautet deshalb nicht: Wo bleibt der Atomstrom?

    Er ist längst da.

    Die spannendere Frage lautet: Warum nutzt Frankreich diesen Strom nicht entschlossener dort, wo heute noch Öl und Gas verbrannt werden?

    Denn Energieunabhängigkeit entsteht nicht dadurch, dass man stolz auf seine Kraftwerke zeigt. Sie entsteht erst dann, wenn ihre Elektrizität tatsächlich Benzin, Diesel und Gas verdrängt.

    Bis dahin bleibt Frankreichs Energiewende ein bisschen wie ein Ferrari, der vor der Haustür glänzt, während man zum Bäcker mit dem alten Diesel fährt.

    Très chic. Aber eben auch ziemlich absurd.

    Andreas M. Brucker

  • Frankreich entdeckt seine Rentner als Haushaltsposten

    Frankreich entdeckt seine Rentner als Haushaltsposten

    Kommentar Es gibt in der französischen Haushaltspolitik offenbar noch unerschlossene Rohstoffvorkommen. Man muss nur gründlich genug suchen. Unter jedem Kopfkissen könnte schließlich noch ein Sparbuch liegen, in irgendeiner Küchenschublade eine Lebensversicherung und auf irgendeinem Konto die Rente eines Menschen, der den bemerkenswerten Fehler begangen hat, jahrzehntelang zu arbeiten und anschließend nicht rechtzeitig zu verarmen. Nun also die Rentner. Bei der Vorbereitung des französischen Haushalts für 2027 wird darüber diskutiert, auch Pensionäre stärker an der Sanierung der Staatsfinanzen zu beteiligen. Wirtschaftsminister Roland Lescure spricht von einem Konsolidierungsbedarf von ungefähr 30 Milliarden Euro. Ministerpräsident Sébastien Lecornu hat eine Debatte darüber eröffnet, welchen Beitrag Rentner leisten könnten. Dabei geht es unter anderem um eine geringere Anpassung bestimmter Pensionen an die Inflation und um den steuerlichen Abschlag von 10 Prozent auf Renteneinkünfte. B…

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  • Frankreichs Fischer schlagen Alarm: Der Treibstoffpreis treibt die Branche an ihre Grenzen

    Frankreichs Fischer schlagen Alarm: Der Treibstoffpreis treibt die Branche an ihre Grenzen

    Mit der Blockade eines Erdöldepots in Fos-sur-Mer haben französische Fischer ihren Protest gegen die hohen Treibstoffpreise erheblich verschärft. Seit den frühen Morgenstunden des 15. September blockieren mehrere Dutzend Fischer die Ausfahrt des Terminals nahe Marseille. Rund 50 Tanklastwagen waren nach Angaben der Behörden zeitweise betroffen. Hinter der Aktion steht jedoch mehr als ein Streit über Dieselpreise: Frankreichs Mittelmeerfischerei sieht ihr wirtschaftliches Modell zunehmend gefährdet.

    Protest an einem strategischen Ort

    Die Blockade begann gegen drei Uhr morgens. Größere Zwischenfälle wurden zunächst nicht gemeldet. Die Demonstranten verlangen Gespräche mit Catherine Chabaud, der für Meer und Fischerei zuständigen Ministerin.

    Bereits am Montag hatten Fischer in Sète und Port-Vendres protestiert. Hinter der Mobilisierung stehen regionale Fischereiverbände aus Okzitanien, Provence-Alpes-Côte d’Azur und Korsika sowie Erzeugerorganisationen und Berufsverbände. Damit erhält der Konflikt eine Dimension, die über einzelne Häfen hinausgeht.

    Der Ort der jüngsten Aktion ist bewusst gewählt. Fos-sur-Mer gehört zu den bedeutendsten Energie- und Industriestandorten Frankreichs. Die dortige Société du Pipeline Sud-Européen betreibt 40 Tanks mit einer nominalen Lagerkapazität von 2,26 Millionen Kubikmetern. Über Pipelines ist der Standort unter anderem mit Anlagen in Lyon und Ostfrankreich verbunden.

    Wer hier Tanklastwagen aufhält, erzeugt erheblich mehr Aufmerksamkeit als mit einer Demonstration in einem Fischereihafen.

    Diesel wird zur Existenzfrage

    Auslöser der Proteste ist der Preis für Schiffsdiesel. Die seit dem Frühjahr verschärfte Krise im Nahen Osten hat die internationalen Energiemärkte belastet. Für die Fischerei ist dies besonders problematisch, weil Treibstoff einen erheblichen Anteil der Betriebskosten ausmacht.

    Bereits im Frühjahr überschritt der Preis für Marinediesel zeitweise die Marke von einem Euro je Liter. Im französischen Senat wurde im Juni auf die dramatische Kalkulation der Branche hingewiesen: Ein Preis von etwa 60 Cent gilt für manche Betriebe als wirtschaftlich tragfähig. Bei 80 Cent verschlechtert sich die Rentabilität deutlich; bei einem Euro können einzelne Ausfahrten mehr kosten, als der Verkauf des Fangs einbringt.

    Die Konsequenz ist ungewöhnlich für eine Branche, deren Geschäftsmodell traditionell auf möglichst intensiver Nutzung der verfügbaren Fangtage beruht: Schiffe bleiben im Hafen, weil Auslaufen Verluste produzieren würde.

    Staatliche Hilfen reichen nicht aus

    Paris hat auf die Krise reagiert. Für April erhielten Fischereiunternehmen eine Unterstützung von 20 Cent je Liter, für Mai waren es 35 Cent. Allein für diese beiden Monate stellte die Regierung 13 Millionen Euro bereit. Weitere Hilfen für Juni, Juli und August wurden angekündigt.

    Doch die Subventionen lösen das strukturelle Problem nicht. Die Fischer argumentieren, dass sich steigende Energiepreise mit höheren Wartungs-, Personal- und Finanzierungskosten sowie zunehmenden regulatorischen Anforderungen überlagern. Gerade kleinere Betriebe verfügen kaum über Reserven, um solche Belastungen über längere Zeit auszugleichen.

    Hinzu kommt ein grundsätzlicher Zielkonflikt. Frankreich und die Europäische Union wollen die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern reduzieren. Die bestehende Fischereiflotte ist jedoch weiterhin stark auf Diesel angewiesen. Alternative Antriebe erfordern erhebliche Investitionen und lassen sich bei vielen vorhandenen Schiffen nicht kurzfristig einsetzen.

    Ein Konflikt mit politischem Potenzial

    Damit wird Fos-sur-Mer zum Symbol eines größeren Problems. Kurzfristig verlangen die Fischer Entlastung beim Treibstoff. Langfristig geht es um die Frage, ob traditionelle Fischereibetriebe unter den veränderten wirtschaftlichen und ökologischen Rahmenbedingungen noch ausreichend rentabel arbeiten können.

    Für die Regierung besteht das Dilemma darin, akute Hilfen zu gewähren, ohne eine dauerhafte Subventionsabhängigkeit von fossilem Treibstoff zu schaffen. Gleichzeitig ist die Fischerei wirtschaftlich mit Häfen, Fischauktionen, Verarbeitung und Handel verflochten. Bleiben Schiffe im Hafen, trifft dies deshalb nicht nur deren Eigentümer.

    Entscheidend wird nun sein, ob sich die Proteste ausweiten. Bleibt Fos-sur-Mer eine punktuelle Blockade, dürfte die Wirkung vor allem politisch und symbolisch sein. Schließen sich weitere Häfen oder Fischerverbände an und geraten zusätzliche Energieinfrastrukturen ins Visier, steigt der Druck auf Paris erheblich. Die Forderung nach «konkreten Antworten» könnte dann rasch zu einer neuen wirtschafts- und sozialpolitischen Bewährungsprobe für die französische Regierung werden.

    P.T.

  • Sabotage in der Haute-Savoie: Ein Strommast bringt Fabriken zum Stillstand

    Sabotage in der Haute-Savoie: Ein Strommast bringt Fabriken zum Stillstand

    Ein beschädigter Hochspannungsmast, plötzlich stillstehende Maschinen und Betriebe, die ihre Produktion unterbrechen müssen: In der Haute-Savoie hat die mutmaßliche Sabotage an der Strominfrastruktur gezeigt, wie empfindlich eine hochindustrialisierte Region auf den Ausfall einer einzigen zentralen Verbindung reagiert.

    Der Vorfall traf insbesondere das Arve-Tal, einen der bedeutendsten Industriestandorte im französischen Alpenraum. Zahlreiche Unternehmen dort sind auf Präzisionsmechanik und die Herstellung hoch spezialisierter Bauteile ausgerichtet. Sie beliefern unter anderem die Automobilindustrie, die Luftfahrtbranche und andere Industriezweige, bei denen selbst kleinste Komponenten exakt gefertigt und termingerecht geliefert werden müssen.

    Ohne Strom läuft hier allerdings wenig.

    Durch die Beschädigung des Hochspannungsmastes wurde die Versorgung zahlreicher Betriebe unterbrochen. In mehreren Werken standen Maschinen und Fertigungsstraßen zeitweise still. Gerade energieintensive Produktionsprozesse benötigen eine stabile Versorgung; ein abrupter Ausfall lässt sich nicht einfach mit ein paar Verlängerungskabeln überbrücken. Für die Unternehmen bedeutet jede Stunde Stillstand zusätzliche Kosten – und möglicherweise Probleme bei ohnehin eng getakteten Lieferterminen.

    Nach ersten Erkenntnissen der Behörden handelt es sich nicht um einen technischen Defekt oder einen gewöhnlichen Zwischenfall. Vielmehr steht der Verdacht eines vorsätzlichen Sabotageaktes im Raum. Spezialisten untersuchten den beschädigten Mast und suchten nach Hinweisen auf den genauen Ablauf. Gleichzeitig bemühten sich die zuständigen Techniker des Stromnetzes darum, betroffene Gebiete über alternative Leitungen wieder zu versorgen.

    Auch die Justiz beschäftigt sich mit dem Fall. Ermittlungen wegen der vorsätzlichen Beschädigung kritischer Infrastruktur sollen klären, wer hinter der Tat steckt und welches Motiv eine Rolle spielte.

    Für die Haute-Savoie reicht die Bedeutung des Vorfalls weit über einen regionalen Stromausfall hinaus. Das Arve-Tal besitzt in Frankreich eine besondere Stellung als Zentrum der Drehteilefertigung und Präzisionsmechanik. Viele dort ansässige Firmen sitzen an entscheidenden Stellen internationaler Lieferketten.

    Fällt eine zentrale Stromverbindung aus, entsteht deshalb schnell ein Dominoeffekt: Maschinen stehen, Aufträge verzögern sich, Liefertermine geraten unter Druck und Kunden weit außerhalb der Region spüren möglicherweise die Folgen.

    Der beschädigte Mast macht damit eine unbequeme Realität sichtbar. Moderne Industrie lebt von komplexen Produktionsanlagen und weltweiten Lieferketten – doch am Anfang steht etwas erstaunlich Grundsätzliches: eine zuverlässige Stromversorgung.

    Andreas M. Brucker

  • Frankreichs schwarzer Herbst: Die Rechnung für Jahre des Aufschubs kommt näher

    Frankreichs schwarzer Herbst: Die Rechnung für Jahre des Aufschubs kommt näher

    Frankreich kehrt aus den Sommerferien zurück, doch von einem wirtschaftlichen Neubeginn kann keine Rede sein. Die «rentrée» des Jahres 2026 steht vielmehr im Zeichen einer ungewöhnlichen Häufung schlechter Nachrichten. Die Wirtschaft wächst praktisch nicht mehr, die Arbeitslosigkeit steigt, die Inflation zieht wieder an, die Kaufkraft sinkt. Gleichzeitig werden die Spielräume des Staates immer enger. Hinzu kommen die Folgen eines aussergewöhnlich heissen und trockenen Sommers, der vor allem die Landwirtschaft schwer getroffen hat.

    Von einer tiefen Rezession kann noch keine Rede sein. Gerade darin liegt jedoch das Problem. Frankreich befindet sich nicht in einem spektakulären Absturz, sondern in einer schleichenden wirtschaftlichen Erosion. Das macht die politische Reaktion schwieriger: Für ein grosses Krisenprogramm fehlt der Anlass – und für ein solches Programm fehlt ohnehin das Geld.

    Wachstum ohne Wachstum

    Die jüngsten Zahlen des Statistikamtes Insee zeichnen ein ernüchterndes Bild. Nach der Revision der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung schrumpfte das reale Bruttoinlandprodukt im ersten Quartal 2026 um 0,2 Prozent. Im zweiten Quartal stagnierte es. Damit beträgt der statistische Wachstumsüberhang für das Gesamtjahr gerade einmal 0,3 Prozent.

    Besonders aufschlussreich ist die Zusammensetzung dieser Stagnation. Der Konsum der privaten Haushalte erholte sich im zweiten Quartal zwar um 0,3 Prozent. Doch die Investitionen gingen erneut zurück. Die Bruttoanlageinvestitionen sanken um 0,3 Prozent, nachdem sie bereits im ersten Quartal um 0,8 Prozent gefallen waren. Das ist für die mittelfristigen Aussichten bedeutsamer als eine einzelne schwache BIP-Zahl. Wenn Unternehmen und Haushalte Investitionen verschieben, wird aus konjunktureller Unsicherheit allmählich strukturelle Schwäche.

    Die Banque de France hatte ihre Wachstumsprognose für 2026 bereits im Juni auf lediglich 0,5 Prozent reduziert. Die Regierung hält bislang an einer etwas günstigeren Erwartung von 0,7 Prozent fest. Beide Zahlen liegen weit entfernt von einer Dynamik, die ausreichen würde, Frankreichs fiskalische und soziale Probleme durch Wachstum zu entschärfen.

    Allerdings gibt es auch Gegenindikatoren. Das Geschäftsklima hat sich im Sommer etwas aufgehellt. Der entsprechende Insee-Index stieg im August auf 98 Punkte und näherte sich damit seinem langfristigen Durchschnitt. Das OFCE schätzte Anfang September das Wachstum im dritten Quartal in seinem Echtzeitmodell sogar auf rund 0,36 Prozent. Frankreich steht deshalb nicht zwangsläufig vor einer Rezession. Es steht vielmehr auf einer konjunkturellen Gratwanderung.

    Der Arbeitsmarkt verliert seinen Glanz

    Lange Zeit gehörte der Arbeitsmarkt zu den besseren Teilen der französischen Wirtschaftsbilanz. Diese Entwicklung beginnt sich umzukehren.

    Im zweiten Quartal stieg die Arbeitslosenquote auf 8,3 Prozent. Das waren 0,2 Prozentpunkte mehr als drei Monate zuvor und 0,7 Punkte mehr als ein Jahr zuvor. Rund 2,7 Millionen Menschen waren nach der Definition der Internationalen Arbeitsorganisation arbeitslos. Die Quote erreichte damit den höchsten Stand seit der Pandemie beziehungsweise – lässt man deren Sonderbedingungen ausser Betracht – seit 2019.

    Auch die Beschäftigungszahlen geben wenig Anlass zur Beruhigung. Die Zahl der abhängig Beschäftigten sank im zweiten Quartal um rund 23 500. Im privaten Sektor lag die Beschäftigung bereits das sechste Quartal hintereinander unter ihrem jeweiligen Vorjahresniveau.

    Noch ist das keine Beschäftigungskrise. Gegenüber Ende 2019 gibt es weiterhin deutlich mehr Arbeitsplätze. Doch für die öffentlichen Finanzen ist die Richtung entscheidend. Eine stagnierende Wirtschaft bei gleichzeitig steigender Arbeitslosigkeit bedeutet weniger Steuereinnahmen und Sozialbeiträge sowie höhere Sozialausgaben. Genau diese Kombination kann sich Frankreich derzeit besonders schlecht leisten.

    Die Inflation meldet sich zurück

    Auch an der Preisfront ist die Entwarnung vertagt. Nachdem die Inflation im Juni noch 1,8 Prozent betragen hatte, stieg sie im Juli auf 2,1 Prozent. Für August schätzte Insee die Teuerung vorläufig auf 2,4 Prozent.

    Treiber sind erneut vor allem die Energiepreise. Im Juli lagen sie 12,6 Prozent über dem Vorjahresniveau. Damit kehrt ein Mechanismus zurück, den Europa seit 2022 gut kennt: Energie verteuert nicht nur Strom, Treibstoff und Heizung unmittelbar, sondern wirkt mit Verzögerung auf Transport, Landwirtschaft und industrielle Produktion.

    Für Frankreich ist dies politisch besonders heikel. Die Kaufkraft pro Konsumeinheit sank bereits im zweiten Quartal um 0,6 Prozent. Eine erneute Beschleunigung der Inflation trifft damit auf Haushalte, deren finanzielle Lage sich schon zuvor verschlechtert hatte.

    Der Staat könnte versuchen gegenzusteuern. Doch anders als während der Energiekrise von 2022 und 2023 ist die fiskalische Ausgangslage heute erheblich unbequemer.

    Der gefährlichste Engpass liegt im Staatshaushalt

    Hier liegt der Kern der französischen Malaise. Frankreich könnte eine Phase schwachen Wachstums normalerweise mit einer expansiveren Fiskalpolitik abfedern. Doch die hohe Staatsverschuldung und das chronische Defizit haben diesen Spielraum weitgehend aufgezehrt.

    Die Regierung hatte für 2026 eine Verringerung des öffentlichen Defizits auf rund 5 Prozent des Bruttoinlandprodukts vorgesehen. Schon im Sommer räumte das Wirtschaftsministerium ein, dass dieses Ziel wegen der schwächeren Konjunktur und der Energiekrise schwieriger zu erreichen sei. Zusätzliche Einsparungen wurden angekündigt.

    Damit gerät Paris in ein klassisches Dilemma. Spart der Staat stärker, schwächt er kurzfristig eine ohnehin fragile Nachfrage. Spart er nicht, verschlechtert sich die Glaubwürdigkeit der französischen Finanzpolitik weiter.

    Dieses Problem ist nicht neu. Frankreich hat über Jahrzehnte einen grossen Sozialstaat, hohe öffentliche Ausgaben und eine ausgeprägte Bereitschaft zur staatlichen Stabilisierung miteinander verbunden. Dieses Modell funktioniert vergleichsweise komfortabel, solange Wachstum, niedrige Zinsen und die Glaubwürdigkeit der gemeinsamen europäischen Währung genügend finanziellen Spielraum schaffen. In einer Welt höherer Finanzierungskosten wird dieselbe Konstruktion erheblich anspruchsvoller.

    Die eigentliche Gefahr besteht deshalb weniger in einem einzelnen schwachen Quartal als in der Kombination von geringem Trendwachstum und dauerhaft hohen Staatsausgaben. Konjunkturelle Schwäche wird unter diesen Bedingungen rasch zu einem fiskalischen Problem.

    Dann kam der Sommer

    Als wären die klassischen konjunkturellen Schwierigkeiten nicht genug, hat der Sommer 2026 Frankreich mit aussergewöhnlicher Hitze und Trockenheit getroffen.

    Nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums lag die landesweite Durchschnittstemperatur im Juli bei 24,9 Grad und damit über den historischen Extremwerten der Sommer 2003 und 1976. Rund 65 Prozent des Landes waren von aussergewöhnlicher Trockenheit betroffen. In 95 Départements galten zeitweise Einschränkungen beim Wasserverbrauch; 79 erreichten auf dem Höhepunkt des Sommers die höchste Krisenstufe.

    In zahlreichen Regionen wurden Ertragseinbussen von durchschnittlich rund 50 Prozent gemeldet. Auch die Futtervorräte vieler landwirtschaftlicher Betriebe brachen ein. Anfang September stellte die Regierung deshalb mehr als eine Milliarde Euro zur Stabilisierung der Landwirtschaft und zur Wiederaufnahme der Produktion bereit.

    Die gesamtwirtschaftlichen Folgen bleiben gegenüber der Grösse der französischen Volkswirtschaft begrenzt, sind aber keineswegs bedeutungslos. Das Finanzministerium geht vorläufig davon aus, dass Hitze und Dürre das Jahreswachstum um etwa 0,1 Prozentpunkte drücken könnten. In einem Jahr mit ohnehin kaum vorhandenem Wachstum ist ein Zehntelpunkt keine statistische Fussnote.

    Der Sommer 2026 macht zudem sichtbar, dass Klimarisiken zunehmend zu makroökonomischen Risiken werden. Landwirtschaft, Energieversorgung, Tourismus, Infrastruktur und Arbeitsproduktivität reagieren unmittelbar auf extreme Temperaturen. Was früher vor allem als umweltpolitische Frage behandelt wurde, gehört inzwischen zur Wirtschafts- und Finanzpolitik.

    Europas Schwäche verstärkt Frankreichs Problem

    Frankreich kann zudem kaum auf einen kräftigen europäischen Aufschwung hoffen. Die französische Wirtschaft ist eng mit den übrigen EU-Staaten verflochten. Schwache Investitionen und geringe Nachfrage bei wichtigen Handelspartnern begrenzen daher auch die französischen Exportchancen.

    Hinzu kommen geopolitische Risiken und volatile Energiepreise. Frankreich besitzt dank seiner Kernenergie zwar eine andere Energiestruktur als Deutschland oder Italien. Gegen steigende Ölpreise und deren Auswirkungen auf Verkehr, Landwirtschaft, Chemie und Logistik schützt aber auch der französische Reaktorpark nicht.

    Die internationale Unsicherheit trifft damit auf eine Volkswirtschaft, deren interne Wachstumskräfte bereits schwach sind.

    Frankreichs «rentrée noire» ist deshalb weniger der Beginn einer dramatischen Rezession als ein Warnsignal. Noch gibt es genügend stabilisierende Faktoren: Die Unternehmen beurteilen ihre Lage inzwischen etwas besser, der Konsum ist nicht eingebrochen, und ein moderates Wachstum im dritten Quartal bleibt möglich.

    Doch die französische Wirtschaft hat ihre Sicherheitsmarge weitgehend verloren. Ein Wachstum von einem halben oder vielleicht sieben Zehntel Prozent reicht kaum aus, um gleichzeitig den Arbeitsmarkt zu stabilisieren, die Kaufkraft zu stärken, die ökologische Transformation zu finanzieren und das Haushaltsdefizit deutlich zu senken.

    Genau darin liegt die politische Brisanz dieses Herbstes. Frankreich muss seine öffentlichen Finanzen konsolidieren, ohne die Konjunktur abzuwürgen; investieren, ohne die Verschuldung weiter ausufern zu lassen; und seine Wettbewerbsfähigkeit erhöhen, ohne den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu gefährden. Keine dieser Aufgaben ist neu. Neu ist, dass sie nun gleichzeitig dringlich werden.

    Die schwarze «rentrée» des Jahres 2026 könnte deshalb rückblickend weniger als Beginn einer Rezession erscheinen denn als Moment, in dem Frankreich erkennen musste, dass sich wirtschaftspolitische Zielkonflikte nicht unbegrenzt durch zusätzliche Staatsausgaben vertagen lassen.

    Andreas M. Brucker

  • Frankreichs Hitzerechnung: Der Klimawandel wird zum Wirtschaftsfaktor

    Frankreichs Hitzerechnung: Der Klimawandel wird zum Wirtschaftsfaktor

    Lange ließ sich über den Klimawandel reden, als handle es sich vor allem um eine ökologische Herausforderung für kommende Jahrzehnte. Der Sommer 2026 räumt mit dieser bequemen Vorstellung auf. In Frankreich bekommt die Erderwärmung inzwischen ein Preisschild – und darauf steht eine Summe, die selbst in Paris niemand mehr als Randnotiz verbuchen dürfte.

    Die Rechnung für Hitzewellen und Dürre steigt.

    Nach ersten offiziellen Schätzungen könnten die außergewöhnlich hohen Temperaturen und die Trockenheit dem französischen Wirtschaftswachstum in diesem Jahr rund 0,1 Prozentpunkte nehmen. Eine solche Zahl wirkt auf den ersten Blick beinahe harmlos. Ein Zehntelprozentpunkt – was soll das schon sein?

    In einer Volkswirtschaft von der Größe Frankreichs lautet die Antwort: ziemlich viel.

    Bereits im August stand eine Belastung zwischen zehn und 15 Milliarden Euro im Raum. Damit lägen die wirtschaftlichen Schäden höher als während der schweren Dürre von 2022. Noch handelt es sich um vorläufige Berechnungen. Doch gerade darin steckt das Unangenehme: Die endgültige Rechnung dürfte erst sichtbar sein, wenn Ernten eingebracht, Versicherungsschäden erfasst, Reparaturen bezahlt und Produktionsausfälle bilanziert sind.

    Am deutlichsten zeigt sich die Lage auf Frankreichs Feldern. Landwirtschaft funktioniert seit jeher als Wirtschaften mit Unsicherheit. Bauern kennen schlechte Jahre, Hagel, Frost und Trockenperioden. Doch extreme Hitze und lang anhaltender Wassermangel verändern die Größenordnung des Risikos.

    Getreide, Mais, Obst und Gemüse leiden unter fehlendem Wasser und hohen Temperaturen. Auch der französische Weinbau, wirtschaftlich wie kulturell eine Institution des Landes, gerät unter Druck. Reben mögen Sonne. Irgendwann allerdings wird aus mediterraner Wärme schlicht Hitzestress.

    Für Viehhalter beginnt die Rechnung ebenfalls nicht erst bei der Ernte. Trockene Weiden bedeuten weniger Futter. Zusätzliches Futter kostet Geld. Kühe reagieren auf große Hitze zudem mit sinkender Milchleistung. So entsteht eine Kette wirtschaftlicher Belastungen, die beim Landwirt beginnt und irgendwann an der Supermarktkasse endet.

    Das ist der Punkt, an dem Klimapolitik plötzlich sehr alltäglich wird.

    Denn geringere Ernten bedeuten nicht bloß niedrigere Einkommen landwirtschaftlicher Betriebe. Sie beeinflussen Lebensmittelpreise, Importe, Handelsströme und staatliche Unterstützungsprogramme. Was auf einem ausgedörrten Maisfeld beginnt, landet womöglich Monate später auf dem Kassenzettel einer Familie in Lyon, Bordeaux oder Lille.

    Auch Frankreichs Energiesystem spürt die Hitze. Das Land setzt traditionell stark auf Kernenergie. Doch Kernkraftwerke brauchen Wasser zur Kühlung. Erwärmen sich Flüsse zu stark oder führen sie zu wenig Wasser, lässt sich die Produktion einzelner Anlagen nicht beliebig fortsetzen. Gleichzeitig leidet die Wasserkraft unter niedrigen Pegeln und geringen Reserven.

    Die Ironie liegt auf der Hand: Ausgerechnet dann, wenn Klimaanlagen, Kühlgeräte und andere elektrische Systeme stärker laufen, gerät die Stromproduktion teilweise unter zusätzlichen Druck.

    Nicht nur Maschinen kommen an Grenzen. Menschen ebenso.

    Wer bei 35 oder 40 Grad auf einer Baustelle arbeitet, auf einem Feld steht oder in einer schlecht gekühlten Halle körperliche Arbeit verrichtet, produziert nicht mit derselben Geschwindigkeit wie bei gemäßigten Temperaturen. Baustellen verlangsamen sich, Arbeitszeiten müssen angepasst werden, Fehlzeiten steigen. Selbst in Büros sinkt die Konzentration, wenn Gebäude nachts kaum noch abkühlen.

    Das klingt banal, ist volkswirtschaftlich jedoch ziemlich handfest. Produktivität besteht schließlich aus Millionen Arbeitsstunden. Werden viele davon weniger effizient, taucht der Effekt irgendwann in Unternehmensbilanzen und Konjunkturdaten auf.

    Und dann sind da noch jene Schäden, die besonders sichtbar auftreten: Waldbrände, beschädigte Straßen, belastete öffentliche Netze und Risse in Gebäuden.

    Vor allem das sogenannte Schrumpfen und Quellen tonhaltiger Böden entwickelt sich in Frankreich zu einem kostspieligen Problem. Trocknet solcher Boden stark aus und nimmt später wieder Wasser auf, bewegt er sich. Häuser bewegen sich leider nicht besonders gern mit. Risse in Wänden und Fundamenten führen zu hohen Reparaturkosten und Versicherungsfällen.

    Spätestens hier endet die Vorstellung, Klimaschäden beträfen ausschließlich Landwirte oder Bewohner besonders heißer Regionen. Sie erreichen Hauseigentümer, Versicherer, Kommunen, Steuerzahler und letztlich den Staat.

    Das eigentlich Beunruhigende am Sommer 2026 liegt deshalb weniger in der Zahl von zehn oder 15 Milliarden Euro. Frankreich könnte eine solche Summe verkraften. Eine große Volkswirtschaft stolpert nicht wegen eines einzelnen heißen Sommers aus den Schuhen.

    Problematisch wird die Sache, wenn aus dem außergewöhnlichen Ereignis eine wiederkehrende Belastung entsteht.

    Genau darauf deutet vieles hin. Unternehmen, Gemeinden und Zentralstaat müssen mehr Geld in Anpassung investieren: Wasserreserven sichern, Leitungsnetze modernisieren, landwirtschaftliche Kulturen widerstandsfähiger machen, Gebäude gegen Hitze schützen und Wälder besser vor Bränden bewahren. Das sind keine hübschen Zusatzprojekte für Zeiten voller Staatskassen. Sie entwickeln sich zur wirtschaftlichen Infrastruktur des 21. Jahrhunderts.

    Frankreich steht damit vor einer unangenehmen fiskalischen Wahrheit. Klimaschäden kosten Geld – Klimaanpassung ebenfalls.

    Nichts zu tun wäre trotzdem die teuerste Variante. Wer eine Straße erst repariert, nachdem extreme Hitze sie beschädigt hat, spart vorher lediglich auf dem Papier. Wer Städte nicht gegen hohe Temperaturen vorbereitet, bezahlt später über Gesundheitskosten, Produktivitätsverluste und steigenden Energiebedarf. Und wer Landwirtschaft dauerhaft von immer knapperem Wasser abhängig lässt, verschiebt das Problem lediglich bis zur nächsten Dürre.

    So verändert sich auch die politische Debatte. Klimaschutz erschien lange als Konflikt zwischen Ökologie und Ökonomie: Auf der einen Seite Umweltschützer, auf der anderen Unternehmen, Arbeitsplätze und Wachstum. Diese Gegenüberstellung verliert zunehmend ihren Sinn.

    Der Klimawandel selbst ist längst ein ökonomischer Faktor.

    Er beeinflusst Wachstum, Lebensmittelpreise, Energieversorgung, Versicherungsprämien, Immobilienwerte und öffentliche Haushalte. Selbst die Wettbewerbsfähigkeit ganzer Branchen hängt davon ab, wie gut sie mit Hitze, Wassermangel und anderen Extremereignissen umgehen.

    Frankreich erlebt damit eine Entwicklung, die weit über seine Grenzen hinausweist. Europas Volkswirtschaften müssen Klimarisiken zunehmend so behandeln, wie sie Energiepreise, Zinsen oder Rohstoffversorgung behandeln: als reale Größe wirtschaftlicher Planung.

    Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr, was ein heißer Sommer kostet.

    Sie lautet, wie teuer eine Zukunft wird, in der solche Sommer nicht länger Ausnahme, sondern Teil der wirtschaftlichen Normalität sind.

    Und diese Rechnung hat gerade erst begonnen.

    Andreas M. Brucker

  • Frankreichs ewige Rechnung: Der Staat bestellt – und der Bürger darf zahlen

    Frankreichs ewige Rechnung: Der Staat bestellt – und der Bürger darf zahlen

    Kommentar

    Es gehört zu den bemerkenswertesten Ritualen der französischen Politik: Der Staat gibt über Jahre mehr Geld aus, als er einnimmt. Die Schulden wachsen. Die Defizite bleiben. Regierungen wechseln, Finanzminister kommen und gehen, Sparprogramme werden angekündigt, vertagt, umbenannt und anschließend erneut angekündigt. Und wenn irgendwann selbst im Finanzministerium in Bercy auffällt, dass zwischen Einnahmen und Ausgaben ein kleines Loch von einigen Dutzend Milliarden Euro klafft, beginnt die große Suche nach dem Verantwortlichen.

    Zum Glück ist er schnell gefunden.

    Der Rentner.

    Der Patient.

    Der Steuerzahler.

    Das Unternehmen.

    Kurz gesagt: der Bürger.

    Wie praktisch.

    Erst wird ausgegeben, dann wird „Solidarität“ verlangt

    Frankreich gab 2025 nach Angaben des Statistikamtes Insee 57,2 Prozent seiner Wirtschaftsleistung über den Staat und die Sozialversicherungen aus. Gleichzeitig beliefen sich die obligatorischen Abgaben bereits auf 43,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Trotzdem entstand ein Haushaltsdefizit von 152,5 Milliarden Euro oder 5,1 Prozent des BIP. Die Staatsschulden erreichten Ende 2025 rund 3,46 Billionen Euro beziehungsweise 115,7 Prozent des BIP.

    Man muss sich diese Zahlen gelegentlich ohne das beruhigende Vokabular der Finanzbürokratie ansehen.

    Ein Land kassiert bereits enorme Summen. Es verfügt über einen der umfangreichsten Staatsapparate und Sozialstaaten Europas. Und trotzdem reicht das Geld nicht.

    Jahr für Jahr.

    Jahrzehnt für Jahrzehnt.

    Und nun wird wieder erklärt, wer sich beim Budget 2027 womöglich „anstrengen“ müsse.

    Natürlich nicht der abstrakte „Staat“. Der Staat besitzt schließlich kein eigenes Geld. Er verfügt nur über das Geld, das er seinen Bürgern heute abnimmt – und über jenes, das er im Namen ihrer Kinder morgen ausgeben kann.

    Das ist der kleine, unangenehme Satz, der in Haushaltsdebatten erstaunlich selten ausgesprochen wird.

    Herzlichen Glückwunsch, Sie haben vorgesorgt

    Besonders elegant ist die Diskussion über wohlhabendere Rentner.

    Wirtschaftsminister Roland Lescure brachte eine geringere Indexierung höherer Pensionen ins Gespräch. Die Idee: Wer im Alter finanziell besser dasteht, könnte bei der Anpassung seiner Rente an die Inflation weniger bekommen.

    Das besitzt eine gewisse staatspolitische Poesie.

    Ein Bürger arbeitet vierzig Jahre. Er zahlt Steuern und Sozialabgaben. Vielleicht spart er zusätzlich. Vielleicht kauft er eine Wohnung. Vielleicht verzichtet er auf Konsum, weil ihm einmal jemand erklärt hat, private Vorsorge sei verantwortungsvoll.

    Und irgendwann stellt der Staat fest: Donnerwetter, dieser Mensch hat tatsächlich vorgesorgt.

    Das muss korrigiert werden.

    Wer wenig besitzt, soll geschützt werden – selbstverständlich. Wer aber über Jahrzehnte vernünftig gewirtschaftet hat, entdeckt möglicherweise eine neue Definition gesellschaftlicher Solidarität: Du hast mehr, also können wir dir auch leichter etwas wegnehmen.

    Die Botschaft dahinter ist fatal. Nicht weil höhere Einkommen niemals stärker belastet werden dürften. Darüber kann eine Demokratie selbstverständlich entscheiden. Sondern weil sich Leistung, Sparsamkeit und Vorsorge irgendwann wie Eigenschaften anfühlen, für die man sich gegenüber dem Finanzministerium rechtfertigen muss.

    Krank? Auch dafür findet sich eine Rechnung

    Noch schöner wird es bei den Patienten.

    Im Gesundheitsbereich werden für 2027 Einsparungen von mehr als zwei Milliarden Euro diskutiert. Zu den genannten Möglichkeiten gehören höhere Eigenbeteiligungen und geringere Erstattungen bestimmter Medikamente. Premierminister Sébastien Lecornu hatte bereits im Juli entsprechende Überlegungen erkennen lassen.

    Man stelle sich die Szene vor.

    Jahrzehntelang gelingt es der Politik nicht, die öffentlichen Finanzen strukturell zu stabilisieren. Dann sitzt ein 72-Jähriger mit Diabetes, Bluthochdruck und Arthrose beim Arzt – und plötzlich entdeckt die Republik ihr Sparpotential.

    Voilà!

    Das Haushaltsproblem ist gefunden.

    Es sitzt im Wartezimmer.

    Natürlich muss auch ein Gesundheitssystem wirtschaftlich arbeiten. Selbstverständlich sind Fehlanreize, unnötige Behandlungen und übermäßiger Medikamentenkonsum legitime Themen. Ein Sozialstaat, der seine Kosten nicht kontrolliert, gefährdet irgendwann gerade jene Leistungen, die er schützen möchte.

    Doch politisch entsteht ein verheerender Eindruck: Die Rechnung jahrzehntelanger finanzpolitischer Bequemlichkeit wird nicht dort präsentiert, wo die Entscheidungen gefallen sind, sondern dort, wo die Menschen kaum ausweichen können.

    Beim Arzt. Auf dem Rentenbescheid. Auf dem Steuerbescheid.

    Und täglich grüßt die „außergewöhnliche“ Steuer

    Auch Unternehmen dürfen selbstverständlich nicht fehlen.

    Die außergewöhnliche Zusatzabgabe auf Gewinne großer Unternehmen, ursprünglich für ein Jahr eingeführt und bereits 2026 verlängert, könnte nach derzeitigem Diskussionsstand auch 2027 fortgeführt werden. Rund 300 Unternehmen waren betroffen; für 2026 wurden daraus Einnahmen von etwa 7,3 Milliarden Euro erwartet.

    Das französische Wort exceptionnel besitzt in der Finanzpolitik ohnehin einen besonderen Charme.

    Außergewöhnliche Abgaben haben nämlich die faszinierende Eigenschaft, erstaunlich häufig wiederzukehren.

    Denn hat sich ein Staat erst an zusätzliche Milliarden gewöhnt, entwickelt er selten den spontanen Wunsch, künftig ohne sie auszukommen.

    Aus einer Krisensteuer wird eine Übergangslösung. Aus der Übergangslösung wird eine Verlängerung. Und irgendwann fragt niemand mehr, warum die Ausnahme eigentlich noch existiert.

    Unternehmen können Steuern allerdings ebenso wenig aus einem geheimnisvollen Tresor bezahlen wie der Staat seine Ausgaben aus einem Zauberbrunnen finanziert. Unternehmenssteuern treffen am Ende Eigentümer, Beschäftigte oder Kunden – über geringere Renditen, Investitionen, Löhne oder höhere Preise. Wie stark welcher Kanal wirkt, ist ökonomisch umstritten. Dass Belastungen aber nicht im luftleeren Raum verschwinden, sollte selbst in Paris keine revolutionäre Erkenntnis sein.

    3,46 Billionen Euro – und niemand war es

    Das wirklich Beunruhigende ist deshalb nicht irgendeine einzelne Sparmaßnahme.

    Es ist die politische Erzählung dahinter.

    Frankreichs Schuldenberg entstand nicht 2026.

    Auch nicht 2025.

    Er ist das Ergebnis jahrzehntelanger Entscheidungen, bei denen zusätzliche Ausgaben politisch meist angenehmer waren als Kürzungen, Reformen oder Prioritäten. Der Mechanismus funktioniert hervorragend: Die Vorteile neuer Programme sind sofort sichtbar, ihre Finanzierung lässt sich teilweise in die Zukunft verschieben.

    Die Rechnung kommt später.

    2025 erhöhte sich Frankreichs öffentliche Verschuldung allein um rund 154 Milliarden Euro. Gleichzeitig stiegen die öffentlichen Ausgaben trotz nachlassender Inflation nochmals um 2,5 Prozent. Fast 60 Prozent dieses Ausgabenanstiegs entfielen auf Sozialleistungen.

    Das bedeutet keineswegs, dass Sozialausgaben per se Verschwendung wären. Renten, Krankenversicherung, Arbeitslosenunterstützung und Familienleistungen erfüllen zentrale gesellschaftliche Funktionen.

    Aber ein Sozialstaat kann auf Dauer nur verteilen, was eine Volkswirtschaft erwirtschaftet.

    Diese geradezu beleidigend banale Wahrheit scheint im politischen Betrieb regelmäßig Überraschung auszulösen.

    Der Bürger als finanzieller Airbag der Republik

    Also beginnt das bekannte Spiel.

    Der Staat benötigt Geld.

    Der „wohlhabende“ Rentner soll verzichten.

    Der Patient soll mehr selbst bezahlen.

    Der Gutverdiener soll einen „solidarischen Beitrag“ leisten.

    Das Unternehmen bekommt eine „außergewöhnliche“ Steuer.

    Vielleicht wird noch irgendwo eine Steuervergünstigung gestrichen.

    Und jede Maßnahme für sich lässt sich begründen. Genau darin liegt die politische Kunst.

    Fünf Milliarden hier.

    Zwei Milliarden dort.

    Noch einmal 1,7 Milliarden bei Hilfen für besser gestellte Haushalte.

    Niemand nimmt angeblich besonders viel.

    Aber erstaunlicherweise haben am Ende sehr viele Menschen weniger.

    Das ist der Moment, in dem der Steuerzahler eine seiner wichtigsten Funktionen im modernen Staat entdeckt: Er ist der finanzielle Airbag der Politik.

    Wenn etwas schiefgeht, ist er dran.

    Sparen bedeutet in Paris häufig: jemand anderem weniger geben

    Dabei wäre die entscheidende Frage eine andere: Welche Aufgaben soll der Staat überhaupt übernehmen? Welche Programme funktionieren? Welche Subventionen haben ihren Zweck verloren? Wo existieren Doppelstrukturen? Welche Sozialleistungen sind langfristig finanzierbar? Welche Verwaltung kann vereinfacht werden?

    Das wären unangenehme Fragen.

    Denn echte Haushaltskonsolidierung bedeutet Prioritäten.

    Und Prioritäten bedeuten, einer Interessengruppe gelegentlich zu sagen: Nein.

    Es ist politisch wesentlich komfortabler, den Begriff „Sparen“ umzudefinieren.

    Wenn eine Rente weniger stark steigt, spart der Staat.

    Wenn ein Patient mehr bezahlt, spart der Staat.

    Wenn ein Steuerzahler mehr bezahlt, spart der Staat.

    Wenn ein Unternehmen eine Sonderabgabe entrichtet, spart der Staat.

    Ein bemerkenswertes Konzept von Sparsamkeit.

    Wenn eine Familie am Monatsende 500 Euro zu wenig hat und deshalb dem Nachbarn 500 Euro abnimmt, würde vermutlich niemand sagen: Diese Familie hat erfolgreich gespart.

    In der Haushaltspolitik klingt dieselbe Methode wesentlich würdevoller.

    Dort heißt sie Konsolidierung.

    Die eigentliche Gefahr liegt deshalb tiefer als in den einzelnen Maßnahmen für 2027. Ein Staat kann hohe Steuern erheben und einen großzügigen Sozialstaat finanzieren – sofern die Gesellschaft dieses Modell demokratisch will und bereit ist, dafür zu bezahlen. Er kann sich in Krisenzeiten auch verschulden. Problematisch wird es, wenn hohe Abgaben, hohe Ausgaben und dauerhaft hohe Defizite gleichzeitig zur Normalität werden.

    Dann wird Verschuldung zur stillen Steuer auf die Zukunft.

    Und irgendwann endet jede noch so komplizierte Haushaltsrechnung bei einer sehr einfachen Frage: Wer bezahlt?

    Die Antwort ist fast immer dieselbe.

    Nicht „der Staat“.

    Nicht „Bercy“.

    Nicht „Paris“.

    Sondern der Arbeitnehmer, dessen Nettolohn kleiner wird. Der Unternehmer, dessen Investitionsspielraum schrumpft. Der Rentner, dessen Kaufkraft sinkt. Der Patient, der mehr zuzahlen muss. Und die nächste Generation, die einen Schuldenberg übernimmt, bei dessen Entstehung sie nicht einmal gefragt wurde.

    Vielleicht wäre deshalb beim nächsten Sparpaket eine kleine sprachliche Reform angebracht.

    Statt zu verkünden, die Franzosen müssten „einen Beitrag zur Sanierung der Staatsfinanzen leisten“, könnte die Regierung schlicht sagen:

    Wir haben über sehr lange Zeit mehr ausgegeben, als wir eingenommen haben. Jetzt schicken wir Ihnen die Rechnung.

    Das wäre zumindest transparent.

    Und Transparenz kostet ausnahmsweise nichts.

    C. Hatty

  • Vom Davos-Hype in die Insolvenz: Hersteller von Macrons Sonnenbrillengläsern muss schließen

    Vom Davos-Hype in die Insolvenz: Hersteller von Macrons Sonnenbrillengläsern muss schließen

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  • Macrons Sonnenbrillen und das Rätsel vom „echten“ Made in France

    Macrons Sonnenbrillen und das Rätsel vom „echten“ Made in France

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  • Wenn der Öltank plötzlich zur Sicherheitsfrage wird – Warum im Département Vienne das Heizöl knapp wirkt

    Wenn der Öltank plötzlich zur Sicherheitsfrage wird – Warum im Département Vienne das Heizöl knapp wirkt

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