Schlagwort: Frankreich

  • Verhagelter Sommer: Frankreichs Werkstätten versinken in Reparaturaufträgen

    Verhagelter Sommer: Frankreichs Werkstätten versinken in Reparaturaufträgen

    Der Sommer brachte vielen Regionen Frankreichs nicht nur Hitze und Ferienlaune. Heftige Gewitter mit teils massivem Hagelschlag hinterließen auf Tausenden Fahrzeugen ihre Spuren – und bescherten Karosseriebetrieben und Autowerkstätten eine Auftragswelle, die noch Monate nachhallen dürfte.

    „Das bringt uns enorm viel Arbeit“, lautet der nüchterne Befund vieler Werkstattbetreiber. Hinter diesem Satz steckt ein Problem, das Autofahrer unmittelbar zu spüren bekommen: Die Terminkalender der Betriebe sind voll, Ersatzteile müssen organisiert und beschädigte Fahrzeuge zunächst von Versicherungen begutachtet werden.

    In besonders stark betroffenen Regionen müssen Autofahrer deshalb mitunter mehrere Monate auf einen freien Reparaturtermin warten.

    Die Schäden ähneln sich. Motorhauben und Fahrzeugdächer sehen nach schweren Hagelgewittern aus wie zerbeultes Blech aus der Werkstatt eines wenig talentierten Lehrlings. Kleine und größere Einschläge verteilen sich über die Karosserie, Scheiben zeigen Risse oder sind vollständig zerbrochen. Besonders begehrt sind deshalb Fachleute für die sogenannte lackschadenfreie Ausbeultechnik. Dabei drücken oder ziehen Spezialisten Dellen möglichst zurück, ohne anschließend ganze Fahrzeugteile neu lackieren zu müssen.

    Was früher vielerorts eher zum saisonalen Zusatzgeschäft gehörte, entwickelt sich für manche Betriebe zu einem beträchtlichen Teil ihrer Arbeit. Wiederkehrende Hagelereignisse treffen innerhalb kurzer Zeit zahlreiche Fahrzeuge gleichzeitig. Genau darin liegt die Herausforderung: Ein einzelnes beschädigtes Auto bringt eine Werkstatt nicht aus dem Takt. Hunderte Fahrzeuge aus derselben Region schon.

    Für Besitzer beginnt nach dem Unwetter deshalb häufig ein Geduldsspiel. Schaden fotografieren, Versicherung verständigen, Begutachtung abwarten, Werkstatttermin vereinbaren – und dann heißt es erst einmal: warten. Wie lange, hängt von der Region, dem Ausmaß der Schäden und der Auslastung des jeweiligen Betriebs ab. Während kleinere Reparaturen teilweise vergleichsweise rasch erledigt werden, liegen die verfügbaren Termine für umfangreichere Karosseriearbeiten in stark belasteten Werkstätten teils mehrere Monate in der Zukunft.

    Auch die Versicherer geraten unter Druck. Nach schweren Hagelzügen treffen innerhalb kürzester Zeit außergewöhnlich viele Schadenmeldungen ein. Jede davon muss erfasst, geprüft und je nach Fall durch einen Sachverständigen bewertet werden. Diese geballte Menge verlängert die Bearbeitungszeiten zusätzlich und wirkt sich wiederum auf die Werkstätten aus, die bei vielen Reparaturen zunächst auf Freigaben warten.

    Für die Branche besitzt die Entwicklung eine bemerkenswerte Kehrseite. Mehr Aufträge klingen zunächst nach guten Geschäften. Doch wenn Stellflächen vollstehen, Kunden täglich nach Terminen fragen und qualifiziertes Personal ohnehin knapp ist, verwandelt sich der vermeintliche Segen schnell in organisatorischen Dauerstress. Mehr Arbeit bedeutet eben nicht automatisch leichter verdientes Geld.

    Der Hagelsommer zeigt damit ziemlich handfest, wie extreme Wetterereignisse ganze Dienstleistungsketten beschäftigen. Vom beschädigten Autodach über den Gutachter bis zum Versicherungsbüro zieht sich eine lange Spur.

    Und während die letzte Gewitterwolke längst verschwunden ist, bleiben ihre Dellen noch monatelang sichtbar.

    Daniel Ivers

  • Kommentar: Und wieder zahlen die Schwächsten die Zeche

    Kommentar: Und wieder zahlen die Schwächsten die Zeche

    Man muss der französischen Politik eines lassen: Wenn irgendwo gespart werden soll, findet sie mit geradezu traumwandlerischer Sicherheit jene, die garantiert nicht auf die Barrikaden gehen. Diesmal sind es Kinder. Praktisch. Die haben weder Lobbyisten in Paris noch Vorstandsvorsitzende auf der Kurzwahltaste und verfassen gewöhnlich auch keine bösen Briefe an Ministerien. Sie sitzen einfach im Klassenzimmer. Bei 30, 35 oder noch mehr Grad. Und schwitzen. Noch vor wenigen Wochen, mitten in der Gluthitze, klang alles wunderbar entschlossen. Frankreich müsse seine Schulen an den Klimawandel anpassen. Rund 12.500 Einrichtungen sollten Unterstützung erhalten, zunächst besonders gefährdete Schulen. 56 Millionen Euro standen dafür bereit. Nun sind daraus 16 Millionen geworden. 40 Millionen Euro weg. Rund 71 Prozent der vorgesehenen Summe. Zack. Aber selbstverständlich, so heißt es aus dem Bildungsministerium, gebe es „keine Verringerung der Ambitionen“. Herrlich. Diesen Satz sollte man sich e…

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  • Sachsen-Anhalt und Europas neue Rechte: Nicht die Parteien allein haben sich verändert

    Sachsen-Anhalt und Europas neue Rechte: Nicht die Parteien allein haben sich verändert

    Editorial Es gibt Wahlergebnisse, die eine Regierung bestrafen, und solche, die das Parteiensystem verändern. Das Resultat der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt vom 6. September gehört zur zweiten Kategorie. Mit 43,8 Prozent hat die AfD nicht bloss gewonnen. Sie hat die CDU, die auf 17,2 Prozent abstürzte, politisch deklassiert. Gegenüber 2021 hat die AfD ihren Stimmenanteil mehr als verdoppelt. Zugleich stieg die Wahlbeteiligung auf den Rekordwert von 77,8 Prozent. Damit verliert eine bequeme Erklärung ihre Überzeugungskraft: dass der Aufstieg der radikalen Rechten vor allem das Werk einer lautstarken, politisch entfremdeten Minderheit sei. Wenn beinahe 44 Prozent der Wähler für eine Partei stimmen, deren Landesverband vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wird, und dies bei aussergewöhnlich hoher Beteiligung, ist der Begriff «Protestwahl» allein zu klein geworden. «Quelque chose a changé au sein de la société européenne» – etwas hat sich innerhalb der europä…

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  • Jordan Bardella in der Übersetzungsfalle? Was das Abkommen mit Nigel Farage wirklich offenlegt

    Jordan Bardella in der Übersetzungsfalle? Was das Abkommen mit Nigel Farage wirklich offenlegt

    Es sollte ein demonstratives Zeichen politischer Handlungsfähigkeit werden. Stattdessen hat ein in Birmingham unterzeichnetes Abkommen zwischen Jordan Bardella und Nigel Farage in Frankreich eine Debatte ausgelöst, die weit über die Migrationspolitik hinausreicht. Im Zentrum steht eine scheinbar einfache Frage: Hat der Präsident des Rassemblement national verstanden, welchem Mechanismus er mit seiner Unterschrift zustimmte? Oder liegt ein Teil des Konflikts tatsächlich in der Übersetzung eines englischen Textes, dessen politische Bedeutung auf beiden Seiten des Ärmelkanals bemerkenswert unterschiedlich dargestellt wird? Die Kontroverse zeigt, wie schwierig internationale Allianzen für Parteien werden können, deren politisches Selbstverständnis gerade auf der Verteidigung nationaler Interessen beruht. Denn während Farage das Abkommen als britischen Durchbruch feiert, muss Bardella in Frankreich erklären, weshalb sein souveränistischer Rassemblement national bereit wäre, Migranten zurück…

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  • Endlich gute Nachrichten: In Béthune tanzt man einfach den ganzen Wahnsinn weg

    Endlich gute Nachrichten: In Béthune tanzt man einfach den ganzen Wahnsinn weg

    Man möchte es kaum glauben, aber dieses Wochenende brachte tatsächlich eine Nachricht hervor, bei der man weder die Stirn in Sorgenfalten legen noch vorsorglich den Blutdruck messen muss. Keine politische Krise, kein diplomatischer Krach, keine Katastrophe, keine neue gesellschaftliche Großbaustelle mit eingebautem Empörungsgenerator. Stattdessen: Menschen tanzen.

    Einfach so.

    In Béthune im Norden Frankreichs haben sie nämlich beschlossen, dass die Gegenwart für ein Wochenende auch einmal draußen bleiben darf. Und wer wollte es ihnen verdenken? Während anderswo die Welt mit bemerkenswerter Ausdauer versucht, sich selbst schlechte Laune zu machen, schlüpft man dort in gepunktete Kleider, zieht den Petticoat zurecht, pomadisiert die Haartolle und tanzt Rock’n’Roll.

    Herrlich.

    Beim Festival Béthune Rétro verwandelt sich das Zentrum der Stadt in eine Zeitmaschine auf zwei Beinen. Kaum erklingen auf der Grand-Place die ersten Takte, wirbeln Röcke durch die Luft. Bunte Unterröcke blitzen hervor, Männer tragen hoch sitzende Hosen, zweifarbige Schuhe und Frisuren, die vermutlich selbst einem mittelschweren Atlantiksturm standhalten würden.

    Plötzlich befinden wir uns irgendwo zwischen Elvis Presley, Bill Haley und den frühen Sechzigern.

    Und wissen Sie was? Dort lässt es sich gerade ganz gut aushalten.

    Jedes Jahr macht Béthune aus seinem Zentrum für ein Wochenende eine riesige Vintage-Kulisse. Kostenlose Konzerte, amerikanische Straßenkreuzer, Retro-Märkte, Eleganzwettbewerbe und Tausende Menschen gehören dazu. Vor allem aber wird getanzt. Rock im Sechserschritt, Boogie-Woogie, Swing und Madison – bis die Sohlen vermutlich um Gnade winseln.

    „Ça donne le swing!“, ruft ein Zuschauer.

    Das bringt Schwung!

    Man möchte ihm spontan die Hand schütteln.

    Denn dieser Satz klingt nach einem Wochenende voller düsterer Schlagzeilen beinahe revolutionär. Vielleicht brauchen wir tatsächlich nicht jeden Sonntagmorgen noch eine zusätzliche Expertenrunde darüber, weshalb die Welt spätestens am Dienstag untergeht. Vielleicht brauchen wir gelegentlich einen Kontrabass, ein Saxofon und zwei Menschen, die sich beim Tanzen anschauen, statt gleichzeitig auf drei Displays.

    Was für ein geradezu subversiver Gedanke.

    Besonders schön: In Béthune geht es offenbar nicht darum, wer am höchsten springt, am elegantesten dreht oder den vollkommensten Boogie hinlegt. Anfänger mischen sich unter erfahrene Tänzer, Familien unter eingefleischte Retro-Fans. Besucher reisen aus Belgien, Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien an. Manche arbeiten monatelang an ihren Kleidern.

    Monatelang!

    Andere Menschen verbringen ähnlich viel Zeit damit, sich in sozialen Netzwerken mit wildfremden Leuten darüber zu streiten, ob irgendein Satz irgendeines Politikers nun empörend, skandalös oder lediglich mittelschwer unerträglich gewesen sei.

    Da erscheint das Nähen eines Petticoats plötzlich wie eine ausgesprochen vernünftige Lebensentscheidung.

    Das Ganze reicht ohnehin weit über Nostalgie hinaus. Vereine wie Rock’n Friends pflegen diese Tanzkultur das ganze Jahr. Dort lernen Menschen nicht bloß Schritte und Figuren. Sie reichen ein Stück populärer Kultur weiter – von einer Generation zur nächsten. Musik, Kleidung, Bewegungen, Umgangsformen und diese eigentümliche Freude daran, gemeinsam etwas völlig Zweckfreies zu tun.

    Zweckfrei!

    Auch so ein fast vergessenes Wort.

    Nicht optimiert. Nicht monetarisiert. Nicht strategisch positioniert. Kein Mensch muss beim Boogie-Woogie seine persönliche Reichweite steigern oder ein Quartalsziel erreichen. Niemand verlangt nach einem Businessplan für den nächsten Hüftschwung.

    Man tanzt, weil Tanzen Spaß macht.

    Krass, oder?

    Während des Festivals spielt die ganze Stadt mit. Schaufenster verwandeln sich in kleine Zeitkapseln, aus Cafés tönt Rockabilly, und durch die Straßen rollen alte Harley-Davidsons und chromblitzende Cadillacs. Pin-ups begegnen Lederjackenträgern, Vintage-Barbieren und Tänzern, die spontan auf der Straße loslegen.

    Mehr als vierzig kostenlose Konzerte auf mehreren Bühnen liefern dazu den Soundtrack aus Rock’n’Roll, Rhythm and Blues und Swing.

    Für drei Tage scheint das 21. Jahrhundert Hausverbot zu besitzen.

    Natürlich sollte niemand die fünfziger Jahre verklären. Historische Nostalgie besitzt ihre Tücken. Gesellschaftlich war diese Epoche keineswegs jenes pastellfarbene Paradies, das alte Cadillacs und Petticoats heute manchmal suggerieren. Doch darum geht es in Béthune auch gar nicht.

    Niemand möchte ernsthaft die Zeit zurückdrehen.

    Die Menschen holen vielmehr etwas zurück, das uns in der rasenden digitalen Gegenwart erstaunlich leicht zwischen den Fingern zerrinnt: unmittelbare Begegnung.

    Ein Mensch nimmt die Hand eines anderen Menschen. Musik beginnt. Zwei Körper finden denselben Rhythmus.

    Mehr braucht es plötzlich nicht.

    Keinen Algorithmus.

    Kein Passwort.

    Keine Push-Nachricht.

    Nicht einmal WLAN.

    Vielleicht berührt Béthune Rétro deshalb so sehr. Weil dieses Festival daran erinnert, dass Lebensfreude weder kompliziert noch besonders modern sein muss. Manchmal reichen Musik, ein öffentlicher Platz und Menschen, die keine Angst davor besitzen, sich ein bisschen zum Affen zu machen.

    Und nach einem Wochenende, an dem die Nachrichtenlage vielerorts wieder genügend Stoff geliefert hat, um selbst Berufsoptimisten unter die Bettdecke zu treiben, wirkt diese kleine französische Zeitreise beinahe wie Medizin.

    Keine, die Probleme löst.

    Aber eine, die daran erinnert, weshalb es sich lohnt, sie zu lösen.

    Wenn am Abend die letzten Akkorde verklingen, bleiben manche Tänzer noch ein paar Minuten auf der Fläche. Fast so, als wollten ihre Füße nicht akzeptieren, dass Montag irgendwann wieder die Gegenwart beginnt.

    Man versteht sie.

    Vielleicht liegt darin sogar die schönste Nachricht dieses Wochenendes: Trotz allem tanzen Menschen noch. Sie lachen, drehen sich im Kreis, tragen absurde Frisuren, polieren alte Cadillacs und fahren Hunderte Kilometer, um gemeinsam Rock’n’Roll zu hören.

    Die Welt ist kompliziert genug.

    In Béthune antwortet man darauf mit Swing.

    Und ganz unter uns: Es gibt schlechtere Antworten.

    Von C. Hatty

  • Frankreichs schwarzer Herbst: Die Rechnung für Jahre des Aufschubs kommt näher

    Frankreichs schwarzer Herbst: Die Rechnung für Jahre des Aufschubs kommt näher

    Frankreich kehrt aus den Sommerferien zurück, doch von einem wirtschaftlichen Neubeginn kann keine Rede sein. Die «rentrée» des Jahres 2026 steht vielmehr im Zeichen einer ungewöhnlichen Häufung schlechter Nachrichten. Die Wirtschaft wächst praktisch nicht mehr, die Arbeitslosigkeit steigt, die Inflation zieht wieder an, die Kaufkraft sinkt. Gleichzeitig werden die Spielräume des Staates immer enger. Hinzu kommen die Folgen eines aussergewöhnlich heissen und trockenen Sommers, der vor allem die Landwirtschaft schwer getroffen hat.

    Von einer tiefen Rezession kann noch keine Rede sein. Gerade darin liegt jedoch das Problem. Frankreich befindet sich nicht in einem spektakulären Absturz, sondern in einer schleichenden wirtschaftlichen Erosion. Das macht die politische Reaktion schwieriger: Für ein grosses Krisenprogramm fehlt der Anlass – und für ein solches Programm fehlt ohnehin das Geld.

    Wachstum ohne Wachstum

    Die jüngsten Zahlen des Statistikamtes Insee zeichnen ein ernüchterndes Bild. Nach der Revision der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung schrumpfte das reale Bruttoinlandprodukt im ersten Quartal 2026 um 0,2 Prozent. Im zweiten Quartal stagnierte es. Damit beträgt der statistische Wachstumsüberhang für das Gesamtjahr gerade einmal 0,3 Prozent.

    Besonders aufschlussreich ist die Zusammensetzung dieser Stagnation. Der Konsum der privaten Haushalte erholte sich im zweiten Quartal zwar um 0,3 Prozent. Doch die Investitionen gingen erneut zurück. Die Bruttoanlageinvestitionen sanken um 0,3 Prozent, nachdem sie bereits im ersten Quartal um 0,8 Prozent gefallen waren. Das ist für die mittelfristigen Aussichten bedeutsamer als eine einzelne schwache BIP-Zahl. Wenn Unternehmen und Haushalte Investitionen verschieben, wird aus konjunktureller Unsicherheit allmählich strukturelle Schwäche.

    Die Banque de France hatte ihre Wachstumsprognose für 2026 bereits im Juni auf lediglich 0,5 Prozent reduziert. Die Regierung hält bislang an einer etwas günstigeren Erwartung von 0,7 Prozent fest. Beide Zahlen liegen weit entfernt von einer Dynamik, die ausreichen würde, Frankreichs fiskalische und soziale Probleme durch Wachstum zu entschärfen.

    Allerdings gibt es auch Gegenindikatoren. Das Geschäftsklima hat sich im Sommer etwas aufgehellt. Der entsprechende Insee-Index stieg im August auf 98 Punkte und näherte sich damit seinem langfristigen Durchschnitt. Das OFCE schätzte Anfang September das Wachstum im dritten Quartal in seinem Echtzeitmodell sogar auf rund 0,36 Prozent. Frankreich steht deshalb nicht zwangsläufig vor einer Rezession. Es steht vielmehr auf einer konjunkturellen Gratwanderung.

    Der Arbeitsmarkt verliert seinen Glanz

    Lange Zeit gehörte der Arbeitsmarkt zu den besseren Teilen der französischen Wirtschaftsbilanz. Diese Entwicklung beginnt sich umzukehren.

    Im zweiten Quartal stieg die Arbeitslosenquote auf 8,3 Prozent. Das waren 0,2 Prozentpunkte mehr als drei Monate zuvor und 0,7 Punkte mehr als ein Jahr zuvor. Rund 2,7 Millionen Menschen waren nach der Definition der Internationalen Arbeitsorganisation arbeitslos. Die Quote erreichte damit den höchsten Stand seit der Pandemie beziehungsweise – lässt man deren Sonderbedingungen ausser Betracht – seit 2019.

    Auch die Beschäftigungszahlen geben wenig Anlass zur Beruhigung. Die Zahl der abhängig Beschäftigten sank im zweiten Quartal um rund 23 500. Im privaten Sektor lag die Beschäftigung bereits das sechste Quartal hintereinander unter ihrem jeweiligen Vorjahresniveau.

    Noch ist das keine Beschäftigungskrise. Gegenüber Ende 2019 gibt es weiterhin deutlich mehr Arbeitsplätze. Doch für die öffentlichen Finanzen ist die Richtung entscheidend. Eine stagnierende Wirtschaft bei gleichzeitig steigender Arbeitslosigkeit bedeutet weniger Steuereinnahmen und Sozialbeiträge sowie höhere Sozialausgaben. Genau diese Kombination kann sich Frankreich derzeit besonders schlecht leisten.

    Die Inflation meldet sich zurück

    Auch an der Preisfront ist die Entwarnung vertagt. Nachdem die Inflation im Juni noch 1,8 Prozent betragen hatte, stieg sie im Juli auf 2,1 Prozent. Für August schätzte Insee die Teuerung vorläufig auf 2,4 Prozent.

    Treiber sind erneut vor allem die Energiepreise. Im Juli lagen sie 12,6 Prozent über dem Vorjahresniveau. Damit kehrt ein Mechanismus zurück, den Europa seit 2022 gut kennt: Energie verteuert nicht nur Strom, Treibstoff und Heizung unmittelbar, sondern wirkt mit Verzögerung auf Transport, Landwirtschaft und industrielle Produktion.

    Für Frankreich ist dies politisch besonders heikel. Die Kaufkraft pro Konsumeinheit sank bereits im zweiten Quartal um 0,6 Prozent. Eine erneute Beschleunigung der Inflation trifft damit auf Haushalte, deren finanzielle Lage sich schon zuvor verschlechtert hatte.

    Der Staat könnte versuchen gegenzusteuern. Doch anders als während der Energiekrise von 2022 und 2023 ist die fiskalische Ausgangslage heute erheblich unbequemer.

    Der gefährlichste Engpass liegt im Staatshaushalt

    Hier liegt der Kern der französischen Malaise. Frankreich könnte eine Phase schwachen Wachstums normalerweise mit einer expansiveren Fiskalpolitik abfedern. Doch die hohe Staatsverschuldung und das chronische Defizit haben diesen Spielraum weitgehend aufgezehrt.

    Die Regierung hatte für 2026 eine Verringerung des öffentlichen Defizits auf rund 5 Prozent des Bruttoinlandprodukts vorgesehen. Schon im Sommer räumte das Wirtschaftsministerium ein, dass dieses Ziel wegen der schwächeren Konjunktur und der Energiekrise schwieriger zu erreichen sei. Zusätzliche Einsparungen wurden angekündigt.

    Damit gerät Paris in ein klassisches Dilemma. Spart der Staat stärker, schwächt er kurzfristig eine ohnehin fragile Nachfrage. Spart er nicht, verschlechtert sich die Glaubwürdigkeit der französischen Finanzpolitik weiter.

    Dieses Problem ist nicht neu. Frankreich hat über Jahrzehnte einen grossen Sozialstaat, hohe öffentliche Ausgaben und eine ausgeprägte Bereitschaft zur staatlichen Stabilisierung miteinander verbunden. Dieses Modell funktioniert vergleichsweise komfortabel, solange Wachstum, niedrige Zinsen und die Glaubwürdigkeit der gemeinsamen europäischen Währung genügend finanziellen Spielraum schaffen. In einer Welt höherer Finanzierungskosten wird dieselbe Konstruktion erheblich anspruchsvoller.

    Die eigentliche Gefahr besteht deshalb weniger in einem einzelnen schwachen Quartal als in der Kombination von geringem Trendwachstum und dauerhaft hohen Staatsausgaben. Konjunkturelle Schwäche wird unter diesen Bedingungen rasch zu einem fiskalischen Problem.

    Dann kam der Sommer

    Als wären die klassischen konjunkturellen Schwierigkeiten nicht genug, hat der Sommer 2026 Frankreich mit aussergewöhnlicher Hitze und Trockenheit getroffen.

    Nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums lag die landesweite Durchschnittstemperatur im Juli bei 24,9 Grad und damit über den historischen Extremwerten der Sommer 2003 und 1976. Rund 65 Prozent des Landes waren von aussergewöhnlicher Trockenheit betroffen. In 95 Départements galten zeitweise Einschränkungen beim Wasserverbrauch; 79 erreichten auf dem Höhepunkt des Sommers die höchste Krisenstufe.

    In zahlreichen Regionen wurden Ertragseinbussen von durchschnittlich rund 50 Prozent gemeldet. Auch die Futtervorräte vieler landwirtschaftlicher Betriebe brachen ein. Anfang September stellte die Regierung deshalb mehr als eine Milliarde Euro zur Stabilisierung der Landwirtschaft und zur Wiederaufnahme der Produktion bereit.

    Die gesamtwirtschaftlichen Folgen bleiben gegenüber der Grösse der französischen Volkswirtschaft begrenzt, sind aber keineswegs bedeutungslos. Das Finanzministerium geht vorläufig davon aus, dass Hitze und Dürre das Jahreswachstum um etwa 0,1 Prozentpunkte drücken könnten. In einem Jahr mit ohnehin kaum vorhandenem Wachstum ist ein Zehntelpunkt keine statistische Fussnote.

    Der Sommer 2026 macht zudem sichtbar, dass Klimarisiken zunehmend zu makroökonomischen Risiken werden. Landwirtschaft, Energieversorgung, Tourismus, Infrastruktur und Arbeitsproduktivität reagieren unmittelbar auf extreme Temperaturen. Was früher vor allem als umweltpolitische Frage behandelt wurde, gehört inzwischen zur Wirtschafts- und Finanzpolitik.

    Europas Schwäche verstärkt Frankreichs Problem

    Frankreich kann zudem kaum auf einen kräftigen europäischen Aufschwung hoffen. Die französische Wirtschaft ist eng mit den übrigen EU-Staaten verflochten. Schwache Investitionen und geringe Nachfrage bei wichtigen Handelspartnern begrenzen daher auch die französischen Exportchancen.

    Hinzu kommen geopolitische Risiken und volatile Energiepreise. Frankreich besitzt dank seiner Kernenergie zwar eine andere Energiestruktur als Deutschland oder Italien. Gegen steigende Ölpreise und deren Auswirkungen auf Verkehr, Landwirtschaft, Chemie und Logistik schützt aber auch der französische Reaktorpark nicht.

    Die internationale Unsicherheit trifft damit auf eine Volkswirtschaft, deren interne Wachstumskräfte bereits schwach sind.

    Frankreichs «rentrée noire» ist deshalb weniger der Beginn einer dramatischen Rezession als ein Warnsignal. Noch gibt es genügend stabilisierende Faktoren: Die Unternehmen beurteilen ihre Lage inzwischen etwas besser, der Konsum ist nicht eingebrochen, und ein moderates Wachstum im dritten Quartal bleibt möglich.

    Doch die französische Wirtschaft hat ihre Sicherheitsmarge weitgehend verloren. Ein Wachstum von einem halben oder vielleicht sieben Zehntel Prozent reicht kaum aus, um gleichzeitig den Arbeitsmarkt zu stabilisieren, die Kaufkraft zu stärken, die ökologische Transformation zu finanzieren und das Haushaltsdefizit deutlich zu senken.

    Genau darin liegt die politische Brisanz dieses Herbstes. Frankreich muss seine öffentlichen Finanzen konsolidieren, ohne die Konjunktur abzuwürgen; investieren, ohne die Verschuldung weiter ausufern zu lassen; und seine Wettbewerbsfähigkeit erhöhen, ohne den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu gefährden. Keine dieser Aufgaben ist neu. Neu ist, dass sie nun gleichzeitig dringlich werden.

    Die schwarze «rentrée» des Jahres 2026 könnte deshalb rückblickend weniger als Beginn einer Rezession erscheinen denn als Moment, in dem Frankreich erkennen musste, dass sich wirtschaftspolitische Zielkonflikte nicht unbegrenzt durch zusätzliche Staatsausgaben vertagen lassen.

    Andreas M. Brucker

  • Muscheln, Pommes und Politik: Präsidentschaftsstimmung auf der Braderie von Lille

    Muscheln, Pommes und Politik: Präsidentschaftsstimmung auf der Braderie von Lille

    Zwischen Trödelständen, Bergen von Miesmuscheln und dicht gedrängten Besuchern hat am Wochenende in Lille auch der französische Präsidentschaftswahlkampf Fahrt aufgenommen. Gabriel Attal, Marine Tondelier und Jean-Luc Mélenchon nutzten die berühmte Braderie, um sich für 2027 in Szene zu setzen. Ihre Auftritte zeigten zugleich, wie unterschiedlich die Strategien im Kampf um den Élysée-Palast – und gegen den Rassemblement National – ausfallen. Eigentlich geht es bei der Braderie de Lille um alte Möbel, Bücher, Geschirr und Kuriositäten – und selbstverständlich um Moules-frites. Doch gut ein halbes Jahr vor der französischen Präsidentschaftswahl 2027 kann es sich die politische Klasse kaum leisten, eine der größten Menschenansammlungen Frankreichs zu ignorieren. Rund zwei Millionen Besucher wurden am Wochenende des 5. und 6. September erwartet. Die Braderie erstreckt sich über weite Teile des Zentrums von Lille; offizielle Angaben sprechen von 51 Kilometern Verkaufsständen und zuletzt meh…

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  • Nach dem AfD-Triumph warnt Bruno Le Maire vor einer Gefahr für Europa

    Nach dem AfD-Triumph warnt Bruno Le Maire vor einer Gefahr für Europa

    Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat die politischen Kräfteverhältnisse in Deutschland auf eine Weise verschoben, die weit über Magdeburg hinaus Beachtung findet. Mit 43,8 Prozent der Zweitstimmen hat die AfD ihr Ergebnis von 2021 mehr als verdoppelt und die bislang regierende CDU weit hinter sich gelassen. In Frankreich reagiert der frühere Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Le Maire mit ungewöhnlich scharfen Worten: Er bezeichnet die AfD als «offen neonazistische Partei» und sieht in ihrem Aufstieg eine Gefahr für Deutschland und Europa. Die Wortwahl ist eine politische Charakterisierung – keine juristische Einstufung. Doch sie zeigt, wie sehr die Entwicklung in Ostdeutschland inzwischen als europäische Frage wahrgenommen wird. Ein Wahlergebnis von historischer Dimension Das vorläufige amtliche Endergebnis lässt wenig Raum für Relativierungen. Die AfD erreicht 43,8 Prozent der Zweitstimmen und gewinnt gegenüber 2021 genau 23 Prozentpunkte hinzu. Die CDU fällt von 37,1 auf 17,2 P…

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  • Kommentar: Erst retten wir den Planeten, dann klären wir die Kandidatur

    Kommentar: Erst retten wir den Planeten, dann klären wir die Kandidatur

    Frankreich steht vor gewaltigen Problemen. Der Staat ist hoch verschuldet, die politische Landschaft fragmentiert, die extreme Rechte wartet auf ihre historische Gelegenheit, die Industrie kämpft mit hohen Kosten und internationaler Konkurrenz, und der Klimawandel macht sich nicht mehr die Mühe, seine Existenz nur in wissenschaftlichen Modellrechnungen kundzutun. In dieser Lage hat Olivier Faure eine Nachricht von geradezu welthistorischer Tragweite: «L’heure du socialisme écologique a sonné.» Die Stunde des ökologischen Sozialismus hat geschlagen. Das klingt nach Jean Jaurès, nur mit Wärmepumpe. Und weil Frankreich das Land der großen politischen Begriffe ist, genügt es natürlich nicht zu sagen, dass Klimaschutz sozial verträglich sein müsse. Daraus muss eine Doktrin werden, eine historische Synthese, ein neues Kapitel der Linken. Der «socialisme écologique» ist da. Nun braucht man nur noch Wähler. Die große Entdeckung des Olivier Faure Die Grundidee ist bestechend: Ökologie und sozia…

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  • Acht Jahre Haft nach der Pilgerreise: Der Fall Amr Abdelfattah belastet Frankreichs Verhältnis zu Saudi-Arabien

    Acht Jahre Haft nach der Pilgerreise: Der Fall Amr Abdelfattah belastet Frankreichs Verhältnis zu Saudi-Arabien

    Die Inhaftierung des französisch-ägyptischen Forschers Amr Abdelfattah entwickelt sich in Frankreich zu einem politisch und diplomatisch heiklen Fall. Der 41-jährige Telekommunikationsingenieur und Forscher, der seit 2009 in Frankreich lebt und Vater von drei Kindern ist, sitzt seit mehr als zwei Jahren in Saudi-Arabien in Haft. Ende August wurde bekannt, dass ein saudisches Gericht ihn nach übereinstimmenden Medienberichten zu acht Jahren Gefängnis verurteilt haben soll.

    Von einer Pilgerreise ins Hochsicherheitsgefängnis

    Abdelfattah war im Juni 2024 gemeinsam mit seiner Frau zur Hadsch nach Mekka gereist. Nach Recherchen von «Le Monde» verfügte das Paar aufgrund eines mutmasslichen Betrugs durch einen Vermittler nicht über die erforderliche Genehmigung für den Zugang zu den heiligen Stätten. Am 16. Juni wurde Abdelfattah nach einer Polizeikontrolle festgenommen und kurz darauf in das Zentralgefängnis Dhahban bei Dschidda gebracht.

    Was zunächst wie ein Vergehen gegen die saudischen Pilgervorschriften erschien, entwickelte sich zu einem wesentlich schwerwiegenderen Verfahren. Ihm wurden unter anderem respektloses Verhalten gegenüber einem Polizisten sowie regierungskritische Äusserungen vorgeworfen. Später kamen Anschuldigungen hinzu, die unter die saudische Antiterrorgesetzgebung fallen. Abdelfattah weist die Vorwürfe zurück.

    Das Verfahren fand vor dem auf Staatsschutz- und Terrorismusfälle spezialisierten Strafgericht statt. Menschenrechtsorganisationen kritisieren, dass Abdelfattah zeitweise keinen ausreichenden Zugang zu einem Rechtsbeistand gehabt habe. Auch französische Konsularvertreter sollen von Gerichtsverhandlungen ausgeschlossen worden sein.

    Schwere Vorwürfe aus dem Gefängnis

    Besonders brisant sind die Berichte über seine Haftbedingungen. Abdelfattah beschreibt seine Situation als «totale Hölle». Nach Angaben seiner Familie, seiner Anwältin und von Menschenrechtsorganisationen soll er wiederholt geschlagen, isoliert und psychisch unter Druck gesetzt worden sein.

    Amnesty International berichtet unter anderem von einem Vorfall im Dezember 2024, bei dem Abdelfattah nach Schlägen das Bewusstsein verloren habe und in ein Krankenhaus gebracht worden sei. «Le Monde» berichtete zudem, französische Konsularvertreter hätten bei Besuchen Spuren von Misshandlungen wahrgenommen. Eine unabhängige Untersuchung der Vorwürfe liegt bislang nicht vor.

    Der Fall berührt damit einen neuralgischen Punkt der französisch-saudischen Beziehungen. Paris unterhält enge wirtschaftliche, strategische und sicherheitspolitische Beziehungen zu Riad, muss zugleich aber den Schutz eines französischen Staatsbürgers einfordern. Für die französische Diplomatie entsteht daraus ein klassisches Dilemma: Menschenrechte und konsularischer Schutz treffen auf erhebliche geopolitische Interessen.

    Der Fall Abdelfattah reicht deshalb über das Schicksal eines einzelnen Gefangenen hinaus. Er wirft erneut die Frage auf, wie belastbar rechtsstaatliche Garantien in Saudi-Arabien sind – und welchen politischen Preis europäische Regierungen bereit sind zu zahlen, wenn eigene Staatsbürger betroffen sind.

    Daniel Ivers