Schlagwort: Fiskalpolitik

  • Frankreichs Schuldenuhr tickt schneller: Warum die 3,4 Billionen Euro kein abstrakter Wert mehr sind

    Frankreichs Schuldenuhr tickt schneller: Warum die 3,4 Billionen Euro kein abstrakter Wert mehr sind

    Frankreich steht erneut am Pranger der Finanzzahlen. Ende Juni 2025 wies das Land nach offiziellen Daten des Insee eine öffentliche Verschuldung von 3.416,3 Milliarden Euro aus. Binnen drei Monaten ist der Schuldenberg um weitere 70,9 Milliarden angewachsen. Das sind Zahlen, die nüchtern auf einem Papier stehen, aber in Wahrheit wirken sie wie ein dröhnender Gong im politischen und wirtschaftlichen Alltag des Landes. Denn 115,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts — so hoch ist die Verschuldung inzwischen — bedeuten mehr als nur Statistik. Sie bedeuten Spielräume, die enger werden.

    Schuldenzuwachs: mehr als ein Rechentrick Man könnte versucht sein, über die Nachkommastellen zu streiten: 70,9 Milliarden mehr, nicht exakt 71. Doch am Ende bleibt der Befund derselbe. Frankreich schafft es nicht, seinen Schuldenstand zu stabilisieren. Selbst die Tatsache, dass die Nettoverschuldung „nur“ um 55,5 Milliarden kletterte, weil die Staatskassen kurzfristig mit Liquidität gefüllt wurden, ändert nic…

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  • Kommentar: Endlich bewegt sich was – weiter so, Herr Lecornu!

    Kommentar: Endlich bewegt sich was – weiter so, Herr Lecornu!

    Manchmal braucht es den Druck der Straße und die Wut einer ganzen Gesellschaft, bis eine Regierung endlich handelt. Frankreich hat lange zugesehen, wie sich an der Spitze eine Parallelwelt herausbildet: Milliardäre, die durch komplexe Konstrukte ihre Steuerlast minimieren, während die Mittelschicht immer neue Belastungen schultern muss. Nun kündigt Premierminister Sébastien Lecornu – einer der engsten Vertrauten Macrons und nun in der Haushaltsfrage zum zentralen Akteur avanciert – an, dass die Reichsten tatsächlich stärker in die Pflicht genommen werden sollen. Endlich!

    Es ist höchste Zeit, dass jemand erkennt, dass der soziale Frieden nicht auf Dauer gewährleistet werden kann, wenn 1.800 Steuerhaushalte mit gigantischen Vermögen fast nach Belieben ihre Abgaben steuern, während Millionen Franzosen jeden Cent zweimal umdrehen. Die Taxe Zucman mag in ihrer rohen Form handwerklich angreifbar sein – aber sie hat eines geschafft: Sie hat das Tabu gebrochen, über die systematische Unterbesteuerung der Ultrareichen zu sprechen.

    Natürlich, die üblichen Warnungen hallen wieder durch die Chefetagen: „Standortgefährdung“, „Exil der Talente“, „Investitionshemmnis“. Man kennt das Mantra. Es wird so lange wiederholt, bis man es fast glaubt. Aber Hand aufs Herz: Wer will uns wirklich weismachen, dass Bernard Arnault oder die Familien Mulliez, Dassault oder Bettencourt ihr Imperium einfach ins Ausland verlagern würden? Frankreich ist ihr Markt, ihre Basis, ihr Symbol, ihre Heimat. Die Drohung mit der Kofferpackerei ist nicht mehr als ein rhetorisches Erpressungsinstrument – durchsichtig und unverschämt.

    Die Wahrheit ist: Eine Gesellschaft, die sich selbst noch ernst nehmen will, braucht einen fairen Lastenausgleich. Und fair heißt eben nicht, dass Krankenschwestern, Lehrer und kleine Selbständige immer mehr abführen, während Superreiche sich hinter Holdings verstecken. Wenn Lecornu und Macron nun tatsächlich ein Modell entwickeln, das Dividenden aus diesen Konstrukten konsequent mit mindestens 20 Prozent belegt, wäre das ein Signal der Gerechtigkeit – und ein längst überfälliger Schlag gegen die organisierte Steuervermeidung.

    Wird es reichen? Nein, noch nicht. Aber es wäre ein Anfang. Ein Anfang, der zeigt: Die Politik kann, wenn sie will, aus der Komfortzone der Reichenfreundlichkeit ausbrechen. Ein Anfang, der beweist: Wir sind nicht ohnmächtig gegenüber einer Handvoll Milliardäre. Ein Anfang, der Mut macht.

    Darum: Weiter so, Herr Lecornu! Lassen Sie sich nicht einschüchtern – weder von Wirtschaftslobbys noch von jenen politischen Kräften, die reflexhaft jeden Schutzwall für das große Geld hochziehen. Die Mehrheit der Bürger steht hinter Ihnen. Was jetzt zählt, ist Durchhaltevermögen – und der Wille, endlich eine Wende hin zu mehr sozialer Gerechtigkeit einzuleiten.

    Ein Kommentar von MAB

  • Macron und Lecornu zwischen fiskalischem Pragmatismus und politischem Druck

    Macron und Lecornu zwischen fiskalischem Pragmatismus und politischem Druck

    Die Debatte um die sogenannte Taxe Zucman hat Frankreichs Regierung in eine heikle Lage gebracht. Einerseits drängt die öffentliche Meinung darauf, dass die Wohlhabendsten stärker zur Finanzierung des Staates beitragen. Andererseits fürchtet der Élysée, ein schlecht konstruiertes Instrument könnte Investitionen hemmen, Kapital ins Ausland treiben und juristisch anfechtbar sein. Im anstehenden Haushaltsgesetz dürfte daher zwar eine stärkere Belastung der Reichsten verankert werden – allerdings nicht in der von Gabriel Zucman vorgeschlagenen Form.

    Ursprung und Idee der Taxe Zucman Der Ökonom Gabriel Zucman, international bekannt für seine Studien über Steuervermeidung, schlug einen Mindeststeuersatz von 2 Prozent jährlich auf Vermögen oberhalb von 100 Millionen Euro vor. Ziel ist es, sicherzustellen, dass selbst jene, die über komplexe Konstruktionen oder niedrige Einkünfte aus tatsächlicher Arbeit kaum Einkommensteuer zahlen, einen substantiellen Beitrag leisten. Betroffen wären rund 1…

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  • Frankreichs neue soziale Bewährungsprobe: Lecornu zwischen Haushaltsdisziplin und Gewerkschaftsdruck

    Frankreichs neue soziale Bewährungsprobe: Lecornu zwischen Haushaltsdisziplin und Gewerkschaftsdruck

    Am Donnerstag, dem 18. September 2025, erlebte Frankreich einen landesweiten Streik- und Protesttag von erheblicher Dimension. Zwischen 500.000 und mehr als einer Million Menschen gingen nach unterschiedlichen Schätzungen auf die Straße. Die Gewerkschaften werten die Mobilisierung als Erfolg, Premierminister Sébastien Lecornu sah sich umgehend veranlasst, erneute Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern anzukündigen. Doch die Spielräume des Élysée sind eng: Einerseits verlangen die Gewerkschaften soziale Zugeständnisse, andererseits steht Frankreich unter dem Druck europäischer Haushaltsregeln. Breite Beteiligung und vielfältige Forderungen Das Innenministerium bezifferte die Zahl der Demonstranten auf rund 500.000, davon 55.000 in Paris. Die Gewerkschaften, allen voran die CGT, sprachen dagegen von über einer Million Teilnehmern. Die Differenz knüpft an frühere Protestwellen an, etwa die Rentenproteste 2023, bei denen die Zählweisen ähnlich stark auseinanderlagen. Gestreikt wurde in m…

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  • Olivier Faure und die Zucman-Steuer: Eine Weichenstellung für mehr Steuerfairness in Frankreich

    Olivier Faure und die Zucman-Steuer: Eine Weichenstellung für mehr Steuerfairness in Frankreich

    Der Erste Sekretär der Parti socialiste (PS), Olivier Faure, hat am 15. September 2025 betont: „Ich bin bereit, 100 Milliarden Euro zu realisieren, wenn Sie sie bei denen holen, die es verkraften können.“ Gemeint ist damit die sogenannte Zucman-Steuer – eine Initiative, die die französische Steuerpolitik in eine neue Richtung lenken könnte. Im Kern geht es um die Frage, wie Lasten im Staatshaushalt fairer verteilt werden sollen und welchen Beitrag die Reichsten der Gesellschaft leisten müssen.

    Die Zucman-Steuer: Konzept und politische Herkunft Die Idee geht auf den französischen Ökonomen Gabriel Zucman zurück, der seit Jahren die globale Steuerungerechtigkeit untersucht und Reformvorschläge zur Besteuerung großer Vermögen entwickelt. Konkret sieht die Zucman-Steuer einen Mindeststeuersatz von 2 % auf Nettovermögen ab 100 Millionen Euro vor. Damit soll ein Gegengewicht geschaffen werden zu den steuerlichen Gestaltungsspielräumen, die es Superreichen ermöglichen, effektiv weitaus gering…

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  • Frankreichs finanzpolitisches Dilemma: Wenn Schulden zum Risiko für die Souveränität werden

    Frankreichs finanzpolitisches Dilemma: Wenn Schulden zum Risiko für die Souveränität werden

    Die jüngste Herabstufung der französischen Kreditwürdigkeit durch die Ratingagentur Fitch hat die Fragilität der zweitgrössten Volkswirtschaft der Eurozone schonungslos offengelegt. Von „AA-“ auf „A+“ reduziert, signalisiert das Urteil nicht nur steigende Zweifel an der Tragfähigkeit der französischen Staatsfinanzen. Es macht auch sichtbar, wie sehr fiskalische Schwäche und politische Instabilität in Frankreich mittlerweile ineinandergreifen. Ein Staat im Dauerdefizit Frankreichs öffentliche Verschuldung hat Ende 2024 mit 113,9 Prozent des Bruttoinlandprodukts einen historischen Höchststand erreicht und könnte nach Projektionen internationaler Finanzinstitute bis 2026 auf 118 Prozent anwachsen (Financial Times, 2025). Seit Jahren gelingt es Paris nicht, die Ausgabenlast zu zügeln. Selbst im konjunkturell robusteren Umfeld vor der Pandemie lagen die Defizite deutlich über den europäischen Referenzwerten. Die jüngste Verschärfung ist auf eine Kombination von Faktoren zurückzuführen: gros…

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  • Frankreichs Schuldenlast wächst – doch das Vertrauen der Investoren bleibt

    Frankreichs Schuldenlast wächst – doch das Vertrauen der Investoren bleibt

    Trotz einer Staatsverschuldung von über 3.345 Milliarden Euro – das entspricht 114 % des Bruttoinlandsprodukts – reißen sich Investoren weiterhin um französische Staatsanleihen. Die robuste Nachfrage auf den Kapitalmärkten steht in auffälligem Kontrast zur angespannten Haushaltslage in Paris. Was macht Frankreichs Schulden für Anleger so attraktiv – und wie lange kann dieses Vertrauen Bestand haben?

    Frankreichs Schuldenstand hat sich in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich erhöht. Im Jahr 1995 lag er noch bei vergleichsweise moderaten 57,8 % des BIP, heute sind es fast doppelt so viel. Die Ursachen liegen auf der Hand: Die Finanzkrise von 2008, die Corona-Pandemie, gefolgt von inflationären Verwerfungen infolge geopolitischer Spannungen, insbesondere des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine, haben die Staatsausgaben massiv steigen lassen. Hinzu kommen strukturelle Defizite im französischen Sozialsystem und ein chronisch unausgeglichener Staatshaushalt. Gleichwohl ist die …

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  • Kommentar: Es wird höchste Zeit für Änderungen!

    Kommentar: Es wird höchste Zeit für Änderungen!

    Ich kenne Millionäre, die regelrecht nach Möglichkeiten suchen, mehr Steuern zu zahlen. Menschen, die längst verstanden haben, dass ihr Reichtum nicht nur auf ihrem Talent, ihrem Mut oder ihrem Unternehmergeist ruht, sondern auch auf einem Staat, der für Bildung, Infrastruktur, Sicherheit und sozialen Frieden sorgt. Und doch erleben sie, wie dieses System sie paradoxerweise davon abhält, ihren gerechten Anteil zu leisten. Ein groteskes Schauspiel: Wer mehr beitragen möchte, wird ausgebremst durch ein Steuerrecht, das voller Schlupflöcher steckt und an den empfindlichsten Stellen blind ist.

    Währenddessen ächzt Frankreich unter einem Defizit, das längst alle Alarmglocken schrillen lässt. Die Staatsverschuldung wächst, Schulen verfallen, Krankenhäuser sind überlastet – und dennoch streiten wir darüber, ob es wirklich gerecht ist, die Ultrareichen stärker zur Kasse zu bitten. Wie absurd ist das denn? Wer Milliarden auf der hohen Kante hat, könnte mit einem Bruchteil seines Vermögens ganze Regionen sanieren. Doch stattdessen fürchten Politiker um die „Wettbewerbsfähigkeit“, als ginge es um ein zartes Pflänzchen, das beim kleinsten Steuerhauch verwelken würde.

    Die Wahrheit ist: Viele Reiche würden lieber in einem stabilen, friedlichen Land leben, in dem alle ihren Platz haben, statt in einer Gesellschaft, die vor lauter Ungleichheit auseinanderbricht. Es ist ein Märchen, dass die Starken schwächer werden, wenn sie mehr geben. In Wahrheit werden sie selbst dadurch stärker – weil sie an einer Nation mitbauen, die nicht auf der Rasierklinge sozialer Spannungen balanciert.

    Es ist höchste Zeit für Änderungen. Höchste Zeit, endlich den Mut zu haben, Reichtum nicht nur als private Beute, sondern als öffentliche Verantwortung zu begreifen. Höchste Zeit, zu verstehen: Soziale Gerechtigkeit ist nicht der Feind des Wohlstands, sie ist seine Voraussetzung. Frankreich braucht keine weiteren Ausreden, keine abenteuerlichen Rechenspiele, sondern eine klare Botschaft: Wer mehr hat, muss mehr geben. Punkt.

    Ein Kommentar von C. Hatty

  • Frankreichs Suche nach sozialem Frieden: Warum die Superreichen stärker beitragen müssen

    Frankreichs Suche nach sozialem Frieden: Warum die Superreichen stärker beitragen müssen

    Frankreich steht 2025 vor einer heiklen fiskalischen Wegscheide. Mit einem Haushaltsdefizit von über 6 Prozent des BIP und einer Staatsverschuldung, die 110 Prozent übersteigen wird, ist die Frage nach der gerechten Verteilung von Lasten unausweichlich geworden. Die Regierung sieht sich gezwungen, die wohlhabendsten Teile der Gesellschaft stärker in die Pflicht zu nehmen – nicht nur aus fiskalischer Notwendigkeit, sondern auch aus politischer und sozialer Vernunft.

    Das Prinzip der Mindestbesteuerung

    Ein Kerninstrument der Reform ist die Contribution différentielle sur les hauts revenus (CDHR), die für Spitzenverdiener eine Mindestbesteuerung von 20 Prozent vorsieht. Jenseits von 250.000 Euro Jahreseinkommen für Einzelpersonen – oder 500.000 Euro für Ehepaare – soll so gewährleistet werden, dass auch die oberen Einkommen trotz aller Steuerschlupflöcher nicht unter die effektiven Steuersätze der Mittelschicht fallen. Diese Maßnahme trägt weniger durch ihre fiskalische Schlagkraft, als vielmehr durch ihre symbolische Wirkung: Sie signalisiert der Bevölkerung, dass Steuerprivilegien an der Spitze der Einkommensskala korrigiert werden.

    Die Zucman-Initiative: Ein Tabubruch?

    Noch größere Sprengkraft birgt die von dem Ökonomen Gabriel Zucman entwickelte Vermögenssteuer auf die Ultrareichen. Ein Satz von 2 Prozent auf Vermögen über 100 Millionen Euro könnte jährlich bis zu 20 Milliarden Euro generieren und würde lediglich 4.000 Haushalte betreffen. Gegner warnen vor Kapitalflucht, doch empirische Studien legen nahe, dass die Furcht vor einem massenhaften Exodus wohlhabender Familien übertrieben ist. Vielmehr steht hier die Frage nach der Legitimität des Staates im Zentrum: Kann ein Gemeinwesen dauerhaft bestehen, wenn die obersten 0,01 Prozent weitgehend vom Finanzamt unbehelligt bleiben, während breite Teile der Gesellschaft von Sparprogrammen betroffen sind?

    Zusatzerlöse aus der Unternehmensbesteuerung

    Parallel werden auch die Unternehmen ins Visier genommen. Eine Sondersteuer auf Aktienrückkäufe soll in zwei Jahren 12 Milliarden Euro einbringen. Hinzu kommen eine Anhebung der Finanztransaktionssteuer auf 0,4 Prozent und die Diskussion um eine Abgabe auf sogenannte Superdividenden. Diese Schritte sind ein Versuch, die Unternehmen, die von den niedrigen Zinsen und massiven staatlichen Stützungen der letzten Dekade profitiert haben, angemessen an den Kosten der Konsolidierung zu beteiligen.

    Historische Kontinuitäten und Brüche

    Die Debatte über die Besteuerung der Reichsten ist in Frankreich keineswegs neu. Bereits François Mitterrand führte Anfang der 1980er Jahre Vermögensabgaben ein, die jedoch bald als wachstumshemmend kritisiert wurden. Unter Präsident François Hollande wurde 2012 eine sogenannte „Reichensteuer“ von 75 Prozent auf Einkommen über eine Million Euro beschlossen – ein spektakulärer Schritt, der allerdings nur zwei Jahre Bestand hatte und schließlich gerichtlich gekippt wurde. Emmanuel Macron ging in die entgegengesetzte Richtung: 2018 schaffte er die traditionelle Vermögenssteuer (ISF) ab und ersetzte sie durch eine Immobiliensteuer. Diese Reform sollte Frankreich für Investoren attraktiver machen, vertiefte aber zugleich den Eindruck sozialer Ungerechtigkeit. Vor diesem Hintergrund erscheinen die aktuellen Vorschläge weniger als radikale Neuerung, sondern als Rückkehr zu einer fiskalischen Tradition, die in Zeiten der Krise immer wieder auflebt.

    Internationale Vergleiche

    Ein Blick über die Grenzen zeigt, dass Frankreich mit seiner Debatte keineswegs isoliert dasteht. In Deutschland wird seit Jahren über die Wiedereinführung einer Vermögenssteuer diskutiert, bislang jedoch ohne politische Mehrheit. Stattdessen setzt Berlin stärker auf die Progression der Einkommensteuer und auf Unternehmensabgaben. In den skandinavischen Ländern wiederum gehört eine angemessene Besteuerung der Wohlhabenden zum festen Bestandteil des Gesellschaftsvertrags. Dort wird sie weitgehend akzeptiert, weil sie mit einem umfassenden Wohlfahrtsstaat einhergeht, der für breite gesellschaftliche Stabilität sorgt. Frankreich bewegt sich zwischen diesen Modellen – es versucht, fiskalische Gerechtigkeit zu schaffen, ohne Investoren gänzlich abzuschrecken. Ob dieser Balanceakt gelingt, bleibt offen.

    Ein gespaltenes Land

    Die Debatte über die Besteuerung der Reichsten spiegelt die Bruchlinien der französischen Gesellschaft wider. Auf der einen Seite steht das Argument der fiskalischen Gerechtigkeit: Nur wenn auch die Spitzenvermögen angemessen beitragen, lässt sich Akzeptanz für Sparmaßnahmen in der Breite gewinnen. Auf der anderen Seite verweisen Kritiker auf den Verlust an Wettbewerbsfähigkeit und warnen vor einem Klima, das Investitionen und Innovationen hemmt. Frankreich bewegt sich damit auf einem schmalen Grat zwischen sozialem Ausgleich und wirtschaftlicher Attraktivität.

    Politische Realitäten

    Premierminister François Bayrou spricht von der Notwendigkeit „starker Entscheidungen“. Doch ohne die notwendige Mehrheit im Parlament sind diese schwer durchzusetzen. Der Rekurs auf Artikel 49.3 der Verfassung – der es der Regierung erlaubt, ein Gesetz ohne Abstimmung zu verabschieden – bleibt ein mögliches, aber politisch riskantes Instrument. Stattdessen plant Bayrou, dass die Steuerfrage im Zusammenhang mit einem Vertrauensvotum am 8. September zum Lackmustest für die Stabilität der Regierung werden soll.

    Die Diskussion über die Besteuerung der Superreichen ist damit weit mehr als eine fiskalische Debatte. Sie berührt das Selbstverständnis der Republik: die Balance zwischen ökonomischer Dynamik und sozialer Kohäsion. Nur wenn es gelingt, die wohlhabendsten Teile der Gesellschaft spürbar mehr einzubinden, lässt sich der soziale Frieden in Frankreich dauerhaft sichern.

    Von Andreas Brucker

  • Frankreichs Fiskalwende: Will der Staat die Reichsten jetzt stärker zur Kasse bitten?

    Frankreichs Fiskalwende: Will der Staat die Reichsten jetzt stärker zur Kasse bitten?

    Frankreichs umstrittener Haushaltsplan markiert einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel in der Fiskalpolitik: Zum ersten Mal seit der Abschaffung der Vermögenssteuer im Jahr 2017 geht die Regierung wieder gezielt gegen Steuerprivilegien für die Wohlhabendsten vor. Im Zentrum steht die Einführung einer Mindestertragsbesteuerung für hohe Einkommen, flankiert von einer Debatte über eine neue Vermögenssteuer für Ultrareiche. Diese Entwicklungen spiegeln den wachsenden fiskalischen Druck auf den französischen Staat ebenso wie eine gesellschaftliche Rückbesinnung auf das Prinzip der Steuerfairness wider – mit ungewissem wirtschaftlichem Ausgang. Eine Mindestertragssteuer für Top-Verdiener Kernstück des neuen Haushalts ist die sogenannte Contribution Différentielle sur les Hauts Revenus (CDHR) – eine differenzielle Zusatzabgabe auf hohe Einkommen. Sie verpflichtet rund 24 300 Haushalte mit einem Einkommen über 250 000 Euro (bzw. 500 000 Euro bei Paaren), mindestens 20 Prozent ihres Einkommens …

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