Schlagwort: Fischerei

  • Unsichtbares Sterben im Meer: Frankreich vor Gericht wegen mangelnden Schutzes von Seevögeln

    Unsichtbares Sterben im Meer: Frankreich vor Gericht wegen mangelnden Schutzes von Seevögeln

    Der Befund ist ebenso schlicht wie verstörend: Seevögel sollten „nicht in so großer Zahl gefunden werden“. Hinter dieser drastischen Formulierung verbirgt sich weit mehr als bloße Betroffenheit über verendete Tiere an Frankreichs Küsten. Es geht um einen grundlegenden Vorwurf gegen den Staat – und um die Frage, ob Umweltrecht in der Praxis durchgesetzt wird. Am 21. April 2026 haben die Organisationen ClientEarth, Sea Shepherd France und Défense des Milieux Aquatiques Klage beim Conseil d’État eingereicht. Ihr Vorwurf: Frankreich verletze seine Verpflichtung, Seevögel wirksam vor den Folgen der Fischerei zu schützen.

    Zwei Ebenen eines Problems

    Die politische Brisanz des Falls liegt in der Verbindung zweier Ebenen, die in der öffentlichen Wahrnehmung oft getrennt erscheinen. Sichtbar sind die Bilder von geschwächten oder toten Vögeln an den Stränden, insbesondere entlang der Atlantikküste. Diese Momentaufnahmen erzeugen Aufmerksamkeit, bleiben jedoch symptomatisch.

    Die eigentliche Dynamik spielt sich weit draußen auf See ab. Dort geraten Seevögel als sogenannter Beifang in Netze, Langleinen oder Schleppgeräte. Viele verenden unbemerkt, ihre Kadaver sinken oder werden nicht an Land gespült. Genau hier setzen die Kläger an: Sie argumentieren, dass das tatsächliche Ausmaß dieser Verluste systematisch unterschätzt wird – nicht zuletzt, weil es an verlässlicher Datenerhebung mangelt.

    Diese Unterscheidung ist zentral. Während Strandfunde medial sichtbar sind, bleibt die strukturelle Ursache – die industrielle Fischerei und ihre Nebenwirkungen – weitgehend im Verborgenen.

    Frankreich im europäischen Vergleich

    Nach Angaben der klagenden Organisationen zählt Frankreich zu den europäischen Ländern mit besonders hohen Beifangzahlen bei Seevögeln. Schätzungen sprechen von mehreren zehntausend getöteten Tieren jährlich; eine häufig zitierte Zahl liegt bei rund 34.000 Individuen pro Jahr. Betroffen sind unter anderem Arten wie der Balearensturmtaucher, der Basstölpel oder die Trottellumme – teils ohnehin bereits unter Druck durch schwindende Nahrungsgrundlagen und klimatische Veränderungen.

    Die Kritik richtet sich weniger gegen die Existenz von Fischerei als solche, sondern gegen die aus Sicht der NGOs unzureichende Regulierung. Konkret bemängeln sie:

    • lückenhafte Datenerhebung auf Fischereifahrzeugen
    • unzureichende elektronische Überwachungssysteme
    • fehlende oder nicht verpflichtende technische Schutzmaßnahmen
    • mangelhafte Durchsetzung bestehender Vorschriften

    Damit wird ein strukturelles Defizit adressiert: das Auseinanderklaffen von regulatorischem Anspruch und operativer Realität.

    Der juristische Hebel: EU-Recht als Maßstab

    Die Klage ist Teil eines größeren Trends in der europäischen Umweltpolitik: der strategischen Nutzung von Gerichten, um staatliches Handeln einzufordern. Die Organisationen berufen sich dabei auf zentrale Instrumente des EU-Naturschutzrechts, insbesondere die Vogelschutzrichtlinie und die Habitatrichtlinie. Diese verpflichten die Mitgliedstaaten, gefährdete Arten zu schützen und schädliche Einflüsse – dazu zählt auch Beifang – zu minimieren.

    Darüber hinaus existieren technische Vorschriften im Rahmen der Gemeinsamen Fischereipolitik, die spezifische Maßnahmen zur Reduktion von Beifang vorsehen. Die Kläger argumentieren, dass Frankreich diese Vorgaben nicht konsequent umsetzt.

    Das Verfahren vor dem Conseil d’État ist somit mehr als ein symbolischer Akt. Es zielt darauf ab, konkrete administrative Maßnahmen zu erzwingen – etwa strengere Kontrollen, verpflichtende technische Anpassungen oder erweiterte Schutzgebiete.

    Ein vertrautes Muster der Umweltpolitik

    Der Fall fügt sich in ein bekanntes Muster der französischen Umweltpolitik ein. In den vergangenen Jahren haben NGOs wiederholt den Rechtsweg genutzt, um staatliche Untätigkeit anzuprangern – etwa in der Klimapolitik oder beim Luftschutz. Der Ablauf ist oft ähnlich: zunächst formelle Abmahnung, dann Klage.

    Bereits Ende 2025 hatten dieselben Organisationen die Behörden auf ihre Versäumnisse hingewiesen. Die nun eingereichte Klage stellt die Eskalation dieses Prozesses dar. Sie signalisiert zugleich, dass zivilgesellschaftliche Akteure zunehmend bereit sind, politische Konflikte juristisch auszutragen.

    Naturereignis oder menschengemachte Krise?

    Besonders interessant ist die Abgrenzung, die die Kläger vornehmen. In den vergangenen Monaten wurden ungewöhnlich viele tote Seevögel an Frankreichs Atlantikküste angespült. Ursachen dafür sind vielfältig: Winterstürme, Nahrungsmangel, Erschöpfung.

    Doch genau hier setzen die NGOs an. Sie argumentieren, dass natürliche Stressfaktoren und menschengemachte Einflüsse nicht miteinander vermischt werden dürfen. Im Gegenteil: Wenn Populationen bereits durch klimatische Veränderungen unter Druck stehen, gewinnt jeder zusätzliche, vermeidbare Verlust an Gewicht.

    Diese Argumentation ist sowohl ökologisch als auch politisch relevant. Sie verschiebt den Fokus von kurzfristigen Ereignissen hin zu langfristigen Belastungen und deren kumulativer Wirkung.

    Ein strukturelles Problem der Meerespolitik

    Aus analytischer Sicht offenbart der Fall ein grundlegendes Problem moderner Meerespolitik. Die Nutzung der Ozeane – sei es durch Fischerei, Energiegewinnung oder Transport – erfolgt in einem komplexen Spannungsfeld zwischen wirtschaftlichen Interessen und ökologischen Grenzen.

    Der Schutz von Seevögeln ist dabei nur ein Indikator für ein größeres Systemversagen. Es geht um Fragen wie:

    • Wie umfassend ist die Datenerhebung in einem schwer zugänglichen Raum wie dem offenen Meer?
    • Welche Rolle spielen technologische Lösungen wie Kamerasysteme oder GPS-Tracking?
    • Wie lassen sich wirtschaftliche Interessen mit Biodiversitätsschutz vereinbaren?
    • Und: Welche Verantwortung trägt der Staat bei der Durchsetzung bestehender Regeln?

    Die Kläger behaupten nicht, dass Fischerei grundsätzlich illegitim sei. Ihr Vorwurf lautet vielmehr, dass bekannte Risiken nicht mit der nötigen Konsequenz adressiert werden.

    Politischer Druck auf einen maritimen Staat

    Für Frankreich ist der Vorwurf besonders heikel. Als Land mit der zweitgrößten ausschließlichen Wirtschaftszone der Welt trägt es eine erhebliche Verantwortung für den Schutz mariner Ökosysteme. Gleichzeitig ist die Fischerei – insbesondere in Küstenregionen – ein bedeutender Wirtschaftsfaktor.

    Die Klage zwingt die Regierung, diese Spannungen offenzulegen. Sie stellt eine unbequeme Frage: Wenn das Problem bekannt ist, warum bleibt seine Erfassung lückenhaft und seine Eindämmung unzureichend?

    Damit wird der Fall zu einem Lackmustest für die Glaubwürdigkeit französischer Umweltpolitik.

    Die toten Vögel an den Stränden sind in diesem Kontext mehr als ein symbolisches Bild. Sie verweisen auf eine strukturelle Lücke zwischen normativem Anspruch und praktischer Umsetzung. Frankreich verfügt über ein umfangreiches Regelwerk zum Schutz der Biodiversität. Doch solange dessen Durchsetzung unvollständig bleibt, wird das Sterben im Meer weitergehen – oft unsichtbar, aber mit realen Folgen für fragile Ökosysteme.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Frankreichs neue Benzinpolitik: Präzise Hilfen statt breiter Entlastung

    Frankreichs neue Benzinpolitik: Präzise Hilfen statt breiter Entlastung

    Die französische Regierung hat im Frühjahr 2026 eine klare Linie in der Energiepolitik gezogen: Statt einer breit angelegten Senkung der Kraftstoffpreise setzt sie auf gezielte Unterstützungsmaßnahmen für besonders betroffene Gruppen. Diese Strategie markiert einen politischen Kurswechsel – weg von universellen Entlastungen hin zu einer selektiven, sozial und wirtschaftlich differenzierten Intervention. Vom Notfallplan zur strukturierten Unterstützung Den Auftakt bildete ein kurzfristiges Maßnahmenpaket für April, das zunächst eng gefasst war. Der Staat stellte rund 70 Millionen Euro bereit, konzentriert auf drei besonders exponierte Sektoren: den Straßengüterverkehr, die Fischerei und die Landwirtschaft. Diese Auswahl folgte einer klaren Logik: In diesen Branchen stellt der Treibstoff keinen variablen Kostenfaktor dar, sondern eine zentrale Produktionsbedingung. Für Transportunternehmen wurde eine pauschale Unterstützung von etwa 20 Cent pro Liter vorgesehen – ein Instrument, das gezi…

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  • Blockierte Häfen, steigender Druck: Der Konflikt um Treibstoffpreise auf Korsika eskaliert

    Blockierte Häfen, steigender Druck: Der Konflikt um Treibstoffpreise auf Korsika eskaliert

    Seit Anfang April spitzt sich auf Korsika ein Konflikt zu, der weit über eine branchenspezifische Auseinandersetzung hinausweist. Fischer blockieren zentrale Häfen der Insel, um gegen drastisch gestiegene Treibstoffpreise zu protestieren. Leidtragende sind zunächst Reisende und Unternehmen – doch im Kern offenbart der Streit strukturelle Schwächen der französischen Inselpolitik und die wirtschaftliche Fragilität peripherer Regionen. Ein Konflikt mit unmittelbaren Folgen Die Blockade begann am 7. April und erfasste rasch die wichtigsten Häfen der Insel, darunter Ajaccio und Bastia. Fischerboote versperrten Zufahrten, wodurch Fähren und Versorgungsschiffe weder ein- noch auslaufen konnten. Bereits am ersten Tag strandeten Passagierschiffe vor der Küste, während Kreuzfahrtschiffe ihre Routen kurzfristig änderten. Auch die Versorgung mit Gütern geriet ins Stocken. Für die betroffenen Reisenden sind die Auswirkungen unmittelbar spürbar: Verspätungen, gestrichene Verbindungen und unsichere A…

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  • Blockade als Botschaft: Korsikas Fischer fordern mehr als Subventionen

    Blockade als Botschaft: Korsikas Fischer fordern mehr als Subventionen

    Die vollständige Blockade sämtlicher Häfen auf Korsika durch Fischer am 7. April 2026 ist mehr als ein spektakulärer Protest. Sie markiert einen weiteren Höhepunkt in einem Konflikt, der tief in die politischen und ökonomischen Spannungen zwischen Peripherie und Zentrum in Frankreich hineinreicht. Im Kern steht eine scheinbar technische Frage – die Höhe der Treibstoffpreise. Doch tatsächlich geht es um strukturelle Benachteiligung, wirtschaftliche Überlebensfähigkeit und politische Anerkennung. Ein Preisunterschied mit politischer Sprengkraft Nach Angaben der korsischen Fischer liegt der Dieselpreis auf der Insel derzeit um 40 bis 50 Cent pro Liter über dem Niveau des französischen Festlands. Für eine Branche, deren Kostenstruktur stark energieabhängig ist, ist das kein marginaler Unterschied, sondern ein potenziell existenzbedrohender Faktor. Die Forderung der Fischer ist entsprechend klar formuliert: keine temporären Hilfen mehr, sondern eine dauerhafte Angleichung der Preise. Diese …

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  • 70.000 Seeigel für das Gleichgewicht: Wie man am Cap Corse das Meer retten will

    70.000 Seeigel für das Gleichgewicht: Wie man am Cap Corse das Meer retten will

    An der Nordspitze von Cap Corse, wo der Wind die Macchia niederdrückt und das Meer in Türkis- und Tiefblautönen schimmert, beginnt ein Experiment, das leiser kaum sein könnte – und doch weitreichende Folgen verspricht. 70.000 Seeigel sollen in den kommenden Monaten vor der Küste ausgesetzt werden. Keine PR-Aktion, kein symbolischer Akt, sondern ein präzise geplantes Projekt zur ökologischen Restaurierung.

    Im Mittelpunkt steht der Mittelmeer-Seeigel Paracentrotus lividus, auf Korsika schlicht „oursin“ genannt. Feinschmecker schätzen seine Gonaden als winterliche Delikatesse. Meeresbiologen sehen in ihm weit mehr: einen Schlüsselorganismus, der das empfindliche Gleichgewicht felsiger Küstenzonen stabilisiert.

    Die Küsten rund um das Cap Corse zählen zu den artenreichsten Meereslandschaften Frankreichs. Doch der Bestand der Seeigel brach in den vergangenen Jahren dramatisch ein. Überfischung in der Hochsaison, steigende Wassertemperaturen, Krankheiten – ein toxischer Cocktail. Taucher berichteten von Flächen, die früher von dunklen Stachelkugeln übersät waren und heute fast leer wirken.

    Was zunächst wie eine Entlastung klingt, entpuppt sich als Problem. Seeigel fressen Algen. In maßvoller Dichte halten sie Bewuchs und Freiflächen im Gleichgewicht. Fehlen sie, breiten sich bestimmte Algen unkontrolliert aus, während empfindlichere Arten verdrängt werden. Kalkalgen verschwinden, junge Posidonia-Triebe geraten unter Druck. Der Meeresboden verändert sein Gesicht – und mit ihm die Lebensbedingungen für Fische, Weichtiere und Krebstiere.

    „Der Seeigel wirkt wie ein Gärtner unter Wasser“, sagt ein Meeresbiologe aus Bastia. Ein Gärtner, der Ordnung schafft, ohne aufzufallen.

    Die 70.000 Tiere stammen aus kontrollierter Aufzucht. In Aquakulturanlagen zog man Larven heran, achtete auf genetische Vielfalt und Gesundheitskontrollen. Erst ab einer bestimmten Größe gelangen sie ins offene Meer – robust genug, um Fressfeinden besser zu trotzen. Unterwasserkartierungen bestimmten die Aussetzungsorte. Strömungen, Substrat, Algenbewuchs, Fischdichte: Jede Variable floss in die Planung ein. Hier geht es nicht ums Gießkannenprinzip, sondern um chirurgische Präzision.

    Parallel gelten strenge Fangquoten und saisonale Verbote. Ohne Regulierung liefe jede Wiederansiedlung ins Leere. Die lokale Fischerei sitzt mit am Tisch. Langfristig profitieren auch Fischer von stabilen Beständen. Kurzfristig bedeuteten Einschränkungen allerdings Einbußen. Da knirscht es mitunter – logisch.

    Auf Korsika besitzen Seeigel kulturelles Gewicht. Winterliche „oursinades“ gehören zum kulinarischen Kalender, besonders am Cap Corse. Geselliges Öffnen der stacheligen Kugeln, Brot, Weißwein, Meerblick – das prägt Identität. Doch Tradition gerät unter Druck, wenn Ressourcen schwinden. Nachhaltigkeit klingt nüchtern, entscheidet jedoch über die Zukunft solcher Rituale.

    Kritiker warnen vor überzogenen Erwartungen. Eine einmalige Aussetzung garantiere keinen stabilen Bestand. Entscheidend bleiben Überlebensrate und erfolgreiche Fortpflanzung. Zudem wirkt der Klimawandel als unsichtbarer Gegenspieler – mit steigenden Temperaturen, die das Mittelmeer verändern.

    Das Projekt steht nicht isoliert da. Auch an den Küsten von Okzitanien und Sardinien registrieren Forscher ähnliche Entwicklungen. Sollte das Experiment am Cap Corse greifen, erhielte es Modellcharakter für das gesamte westliche Mittelmeer.

    Wer heute über die Felsen ins klare Wasser blickt, erkennt vor allem Weite. Vielleicht tauchen dort bald wieder mehr dunkle Silhouetten zwischen den Steinen auf. Kein Spektakel, kein Selfie-Moment – eher ein stilles Zeichen, dass Eingriffe nicht nur zerstören, sondern auch heilen.

    70.000 Seeigel. Eine Zahl, die unscheinbar wirkt. Doch manchmal beginnt ökologische Erneuerung genau so: klein, konkret, beharrlich.

    Andreas M. Brucker

  • Stiller Winter im Golf von Biskaya

    Stiller Winter im Golf von Biskaya

    Es sind diese Maßnahmen, die auf den ersten Blick klein wirken und doch ein großes Symbol tragen. Wenn im Winter die Netze eingerollt bleiben und die Häfen ungewohnt ruhig erscheinen, dann geht es im Golf von Biskaya nicht um Romantik, sondern um den Schutz eines bedrohten Ökosystems. Auch 2026 gilt wieder, was bereits in den beiden Vorjahren angeordnet worden ist: Vom 22. Januar bis zum 20. Februar ruht die kommerzielle Fischerei für größere Schiffe. Betroffen sind alle Boote über acht Meter Länge. Sie müssen im Hafen bleiben, während draußen auf See eine der sensibelsten Phasen des Jahres beginnt. Der Grund dafür liegt unter der Wasseroberfläche. In den Wintermonaten folgen Delfine den Fischschwärmen näher an die Küste – und geraten dabei immer wieder tödlich in die Fanggeräte der Fischerei. Ein tragischer Beifang, der seit Jahren für Schlagzeilen sorgt. Wissenschaftler des International Council for the Exploration of the Sea sprechen von mehreren tausend verendeten Tieren pro Jahr. …

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  • Wenn der Fluss zum Schlachtfeld wird – Wie der Kormoran zum Feindbild der französischen Fischer wurde

    Wenn der Fluss zum Schlachtfeld wird – Wie der Kormoran zum Feindbild der französischen Fischer wurde

    Der Morgen an der Dordogne wirkt friedlich, fast schläfrig, als zöge ein leichter Schleier über dem Wasser die Konturen der Landschaft weich. Und doch – hinter dieser Stille rumort etwas. Ein Konflikt, der seit drei Jahren wächst, flammt erneut auf. Die Fischer sehen ihre Welt kippen, während ein schwarzer Vogel über den Fluss gleitet, der zum Sinnbild ihrer Wut geworden ist.

    Der Kormoran, ein geschickter Jäger mit ölglänzendem Gefieder, hat sich zur „bête noire“ der französischen Angler entwickelt. Seitdem die Ligue de protection des oiseaux, die LPO, sämtliche Abschussgenehmigungen gekippt hat, gilt der Vogel wieder als unangreifbare, streng geschützte Art. Doch für viele Fischer fühlt sich dieser Schutz mittlerweile wie ein Würgegriff an.

    Ghislain Bataille steht in Gummistiefeln auf einer kleinen, kiesigen Landzunge eines Seitenarms der Dordogne. Er kennt dieses Stück Fluss wie seine Westentasche, hat hier unzählige Stunden verbracht, geangelt, beobachtet, gehofft. Früher war dieser Ort belebt, sagt er, voller Menschen mit Ruten, voller kleiner Rituale des Angelns. Heute herrscht gähnende Leere. Wenn er den Blick hebt, sieht er die Ursache kreisen: große, schwarze Silhouetten gegen das Licht, auf der Suche nach Beute.

    Einer davon stürzt plötzlich steil hinab, bricht durch die Wasseroberfläche – eine Bewegung wie ein Dolch, der in eine stille Fläche fährt. Bataille spricht ruhig, aber die Enttäuschung schwingt mit. Ein Kormoran, so erklärt er, frisst rund ein halbes Kilo Fisch pro Tag. Kommen über hundert Tiere zusammen, werden ganze Abschnitte des Flusses leer gefischt. Einmal habe er sogar Fische gesehen, die panisch auf das Ufer zuschwammen, fast schon verzweifelt, als wollten sie aus dem Wasser fliehen. Ein Bild, das sich einprägt. Ein Bild, das die Fischer seit Monaten umtreibt.

    Gemeinsam fahren wir weiter zu einem kleinen Teich, wo die gelben Regenjacken der Fischwirte aufflackern wie Signalleuchten. Sie ziehen ihre Bestände aus dem Wasser, doch die Ernte fällt erschütternd aus. Wo sonst eineinhalb Tonnen Fisch zusammenkamen, bleiben jetzt wenige hundert Kilo – der Rest ist beschädigt, verletzt, unbrauchbar. Der Chef der Anlage hält einen 40 Zentimeter langen Fisch in der Hand, einen brochet, durchsetzt von feinen, punktförmigen Kerben. Einschläge eines Kormorans, sagt er. Der Fisch werde das nicht überstehen.

    „Il ne nous reste que les yeux pour pleurer“ – uns bleiben nur die Tränen. Der Satz hängt schwer in der Luft, und für einen Moment wirkt es, als schließe er die Kluft zwischen wirtschaftlicher Not und persönlicher Verzweiflung.

    Der Konflikt reicht weiter als bis zu diesem Teich. Er zieht sich durch Verbände, Vereine, Behörden. Er entzweit Menschen, die eigentlich dieselbe Leidenschaft teilen: das Leben am Wasser.

    Jean-Michel Ravailhe, der Präsident der Fischer in der Dordogne, spricht von einem „extrémisme“ seitens der LPO. Ein Wort, das brennt. Für ihn ist der fehlende Abschuss seit drei Jahren gleichbedeutend mit dem Rückgang der Fischbestände. Besonders der brochet, der Hecht, sei inzwischen gefährdet. Unter der Oberfläche – so Ravailhe – verschwinde ein ganzes Ökosystem, und kaum jemand wolle es wahrhaben.

    Ein Satz lässt ihn nicht los: Was unter Wasser geschieht, interessiert kaum jemanden. Vielleicht, weil es unsichtbar bleibt. Vielleicht, weil wir nur selten dorthin blicken, wo die Strömung die Spuren verwischt.

    Die LPO wiederum reagiert mit Unverständnis auf die immer lauter werdenden Vorwürfe. Yohan Charbonnier, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Organisation, spricht von einer regelrechten Feindseligkeit, die aus seiner Sicht vollständig unberechtigt sei. Die Fischer verwechselten Ursache und Wirkung, sagt er. Der eigentliche Druck auf die Fischbestände komme von ganz anderen Seiten – invasiven Arten etwa, vom silure, dem Wels, von Arten, die oft sogar für den Freizeitfang ausgesetzt würden.

    Dann fällt ein Vergleich, der hängenbleibt: Das Aussetzen von Regenbogenforellen, einer eigentlich fremden Art, gleiche dem Aussetzen von Tigern und Löwen in einer Waldlandschaft, die mit ihnen nichts anfangen kann. Ein drastisches Bild, aber eines, das die Spannungen offenlegt.

    Und schließlich, so die LPO, sprechen die Zahlen eine andere Sprache. Der jüngste Zensus von Februar 2025 zählt 1.488 Kormorane in der Dordogne – weniger als im Jahr 2021, damals, als Abschüsse noch erlaubt waren. Für die LPO zeigt dies, dass sich die Bestände keineswegs explosionsartig vermehren. Für die Fischer hingegen passt die Statistik nicht zu dem, was sie täglich erleben.

    Hier prallen Welten aufeinander: die Welt der Daten und die der persönlichen Erfahrung, die der wissenschaftlichen Analyse und die der Männer und Frauen, die täglich am Wasser stehen, das Gewicht eines Fisches in der Hand, den Rhythmus des Flusses im Ohr. Und genau dort, im Zwischenraum dieser Welten, entsteht jener Streit, der längst mehr ist als eine Meinungsverschiedenheit.

    Es ist ein Streit um Deutungshoheit, um das Recht, die Natur zu beschreiben – und um die Frage, wie viel Platz ein geschickter schwarzer Vogel in einer Landschaft einnehmen darf, in der so viele Interessen zusammenlaufen.

    Vielleicht lässt sich dieser Konflikt nur lösen, wenn beide Seiten wieder miteinander sprechen, ohne dass jedes Wort wie ein Geschoss wirkt. Denn der Fluss, so leise er auch wirkt, erzählt immer zwei Geschichten: die des Lebens über und die des Lebens unter der Wasseroberfläche. Erst wenn beide gehört werden, entsteht ein Bild, das trägt.

    Autor: Daniel Ivers

  • Wie Fischernetze aus der Bretagne zum Schutzschild gegen Drohnen wurden

    Wie Fischernetze aus der Bretagne zum Schutzschild gegen Drohnen wurden

    Zivile Solidarität und militärische Wirkung: Wie bretonische Fischer der Ukraine helfen, sich gegen russische Angriffe zu verteidigen Als der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am 17. November 2025 zu einem diplomatischen Besuch in Paris weilte, verdient ein ungewöhnlicher Programmpunkt besondere Aufmerksamkeit: Ein offizielles Treffen mit bretonischen Fischern, die der Ukraine ein scheinbar banales, aber in der Praxis hochwirksames Hilfsmittel gespendet hatten – ausgediente Fischernetze. Insgesamt 280 Kilometer dieser Netze wurden bereits im Oktober an die Ukraine geliefert, wo sie seitdem zur Abwehr russischer Drohnenangriffe eingesetzt werden. Improvisierte Verteidigung gegen Hightech-Angriffe Die Idee, alte Fischernetze als Schutzvorrichtung zu verwenden, mag auf den ersten Blick kurios erscheinen. Tatsächlich aber erweisen sich die kilometerlangen Kunststoffgeflechte im Kriegsgebiet als überraschend effizient. In der ostukrainischen Region Saporischschja, einem Brennpunkt d…

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  • Kameras an Bord: Mehr Nachvollziehbarkeit zum Schutz der Delfine im Golf von Biskaya

    Kameras an Bord: Mehr Nachvollziehbarkeit zum Schutz der Delfine im Golf von Biskaya

    Der weite Atlantikkorridor zwischen Frankreich und Spanien – der Golf von Biskaya – wird zunehmend zum Schauplatz einer alarmierenden Ökokrise. Während des Winters 2022/2023 wurden über 1.400 tote Delfine an der französischen Atlantikküste gezählt. Wissenschaftliche Schätzungen gehen sogar davon aus, dass bis zu 10.000 Tiere in der Tiefe verendet sein könnten. Das Problem ist nicht neu – aber es verschärft sich. Der Hauptgrund für das Massensterben: unbeabsichtigte Beifänge in Fanggeräten wie pelagischen Schleppnetzen und Stellnetzen. Die Tiere verfangen sich, ertrinken und bleiben oft unentdeckt. Ohne entschlossenes Gegensteuern droht der Bestand des Gemeinen Delfins im Nordostatlantik dauerhaft zu kollabieren. Wenn die Kamera mitfährt Die Antwort der Behörden? Sichtbarkeit schaffen – wortwörtlich. Seit 2023 kommen verstärkt Kameras an Bord von Fischereischiffen zum Einsatz. Diese Maßnahme, „Electronic Monitoring“ genannt, soll die Interaktionen zwischen Fischerei und Meeressäugern do…

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  • Catherine Chabaud: Mit dem Wind gegen die Wellen der Politik

    Catherine Chabaud: Mit dem Wind gegen die Wellen der Politik

    Sie kennt den Ozean wie ihre Westentasche. Sie hat Stürme überlebt, Flauten durchstanden, war wochenlang allein auf hoher See – und nun segelt sie in neuen Gewässern: Catherine Chabaud, die erste Frau, die den Vendée Globe bezwungen hat, wurde zur französischen Ministerin für Meer und Fischerei ernannt. Ein symbolischer Akt? Ja. Aber auch eine Ansage. Denn selten ist der Weg vom Deck eines Hochseeseglers direkt in die Schaltzentrale eines Ministeriums so glaubwürdig, so selbstverständlich, so verdammt authentisch.

    Eine Karriere mit Salzwasser im Blut Catherine Chabaud wurde 1962 in Bron geboren, einem Vorort von Lyon – weit weg vom Atlantik, und doch zog es sie früh ans Wasser. Erst als Journalistin, dann als Seglerin, schließlich als politische Stimme der Meere. Der große Durchbruch kam 1996. Beim härtesten Einhandrennen der Welt, dem Vendée Globe, umrundete sie als erste Frau allein, nonstop und ohne Hilfe den Globus. Platz sechs – doch das war nebensächlich. Ihr Name ging in die Ge…

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