Schlagwort: Fischerei

  • Wenn der Fluss zum Schlachtfeld wird – Wie der Kormoran zum Feindbild der französischen Fischer wurde

    Wenn der Fluss zum Schlachtfeld wird – Wie der Kormoran zum Feindbild der französischen Fischer wurde

    Der Morgen an der Dordogne wirkt friedlich, fast schläfrig, als zöge ein leichter Schleier über dem Wasser die Konturen der Landschaft weich. Und doch – hinter dieser Stille rumort etwas. Ein Konflikt, der seit drei Jahren wächst, flammt erneut auf. Die Fischer sehen ihre Welt kippen, während ein schwarzer Vogel über den Fluss gleitet, der zum Sinnbild ihrer Wut geworden ist.

    Der Kormoran, ein geschickter Jäger mit ölglänzendem Gefieder, hat sich zur „bête noire“ der französischen Angler entwickelt. Seitdem die Ligue de protection des oiseaux, die LPO, sämtliche Abschussgenehmigungen gekippt hat, gilt der Vogel wieder als unangreifbare, streng geschützte Art. Doch für viele Fischer fühlt sich dieser Schutz mittlerweile wie ein Würgegriff an.

    Ghislain Bataille steht in Gummistiefeln auf einer kleinen, kiesigen Landzunge eines Seitenarms der Dordogne. Er kennt dieses Stück Fluss wie seine Westentasche, hat hier unzählige Stunden verbracht, geangelt, beobachtet, gehofft. Früher war dieser Ort belebt, sagt er, voller Menschen mit Ruten, voller kleiner Rituale des Angelns. Heute herrscht gähnende Leere. Wenn er den Blick hebt, sieht er die Ursache kreisen: große, schwarze Silhouetten gegen das Licht, auf der Suche nach Beute.

    Einer davon stürzt plötzlich steil hinab, bricht durch die Wasseroberfläche – eine Bewegung wie ein Dolch, der in eine stille Fläche fährt. Bataille spricht ruhig, aber die Enttäuschung schwingt mit. Ein Kormoran, so erklärt er, frisst rund ein halbes Kilo Fisch pro Tag. Kommen über hundert Tiere zusammen, werden ganze Abschnitte des Flusses leer gefischt. Einmal habe er sogar Fische gesehen, die panisch auf das Ufer zuschwammen, fast schon verzweifelt, als wollten sie aus dem Wasser fliehen. Ein Bild, das sich einprägt. Ein Bild, das die Fischer seit Monaten umtreibt.

    Gemeinsam fahren wir weiter zu einem kleinen Teich, wo die gelben Regenjacken der Fischwirte aufflackern wie Signalleuchten. Sie ziehen ihre Bestände aus dem Wasser, doch die Ernte fällt erschütternd aus. Wo sonst eineinhalb Tonnen Fisch zusammenkamen, bleiben jetzt wenige hundert Kilo – der Rest ist beschädigt, verletzt, unbrauchbar. Der Chef der Anlage hält einen 40 Zentimeter langen Fisch in der Hand, einen brochet, durchsetzt von feinen, punktförmigen Kerben. Einschläge eines Kormorans, sagt er. Der Fisch werde das nicht überstehen.

    „Il ne nous reste que les yeux pour pleurer“ – uns bleiben nur die Tränen. Der Satz hängt schwer in der Luft, und für einen Moment wirkt es, als schließe er die Kluft zwischen wirtschaftlicher Not und persönlicher Verzweiflung.

    Der Konflikt reicht weiter als bis zu diesem Teich. Er zieht sich durch Verbände, Vereine, Behörden. Er entzweit Menschen, die eigentlich dieselbe Leidenschaft teilen: das Leben am Wasser.

    Jean-Michel Ravailhe, der Präsident der Fischer in der Dordogne, spricht von einem „extrémisme“ seitens der LPO. Ein Wort, das brennt. Für ihn ist der fehlende Abschuss seit drei Jahren gleichbedeutend mit dem Rückgang der Fischbestände. Besonders der brochet, der Hecht, sei inzwischen gefährdet. Unter der Oberfläche – so Ravailhe – verschwinde ein ganzes Ökosystem, und kaum jemand wolle es wahrhaben.

    Ein Satz lässt ihn nicht los: Was unter Wasser geschieht, interessiert kaum jemanden. Vielleicht, weil es unsichtbar bleibt. Vielleicht, weil wir nur selten dorthin blicken, wo die Strömung die Spuren verwischt.

    Die LPO wiederum reagiert mit Unverständnis auf die immer lauter werdenden Vorwürfe. Yohan Charbonnier, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Organisation, spricht von einer regelrechten Feindseligkeit, die aus seiner Sicht vollständig unberechtigt sei. Die Fischer verwechselten Ursache und Wirkung, sagt er. Der eigentliche Druck auf die Fischbestände komme von ganz anderen Seiten – invasiven Arten etwa, vom silure, dem Wels, von Arten, die oft sogar für den Freizeitfang ausgesetzt würden.

    Dann fällt ein Vergleich, der hängenbleibt: Das Aussetzen von Regenbogenforellen, einer eigentlich fremden Art, gleiche dem Aussetzen von Tigern und Löwen in einer Waldlandschaft, die mit ihnen nichts anfangen kann. Ein drastisches Bild, aber eines, das die Spannungen offenlegt.

    Und schließlich, so die LPO, sprechen die Zahlen eine andere Sprache. Der jüngste Zensus von Februar 2025 zählt 1.488 Kormorane in der Dordogne – weniger als im Jahr 2021, damals, als Abschüsse noch erlaubt waren. Für die LPO zeigt dies, dass sich die Bestände keineswegs explosionsartig vermehren. Für die Fischer hingegen passt die Statistik nicht zu dem, was sie täglich erleben.

    Hier prallen Welten aufeinander: die Welt der Daten und die der persönlichen Erfahrung, die der wissenschaftlichen Analyse und die der Männer und Frauen, die täglich am Wasser stehen, das Gewicht eines Fisches in der Hand, den Rhythmus des Flusses im Ohr. Und genau dort, im Zwischenraum dieser Welten, entsteht jener Streit, der längst mehr ist als eine Meinungsverschiedenheit.

    Es ist ein Streit um Deutungshoheit, um das Recht, die Natur zu beschreiben – und um die Frage, wie viel Platz ein geschickter schwarzer Vogel in einer Landschaft einnehmen darf, in der so viele Interessen zusammenlaufen.

    Vielleicht lässt sich dieser Konflikt nur lösen, wenn beide Seiten wieder miteinander sprechen, ohne dass jedes Wort wie ein Geschoss wirkt. Denn der Fluss, so leise er auch wirkt, erzählt immer zwei Geschichten: die des Lebens über und die des Lebens unter der Wasseroberfläche. Erst wenn beide gehört werden, entsteht ein Bild, das trägt.

    Autor: Daniel Ivers

  • Wie Fischernetze aus der Bretagne zum Schutzschild gegen Drohnen wurden

    Wie Fischernetze aus der Bretagne zum Schutzschild gegen Drohnen wurden

    Zivile Solidarität und militärische Wirkung: Wie bretonische Fischer der Ukraine helfen, sich gegen russische Angriffe zu verteidigen Als der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am 17. November 2025 zu einem diplomatischen Besuch in Paris weilte, verdient ein ungewöhnlicher Programmpunkt besondere Aufmerksamkeit: Ein offizielles Treffen mit bretonischen Fischern, die der Ukraine ein scheinbar banales, aber in der Praxis hochwirksames Hilfsmittel gespendet hatten – ausgediente Fischernetze. Insgesamt 280 Kilometer dieser Netze wurden bereits im Oktober an die Ukraine geliefert, wo sie seitdem zur Abwehr russischer Drohnenangriffe eingesetzt werden. Improvisierte Verteidigung gegen Hightech-Angriffe Die Idee, alte Fischernetze als Schutzvorrichtung zu verwenden, mag auf den ersten Blick kurios erscheinen. Tatsächlich aber erweisen sich die kilometerlangen Kunststoffgeflechte im Kriegsgebiet als überraschend effizient. In der ostukrainischen Region Saporischschja, einem Brennpunkt d…

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  • Kameras an Bord: Mehr Nachvollziehbarkeit zum Schutz der Delfine im Golf von Biskaya

    Kameras an Bord: Mehr Nachvollziehbarkeit zum Schutz der Delfine im Golf von Biskaya

    Der weite Atlantikkorridor zwischen Frankreich und Spanien – der Golf von Biskaya – wird zunehmend zum Schauplatz einer alarmierenden Ökokrise. Während des Winters 2022/2023 wurden über 1.400 tote Delfine an der französischen Atlantikküste gezählt. Wissenschaftliche Schätzungen gehen sogar davon aus, dass bis zu 10.000 Tiere in der Tiefe verendet sein könnten. Das Problem ist nicht neu – aber es verschärft sich. Der Hauptgrund für das Massensterben: unbeabsichtigte Beifänge in Fanggeräten wie pelagischen Schleppnetzen und Stellnetzen. Die Tiere verfangen sich, ertrinken und bleiben oft unentdeckt. Ohne entschlossenes Gegensteuern droht der Bestand des Gemeinen Delfins im Nordostatlantik dauerhaft zu kollabieren. Wenn die Kamera mitfährt Die Antwort der Behörden? Sichtbarkeit schaffen – wortwörtlich. Seit 2023 kommen verstärkt Kameras an Bord von Fischereischiffen zum Einsatz. Diese Maßnahme, „Electronic Monitoring“ genannt, soll die Interaktionen zwischen Fischerei und Meeressäugern do…

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  • Catherine Chabaud: Mit dem Wind gegen die Wellen der Politik

    Catherine Chabaud: Mit dem Wind gegen die Wellen der Politik

    Sie kennt den Ozean wie ihre Westentasche. Sie hat Stürme überlebt, Flauten durchstanden, war wochenlang allein auf hoher See – und nun segelt sie in neuen Gewässern: Catherine Chabaud, die erste Frau, die den Vendée Globe bezwungen hat, wurde zur französischen Ministerin für Meer und Fischerei ernannt. Ein symbolischer Akt? Ja. Aber auch eine Ansage. Denn selten ist der Weg vom Deck eines Hochseeseglers direkt in die Schaltzentrale eines Ministeriums so glaubwürdig, so selbstverständlich, so verdammt authentisch.

    Eine Karriere mit Salzwasser im Blut Catherine Chabaud wurde 1962 in Bron geboren, einem Vorort von Lyon – weit weg vom Atlantik, und doch zog es sie früh ans Wasser. Erst als Journalistin, dann als Seglerin, schließlich als politische Stimme der Meere. Der große Durchbruch kam 1996. Beim härtesten Einhandrennen der Welt, dem Vendée Globe, umrundete sie als erste Frau allein, nonstop und ohne Hilfe den Globus. Platz sechs – doch das war nebensächlich. Ihr Name ging in die Ge…

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  • Wenn das Meer wieder ruft – Saisonstart für die Coquille Saint-Jacques in den Côtes-d’Armor

    Wenn das Meer wieder ruft – Saisonstart für die Coquille Saint-Jacques in den Côtes-d’Armor

    Es ist ein Moment, auf den die Nordbretagne ganz besonders gewartet hat. Am 1. Oktober 2025, Punkt 18.30 Uhr, liefen im Hafen von Saint-Quay-Portrieux die ersten Boote ein, die Netze voll mit glänzenden, elfenbeinfarbenen Muscheln: Die Saison der Coquille Saint-Jacques hat begonnen. Für Fischer, Gastronomen und Genießer ist dieser Tag weit mehr als nur ein Datum – er ist Auftakt einer kurzen, intensiven Zeit, in der sich Tradition, Geschmack und nachhaltige Fischerei die Hand reichen. Zwischen Wind, Wellen und Vorschriften Wer in der Bucht von Saint-Brieuc auf die kostbare Jakobsmuschel Jagd macht, folgt einem der strengsten Regelwerke der französischen Fischerei. Nur von Oktober bis April dürfen die Schiffe hinausfahren. Nur an festgelegten Tagen, zu exakt bestimmten Uhrzeiten. Nur mit Fangmengen, die den Bestand schonen. Und nur Muscheln mit einer Mindestgröße von 10,2 Zentimetern dürfen behalten werden – die kleineren werden sofort wieder zurück ins Meer gesetzt. Das klingt nach läs…

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  • Marseille und die verschwundene Sardine – wie Klima und Märkte den Kultfisch bedrohen

    Marseille und die verschwundene Sardine – wie Klima und Märkte den Kultfisch bedrohen

    Wer im Vieux-Port von Marseille an den Marktständen entlangschlendert, reibt sich verwundert die Augen: Die Sardine, einst das inoffizielle Wappentier der Stadt, ist kaum noch zu sehen. Und wenn doch, dann wirkt sie sehr klein. Hinter dieser Veränderung steckt ein Drama, das weit über den kulinarischen Genuss hinausreicht – es betrifft die Kultur, die Wirtschaft und das gesamte marine Ökosystem des Mittelmeers. Von stolzen 20 Zentimetern zu kümmerlichen 12 Die Fischer der Region berichten von einer Entwicklung, die sie beunruhigt: Wo Sardinen früher 15 bis 20 Zentimeter groß waren, sind heute 10 bis 12 Zentimeter eher die Regel als die Ausnahme. Das klingt nach einer Kleinigkeit, ist aber ein Symptom tieferliegender Störungen. Hauptursache: das Verschwinden des Planktons, der Lebensgrundlage der Sardine.Eine paradoxe Folge moderner Umweltpolitik spielt hier hinein. Denn die verbesserten Kläranlagen in Südfrankreich reduzieren die Nährstoffe, die ins Meer gelangen. Was für die Wasserqua…

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  • Quallen-Alarm an der französischen Nordseeküste – ein Sommer, der in Erinnerung bleibt

    Quallen-Alarm an der französischen Nordseeküste – ein Sommer, der in Erinnerung bleibt

    Der Sommer 2025 zeigt sich an der Nordseeküste von einer seltsam glitschigen Seite.In den Hauts-de-France stapeln sich am Strand Hunderte, teils riesige Exemplare der Rhizostoma octopus.Sie treiben wie durchsichtige Ufos im Wasser oder liegen als zähe, gallertartige Klumpen im Sand.Was sonst nur ein saisonales Ärgernis ist, nimmt in diesem Jahr ungeahnte Ausmaße an – mit Folgen für Natur, Wirtschaft und sogar kritische Infrastruktur.

    Wenn die See zur Quallenbrutstätte wird Dass Quallen plötzlich in Massen auftauchen, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer verhängnisvollen Verkettung.Das Meer wird wärmer – und genau das mögen Quallen. Schon im Frühjahr, wenn sich das Wasser schneller als früher erwärmt, legen sie richtig los.Dazu kommt die Überfischung: Weniger Thunfische und Meeresschildkröten bedeuten weniger natürliche Fressfeinde.Und als wäre das nicht genug, treiben Strömungen, die von Küstenwinden beeinflusst werden, die Quallenschwärme gezielt in Richtung Land.Ergebnis: Ein…

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  • Verloren geglaubt, nun gerettet? Der Seehecht erlebt ein starkes Comeback!

    Verloren geglaubt, nun gerettet? Der Seehecht erlebt ein starkes Comeback!

    Noch vor wenigen Jahren sah es düster aus für den Merlu – besser bekannt als Seehecht – an der französischen Atlantikküste. Überfischt, fast verschwunden, und mit ihm eine ganze Branche am Abgrund. Heute aber atmen Fischer, Biologen und Umweltschützer auf: Die Bestände des Merlus im Nordostatlantik haben sich dank strenger Maßnahmen deutlich erholt. Doch wie stabil ist dieses ökologische Comeback wirklich?


    Strikte Regeln – ein europäischer Kraftakt

    2001 war der Tiefpunkt erreicht. Der Merlu war vielerorts kaum noch zu fangen, seine Laichbestände gefährlich geschrumpft. Daraufhin startete die Europäische Union ein ambitioniertes Rettungsprogramm: Fangquoten wurden drastisch gesenkt, die Maschenweite der Netze erhöht, um Jungfische zu schonen. Schutzgebiete, in denen gar nicht gefischt werden durfte, kamen hinzu. Alles mit einem Ziel: die natürliche Regeneration der Seehecht-Bestände.

    Und siehe da – es wirkte. In den letzten Jahren hat sich der Bestand im Atlantik stabilisiert. 2024 konnte man die Fangquoten sogar leicht anpassen – kein Rückfall in alte Muster, sondern Zeichen einer nachhaltigen Verwaltung.


    Mittelmeer: Keine Erfolgsgeschichte

    Während sich der Seehecht im Atlantik erholt, sieht die Lage im Mittelmeer weitaus düsterer aus. Dort kam das Umdenken später – zu spät? Der Merlu dort kämpft noch immer ums Überleben. Seine Laichbiomasse bleibt zu niedrig, um sich aus eigener Kraft zu erholen.

    Maßnahmen gibt es auch hier: strengere Fangregeln, kleinere Fangzeiten, Schutzgebiete. Aber sie greifen zögerlicher – und oft fehlt der politische Wille zur konsequenten Umsetzung. Die Küstengemeinden sind häufig wirtschaftlich abhängig von der Fischerei und wehren sich gegen einschneidende Reformen. Ein Teufelskreis.


    Ohne die Fischer läuft gar nichts

    Was oft übersehen wird: Die Regulierungen allein haben den Merlu nicht gerettet. Ohne die Mitwirkung der Fischer wären all diese Pläne gescheitert. Viele von ihnen haben ihre Fangmethoden angepasst, setzen gezielter ihre Netze ein und meiden Laichgebiete zur richtigen Zeit.

    Hilfsprogramme, Schulungen und sogar finanzielle Unterstützung haben diesen Wandel begleitet. Und natürlich spielte auch der zunehmende Druck der Verbraucher eine Rolle – Nachhaltigkeit ist kein Randthema mehr, sondern Verkaufsargument.

    Ein erfahrener Fischer aus der Bretagne brachte es auf den Punkt: „Früher haben wir genommen, was da war. Heute achten wir darauf, dass auch morgen noch was da ist.“


    Kann das Modell Schule machen?

    Die Erfolgsgeschichte des Merlus an der Atlantikküste wirft eine spannende Frage auf: Taugt dieses Modell als Vorlage für andere bedrohte Fischarten?

    Die Antwort: Jein.

    Denn jede Fischart ist anders. Lebensräume, Laichverhalten, Wanderbewegungen – das alles verlangt nach maßgeschneiderten Schutzkonzepten. Aber das Grundprinzip, nämlich klare Regeln, gemeinschaftliches Handeln und wissenschaftlich fundierte Entscheidungen, bleibt universell gültig.

    Was für den Merlu funktioniert hat, könnte bei Thunfisch, Kabeljau oder Garnelen ebenfalls funktionieren – wenn man es richtig angeht.


    Keine Entwarnung – aber berechtigte Hoffnung

    Der Merlu ist noch nicht über den Berg, aber er steht nicht mehr am Abgrund. Seine Rückkehr zeigt, was möglich ist, wenn Politik, Wissenschaft und Praxis an einem Strang ziehen.

    Doch wer glaubt, das Thema sei damit erledigt, irrt. Fischerei bleibt ein Balanceakt. Und der Druck auf die Meere wächst weiter – Klimawandel, Umweltverschmutzung, illegale Fischerei. Man muss wachsam bleiben, um diesen hart erkämpften Erfolg nicht wieder zu verspielen.

    Denn niemand will wieder dort landen, wo alles angefangen hat – mit leeren Netzen und traurigen Gesichtern am Hafen.

    Von Andreas M. Brucker

  • Macrons Meeresoffensive: Zwischen Ambition und Symbolpolitik

    Macrons Meeresoffensive: Zwischen Ambition und Symbolpolitik

    Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat kurz vor Beginn der dritten UN-Ozeankonferenz in Nizza weitreichende Maßnahmen zum Schutz maritimer Ökosysteme angekündigt. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht das Grundschleppnetzfischen – eine besonders invasive Methode, bei der schwere Netze über den Meeresboden gezogen werden und dabei nicht nur Fisch gefangen, sondern ganze Lebensräume zerstört werden. Macron kündigte an, diese Praxis in bestimmten Zonen französischer Meeresschutzgebiete (aires marines protégées, AMP) künftig einschränken zu wollen.

    Die Maßnahme ist Teil eines größeren Vorhabens: Der Anteil der streng geschützten Meeresgebiete Frankreichs soll bis Anfang 2026 auf 10 Prozent erhöht werden – vier Jahre früher als von der EU vorgesehen. Doch die Reaktionen auf diese Ankündigung sind geteilt. Während Macron den Vorstoß als Ausdruck ökologischer Verantwortung präsentiert, zweifeln Umweltorganisationen an der tatsächlichen Wirksamkeit.

    Zwischen ökologischer Notwendigkeit und politischem Kalkül

    Macron begründete sein Vorgehen mit der wissenschaftlich gut belegten Schädlichkeit des Grundschleppnetzfischens für die Biodiversität. Diese Praxis, so der Präsident, gefährde fragile Ökosysteme, die gerade in Schutzgebieten eigentlich besondere Aufmerksamkeit verdienten. Die angekündigte Einschränkung sei daher ein Schritt hin zu einer nachhaltigeren Meeresnutzung.

    Zugleich bemühte sich Macron, die französischen Fischer nicht als Gegner, sondern als Partner darzustellen. In einer Rede betonte er, dass es „nicht darum gehe, Fischer zu stigmatisieren“, sondern mit ihnen gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Die Erstellung einer detaillierten Karte der betroffenen Zonen erfolgt deshalb unter Einbindung von Fischereiverbänden und wissenschaftlichen Institutionen. Umweltministerin Agnès Pannier-Runacher soll die Karte in den kommenden Wochen präsentieren.

    Frankreichs ehrgeizige Schutzstrategie

    Aktuell sind rund 2,6 Prozent der französischen Seegebiete unter strengem Schutz, wobei der Großteil dieser Zonen in Übersee liegt – etwa in Gebieten wie dem Pazifikarchipel Neukaledonien. Das Ziel, diesen Anteil auf 10 Prozent anzuheben, ist ambitioniert und folgt einer breiter angelegten EU-Strategie zum Schutz der Ozeane. Doch während Frankreich sich hier als Vorreiter inszeniert, sehen Kritiker das Vorhaben skeptisch.

    Denn bisher wurden viele AMP lediglich auf dem Papier eingerichtet, ohne dass dort tatsächlich schädliche Eingriffe wie industrielle Fischerei untersagt wurden. Auch die neue Maßnahme könnte sich – so der Vorwurf – als bloßer Symbolakt entpuppen, wenn sie nur in bereits weitgehend ungenutzten oder ohnehin geschützten Gewässern greift.

    Kritik der Umweltorganisationen

    Umweltverbände wie Bloom, Greenpeace und Oceana reagierten mit Zurückhaltung auf Macrons Ankündigungen. Bloom warf der Regierung vor, den „Status quo“ lediglich neu zu verpacken. Die Ankündigung komme einer PR-Strategie gleich, ohne verbindliche rechtliche Folgen. Greenpeace forderte indes ein vollständiges Verbot des Grundschleppnetzfischens in mindestens 30 Prozent der AMP – also eine weitreichendere Maßnahme, als sie derzeit geplant ist.

    Auch Oceana zeigte sich zwar offen für Macrons Vorstoß, wies aber darauf hin, dass einige der genannten Schutzgebiete – wie etwa Port-Cros im Mittelmeer – ohnehin schon von Grundschleppnetzfischerei ausgenommen seien. Der tatsächliche Mehrwert für die Biodiversität bleibe deshalb unklar.

    Internationale Bühne, nationale Interessen

    Macrons Vorstoß fällt nicht zufällig in die Woche der UN-Ozeankonferenz, die vom 9. bis 13. Juni 2025 in Nizza stattfindet. Die Konferenz, die im Zeichen des Kampfes gegen die Meeresverschmutzung und Überfischung steht, bietet Frankreich eine Bühne, um sich als ökologischer Vorreiter zu präsentieren. Auch geopolitisch spielt das Thema eine Rolle: Mit über 11 Millionen Quadratkilometern ist Frankreichs maritime Fläche eine der größten weltweit – ein strategisches Kapital, das zunehmend auch außenpolitische Bedeutung gewinnt.

    Gleichzeitig geht es um wirtschaftliche Interessen. Die französische Fischereiindustrie, vor allem in Regionen wie der Bretagne oder im Ärmelkanal, beschäftigt Zehntausende Menschen. Grundschleppnetzfischerei macht dabei einen bedeutenden Teil des industriellen Fischfangs aus. Eine Einschränkung dieser Methode könnte erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen haben – was erklärt, warum Macron hier vorsichtig formuliert und auf Kooperation statt Konfrontation setzt.

    Was bleibt von der Ankündigung?

    Die kommenden Monate werden zeigen, ob Macrons Ankündigung mehr ist als eine symbolische Geste im Lichte der internationalen Aufmerksamkeit. Die Effektivität wird maßgeblich davon abhängen, wie restriktiv die neuen Vorschriften ausfallen und ob sie in ökologisch besonders sensiblen und zugleich wirtschaftlich genutzten Zonen zur Anwendung kommen.

    Sollte Frankreich jedoch tatsächlich einen substanziellen Anteil seiner AMP für invasive Fischereimethoden sperren, könnte dies einen Präzedenzfall für andere EU-Staaten schaffen – insbesondere für Länder mit ähnlich ausgeprägten maritimen Interessen wie Spanien, Italien oder Portugal.

    Ob Macron bereit ist, den notwendigen politischen Preis zu zahlen, bleibt abzuwarten.

    Von Andreas Brucker

  • Kommentar: Frankreichs große Meereslüge – Zwischen Hochglanzversprechen und zerstörerischer Realität

    Kommentar: Frankreichs große Meereslüge – Zwischen Hochglanzversprechen und zerstörerischer Realität

    Frankreich, das sich gern als Hüterin der Meere aufspielt, trägt ein schimmerndes Gewand aus Sonntagsreden, ambitionierten Zielen und internationalen Initiativen – doch dahinter brodelt ein Abgrund voller Widersprüche. Ja, Frankreich besitzt die zweitgrößte Wirtschaftszone im Meer weltweit. Und ja, es ist Mitgastgeber der UN-Ozeankonferenz in Nizza. Aber ist das genug, um sich selbstgefällig auf die Schulter zu klopfen?

    Denn die Wahrheit sieht anders aus. Beängstigend anders.

    Während Präsident Macron und seine Minister auf den Weltmeeren glänzen wollen, sieht es in französischen Gewässern düster aus. Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache – und sie schreien geradezu nach Ehrlichkeit: 33 % der Meeresflächen gelten als „geschützt“, doch was bedeutet das konkret? Ganze 0,03 % unterliegen einer tatsächlichen, strikten Schutzregelung. Der Rest? Ein schlechter Scherz. In 98 % dieser sogenannten Schutzgebiete wird nach wie vor mit Grundschleppnetzen gefischt – einer der zerstörerischsten Methoden überhaupt. Wie bitte soll das „Schutz“ sein?

    Ein Paradoxon, das jeden Meeresschützer zur Verzweiflung treiben muss.

    Diese Diskrepanz ist kein Betriebsunfall, sie ist System. Denn Frankreich wählt lieber den bequemen Weg der symbolischen Politik, statt ernsthaft durchzugreifen. Warum? Die Antwort ist unbequem, aber glasklar: Die politische Führung traut sich nicht, den Konflikt mit der Fischereilobby wirklich auszutragen. Und so sitzt man zwischen den Stühlen – oder besser gesagt: lässt die Meere weiter sterben, um Wählerstimmen an der Küste nicht zu verlieren.

    Verstehen Sie mich nicht falsch: Natürlich dürfen wir die Sorgen der Fischer nicht ignorieren. Wer wie Laurent Mevel in Saint-Malo täglich auf See ist, hat ein Recht auf Gehör. Doch genau das wäre ja möglich – mit echten Hilfsprogrammen, nachhaltiger Umstellung, regionalen Partnerschaften. Stattdessen? Wird mit Placebos operiert. Und das Meer bezahlt den Preis.

    Doch es gibt sie, die kleinen Lichtblicke. Frankreich beteiligt sich am Moratorium gegen Tiefseebergbau, schützt Küstenökosysteme im Rahmen der „blauen Kohlenstoff“-Initiative. Auch lokale Initiativen, etwa zur Rettung der Korallenriffe in der Mittelmeerregion, zeigen: Es gibt Menschen, die es ernst meinen. Menschen, die nicht nur reden – sondern handeln.

    Aber reicht das?

    Frankreich spielt international die Umwelthüterin und duldet zugleich zerstörerische Praktiken vor der eigenen Haustür. Das ist nicht bloß inkonsequent – es ist zynisch. Was bringt ein feierlich unterzeichneter Vertrag auf UN-Ebene, wenn in der Bretagne weiterhin der Meeresboden aufgerissen wird wie ein Acker?

    Und genau hier müssen wir uns alle fragen: Wollen wir wirklich eine Zukunft, in der Schutzgebiete nur auf dem Papier existieren? In der politische Rhetorik das Einzige ist, was blubbert, während das Leben unter Wasser verstummt?

    Frankreich muss endlich liefern – und zwar nicht in Pressemitteilungen, sondern in Taten. Es braucht einen radikalen Kurswechsel: Verbindliche Schutzmaßnahmen. Verbot der Grundschleppnetzfischerei. Finanzielle Hilfen für kleine Fischer, die umstellen wollen. Und eine echte Kontrolle der Schutzgebiete, damit sie diesen Namen auch verdienen.

    Denn die Meere brauchen nicht noch mehr Reden – sie brauchen eine Revolution des Handelns.

    Ein Kommentar von Andreas M. Brucker