Schlagwort: Emmanuel Macron

  • Nach fast 1.000 Jahren zurück in England: Der Teppich von Bayeux schreibt Geschichte

    Nach fast 1.000 Jahren zurück in England: Der Teppich von Bayeux schreibt Geschichte

    Es gibt Kunstwerke, die erzählen Geschichte. Und es gibt solche, die selbst Geschichte schreiben. Der Teppich von Bayeux gehört seit dem 2. September 2026 endgültig zu beiden Kategorien. Im British Museum in London wurde die spektakuläre Ausstellung des mittelalterlichen Meisterwerks eröffnet – in A…

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  • Frankreich verbannt das Smartphone aus dem Gymnasium – Macron erklärt Aufmerksamkeit zur Bildungsfrage

    Frankreich verbannt das Smartphone aus dem Gymnasium – Macron erklärt Aufmerksamkeit zur Bildungsfrage

    Frankreich verschärft seinen Kurs gegenüber Smartphones und sozialen Netzwerken. Seit Beginn des Schuljahres 2026 gilt das bereits seit 2018 an Grundschulen und Collèges bestehende Handyverbot auch an den Lycées, den französischen Gymnasien. Präsident Emmanuel Macron machte bei einem Besuch im Lycée Chaptal im südfranzösischen Mende deutlich, dass er darin mehr sieht als eine schulische Ordnungsmaßnahme. Es geht um die Frage, wie viel digitale Ablenkung eine Schule verträgt – und welche Verantwortung der Staat für die Aufmerksamkeit junger Menschen trägt. Macron verteidigt das Verbot vor den Schülern Der Ort für Macrons Auftritt am 1. September war bewusst gewählt. Im Lycée Chaptal in Mende traf der Präsident auf jene Jugendlichen, die von der neuen Regel unmittelbar betroffen sind. Einige Schüler stellten die Maßnahme infrage. Macron versuchte daraufhin, zwischen dem Besitz eines Smartphones und seiner Benutzung in der Schule zu unterscheiden. „Wir haben nicht gesagt: Ihr dürft kein T…

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  • Kommentar: Frankreich 2027: Philippe gegen Attal – der erbärmliche Erbstreit um Macrons Krone

    Kommentar: Frankreich 2027: Philippe gegen Attal – der erbärmliche Erbstreit um Macrons Krone

    Frankreich hat Probleme. Gewaltige Probleme. Die Staatsverschuldung drückt, die politische Landschaft ist zertrümmert, die Nationalversammlung bleibt ein Ort chronischer Unsicherheit, und Millionen Franzosen haben längst den Eindruck gewonnen, dass zwischen ihrem Alltag und der Pariser Machtblase mehrere Lichtjahre liegen.

    Und womit beschäftigt sich das politische Zentrum?

    Mit der Erbfolge.

    Édouard Philippe gegen Gabriel Attal. Der eine möchte endlich Präsident werden. Der andere offenbar möglichst auch. Beide wollen Emmanuel Macron beerben – und gleichzeitig so tun, als hätten sie mit den weniger erfreulichen Hinterlassenschaften der Macron-Jahre nur am Rande etwas zu tun.

    Willkommen bei der grossen politischen Nachlassversteigerung von 2027.

    Der König geht – die Höflinge bleiben

    Emmanuel Macron darf 2027 nicht für eine dritte unmittelbar aufeinanderfolgende Amtszeit antreten. Nach zehn Jahren endet damit eine Ära, die Frankreich tief verändert hat.

    Und plötzlich beginnt rund um den Élysée-Palast ein faszinierendes Schauspiel.

    Kaum nähert sich Macrons Abgang, entdecken seine ehemaligen politischen Weggefährten ihre Eigenständigkeit. Männer, die unter ihm Karriere machten, Ministerämter erhielten, Regierungen führten und vom politischen System Macron profitierten, präsentieren sich nun als Vertreter eines Neuanfangs.

    Das ist ungefähr so glaubwürdig, als würde der Kapitän der Titanic nach dem Zusammenstoss erklären, er sei eigentlich nur für das Unterhaltungsprogramm zuständig gewesen.

    Édouard Philippe war von 2017 bis 2020 Macrons Premierminister. Gabriel Attal durchlief unter Macron eine geradezu atemberaubende Karriere und wurde schliesslich selbst Regierungschef. Nun führen beide ihre politische Biografie vor, als müssten lediglich einige störende Seiten herausgerissen werden.

    Die angenehmen Kapitel des Macronismus? Gehören selbstverständlich zum eigenen Lebenslauf.

    Die unangenehmen?

    Macron war’s.

    Praktisch.

    Édouard Philippe: Der Präsident, der schon auf seinen Wahlabend wartet

    Bei Édouard Philippe ist die Sache wenigstens herrlich unkompliziert.

    Der Mann will in den Élysée.

    Er will es seit Jahren. Wahrscheinlich weiss es inzwischen sogar der Portier des Élysée.

    Philippe inszeniert sich als erwachsene Alternative in einem Land, dessen Politik gelegentlich einer schlecht moderierten Fernsehdiskussion ähnelt. Ruhig, seriös, erfahren, staatstragend. Ein Mann, der vermutlich sogar beim Frühstück aussieht, als müsse er gleich eine Regierungserklärung zur Lage der öffentlichen Finanzen abgeben.

    Seine Botschaft lautet im Kern:

    Frankreich braucht einen Erwachsenen.

    Und welch glücklicher Zufall: Édouard Philippe kennt einen.

    Édouard Philippe.

    Seine Partei Horizons verschafft ihm dabei einen entscheidenden Vorteil. Er besitzt eine eigene politische Maschine und kann Abstand zu Renaissance halten. Philippe versucht deshalb etwas ausgesprochen Raffiniertes: Er möchte Macrons Erbe antreten, ohne als Macronist wahrgenommen zu werden.

    Gewissermassen Macronismus ohne Macron.

    Coca-Cola ohne Zucker.

    Frankreich ohne französisches Haushaltsdefizit.

    Man darf gespannt sein, welches dieser drei Projekte am schwierigsten umzusetzen ist.

    Gabriel Attal: Macronismus mit Jugendfilter

    Gabriel Attal hat ein anderes Problem.

    Er kann schlecht behaupten, mit dem Macronismus nichts zu tun zu haben. Seine Karriere ist mit diesem politischen System so eng verbunden, dass eine vollständige Abgrenzung ungefähr so überzeugend wäre, wie wenn ein Mitglied der königlichen Familie plötzlich seine republikanische Vergangenheit entdeckte.

    Also versucht Attal etwas anderes.

    Er verkauft Erneuerung.

    Jünger. Schneller. Schärfer. Moderner.

    Wo Philippe Staatsmann ausstrahlen möchte, produziert Attal Energie. Wo Philippe Erfahrung verkauft, verkauft Attal Generationenwechsel.

    Die Verpackung unterscheidet sich erheblich.

    Beim Inhalt wird es schwieriger.

    Europa? Natürlich.

    Wirtschaftsreformen? Selbstverständlich.

    Staatsausgaben reduzieren? Aber sicher.

    Migration stärker kontrollieren? Gewiss.

    Frankreich modernisieren? Immer.

    Man könnte beinahe den Verdacht bekommen, dass sich hier nicht zwei politische Projekte bekämpfen, sondern zwei Marketingabteilungen mit demselben Produkt.

    Philippe verkauft Macronismus in dunkelblauem Anzug.

    Attal verkauft ihn mit hochgekrempelten Ärmeln.

    Wer möchte eigentlich noch Macronismus?

    Und damit kommen wir zum unangenehmen Teil dieser Familienfeier.

    Was genau gibt es eigentlich zu erben?

    Macron hinterlässt zweifellos politische Erfolge. Frankreich gewann zeitweise erheblich an Attraktivität für internationale Investoren. Der Arbeitsmarkt entwickelte sich über weite Strecken günstiger als zuvor. Reformen, vor denen frühere Regierungen zurückgeschreckt waren, wurden tatsächlich umgesetzt. In Europa gewann Frankreich unter Macron zeitweise beträchtlichen Einfluss.

    Doch zum Erbe gehört eben auch der Rest.

    Eine massiv angewachsene Staatsverschuldung. Ein strukturelles Defizitproblem. Eine fragmentierte Parteienlandschaft. Die politischen Folgen der Auflösung der Nationalversammlung 2024. Eine Gesellschaft, in der das Misstrauen gegenüber Institutionen und politischen Eliten tief sitzt.

    Das politische Testament Emmanuel Macrons besteht deshalb nicht nur aus Familiensilber.

    Im Keller stehen auch ein paar Rechnungen.

    Philippe und Attal hätten gerne das Silber.

    Über die Rechnungen würden sie lieber später sprechen.

    Zwei Kandidaten, ein Karpfenteich

    Besonders grotesk wird die Sache bei der strategischen Frage.

    Denn Philippe und Attal fischen weitgehend im selben politischen Becken.

    Liberale Bürgerliche. Proeuropäische Wähler. Gemässigte Konservative. Teile der urbanen Mittelschicht. Sozialliberale. Macron-Wähler.

    Das Problem ist nur: Dieser Teich wird nicht grösser, bloss weil zwei Männer gleichzeitig hineinspringen.

    Im Gegenteil.

    Sollten Philippe und Attal tatsächlich beide kandidieren, könnten sie einander Stimmen abnehmen und damit genau das produzieren, was sie angeblich verhindern wollen: einen zweiten Wahlgang ohne Vertreter des politischen Zentrums.

    Das wäre die vollendete Ironie des Macronismus.

    Eine politische Bewegung, die 2017 antrat, um das alte Parteiensystem zu überwinden, könnte zehn Jahre später daran scheitern, dass ihre Erben sich nicht einigen können, wer von ihnen der wichtigste Mann im Raum ist.

    Und über allem schwebt Macron

    Dann wäre da noch der Mann, dessen Erbe angeblich verteilt werden soll.

    Emmanuel Macron.

    Er ist noch Präsident. Und wer glaubt, ein Politiker dieses Formats werde die Auswahl seines möglichen Nachfolgers mit der emotionalen Distanz eines pensionierten Briefmarkensammlers beobachten, besitzt ein bemerkenswert romantisches Verständnis von Macht.

    Macrons Haltung kann entscheidend werden.

    Wen unterstützt er?

    Wen unterstützt er gerade nicht?

    Wem gewährt der Élysée Zugang?

    Wer wird demonstrativ auf Abstand gehalten?

    Und was geschieht, wenn plötzlich noch jemand auftaucht, der dem Präsidenten besser gefällt als seine beiden ehemaligen Regierungschefs?

    Genau deshalb ist dieser Erbstreit so delikat. Philippe und Attal müssen Macron nahe genug bleiben, um seine Wähler und politischen Netzwerke zu übernehmen – und gleichzeitig weit genug von ihm wegrücken, damit niemand auf die Idee kommt, sie seien bloss die dritte Staffel derselben Serie.

    Das politische Kunststück lautet:

    Danke für alles, Emmanuel.

    Und jetzt bitte verschwinde aus meinem Wahlkampf.

    Frankreich braucht keinen Erben

    Vielleicht liegt genau darin das ganze Elend dieser Debatte.

    Frankreich wählt 2027 keinen Kronprinzen.

    Es wählt einen neuen Präsidenten.

    Das klingt banal. Doch Philippe und Attal müssen erst beweisen, dass sie diesen Unterschied verstanden haben.

    Ein Land mit enormen finanzpolitischen Problemen, gesellschaftlichen Spannungen, einer schwierigen Sicherheitslage, ungelösten Migrationsfragen, einem angeschlagenen Parteiensystem und einer dramatisch veränderten europäischen Sicherheitsordnung braucht keine endlose Diskussion darüber, welcher ehemalige Premierminister das authentischere politische Kind Emmanuel Macrons ist.

    Es braucht Antworten.

    Und zwar ziemlich schnell.

    Bislang erinnert die Auseinandersetzung zwischen Philippe und Attal allerdings weniger an den grossen Wettbewerb zweier Zukunftsentwürfe als an zwei Brüder, die sich vor der Testamentseröffnung bereits darüber streiten, wer Grossvaters Uhr bekommt.

    Dabei haben beide ein Problem übersehen:

    Vielleicht möchte Frankreich die Uhr gar nicht mehr.

    Das wird die eigentliche Frage von 2027 sein.

    Nicht, wer Macron beerbt.

    Sondern ob nach zehn Jahren Macron überhaupt noch jemand einen Macron-Erben bestellen möchte.

    Daniel Ivers

  • Mélenchons überraschende Schwachstelle: Für die Präsidentschaftskandidatur fehlen ihm noch rund 300 Zusagen

    Mélenchons überraschende Schwachstelle: Für die Präsidentschaftskandidatur fehlen ihm noch rund 300 Zusagen

    Jean-Luc Mélenchon gehört zu den bekanntesten Politikern Frankreichs und erreichte bei der Präsidentschaftswahl 2022 fast acht Millionen Stimmen. Doch auf dem Weg zur Wahl 2027 stößt der Kandidat von La France insoumise auf ein Problem, das weniger mit Umfragen als mit den institutionellen Regeln der Fünften Republik zu tun hat. Nach am 2. September bekanntgewordenen Informationen verfügt Mélenchon bislang lediglich über etwas mehr als 200 Zusagen von Mandatsträgern. Er benötigt mindestens 500 gültige Unterstützungen, damit seine Kandidatur zugelassen werden kann. Die Zahl ist für einen Politiker seiner Bekanntheit bemerkenswert. Sie bedeutet allerdings keineswegs, dass Mélenchons Kandidatur bereits gefährdet wäre. Bis zum ersten Wahlgang am 18. April 2027 bleibt noch erhebliche Zeit. Dennoch macht der schleppende Beginn der Sammlung eine strukturelle Schwäche der französischen radikalen Linken sichtbar: Ihre Stärke an der Wahlurne steht einem vergleichsweise dünnen Netz kommunaler und…

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  • Frankreich will die Schulferien neu ordnen – und damit den Alltag von Millionen Familien verändern

    Frankreich will die Schulferien neu ordnen – und damit den Alltag von Millionen Familien verändern

    Späterer Unterrichtsbeginn, kürzere Schultage, fünf Schultage in der Grundschule und eine Neuordnung der Ferien: Frankreich diskutiert über einen tiefgreifenden Umbau seines Schulrhythmus. Im gerade begonnenen Schuljahr 2026/27 bleibt zwar alles beim Alten. Doch die Vorschläge einer Bürgerkonvention haben eine Debatte angestoßen, die weit über Bildungspolitik hinausreicht – und im Präsidentschaftswahlkampf 2027 neue Bedeutung gewinnen dürfte. Kaum eine staatliche Regelung greift so unmittelbar in den Alltag französischer Familien ein wie der calendrier scolaire. Er bestimmt nicht nur, wann Kinder Unterricht haben. An ihm hängen die Urlaubsplanung der Eltern, kommunale Betreuungsangebote, die Auslastung von Ferienorten und Wintersportgebieten sowie ein Teil der Verkehrsströme des Landes. Entsprechend heikel ist jeder Versuch, den französischen Schulkalender grundlegend zu verändern. Doch genau darüber wird inzwischen diskutiert. Ausgangspunkt ist die im November 2025 abgeschlossene Conv…

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  • Frankreich liebt seine Lehrer. Es möchte sie nur nicht bezahlen.

    Frankreich liebt seine Lehrer. Es möchte sie nur nicht bezahlen.

    Kommentar

    Frankreich liebt seine Lehrer. Wirklich. Die Republik liebt sie geradezu hingebungsvoll.

    Sie liebt sie in Sonntagsreden. Sie liebt sie bei Schuljahresbeginn. Sie liebt sie nach Krisen, nach Anschlägen, nach Ausschreitungen, nach schlechten Pisa-Ergebnissen und immer dann, wenn irgendwo jemand erklären muss, dass Bildung selbstverständlich die oberste Priorität der Nation sei.

    Frankreich liebt seine Lehrer so sehr, dass es ihnen immer neue Aufgaben schenkt.

    Nur Geld schenkt es ihnen ungern.

    Das wäre vermutlich zu gewöhnlich.

    Lehrer sollen schließlich nicht wegen des Geldes Lehrer werden. Sie sollen Lehrer werden, weil sie an die Republik glauben, an die Jugend, an Voltaire, Victor Hugo, die Aufklärung, die Chancengleichheit und wahrscheinlich auch ein wenig an die Unsterblichkeit der französischen Verwaltung.

    Die Vermieter in Paris haben für solche republikanischen Ideale bedauerlicherweise wenig Verständnis.

    Sie bevorzugen Überweisungen.

    Und damit sind wir beim Problem.

    Die Republik bezahlt in Wertschätzung

    Jahrelang konnte man die französische Lehrerschaft mit einem bemerkenswert einfachen politischen Geschäftsmodell verwalten: Der Staat lieferte Anerkennung in Worten, die Lehrer lieferten Unterricht in Wirklichkeit.

    Das war günstig.

    „Sie leisten eine unverzichtbare Arbeit.“

    Danke.

    „Sie sind das Rückgrat unserer Republik.“

    Sehr freundlich.

    „Sie bereiten unsere Kinder auf die Zukunft vor.“

    Wunderbar.

    Und jetzt bitte wieder zurück ins Klassenzimmer.

    Das Wort „Wertschätzung“ gehört überhaupt zu den genialsten Erfindungen moderner Haushaltspolitik. Wertschätzung ist steuerfrei, schuldenbremsenkompatibel und verursacht keinerlei Personalkosten.

    Man kann damit ganze Berufsgruppen bezahlen.

    Zumindest rhetorisch.

    Dann kam die Inflation.

    Und plötzlich stellte sich heraus, dass der Supermarkt keine Wertschätzung akzeptiert.

    An der Kasse von Carrefour funktioniert republikanisches Pathos ungefähr so gut wie eine abgelaufene Kreditkarte. Auch der Stromversorger zeigt sich erstaunlich unbeeindruckt von der gesellschaftlichen Bedeutung des Lehrerberufs.

    Und ein Vermieter senkt die Miete nur selten, weil sein Mieter täglich die Werte der Republik vermittelt.

    So grausam kann Marktwirtschaft sein.

    Emmanuel Macron und die wundersame Vermehrung der Prämien

    Natürlich hat der Staat reagiert.

    Es gab Aufwertungen. Prämien. Zulagen. Maßnahmen. Pakete. Weitere Maßnahmen. Neue Pakete.

    Die französische Politik liebt Pakete fast so sehr wie Reformen.

    Besonders praktisch sind Prämien. Eine Prämie kann politisch als Gehaltserhöhung präsentiert werden, ohne das gesamte Besoldungssystem grundsätzlich verändern zu müssen.

    Und so entstand jene besondere Form staatlicher Großzügigkeit, bei der der Empfänger zunächst eine Broschüre benötigt, um herauszufinden, ob er überhaupt großzügig bedacht wurde.

    Unter Emmanuel Macron ist diese Logik besonders sichtbar geworden: mehr Differenzierung, mehr Prämien, zusätzliche Vergütung für zusätzliche Aufgaben.

    Der Staat sagt damit im Grunde: Natürlich verdienen Lehrer mehr Geld.

    Sie müssen dafür nur noch ein bisschen mehr Lehrer sein.

    Wer zusätzliche Aufgaben übernimmt, Vertretungen leistet oder sich an bestimmten Programmen beteiligt, kann zusätzlich verdienen.

    Das klingt modern.

    Es klingt leistungsorientiert.

    Es klingt nach Management.

    Nur übersieht diese Logik eine Kleinigkeit: Viele Lehrer empfinden bereits ihre normale Arbeit als ständig ausgeweitet.

    Sie sollen unterrichten, fördern, dokumentieren, integrieren, digitalisieren, beraten, Konflikte lösen, Eltern beruhigen, Mobbing erkennen, Radikalisierung bemerken, Behinderungen berücksichtigen, psychische Probleme auffangen und möglichst verhindern, dass irgendein Kind auf dem Weg durch das Bildungssystem verloren geht.

    Und dann kommt der Staat und sagt:

    Wenn Sie mehr verdienen möchten, könnten Sie vielleicht noch etwas zusätzlich machen.

    Man muss die Eleganz dieses Gedankens bewundern.

    Der Lehrer als pädagogisches Schweizer Taschenmesser

    Der moderne französische Lehrer ist längst kein Lehrer mehr.

    Er ist Sozialarbeiter, Psychologe, Integrationshelfer, Verwaltungsangestellter, Medienpädagoge, Berufsberater, Konfliktmanager und gelegentlich Sicherheitsbeauftragter.

    Zwischendurch unterrichtet er.

    Das ist allerdings fast schon nostalgisch.

    Die Schule soll heute Probleme lösen, die weit außerhalb der Schule entstehen.

    Wenn Integration nicht funktioniert: Schule.

    Wenn Jugendliche Schwierigkeiten mit sozialen Medien haben: Schule.

    Wenn Gewalt zunimmt: Schule.

    Wenn republikanische Werte erodieren: Schule.

    Wenn soziale Ungleichheit wächst: Schule.

    Wenn Kinder psychisch belastet sind: Schule.

    Wenn Eltern überfordert sind: Schule.

    Wenn die Demokratie Nachwuchsprobleme bekommt: natürlich Schule.

    Das Klassenzimmer ist die Reparaturwerkstatt der französischen Gesellschaft geworden.

    Nur beim Mechaniker diskutiert man weiterhin darüber, ob eine ordentliche Bezahlung womöglich seine intrinsische Motivation beschädigen könnte.

    Bitte retten Sie die Republik – Ihre Wohnung ist leider Ihr Problem

    Besonders hübsch wird diese Politik in Paris und anderen teuren Ballungsräumen.

    Dort darf ein junger Lehrer eine praktische Einführung in Volkswirtschaftslehre absolvieren.

    Kapitel eins: Angebot und Nachfrage.

    Kapitel zwei: Wohnungsmarkt.

    Kapitel drei: Warum Ihr Gehalt nicht reicht.

    Ein junger Akademiker wird vom Staat dorthin geschickt, wo Lehrer benötigt werden, und stellt anschließend fest, dass die Wohnkosten einen beträchtlichen Teil seines Einkommens verschlingen.

    Das ist immerhin pädagogisch wertvoll.

    So lernt er unmittelbar, was Kaufkraft bedeutet.

    Vielleicht könnte man dies künftig als Fortbildung anerkennen.

    Denn natürlich kann man jungen Menschen weiterhin erzählen, der Lehrerberuf sei attraktiv.

    Man darf sich nur nicht wundern, wenn sie nachrechnen.

    Und junge Akademiker können rechnen.

    Das ist für die Personalpolitik des Bildungsministeriums bedauerlich.

    Sie vergleichen nämlich.

    Sie sehen Freunde aus ihrem Studium, die in Unternehmen, Verwaltungen oder anderen qualifizierten Berufen arbeiten. Sie vergleichen Gehälter, Entwicklungsmöglichkeiten, Arbeitsbedingungen und gesellschaftlichen Status.

    Dann hören sie, Lehrer hätten immerhin viele Ferien.

    Das dürfte helfen.

    Und wenn niemand kommt, nimmt man Contractuels

    Der vielleicht aufschlussreichste Teil der französischen Bildungskrise ist der wachsende Rückgriff auf Vertragslehrer.

    Die contractuels sind nicht das Problem. Viele von ihnen leisten engagierte und professionelle Arbeit unter schwierigen Bedingungen.

    Sie sind vielmehr das Symptom.

    Wenn sich nicht genügend Menschen für einen Beruf finden, gäbe es theoretisch eine naheliegende Reaktion: Man macht den Beruf attraktiver.

    Frankreich hat eine weitere Möglichkeit entdeckt:

    Man verändert die Art, wie man Menschen hineinbekommt.

    Wo der klassische Weg über den Concours nicht genügend Lehrer hervorbringt, helfen Vertragskräfte, die Lücken zu schließen.

    Das ist pragmatisch.

    Ein Loch ist da. Ein Mensch wird hineingestellt. Das Loch ist weg.

    Voilà.

    Nur verschwindet dadurch nicht die Frage, warum das Loch überhaupt entstanden ist.

    Ein Bildungssystem, das zunehmend Schwierigkeiten hat, genügend qualifizierte Bewerber für seine regulären Laufbahnen zu gewinnen, sollte vielleicht weniger darüber nachdenken, wie man Personalengpässe verwaltet, und mehr darüber, warum Menschen diesen Beruf meiden.

    Es könnte dabei auf eine unangenehme Antwort stoßen.

    Vielleicht ist der Beruf tatsächlich nicht attraktiv genug.

    Die große französische Überraschung: Menschen arbeiten auch für Geld

    Hier berührt die Debatte ein fast philosophisches Problem.

    Von Lehrern erwartet die Gesellschaft traditionell eine besondere moralische Haltung.

    Ein Banker darf wegen des Geldes arbeiten.

    Ein Unternehmensberater darf Karriere machen wollen.

    Ein Manager darf seinen Bonus interessant finden.

    Ein Ingenieur darf ein höheres Gehalt verlangen.

    Aber beim Lehrer wird plötzlich Rousseau hervorgeholt.

    Der Lehrer soll berufen sein.

    Er soll dienen.

    Er soll Sinn suchen.

    Er soll seine Arbeit lieben.

    Das darf er selbstverständlich.

    Nur sollte man aus seiner Berufung kein staatliches Rabattprogramm machen.

    Gerade Berufe mit hoher gesellschaftlicher Bedeutung sind besonders anfällig für diese moralische Erpressung: Weil deine Arbeit wichtig ist, solltest du weniger auf das Geld achten.

    Man könnte die Logik auch umdrehen.

    Weil die Arbeit wichtig ist, sollte der Staat besonders darauf achten, dass sie angemessen bezahlt wird.

    Das wäre allerdings weniger poetisch.

    Und teurer.

    Was kostet eigentlich ein verlorener Lehrer?

    Bei jeder Gehaltserhöhung wird nach den Kosten gefragt.

    Völlig zu Recht.

    Öffentliche Haushalte bestehen nicht aus Konfetti. Frankreich trägt eine hohe Staatsverschuldung, die öffentlichen Ausgaben sind beträchtlich, und kein Finanzminister kann Milliarden einfach aus republikanischer Begeisterung erschaffen.

    Aber die interessante Frage lautet nicht nur:

    Was kostet eine bessere Bezahlung?

    Sie lautet auch:

    Was kostet schlechte Bezahlung?

    Was kostet es, wenn Stellen unbesetzt bleiben?

    Was kostet es, wenn Unterricht ausfällt?

    Was kostet es, wenn erfahrene Lehrer den Beruf verlassen?

    Was kostet es, wenn junge Talente sich gar nicht erst bewerben?

    Was kostet es, wenn Schulen in schwierigen Vierteln ständig neues Personal suchen?

    Und was kostet eine Republik langfristig, wenn ausgerechnet jene Institution an Attraktivität verliert, die soziale Unterschiede wenigstens teilweise ausgleichen soll?

    Diese Kosten erscheinen auf keiner monatlichen Gehaltsabrechnung.

    Aber sie existieren.

    Macron kann die Mathematik nicht wegmoderieren

    Emmanuel Macron hat Frankreich gern als eine Nation beschrieben, die sich transformieren müsse.

    Transformation ist eines jener herrlichen politischen Wörter, bei denen immer jemand transformiert wird.

    Bei den Lehrern bedeutete Transformation in den vergangenen Jahren häufig: neue Anforderungen, neue Programme, neue Instrumente, neue Erwartungen.

    Doch ein Staat kann seinen Bildungssektor nicht dauerhaft modernisieren, indem er die Menschen darin zu einer Art pädagogischer Verschleißmasse macht.

    Eine Schule ist keine App.

    Ein Lehrer lässt sich nicht mit einem Software-Update produktiver machen.

    Und Personalpolitik lässt sich nicht dauerhaft durch Kommunikation ersetzen.

    Man kann eine Pressekonferenz veranstalten.

    Man kann eine „historische Aufwertung“ verkünden.

    Man kann erklären, dass Bildung höchste Priorität habe.

    Man kann Programme benennen, Pakte schließen und Prämien verteilen.

    Am Monatsende bleibt trotzdem eine Zahl.

    Lehrer sind beruflich sogar besonders gut darauf vorbereitet, Zahlen zu verstehen.

    Frankreich bekommt die Schule, für die es bezahlt

    Das Gehalt ist deshalb längst mehr als eine gewerkschaftliche Forderung.

    Es ist ein politisches Misstrauensvotum.

    Nicht gegen die Schule.

    Sondern gegen die Vorstellung, dass man die Bedeutung eines Berufs jahrzehntelang rhetorisch erhöhen und seinen relativen materiellen Status gleichzeitig vernachlässigen könne.

    Die Inflation hat diesen Widerspruch brutal sichtbar gemacht.

    Plötzlich kostet der Wocheneinkauf mehr. Die Energie kostet mehr. Das Wohnen kostet mehr. Das Leben kostet mehr.

    Und die republikanische Anerkennung?

    Die bleibt erfreulich preisstabil.

    Vielleicht liegt darin die bitterste Pointe.

    Frankreich diskutiert seit Jahren über die Krise seiner Schule. Über Niveauverlust. Lehrermangel. Gewalt. Ungleichheit. Disziplin. Integration. Autorität. Pisa. Digitalisierung. Reformen.

    Es wird untersucht, evaluiert, reformiert und erneut evaluiert.

    Nur die einfachste Frage wirkt beinahe unanständig:

    Warum sollte ein hochqualifizierter junger Mensch heute Lehrer werden?

    Nicht aus Patriotismus.

    Nicht aus Pflichtgefühl.

    Nicht wegen der langen Sommerferien, die bekanntlich jeden Abend mit Korrekturen, Vorbereitungen und Konferenzen magisch verschwinden lassen.

    Sondern als vernünftige Lebensentscheidung.

    Darauf braucht Frankreich eine überzeugende Antwort.

    Denn man kann Lehrer durchaus jahrelang mit Anerkennung bezahlen.

    Man kann ihnen erklären, wie wichtig sie sind.

    Man kann sie Helden des Alltags nennen.

    Man kann ihnen die Zukunft der Kinder, den sozialen Frieden und nebenbei die Werte der Republik auf die Schultern legen.

    Nur sollte man sich anschließend nicht überrascht zeigen, wenn diese Lehrer irgendwann eine geradezu unpädagogische Frage stellen:

    Was bekomme ich eigentlich dafür?

    Das ist keine Gier.

    Es ist auch kein Verrat am Ideal des Lehrerberufs.

    Es ist die Rechnung, die nach Jahren politischer Sonntagsreden auf dem Tisch liegt.

    Und Frankreich sollte sie bezahlen.

    Denn die Alternative wäre die teuerste Sparmaßnahme von allen:

    eine Republik, die bei ihren Lehrern spart und eines Tages feststellen muss, dass sie damit an ihrer eigenen Zukunft gespart hat.

    Von Andreas Brucker

  • Édouard Balladur ist tot: Mit ihm verschwindet eine politische Kultur der französischen Rechten

    Édouard Balladur ist tot: Mit ihm verschwindet eine politische Kultur der französischen Rechten

    Frankreich verliert mit Édouard Balladur einen der letzten unmittelbaren Vertreter der politischen Generation Georges Pompidous. Der frühere Premierminister starb am 31. August 2026 im Alter von 97 Jahren in Paris. Präsident Emmanuel Macron würdigte ihn als einen Mann, der sein Leben der Fünften Republik gewidmet habe: Balladur habe „Frankreich im Herzen“ getragen und sei dessen „anspruchsvoller, maßvoller und hingebungsvoller Diener“ gewesen. Die Worte treffen einen wesentlichen Zug seiner politischen Biografie. Balladur verkörperte eine Rechte, die wirtschaftlichen Liberalismus, staatliche Autorität und institutionelle Zurückhaltung miteinander zu verbinden suchte – und die im heutigen Frankreich nur noch schwer wiederzuerkennen ist. Ein Mann der Fünften Republik Balladurs Lebensweg war eng mit den Institutionen verbunden, die Charles de Gaulle 1958 geschaffen hatte. Geboren wurde er 1929 im damals noch Smyrna genannten Izmir. Nach seiner Ausbildung an der Elitehochschule ENA trat er…

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  • Frankreichs letzte Rechnung vor 2027: Lecornu verspricht Sparen ohne Steuererhöhungen

    Frankreichs letzte Rechnung vor 2027: Lecornu verspricht Sparen ohne Steuererhöhungen

    Frankreich beginnt den politischen Herbst mit einem Versprechen, das ebenso einleuchtend wie schwer einzulösen ist: Der Staat soll seine Finanzen ordnen, ohne die Steuern zu erhöhen. Premierminister Sébastien Lecornu kündigt für den Haushalt 2027 Ausgabendisziplin an, verspricht zugleich Hilfen für die von Dürre und Hitze getroffene Landwirtschaft, Entlastungen bei hohen Energiepreisen und Schutz für kleinere Renten. Im Gesundheitswesen sollen dagegen Missbrauch bekämpft und wenig wirksame Ausgaben überprüft werden. Jede einzelne dieser Ankündigungen lässt sich begründen. Zusammengenommen ergeben sie jedoch das alte französische Dilemma: Der Staat soll weniger kosten und gleichzeitig dort stärker eingreifen, wo wirtschaftliche und soziale Härten auftreten. Kurz vor der Präsidentschaftswahl von 2027 wird daraus nicht nur eine finanzpolitische, sondern eine politische Bewährungsprobe. Die Grenzen des französischen Staatsmodells Lecornus zentrale Botschaft lautet, dass der Haushalt 2027 k…

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  • Kommentar: Wo bitte geht die Reise hin? Frankreich fährt – und keiner sitzt mehr am Steuer

    Kommentar: Wo bitte geht die Reise hin? Frankreich fährt – und keiner sitzt mehr am Steuer

    Frankreich steht vor einer bemerkenswerten politischen Entdeckung: Wenn man ein Problem lange genug ignoriert, verschwindet es nicht. Es wird Präsidentin. Oder Präsident.

    Der Satz stammt natürlich nicht aus einem Lehrbuch der Politikwissenschaft. Aber er könnte irgendwann als Kurzfassung jener Jahre dienen, in denen Frankreichs politische Mitte zusah, wie der Rassemblement national vom politischen Schmuddelkind zum Favoriten auf den Élysée-Palast wurde.

    William Thay, Präsident des gaullistischen Think-Tanks Le Millénaire, fasst die Lage mit bemerkenswerter Nüchternheit zusammen: «Jamais le RN n’a enregistré de tels scores dans les sondages.» Auf Deutsch: Noch nie hat der RN in den Umfragen derart hohe Werte erreicht.

    Und tatsächlich: Das ist keine rhetorische Übertreibung.

    Ipsos BVA ermittelte im Juni für die Präsidentschaftswahl 2027 je nach Konstellation 31 bis 36 Prozent für Marine Le Pen beziehungsweise Jordan Bardella. Ifop sah Bardella bereits im Februar bei 36 Prozent, zwanzig Punkte vor Édouard Philippe. Nach Marine Le Pens Kandidaturerklärung im Juli maß Ifop auch sie bei 36 Prozent. OpinionWay kam im Juni auf 33 bis 35 Prozent für einen RN-Kandidaten.

    Das sind keine Messfehler mehr. Das ist eine politische Landschaft.

    Die Republik entdeckt plötzlich die Republik

    Natürlich beginnt jetzt wieder das große französische Ritual.

    Man wird warnen.

    Man wird appellieren.

    Man wird zur Verteidigung der Republik aufrufen.

    Man wird erklären, dass eine Wahl des RN eine historische Zäsur wäre.

    Und vermutlich wird man dabei vergessen zu erwähnen, dass historische Zäsuren die lästige Eigenschaft haben, eine Vorgeschichte zu besitzen.

    Der Aufstieg des RN ist schließlich nicht gestern Nachmittag zwischen Café und Apéritif vom Himmel gefallen. Marine Le Pen erreichte bereits 2017 die Stichwahl. 2022 kam sie wieder hinein und erhielt dort gut 41 Prozent. Bei der Europawahl 2024 wurde der RN mit 31,4 Prozent stärkste französische Kraft. Emmanuel Macron reagierte darauf mit der Auflösung der Nationalversammlung.

    Man könnte sagen: Frankreich bekam mehrere Warnschüsse.

    Die politische Klasse interpretierte sie offenbar als Startsignal.

    Seitdem wird diskutiert, taktiert, koaliert, nicht koaliert, abgegrenzt, wieder angenähert, eine Regierung gebildet, eine Regierung bekämpft und anschließend darüber geklagt, dass die Franzosen das Vertrauen in die Politik verlieren.

    Eine geradezu verblüffende Entwicklung.

    Macron wollte die Extreme austrocknen

    Emmanuel Macron war 2017 mit einem geradezu napoleonischen politischen Versprechen angetreten: Die alte Links-rechts-Ordnung sollte überwunden werden.

    Das funktionierte ausgezeichnet.

    Die alte Ordnung wurde tatsächlich überwunden.

    Nur entstand an ihrer Stelle nicht das erhoffte stabile liberale Zentrum, sondern eine politische Landschaft, in der links Jean-Luc Mélenchon und rechts der RN gedeihen, während die traditionelle Regierungsmitte zunehmend aussieht wie eine Eigentümerversammlung nach einem Rohrbruch.

    Macron hatte Sozialisten und Republikaner politisch kannibalisiert. Viele ihrer moderaten Wähler sammelte er in einem großen Zentrum.

    Das Problem dieser Konstruktion zeigte sich erst später: Ein politisches Zentrum, das fast vollständig um einen Präsidenten herum organisiert ist, besitzt ein eingebautes Verfallsdatum.

    Und dieses Datum heißt 2027.

    Macron darf nach zwei aufeinanderfolgenden Amtszeiten nicht erneut antreten. Was von seinem politischen Lager übrig bleibt, muss nun herausfinden, ob Macronismus ohne Macron ungefähr so gut funktioniert wie Gaullismus ohne de Gaulle.

    Die ersten Feldversuche sind überschaubar ermutigend.

    Édouard Philippe, Gabriel Attal und andere Vertreter des Zentrums konkurrieren um dasselbe politische Erbe. In aktuellen Erhebungen liegt Philippe zwar vor seinen zentristischen Konkurrenten, aber deutlich hinter dem RN. Ipsos sah ihn je nach Konstellation bei 13 bis 19 Prozent, während der RN 31 bis 36 Prozent erreichte.

    Das ist kein Abstand.

    Das ist eine Postleitzahl.

    Und nun kopieren alle das Original

    Besonders faszinierend ist die Reaktion der politischen Konkurrenz.

    Wenn eine Partei wegen Migration, innerer Sicherheit und Identitätsfragen immer stärker wird, gäbe es theoretisch zwei Möglichkeiten.

    Man könnte ihre Diagnose grundsätzlich bestreiten.

    Oder man könnte die Probleme anerkennen und eigene glaubwürdige Lösungen entwickeln.

    Frankreich hat eine dritte Möglichkeit entdeckt: Man übernimmt möglichst viel von der Sprache des RN und hofft gleichzeitig, dass niemand den RN wählt.

    Selbst Vertreter des politischen Zentrums verschärfen inzwischen ihre migrationspolitische Rhetorik. Édouard Philippe und Gabriel Attal haben im Vorfeld der Wahl 2027 deutlich restriktivere Positionen formuliert; Philippe fordert unter anderem einen europäischen Mechanismus gegen groß angelegte Regularisierungen illegal Eingewanderter, Attal spricht über Quoten und Verfassungsänderungen.

    Die Botschaft an den Bürger lautet damit ungefähr:

    Der RN übertreibt maßlos.

    Aber leider hat er mit einigen Problemen recht.

    Seine Lösungen sind gefährlich.

    Deshalb übernehmen wir vorsichtshalber einen Teil davon.

    Aber bitte wählen Sie trotzdem uns.

    Marketingexperten würden von einer schwierigen Markenstrategie sprechen.

    Der Front républicain ist müde geworden

    Jahrzehntelang besaß Frankreich einen politischen Notausgang: den front républicain.

    Wenn der Front national beziehungsweise später der RN einer Machtposition gefährlich nahekam, stellten sich andere Parteien im entscheidenden Moment gegen ihn.

    Das berühmteste Beispiel war 2002.

    Jean-Marie Le Pen erreichte überraschend die Stichwahl gegen Jacques Chirac. Frankreich reagierte mit einer republikanischen Mobilmachung. Chirac gewann mit 82,2 Prozent.

    Das war vor 24 Jahren.

    Politisch betrachtet könnte es auch das Pleistozän gewesen sein.

    Heute funktioniert dieser Mechanismus immer schlechter. Das liegt nicht nur daran, dass der RN seine Außendarstellung systematisch normalisiert hat. Es liegt auch daran, dass sich die politischen Lager gegenseitig inzwischen teilweise für ebenso gefährlich halten wie den RN.

    Rechte Wähler wollen keinen Kandidaten der radikalen Linken unterstützen. Linke Wähler sehen wiederum wenig Grund, einem konservativen oder macronistischen Kandidaten automatisch ihre Stimme zu geben.

    Das republikanische Bollwerk steht also noch.

    Nur fehlen inzwischen ein paar Mauern.

    Marine Le Pen musste gar nicht gemäßigt werden

    Besonders erfolgreich war die sogenannte dédiabolisation, die Entdämonisierung des RN.

    Marine Le Pen musste dafür keineswegs plötzlich zur liberalen Europäerin werden.

    Es genügte, weniger erschreckend zu wirken als früher.

    Keine besonders hohe Hürde, wenn der Vergleichsmaßstab Jean-Marie Le Pen heißt.

    Der RN tauschte Provokationen gegen Professionalität, politische Außenseiter gegen Abgeordnete, Radikalität in der Verpackung gegen staatstragende Fernsehbilder. Jordan Bardella perfektionierte diese Strategie weiter: jung, diszipliniert, medientauglich, selten aus der Ruhe zu bringen.

    Die eigentliche Leistung des RN besteht inzwischen darin, gleichzeitig Protestpartei und etablierte Machtpartei spielen zu können.

    Man ist gegen «das System» – und verfügt über eine große Fraktion in der Nationalversammlung.

    Man bekämpft die politische Elite – und sitzt seit Jahren im Europäischen Parlament.

    Man inszeniert sich als rebellische Alternative – und bereitet sich sehr professionell auf die Übernahme der Präsidentschaft vor.

    Revolution mit Spesenabrechnung.

    Vielleicht liegt es doch nicht nur am RN

    Die bequemste Erklärung für den Aufstieg des RN lautet, Frankreich sei nach rechts gerückt.

    Das ist nicht völlig falsch.

    Aber es ist zu einfach.

    Denn Parteien wachsen nicht nur aufgrund ihrer eigenen Stärke. Sie wachsen auch aufgrund der Schwäche ihrer Gegner.

    Die französische Linke bleibt tief gespalten. Jean-Luc Mélenchon, Raphaël Glucksmann, Sozialisten, Grüne und Kommunisten konkurrieren um unterschiedliche Strategien und Wählerschichten. Le Monde beschreibt das Feld für 2027 weiterhin als fragmentiert; zugleich ringt das politische Zentrum um Macrons Nachfolge.

    Damit entsteht eine eigentümliche Situation.

    Der RN braucht womöglich gar keine absolute gesellschaftliche Mehrheit.

    Er benötigt nur genügend Stimmen in einem Land, dessen politische Konkurrenz sich zuverlässig selbst zerlegt.

    Das ist demokratisch vollkommen legitim.

    Und politisch ziemlich effizient.

    Aber es sind doch nur Umfragen!

    Natürlich.

    Dieser Satz darf nicht fehlen.

    Umfragen sind Momentaufnahmen. Kandidaturen können sich verändern. Wahlkämpfe können Dynamiken erzeugen. Skandale, wirtschaftliche Entwicklungen, internationale Krisen und die Wahlbeteiligung können Prognosen innerhalb weniger Monate zerlegen.

    Le Monde hat historische Präsidentschaftsumfragen untersucht und darauf hingewiesen, wie unzuverlässig insbesondere Stichwahlprognosen ein Jahr vor französischen Präsidentschaftswahlen sein können.

    Wer also heute behauptet, Marine Le Pen werde 2027 sicher Präsidentin, betreibt Kaffeesatzleserei mit Prozentzeichen.

    Doch genauso unseriös wäre die gegenteilige Beruhigung.

    Denn wenn mehrere Institute über Monate hinweg einen RN-Kandidaten bei ungefähr einem Drittel der Stimmen sehen und der Abstand zur Konkurrenz teilweise enorm ist, kann man das nicht mehr mit einem höflichen «C’est un sondage» vom Tisch wischen.

    Die Frage lautet längst nicht mehr:

    Kann der RN 2027 gewinnen?

    Die Frage lautet:

    Wer kann ihn noch schlagen – und womit?

    Und genau an dieser Stelle wird es für Frankreich unangenehm.

    Denn gegen eine Protestpartei kann man mobilisieren.

    Gegen eine radikale Partei kann man eine republikanische Front errichten.

    Gegen eine Außenseiterpartei kann man auf Regierungserfahrung verweisen.

    Was aber tut man gegen eine Partei, die Millionen Franzosen inzwischen nicht mehr als Protest, sondern als mögliche Regierung betrachten?

    Vielleicht wäre es eine Idee, wieder Politik zu machen.

    Nicht TikTok-Politik. Nicht Empörungspolitik. Nicht jene Politik, bei der morgens ein Problem geleugnet, mittags eine Kommission eingesetzt und abends erklärt wird, man habe die Sorgen der Bevölkerung schon immer sehr ernst genommen.

    Politik also, bei der der Staat funktioniert.

    Bei der Haushaltszahlen nicht nur unangenehme Fußnoten europäischer Verträge sind. Bei der Migration weder als eingebildetes Problem noch als Untergang des Abendlandes behandelt wird. Bei der innere Sicherheit keine rhetorische Disziplin für Fernsehstudios ist. Bei der gesellschaftliche Integration eingefordert und ermöglicht wird. Und bei der politische Parteien den Bürger nicht erst am Wahlabend entdecken.

    William Thays Satz über die historischen Umfragewerte des RN ist deshalb weniger eine Nachricht über Marine Le Pen oder Jordan Bardella.

    Er ist eine Nachricht über Frankreichs übrige Parteien.

    Noch nie war der RN so stark.

    Aber vielleicht lautet die politisch interessantere Feststellung:

    Noch nie waren diejenigen, die ihn verhindern wollen, so ratlos darüber, warum er eigentlich so stark geworden ist.

    Und so fährt Frankreich Richtung 2027.

    Links streitet darüber, wer links genug ist.

    Das Zentrum streitet darüber, wer Macron beerben darf.

    Die traditionelle Rechte streitet darüber, wie viel RN man übernehmen kann, ohne RN zu heißen.

    Und der RN?

    Der muss im Augenblick vor allem eines tun:

    zuschauen.

    Die Reise geht weiter.

    Nur sollte sich Frankreich langsam erkundigen, wer eigentlich den Fahrplan geschrieben hat.

    Andreas M. Brucker

  • Frankreichs Budget 2027: Im Herbst schlägt die Stunde der Wahrheit

    Frankreichs Budget 2027: Im Herbst schlägt die Stunde der Wahrheit

    Frankreich kennt den Fahrplan für den Haushalt 2027. Was es nicht kennt, ist der politische Weg zu einer Mehrheit. Bis spätestens Anfang Oktober muss die Regierung ihren Entwurf für das kommende Haushaltsjahr der Nationalversammlung vorlegen. Danach beginnt ein parlamentarisches Verfahren, das auf dem Papier streng geregelt ist. Doch hinter den Fristen verbirgt sich eine weit grundsätzlichere Frage: Ist Frankreichs politisches System noch in der Lage, unter den Bedingungen eines fragmentierten Parlaments einen glaubwürdigen finanzpolitischen Kurs zu formulieren? Am 25. August ist der Projet de loi de finances pour 2027, kurz PLF 2027, noch nicht im Parlament eingebracht. Die entscheidenden Wochen beginnen erst im September. Aber schon jetzt zeichnet sich ab, dass dieser Haushalt weit mehr sein wird als eine Aufstellung von Einnahmen und Ausgaben. Er wird zum Belastungstest für Regierung, Parlament und letztlich für die Fähigkeit des französischen Staates, seine wachsenden finanziellen …

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