Schlagwort: Dürre

  • Hitzewelle verschärft sich: 37 Départements und mehr als ein Drittel der Franzosen weiter unter Alarmstufe Rot

    Hitzewelle verschärft sich: 37 Départements und mehr als ein Drittel der Franzosen weiter unter Alarmstufe Rot

    Frankreich erlebt eine der schwersten Hitzewellen der vergangenen Jahre. Auch am Montag bleibt die Lage äußerst angespannt: 37 Départements stehen weiterhin unter der höchsten Warnstufe Rot. Damit sind mehr als ein Drittel der Bevölkerung von den verschärften Schutzmaßnahmen betroffen. Die Temperaturen steigen vielerorts auf 38 bis 42 Grad, örtlich sogar darüber. Eine rasche Entspannung zeichnet sich bislang nicht ab.

    Besonders betroffen sind weite Teile der Landesmitte, die Region Île-de-France, das Rhônetal sowie zahlreiche Gebiete im Osten und Südosten des Landes. Bereits in den frühen Morgenstunden liegen die Temperaturen ungewöhnlich hoch. Gebäude und Wohnungen kühlen während der Nacht kaum noch aus, was die Belastung für viele Menschen zusätzlich erhöht. Vor allem die sogenannten tropischen Nächte setzen dem Körper stark zu, da ihm die dringend benötigte Erholungsphase fehlt.

    Die Gesundheitsbehörden warnen eindringlich vor den Folgen der anhaltenden Extremhitze. Ältere Menschen, Kleinkinder, chronisch Kranke und Beschäftigte, die im Freien arbeiten, zählen zu den besonders gefährdeten Gruppen. Krankenhäuser und Rettungsdienste verzeichnen bereits mehr Einsätze wegen Kreislaufproblemen, Dehydrierung und Hitzeschlägen. Zahlreiche Kommunen haben klimatisierte Aufenthaltsräume eingerichtet und appellieren an die Bevölkerung, insbesondere alleinlebende Seniorinnen und Senioren regelmäßig zu besuchen.

    Auch der Alltag gerät zunehmend aus dem Takt. Mehrere Städte passen die Öffnungszeiten öffentlicher Einrichtungen an, Baustellen ruhen während der heißesten Stunden des Tages und zahlreiche Sportveranstaltungen fallen aus oder finden zu späteren Tageszeiten statt. Arbeitgeber sind angehalten, Arbeitszeiten möglichst in die kühleren Morgenstunden zu verlegen und ihre Beschäftigten vor der extremen Hitze zu schützen.

    Gleichzeitig steigt die Waldbrandgefahr auf ein kritisches Niveau. Nach den Bränden der vergangenen Tage stehen Feuerwehren in vielen Regionen unter erhöhter Alarmbereitschaft. In mehreren Départements gelten bereits Zugangsbeschränkungen für besonders gefährdete Wald- und Naturgebiete. Aufgrund der anhaltenden Trockenheit genügt oft schon ein kleiner Funke, um einen neuen Brand auszulösen.

    Auch die Landwirtschaft kämpft mit den Folgen der außergewöhnlichen Wetterlage. Die Böden trocknen weiter aus, zahlreiche Kulturen geraten unter erheblichen Stress und vielerorts verschärfen die Behörden die Wasserbeschränkungen. Besonders Mais-, Obst- und Gemüseanbau könnten unter den ausbleibenden Niederschlägen erhebliche Ertragseinbußen erleiden.

    Meteorologen rechnen erst im Laufe der Woche mit einer langsamen Entspannung. Vereinzelte Gewitter könnten kurzfristig für Abkühlung sorgen, gleichzeitig drohen jedoch Starkregen, Hagel und schwere Sturmböen. Die aktuelle Hitzewelle verdeutlicht einmal mehr, dass extreme Wetterlagen in Frankreich längst kein Ausnahmefall mehr sind, sondern sich zunehmend zu einem prägenden Bestandteil der Sommermonate entwickeln.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Ohne Wasser wächst nichts mehr

    Ohne Wasser wächst nichts mehr

    Der Sommer meint es nicht gut mit Frankreichs Landwirtschaft. Kaum ist eine Hitzewelle vorbei, kündigt sich bereits die nächste an. Temperaturen jenseits der 35 Grad, ausgedörrte Böden und ausbleibender Regen prägen vielerorts den Alltag. Für Winzer, Gemüsebauern und Obstbauern fühlt sich das längst nicht mehr wie eine Ausnahme an. Es ist die neue Wirklichkeit – und sie verlangt den Betrieben alles ab.

    „Ohne Wasser können wir nichts anbauen.“ Dieser Satz fällt inzwischen auf vielen Höfen. Er klingt schlicht, beschreibt die Lage aber treffender als jede Statistik. Denn Wasser bildet die Grundlage jeder Ernte. Fehlt es über Wochen hinweg, geraten selbst erfahrene Landwirte an ihre Grenzen.

    Besonders deutlich zeigt sich die Entwicklung in den Weinbergen. Die Rebe galt über Jahrhunderte als genügsame Pflanze, die Trockenheit erstaunlich gut verkraftet. Doch inzwischen stößt auch sie an ihre Belastungsgrenze. Blätter verfärben sich früh, Trauben bekommen Sonnenbrand, ganze Rebstöcke leiden unter massivem Wassermangel.

    Für die Winzer beginnt damit ein Wettlauf gegen die Zeit. Bleiben die Beeren klein, sinkt automatisch der Ertrag. Gleichzeitig verändert sich der Reifeprozess. Die Weinlese startet vielerorts Wochen früher als noch vor wenigen Jahrzehnten. Was früher fest im Kalender verankert war, richtet sich heute immer häufiger nach Wetterextremen.

    Mancher Winzer erinnert sich noch an Sommer, in denen Regen fast selbstverständlich war. Heute schaut jeder morgens zuerst zum Himmel. Kommt endlich eine Wolke? Oder bleibt der Himmel erneut wolkenlos?

    Nicht nur die Weinberge ächzen unter der Hitze.

    Gemüsebauern stehen sogar noch stärker unter Druck. Salate, Tomaten, Gurken oder Zucchini brauchen regelmäßig Wasser. Bereits wenige Tage ohne ausreichende Feuchtigkeit reichen aus, damit das Wachstum stockt. Aus kräftigen Pflanzen werden innerhalb kurzer Zeit welke Bestände.

    Genau dann greifen in vielen Regionen Bewässerungsbeschränkungen. Flüsse führen weniger Wasser, Reserven schrumpfen und Behörden begrenzen die Entnahme. Für die Betriebe entsteht ein schwieriger Spagat. Die Pflanzen brauchen Wasser, doch der Hahn bleibt oft nur eingeschränkt geöffnet.

    Einige Landwirte reagieren bereits. Sie verkleinern ihre Anbauflächen oder setzen auf Kulturen, die längere Trockenperioden besser verkraften. Andere investieren in moderne Bewässerungssysteme, die jeden Tropfen möglichst effizient nutzen. Das kostet allerdings viel Geld – und niemand weiß, ob die nächste Hitzewelle nicht noch heftiger ausfällt.

    Die wirtschaftlichen Folgen treffen viele Familienbetriebe hart. Hinter jeder Ernte stecken Monate voller Arbeit, Planung und Investitionen. Saatgut, Maschinen, Energie und Personal verursachen Kosten, unabhängig davon, ob am Ende genügend geerntet wird. Fällt die Ernte kleiner aus, gerät die Rechnung schnell aus dem Gleichgewicht.

    Deshalb dreht sich inzwischen fast jede Diskussion um dieselbe Frage: Wie lässt sich die Wasserversorgung dauerhaft sichern?

    Landwirtschaftliche Verbände sprechen sich für zusätzliche Speicherbecken aus, die Regenwasser aus den niederschlagsreichen Wintermonaten aufnehmen. Während trockener Sommer stünde dieses Wasser dann für die Bewässerung bereit. Für viele Betriebe klingt das nach einer vernünftigen Lösung.

    Doch genau an diesem Punkt entzündet sich Streit. Umweltverbände warnen vor Eingriffen in empfindliche Ökosysteme. Sie befürchten Auswirkungen auf Flüsse, Feuchtgebiete und das Grundwasser. Beide Seiten verfolgen nachvollziehbare Ziele. Die einen möchten die Natur schützen, die anderen ihre Existenz sichern.

    Eine einfache Antwort gibt es nicht.

    Gleichzeitig tüfteln Landwirte längst an neuen Wegen. In den Weinbergen entstehen Versuchsflächen mit Rebsorten, die Hitze besser vertragen. Andere verändern den Rebschnitt, damit die Blätter die Trauben stärker beschatten. Gemüsebauern decken ihre Böden mit Mulch ab, um die Feuchtigkeit länger im Boden zu halten. Tröpfchenbewässerung ersetzt zunehmend herkömmliche Systeme und bringt das Wasser gezielt direkt an die Wurzeln.

    Das hilft.

    Aber eben nicht immer.

    Denn wenn wochenlang kein nennenswerter Regen fällt, stößt selbst die beste Technik an ihre Grenzen. Höhere Temperaturen beschleunigen die Verdunstung, Böden trocknen schneller aus und die Pflanzen benötigen noch mehr Wasser. Ein Kreislauf entsteht, der sich kaum durchbrechen lässt.

    Die Folgen reichen weit über die Höfe hinaus. Weniger Obst, weniger Gemüse und kleinere Weinmengen beeinflussen schließlich auch den Markt. Verbraucher spüren das häufig zuerst an steigenden Preisen. Gleichzeitig verändert sich Stück für Stück eine Kulturlandschaft, die Frankreich seit Jahrhunderten prägt.

    Wer durch die Weinberge des Landes fährt, entdeckt nicht nur Reben. Dort steckt Geschichte, Tradition und das Wissen vieler Generationen. Genau deshalb beschäftigt die Entwicklung inzwischen weit mehr Menschen als nur die Landwirtschaft. Es geht um Ernährung, regionale Identität und die Zukunft ganzer ländlicher Regionen.

    Die Hitzewellen der vergangenen Jahre wirken wie ein Weckruf. Anpassungen laufen bereits, doch sie allein reichen nicht aus. Eine nachhaltige Wasserstrategie, moderne Anbaumethoden und kluge Investitionen dürften darüber entscheiden, wie Frankreichs Landwirtschaft in den kommenden Jahrzehnten aussieht. Denn eines steht für viele Landwirte längst fest: Ohne Wasser wächst keine Zukunft.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Frankreich ist für ein Klima gebaut, das es nicht mehr gibt

    Frankreich ist für ein Klima gebaut, das es nicht mehr gibt

    Frankreich steht vor einer Herausforderung, die weit über klassische Umweltpolitik hinausgeht. Nach Einschätzung des Hohen Rats für das Klima (Haut Conseil pour le Climat, HCC) ist das Land heute für klimatische Bedingungen konzipiert, die der Vergangenheit angehören. Straßen, Schienen, Gebäude, Stromnetze, landwirtschaftliche Flächen und städtische Infrastrukturen wurden für das Klima des 20. Jahrhunderts geplant. Die Realität des 21. Jahrhunderts ist jedoch von häufigeren Hitzewellen, lang anhaltenden Dürren, Starkregenereignissen und einer zunehmenden Zahl klimabedingter Naturgefahren geprägt. Diese Feststellung bildet den Kern des jüngsten Berichts des HCC. Die Experten kommen zu dem Schluss, dass sich Frankreich zwar der neuen Klimarealität bewusst ist, die Anpassung an den Klimawandel jedoch deutlich langsamer voranschreitet als die Geschwindigkeit, mit der sich die Folgen der Erderwärmung verschärfen. Anpassung kommt nur schleppend voran Der Hohe Rat kritisiert insbesondere, das…

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  • Frankreich kämpft schon zu Sommerbeginn mit außergewöhnlicher Bodendürre

    Frankreich kämpft schon zu Sommerbeginn mit außergewöhnlicher Bodendürre

    Noch bevor der Sommer seinen Höhepunkt erreicht hat, zeichnet sich in weiten Teilen Frankreichs eine Entwicklung ab, die Fachleute mit Sorge betrachten. Die Böden sind vielerorts bereits so trocken wie sonst erst mitten im Hochsommer. In einigen Regionen liegt die Bodenfeuchtigkeit sogar unter den Werten der außergewöhnlichen Dürrejahre 2022 und 2025. Für Landwirtschaft, Natur und Wasserversorgung bedeutet das eine heikle Ausgangslage.

    Dabei geht es nicht allein um ausbleibenden Regen. Eine sogenannte landwirtschaftliche Dürre entsteht durch das Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Hohe Temperaturen, intensive Sonneneinstrahlung und eine starke Verdunstung entziehen den Böden kontinuierlich Wasser. Gleichzeitig benötigen Pflanzen in ihrer Wachstumsphase große Mengen Feuchtigkeit. Selbst kräftige Gewitter bringen deshalb oft nur eine kurze Entlastung. Stark ausgetrocknete Böden nehmen Regen schlechter auf, sodass ein Teil des Wassers oberflächlich abfließt, anstatt tief in den Boden einzudringen.

    Besonders ungewöhnlich erscheint der Zeitpunkt dieser Entwicklung. Bereits zu Beginn des Sommers erreichen zahlreiche Regionen Feuchtigkeitswerte, die normalerweise erst Wochen später auftreten. Das erhöht die Gefahr, dass sich die Situation während längerer Hitzeperioden weiter verschärft. Bleiben ergiebige Niederschläge aus, droht sich das Wasserdefizit immer weiter auszubreiten.

    Für die Landwirtschaft bringt das erhebliche Risiken mit sich. Viele Kulturen geraten schon in einer frühen Wachstumsphase unter Trockenstress. Pflanzen entwickeln sich langsamer, Erträge sinken und Ernteausfälle rücken näher. Vor allem Betriebe, die auf natürliche Niederschläge angewiesen sind, stehen vor großen Herausforderungen. Da hilft kein Schönreden – ohne ausreichenden Regen gerät die Lage schnell ins Wanken.

    Auch Wälder und Grünflächen leiden unter der anhaltenden Trockenheit. Vertrocknete Vegetation bildet einen idealen Nährboden für Brände. Schon ein kleiner Funke genügt unter ungünstigen Bedingungen, damit sich Feuer rasch ausbreiten. Gleichzeitig geraten Flüsse, Seen und Grundwasserreserven zunehmend unter Druck, falls die Trockenperiode bis weit in den Sommer hinein anhält.

    Klimaforscher beobachten diese Entwicklung seit Jahren mit wachsender Aufmerksamkeit. Nach ihren Einschätzungen treten derart ausgeprägte Bodendürren infolge des Klimawandels immer häufiger auf. Steigende Durchschnittstemperaturen und trockenere Sommermonate verändern den Wasserhaushalt nachhaltig. Frankreich muss sich deshalb darauf einstellen, dass außergewöhnlich trockene Böden künftig keine seltene Ausnahme mehr darstellen, sondern zunehmend zur neuen Realität gehören.

    Von C. Hatty

  • Wenn Paris unter Wasser steht: Frankreich kämpft gegen gefährliche Hydranten-Partys

    Wenn Paris unter Wasser steht: Frankreich kämpft gegen gefährliche Hydranten-Partys

    Wenn die Hitze über Frankreich liegt und der Asphalt in den Vorstädten von Paris flimmert, verwandeln sich manche Straßen plötzlich in improvisierte Wasserparks. Kinder rennen kreischend durch meterhohe Fontänen, Jugendliche filmen die Szene fürs Handy, Nachbarn sitzen auf Campingstühlen am Straßenrand. Für einen kurzen Moment wirkt alles wie ein Sommerfest mitten in der Großstadt. Doch hinter den spektakulären Bildern steckt ein Problem, das Behörden inzwischen zunehmend nervös macht. Mit jeder neuen Hitzewelle taucht in Frankreich das sogenannte „Street Pooling“ wieder auf. Dabei werden Hydranten – die berühmten „bouches à incendie“ – illegal geöffnet, um Trinkwasserfontänen zur Abkühlung zu erzeugen. Besonders betroffen ist die dicht besiedelte Île-de-France rund um Paris. Dort fehlt es in vielen Vierteln an kostenlosen Schwimmbädern, Grünflächen oder öffentlichen Orten, an denen sich Menschen bei Temperaturen jenseits der 35 Grad erholen können. Also greifen manche kurzerhand selbs…

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  • Wenn der Regen nicht mehr reicht – Die stille Angst vor der nächsten Dürre

    Wenn der Regen nicht mehr reicht – Die stille Angst vor der nächsten Dürre

    Der Regen kam in Strömen, wochenlang, fast trotzig.

    Und doch bleibt die Sorge.

    In den französischen Deux-Sèvres, einer Landschaft im Nordwesten Frankreichs, die von Landwirtschaft lebt und vom Wetter abhängt wie andere von Börsenkursen, hat sich eine leise, aber hartnäckige Unruhe breitgemacht. Es ist nicht mehr der trockene Hochsommer allein, der die Gemüter erhitzt. Die Unsicherheit beginnt früher, viel früher – bereits im Frühjahr, wenn die Felder eigentlich Hoffnung tragen sollten.

    Ein Landwirt beschreibt es mit einem schiefen Lächeln: „Früher wusste man ungefähr, woran man ist. Heute? Keine Ahnung mehr.“ Ein Satz, der beiläufig klingt, aber schwer wiegt.

    Der Winter 2025/2026 war außergewöhnlich. Regen im Überfluss, gesättigte Böden, volle Flüsse – stellenweise sogar Überschwemmungen. Meteorologisch betrachtet ein Ereignis, das statistisch herausragt. Doch kaum sind die letzten Pfützen versickert, folgt die nächste Wendung. Mitte April greifen bereits erste Wasserbeschränkungen. Ein Widerspruch? Auf den ersten Blick, ja. In der Praxis längst Alltag.

    Denn Wasser ist nicht gleich Wasser. Und manche Böden brauchen langsamen – stetigen regen. Kein Starkregen, der sofort abfliesst und die Erde auswäscht.

    Was als Starkregen fällt, bleibt nicht unbedingt. Es fließt ab, rauscht durch begradigte Gräben, verschwindet schneller, als es sich im Boden festsetzen kann. Die Landschaft hat sich verändert, leise, über Jahre hinweg. Feuchtgebiete sind verschwunden, natürliche Speicher geschrumpft.

    Für Landwirte bedeutet das Stress. Nicht der laute, spektakuläre Stress, sondern dieser zermürbende, der sich durch jede Entscheidung zieht. Wann säen? Wie viel bewässern? Reicht es noch? Fragen, die früher Routine waren, wirken heute wie ein Glücksspiel.

    Gerade die Monate April und Mai gelten als heikel. Die Pflanzen stehen am Anfang ihres Wachstums, empfindlich, abhängig von stabilen Bedingungen. Bleibt der Regen aus, gerät alles ins Wanken. Zu viel Wasser zuvor hilft da wenig – im Gegenteil. Nasse Böden verzögern die Arbeit, schädigen die Struktur, und wenn es dann trocken wird, fehlt die Reserve.

    Man steckt fest zwischen zwei Extremen. Zu nass, dann zu trocken. Kein Rhythmus mehr, nur noch Brüche.

    Das ist es, was viele in der Region umtreibt: Nicht die einzelne Dürre, sondern die Unberechenbarkeit. Ein Zustand, der sich nicht planen lässt. Landwirtschaft aber lebt von Planung – von Zyklen, von Erfahrung, von Wiedererkennbarkeit. Fällt das weg, bleibt Unsicherheit. Und die frisst sich tief ins Gemüt.

    Klar, man kann über Lösungen sprechen. Über Wasserspeicher, über neue Anbaumethoden, über politische Strategien. Doch auf dem Feld zählen andere Dinge. Ertrag, Kosten, das nackte Überleben eines Betriebs. Da geht es nicht um Ideologie, sondern ums Durchkommen. Ganz schlicht.

    Und genau darin liegt die Brisanz.

    Die Dürre ist kein fernes Szenario mehr, keine Ausnahme. Sie ist eine Möglichkeit, die jederzeit eintreten kann – selbst nach einem regenreichen Winter. Vielleicht ist das die eigentliche Zäsur: Nicht der Wassermangel an sich, sondern das Gefühl, dass nichts mehr verlässlich ist.

    Ein Landwirt blickt über seine Felder, prüft den Boden zwischen den Fingern, schaut kurz in den Himmel. Dann sagt er leise: „Wenn es jetzt schon so anfängt, wird das ein langer Sommer.“

    Man versteht sofort, was er meint.

    Autor: Christine Macha

  • Katastrophen im Dauerlauf: Warum das Département Aude jetzt auf staatliche Hilfe drängt

    Katastrophen im Dauerlauf: Warum das Département Aude jetzt auf staatliche Hilfe drängt

    Manchmal verdichtet sich das Unglück in einer Weise, die selbst erfahrene Kommunalpolitiker sprachlos zurücklässt. Im südfranzösischen Département Aude, zwischen Mittelmeer, Corbières und Pyrenäen gelegen, reihte sich in den vergangenen Monaten ein Extremereignis ans nächste – als hätte der Himmel beschlossen, keine Pause mehr einzulegen. Erst brannten im Sommer weite Teile des Corbières-Massivs. Mehr als 17.000 Hektar Wald, Garrigue und landwirtschaftliche Flächen fielen den Flammen zum Opfer. Ein Mensch verlor sein Leben, Dutzende erlitten Verletzungen, ganze Landstriche verwandelten sich in eine schwarze Mondlandschaft. Über 2.000 Feuerwehrleute kämpften gegen das Feuer, Löschflugzeuge zogen ihre Bahnen über Bränden, die vom Wind zusätzlich angefacht wurden. Für Winzer und Landwirte bedeutete das Feuer nicht nur verkohlte Böden, sondern existenzielle Sorgen. Kaum hatte sich der Rauch verzogen, folgte der nächste Schlag. Im Winter trafen ungewöhnlich heftige Schneefälle und Starkrege…

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  • Endlich Wasser, endlich Aufatmen – wie der Regen den Pyrénées-Orientales eine Atempause verschafft

    Endlich Wasser, endlich Aufatmen – wie der Regen den Pyrénées-Orientales eine Atempause verschafft

    Fast zwei Jahre lang war Wasser im äußersten Süden Frankreichs ein politisches, ökologisches und zutiefst persönliches Thema. In den Pyrénées-Orientales, einem Département zwischen Pyrenäen und Mittelmeer, bestimmte die Trockenheit den Alltag. Brunnen versiegten, Flüsse schrumpften zu Rinnsalen, Gärten verdorrten hinter Zäunen, die Schläuche und Rasensprenger längst verbannt hatten. Seit 2022 galt hier fast durchgehend der Alarmzustand, häufig sogar die höchste Stufe der sogenannten Wasserkrise. Und dann, kurz vor dem Jahreswechsel 2025, kam der Regen. Nicht zaghaft, nicht schüchtern, sondern mit einer Wucht, die man in dieser Region beinahe vergessen hatte.

    Der Dezember brachte ein mediterranes Unwetter, das seinem Namen gerecht wurde. Innerhalb weniger Wochen fiel mehr Wasser als sonst in einem halben Jahr. In Perpignan summierten sich die Niederschläge auf rund 255 Millimeter, ein Wert, der die saisonale Norm um ein Mehrfaches übertraf. Straßen standen unter Wasser, Felder saugten sich voll, trockene Bachbetten führten plötzlich wieder Strömung. Ein paradoxes Bild: Während anderswo über Hochwasserschäden geklagt wurde, sprach man hier von Erlösung.

    Diese Regenfälle veränderten die hydrologische Lage spürbar. Oberflächennahe Grundwasserschichten begannen sich zu erholen, Quellen, die seit Jahren als verloren galten, zeigten wieder Leben. Für eine Region, die sich an das Geräusch von trockenen Rohren und das Zählen von Litern gewöhnt hatte, war das mehr als eine meteorologische Randnotiz. Es war ein psychologischer Wendepunkt.

    Die Präfektur reagierte Anfang Januar 2026 mit einem Schritt, der noch wenige Monate zuvor undenkbar schien. In 169 Gemeinden wurden sämtliche Nutzungsbeschränkungen für Wasser aufgehoben. Private Pools dürfen wieder befüllt, Gärten bewässert, Autos gewaschen werden. Für viele Einwohner fühlte sich das an wie das Ende eines langen Ausnahmezustands. Endlich wieder Normalität, zumindest ein Stück davon. Man hörte Sätze wie: Jetzt kann man wieder durchatmen. Oder, etwas salopper: Zeit, dass der Schlauch aus dem Keller kommt.

    Doch nicht überall fiel der Befreiungsschlag so umfassend aus. In einigen Gemeinden bleibt die Lage angespannt. Dort gelten weiterhin Einschränkungen, wenn auch deutlich gelockerte. Der Grund liegt unter der Oberfläche. Tiefe Grundwasserleiter, insbesondere in kalkreichen, geologisch komplexen Zonen, reagieren träge. Das Wasser muss erst versickern, Schicht für Schicht, ein Prozess, der Wochen oder Monate dauert. Regen allein löst das Problem nicht über Nacht.

    Diese Ungleichzeitigkeit prägt die aktuelle Situation. Sichtbare Fülle an der Oberfläche, fragile Reserven im Untergrund. Wer genau hinschaut, erkennt die Ambivalenz. Ja, die Quellen sprudeln wieder. Ja, manche Flüsse führen ordentlich Wasser. Und doch bleibt das System verletzlich. Ein trockener Frühling oder ein heißer Sommer könnten die Fortschritte rasch wieder zunichtemachen.

    Gerade deshalb mahnen Behörden und Wasserverbände zur Vorsicht. Der Appell lautet nicht Verzicht um jeden Preis, sondern Maß und Augenmaß. Sparsamer Umgang, angepasste Nutzung, regionale Unterschiede ernst nehmen. Es ist eine leise, aber deutliche Botschaft: Der Regen hat geholfen, doch er hat die strukturellen Probleme nicht weggewischt.

    Denn die Trockenheit der vergangenen Jahre war kein Zufall, sondern Symptom. Der Klimawandel verändert den Rhythmus der Niederschläge. Längere Dürreperioden wechseln sich mit kurzen, intensiven Regenereignissen ab. Für die Wasserwirtschaft ist das eine enorme Herausforderung. Speicher, Leitungen, Bewässerungssysteme, all das wurde für ein anderes Klima konzipiert. Jetzt gerät dieses Modell ins Wanken.

    In den Pyrénées-Orientales zeigt sich das besonders deutlich. Landwirtschaft, Tourismus, wachsende Städte, all diese Faktoren konkurrieren um eine Ressource, die nicht mehr selbstverständlich verfügbar ist. Der jüngste Regen verschafft Zeit. Mehr nicht. Zeit, um Konzepte zu überdenken, um Infrastruktur anzupassen, um über Wiederverwendung, effizientere Bewässerung und neue Speicherformen nachzudenken.

    Die Menschen vor Ort wissen das. Viele haben gelernt, mit wenig Wasser auszukommen. Sie haben Zisternen gebaut, Pflanzen ausgetauscht, Gewohnheiten geändert. Diese Erfahrungen verschwinden nicht einfach mit den ersten gefüllten Becken. Und vielleicht ist das die stille Hoffnung dieser Episode: dass die Erinnerung an die Dürre länger anhält als der Applaus für den Regen.

    Der Winter 2025/26 markiert damit eine Zäsur. Nicht das Ende der Wasserkrise, aber eine Atempause. Eine Gelegenheit, innezuhalten, ohne sich in falscher Sicherheit zu wiegen. Die Natur hat geliefert, was sie lange schuldig geblieben war. Nun liegt es an Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, daraus mehr zu machen als nur einen kurzen Moment der Erleichterung.

    Denn eines ist sicher: Der nächste trockene Sommer kommt bestimmt. Die Frage ist nur, wie gut man darauf vorbereitet sein wird.

    Von Daniel Ivers

  • Wenn der Boden wieder atmet – wie der Regen in den Pyrénées-Orientales neue Hoffnung sät

    Wenn der Boden wieder atmet – wie der Regen in den Pyrénées-Orientales neue Hoffnung sät

    Drei Jahre lang war Trockenheit das alles beherrschende Wort im äußersten Süden Frankreichs. Ein Wort, das sich in die Erde fraß, in die Köpfe der Menschen kroch und ganze Existenzen infrage stellte. Nun, im Winter 2025, fällt Regen. Viel Regen. Und plötzlich klingt in den Pyrénées-Orientales wieder etwas an, das lange verstummt schien: Hoffnung.

    In den Weinbergen von Denis Basserie, nahe Baixas, zeigt sich das Wunder ganz bodenständig. Die Erde, jahrelang rissig wie altes Leder, fühlt sich wieder feucht an. Sie lebt. Basserie spricht darüber mit einer Mischung aus Erleichterung und Vorsicht, als habe jemand nach langer Zeit einen Herzschlag gehört. Für einen Moment stand alles still, sagt er sinngemäß – jetzt bewegt sich wieder etwas. Perspektiven, die schon verloren schienen, tauchen zaghaft am Horizont auf.

    Die vergangenen Jahre hatten den Landwirten kaum Luft zum Atmen gelassen. Die Dürre drückte die Erträge, fraß sich durch Obstplantagen und Weinreben, zwang viele zum Aufgeben. Basserie verlor die Hälfte seiner Aprikosenbäume. Ein Schaden, der sich nicht einfach wegregnet. Deshalb klingt seine Freude gedämpft. Ja, es tut gut, den Regen zu sehen. Nein, Entwarnung fühlt sich anders an.

    Der Dezember 2025 brachte Niederschlagsmengen, wie man sie sonst über anderthalb Monate verteilt erwartet. Innerhalb weniger Tage füllten sich Flüsse, Bäche und Seen. Wasser, das lange gefehlt hatte, war plötzlich wieder da – sichtbar, hörbar, fast greifbar. Für die Menschen im Département Pyrénées-Orientales ein Anblick, der Erinnerungen weckte und zugleich Fragen aufwarf.

    Denn die Dürre hatte längst nicht nur die Landwirtschaft getroffen. Sie bestimmte den Alltag. Autowaschen verboten, Pools tabu, selbst der private Umgang mit Wasser wurde zur moralischen Frage. Wer hier lebt, kennt die Einschränkungen auswendig. Umso größer ist nun die Erleichterung. Spaziergänger bleiben an Seen stehen, schauen auf gestiegene Pegel und sagen Dinge wie: Das sieht doch schon besser aus. Kein Überschwang, eher vorsichtiger Optimismus.

    Besonders eindrücklich zeigte sich die Veränderung in der vallée du Tech. Dort stieg der Wasserstand nach den Unwettern so stark, dass selbst alteingesessene Beobachter ins Staunen gerieten. Nicolas Garcia, Bürgermeister von Elne und Präsident des regionalen Grundwasserverbands, sprach von Pegeln, die er seit 15 Jahren nicht mehr gesehen habe. Ein Satz, der hängen bleibt, weil er das Ausmaß der vergangenen Trockenheit indirekt beschreibt.

    Technisch betrachtet geschieht derzeit etwas Entscheidendes. Die oberflächennahen Grundwasserschichten füllen sich wieder. Genau jene Reserven, die jedes Jahr erneuert werden und gleichzeitig am schnellsten ausgebeutet sind. Garcia erklärt, dass diese Wasservorräte bis in den Spätsommer hinein genutzt werden könnten, um die tiefen, langfristig wichtigen Grundwasserschichten zu schonen. Das klingt nüchtern, fast bürokratisch – und ist doch zentral für die kommenden Monate.

    Denn niemand im Département glaubt ernsthaft, dass ein regenreicher Dezember allein drei Jahre Dürre auslöscht. Wasserwirtschaft funktioniert nicht nach dem Prinzip der schnellen Erlösung. Zu tief sitzen die strukturellen Defizite, zu deutlich haben Klimaveränderungen ihre Spuren hinterlassen. Die aktuellen Niederschläge wirken eher wie ein Aufschub, ein Atemholen vor der nächsten Bewährungsprobe.

    Und trotzdem verändert dieser Regen etwas. Psychologisch, gesellschaftlich, fast kulturell. Wer jahrelang nur Staub kannte, reagiert auf feuchte Erde mit Dankbarkeit. Gespräche drehen sich wieder um Aussaat statt um Verluste, um Planung statt um Schadensbegrenzung. Natürlich schwingt Skepsis mit. Aber auch das gehört zur Realität dieser Region: Freude und Vorsicht liegen nah beieinander.

    Auf den Feldern und in den Dörfern zeigt sich eine stille Lektion über Zeit und Geduld. Wasser fällt nicht nur vom Himmel, es muss im Boden bleiben, in den Köpfen ankommen, in politische Entscheidungen einfließen. Der Regen allein rettet keine Betriebe. Doch er öffnet Spielräume. Und manchmal reicht genau das, um nicht aufzugeben.

    Die kommenden Monate werden entscheidend. Bleiben die Niederschläge aus, kehren alte Sorgen schnell zurück. Setzt sich der Trend fort, könnte sich die Lage Schritt für Schritt entspannen. Niemand wagt Prognosen. Zu frisch sind die Erinnerungen an ausgetrocknete Flussbetten und verdorrte Kulturen.

    Aber jetzt, mitten im Winter, riecht die Erde wieder nach Leben. Für viele hier ist das mehr als ein meteorologisches Detail. Es ist ein Zeichen. Kein Versprechen, aber eine Möglichkeit. Und in einer Region, die lange nur Mangel verwaltet hat, fühlt sich das fast schon luxuriös an.

    Von C. Hatty

  • „Wenn kein Wasser mehr da ist – was dann?“ Frankreich zehn Jahre nach dem Pariser Klimaabkommen

    „Wenn kein Wasser mehr da ist – was dann?“ Frankreich zehn Jahre nach dem Pariser Klimaabkommen

    Der 12. Dezember 2015 liegt ein Jahrzehnt zurück. Damals, in Paris, einigte sich die Welt auf ein Abkommen, das als historischer Wendepunkt gefeiert wurde. 195 Staaten verpflichteten sich, die Erderwärmung möglichst auf 1,5 Grad, zumindest aber unter zwei Grad zu halten. Heute, zehn Jahre später, zeigt sich: Der große Absturz wurde nur unwesentlich gebremst, das Klima gerät weiter aus den Fugen. Und in Frankreich lassen sich die Folgen längst nicht mehr in Diagrammen erklären, sondern im Alltag der Menschen beobachten – im vertrockneten Flussbett, im verbrannten Weinberg, im nächtlichen Blick auf einen reißenden Gebirgsbach.

    Vérargues, ein kleiner Ort im Hérault, trägt seit dem Sommer 2019 einen zweifelhaften Titel: heißester Ort Frankreichs. 46 Grad, gemessen an einem Tag Ende Juni. An diesem Dezembermorgen 2025 zeigt das Thermometer neun Grad, doch Chantal, 76 Jahre alt, erinnert sich, als sei es gestern gewesen. Die Dorffeste wurden abgesagt, die Luft blieb stehen, das Atmen fiel schwer. Ein Sommer, der sich in die Körper der Menschen eingeschrieben hat. Seitdem wartet sie jedes Jahr mit einem mulmigen Gefühl auf den Juli. Hitze, sagt sie, werde mit dem Alter immer unerträglicher.

    Was für die einen eine Belastung bedeutet, wird für andere zur existenziellen Bedrohung. In den Weinbergen rund um Lunel erzählt Frédéric Saint-Jean von jenem Tag, an dem die Sonne seine Ernte in wenigen Stunden ruinierte. Die Trauben wirkten verbrannt, als habe jemand mit einem Schweißbrenner darübergehalten. Achtzig Prozent Verlust, ein Schaden von mehreren zehntausend Euro. Sein Sohn soll den Betrieb übernehmen, doch der Vater zögert. Manchmal klingt es, als schicke man die nächste Generation sehenden Auges in ein unkalkulierbares Risiko.

    Die Kommunen reagieren. Müssen reagieren. In Entre-Vignes entstehen Neubauten, die Hitze nicht mehr nur aussperren, sondern ihr begegnen: mit begrünten Flächen, Kalkstein, auskragenden Dächern, automatisch öffnenden Fenstern für nächtliche Abkühlung. Architektur als Schutzschild. Die Planungen orientieren sich an Temperaturen, die früher undenkbar schienen. 50 Grad an der Mittelmeerküste, irgendwann zur Mitte des Jahrhunderts – eine Zahl, die nicht mehr nach Science-Fiction klingt.

    Während die Hitze im Süden zur neuen Normalität wird, zeigt sich ein anderes Gesicht des Klimawandels im Wassermangel. In der Aude, genauer in Durban-Corbières, rollen täglich Tanklaster an. Vier, manchmal fünf. Sie füllen die kommunalen Reservoirs mit Wasser, ohne das der Ort schlicht trocken läge. Der Bürgermeister spricht von einer dramatischen Schieflage: doppelt so viel Verbrauch wie natürlicher Zufluss, Quellen erschöpft, Flüsse seit Jahren ohne Wasser. Regenradar schauen gehört zum Alltag, doch die mediterranen Wolken ziehen oft vorbei, ohne einen Tropfen zu hinterlassen.

    Die Folgen reichen bis in die Wohnungen. Stundenlange Wasserabschaltungen gehören zum Sommer. Chantal – eine andere Chantal, diesmal aus den Corbières – hat vorgesorgt: Campingtoilette, Reservekanister, eine sparsame Dusche. Improvisation als neue Normalität. Andere denken weiter. Mathilde, Mutter von zwei Kindern, fragt sich leise, ob man hier langfristig bleiben kann. Kein Wasser, sagt sie, bedeute kein Leben. Und dieser Satz bleibt hängen.

    Gleichzeitig zeigt sich das andere Extrem des Klimas: zu viel Wasser, zur falschen Zeit, am falschen Ort. In den Alpes-Maritimes hat die Tempête Alex im Oktober 2020 die Täler der Vésubie verwüstet. Zehn Tote, Häuser fortgerissen, Brücken zerstört. Fünf Jahre später sitzt Michelle in ihrer neuen Wohnung in Saint-Martin-Vésubie und blickt auf den Boréon, jenen Fluss, der damals zur tödlichen Lawine wurde. Wenn es regnet, weicht die Ruhe einer ständigen Wachsamkeit. Angst hat sich eingenistet, bei ihr und bei vielen anderen.

    Die Landschaft wurde neu gezeichnet. Flussbetten verbreitert, Bauverbote verhängt, Hunderttausende Felsbrocken bewegt, um das Dorf zu sichern. Der Bürgermeister spricht von einem Kraftakt, der noch Jahre dauern wird. Er selbst tritt nicht mehr an. Zu erschöpfend war dieses Mandat, zu nah die Katastrophe.

    All diese Geschichten fügen sich zu einem Bild, das nüchtern und beunruhigend zugleich wirkt. 2024 war weltweit das erste Jahr, in dem die Durchschnittstemperatur über der Marke von 1,5 Grad lag. In Frankreich zählt Météo-France heute mehr als doppelt so viele Hitzewellentage wie vor 2005. Die Niederschläge nehmen an Intensität zu, die Böden trocknen länger aus, die Nächte bleiben warm, der Schnee zieht sich aus den Bergen zurück. Was früher Ausnahme hieß, nennt man heute Trend.

    Und doch wäre es zu einfach, von einem völligen Scheitern zu sprechen. Ohne das Pariser Abkommen, so der breite wissenschaftliche Konsens, steuerte die Welt auf eine Erwärmung von vier Grad zu. Heute liegt die Prognose bei etwa 2,8 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts. Noch immer viel zu viel, aber weniger als befürchtet. Erneuerbare Energien wurden billiger, Elektroautos alltäglicher, einige Staaten senkten ihre Emissionen trotz wirtschaftlichen Wachstums. Selbst China nähert sich offenbar seinem Emissionshöhepunkt.

    Der Preis dafür bleibt hoch. Jeder Zehntelgrad entscheidet über Korallenriffe, Meeresströmungen, Gletscher, Extremwetter. Zwischen 1,5 und zwei Grad liegt kein abstrakter Unterschied, sondern die Frage, wie lebenswert viele Regionen dieser Erde bleiben. In Vérargues, Durban-Corbières oder Saint-Martin-Vésubie lässt sich diese Debatte nicht mehr vertagen. Sie findet längst statt – im Schatten der Häuser, im leeren Flussbett, im leisen Satz: Wenn kein Wasser mehr da ist, was dann?

    Von Andreas M. Brucker