Schlagwort: Demokratie

  • Warum Ukrainer mitten im Krieg protestieren – und andere World-News

    Warum Ukrainer mitten im Krieg protestieren – und andere World-News

    Tausende Menschen gingen in der vergangenen Woche auf die Straße, um gegen Versuche der ukrainischen Regierung zu protestieren, zwei unabhängige Antikorruptionsbehörden zu entmachten. Präsident Wolodymyr Selenskyj sah sich gezwungen, zurückzurudern und die Unabhängigkeit der Institutionen wiederherzustellen. Die Protestierenden haben – vorerst – gewonnen.

    Diese öffentliche Unmutsbekundung durchbrach ein Tabu, das seit Beginn der russischen Invasion galt: Kritik an der Regierung und Gefährdung der inneren Einheit in Kriegszeiten. Doch sehen die Demonstrierenden den Kampf für den Erhalt demokratischer Institutionen als so grundlegend, dass er nicht bis zum Ende des Krieges warten kann. Denn eben diese Institutionen sind es, die den Kern des ukrainischen Widerstands gegen Russland bilden.

    Die Ukraine kämpft an zwei Fronten – gegen Russland und gegen die Korruption. Doch in gewisser Weise handelt es sich um denselben Kampf: einen für die Demokratie.

    Ein Teil der Wut speist sich aus dem Gefühl, Selenskyj habe einen Verrat begangen. Er wurde 2019 mit einem dezidierten Antikorruptionsprogramm gewählt. In der vergangenen Woche unterzeichnete er jedoch ein Gesetz, das die beiden bislang unabhängigen Antikorruptionsbehörden unter staatliche Kontrolle stellen sollte – just in dem Moment, in dem diese Ermittlungen gegen Abgeordnete seiner Partei und Mitglieder seines Kabinetts führen. (Gegen Selenskyj selbst wird nicht ermittelt.)

    Die Empörung erklärt sich auch aus der politischen Sprengkraft des Themas Korruption. Für viele Ukrainerinnen und Ukrainer ist es eng verknüpft mit der Geschichte und der künftigen Ausrichtung ihres Landes.

    Ein Grund, warum die jüngsten Proteste als so bedeutsam empfunden werden, liegt in ihrer historischen Parallele zu den Demonstrationen von 2014 – am selben Ort, dem Maidan-Platz in Kiew. Damals richtete sich der Protest unter anderem gegen die russlandfreundliche Haltung des damaligen Präsidenten Wiktor Janukowytsch, einem engen Vertrauten Putins, der eine Annäherung der Ukraine an Westeuropa blockierte.

    Auch 2014 ging es um Korruption. Janukowytschs unrechtmäßig erworbener Reichtum galt als Sinnbild für die weitverbreitete Kleptokratie im Land. Und ein Staat mit dem Ruf als korruptestes Land Europas hätte – unabhängig von der politischen Führung – niemals Aussicht auf einen EU-Beitritt gehabt.

    Die Maidan-Proteste führten nicht nur zum Sturz Janukowytschs, sondern auch zur Besetzung der Krim durch Russland im selben Jahr – und, wie viele Beobachter meinen, letztlich zur umfassenden Invasion im Jahr 2022. Mit anderen Worten: Der Kampf für gute Regierungsführung ist untrennbar mit dem heutigen Kriegsgeschehen verbunden.


    Weitere wichtige Nachrichten

    Handel:
    Vorläufige Einigung: Nach wochenlangen schwierigen Verhandlungen haben sich die USA und die EU auf einen Basiszoll von 15 Prozent für die meisten EU-Güter verständigt.
    US-Präsident Trump gab bekannt, die EU habe zugesagt, US-Energieprodukte im Wert von 750 Milliarden Dollar zu kaufen und ihre Investitionen in den USA um über 600 Milliarden Dollar zu erhöhen. Das Abkommen könnte zur Beruhigung der wirtschaftlichen Beziehungen beitragen und Sorgen vor einem eskalierenden Handelskonflikt dämpfen.

    Weitere Meldungen:

    • Gaza: In einem überraschenden Schritt erklärte Israel, es habe militärische Operationen in drei Teilen des Gazastreifens vorübergehend eingestellt, um mehr humanitäre Hilfe zu ermöglichen.
    • Hunger: Mindestens drei Krankenhäuser im Gazastreifen verfügen nicht mehr über die nötigen Nährlösungen zur Behandlung unterernährter Kinder und Erwachsener. Pflegepersonal berichtet von Ohnmachtsanfällen aufgrund von Hunger und Dehydration.
    • Südostasien: Die Regierungschefs von Thailand und Kambodscha wollen sich heute in Malaysia zu Gesprächen über eine Waffenruhe treffen.
    • Deutschland: Bei einem Zugunglück nahe Ulm entgleiste ein Personenzug. Laut Polizei kamen mindestens drei Menschen ums Leben, 41 Personen wurden zum Teil schwer verletzt.

  • „Wir haben Europa gewählt, nicht die Autokratie“Warum die neue Anti-Korruptionsreform in der Ukraine Proteste auslöst

    „Wir haben Europa gewählt, nicht die Autokratie“Warum die neue Anti-Korruptionsreform in der Ukraine Proteste auslöst

    Mitten im andauernden Krieg gegen Russland hat die ukrainische Regierung unter Präsident Wolodymyr Selenskyj eine weitreichende Gesetzesänderung durchgesetzt, die die Architektur der Anti-Korruptionsbekämpfung im Land grundlegend verändert – und in der Zivilgesellschaft und bei westlichen Partnern Besorgnis auslöst. Die zentralen Behörden zur Korruptionsbekämpfung, NABU und SAPO, verlieren wesentliche Elemente ihrer Unabhängigkeit. In einer Zeit, in der sich die Ukraine als Beitrittskandidat der Europäischen Union präsentiert, wirft die Reform unangenehme Fragen zur Gewaltenteilung und demokratischen Rückbindung auf.

    Die Reform und ihr Inhalt

    Die Gesetzesänderung sieht vor, dass das Nationale Antikorruptionsbüro (NABU) sowie die Spezialisierte Antikorruptionsstaatsanwaltschaft (SAPO) künftig der Autorität des Generalstaatsanwalts unterstehen – einer Figur, die vom Präsidenten ernannt wird. Der Generalstaatsanwalt erhält damit weitreichende Befugnisse: Er kann Weisungen erteilen, laufende Ermittlungen übernehmen oder sie anderen Behörden übertragen. Damit wird die direkte Kontrolle der Exekutive über Ermittlungen gegen politische Eliten ausgeweitet.

    Bislang agierten NABU und SAPO als weitgehend autonome Institutionen, die nach der Maidan-Revolution von 2014 bewusst geschaffen worden waren, um das Vertrauen der Bevölkerung in den Rechtsstaat zu stärken und die grassierende Korruption in Staat und Verwaltung nachhaltig zu bekämpfen. Die neue Regelung stellt diese Unabhängigkeit fundamental in Frage.

    Eile statt Deliberation

    Besondere Aufmerksamkeit erregte das Zustandekommen der Reform. Der entscheidende Passus wurde in einer kurzfristig einberufenen Ausschusssitzung am frühen Morgen eingebracht, unter Umgehung üblicher parlamentarischer Verfahren. Wenige Stunden später stimmte das Parlament mit deutlicher Mehrheit für die Vorlage, und noch am selben Abend wurde das Gesetz vom Präsidenten unterzeichnet. Diese überstürzte Vorgehensweise wird von Kritikern als Versuch gewertet, Widerstand im Keim zu ersticken – insbesondere angesichts der Tatsache, dass sich die betroffenen Behörden mit Ermittlungen gegen Regierungsnahe befasst haben.

    Ein Sturm der Kritik

    Der Protest gegen die Reform ließ nicht lange auf sich warten. Vertreter der Zivilgesellschaft, politische Beobachter und nicht zuletzt die betroffenen Institutionen selbst warnten vor einem schweren Rückschritt. Die Reform stelle einen Bruch mit der Reformagenda dar, die nach der Revolution von 2014 eingeleitet worden war. Die Leiter von NABU und SAPO äußerten in einem gemeinsamen Kommuniqué, dass die Änderungen ihre Institutionen zu „Sub-Abteilungen“ degradieren würden – ohne effektive operative Unabhängigkeit.

    In der Bevölkerung regte sich seltener, aber symbolträchtiger Protest. Trotz geltender Einschränkungen unter dem Kriegsrecht versammelten sich erstmals seit Beginn der russischen Invasion Hunderte Menschen zu spontanen Demonstrationen in Kiew, Lwiw und Odessa. Plakate mit der Aufschrift „Wir haben Europa gewählt, nicht die Autokratie“ brachten den politischen Kern der Kritik auf den Punkt: Die Gefahr, dass sich die Ukraine vom europäischen Weg entfernt und zurück in alte Muster autoritärer Machtkonzentration fällt.

    Internationale Besorgnis

    Auch auf europäischer Ebene wurden deutliche Worte gefunden. Die Europäische Kommission äußerte „tiefe Besorgnis“ über die Gesetzesänderung und forderte die ukrainische Regierung zu einer Klarstellung auf. Die politische Botschaft ist unmissverständlich: Die Unabhängigkeit von Justiz und Ermittlungsbehörden ist eine Grundvoraussetzung für einen möglichen EU-Beitritt. Die Reform sei ein „ernsthafter Rückschritt“, hieß es aus Brüssel.

    Auch andere westliche Partner äußerten Kritik. Besonders heikel erscheint der Zeitpunkt, da die Ukraine in erheblichem Maße auf finanzielle und politische Unterstützung angewiesen ist. Diese Hilfen stehen nicht zuletzt unter dem Vorbehalt demokratischer Fortschritte, insbesondere im Bereich der Korruptionsbekämpfung.

    Zwischen Effizienz und Machtkalkül

    Präsident Selenskyj verteidigte die Reform mit Verweis auf den Kampf gegen russische Einflussnahme und ineffiziente Ermittlungsverfahren. Einige Ermittlungen seien über Jahre hinweg verschleppt worden, ohne dass es zu Anklagen gekommen sei. Die neue Regelung solle eine „Klarstellung der Zuständigkeiten“ herbeiführen und die Arbeit beschleunigen. Ob dahinter jedoch tatsächliche Effizienzüberlegungen stehen oder der Versuch, kritische Verfahren zu neutralisieren, bleibt offen.

    Zweifel daran nähren nicht zuletzt zeitgleiche Entwicklungen: Kurz vor der Verabschiedung der Reform war ein NABU-Mitarbeiter wegen angeblicher Spionage für Russland festgenommen worden. Beobachter sprachen von einer gezielten Aktion zur Diskreditierung der Institution – ein Vorgang, der den Eindruck politischer Instrumentalisierung verstärkt.

    Politisches Risiko in schwieriger Lage

    Für Selenskyj birgt die Reform ein hohes politisches Risiko. Zwar besitzt er weiterhin beträchtliches Vertrauen in der Bevölkerung – getragen vom Bild eines entschlossenen Kriegsherrn gegen Russland. Doch das Gleichgewicht zwischen autoritärer Effizienz in Kriegszeiten und der Wahrung demokratischer Prinzipien ist fragil.

    Die Ukraine steht vor einer doppelten Bewährungsprobe: außenpolitisch, um das Vertrauen ihrer westlichen Partner zu bewahren, und innenpolitisch, um die demokratischen Erwartungen einer kritischen Zivilgesellschaft nicht zu enttäuschen. Die Anti-Korruptionsinstitutionen waren ein Symbol für das „neue“ postrevolutionäre Land – ihre Schwächung sendet ein gegenteiliges Signal.

    Wie es weitergeht, ist offen. Nach den Protesten hat Selenskyj angekündigt, die Reform gegebenenfalls zu präzisieren oder neue Vorschläge zu unterbreiten. Ob es dabei bleibt oder strukturelle Korrekturen folgen, wird entscheidend sein – für die Glaubwürdigkeit seiner Regierung und für den europäischen Kurs der Ukraine insgesamt.

    Autor: P. Tiko

  • Ukraine und Russland: Verhandlungen ohne Annäherung – aber ein Signal der Humanität

    Ukraine und Russland: Verhandlungen ohne Annäherung – aber ein Signal der Humanität

    Am 23. Juli 2025 trafen sich ukrainische und russische Delegationen in Istanbul zur dritten offiziellen Gesprächsrunde seit Beginn des Jahres. Während erneut keine Fortschritte auf dem Weg zu einem Waffenstillstand erzielt wurden, einigten sich beide Seiten auf einen groß angelegten Gefangenenaustausch. 1.200 Kriegsgefangene sollen jeweils freikommen, zudem erklärte sich Russland bereit, die Leichname von 3.000 gefallenen ukrainischen Soldaten zu übergeben – eine Geste, die zumindest auf humanitärer Ebene Bewegung signalisiert.

    Ein kurzes Gespräch mit bekannten Fronten

    Dass die Verhandlungen kaum eine Stunde dauerten, spricht Bände über den Stand der Gespräche. Unter Leitung von Verteidigungsminister Rustem Umerov beharrte die ukrainische Delegation auf einem vollständigen und bedingungslosen Waffenstillstand – als Voraussetzung für weiterführende Verhandlungen. Zudem schlug Kiew ein persönliches Treffen zwischen Präsident Wolodymyr Selenskyj und Wladimir Putin bis Ende August vor.

    Russlands Chefunterhändler Wladimir Medinski reagierte kühl. Ein solches Treffen könne allenfalls zur Unterzeichnung eines fertigen Abkommens stattfinden – nicht jedoch zur Diskussion offener Fragen. Damit hält Moskau an einer Strategie fest, die auf bilaterale Deeskalation ohne substanzielle Zugeständnisse zielt. Russland schlug erneut 24- bis 48-stündige Waffenruhen für humanitäre Zwecke vor, etwa zur Bergung Gefallener. Die Ukraine lehnte dies als „unzureichend“ ab.

    Der Konflikt um verschleppte Kinder

    Ein besonders heikles Thema bleibt das Schicksal der mutmaßlich verschleppten ukrainischen Kinder. Seit Kriegsbeginn soll Russland laut ukrainischen Angaben mehrere Tausend Minderjährige aus besetzten Gebieten nach Russland gebracht haben – offiziell unter dem Vorwand, die Kinder zu schützen, faktisch aber ohne Einwilligung der Eltern oder internationalen Kontrollmechanismen.

    Während Moskau beteuert, die Kinder seien in staatlicher Obhut und in Sicherheit, wirft Kiew Russland systematische Deportation und kulturelle Assimilation vor. Präsident Selenskyj hat mit der Initiative „Bring the Kids Back“ versucht, internationale Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken – mit Unterstützung westlicher Staaten, aber bislang ohne konkrete Ergebnisse. Ein Rückführungskorridor oder eine unabhängige Prüfung ist nicht in Sicht.

    Die UNO und der Internationale Strafgerichtshof hatten bereits 2023 Ermittlungen zur Rechtswidrigkeit der Kinderverschleppungen angestoßen. Russland erkennt deren Jurisdiktion jedoch nicht an. Das Thema bleibt somit ein symbolischer wie praktischer Stolperstein auf dem Weg zu einem politischen Ausgleich.

    Die Rolle Ankaras – Vermittlung mit begrenztem Spielraum

    Dass die Gespräche in Istanbul stattfinden, ist kein Zufall: Die Türkei bemüht sich seit Beginn des Krieges um eine moderierende Rolle. Präsident Erdoğan pflegt enge Beziehungen zu beiden Seiten, liefert Drohnen an die Ukraine und unterhält zugleich wirtschaftliche und energiepolitische Beziehungen mit Russland.

    Bereits 2022 hatte Ankara mit dem sogenannten Getreideabkommen zwischen Kiew und Moskau einen diplomatischen Teilerfolg erzielt, der allerdings nach gut einem Jahr scheiterte. Auch diesmal bleibt der Spielraum begrenzt. Die Türkei kann Gesprächsformate anbieten – doch ein echter Verhandlungsdurchbruch wird nur mit aktivem Zutun anderer Großmächte gelingen.

    Kein Frieden ohne politische Neuausrichtung

    So wichtig einzelne humanitäre Maßnahmen auch sind: Sie dürfen nicht über den strukturellen Stillstand hinwegtäuschen. Der russische Krieg gegen die Ukraine geht in sein viertes Jahr, und die Frontlinien haben sich seit Monaten kaum bewegt. Russland hält nach wie vor weite Teile der Regionen Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson besetzt, während die Ukraine weiterhin überwiegend auf internationale Militärhilfen angewiesen ist.

    Beide Seiten verfolgen bislang unvereinbare Ziele. Kiew fordert die vollständige Wiederherstellung der territorialen Integrität, einschließlich der Krim, sowie internationale Sicherheitsgarantien. Moskau hingegen strebt eine Anerkennung der de facto bestehenden Besatzungsverhältnisse an und pocht auf eine neutrale Ukraine.

    Solange keine Bewegung auf diesen fundamentalen Positionen stattfindet – etwa durch außenpolitischen Druck, militärische Dynamik oder innenpolitischen Wandel –, bleiben Gespräche wie die in Istanbul vor allem symbolische Rituale. Derweil wächst die Belastung für die Zivilbevölkerung: in Form von Verlusten, Vertreibung und einer Wirtschaft, die sich kaum erholen kann.

    Trotz der geringen Fortschritte ist der Dialog selbst von Wert. Der vereinbarte Gefangenenaustausch zeigt, dass begrenzte Verständigung möglich ist – selbst in einem sonst festgefahrenen Konflikt. Die internationale Diplomatie steht vor der Aufgabe, solche Teilerfolge in dauerhafte Strukturen zu überführen. Dazu braucht es Geduld, Druck und ein neues Verständnis gemeinsamer Sicherheitsinteressen in Europa.


    Machtprobe im Schatten des Krieges: Warum Selenskyjs Eingriff in die Antikorruptionsbehörden die Ukraine spaltet

    Inmitten des russischen Angriffskriegs erlebt die Ukraine eine innenpolitische Erschütterung, die kaum jemand erwartet hatte: landesweite Proteste gegen Präsident Wolodymyr Selenskyj – ausgerechnet wegen eines Gesetzes, das zentrale Antikorruptionsinstitutionen schwächt. Die politische Kontroverse offenbart einen tiefen Zielkonflikt zwischen Sicherheitsinteressen, demokratischer Rechtsstaatlichkeit und geopolitischer Orientierung.

    Zentralisierung statt Unabhängigkeit

    Am 22. Juli unterzeichnete Selenskyj ein Gesetz, das dem Generalstaatsanwalt weitreichende Aufsichtsrechte über das Nationale Antikorruptionsbüro (NABU) und die Spezialisierte Antikorruptionsstaatsanwaltschaft (SAPO) einräumt. Beide Institutionen waren bislang bewusst unabhängig organisiert worden – als Lehren aus der postsowjetischen Geschichte der politischen Einflussnahme auf Ermittlungsbehörden. Mit dem neuen Gesetz jedoch rückt die Strafverfolgung unter den direkten Einfluss der Exekutive, konkret des Präsidenten.

    Selenskyj begründete die Maßnahme mit dem dringenden Erfordernis, russischen Einfluss in den Sicherheitsorganen auszuschalten. Zwei NABU-Mitarbeiter sollen jüngst wegen mutmaßlicher Zusammenarbeit mit russischen Geheimdiensten festgenommen worden sein – ein brisanter Vorgang, der die These vom „Feind im Innern“ nährt. Doch für viele Beobachter überwiegt der politische Kontext: NABU und SAPO hatten in der Vergangenheit wiederholt Verfahren gegen enge Vertraute des Präsidenten eingeleitet – etwa gegen den früheren Infrastrukturminister Oleksij Tschernyschow. Der Eingriff in die Unabhängigkeit der Ermittlungsbehörden erscheint daher nicht allein als sicherheitspolitischer Reflex, sondern als politisches Kalkül.

    Proteste im Ausnahmezustand

    Die gesellschaftliche Reaktion fiel bemerkenswert deutlich aus: In Kiew, Lwiw, Dnipro und weiteren Städten demonstrierten Tausende gegen das Gesetz – trotz des unter Kriegsrecht geltenden Verbots öffentlicher Versammlungen. Die Teilnehmerzahl überstieg laut Beobachtern sogar die Proteste gegen soziale Kürzungen oder Mobilmachungen im Frühjahr. Auffällig ist zudem die Zusammensetzung der Demonstranten: Neben jungen Aktivisten und Studierenden beteiligten sich zahlreiche Kriegsveteranen – eine Gruppe mit hohem moralischen Gewicht in der ukrainischen Gesellschaft. Auf Transparenten war zu lesen: „Für ein freies Land braucht es freie Institutionen.“

    Ein Soldat der Frontlinie, befragt vom Kyiv Independent, sprach von einem „Messer in den Rücken“. Seine Kritik richtet sich weniger gegen Selenskyj persönlich als gegen das Signal, das von diesem Schritt ausgehe: Dass inmitten eines Überlebenskampfes für die nationale Freiheit die Prinzipien der Gewaltenteilung geopfert würden.

    Internationale Irritation und diplomatische Dissonanz

    Auch international blieb die Gesetzesänderung nicht folgenlos. Die Europäische Kommission äußerte sich „zutiefst besorgt“, ebenso Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und der niederländische Außenminister Caspar Veldkamp. In einer gemeinsamen Erklärung kündigten die G7-Staaten an, die Entwicklungen „sehr genau zu beobachten“. Diplomatisch brisant ist die Maßnahme insbesondere mit Blick auf den EU-Beitrittsprozess der Ukraine: Die Sicherung rechtsstaatlicher Standards, allen voran die Unabhängigkeit der Justiz, gelten als zentrale Bedingungen für einen erfolgreichen Abschluss der Beitrittsverhandlungen. Schon jetzt blockiert Ungarn – aus politischen Motiven – weitere Fortschritte im Verfahren. Das neue Gesetz droht nun, auch moderate Partner zu verprellen.

    Die internationale Kritik verweist auf ein grundlegendes Dilemma: Kann ein Land unter Kriegsrecht demokratische Reformen glaubwürdig fortführen? Und wie belastbar sind die Institutionen einer jungen Demokratie, wenn sie gleichzeitig Angriffen von außen und politischen Verwerfungen im Innern ausgesetzt sind?

    Zeichen des Rückzugs?

    Angesichts des wachsenden Protests signalisierte Selenskyj ein erstes Einlenken. In einer Ansprache kündigte er an, innerhalb von zwei Wochen eine neue Gesetzesvorlage vorzulegen, die die Unabhängigkeit von NABU und SAPO garantiere. Zugleich stellte er klar, dass die Bekämpfung russischer Einflussnahme weiterhin oberste Priorität habe – allerdings im Einklang mit demokratischen Prinzipien. Der Schritt zeigt, wie sensibel die Regierung auf innenpolitischen Druck reagiert – ein positives Signal in autoritätsgeprägten Kriegszeiten. Vertreter von NABU und SAPO begrüßten die Ankündigung, betonten jedoch, dass „Vertrauen nicht durch Worte, sondern durch Institutionen“ geschaffen werde.

    Die Episode wirft ein Schlaglicht auf eine breitere Entwicklung: Der innenpolitische Rückhalt für Selenskyj ist nicht mehr unerschütterlich. Nach über drei Jahren Krieg, massiven Verlusten an Menschenleben und fortwährender Unsicherheit wächst die Erwartungshaltung der Bevölkerung – nicht nur an militärische Effizienz, sondern auch an politische Integrität.

    Die Ukraine steht damit an einem neuralgischen Punkt ihrer politischen Entwicklung. Der Versuch, unter dem Deckmantel der nationalen Sicherheit rechtsstaatliche Kontrollinstanzen zu schwächen, könnte langfristig mehr Schaden anrichten als russische Propaganda. Umgekehrt zeigt die massive Mobilisierung der Zivilgesellschaft, dass demokratisches Bewusstsein und Widerstandsfähigkeit im Land stark geblieben sind.

    Es ist ein Balanceakt zwischen staatlicher Handlungsfähigkeit im Krieg und der Wahrung rechtsstaatlicher Prinzipien. Wie belastbar dieser Spagat ist, wird sich in den kommenden Wochen zeigen – wenn das angekündigte neue Gesetz auf dem Tisch liegt und die internationalen Partner ihre Position überdenken müssen. Der Ausgang dieser Debatte dürfte weit über die konkrete Gesetzesfrage hinaus Bedeutung haben: als Testfall für die demokratische Resilienz eines Landes im Krieg.


    Weitere World-News

    Handel: Die Aktienmärkte in Asien und Europa verzeichneten Kursgewinne, nachdem Präsident Trump ein „massives“ Handelsabkommen mit Japan angekündigt hatte.

    Gaza: Über 100 Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen, darunter Ärzte ohne Grenzen, warnten davor, dass sich in Gaza eine „Massenhungersnot“ ausbreite.

    USA: Justizministerin Pam Bondi teilte Trump im Frühjahr mit, dass sein Name in den Akten von Jeffrey Epstein auftauche, sagten drei mit dem Gespräch vertraute Personen.

    Iran: Behörden untersuchen eine Serie rätselhafter Brände und Explosionen, die sie für Teil einer koordinierten Sabotagekampagne halten.

    Klima: Der Internationale Gerichtshof veröffentlichte eine scharf formulierte Stellungnahme, wonach Staaten verpflichtet sind, ihre Bevölkerung vor der „existenziellen Bedrohung“ des Klimawandels zu schützen.

    Frankreich: Präsident Emmanuel Macron und seine Frau Brigitte Macron haben in den USA eine Verleumdungsklage gegen die rechte Podcasterin Candace Owens eingereicht, die fälschlich behauptet hatte, Frau Macron sei ein Mann.

    Vereinigtes Königreich: Die Familien zweier britischer Staatsbürger, die im vergangenen Monat bei einem Flugzeugabsturz in Indien ums Leben kamen, erhielten laut ihrer Anwältin die sterblichen Überreste anderer Personen zugesandt.

  • Kommentar: Die Wiederkehr der Dämonen – Frankreichs fatale Amnesie

    Kommentar: Die Wiederkehr der Dämonen – Frankreichs fatale Amnesie

    Am 23. Juli 1945, nur wenige Wochen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa, begann in Paris ein Prozess, der weit mehr war als ein juristisches Verfahren. Es war ein Akt nationaler Katharsis. Auf der Anklagebank: Marschall Philippe Pétain – Held von Verdun, Vater der „Révolution nationale“, und Symbol des moralischen Bankrotts einer ganzen Nation. Achtzig Jahre ist das jetzt her. Und doch beschleicht einen dieser Tage ein beunruhigendes Déjà-vu.

    Frankreich, das Land der Aufklärung, der Menschenrechte, der Résistance, taumelt wieder. Und es fragt sich: Haben wir wirklich etwas gelernt?

    Der Fall Pétain – eine nationale Zerreißprobe

    Pétains Prozess war mehr als ein juristisches Urteil über Hochverrat und Kollaboration. Er war eine offene Wunde. Millionen Franzosen hatten das Vichy-Regime nicht nur ertragen, sondern unterstützt. Sie hatten weggesehen, als jüdische Kinder deportiert wurden. Sie hatten profitiert, als „unfranzösische Elemente“ entrechtet und ausgegrenzt wurden. Pétain war nicht nur Täter, er war Projektionsfläche – für die Angst vor dem Chaos, für das Bedürfnis nach Ordnung, für das Versagen einer ganzen Gesellschaft.

    Und heute? Heute wird wieder projiziert. Wieder gefürchtet. Wieder gesucht: der „Schuldige“.

    Vom Schatten des Vichy ins Licht des Front National

    Wer heute durch Frankreich reist, hört wieder diese alten, gefährlichen Sätze. Dass „man im eigenen Land fremd sei“. Dass „die da oben“ das Volk verraten hätten. Dass „französische Werte“ verteidigt werden müssten – gegen Migranten, Muslime, „Globalisten“. Es ist der Soundtrack einer Nation, die sich selbst verliert. Einer Nation, die zu vergessen scheint, wohin dieser Weg schon einmal geführt hat.

    Marine Le Pen, Erbin der Vichy-Rhetorik im neuen Gewand, hat es geschafft, den Front National zu normalisieren. Die Partei nennt sich inzwischen „Rassemblement National“, gibt sich bürgerlich, staatstragend – und bleibt im Kern eine Bewegung des Ressentiments, des revisionistischen Nationalismus. Und Frankreich? Frankreich wählt sie. Immer mehr. Immer offener. In manchen Départements wurde der RN bei den Europawahlen stärkste Kraft mit über 40 Prozent.

    Ist das nicht ein kollektives Gedächtnisversagen?

    Antisemitismus – die nie geheilte Wunde

    Noch schlimmer: Der Antisemitismus, den viele nach dem Pétain-Prozess für überwunden hielten, ist zurück. Nicht mehr nur von den Rändern, nicht nur aus islamistischen Milieus, sondern auch in der Mitte. In den Schulen, in den sozialen Netzwerken, auf den Straßen. Die Affäre um die ermordete Holocaust-Überlebende Mireille Knoll (2018) war ein Fanal – und doch nur eine von vielen alarmierenden Episoden.

    Wie konnte es so weit kommen? Wie kann ein Land, das sich jedes Jahr stolz an die Résistance erinnert, gleichzeitig dulden, dass jüdische Gemeinden wieder Angst haben, die Kippa in der Öffentlichkeit zu tragen?

    Geschichte wiederholt sich nicht – aber sie reimt sich

    „Die Geschichte wiederholt sich nicht“, schrieb Mark Twain, „aber sie reimt sich.“ Und in Frankreich klingt der Reim derzeit erschreckend vertraut. Es ist nicht 1940. Aber die Sehnsucht nach autoritärer Ordnung, die Bereitschaft zur Ausgrenzung, die Gleichgültigkeit gegenüber den ersten Opfern – sie sind wieder da. Und sie greifen um sich.

    Man will schreien angesichts dieser historischen Ironie. Man will rufen: Wacht endlich auf! Habt ihr denn Pétains Prozess vergessen? Habt ihr vergessen, was es bedeutet, wenn eine Demokratie sich selbst aufgibt – Schritt für Schritt, Gesetz für Gesetz, Wahl für Wahl?

    Frankreich steht heute erneut an einem Scheideweg. Es kann sich entscheiden für die offene Republik, für Vernunft, Aufklärung und Erinnerung. Oder es kann wieder marschieren – in eine dunkle Zukunft, im Namen einer verklärten Vergangenheit.

    Wer glaubt, man könne mit den Dämonen der Geschichte spielen, ohne sie zu entfesseln, irrt. Und dieser Irrtum hat in Frankreich schon einmal Millionen das Leben gekostet.

    Ein Kommentar von Andreas M. Brucker

  • Loi Duplomb: Symbolpolitik in Zeiten ökologischer Besorgnis

    Loi Duplomb: Symbolpolitik in Zeiten ökologischer Besorgnis

    Eine Petition mit inzwischen über einer Million Unterschriften zwingt die französische Politik zur Stellungnahme – doch am verabschiedeten Gesetz ändert sich vorerst nichts. Die sogenannte „Loi Duplomb“, die unter anderem die Wiedereinführung eines umstrittenen Pestizids erlaubt, steht exemplarisch für die Spannungen zwischen agrarökonomischem Pragmatismus und wachsender ökologischer Sensibilität. Am 20. Juli verkündete Yaël Braun-Pivet, Präsidentin der Assemblée nationale, ihre Bereitschaft zu einem parlamentarischen Diskurs über das Gesetz. Anlass ist eine von der Studentin Eléonore Pattery initiierte Online-Petition, die innerhalb von zehn Tagen mehr als eine Million Unterstützer mobilisierte – ein in Frankreich bisher nie gesehenes Zeichen direkter demokratischer Teilhabe. Braun-Pivet betonte jedoch zugleich, dass dieser Dialog keine rechtlichen Folgen für das Gesetz selbst haben werde. Ein Gesetz unter Protest Verabschiedet wurde die Loi Duplomb am 8. Juli 2025 – mit dem erklärten…

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  • Frankreichs Agrarpolitik unter Druck: Bürgerprotest gegen die „Loi Duplomb“ wächst zur Massenbewegung

    Frankreichs Agrarpolitik unter Druck: Bürgerprotest gegen die „Loi Duplomb“ wächst zur Massenbewegung

    Am 10. Juli 2025 startete Éléonore Pattery, eine junge Masterstudentin für Qualität, Sicherheit und Umwelt (QSE) sowie soziale Verantwortung (RSE), eine Petition gegen ein gerade verabschiedetes Gesetz – neun Tage später hat sie mit über 750.000 Unterschriften Geschichte geschrieben. Was als persönliches Anliegen begann, ist inzwischen zu einer landesweiten Mobilisierung geworden, die den Druck auf Parlament und Regierung erhöht. Im Zentrum steht ein Gesetz, das unter dem Namen „Loi Duplomb“ bekannt geworden ist – benannt nach dem konservativen Senator Laurent Duplomb, einem erklärten Verfechter deregulierten Agrarbetriebs. Die beispiellose Resonanz der Petition offenbart nicht nur ein wachsendes Umweltbewusstsein in der französischen Bevölkerung, sondern auch eine kritische Haltung gegenüber einer politischen Entscheidung, die viele als Rückschritt empfinden – in ökologischer, gesundheitlicher und demokratischer Hinsicht.

    Rückbau von Schutzstandards zugunsten der Landwirtschaft Die „…

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  • Was der Angriff auf den Bürgermeister von Saint-Dié über den Zustand der französischen Demokratie verrät

    Was der Angriff auf den Bürgermeister von Saint-Dié über den Zustand der französischen Demokratie verrät

    Am Abend des 12. Juli wurde Bruno Toussaint, Bürgermeister der ostfranzösischen Stadt Saint-Dié-des-Vosges, während der städtischen Feier „Nuit Blanche“ Opfer eines tätlichen Angriffs. Ein früherer Gemeindemitarbeiter ging auf offener Straße auf den Bürgermeister und dessen Ehefrau los. Der Angriff reiht sich ein in eine beunruhigende Serie von Übergriffen auf Kommunalpolitiker in Frankreich – ein Phänomen, das längst nicht mehr als Ausnahme gelten kann. Persönlicher Angriff – politisches Signal Gegen 23 Uhr, als die sommerliche Nacht in Saint-Dié von Musik und Menschen erfüllt war, eskalierte eine Begegnung zwischen Toussaint und einem 33-jährigen Mann, der laut Medienberichten bis zum Herbst 2024 in Diensten der Stadt stand. Nachdem sein befristeter Vertrag nicht verlängert worden war, machte er den Bürgermeister offenbar persönlich für seine Entlassung verantwortlich. Die Konfrontation eskalierte schnell: Der Mann, offenbar stark alkoholisiert, stieß zunächst Catherine Toussaint, di…

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  • „Eine Jahrhundertchance für die Wissenschaft“ – und weitere World-News

    „Eine Jahrhundertchance für die Wissenschaft“ – und weitere World-News

    US-Universitäten sind ein leichtes Ziel für rechtspopulistische Kritik. Umfragen zeigen, dass viele Amerikaner sie als zu liberal, zu teuer und zu elitär empfinden – und das nicht völlig ohne Grund. Doch der Konflikt zwischen der Trump-Regierung und der Harvard University geht über bloße Symbolpolitik hinaus: Er ist zum Testfall für den Versuch geworden, der akademischen Welt eine politische Agenda aufzuzwingen – quer durch die 2.600 Hochschulen der Vereinigten Staaten. Studierende, Lehrende und Forschende geraten gleichermaßen unter Druck. Das gefährdet die globale Spitzenstellung der amerikanischen Wissenschaft, die über Jahrzehnte hinweg aufgebaut wurde.

    Was bedeutet das für den Rest der Welt?

    Europäische Staaten buhlen inzwischen offensiv um in den USA tätige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Sie bieten ihnen eine Art „wissenschaftliches Asyl“ – oder, wie ein französischer Minister es formulierte, „ein Licht in der Dunkelheit“.
    Auch Kanada konnte bereits mehrere renommierte US-Akademiker gewinnen, darunter drei festangestellte Yale-Professoren mit Forschungsschwerpunkten auf Autoritarismus und Faschismus.
    Das Australian Strategic Policy Institute bezeichnete die momentane Lage als „eine Jahrhundertchance für den intellektuellen Zugewinn“ – außerhalb der USA.

    Wer hat das Erfolgsrezept?

    Im mittleren 20. Jahrhundert galt Amerika vielen als wohlwollende Großmacht – verpflichtet der wissenschaftlichen Freiheit und der Demokratie. Es zog die klügsten Köpfe an, die vor Faschismus und autoritären Regimen aus Europa flohen.

    Heute könnte ausgerechnet China zum größten Profiteur der amerikanischen Selbstzerstörung werden. Chinesische Universitäten bemühen sich seit Jahren um internationale Spitzenforscher – nun liefert ihnen Washington indirekt Schützenhilfe. Ein Anzeichen für die Wirksamkeit dieser Strategie bietet Afrika. Immer mehr Afrikaner lernen Mandarin, und mittlerweile studieren fast doppelt so viele in China wie in den Vereinigten Staaten.

    Ein Blick zurück – und nach vorn

    Kann Amerika seine wissenschaftliche Vormachtstellung aus ideologischen Gründen tatsächlich verspielen? Ein solches Szenario ist nicht ohne historisches Vorbild: In den 1930er-Jahren verlor das nationalsozialistische Deutschland seine wissenschaftliche Führungsrolle innerhalb weniger Jahre an die USA.
    Als Deutsche*r denkt man vielleicht allzu schnell an diese Zeit zurück – doch der Vergleich ist in diesem Fall tatsächlich instruktiv. Mehrere prominente US-Journalisten, die sich mit den Folgen des harten Vorgehens der Trump-Regierung gegen internationale Studierende und Forschende befassen, ziehen Parallelen zu Hitlers systematischer Ausschaltung von Wissenschaft und Intellektuellen.

    Bislang kann keine andere Region das Erfolgsrezept der USA – bestehend aus finanziellen Ressourcen, geistiger Freiheit, Risikobereitschaft und Einwanderungsoffenheit – vollständig replizieren. Sollte Amerika als wissenschaftliche Supermacht stürzen und entscheidende Durchbrüche ausbleiben, wäre das ein Rückschlag für die gesamte Welt.


    Schattenseite der grünen Energiewende

    Am 9. Juli berichteten wir an dieser Stelle über seltene Erden – und darüber, wie es möglich wäre, sie sauberer, ethischer und ohne chinesische Dominanz zu fördern. Doch das hat seinen Preis.
    Berichtet wurde jetzt ein Abbau von seltenen Erden an der thailändisch-myanmarischen Grenze, welcher die Schattenseiten des gegenwärtigen Rohstoffbooms besonders deutlich macht. Die seltenen Erden, die dort abgebaut werden – unter anderem für E-Autos, Windkraftanlagen und Atomkraftwerke – stammen aus einem meist rechtsfreien Raum, in dem chinesische Unternehmen nach Herzenslust agieren.

    Der Erlös aus dem Rohstoffhandel finanziert lokale Milizen im Bürgerkrieg Myanmars. Zugleich verschmutzt der Abbau Wasserquellen und zerstört Lebensgrundlagen. Die seltenen Erden aus Myanmar sind billig, weil es dort keine Regulierung gibt. Doch der soziale und ökologische Preis für die Menschen vor Ort ist hoch.


    Weitere wichtige Nachrichten

    Gaza: Bei einem israelischen Luftangriff nahe eines Wasserverteilungspunktes in Zentral-Gaza wurden mindestens zehn Menschen, darunter viele Kinder, getötet. Das israelische Militär sprach von einem „technischen Fehler“.

    Handel: Donald Trump kündigte an, ab dem 1. August Zölle in Höhe von 30 Prozent auf EU-Waren zu erheben. Angesichts wachsender Handelskonflikte suchen die EU und andere Partner nach neuen globalen Handelsstrukturen.

    Asien: Länder mit wirtschaftlicher Ausrichtung auf den US-Markt stehen unter Druck. Sie suchen nach alternativen Handelspartnern – bislang mit begrenztem Erfolg.

    Flugzeugabsturz in Indien: Eine erste Untersuchung ergab, dass nach dem Start bei beiden Triebwerken der Treibstoff abgestellt wurde – ohne erkennbare Erklärung.

    Texas: Zwei Tage nach den verheerenden Überschwemmungen wurden laut internen Dokumenten knapp zwei Drittel der Anrufe bei der Katastrophenhilfe-Hotline der FEMA nicht entgegengenommen.

    Wetter: Tropensturm Nari zieht derzeit über den Nordpazifik vor der japanischen Küste.

    Neukaledonien: Eine neue Vereinbarung mit Frankreich sichert der pazifischen Inselgruppe mehr Autonomie, bleibt jedoch hinter einer vollständigen Unabhängigkeit zurück.

    Autor: P. Tiko

  • Neues Wahlrecht für Paris, Lyon und Marseille – Frankreich kippt das PLM-System

    Neues Wahlrecht für Paris, Lyon und Marseille – Frankreich kippt das PLM-System

    Frankreich hat am 10. Juli 2025 eine tiefgreifende Reform des Kommunalwahlrechts für seine drei größten Städte verabschiedet. Paris, Lyon und Marseille verlieren ab 2026 ihren seit 1982 bestehenden Sonderstatus, das sogenannte PLM-Gesetz. Künftig gilt dort ein Wahlsystem nach landesweitem Standard – mit unklaren Folgen für die kommunale Demokratie und den lokalen Machtkampf. Seit seiner Einführung 1982 regelte das PLM-Gesetz (Paris-Lyon-Marseille) die Organisation der Gemeindewahlen in den drei Metropolen abweichend vom übrigen Frankreich. Die Reform, von Präsident Macrons Partei Renaissance initiiert und am 10. Juli endgültig von der Nationalversammlung beschlossen, beendet dieses System nach über vier Jahrzehnten. Ende des indirekten Sektorenwahlrechts Bislang wählten Bürger ihre Vertreter auf Sektoren- oder Arrondissement-Ebene. Diese gewählten Räte bestimmten anschließend die Mitglieder des Gesamtgemeinderats, der wiederum den Bürgermeister wählte. Kritiker bezeichneten das Verfahr…

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  • Stillstand bei der Gesetzgebung: Frankreichs legislative Krise vertieft sich

    Stillstand bei der Gesetzgebung: Frankreichs legislative Krise vertieft sich

    Frankreich erlebt eine ernsthafte Krise bei der Umsetzung seiner Gesetze. Ein am 11. Juni 2025 veröffentlichter Bericht des Senats dokumentiert einen dramatischen Rückgang bei der praktischen Anwendung verabschiedeter Gesetze – ein Trend, der sich nach der Auflösung der Nationalversammlung im Juni 2024 deutlich verschärft hat. Die Zahlen zeigen eine beunruhigende Entwicklung: Von 51 Gesetzen, die in der Parlamentsperiode 2023–2024 verabschiedet wurden, waren bis Ende März 2025 nur vier vollständig in Anwendung. Der Gesamtumsetzungsgrad fiel auf 59 % – ein Rückgang um fünf Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr. Diese Lücke zwischen gesetzgeberischem Anspruch und verwaltungstechnischer Umsetzung wirft fundamentale Fragen auf: Wie handlungsfähig ist der französische Staat im Kern seiner legislativen Funktion? Und wie wirkt sich diese Blockade auf das Vertrauen der Bürger in die Demokratie aus? Politische Instabilität als systemischer Störfaktor Die politische Landschaft Frankreichs war 2024…

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