Schlagwort: Côte d’Azur

  • Kommentar: Willkommen im neuen Süden – nur eben im Norden

    Kommentar: Willkommen im neuen Süden – nur eben im Norden

    Es ist schon eine bittere Pointe der Geschichte: Jahrzehntelang galt der Süden Frankreichs als Inbegriff des perfekten Sommerurlaubs. Lavendelfelder, Mittelmeer, Zikaden, Sonne satt. Wer etwas auf sich hielt, fuhr an die Côte d’Azur oder in die Provence. Heute fährt man dorthin, um festzustellen, dass sich Asphalt in Kaugummi verwandelt und der Spaziergang am Nachmittag ungefähr den Charme eines Saunagangs mit Sonnenbrand besitzt.

    Herzlichen Glückwunsch. Der Klimawandel hat den Reiseführer neu geschrieben.

    Während der Süden unter Temperaturen ächzt, bei denen selbst die Klimaanlage kapituliert, packen immer mehr Franzosen ihre Strandtasche und flüchten ausgerechnet in die Normandie. Ja, genau dorthin, wo früher jeder zweite Urlauber vorsorglich einen Regenschirm einpackte. Plötzlich gilt Nieselwetter fast schon als Luxusgut. Wer hätte gedacht, dass 23 Grad, eine frische Brise und ein Pullover für den Abend einmal zum Sehnsuchtsziel eines französischen Sommers werden?

    Die Ironie könnte kaum größer sein.

    Jahrelang wurde über Klimaziele gestritten, über Emissionsgrenzen debattiert und jeder neue Hitzerekord mit einem kollektiven Schulterzucken quittiert. Schließlich war schönes Wetter doch etwas Positives. Ein paar Grad mehr – na und? Heute suchen dieselben Menschen verzweifelt nach Orten, an denen man mittags überhaupt noch einen Kaffee auf einer Terrasse trinken kann, ohne das Gefühl zu haben, man sitze direkt vor dem geöffneten Backofen.

    Natürlich profitiert die Normandie wirtschaftlich davon. Hotels sind ausgebucht, Restaurants freuen sich über volle Terrassen, Campingplätze melden Rekordzahlen. Das ist verständlich und niemand wird den Menschen dort ihren Erfolg missgönnen. Aber dieser Boom ist kein Geschenk der Natur. Er ist das Symptom einer Entwicklung, die niemand ernsthaft als Erfolg feiern sollte.

    Man stelle sich den Werbeslogan vor: „Besuchen Sie die Normandie – hier ist der Klimawandel noch ein bisschen langsamer.“ Sarkastischer lässt sich Tourismus kaum vermarkten.

    Besonders bemerkenswert ist die Geschwindigkeit, mit der sich Gewohnheiten verändern. Noch vor wenigen Jahren galt die Normandie vielen als hübsches Ausflugsziel für ein verlängertes Wochenende. Heute avanciert sie zum Sommer-Refugium eines ganzen Landes. Nicht, weil sich ihre Strände verändert hätten. Nicht, weil plötzlich Palmen wachsen würden. Sondern weil der Rest Frankreichs im Hochsommer vielerorts schlicht zu heiß geworden ist.

    Das eigentliche Drama liegt jedoch darin, wie schnell sich der Ausnahmezustand als neue Normalität tarnt. Man freut sich über zehn Grad weniger, als wäre das ein glücklicher Zufall. Dabei zeigt dieser Temperaturunterschied vor allem eines: Etwas läuft gewaltig schief.

    Und trotzdem wird munter weiter diskutiert, ob der Klimawandel wirklich so dramatisch sei. Als müssten erst Kamele über die Champs-Élysées spazieren, bevor auch der letzte Zweifler einsieht, dass sich das Klima verändert. Vielleicht genügt inzwischen schon der Blick auf die Landkarte der Sommerferien. Wenn Millionen Menschen ihre Urlaubsplanung völlig neu ausrichten, weil traditionelle Ferienregionen zur Hitzefalle werden, braucht es keine komplizierten Diagramme mehr. Die Realität übernimmt die Argumentation.

    Natürlich bleibt die Normandie wunderschön. Ihre Kreidefelsen, die historischen Hafenstädte und die langen Sandstrände besitzen seit jeher ihren eigenen Zauber. Doch auch dort ist niemand vor den Folgen der Erderwärmung sicher. Steigende Meerestemperaturen, Küstenerosion und häufigere Extremwetterereignisse machen vor regionalen Gewinnern keinen Halt. Wer heute glaubt, der Norden habe das große Los gezogen, verwechselt einen kurzfristigen Vorteil mit langfristiger Sicherheit.

    Vielleicht ist genau das die bitterste Erkenntnis dieser Entwicklung: Selbst dort, wo der Klimawandel momentan wirtschaftliche Gewinner hervorbringt, basiert dieser Erfolg auf den Problemen anderer Regionen. Das ist ungefähr so erfreulich, wie sich über den Verkauf von Feuerlöschern während eines Großbrandes zu freuen.

    Die Normandie erlebt gerade ihren touristischen Höhenflug. Doch gefeiert wird hier kein neuer Traumurlaub, sondern die Tatsache, dass man im Sommer wieder normal atmen, spazieren gehen und draußen sitzen kann. Dass solche Selbstverständlichkeiten inzwischen als Luxus gelten, sagt mehr über unseren Umgang mit der Klimakrise aus als jede politische Sonntagsrede.

    Der neue Lieblingsurlaubsort Frankreichs ist deshalb weniger ein Grund zur Freude als ein stilles Warnsignal. Wer genau hinschaut, erkennt hinter der frischen Meeresbrise keine Postkartenidylle, sondern den Preis eines Klimas, das sich unaufhaltsam verändert.

    C. Hatty

  • Versteckte Traumstrände vor Cannes: Die Lérins Inseln als stilles Paradies

    Versteckte Traumstrände vor Cannes: Die Lérins Inseln als stilles Paradies

    Nur wenige Minuten trennen die mondäne Promenade der Croisette von einer völlig anderen Welt. Während in Cannes Luxushotels, elegante Boutiquen und beeindruckende Yachten das Bild prägen, erwartet Besucher vor der Küste eine Landschaft voller Ruhe und Ursprünglichkeit. Nach einer kurzen Bootsfahrt eröffnen die Lérins Inseln eine Seite der Côte d’Azur, die viele Urlauber zunächst gar nicht erwarten. Statt dichter Strandreihen, lauter Musik und regem Treiben bestimmen glasklares Wasser, schattige Pinien und kleine, versteckte Buchten das Bild.

    Der kleine Archipel besteht vor allem aus zwei Inseln: Sainte Marguerite und Saint Honorat. Beide besitzen ihren ganz eigenen Charakter, doch eines verbindet sie. Sie laden dazu ein, den Alltag hinter sich zu lassen und die Natur in ihrer schönsten Form zu genießen.

    Sainte Marguerite ist die größere der beiden Inseln und ein echtes Paradies für Badegäste. Bereits unweit des Anlegers liegt der Strand Sainte Anne. Sein flach abfallendes Ufer und das ruhige Wasser machen ihn besonders für Familien attraktiv. Kinder planschen hier sicher im Meer, während Erwachsene den Blick auf das türkisblaue Wasser genießen.

    Wer lieber etwas mehr Abgeschiedenheit sucht, entdeckt entlang der Küste zahlreiche kleine Buchten. Besonders beeindruckend präsentieren sich die Dragon Buchten im Westen der Insel. Helle Kalkfelsen ragen dort direkt aus dem Meer empor, dazwischen wachsen Pinien, deren Äste bis fast ans Wasser reichen. Die Sicht unter Wasser fällt außergewöhnlich klar aus. Kein Wunder also, dass Schnorchler diesen Abschnitt besonders schätzen. Bunte Fische, Seegraswiesen und die faszinierenden Lichtspiele unter der Wasseroberfläche machen jeden Badestopp zu einem kleinen Erlebnis.

    Doch Sainte Marguerite bietet weit mehr als schöne Badeplätze.

    Ein Netz gut ausgebauter Wanderwege führt durch duftende Pinienwälder und vorbei an Eukalyptusbäumen bis zu den ruhigeren Spitzen der Insel. Besonders die Pointe du Batéguier und die Pointe Carbonel gelten als Geheimtipps. Selbst mitten im Sommer findet sich dort oft ein stilles Plätzchen, an dem nur das Rauschen der Wellen und das Zirpen der Zikaden zu hören sind. Wer früh am Morgen unterwegs ist, erlebt die Insel fast für sich allein. Genau das macht ihren besonderen Reiz aus.

    Auch geschichtlich besitzt Sainte Marguerite einen außergewöhnlichen Stellenwert. Hoch über der Küste erhebt sich das Fort Royal, dessen Mauern eng mit einer der geheimnisvollsten Figuren Frankreichs verbunden sind. Hier soll einst der berühmte Gefangene mit der eisernen Maske eingesperrt gewesen sein. Bis heute ranken sich zahlreiche Legenden um seine wahre Identität. Der Besuch der Festung verbindet Natur und Geschichte auf eindrucksvolle Weise.

    Nicht weit davon entfernt wartet eine weitere Besonderheit. Vor der Küste befindet sich ein Unterwasser Skulpturenpark. Mehrere monumentale Kunstwerke ruhen auf dem Meeresboden und lassen sich bereits mit Schnorchel und Taucherbrille entdecken. Zwischen den Skulpturen tummeln sich Fische und andere Meeresbewohner. Kunst und Natur verschmelzen hier auf überraschende Weise miteinander.

    Noch ruhiger wirkt die kleinere Nachbarinsel Saint Honorat.

    Hier bestimmt seit Jahrhunderten das Leben der Zisterziensermönche den Rhythmus des Tages. Das Kloster prägt die Insel bis heute. Weinberge, alte Kapellen und schmale Wege führen durch eine Landschaft, in der die Zeit scheinbar langsamer vergeht. Besucher begegnen immer wieder stillen Orten, die zum Verweilen einladen.

    Die Küsten unterscheiden sich deutlich von denen der größeren Nachbarinsel. Statt ausgedehnter Sandstrände dominieren flache Felsen und kleine Badeplätze direkt am Wasser. Viele Gäste kommen nicht wegen großer Strände hierher, sondern wegen der besonderen Atmosphäre. Wer sich auf einen der warmen Felsen setzt und über das glitzernde Meer blickt, versteht schnell, warum diese Insel als Ort der Ruhe gilt.

    Luxus sucht man auf beiden Inseln vergeblich und genau darin liegt ihr besonderer Charme. Große Hotelanlagen oder Einkaufsstraßen fehlen ebenso wie ausgedehnte Strandpromenaden. Stattdessen empfiehlt es sich, ausreichend Trinkwasser, ein kleines Picknick und festes Schuhwerk mitzubringen. Ein Schnorchel gehört ebenfalls ins Gepäck, denn die Unterwasserwelt zählt zu den schönsten der gesamten Region.

    Ein weiterer Schatz verbirgt sich unter der Wasseroberfläche. Rund um die Inseln wachsen ausgedehnte Posidonia Seegraswiesen. Sie dienen unzähligen Meerestieren als Lebensraum, produzieren Sauerstoff und schützen die Küsten vor Erosion. Aus diesem Grund stehen weite Bereiche unter besonderem Schutz. Für Boote gelten strenge Regeln beim Ankern, damit dieses empfindliche Ökosystem langfristig erhalten bleibt. So bleibt die außergewöhnliche Artenvielfalt auch für kommende Generationen bestehen.

    Wer bislang nur die bekannten Strände von Cannes kennt, erlebt auf den Lérins Inseln einen überraschenden Perspektivwechsel. Kaum legt das Boot ab, verschwinden Hochhäuser und Hotels langsam am Horizont. Wenige Minuten später bestimmen Pinienwälder, schroffe Küsten und das intensive Blau des Mittelmeers die Szenerie. Ist es nicht erstaunlich, wie nah zwei so unterschiedliche Welten beieinander liegen?

    Gerade diese Nähe macht den Reiz eines Ausflugs aus. Vormittags durch die eleganten Straßen von Cannes schlendern und wenig später in einer einsamen Bucht baden – schöner lässt sich die Vielfalt der Côte d’Azur kaum erleben. Wer einmal dort war, erzählt oft nicht zuerst vom roten Teppich oder den Luxusyachten, sondern von den stillen Buchten zwischen den Pinien. Und mal ehrlich, gibt es einen besseren Ort, um einfach die Seele baumeln zu lassen?

    Die Lérins Inseln beweisen eindrucksvoll, dass die französische Riviera weit mehr bietet als Glamour und internationale Filmfestivals. Nur einen Steinwurf von Cannes entfernt bewahrt sich die Natur ihre ursprüngliche Schönheit. Wer die Küste einmal von ihrer stillen Seite erleben möchte, findet hier ein kleines Paradies, das lange in Erinnerung bleibt.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Eklat in Nizza: Ciotti fordert Rücktritt von Verkehrsminister Tabarot

    Eklat in Nizza: Ciotti fordert Rücktritt von Verkehrsminister Tabarot

    Der politische Konflikt zwischen dem Nizzaer Bürgermeister Éric Ciotti und dem französischen Verkehrsminister Philippe Tabarot ist zu einer Affäre von nationaler Tragweite geworden. Nach einem Vorfall am Rande des Wirtschafts- und Innovationsforums „Bharat Innovates“ am 14. Juni hat Ciotti öffentlich den Rücktritt seines ehemaligen Parteikollegen gefordert. Die Auseinandersetzung wirft Fragen über den Umgangston in der französischen Politik auf und könnte weit über die Côte d’Azur hinaus Folgen haben. Nach Angaben mehrerer Augenzeugen soll Tabarot den Bürgermeister von Nizza während der Veranstaltung zunächst als „Nabot“ bezeichnet haben – ein im Französischen abwertender Ausdruck für eine kleinwüchsige oder unbedeutende Person. Noch schwerer wiegt jedoch eine weitere Äußerung, die Ciotti als offene Drohung interpretiert. Demnach soll der Minister erklärt haben: „Ich werde dich verschwinden lassen, indem ich dir Georgier schicke.“ Die genaue Bedeutung dieser Aussage bleibt bislang unkl…

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  • Nizza und die Kreuzfahrtriesen: Zwischen Wohlstand und Überdruss

    Nizza und die Kreuzfahrtriesen: Zwischen Wohlstand und Überdruss

    Wenn in der Bucht von Villefranche-sur-Mer ein Kreuzfahrtschiff auftaucht, richtet sich der Blick vieler Menschen automatisch aufs Meer. Die einen sehen wirtschaftliche Chancen. Die anderen erkennen vor allem ein Symbol für Massentourismus. Genau dieser Gegensatz prägt derzeit die Diskussion an der französischen Riviera.

    In Nizza und den umliegenden Küstenorten sorgen die schwimmenden Giganten erneut für hitzige Debatten. Nachdem 2025 verschiedene Vorstöße auf eine stärkere Begrenzung der größten Kreuzfahrtschiffe abzielten, zeigt sich die Politik inzwischen etwas flexibler. Der wirtschaftliche Nutzen wiegt für viele Entscheidungsträger schwer. Gleichzeitig gelten neue Regeln, die die Zahl der Passagiere begrenzen und die Häufigkeit bestimmter Anläufe einschränken sollen.

    Doch reicht das aus?

    Für viele Geschäftsleute liegt die Antwort auf der Hand. Jedes Kreuzfahrtschiff bringt Tausende potenzielle Kunden. Cafés füllen sich, Restaurants servieren zusätzliche Menüs, Souvenirläden verzeichnen höhere Umsätze und Taxifahrer freuen sich über gut gefüllte Arbeitstage. Gerade in einer Region, deren Wirtschaft stark vom Tourismus abhängt, zählt nahezu jeder Besucher.

    Ein Cafébesitzer in der Altstadt von Nizza beschrieb die Situation einmal treffend: „Wenn ein großes Schiff kommt, spürt man das sofort. Die Straßen leben auf.“ Tatsächlich verwandeln sich die Gassen an manchen Tagen in ein buntes Mosaik aus Sprachen, Kameras und Sonnenhüten.

    Für viele Betriebe sind solche Tage Gold wert.

    Besonders kleinere Geschäfte profitieren davon, dass zahlreiche Passagiere nur wenige Stunden an Land verbringen und diese Zeit möglichst intensiv nutzen möchten. Ein Kaffee auf der Terrasse, ein Mitbringsel für die Familie oder ein kurzer Besuch in einer Parfümerie summieren sich schnell zu beachtlichen Einnahmen.

    Entsprechend groß fiel die Sorge aus, als über drastische Einschränkungen diskutiert wurde. Wirtschaftsvertreter warnten vor erheblichen Verlusten. In Villefranche-sur-Mer kursierten Berechnungen, die bei einer starken Reduzierung der Kreuzfahrtschiffe von Millioneneinbußen ausgingen. Für manche Unternehmen würde das einen spürbaren Einschnitt bedeuten.

    Auf der anderen Seite wächst jedoch der Unmut vieler Anwohner.

    Sie erleben die Situation aus einer völlig anderen Perspektive.

    Wer morgens aus dem Fenster blickt und statt des Horizonts eine mehrere hundert Meter lange Schiffswand sieht, entwickelt oft einen anderen Bezug zum Thema als ein Ladenbesitzer in der Einkaufsstraße. Für zahlreiche Bewohner verkörpern die Kreuzfahrtriesen die Schattenseiten des modernen Tourismus.

    Da ist zunächst die Umweltfrage.

    Die Schiffe transportieren mehrere Tausend Menschen und benötigen enorme Energiemengen. Obwohl moderne Technologien die Emissionen reduzieren sollen, bleibt die Belastung für Luft und Umwelt ein zentrales Streitthema. Umweltverbände weisen seit Jahren auf die Folgen des Kreuzfahrtverkehrs hin und fordern strengere Regeln.

    Hinzu kommt die Belastung der Infrastruktur.

    Plötzlich strömen Tausende Besucher gleichzeitig durch Straßen und Plätze. Busse pendeln im Minutentakt zwischen Hafen und Sehenswürdigkeiten. Beliebte Aussichtspunkte füllen sich innerhalb kürzester Zeit. Für Urlauber mag das nach lebendiger Atmosphäre klingen. Für Anwohner fühlt es sich häufig nach Dauerstress an.

    Manche sprechen sogar von einem Tourismus, der die Stadt nur streift, statt sie wirklich kennenzulernen.

    Der Vorwurf lautet: Viele Kreuzfahrtgäste verbringen lediglich wenige Stunden vor Ort. Sie fotografieren die bekanntesten Sehenswürdigkeiten, trinken einen Kaffee und kehren anschließend aufs Schiff zurück. Die wirtschaftlichen Vorteile seien vorhanden, stünden aber nicht immer im Verhältnis zu den Belastungen.

    Diese Diskussion beschränkt sich längst nicht auf Nizza.

    Von Venedig über Barcelona bis nach Dubrovnik ringen zahlreiche Mittelmeerstädte mit ähnlichen Fragen. Überall geht es um denselben Balanceakt: Wie viel Tourismus verträgt eine Stadt, ohne ihren Charakter zu verlieren?

    Die Antwort fällt selten eindeutig aus.

    Schließlich lebt die Côte d’Azur seit Jahrzehnten von ihrer Anziehungskraft. Das Meer, das milde Klima und die berühmte Küstenlandschaft locken Menschen aus aller Welt an. Viele Arbeitsplätze hängen direkt oder indirekt vom Tourismus ab. Hotels, Restaurants, Freizeitbetriebe und Einzelhändler profitieren von den Gästen.

    Gleichzeitig wünschen sich die Einwohner lebenswerte Städte statt Freilichtkulissen für Besucherströme.

    Genau hier liegt der Kern des Problems.

    Ein vollständiges Verbot großer Kreuzfahrtschiffe würde viele Umweltaktivisten erfreuen. Doch eine solche Maßnahme hätte wirtschaftliche Folgen, die kaum zu ignorieren wären. Eine uneingeschränkte Rückkehr der schwimmenden Riesen wiederum würde den Ärger vieler Bewohner weiter anheizen.

    Deshalb gewinnt ein Mittelweg zunehmend an Zustimmung.

    Statt auf spektakuläre Verbote setzen viele Experten auf gezielte Steuerung. Kleinere Schiffe, strengere Obergrenzen für Passagierzahlen und eine bessere Verteilung der Ankünfte über das Jahr hinweg gelten als vielversprechende Ansätze. Auch die Elektrifizierung der Hafenanlagen spielt eine wichtige Rolle. Liegen Schiffe am Kai und beziehen ihren Strom direkt vom Land, sinken Lärm und Emissionen deutlich.

    Klingt vernünftig, oder?

    Dennoch bleibt die Umsetzung anspruchsvoll. Reedereien, Kommunen, Hafenbehörden und Anwohner verfolgen unterschiedliche Interessen. Jeder Kompromiss erzeugt neue Diskussionen. Das macht die Debatte so emotional.

    Während die Kreuzfahrtschiffe draußen auf dem glitzernden Mittelmeer ihre Bahnen ziehen, sucht Nizza nach einer Lösung, die wirtschaftliche Stärke und Lebensqualität miteinander verbindet. Die Stadt steht stellvertretend für viele europäische Küstenorte, die sich dieselbe Frage stellen.

    Wie viel Tourismus ist gut für eine Stadt, und ab welchem Punkt verliert sie ein Stück ihrer Seele?

    Eine endgültige Antwort gibt es bislang nicht. Doch eines zeigt die aktuelle Diskussion sehr deutlich: Die Zukunft des Tourismus entscheidet sich längst nicht mehr allein an den Buchungszahlen. Sie entscheidet sich dort, wo Besucher, Wirtschaft und Einwohner denselben Raum teilen müssen.

    Und genau dort beginnt die eigentliche Herausforderung.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Über einem Parkhaus wächst die Zukunft

    Über einem Parkhaus wächst die Zukunft

    Wer den Platz zum ersten Mal betritt, denkt kaum an Beton. Oleander wiegen sich im Wind, Lavendel verströmt seinen Duft, Gräser setzen leichte Akzente zwischen Agaven und schattenspendenden Bäumen. Die Szenerie erinnert an einen gewachsenen mediterranen Garten, der seit Jahrzehnten Teil der Landschaft ist. Doch der Eindruck täuscht: Unter dieser grünen Oase verbirgt sich ein Parkhaus.

    Genau darin liegt die Besonderheit eines bemerkenswerten Projekts in Antibes an der Côte d’Azur. Auf einer riesigen Betondecke entstand ein Garten, der den Herausforderungen eines sich wandelnden Klimas begegnet. Was zunächst wie ein gestalterisches Experiment wirkt, entwickelte sich zu einem Vorzeigeprojekt für moderne Stadtplanung im Mittelmeerraum.

    Die Ausgangslage war alles andere als einfach. Ein Parkdeck bietet Pflanzen normalerweise denkbar schlechte Bedingungen. Die verfügbare Erdschicht fällt begrenzt aus, Regenwasser versickert nur eingeschränkt, und jede zusätzliche Last muss genau berechnet werden. Große Bäume, dichte Strauchgruppen oder umfangreiche Bewässerungssysteme stoßen schnell an technische Grenzen.

    Statt gegen diese Bedingungen anzukämpfen, entschieden sich die Planer für einen anderen Weg. Sie orientierten sich konsequent an der Natur des Mittelmeerraums. Warum Pflanzen einsetzen, die ständig Wasser benötigen, wenn die Region seit Jahrhunderten Arten hervorbringt, die mit Trockenheit bestens zurechtkommen?

    So prägen heute Lavendel, robuste Gräser, Oleander, Agaven und widerstandsfähige Sträucher das Bild. Auch die Bäume wurden sorgfältig ausgewählt. Sie spenden Schatten, trotzen sommerlicher Hitze und kommen mit deutlich weniger Wasser aus als viele klassische Stadtbäume. Das Ergebnis wirkt erstaunlich natürlich – fast so, als hätte sich die Vegetation ihren Platz selbst gesucht.

    Hinter diesem Ansatz steckt eine langfristige Strategie. Antibes setzt seit Jahren auf sogenannte mediterrane Gärten. Ziel ist nicht nur eine attraktive Gestaltung öffentlicher Räume. Vielmehr sollen Grünflächen entstehen, die auch in Zukunft Bestand haben, selbst wenn Sommer heißer und Trockenperioden länger ausfallen.

    Damit verändert sich zugleich das Verständnis von Stadtgrün. Jahrzehntelang galten sattgrüne Rasenflächen als Ideal. Heute zeigen viele Kommunen im Süden Europas, dass solche Konzepte an ihre Grenzen stoßen. Ein Rasen gleicht in trockenen Regionen oft einem durstigen Gast, der nie genug bekommt. Mediterrane Pflanzen dagegen kommen mit deutlich weniger Ressourcen aus und bieten dennoch Farbe, Struktur und Lebensraum für zahlreiche Insekten.

    Eine zentrale Rolle spielt dabei das Wassermanagement. In einer Region, die immer häufiger unter Dürre leidet, zählt jeder eingesparte Liter. Deshalb setzt Antibes auf moderne Tröpfchenbewässerung. Das Wasser gelangt direkt an die Wurzeln, statt großflächig zu verdunsten. Ergänzt wird das System durch die Nutzung aufbereiteten Wassers und digitale Technologien, die Leckagen frühzeitig erkennen.

    Doch der Garten über dem Parkhaus erzählt noch eine andere Geschichte. Er steht für einen Wandel im Denken. Landschaftsarchitekten und Botaniker planen heute nicht mehr nur für die Gegenwart. Sie berücksichtigen bereits die Bedingungen der kommenden Jahrzehnte. Welche Baumarten überstehen längere Hitzewellen? Welche Pflanzen vertragen starke Niederschläge nach monatelanger Trockenheit? Welche Kombinationen fördern die Artenvielfalt?

    Die Antworten auf diese Fragen prägen inzwischen viele Projekte an der Côte d’Azur. Ziel sind Grünanlagen, die weitgehend selbstständig funktionieren und nur wenig Pflege benötigen. Die Natur dient dabei nicht als Dekoration, sondern als Vorbild.

    Gerade in dicht bebauten Städten gewinnt dieser Ansatz an Bedeutung. Wo früher versiegelte Flächen dominierten, entstehen heute schattige Aufenthaltsorte. Pflanzen kühlen ihre Umgebung, speichern Wasser und schaffen Lebensräume für Vögel, Insekten und andere Tiere. Gleichzeitig verbessern sie die Lebensqualität der Menschen. Wer sucht an einem heißen Sommertag nicht gerne einen Platz unter einem Baum statt auf aufgeheiztem Beton?

    Der Garten über dem Parkhaus von Antibes zeigt eindrucksvoll, wie solche Lösungen aussehen können. Er verbindet technische Infrastruktur mit Natur, ohne dass eines das andere verdrängt. Autos finden ihren Platz unter der Erde, während darüber ein lebendiger Grünraum wächst.

    Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Botschaft dieses Ortes. Die Zukunft der Stadt entsteht nicht zwangsläufig durch immer mehr Technik oder immer neue Bauwerke. Manchmal genügt ein Blick auf die Strategien der Natur. Sie kennt seit Jahrtausenden Wege, mit Hitze, Trockenheit und Wandel umzugehen.

    Antibes hat diesen Gedanken aufgegriffen – und daraus einen Garten geschaffen, der weit über seine Grenzen hinaus als Inspiration dient. Zwischen Lavendel, Oleander und Schatten spendenden Bäumen wächst dort nicht nur Grün. Über einem Parkhaus wächst eine Vorstellung davon, wie Städte in einer wärmeren Welt lebenswert bleiben.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Antibes: Lastwagen löst Massenkarambolage mit 22 Fahrzeugen aus – 37 Menschen verletzt

    Antibes: Lastwagen löst Massenkarambolage mit 22 Fahrzeugen aus – 37 Menschen verletzt

    Ein schwerer Verkehrsunfall hat die Mittelmeerstadt Antibes an der Côte d’Azur erschüttert. Am frühen Nachmittag des 2. Juni raste ein Lastwagen in eine Fahrzeugkolonne und löste eine Kettenreaktion aus, die sich innerhalb weniger Sekunden über zahlreiche Fahrzeuge ausbreitete. Insgesamt wurden 22 Autos in den Unfall verwickelt, 37 Menschen erlitten leichte Verletzungen.

    Der Unfall ereignete sich gegen 14 Uhr im nördlichen Stadtgebiet auf einer stark frequentierten Verkehrsachse in Richtung der Autobahn A8. Diese Verbindung zählt zu den meistgenutzten Strecken der Region und ist besonders zu Stoßzeiten stark belastet. Genau dort spielte sich ein Szenario ab, das Augenzeugen noch Stunden später fassungslos schilderten.

    Nach bisherigen Erkenntnissen verlor der Lastwagen auf einer abschüssigen Strecke die Kontrolle und prallte mit großer Wucht auf die vor ihm fahrenden Fahrzeuge. Die Autos wurden ineinandergeschoben, mehrere Wagen erlitten erhebliche Schäden. Einige Zeugen berichteten, die Fahrzeuge seien förmlich durch die Luft geschleudert worden. Auf den Straßen bot sich ein Bild der Verwüstung: zerbeulte Karosserien, zerstörte Frontpartien und ein kilometerlanger Rückstau.

    Trotz der dramatischen Bilder gilt die Bilanz als außergewöhnlich glimpflich. Bei einer derart hohen Zahl beteiligter Fahrzeuge und der enormen Aufprallenergie hatten Rettungskräfte zunächst deutlich schwerere Folgen befürchtet. Dass niemand lebensgefährlich verletzt wurde, grenzt aus Sicht vieler Beobachter beinahe an ein Wunder.

    Binnen weniger Minuten rückten Feuerwehr, Rettungsdienste und Polizeikräfte in großer Zahl an. Die Verletzten wurden vor Ort versorgt oder in umliegende Krankenhäuser gebracht. Während die Bergungsarbeiten mehrere Stunden andauerten, blieb die betroffene Straße gesperrt. Der Verkehr in und um Antibes wurde erheblich beeinträchtigt.

    Der Fahrer des Lastwagens wurde von den Behörden in Polizeigewahrsam genommen. Ermittler untersuchen nun die genaue Ursache des Unglücks. Dabei stehen sowohl ein möglicher technischer Defekt als auch menschliches Versagen im Fokus. Ob Bremsprobleme, ein Fahrfehler oder eine andere Ursache den Unfall ausgelöst haben, ist bislang offen.

    Für Antibes wirft das Ereignis erneut Fragen zur Verkehrssicherheit auf. Die Straßen zwischen Küstenregion, Wohnvierteln, Gewerbegebieten und der Autobahn gelten seit Jahren als stark belastet. Wo dichter Verkehr, Kreisverkehre und Gefällestrecken zusammentreffen, genügt oft ein einziger Moment, um eine Kettenreaktion mit weitreichenden Folgen auszulösen.

    Der Unfall zeigt eindrücklich, wie schnell aus einer alltäglichen Verkehrssituation ein Großschadensereignis entstehen kann – und wie schmal der Grat zwischen glimpflichem Ausgang und Tragödie manchmal ist.

    Von Daniel Ivers

  • Wo die Côte d’Azur leiser wird

    Wo die Côte d’Azur leiser wird

    Die Côte d’Azur gehört zu jenen Orten, die sich längst von ihrer geografischen Realität gelöst haben. Sie existiert als Versprechen, als Sehnsuchtsbild, als sorgfältig polierte Postkarte. Nizza, Cannes, Monaco – diese Namen genügen, um ganze Bilderwelten hervorzurufen: schimmernde Yachten, palmengesäumte Promenaden, weiße Sonnenschirme vor azurblauem Wasser. Wer an die Riviera denkt, denkt an das Meer.

    Und genau darin liegt das Paradox.

    Denn nur wenige Kilometer hinter den Stränden beginnt eine Landschaft, die mit diesem Bild kaum etwas gemeinsam hat. Dort steigen die Berge an. Straßen winden sich durch Schluchten und Wälder. Dörfer kleben wie Schwalbennester an steilen Hängen. Das Mittelmeer bleibt sichtbar, doch es verliert seine Hauptrolle. Im Hinterland der Alpes-Maritimes entsteht derzeit eine neue Aufmerksamkeit für jene Region, die jahrzehntelang im Schatten des Küstenglanzes stand.

    Vielleicht brauchte es gerade die Überfülle des Bekannten, damit das Unbekannte wieder interessant erscheint.

    Während an den Stränden die Sonnenliegen dicht nebeneinander stehen, suchen viele Reisende inzwischen etwas anderes. Weniger Kulisse, mehr Wirklichkeit. Weniger Spektakel, mehr Geschichte. Das Hinterland bietet genau das – und zwar ohne große Inszenierung.

    Besonders eindrucksvoll zeigt sich dieser Perspektivwechsel in den Monts d’Azur. Dort entdecken Besucher die Landschaft zunehmend aus einer ungewöhnlichen Richtung: von oben.

    Paragliding, einst eher eine Nischensportart für Abenteuerlustige, entwickelt sich hier zu einer neuen Form des Reisens. Wer sich mit einem Gleitschirm von den Bergrücken in die Luft tragen lässt, erlebt die Region wie eine lebendige Reliefkarte. Unter den Füßen ziehen dunkle Wälder vorbei. Kalksteinfelsen ragen aus tief eingeschnittenen Tälern. In der Ferne glitzert das Mittelmeer wie eine silberne Linie am Horizont.

    Von unten betrachtet wirken Berge oft massiv und unbeweglich.

    Von oben erzählen sie Geschichten.

    Man erkennt alte Wege, verlassene Terrassenfelder und die eigentümliche Logik einer Landschaft, die seit Jahrhunderten vom Zusammenspiel zwischen Mensch und Natur geprägt wurde. Die Küste erscheint plötzlich fern. Fast nebensächlich.

    Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet ein Flug durch die Thermik den Blick auf die wahre Côte d’Azur öffnen könnte?

    Doch das Hinterland lebt nicht allein von seinen Panoramen. Seine eigentliche Kraft liegt tiefer. Sie steckt in den Schichten der Zeit.

    Ein Ort verdeutlicht das besser als jeder andere: La Turbie.

    Hoch über Monaco erhebt sich dort das Trophée d’Auguste, ein Monument, das bereits alt war, als die meisten europäischen Hauptstädte noch gar nicht existierten. Vor mehr als zweitausend Jahren ließ Kaiser Augustus den gewaltigen Bau errichten, um seine Siege über die Alpenvölker zu feiern. Das Monument soll einst rund fünfzig Meter hoch gewesen sein. Für die damalige Welt muss es wie eine steinerne Machtdemonstration gewirkt haben.

    Heute fehlen Teile der ursprünglichen Konstruktion. Dennoch besitzt der Ort eine erstaunliche Präsenz.

    Man steht zwischen den hellen Steinen und blickt über das Meer, die Küste und die Berge. Monaco liegt zu Füßen des Monuments wie eine Miniaturstadt. Dahinter verschwimmt Italien am Horizont.

    Es gibt Aussichtspunkte, die beeindrucken.

    Und es gibt Aussichtspunkte, die Zusammenhänge sichtbar machen.

    La Turbie gehört zur zweiten Kategorie.

    Plötzlich wird verständlich, weshalb die Römer genau diesen Ort auswählten. Hier kreuzten sich Wege, Interessen und Machtansprüche. Die Alpen galten nicht als romantische Landschaft, sondern als strategischer Schlüsselraum. Wer die Übergänge kontrollierte, kontrollierte Handel, Militärbewegungen und Kommunikation.

    Die Geschichte erscheint an solchen Orten nicht wie ein Kapitel im Schulbuch. Sie wirkt greifbar, fast gegenwärtig.

    Vielleicht liegt darin einer der großen Reize des Hinterlands. Die Vergangenheit steht nicht hinter Glasvitrinen. Sie begegnet einem auf Marktplätzen, an Kirchenmauern oder entlang alter Wege.

    Und manchmal sogar auf dem Teller.

    Einige Kilometer weiter östlich, oberhalb von Menton, liegt Castellar. Das Dorf gehört zu jenen Orten, die man leicht übersehen könnte. Enge Gassen, Natursteinfassaden, Fensterläden in verblassten Farben. Nichts drängt sich auf. Nichts ruft laut nach Aufmerksamkeit.

    Doch gerade hier lebt eine kulinarische Tradition weiter, die weit über ein gewöhnliches Regionalgericht hinausgeht.

    Die Barba Jouan.

    Schon der Name klingt wie eine Figur aus einer alten Dorferzählung.

    Dabei handelt es sich um frittierte Ravioli, traditionell mit Mangold gefüllt. Auf den ersten Blick wirken sie schlicht. Fast unscheinbar. Doch wer mit Menschen spricht, die sie seit Generationen herstellen, merkt rasch, dass hier mehr bewahrt wird als ein Rezept.

    Es geht um Erinnerung.

    Um Handgriffe, die Großmütter an Enkel weitergaben.

    Um Küchen, in denen Mehlwolken durch die Luft tanzten und Familiengeschichten zwischen Teigplatten und Füllungen weitererzählt wurden.

    Der Teig muss dünn sein, sagen die Produzenten. Sehr dünn. Nur dann entfaltet die Füllung ihre ganze Wirkung. Jede Falte sitzt an ihrem Platz. Jede Teigtasche entsteht mit einer Sorgfalt, die in einer Welt industrieller Lebensmittel beinahe aus der Zeit gefallen scheint.

    Und genau deshalb berühren solche Spezialitäten heute viele Menschen stärker als jede Sterneküche.

    Sie erzählen von Zugehörigkeit.

    Von einer Region, die ihre Identität nicht neu erfinden muss, weil sie sie nie ganz verloren hat.

    Während zahlreiche ländliche Räume Europas nach einem neuen Selbstverständnis suchen, entdecken viele Gemeinden der Alpes-Maritimes ihre kulturellen Schätze wieder. Alte Handwerkskünste erfahren neue Wertschätzung. Historische Traditionen verwandeln sich in Zukunftsressourcen. Junge Unternehmer eröffnen kleine Manufakturen. Lokale Produzenten präsentieren regionale Besonderheiten mit neuem Selbstbewusstsein.

    Das wirkt keineswegs nostalgisch.

    Eher wie eine stille Form von Modernität.

    Denn der zeitgenössische Reisende sucht längst nicht mehr ausschließlich nach Sehenswürdigkeiten. Er sucht nach Erfahrungen. Nach Begegnungen. Nach Geschichten, die sich nicht beliebig reproduzieren lassen.

    Ein Selfie vor einer Luxusyacht gleicht dem nächsten.

    Eine Unterhaltung mit einem Dorfbäcker über ein Familienrezept bleibt im Gedächtnis.

    Vielleicht erklärt genau das den aktuellen Aufschwung des Hinterlands. Es bietet etwas, das an vielen berühmten Reisezielen knapp geworden ist: Überraschungen.

    Die Region versucht gar nicht erst, mit Monaco um Glamour zu konkurrieren oder Cannes in Sachen Prominenz herauszufordern. Sie setzt auf andere Werte. Auf Landschaften, die nicht geschniegelt wirken. Auf Geschichte, die Patina tragen darf. Auf Dörfer, deren Schönheit sich erst beim zweiten Blick entfaltet.

    Darin liegt eine bemerkenswerte Gelassenheit.

    Und vielleicht sogar eine kleine Lektion.

    Nicht jede Region muss laut sein, um gehört zu werden.

    Nicht jeder Ort benötigt große Attraktionen, um Menschen zu berühren.

    Zwischen den Flugrouten der Gleitschirmflieger, den antiken Steinen des Trophée d’Auguste und den handgemachten Barba Jouan entsteht eine neue Erzählung der Côte d’Azur. Eine Erzählung, in der Luxus kaum eine Rolle spielt. Stattdessen geht es um Landschaft, Erinnerung und kulturelle Tiefe.

    Wer sich darauf einlässt, entdeckt eine Riviera jenseits aller Klischees.

    Eine Riviera, die nicht glänzt, sondern leuchtet.

    Und genau darin liegt ihr besonderer Zauber.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Wenn ein Dorf nach Rosen duftet: La Colle-sur-Loup feiert seine „Rose de Mai“

    Wenn ein Dorf nach Rosen duftet: La Colle-sur-Loup feiert seine „Rose de Mai“

    Es gibt Orte in der Provence, die nach Lavendel riechen. Andere nach Pinien, Meer oder warmem Stein. Und dann gibt es La Colle-sur-Loup – ein Dorf unweit von Grasse, das im Mai nach Rosen duftet. Nicht nach irgendeiner Rose. Sondern nach der Centifolia, jener legendären „Rose de Mai“, deren Blütenblätter seit Jahrhunderten in den großen Parfüms Südfrankreichs landen. Wer Mitte Mai durch die kleinen Gassen des Dorfes schlenderte, verstand sofort, weshalb diese Blume hier fast so etwas wie eine Schutzpatronin ist. Am 17. Mai 2026 feierte die Gemeinde ihre Veranstaltung „Autour de la Rose – Floraison artistique“. Ein Fest zwischen Erinnerung, Handwerk und Kunst, das den Dorfkern für einen Tag in ein duftendes Freiluftatelier verwandelte. Überall Rosenstände, florale Installationen, Musik, lokale Produkte und Menschen, die sich zwischen alten Steinfassaden treiben ließen. Kein überinszeniertes Touristenprogramm, eher eine liebevolle Rückkehr zu den eigenen Wurzeln. Denn La Colle-sur-Loup w…

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  • Golfe Juan setzt ein grünes Zeichen am Mittelmeer

    Golfe Juan setzt ein grünes Zeichen am Mittelmeer

    Der Alte Hafen von Golfe Juan trägt 2026 erstmals die Blaue Flagge. Klingt nach einer kleinen Nachricht aus der Welt der Yachthäfen? Nicht ganz. Hinter dieser Auszeichnung steckt weit mehr als ein flatterndes Symbol im Wind der Côte d’Azur. Der traditionsreiche Hafen zwischen Cannes und Antibes rückt damit plötzlich in eine neue Rolle: Vom charmanten […]

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  • Luxusuhren, Prominente und organisierte Diebstähle — Cannes zeigt seine dunkle Seite

    Luxusuhren, Prominente und organisierte Diebstähle — Cannes zeigt seine dunkle Seite

    Wenn in Cannes die Kameras blitzen, die Limousinen im Schritttempo über die Croisette rollen und Schauspieler mit Sonnenbrillen größer als ihre Filmrollen aus Nobelhotels kommen, wirkt die Côte d’Azur für wenige Tage wie eine Parallelwelt. Alles glänzt. Alles funkelt. Und genau das zieht inzwischen nicht nur Fotografen an. Rund um das diesjährige Filmfestival häufen sich Berichte über spektakuläre Diebstähle von Luxusuhren. Betroffen sind Millionäre, Produzenten, Influencer und Unternehmer — Menschen also, die ihren Wohlstand sichtbar am Handgelenk tragen. Rolex, Patek Philippe oder Richard Mille gelten längst nicht mehr bloß als Uhrenmarken. Sie funktionieren wie kleine mobile Vermögen. Leicht transportierbar, extrem wertvoll und auf dem Schwarzmarkt begehrt wie Goldbarren. Die französischen Behörden sprechen inzwischen offen von professionell organisierten Tätergruppen. Keine Gelegenheitstäter, keine spontanen Überfälle. Vielmehr Teams mit klarer Arbeitsteilung, die während des Festi…

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