Schlagwort: Biodiversität

  • Ein putziges Gesicht – mit zerstörerischem Potenzial: Der Waschbär in Frankreich

    Ein putziges Gesicht – mit zerstörerischem Potenzial: Der Waschbär in Frankreich

    Er wirkt harmlos. Fast niedlich. Mit seiner dunklen „Zorro-Maske“ und seinen geschickten Pfoten erinnert er eher an einen Comic-Helden als an einen tierischen Eindringling. Doch der Schein trügt: Der nordamerikanische Waschbär (Procyon lotor), einst als Exot nach Europa gekommen, hat sich still und stetig zum Problemfall entwickelt – auch in Frankreich.

    Und die Probleme nehmen zu.

    Vom Tierpark in die Freiheit – und weiter

    Ursprünglich stammt der Waschbär aus Nordamerika. Doch seit dem 20. Jahrhundert ist er auch in Europa heimisch – zuerst in Deutschland, dann in der Schweiz, Belgien, inzwischen auch in mehreren Regionen Frankreichs. Die Population wächst. In der Gironde wurden allein zwischen Juli 2024 und Juni 2025 rund 275 Tiere gefangen. Das Tier, das einst aus Pelzfarmen oder aus Zoos entkam, lebt heute als freier, selbstständiger Siedler unter uns.

    Frankreich hat reagiert: Seit 2016 gilt der Waschbär offiziell als „nuisible“ – als schädlich. Damit fällt er unter die Liste der sogenannten ESOD-Arten: Tiere, die erhebliche Schäden verursachen können. Das erlaubt Behörden, gegen ihn vorzugehen. Und doch bleibt seine Ausbreitung schwer zu stoppen.

    Zerstörer mit Samtpfoten

    Waschbären sind Allesfresser, gute Kletterer – und erstaunlich anpassungsfähig. Besonders urbane Räume mit ihren Abfällen, Gärten, Dächern und verwinkelten Ecken kommen ihnen gelegen. Ein gefundenes Fressen. Und nicht nur das.

    Denn wo Waschbären auftauchen, da hinterlassen sie Spuren.

    Sie erklimmen Fassaden über Regenrinnen, schlüpfen durch lockere Ziegel oder offene Lüftungsschächte und nisten sich auf Dachböden ein. Ihre scharfen Krallen und Zähne machen vor Holz, Dämmstoffen oder dünnen Blechen nicht halt. Kabel werden durchtrennt, Lüftungsschächte beschädigt, Dämmmaterialien zu Nestern umfunktioniert.

    Und dann sind da noch die Hinterlassenschaften: Kot, Urin, Parasiten. Besonders gefürchtet: der Spulwurm Baylisascaris procyonis, dessen Larven – in seltenen Fällen – auch den Menschen befallen können. Daneben drohen Krankheiten wie Leptospirose, Tollwut oder andere Infektionen – besonders gefährlich für Kinder, Hunde und Katzen.

    Hohe Kosten – und offene Fragen

    Ein Waschbär im Haus ist kein kleiner Vorfall. Neben dem hygienischen Risiko sind es vor allem die Reparaturkosten, die Eigentümer schockieren: Dämmung raus, Elektrik prüfen, Desinfektion, Schädlingsbekämpfung. Mitunter ist das Haus wochenlang nicht nutzbar.

    Die Schäden treffen nicht nur private Haushalte – auch städtische Grünflächen, Tierparks und kommunale Einrichtungen melden vermehrt Probleme. Immer öfter stellt sich die Frage: Wie konnte es so weit kommen?

    Ein Räuber ohne Gegner

    In der französischen Natur hat der Waschbär keine natürlichen Feinde. Keine Luchse, keine Kojoten, keine größeren Greifvögel, die ihm gefährlich werden könnten. Hinzu kommt seine hohe Fortpflanzungsrate: ein Wurf, mehrere Jungtiere – jedes Jahr.

    Seine Anpassungsfähigkeit tut ihr Übriges. Mülltonnen, Hühnerställe, Gartenhäuschen – alles potenzielle Nahrungsquellen oder Unterschlupfe. Und das Tier lernt schnell: Es öffnet Riegel, dreht Deckel ab, meidet Gefahren, wenn es sie einmal erkannt hat.

    Was also tun?

    Frankreich setzt auf eine Kombination aus Prävention, Regulierung und Aufklärung:

    1. Gebäude sichern: Dachrinnen absichern, Schlupflöcher abdichten, Lüftungsgitter aus Metall anbringen – oft reicht ein einzelnes Schlupfloch, um den Waschbär einzuladen.

    2. Nahrung entziehen: Mülltonnen schließen, Tierfutter für Haustiere nur drinnen auslegen, Kompost abdecken.

    3. Fallen aufstellen: Wo erlaubt, arbeiten Behörden und beauftragte Firmen mit Lebendfallen. In der Gironde wurden dafür sogar spezielle Techniken entwickelt.

    4. Nachsorge: Wurden Tiere entfernt, ist ein gründlicher Reinigungs- und Sanierungsprozess nötig – sonst locken Geruchsspuren neue Gäste an.

    5. Überwachung: Kameras und Bewegungsmelder helfen, neue Besuche frühzeitig zu erkennen.

    Zwischen Faszination und Frust

    Waschbären polarisieren. Viele empfinden sie als sympathisch – fast menschlich in ihrer Art. Doch wer einmal einen Dachboden nach einem Waschbär-Besuch gesehen hat, vergisst schnell die Romantik.

    Die Gesellschaft steht vor einem moralischen Dilemma: Einerseits der Wunsch nach Koexistenz mit Wildtieren. Andererseits der Schutz von Gesundheit, Eigentum und Biodiversität. Denn der Waschbär ist auch ein Problem für die Natur – frisst Eier, Nester, Jungtiere. Verdrängt heimische Arten. Zerstört fragile Gleichgewichte.

    Die Antwort liegt wohl nicht im Kampf gegen das Tier – sondern in einem bewussten, konsequenten Umgang mit seiner Anwesenheit. Zwischen Mensch und Waschbär beginnt ein neues Kapitel. Es liegt an uns, wie es weitergeht.

    Autor: Danil Ivers

  • Catherine Chabaud: Mit dem Wind gegen die Wellen der Politik

    Catherine Chabaud: Mit dem Wind gegen die Wellen der Politik

    Sie kennt den Ozean wie ihre Westentasche. Sie hat Stürme überlebt, Flauten durchstanden, war wochenlang allein auf hoher See – und nun segelt sie in neuen Gewässern: Catherine Chabaud, die erste Frau, die den Vendée Globe bezwungen hat, wurde zur französischen Ministerin für Meer und Fischerei ernannt. Ein symbolischer Akt? Ja. Aber auch eine Ansage. Denn selten ist der Weg vom Deck eines Hochseeseglers direkt in die Schaltzentrale eines Ministeriums so glaubwürdig, so selbstverständlich, so verdammt authentisch.

    Eine Karriere mit Salzwasser im Blut Catherine Chabaud wurde 1962 in Bron geboren, einem Vorort von Lyon – weit weg vom Atlantik, und doch zog es sie früh ans Wasser. Erst als Journalistin, dann als Seglerin, schließlich als politische Stimme der Meere. Der große Durchbruch kam 1996. Beim härtesten Einhandrennen der Welt, dem Vendée Globe, umrundete sie als erste Frau allein, nonstop und ohne Hilfe den Globus. Platz sechs – doch das war nebensächlich. Ihr Name ging in die Ge…

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  • Ein Wolf mitten in der Stadt – Wenn Natur und Zivilisation auf Tuchfühlung gehen

    Ein Wolf mitten in der Stadt – Wenn Natur und Zivilisation auf Tuchfühlung gehen

    Samstagabend, 4. Oktober 2025, Allevard, Département Isère. Eine Mutter fährt mit ihrem Sohn durch das Zentrum der kleinen Alpenstadt. Was sie dann durch die Windschutzscheibe ihres Autos erblickt, lässt ihr den Atem stocken: Ein Wolf. Kein streunender Hund, kein ausgebüxter Husky – ein echter, wilder Wolf. Direkt vor der Grundschule, nahe der Kulturhalle La Pléiade, trottet das Tier seelenruhig über die Hauptstraße. Die Szene: bizarr, fast surreal. Und sie hält sie mit dem Smartphone fest.

    Allevard steht unter Schock. Die Bilder verbreiten sich wie ein Lauffeuer in den sozialen Medien. Ein Wolf – hier, mitten im Ort? Das Video zeigt ein Tier, das nicht aggressiv wirkt, eher orientierungslos. Laut der Fahrerin, die das Tier zweimal sah, wirkte es „verloren“, ehe es schließlich in Richtung der nahen Wälder von Bramefarine verschwand.

    Was nach einem Einzelfall klingt, reiht sich in eine wachsende Zahl von Sichtungen ein. Denn der Wolf ist zurück – nicht nur in Frankreichs wilden Gebirgszügen, sondern immer häufiger auch am Rand der Zivilisation.

    Rückkehr eines alten Nachbarn

    Vor kaum mehr als 30 Jahren galt der Wolf in Frankreich als ausgestorben. Heute leben hier wieder über 1.000 Tiere, vor allem in den Alpen, aber auch im Jura, im Zentralmassiv und zunehmend im Flachland. Die Wiederansiedlung geschah nicht durch gezielte Auswilderung, sondern durch natürliche Rückwanderung – zuerst aus Italien, dann aus osteuropäischen Gebieten.

    Der Wolf ist eine geschützte Art. Und er ist ein Überlebenskünstler. Er passt sich an. Und genau das ist der Grund, warum Begegnungen wie in Allevard zunehmen. Wo früher dichter Wald war, ist heute ein Skigebiet. Wo früher Weiden lagen, stehen Ferienhäuser. Der Mensch rückt dem Wildtier auf den Pelz – nicht umgekehrt.

    Warum kommt der Wolf in die Stadt?

    Es gibt mehrere Erklärungen für solch unerwartete Begegnungen:

    Einzelgänger auf der Suche: Junge Wölfe verlassen mit etwa zwei Jahren das elterliche Revier. Sie wandern – teils Hunderte Kilometer – auf der Suche nach einem eigenen Territorium. In dieser Phase irren sie manchmal auch durch Städte oder Dörfer. Ohne Absicht, ohne Aggression – eher wie ein Wanderer, der vom Weg abgekommen ist.

    Nahrungsknappheit: In Phasen geringer Beutedichte – etwa bei Rückgang der Wildbestände – können Wölfe sich auch in bewohnte Gebiete wagen, angelockt durch Müll, Nutztiere oder Essensreste. Auch Straßenüberquerungen oder Baustellen zwingen sie manchmal auf Umwege – und mitten hinein in die menschliche Welt.

    Verlust von Rückzugsräumen: Die zunehmende Zerschneidung von Lebensräumen durch Straßen, Siedlungen oder Skigebiete engt die Bewegungsfreiheit ein. Wildkorridore – natürliche Verbindungen zwischen Wäldern und Bergzügen – sind oft blockiert. Was bleibt, sind riskante Abkürzungen oder Umwege.

    Zwischen Faszination und Furcht

    Die Reaktionen auf den „Stadtwolf von Allevard“ zeigen, wie polarisiert die Gesellschaft beim Thema Wolf ist. Viele Menschen empfinden Faszination. Ein solches Tier in freier Wildbahn – gar in urbaner Kulisse – zu erleben, ist für viele ein magischer Moment. Ein Blick in eine andere Welt.

    Andere reagieren mit Sorge. Was, wenn Kinder im Garten spielen? Was, wenn der Wolf bleibt, nicht geht? Diese Sorgen sind nicht unbegründet, auch wenn die Statistik bislang beruhigt: Wolfsangriffe auf Menschen sind in Europa extrem selten – meist ist das Tier scheu und meidet den Menschen. Aber die Angst bleibt. Besonders in ländlichen Regionen, wo Weidetiere leben, ist der Wolf längst Symbol eines tieferliegenden Konflikts zwischen Naturschutz, Landwirtschaft und Lebensrealität.

    Der schmale Grat der Koexistenz

    Frankreich steht, wie viele europäische Länder, vor einer Herausforderung: Wie lassen sich Artenschutz und öffentliche Sicherheit in Einklang bringen?

    In Gebieten wie Isère arbeiten lokale Behörden, Naturschutzorganisationen und die „Office français de la biodiversité“ (OFB) eng zusammen. Kameraüberwachung, GPS-Tracking und Meldeplattformen sollen helfen, die Bewegungen einzelner Tiere zu dokumentieren. In besonders sensiblen Regionen werden Informationskampagnen gestartet, um Ängste zu mindern und Wissen zu vermitteln.

    Gleichzeitig rufen Umweltverbände zur Gelassenheit auf. Ein Wolf im Ortszentrum ist kein Zeichen für eine „Invasion“, sondern Ausdruck eines fragilen Gleichgewichts. Der Mensch ist nicht alleiniger Akteur im Naturraum – er ist Teil eines komplexen Systems, das gerade wieder ins Lot zu kommen versucht.

    Lernen, mit dem Wolf zu leben

    Der Vorfall in Allevard ist vielleicht bald vergessen – aber seine Bedeutung reicht weiter. Denn er stellt die wohl wichtigste Frage: Können wir lernen, mit dem Wildtier Wolf zu leben?

    Das bedeutet mehr als Zäune und Kameras. Es heißt, alte Ängste zu hinterfragen, kulturelle Mythen zu entwirren, Schutzkonzepte zu modernisieren – und vor allem den Blick zu schärfen für eine Realität, in der Natur und Zivilisation keine Gegensätze mehr sind, sondern Koexistenz wagen.

    Vielleicht beginnt diese neue Sichtweise genau dort, wo der Wolf kurz innegehalten hat – auf der Straße zwischen Schule und Kulturzentrum. Ein Tier, verloren zwischen zwei Welten. Und ein Spiegelbild unserer eigenen Unsicherheit im Umgang mit dem Wilden.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Giftige Stille über den Baronnies: Neun tote Geier in der Drôme

    Giftige Stille über den Baronnies: Neun tote Geier in der Drôme

    Neun majestätische Vögel, die lautlos über die Felsen der Drôme kreisten, liegen nun leblos im Tal. Vergiftet. Ein schockierender Fund, der Fragen aufwirft – und weit über einen lokalen Kriminalfall hinausweist.

    Ein Drama mit bitterem Beigeschmack Zwischen dem 19. und 21. April wurden im Süden des Départements Drôme die ersten Kadaver entdeckt. Insgesamt sind inzwischen neun tote Geier gezählt worden. Die Untersuchungen ergaben: Ein hochgiftiges, längst verbotenes Insektizid war im Spiel. Mit anderen Worten – jemand hat gezielt Gift ausgelegt. Das Ganze ist kein tragischer Unfall, sondern wirkt wie dunklen Machenschaften: „Wir sind einfach nur angewidert“, erklärte Christian Tessier von der Vereinigung Vautours en Baronnies. Der Verein hat Strafanzeige gestellt, die Ermittlungen liegen inzwischen bei der Staatsanwaltschaft Grenoble und dem Office français de la biodiversité (OFB).

    Die Rolle der Geier: Naturpolizei der Lüfte Geier haben in Europa einen schweren Stand. Lange wurden sie…

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  • Wenn Bürgerprotest Politik formt – die Loi Duplomb im parlamentarischen Gegenwind

    Wenn Bürgerprotest Politik formt – die Loi Duplomb im parlamentarischen Gegenwind

    Am 17. September 2025 hat die Kommission für Wirtschaftsanliegen der französischen Nationalversammlung einstimmig beschlossen, eine Bürgerpetition zur Loi Duplomb formell zu prüfen. Die Petition mit dem Titel „Nein zur Loi Duplomb – für Gesundheit, Sicherheit und kollektive Intelligenz“ hatte über zwei Millionen Unterschriften gesammelt – ein Rekord in der Geschichte der französischen Parlamentsplattform für öffentliche Petitionen.

    Was das Verfahren tatsächlich bedeutet Mit dem Beschluss der Kommission beginnt ein formeller parlamentarischer Prozess, der über das Symbolische hinausgeht:

    Die Kommission wird Sachverständige, Minister, Verbände und die Initiatorinnen und Initiatoren der Petition anhören. Auf dieser Grundlage wird ein Bericht erstellt, der sowohl die Anliegen der Petition als auch die Positionen der befragten Akteure zusammenfasst. Die Konferenz der Präsidenten der Nationalversammlung kann anschließend entscheiden, ob das Thema in das Plenum eingebracht wird – allerdings…

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  • Frankreich im Rückstand: Die Mahnung des Rechnungshofes zur ökologischen Wende

    Frankreich im Rückstand: Die Mahnung des Rechnungshofes zur ökologischen Wende

    Die französische Cour des comptes (Rechnungshof) hat in ihrem ersten Jahresbericht zur ökologischen Transition ein deutliches Urteil gefällt: Die bisherigen Anstrengungen des Landes reichen nicht aus, um die selbstgesteckten Klimaziele zu erreichen. Mit jedem Jahr des Zögerns steigt nicht nur der ökologische, sondern auch der ökonomische Preis.

    Ein Befund der Verzögerung

    Die oberste Rechnungskontrollbehörde beschreibt eine „degradierte“ Umwelt- und Klimasituation: steigende Temperaturen, anhaltende Luft- und Bodenverschmutzung, Biodiversität im Rückgang. Seit 1990 sind die Treibhausgasemissionen Frankreichs zwar deutlich gesunken, doch das Tempo der Reduktion hat zuletzt spürbar nachgelassen. Damit gerät das Ziel, die Emissionen bis 2030 um 55 Prozent zu reduzieren und bis 2050 Klimaneutralität zu erreichen, zunehmend außer Reichweite.

    Das zentrale Argument der Prüfer lautet, dass der Preis des Nichthandelns langfristig deutlich höher ausfallen wird als die Kosten einer entschlossenen Umstellung. Klimabedingte Schäden wie Dürren, Überschwemmungen oder Produktivitätsverluste könnten innerhalb einer Generation das Wachstum massiv belasten.

    Strukturelle Schwächen in der Steuerung

    Die Cour des comptes sieht die Verantwortung vor allem in der politischen und institutionellen Umsetzung. Zwar verfügt Frankreich mit der Stratégie nationale bas carbone (SNBC) über eine verbindliche Roadmap, doch fehlt es an klaren sektoralen Zielvorgaben. Die Rolle des Secrétariat général à la planification écologique, das als Koordinationsinstanz geschaffen wurde, sei bislang zu schwach ausgestaltet, um den notwendigen Einfluss auf Ministerien und Regionen auszuüben.

    Hinzu kommt die mangelnde Verzahnung zwischen ökologischer Planung und Finanzpolitik. Klimapolitische Zielsetzungen werden bislang nicht konsequent in den Haushalts- und Investitionsentscheidungen abgebildet. Gerade in Zeiten angespannter Staatsfinanzen steigt dadurch die Gefahr, dass die ökologischen Vorhaben hinter kurzfristigen fiskalischen Prioritäten zurücktreten.

    Die Finanzierungsfrage

    Die Regierung hat 2024 erstmals eine mehrjährige Finanzstrategie für die ökologische Transition vorgelegt. Doch bleibt sie nach Ansicht der Prüfer zu unverbindlich und wurde unzureichend in die Haushaltsplanung eingeflochten. Die Empfehlung lautet daher, die Finanzierungsstrategie künftig bereits im Frühjahr vorzulegen, sodass Parlament und Regierung sie frühzeitig in den Etat für das Folgejahr einarbeiten können.

    Zugleich macht der Bericht klar, dass ein verlässlicher Finanzierungsrahmen nicht nur eine Frage des Staatshaushaltes ist, sondern auch der Glaubwürdigkeit gegenüber Investoren und Bürgern. Ohne klare und planbare Prioritäten drohen Verzögerungen bei Infrastrukturprojekten, Energieeffizienzprogrammen oder dem Ausbau erneuerbarer Energien.

    Herausforderungen in den Sektoren

    Besonders problematisch sind jene Bereiche, die hohe Emissionen aufweisen und nur langsam umzustellen sind:

    • Transport: Frankreich hängt immer noch zu stark vom Individualverkehr ab, während der Schienenausbau stagniert.
    • Gebäudesektor: Die energetische Sanierung von Wohnhäusern schreitet trotz Förderprogrammen nur schleppend voran.
    • Agrarwirtschaft: Die Reduktion von Methan- und Stickstoffemissionen erfordert strukturelle Veränderungen in Viehzucht und Düngereinsatz.
    • Industrie: Bestimmte energieintensive Branchen verfügen noch nicht über ausreichend ausgereifte Technologien zur Dekarbonisierung.

    In allen Bereichen gilt: Je später die Transformation beginnt, desto teurer wird sie ausfallen.

    Mehr Verantwortung für die Regionen

    Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die mangelnde Einbindung der Regionen und Kommunen. Viele Maßnahmen – vom Ausbau des Nahverkehrs über die Energieplanung bis hin zur Anpassung an den Klimawandel – werden auf lokaler Ebene umgesetzt. Ohne eine enge Verzahnung zwischen nationaler Strategie und territorialen Plänen drohen Doppelstrukturen, Ineffizienz und Verzögerungen.

    Ein Wettlauf gegen die Zeit

    Der Bericht verdeutlicht, dass Frankreich an einem Scheideweg steht. Die ökologischen, ökonomischen und institutionellen Dimensionen der Energiewende sind untrennbar miteinander verknüpft. Der Staat muss seine Steuerungsfähigkeit stärken, die Finanzierungsstrukturen absichern und die Zusammenarbeit mit den Regionen intensivieren.

    Je länger die Politik zaudert, desto höher wird der Preis – für den Staatshaushalt ebenso wie für die Gesellschaft. Die Cour des comptes formuliert es nüchtern, aber unmissverständlich: Der Übergang zur Klimaneutralität ist keine Option, sondern eine Notwendigkeit. Der entscheidende Faktor ist die Zeit.

    Autor: P. Tiko

  • Invasion der Wildschweine: Wenn die Natur die Städte erobert

    Invasion der Wildschweine: Wenn die Natur die Städte erobert

    Wildschweine – einst scheue Waldbewohner, die man höchstens bei einer Wanderung im Morgengrauen erahnen konnte – tauchen heute mitten in unseren Städten auf. Sie durchstöbern Gärten, pflügen Grünanlagen um und lassen auch die schönsten Vorgärten nicht unberührt. Für viele Anwohner ist das ein Schreckensszenario, für die Tiere schlicht ein cleverer Schachzug in Sachen Überleben.

    Vom Dickicht ins Eigenheimviertel In Meyzieu, einem Vorort von Lyon, staunten die Bewohner des Wohngebiets „Domaine des Mouettes“ nicht schlecht, als plötzlich Wildschweine ihre Vorgärten bevölkerten. Was zuerst wie eine kuriose Ausnahme wirkte, wiederholt sich seit Ende 2023 mit erstaunlicher Regelmäßigkeit. Die Tiere zerwühlen Rasenflächen, knabbern an Pflanzen und lösen ein wachsendes Unbehagen aus – nicht nur wegen der Schäden, sondern auch wegen der Frage: Was passiert, wenn Mensch und Tier zu nah aufeinandertreffen? Und Meyzieu ist kein Einzelfall. Quer durch Frankreich wagen sich die Schwarzkittel in die…

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  • Mittelmeer in Not: Mikroplastik-Krise vor Korsika

    Mittelmeer in Not: Mikroplastik-Krise vor Korsika

    Das Mittelmeer – Wiege der Zivilisation, Sehnsuchtsort für Reisende, Schatzkammer der Artenvielfalt. Und doch: Hinter der türkisblauen Oberfläche verbirgt sich eine stille, kaum sichtbare Bedrohung. Mikroplastik, millionenfach im Wasser schwebend, macht aus der lebensspendenden See eine tickende Zeitbombe. Ein geschlossener Kreislauf voller Fremdkörper Die besondere Geografie der Region wird zum Verhängnis. Anders als der offene Atlantik ist das Mittelmeer ein fast geschlossenes Becken. Die enge Verbindungen zum Ozean lässt nur begrenzt Wasseraustausch zu. Was einmal hineingelangt, bleibt – und sammelt sich über Jahrezehnte an.Forscher der Organisation Expédition MED haben vor Korsika Konzentrationen von bis zu 2,04 Millionen Mikroplastikteilchen pro Quadratkilometer gemessen. Ein Wert, der die Dimension der Krise drastisch vor Augen führt. Zwischen dem Cap Corse und der toskanischen Insel Capraia entstehen regelrechte Sammelbecken, sogenannte „Gyres“. Dort treiben Kunststoffreste in e…

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  • Insel der Katzen – Wie Molène zwischen Idylle und Plage balanciert

    Insel der Katzen – Wie Molène zwischen Idylle und Plage balanciert

    Molène, ein winziger Fleck im Atlantik, irgendwo zwischen den Gezeiten und den Möwenschreien des Finistère. Kaum 120 Menschen leben hier – doch fast ebenso viele Katzen streunen durch Gassen und Gärten. Was einst romantisch klang, „die Insel der Katzen“, ist längst zum Problemfall geworden. Wenn Katzen das Kommando übernehmen Die Insulaner nennen sie „targazh“. Wilde Katzen, die nachts durch die Straßen jagen, Mülltonnen plündern und sich lautstark prügeln. Manchmal endet das Ganze nicht nur mit Kratzern an den Türen, sondern auch mit ernsthaften Verletzungen. Eine Frau etwa stürzte beim Gassigehen, weil eine Katze plötzlich ihren Hund attackierte – Armbruch. Solche Szenen sind auf einer so kleinen Insel Gesprächsthema Nummer eins. Bedrohung aus dem Unterholz Doch das eigentliche Drama spielt sich nicht in den Gärten der Bewohner ab, sondern draußen auf den Klippen und im Gestrüpp. Dort brütet die Sturmschwalben, die größte Ansammlung dieser winzigen Hochseevögel in ganz Europa. Für di…

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  • Verborgener Rückkehrer: Wo Europas Nerz eine zweite Chance bekommt

    Verborgener Rückkehrer: Wo Europas Nerz eine zweite Chance bekommt

    Einst durchstreifte er in dunkler Eleganz die Wasserläufe Europas, vom Atlantik bis zum Ural. Heute ist der Europäische Nerz – Mustela lutreola, auf Französisch „le vison d’Europe“ – nur noch ein Schatten seiner selbst. In freier Wildbahn kaum mehr zu finden, steht er sinnbildlich für den dramatischen Rückgang der Artenvielfalt auf unserem Kontinent. Doch Frankreich wagt jetzt das Unmögliche: die Wiederansiedlung einer nahezu verschwundenen Spezies. Ein Tier zwischen Hoffnung und Verschwinden. Der Europäische Nerz galt früher als weit verbreitet. Heute hat er über 90 % seines natürlichen Verbreitungsgebiets verloren. In Frankreich sind es noch weniger als 250 Tiere, konzentriert in einem letzten Rückzugsgebiet entlang der Charente. Das entspricht nicht einmal der Schülerzahl einer durchschnittlichen Schule auf dem Land – für eine Tierart eine beinah groteske Verkleinerung. Woran das liegt? Die Liste ist lang – und traurig vertraut. Zerstörung von Feuchtgebieten, zerschnittene Lebensräu…

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