Schlagwort: Bildungspolitik

  • Frankreich will Minderjährige unter 15 Jahren aus sozialen Netzwerken verbannen – ein digitalpolitischer Kurswechsel mit Risiken

    Frankreich will Minderjährige unter 15 Jahren aus sozialen Netzwerken verbannen – ein digitalpolitischer Kurswechsel mit Risiken

    Die französische Regierung treibt mit Nachdruck ein Gesetzesvorhaben voran, das die Nutzung sozialer Netzwerke für Kinder unter 15 Jahren verbieten soll. Das Projekt, das Anfang 2026 ins Parlament eingebracht werden soll, zielt nicht nur auf eine Altersgrenze ab, sondern auch auf eine umfassendere Regulierung des digitalen Alltags Jugendlicher. Bereits heute ist klar: Es geht dabei um mehr als Jugendschutz – nämlich um einen Paradigmenwechsel in der französischen Digitalpolitik. Ein schneller Gesetzesweg – aus politischem Kalkül? Anne Le Hénanff, Ministerin mit Zuständigkeit für Künstliche Intelligenz und digitale Angelegenheiten, ließ keinen Zweifel an der Entschlossenheit der Regierung. Der Gesetzentwurf sei fertig, eine Verabschiedung „vor Ende des ersten Quartals 2026“ sei das Ziel. Präsident Emmanuel Macron hatte bereits zuvor angekündigt, das Thema mit hoher Priorität behandeln zu wollen. Hintergrund sind mehrere Gesetzesinitiativen, die derzeit im Parlament zirkulieren – unter a…

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  • Frankreich spart beim Lehrpersonal: Der Senat billigt Streichung von 4.000 Lehrerstellen

    Frankreich spart beim Lehrpersonal: Der Senat billigt Streichung von 4.000 Lehrerstellen

    Frankreichs konservativ dominierter Senat hat am 5. Dezember 2025 den umstrittenen Plan der Regierung gebilligt, im kommenden Jahr rund 4.000 Stellen im öffentlichen Schuldienst zu streichen. Die Entscheidung ist Teil des Haushaltsentwurfs für 2026 und stützt sich auf demografische Entwicklungen – doch die Maßnahme offenbart tieferliegende Herausforderungen im französischen Bildungssystem. Trotz eines leicht steigenden Budgets für das Bildungsministerium – vorgesehen sind 64,5 Milliarden Euro, ein Plus von 200 Millionen im Vergleich zum Vorjahr – bedeutet die strukturelle Neuausrichtung faktisch einen Nettoabbau von Lehrerstellen. Die linke Opposition sprach im Senat von einem „Etikettenschwindel“ und scheiterte mit allen Änderungsanträgen zur Rücknahme der Kürzungen. Demografie als Argument – aber nicht als Entlastung Die Begründung der Regierung: sinkende Geburtenzahlen und rückläufige Schülerzahlen insbesondere in der Grundschule. „Die Maßnahme ist logisch und maßvoll“, sagte Olivie…

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  • EDITORIAL | Bildungstag in Deutschland: Was der Blick nach Frankreich lehrt

    EDITORIAL | Bildungstag in Deutschland: Was der Blick nach Frankreich lehrt

    Am 8. Dezember wird in Deutschland der Tag der Bildung begangen – eine Gelegenheit, um Erfolge zu feiern, Defizite zu benennen und über die Zukunft des Bildungswesens nachzudenken. Doch jenseits der deutschen Selbstbespiegelung lohnt in diesem Jahr besonders der Blick über die Grenzen: In Frankreich richtet sich gerade unter dem Schlagwort #MeTooÉcole ein dringender Appell an den Präsidenten, um Kinder besser vor sexualisierter Gewalt im Bildungssystem zu schützen. Was dort als zivilgesellschaftlicher Weckruf beginnt, berührt auch zentrale Fragen der Bildungspolitik in Deutschland: Wie sicher sind die Schulen? Wie viel Schutz bieten sie den Schwächsten – und wie offen sind sie für Kritik?


    Ein Weckruf aus Frankreich – und eine deutsche Bildung mit toten Winkeln

    Frankreichs Bewegung #MeTooÉcole, initiiert von betroffenen Eltern und Lehrkräften, erhebt schwere Vorwürfe gegen das Schulsystem: Warnsignale würden ignoriert, Betreuer nicht konsequent überprüft, und Opfer oft allein gelassen. Die Reaktion auf Missbrauchsfälle sei institutionell zögerlich, mit fatalen Folgen für das Vertrauen der Familien in das Bildungssystem.

    In Deutschland gibt es keinen vergleichbaren, breit sichtbaren Aufschrei – doch das bedeutet nicht, dass das Problem dort nicht existiert. Im Gegenteil: Studien der Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs(UBSKM) zeigen seit Jahren, dass sexuelle Übergriffe in Schulen, Heimen und Betreuungseinrichtungen auch in Deutschland Realität sind – und häufig nur schleppend aufgearbeitet werden. Laut einer Untersuchung der Universität Ulm (2019) berichten etwa 13 % aller Schülerinnen und Schüler von sexuellen Grenzverletzungen durch schulisches Personal. Dennoch wird die Debatte selten systematisch geführt, meist erst, wenn lokale Skandale Schlagzeilen machen.


    Bildung bedeutet auch: institutionelle Verantwortung ernst nehmen

    Der französische Appell an Emmanuel Macron fordert unter anderem einheitliche Meldeprotokolle, unabhängige Kontrollgremien und spezialisierte Anlaufstellen für betroffene Kinder. In Deutschland ist der Schutzauftrag zwar gesetzlich klar formuliert (z. B. im Kinderschutzgesetz, § 8a SGB VIII), doch fehlt vielerorts die Umsetzung in der Fläche – insbesondere an Schulen, wo es keine bundesweiten Standards für Kinderschutzkonzepte gibt. Jede Schule, jeder Träger regelt das anders – oder eben gar nicht.

    Zwar existieren Programme wie „Schule gegen sexuelle Gewalt“ oder „Trau dich!“, doch sie sind oft auf Pilotphasen begrenzt, freiwillig und unterfinanziert. Hinzu kommt eine verbreitete Rechtsunsicherheit unter Schulleitungen und Lehrkräften, die nicht wissen, wann und wie sie Verdachtsmomente melden dürfen oder müssen. Auch der föderale Flickenteppich im Bildungsbereich erschwert eine einheitliche Strategie.


    Der Tag der Bildung – eine Chance zur kritischen Selbstbefragung

    Der Tag der Bildung in Deutschland wird traditionell genutzt, um auf Chancengerechtigkeit, Digitalisierung oder Integration hinzuweisen. Doch selten steht die Frage im Mittelpunkt, ob Schulen als Schutzräume tatsächlich funktionieren – oder ob sie mitunter Orte des Schweigens und der Verdrängung sind.

    Dabei ist Bildungspolitik ohne Kinderschutz unvollständig. Es genügt nicht, die Lesekompetenz zu stärken oder Schulabbrecherquoten zu senken, wenn zugleich Strukturen bestehen, die Kinder in ihrem körperlichen und psychischen Wohl nicht zuverlässig schützen. Hier könnte Deutschland vom französischen Beispiel lernen – nicht weil Frankreich besser wäre, sondern weil der Druck dort von unten wächst und eine überfällige Debatte ausgelöst hat.


    Was jetzt nötig wäre

    Ein ernstgemeinter Bildungstag müsste dazu genutzt werden, die blinden Flecken im System offen zu benennen:

    • Bundesweite Pflicht zu Kinderschutzkonzepten an Schulen, nicht nur in der Jugendhilfe.
    • Verpflichtende Fortbildungen für Lehrkräfte zu sexueller Gewalt, Beobachtung und Traumaerkennung.
    • Rechtsklarheit und sichere Meldewege, auch für Schüler, Eltern und pädagogisches Personal.
    • Unabhängige Monitoringstellen auf Landesebene zur Überwachung von Fällen und Strukturen.
    • Und nicht zuletzt: Ein politischer Wille, der die Schutzpflicht gegenüber Kindern nicht an Verwaltungsgrenzen delegiert.

    In Frankreich heißt es: „#MeTooÉcole könnte ein Wendepunkt sein.“ In Deutschland wäre schon viel gewonnen, wenn der Bildungstag mehr wäre als eine symbolische Geste. Bildung darf nicht nur als Chancengeber verstanden werden – sie muss auch ein sicherer Ort sein. Ohne Schutz keine Teilhabe. Ohne Vertrauen keine Bildung. Ohne Aufarbeitung keine Gerechtigkeit.

    Von Andreas Brucker

  • #MeTooÉcole: Ein Weckruf an Macron – und an das französische Bildungssystem

    #MeTooÉcole: Ein Weckruf an Macron – und an das französische Bildungssystem

    Ein neuer Elternprotest erhebt in Frankreich die Stimme: Unter dem Schlagwort #MeTooÉcole richtet sich ein kollektiver Appell an Präsident Emmanuel Macron. Ziel ist es, Kinder in Schulen und Betreuungseinrichtungen besser vor sexualisierter Gewalt zu schützen – ein Thema, das bisher zu oft verdrängt wurde. Der offene Brief an das Staatsoberhaupt, veröffentlicht in La Tribune Dimanche, stellt nicht nur einen Hilferuf betroffener Familien dar, sondern rückt auch grundsätzliche Fragen zur Verantwortung staatlicher Institutionen und zur Wirksamkeit bestehender Schutzmechanismen in den Vordergrund.

    Ein kollektives Erwachen Der Aufruf stammt von einem erst am 20. November 2025 gegründeten Zusammenschluss von Eltern, Lehrkräften und Bürgern, die sich unter dem Banner #MeTooÉcole organisieren. Auslöser waren wiederholte Berichte über sexuelle Übergriffe an französischen Schulen, insbesondere in Paris. Das zentrale Anliegen des Kollektivs: das durch institutionell…

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  • Zwanzig Jahre Pflichtversäumnis: Frankreichs Schulpolitik auf der Anklagebank

    Zwanzig Jahre Pflichtversäumnis: Frankreichs Schulpolitik auf der Anklagebank

    Ein Urteil, das nachhallt. Nicht wegen seiner Strenge, sondern wegen seiner Symbolik. Zwei Jahrzehnte lang hat der französische Staat seine gesetzlich verankerte Pflicht zur Sexualaufklärung an Schulen nicht eingehalten. Nun hat das Verwaltungsgericht Paris eine „schuldhafte Unterlassung“ festgestellt – und dem Staat gewissermaßen eine pädagogische Ohrfeige erteilt. Die Initiatoren der Klage – das Familienplanungszentrum Planning familial, die Aids-Hilfe Sidaction und die Organisation SOS Homophobie – erhalten als Wiedergutmachung einen symbolischen Euro. Die eigentliche Strafe aber liegt nicht im Geld, sondern in der Erkenntnis: Das Bildungsversprechen des Staates hat Lücken. Große. Seit 2001 schreibt das französische Schulgesetz mindestens drei Unterrichtseinheiten pro Jahr zur sogenannten „éducation à la vie affective, relationnelle et sexuelle“ vor – kurz Evars. Sie sollen Kindern und Jugendlichen ein realistisches, respektvolles Bild von Sexualität, Körperlichkeit und zwischenmens…

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  • Schweigen, das schmerzt – und klagt: Wenn der Staat für Missbrauch mitverantwortlich sein soll

    Schweigen, das schmerzt – und klagt: Wenn der Staat für Missbrauch mitverantwortlich sein soll

    Ein ehemaliger Schüler der katholischen Privatschule Ozanam in Limoges zieht vor Gericht. Nicht gegen einen Lehrer. Nicht gegen den kirchlichen Träger. Sondern gegen den französischen Staat. Er wirft ihm eine „faute lourde“ vor – eine besonders schwere Pflichtverletzung im Amt. Sein Vorwurf: sexuelle Gewalt, erlitten als Kind, jahrelang – und der Staat? Weggesehen. Oder schlimmer: versagt, obwohl er schützen sollte.

    Was genau passiert ist Der Kläger, heute ein erwachsener Mann, beschreibt, wie er zwischen dem neunten und dreizehnten Lebensjahr sexuellen Übergriffen in der École Ozanam ausgesetzt war – einer katholischen Schule, die unter dem Einfluss der Congrégation de Bétharram stand. Namen, Räume, Abläufe: Noch sind die Details in der Öffentlichkeit nicht bekannt. Doch der Vorwurf ist deutlich – und wiegt schwer. Dabei geht es längst nicht mehr um einen Einzelfall. Weitere ehemalige Schüler berichten von ähnlichen Erlebnissen. Einige haben Anzeige erstattet, andere halten sich zurü…

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  • Editorial: Kinder an die Macht – aber ernst gemeint

    Editorial: Kinder an die Macht – aber ernst gemeint

    Am Weltkindertag wird gefeiert – doch es ist kein Festtag im oberflächlichen Sinne. Vielmehr ist es ein Tag der Erinnerung und Mahnung: Kinder sind nicht nur Schutzbedürftige, sondern auch Träger von Rechten und Perspektiven, die für das Gemeinwesen von zentraler Bedeutung sind. Der Tag lenkt den Blick auf die zentrale Frage, wie eine Gesellschaft mit ihren jüngsten Mitgliedern umgeht – und was das über ihr Selbstverständnis aussagt. In einer Zeit, in der demokratische Ordnungen weltweit unter Druck geraten, ist es kein Zufall, dass das diesjährige Motto des Weltkindertags lautet: „Kinderrechte – Bausteine für Demokratie“.

    Warum Kinderrechte politische Relevanz haben

    Kinderrechte sind keine Nischenforderung engagierter Sozialpädagogik, sondern ein integraler Bestandteil moderner Rechtsstaatlichkeit. Die UN-Kinderrechtskonvention von 1989 markierte einen Meilenstein: Erstmals wurde international anerkannt, dass Kinder nicht bloß Objekte elterlicher oder staatlicher Fürsorge sind, sondern eigenständige Rechtssubjekte. Sie haben ein Recht auf Schutz, Bildung, Beteiligung und Entfaltung – unabhängig von Herkunft, Religion oder Geschlecht.

    Diese Rechte sind mehr als moralische Appelle. Sie bilden ein normatives Fundament, das demokratische Gesellschaften als Prüfstein begreifen sollten. Denn wer die Rechte der Schwächsten achtet, stärkt den inneren Zusammenhalt und das Vertrauen in staatliche Institutionen.

    Beteiligung von Anfang an

    Demokratie lebt von Partizipation – und die beginnt nicht erst mit dem Wahlrecht. Kinder und Jugendliche müssen frühzeitig erleben, dass ihre Meinungen zählen, ihre Bedürfnisse berücksichtigt und ihre Stimmen gehört werden. Beteiligungsformate in Kitas, Schulen oder auf kommunaler Ebene zeigen, dass junge Menschen Verantwortung übernehmen können, wenn man sie lässt. Projekte wie Jugendparlamente oder Kinderbeiräte sind keine symbolischen Feigenblätter, sondern Orte gelebter Demokratie.

    Zugleich zeigt sich hier ein strukturelles Defizit: In vielen politischen Entscheidungsprozessen fehlt eine kindgerechte Perspektive. Bei der Stadtplanung, der Verkehrsregelung oder der Digitalisierung des Bildungssystems dominieren oft die Interessen Erwachsener. Eine nachhaltige Politik muss jedoch langfristig denken – und das heißt: aus der Sicht der Kinder handeln.

    Zwischen Ideal und Realität

    Die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit bleibt eklatant. Weltweit leben nach wie vor hunderte Millionen Kinder in Armut, leiden unter Mangelernährung, Gewalt oder fehlender Schulbildung. Auch in wohlhabenden Gesellschaften wie Frankreich und Deutschland gibt es alarmierende Entwicklungen: Kinderarmut betrifft hierzulande rund jedes fünfte Kind. Die Chancen auf Teilhabe hängen nach wie vor stark von der sozialen Herkunft ab – ein Befund, der nicht nur sozial ungerecht, sondern demokratietheoretisch bedenklich ist.

    Denn wer von klein auf erlebt, dass das System nicht für ihn oder sie funktioniert, verliert das Vertrauen in Institutionen. Demokratie wird so zu einer Erfahrung der Exklusion – mit langfristigen Folgen für politische Teilhabe und gesellschaftliche Integration.

    Der Staat in der Pflicht

    Eine moderne Demokratie muss die Belange von Kindern nicht nur mitdenken, sondern zur Richtschnur ihres Handelns machen. Dazu gehört, Kinderrechte im Grundgesetz zu verankern – ein Vorhaben, das in Deutschland bislang immer wieder gescheitert ist, obwohl es breite gesellschaftliche Unterstützung findet. Es braucht mehr als wohlmeinende Erklärungen. Notwendig sind konkrete politische Maßnahmen: eine armutsfeste Kindergrundsicherung, kindgerechte Bildungsinfrastrukturen, konsequenter Kinderschutz in allen Lebensbereichen.

    Darüber hinaus müssen Kinder systematisch stärker in politische Prozesse einbezogen werden – nicht als dekorative Geste, sondern als Ausdruck demokratischer Reife. Eine Gesellschaft, die ihre Kinder ernst nimmt, stärkt ihre Zukunftsfähigkeit. Denn wer Demokratie von klein auf erlebt, wird sie später nicht nur schätzen, sondern verteidigen.

    Kinder an die Macht – das war einmal ein provokanter Slogan. Heute sollte es eine selbstverständliche Leitlinie für politisches Handeln sein. Nicht im Sinne eines naiven Utopismus, sondern als Ausdruck des demokratischen Ernstes, der den Schwächsten seine Stimme gibt.

    Autor: P. Tiko

  • Wenn eine Sprache verschwindet – Der stille Rückzug des Kreolischen aus dem französischen Bildungsangebot

    Wenn eine Sprache verschwindet – Der stille Rückzug des Kreolischen aus dem französischen Bildungsangebot

    In Frankreich brodelt es – aber nicht in den üblichen Zentren der politischen Macht, sondern auf den karibischen Inseln, in Guyana, auf La Réunion. Dort, wo das Kreolische nicht nur gesprochen, sondern gelebt wird, sorgt ein Verwaltungsentscheid für helle Aufregung: Die Sprache soll bei der nächsten…

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  • Wenn Buchstaben Welten öffnen – Deutschland und Frankreich im Kampf gegen Analphabetismus

    Wenn Buchstaben Welten öffnen – Deutschland und Frankreich im Kampf gegen Analphabetismus

    Wer lesen kann, hat die Schlüssel zur Welt in der Hand. Und doch gibt es in unseren hochentwickelten Gesellschaften Millionen Menschen, die diese Schlüssel nur eingeschränkt nutzen können. Am Weltalphabetisierungstag, dem 8. September, rückt ein Problem in den Fokus, das im Alltag oft unsichtbar bleibt: funktionaler Analphabetismus in Deutschland und Illettrismus in Frankreich.


    Deutschland: Wenn Buchstaben Stolperfallen sind

    Deutschland, Land der Dichter und Denker, steckt mitten in einer nüchternen Realität: Rund 6,2 Millionen Erwachsene zwischen 18 und 64 Jahren gelten laut der LEO-Studie 2018 als funktionale Analphabeten. Das sind 12,1 Prozent dieser Altersgruppe – mehr als jede zehnte Person. Funktionaler Analphabetismus bedeutet nicht völlige Unfähigkeit, Buchstaben zu entziffern. Vielmehr können Betroffene zwar Wörter oder kurze Sätze lesen und schreiben, scheitern aber an zusammenhängenden Texten. Ein Behördenschreiben, eine Arbeitsanweisung, manchmal sogar ein Beipackzettel – für viele Menschen wird der Alltag zur Hürde.

    Ein Blick auf die Zahlen zeigt: 58,4 Prozent der Betroffenen sind Männer, 41,6 Prozent Frauen. Überraschend für viele – kanpp die Hälfte hat Deutsch als Muttersprache. Analphabetismus ist also längst kein „Importproblem“, wie es mancher Stammtisch behauptet, sondern tief in der Gesellschaft verankert.

    Die Bundesregierung hat deshalb 2016 die „Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung“ gestartet. Ihr Ziel: Menschen erreichen, die bisher durchs Raster gefallen sind, und ihnen Wege zurück in die Schriftkultur öffnen. Ein Mammutprojekt, das noch bis 2026 läuft. Aber wie erreicht man diejenigen, die ihre Schwäche oft aus Scham verbergen? Genau hier liegt die größte Herausforderung.


    Frankreich: Wenn Schuljahre nicht reichen

    In Frankreich trägt das Problem einen anderen Namen: „Illettrisme“. Der Begriff beschreibt Erwachsene, die zwar die Schule besucht haben, aber dennoch kaum lesen und schreiben können. Laut INSEE-Studie aus dem Jahr 2013 betrifft das rund 11 Prozent der Bevölkerung zwischen 16 und 65 Jahren. Hinter dieser Zahl steckt ein soziales Drama: Menschen, die im Alltag nicht eigenständig Formulare ausfüllen, digitale Dienste nutzen oder sich schriftlich mitteilen können.

    Besonders stark trifft es Menschen, die ihre Schulzeit nicht in Frankreich verbracht haben. In der Region Île-de-France, rund um Paris, gilt das für zwei Drittel der Betroffenen. Migration, Sprachbarrieren, prekäre Lebensumstände – all das verschränkt sich mit Bildungsdefiziten zu einem unsichtbaren Teufelskreis.

    Die französische Regierung setzt seit Jahren auf spezielle Einrichtungen. Das Centre de Ressources Illettrisme et Analphabétisme (CRIA) bietet individuelle Unterstützung, Universités Populaires eröffnen Erwachsenen neue Lernwege. Hier geht es nicht nur um Buchstaben, sondern um Selbstbewusstsein und Teilhabe. Denn wer schreiben kann, findet auch leichter den Weg in die Gesellschaft.


    Parallelen und Unterschiede

    Deutschland und Frankreich stehen vor demselben Dilemma: Wie erreicht man Menschen, die sich ihrer Schwäche schämen und sie im Alltag oft geschickt überspielen? Ein Restaurantbesuch, bei dem jemand lieber „das Gleiche“ bestellt, statt die Speisekarte zu entziffern, ist nur ein Beispiel. Man kann Texte meiden – aber man entkommt ihnen nicht.

    Und doch unterscheiden sich die Strategien. Während Deutschland mit einer breit angelegten Alphabetisierungsdekade eher politisch-institutionell denkt, setzt Frankreich stärker auf regionale Initiativen und Bildungszentren. Zwei Wege, ein Ziel: den Menschen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.


    Alphabetisierung als Menschenrecht

    Alphabetisierung ist mehr als nur eine Technik. Sie ist ein Menschenrecht. Sie entscheidet darüber, ob jemand Arbeitsverträge versteht, Nachrichten kritisch einordnen oder seinen Kindern vorlesen kann. Sie ist Schlüssel zu Teilhabe, Demokratie und Selbstvertrauen. Und genau deshalb erinnert der Weltalphabetisierungstag daran, dass Buchstaben nicht nur Zeichen auf Papier sind, sondern Türen in die Welt.

    Die nüchternen Zahlen mögen erschrecken. Aber hinter jeder Zahl steht eine Lebensgeschichte. Ein Mann, der nach Jahrzehnten im Job plötzlich merkt, dass er die Bedienungsanleitung für die neue Maschine nicht versteht. Eine Frau, die ihrem Kind beim Lesenlernen nicht helfen kann. Ein junger Erwachsener, der trotz Schulbesuch beim Bewerbungsschreiben scheitert. Alphabetisierung ist nicht nur Bildungspolitik – es ist ein zutiefst menschliches Thema.


    Ein Blick nach vorn

    Deutschland und Frankreich haben den Kampf gegen Analphabetismus aufgenommen. Aber der Weg ist noch weit. Er führt über mehr Sprachförderung in Schulen, niederschwellige Angebote für Erwachsene, aber auch über gesellschaftliche Sensibilität. Denn niemand sollte sich schämen müssen, Hilfe beim Lesen und Schreiben anzunehmen.

    Am Ende bleibt eine Frage: Wie viele Chancen, wie viele Talente und wie viele Lebensgeschichten gehen verloren, wenn Buchstaben zu Barrieren werden? Die Antwort kennt jeder, der einmal erlebt hat, wie das erste selbstgelesene Buch ein Gesicht zum Leuchten bringt.

    Autor: C.H.

  • Klassenzimmer im Hitzestress – Warum Frankreichs Schulen dringend klimafit werden müssen

    Klassenzimmer im Hitzestress – Warum Frankreichs Schulen dringend klimafit werden müssen

    Die Schulglocke läutet, Kinder strömen in die Klassenzimmer, Lehrer sortieren ihre Unterlagen – ein gewohntes Bild zum Schuljahresbeginn. Doch hinter dieser Routine steckt ein wachsendes Problem: Ein erheblicher Teil der französischen Schulgebäude ist schlicht nicht bereit für die Realität des Klimawandels. Zwischen 20 und 30 Prozent der Einrichtungen gelten laut einem aktuellen Bericht der „Alliance climatique et sociale“ als marode und ungeeignet, um Schüler und Lehrkräfte vor den immer extremeren Wetterlagen zu schützen. Sommerlicher Hitzestress, winterliche Kälteperioden, Feuchtigkeitsschäden – für viele Schulen ist das längst Alltag.

    Wenn Lernen zur körperlichen Belastung wird Stellen Sie sich vor: ein Klassenzimmer mit 35 Grad im Schatten, der Ventilator surrt schwach in der Ecke, während die Schüler ihre Hefte festhalten, damit die Seiten nicht am schweißnassen Arm kleben bleiben. Oder ein Raum im Januar, in dem die Jacken nicht ausgezogen werden, weil das Thermometer bei knapp…

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