Kategorie: Wirtschaft

  • 30 Cent pro Schachtel gegen Waldbrände: LR-Abgeordneter will Tabakkonzerne zur Kasse bitten

    30 Cent pro Schachtel gegen Waldbrände: LR-Abgeordneter will Tabakkonzerne zur Kasse bitten

    Ein achtlos aus dem Autofenster geworfener Zigarettenstummel kann genügen, um in der ausgetrockneten Vegetation einen verheerenden Brand auszulösen. Angesichts der schweren Waldbrandsaison in Frankreich fordert der konservative Abgeordnete Yannick Neuder deshalb eine neue Abgabe für die Tabakindustrie. Mit den Einnahmen sollen Feuerwehren besser ausgestattet, verbrannte Wälder wiederhergestellt und durch Zigarettenfilter belastete Böden und Gewässer saniert werden.

    Der frühere Gesundheitsminister und heutige Abgeordnete der Republikaner aus dem Département Isère will dazu einen Gesetzentwurf in die Nationalversammlung einbringen. Vorgesehen ist eine Abgabe von 15 Euro je 1.000 verkaufter Zigaretten, die unmittelbar bei den Herstellern erhoben werden soll. Rechnerisch entspricht dies 30 Cent pro Packung mit 20 Zigaretten.

    Neuder betont, es handle sich nicht um eine Strafmaßnahme gegen Raucher oder Tabakhändler. Die Industrie müsse die gesamte Belastung nicht zwangsläufig auf den Verkaufspreis umlegen. Ob die Konzerne tatsächlich auf einen Teil ihrer Gewinnspanne verzichten würden, erscheint allerdings fraglich. Erfahrungsgemäß werden zusätzliche Abgaben zumindest teilweise an die Verbraucher weitergegeben.

    Rund 350 Millionen Euro für Prävention und Wiederaufbau

    Auf Grundlage der für 2025 in Frankreich offiziell registrierten Zigarettenverkäufe könnten nach Berechnungen des Abgeordneten jährlich rund 350 Millionen Euro zusammenkommen. Die Einnahmen sollen von der französischen Zollverwaltung eingezogen und in einen bei der staatlichen Caisse des Dépôts eingerichteten Fonds überwiesen werden.

    Aus diesem Fonds könnten Feuerwehr- und Rettungsdienste neue Einsatzfahrzeuge, moderne Löschtechnik sowie Schutzkleidung finanzieren. Anspruch auf Unterstützung hätten darüber hinaus der nationale Forstbetrieb ONF, der Verband der privaten Waldbesitzer, Gemeinden, Gemeindeverbände sowie anerkannte Umweltorganisationen. Neben der Brandbekämpfung sollen auch Wiederaufforstungsprojekte, die Regeneration geschädigter Ökosysteme und die Reinigung von Gewässern und Böden gefördert werden.

    Vertreter der Tabakindustrie sollen dem Verwaltungsrat des Fonds ausdrücklich nicht angehören.

    Neuder begründet seine Initiative mit dem Verursacherprinzip. Die Hersteller produzierten Milliarden Zigaretten, deren Filter anschließend auf Straßen, in Flüssen, an Stränden oder in Wäldern landeten. Die Kosten für das Einsammeln trügen bislang überwiegend die Kommunen, während die Départements einen erheblichen Teil der Finanzierung der Feuerwehren übernähmen.

    Ein kurzer Moment mit jahrzehntelangen Folgen

    Nach Angaben des französischen Umweltministeriums werden jedes Jahr zwischen 20.000 und 25.000 Tonnen Zigarettenstummel achtlos weggeworfen. Rund 17 Prozent der Raucher geben an, bereits einmal einen glimmenden oder erloschenen Stummel aus einem Fahrzeug geworfen zu haben. Besonders während Trockenperioden und bei starkem Wind kann selbst eine kleine Restglut ausreichen, um Grasflächen oder Unterholz in Brand zu setzen.

    Neun von zehn Waldbränden in Frankreich gehen auf menschliches Handeln zurück. Etwa 15 Prozent entstehen durch Unachtsamkeit von Privatpersonen, wobei weggeworfene Zigarettenstummel als eine der möglichen Ursachen gelten. Die spektakulärsten Großbrände dieses Sommers – unter anderem in der Gironde, im Var und im Wald von Fontainebleau – wurden nach bisherigem Ermittlungsstand allerdings nicht durch rauchende Autofahrer ausgelöst.

    Der Gesetzentwurf versteht sich daher weniger als direkte Reaktion auf einzelne Brandursachen, sondern als Versuch, die Folgekosten des Tabakkonsums stärker nach dem Verursacherprinzip zu verteilen. Ob Neuder für seinen Vorstoß eine parlamentarische Mehrheit findet, ist derzeit offen. Der Abgeordnete setzt auf eine parteiübergreifende Unterstützung. Sollte der Entwurf keinen Platz auf der Tagesordnung der Nationalversammlung erhalten, könnte die Abgabe auch im Rahmen der Beratungen zum Staatshaushalt 2027 über einen Änderungsantrag eingebracht werden. Ein Inkrafttreten wäre frühestens zum 1. Januar 2028 möglich.

    Autor: P. Tiko

  • Wenn die Hitze das Geschäft vertreibt: Lyons Läden und Terrassen bleiben leer

    Wenn die Hitze das Geschäft vertreibt: Lyons Läden und Terrassen bleiben leer

    Lyon lebt von seinen Straßen. Zwischen den engen Gassen der Altstadt, den eleganten Einkaufsstraßen der Presqu’île und den weitläufigen Plätzen rund um die Place Bellecour spielt sich normalerweise das ab, was den Charakter der Stadt ausmacht: Menschen bummeln, sitzen in Straßencafés oder stöbern in kleinen Geschäften. Doch in diesem Sommer bietet sich vielerorts ein ungewohntes Bild. Wiederkehrende Hitzewellen lassen das öffentliche Leben verstummen – mit spürbaren Folgen für Handel und Gastronomie.

    An besonders heißen Tagen klettert das Thermometer auf nahezu 40 Grad. Die dicht bebaute Innenstadt speichert die Wärme wie ein riesiger Ofen. Asphalt, Fassaden und Pflastersteine geben die Hitze bis weit in die Abendstunden ab. Wer keinen zwingenden Grund hat, verzichtet auf den Weg ins Zentrum, sucht Schatten, ein Schwimmbad oder gleich das kühlere Umland auf. Das Ergebnis zeigt sich unmittelbar in den Einkaufsstraßen: Wo sonst reges Treiben herrscht, bleiben viele Schaufenster unbeachtet.

    Vor allem kleine, inhabergeführte Geschäfte geraten dadurch unter Druck. Sie leben von spontanen Besuchen und Laufkundschaft. Fehlen diese Kunden, sinken die Einnahmen sofort. Manche Händler berichten von Umsatzeinbußen von bis zu 30 Prozent im Vergleich zu gewöhnlichen Sommertagen. Große Einkaufszentren kommen dagegen deutlich besser durch die Hitze. Dank klimatisierter Verkaufsflächen ziehen sie viele Menschen an, die dort nicht nur einkaufen, sondern auch angenehme Temperaturen suchen.

    Nicht weniger angespannt ist die Lage in der Gastronomie. Die sonst gut besuchten Restaurantterrassen bleiben selbst in der Hochsaison überraschend leer. Bei Temperaturen deutlich oberhalb der 35-Grad-Marke verlieren selbst schattige Plätze ihren Reiz. Ein Mittagessen in der prallen Sonne? Für viele Gäste kommt das schlicht nicht infrage.

    Zahlreiche Gastronomen reagieren mit flexibleren Öffnungszeiten und verlagern ihren Schwerpunkt auf die Abendstunden. Doch selbst nach Sonnenuntergang bleibt die Hitze häufig spürbar. Gleichzeitig fehlen viele Stammgäste, die sich in den Ferien außerhalb der Stadt aufhalten. Auch der Tourismus entwickelt sich schwächer als erhofft, sodass zusätzliche Kundschaft ausbleibt.

    Für die Beschäftigten bedeutet die Situation eine doppelte Belastung. Besonders in den Küchen steigen die Temperaturen auf ein Niveau, das den Arbeitsalltag erheblich erschwert. Klimaanlagen fehlen in vielen älteren Gebäuden oder reichen für eine wirksame Kühlung nicht aus. Gleichzeitig treiben Ventilatoren und Kühltechnik die Stromkosten nach oben – ausgerechnet in einer Phase sinkender Umsätze.

    Die Entwicklung zeigt, wie stark die Klimakrise inzwischen das wirtschaftliche Leben in den Innenstädten beeinflusst. Hitzewellen verändern nicht nur das Freizeitverhalten der Menschen, sondern auch die Grundlagen des Einzelhandels und der Gastronomie. Mehr Bäume, schattige Plätze, Trinkbrunnen und begrünte Straßen könnten langfristig für Abkühlung sorgen. Doch solche Projekte brauchen Zeit. Für viele Händler und Restaurantbesitzer zählt dagegen jeder einzelne Sommertag. Denn wenn die Hitze die Menschen dauerhaft aus den Straßen vertreibt, verliert Lyon ein Stück jener lebendigen Stadtkultur, die Besucher und Einwohner seit jeher schätzen.

    Autor: C.H.

  • Alpine unter Strom: In Dieppe beginnt für Frankreichs Sportwagenlegende eine neue Zeit

    Alpine unter Strom: In Dieppe beginnt für Frankreichs Sportwagenlegende eine neue Zeit

    In der traditionsreichen Alpine-Fabrik im normannischen Dieppe ist eine neue Ära angebrochen. Das sonore Brummen der Verbrennungsmotoren gehört der Vergangenheit an. Stattdessen prägen Elektromotoren, Hochvoltbatterien und moderne Prüftechnik den Arbeitsalltag. Für die Alpine bedeutet dieser Wandel weit mehr als einen gewöhnlichen Modellwechsel. Die französische Sportwagenmarke schlägt ein neues Kapitel auf und wagt den Schritt in die elektrische Zukunft.

    Über Jahrzehnte stand Alpine für leichte, agile Sportwagen, die nicht allein mit Motorleistung überzeugten. Das Erfolgsrezept lautete geringes Gewicht, präzises Fahrverhalten und jede Menge Fahrspaß. Besonders die legendäre A110 schrieb Motorsportgeschichte und wurde mit ihren Rallye-Erfolgen in den siebziger Jahren zur Ikone. Auch die 2017 neu aufgelegte Generation blieb diesem Konzept treu und begeisterte Enthusiasten auf der ganzen Welt.

    Mit dem Produktionsende der zweiten A110-Generation im Juni 2026 ging jedoch eine Epoche zu Ende. Seit ihrer Rückkehr liefen 28.701 Fahrzeuge in Dieppe vom Band. Für viele Fans war das ein emotionaler Abschied, denn mit der A110 verschwand vorerst der letzte klassische Sportwagen mit Verbrennungsmotor aus dem Alpine-Programm.

    Die Zukunft trägt nun den Namen A390. Das vollelektrische Sport-Fastback mit fünf Türen richtet sich an eine deutlich breitere Kundschaft als die kompakte A110. Trotz seines familienfreundlicheren Konzepts bleibt der sportliche Anspruch erhalten. Je nach Ausführung liefert das neue Modell bis zu 470 PS und beschleunigt in weniger als vier Sekunden auf Tempo 100. Die Reichweite von mehr als 500 Kilometern macht das Fahrzeug zugleich alltagstauglich.

    Für den Antrieb sorgen in der stärksten Version drei Elektromotoren. Einer sitzt an der Vorderachse, zwei an der Hinterachse. Durch die getrennte Ansteuerung der hinteren Räder verteilt das System die Kraft gezielt auf jedes Rad. Dieses sogenannte Torque Vectoring soll dafür sorgen, dass sich der große Fastback überraschend agil durch Kurven bewegt.

    Genau hier liegt allerdings die größte Herausforderung. Mit mehr als zwei Tonnen bringt die A390 fast doppelt so viel Gewicht auf die Waage wie eine klassische A110. Alpine muss nun beweisen, dass sich der berühmte Markengeist nicht ausschließlich über Leichtbau definiert. Leistung allein beeindruckt heute kaum noch – schnelle Elektroautos gibt es inzwischen reichlich. Entscheidend bleibt das Fahrgefühl. Und genau daran wird sich der Erfolg des neuen Modells messen.

    Auch das Werk in Dieppe musste sich grundlegend verändern. Zwei Jahre lang liefen umfangreiche Umbauten. Produktionslinien wurden angepasst, Sicherheitsbereiche für Hochvolttechnik eingerichtet und die Beschäftigten intensiv geschult. Mehr als 10.000 Ausbildungsstunden flossen in die Vorbereitung auf die Elektromobilität.

    Dennoch bleibt Alpine seiner besonderen Fertigungsphilosophie treu. Die Fahrzeuge entstehen weiterhin in vergleichsweise kleinen Stückzahlen. Viele Arbeitsschritte erfolgen in kleinen Teams, wodurch Produktion und Qualitätskontrolle eng miteinander verzahnt bleiben. Diese Mischung aus moderner Industrie und handwerklicher Präzision prägt den Standort seit Jahrzehnten.

    Ganz ohne Schwierigkeiten verläuft der Neustart allerdings nicht. Verzögerungen bei der Batterieversorgung bremsten den Produktionshochlauf der leistungsstärkeren A390-Version. Für einen Hersteller, der auf eine überwiegend französische und europäische Wertschöpfung setzt, zeigt sich damit auch die Abhängigkeit von einer noch jungen Batterieindustrie.

    Dieppe bleibt dennoch das Herz der Marke. Hier gründete Jean Rédélé 1955 Alpine und legte den Grundstein für eine der bekanntesten Sportwagenmarken Frankreichs. Auch die nächste Generation der A110 soll an diesem traditionsreichen Standort entstehen – vollelektrisch, auf einer neuen Aluminiumplattform und mit moderner 800-Volt-Technik.

    Für Alpine beginnt damit ein spannender Balanceakt. Die Marke möchte neue Kunden gewinnen, wirtschaftlich wachsen und gleichzeitig ihre sportliche Identität bewahren. Die Motoren mögen heute leiser sein. Die Leidenschaft, die Alpine seit Jahrzehnten auszeichnet, muss deshalb keineswegs verstummen.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Kommentar: Hier kommen sie – die enormen gesellschaftlichen und ganz persönlichen Kosten des Klimawandels!

    Kommentar: Hier kommen sie – die enormen gesellschaftlichen und ganz persönlichen Kosten des Klimawandels!

    Da sind sie also. Nicht irgendwann. Nicht in einer fernen Zukunft. Nicht erst, wenn die Enkel einmal fragen, warum man eigentlich nichts getan hat. Sondern jetzt.

    Die Rechnung liegt auf dem Tisch.

    Zehntausende Unternehmen kämpfen ums Überleben. Familien verlieren ihre Existenz. Beschäftigte bangen um ihren Arbeitsplatz. Wälder, die über Generationen gewachsen sind, werden innerhalb weniger Stunden zu Asche. Ferienorte, die vom Tourismus leben, stehen plötzlich leer. Millioneninvestitionen verwandeln sich in verkohlte Ruinen.

    Aber keine Sorge. Es ist bestimmt nur ein „außergewöhnlicher Sommer“. Oder eben „Pech“.

    Jahrzehntelang wurde gewarnt. Klimaforscher, Feuerexperten, Versicherungen und sogar die Rückversicherer, die ihr Geld damit verdienen, Risiken möglichst nüchtern zu berechnen, sagten immer wieder dasselbe: Extremwetter wird häufiger, intensiver und vor allem teurer.

    Doch wer wollte das schon hören?

    Viel einfacher war es, jede Hitzewelle als Zufall abzutun, jeden Waldbrand als bedauerlichen Einzelfall zu erklären und jede wissenschaftliche Warnung als übertriebene Panikmache abzutun. Schließlich war es bequemer, sich über Klimakleber aufzuregen als über brennende Wälder.

    Nun übernimmt die Realität das Argumentieren.

    Sie diskutiert nicht.

    Sie löscht keine Kommentare.

    Sie führt keine Talkshows.

    Sie schickt Rechnungen.

    Und diese Rechnungen haben es in sich.

    Hotels verlieren ihre gesamte Saison. Campingplätze bleiben geschlossen. Restaurantbesitzer stehen vor leeren Tischen. Handwerker erhalten keine Aufträge. Lieferketten reißen. Versicherungen erhöhen ihre Prämien oder ziehen sich aus besonders gefährdeten Regionen zurück. Der Staat springt mit Milliardenhilfen ein – bezahlt von den Steuerzahlern.

    Wer glaubt eigentlich, diese Kosten verschwinden einfach?

    Sie landen auf unseren Steuerbescheiden. Auf Versicherungsprämien. Auf Lebensmittelpreisen. Auf Energiekosten. Auf Mietpreisen. Auf den Staatsschulden. Und letztlich auf den Konten aller Bürger.

    Der Klimawandel verschickt keine Rechnung per Post.

    Er bucht direkt vom Konto ab.

    Besonders bitter ist dabei, dass ausgerechnet jene Menschen am stärksten getroffen werden, die am wenigsten Spielraum haben. Der kleine Campingplatz. Das familiengeführte Restaurant. Der Bäcker im Küstenort. Der selbstständige Handwerker. Menschen, die weder internationale Konzerne noch milliardenschwere Rücklagen besitzen.

    Währenddessen wird weiterhin darüber diskutiert, ob das alles wirklich mit dem Klimawandel zu tun haben könnte.

    Natürlich. Wälder brennen seit Jahrhunderten. Hitze gab es schon immer. Stürme ebenfalls. Genauso wie Überschwemmungen.

    Die entscheidende Frage lautet jedoch nicht, ob es solche Ereignisse gibt.

    Sondern wie oft.

    Wie lange.

    Wie intensiv.

    Und wie teuer.

    Genau diese Entwicklung lässt sich inzwischen weltweit beobachten.

    Vielleicht sollte man deshalb aufhören, Klimaschutz ausschließlich als moralisches Projekt zu betrachten. Er ist längst knallharte Wirtschaftspolitik. Wer heute nicht in Prävention investiert, zahlt morgen für Wiederaufbau, Entschädigungen und Insolvenzen – und zwar ein Vielfaches.

    Die Gironde ist deshalb weit mehr als eine regionale Tragödie.

    Sie ist ein Vorgeschmack.

    Ein Vorgeschmack darauf, was passiert, wenn Naturkatastrophen nicht mehr Ausnahme, sondern Normalität werden.

    Und vielleicht wird irgendwann die größte Ironie dieser Entwicklung sein, dass ausgerechnet diejenigen, die jahrzehntelang behaupteten, Klimaschutz sei zu teuer, nun feststellen müssen, wie unfassbar teuer fehlender Klimaschutz tatsächlich ist.

    Die Natur verhandelt nicht.

    Sie stellt Rechnungen.

    Und sie kennt weder Rabatte noch ideologische Ausnahmen.

    Daniel Ivers

  • Nach dem Großbrand in der Gironde: Rund 20.000 Unternehmen kämpfen ums Überleben

    Nach dem Großbrand in der Gironde: Rund 20.000 Unternehmen kämpfen ums Überleben

    Die verheerenden Waldbrände in der Gironde haben weit mehr zerstört als Wälder, Wohnhäuser und touristische Einrichtungen. Mit zunehmendem zeitlichen Abstand wird deutlich, dass die Naturkatastrophe auch erhebliche wirtschaftliche Folgen nach sich zieht. Während die Flammen inzwischen weitgehend gelöscht sind, beginnt für tausende Unternehmen der eigentliche Existenzkampf. Besonders betroffen sind kleine und mittlere Betriebe, deren finanzielle Reserven oft nicht ausreichen, um mehrere Wochen ohne nennenswerte Einnahmen zu überstehen.

    Nach Angaben der Industrie- und Handelskammer Bordeaux Gironde (CCI Bordeaux Gironde) waren rund 40.000 Unternehmen direkt oder indirekt von den Bränden betroffen. Etwa die Hälfte von ihnen befindet sich inzwischen in einer wirtschaftlich kritischen Lage. Damit entwickelt sich die Umweltkatastrophe zunehmend zu einer der größten regionalen Wirtschaftskrisen der vergangenen Jahre.

    Tausende Betriebe unter wirtschaftlichem Druck

    Zu den betroffenen Unternehmen zählen nicht nur Betriebe in den evakuierten oder zerstörten Gebieten. Ebenso betroffen sind Firmen, deren Mitarbeiter aufgrund von Straßensperren oder Evakuierungen ihre Arbeitsplätze nicht erreichen konnten, deren Lieferketten unterbrochen wurden oder deren Kundschaft infolge der Katastrophe ausblieb.

    Nach Schätzungen der Handelskammer waren zeitweise nahezu 200.000 Arbeitsplätze von Betriebsunterbrechungen oder erheblichen Einschränkungen betroffen. Besonders schwer wiegt der Zeitpunkt der Katastrophe: Die Brände ereigneten sich mitten in der Hochsaison des Sommertourismus – jener Zeit, in der zahlreiche Betriebe den größten Teil ihres Jahresumsatzes erwirtschaften.

    Tourismus verliert seine wichtigste Einnahmequelle

    Besonders hart getroffen wurden Hotels, Campingplätze, Ferienwohnungsvermieter, Restaurants sowie Freizeit- und Wassersportanbieter rund um das Bassin d’Arcachon, Lacanau und die Halbinsel Cap Ferret. Evakuierungen, Rauchentwicklung, Straßensperren und behördliche Warnungen führten innerhalb weniger Tage zu einer Welle von Stornierungen.

    Für viele Unternehmen der Tourismusbranche entscheiden die Monate Juli und August über die Wirtschaftlichkeit des gesamten Geschäftsjahres. Fallen diese Wochen aus, lassen sich die Verluste später kaum kompensieren. Selbst dort, wo Gebäude und touristische Infrastruktur unversehrt geblieben sind, bleiben die Gäste aus. Die Bilder der Brände haben das Sicherheitsgefühl vieler Urlauber nachhaltig beeinträchtigt und wirken weit über die unmittelbar betroffenen Regionen hinaus.

    Die Folgen reichen tief in die regionale Wirtschaft hinein. Bäckereien, Lebensmittelgeschäfte, Wäschereien, Handwerksbetriebe, Taxiunternehmen und zahlreiche Dienstleister profitieren normalerweise vom hohen Besucheraufkommen. Bleiben Campingplätze geschlossen und Ferienwohnungen leer, bricht entlang der gesamten regionalen Wertschöpfungskette ein erheblicher Teil der Nachfrage weg.

    Belastungen für Logistik und Forstwirtschaft

    Die wirtschaftlichen Auswirkungen beschränken sich nicht auf den Tourismussektor. Zeitweilige Sperrungen wichtiger Verkehrsachsen erschwerten den Warenverkehr im Großraum Bordeaux erheblich. Logistikunternehmen sowie Betriebe in Industriegebieten wie Cestas oder Marcheprime mussten ihre Tätigkeit teilweise einschränken oder vorübergehend einstellen.

    Langfristig könnten jedoch die Schäden für die Forst- und Holzwirtschaft besonders gravierend ausfallen. Die Gironde zählt zu den bedeutendsten Waldregionen Frankreichs. Mit den verbrannten Kiefernwäldern gingen nicht nur wertvolle Ökosysteme verloren, sondern auch wirtschaftlich genutzte Rohstoffreserven.

    Bis neu aufgeforstete Bestände wieder verwertbares Bau- oder Industrieholz liefern können, vergehen mehrere Jahrzehnte. Gleichzeitig entstehen erhebliche Kosten für die Beseitigung verbrannter Bestände, die Wiederaufforstung sowie Maßnahmen zum Schutz der Böden vor Erosion und weiterer Schädigung. Die wirtschaftlichen Folgen werden deshalb weit über die eigentliche Brandkatastrophe hinausreichen.

    Staatliche Hilfen sollen Insolvenzen verhindern

    Um die wirtschaftlichen Folgen abzufedern, hat die Industrie- und Handelskammer Bordeaux Gironde gemeinsam mit weiteren Kammern eine Krisenzelle eingerichtet. Betroffene Unternehmer erhalten über die zentrale Telefonnummer 3006 Unterstützung bei Versicherungsfragen, Schadensmeldungen, staatlichen Hilfsprogrammen und der Wiederaufnahme ihrer Geschäftstätigkeit.

    Unternehmen, die aufgrund behördlicher Anordnungen oder fehlender Beschäftigung ihre Produktion reduzieren mussten, können Kurzarbeit beantragen. Darüber hinaus stehen Zahlungsaufschübe für Steuern und Sozialabgaben sowie verschiedene Unterstützungsprogramme für Selbstständige zur Verfügung. Unter bestimmten Voraussetzungen kann der Katastrophenfonds der Sozialversicherung für Selbstständige Hilfen von bis zu 2.000 Euro gewähren.

    Diese Maßnahmen verschaffen vielen Betrieben zunächst finanzielle Luft. Sie können jedoch nicht sämtliche wirtschaftlichen Schäden ausgleichen. Zahlreiche Unternehmen haben innerhalb weniger Tage einen erheblichen Teil ihres Jahresumsatzes verloren. Hinzu kommt, dass viele Versicherungsverträge Betriebsausfälle ohne unmittelbaren Sachschaden nur eingeschränkt oder gar nicht abdecken. Gerade Betriebe, deren Gebäude unversehrt geblieben sind, deren Kundschaft jedoch vollständig ausblieb, stehen deshalb vor erheblichen finanziellen Problemen.

    Die Gironde steht damit vor einer doppelten Herausforderung. Einerseits müssen die zerstörten Waldflächen wiederhergestellt und widerstandsfähiger gegen künftige Brände gemacht werden. Andererseits gilt es, eine wirtschaftliche Abwärtsspirale mit Geschäftsaufgaben und Arbeitsplatzverlusten zu verhindern. Ob dies gelingt, wird maßgeblich davon abhängen, wie schnell finanzielle Hilfen ausgezahlt werden und ob insbesondere kleine und mittlere Unternehmen die kommenden Monate überstehen. Denn gerade sie bilden das wirtschaftliche Rückgrat der Region – und verfügen häufig nur über begrenzte finanzielle Reserven.

    Daniel Ivers

  • Arbeiten im Urlaub? In Frankreich gilt ein klarer Schutz für Beschäftigte

    Arbeiten im Urlaub? In Frankreich gilt ein klarer Schutz für Beschäftigte

    Der bezahlte Jahresurlaub besitzt im französischen Arbeitsrecht einen besonderen Stellenwert: Er dient der Erholung. Wer sich in genehmigten Ferien befindet, soll Abstand vom Berufsalltag gewinnen und neue Kraft schöpfen. Aus diesem Grund dürfen Arbeitgeber ihre Beschäftigten während des Urlaubs grundsätzlich nicht zur Arbeit heranziehen. Weder die Rückkehr ins Büro noch das Erledigen kleiner Aufgaben vom Strand, aus dem Hotel oder von zu Hause aus gehört zu den Pflichten eines Arbeitnehmers.

    Das gilt auch für Tätigkeiten, die auf den ersten Blick harmlos erscheinen. Das Beantworten beruflicher E-Mails, die Teilnahme an einer Videokonferenz, ein kurzer Anruf bei einem Kunden oder das schnelle Überarbeiten einer Datei bleiben rechtlich betrachtet Arbeitsleistungen. Selbst wenn der Aufwand nur wenige Minuten beträgt und bequem über das Smartphone erledigt wird, widerspricht eine solche Anweisung dem eigentlichen Zweck des Urlaubs.

    Ganz ausgeschlossen ist ein Rückruf aus den Ferien allerdings nicht. Das Gesetz lässt Ausnahmen zu, allerdings nur unter sehr engen Voraussetzungen. Ein außergewöhnlicher und unvorhersehbarer Notfall muss vorliegen, der die Anwesenheit der betreffenden Person zwingend erforderlich macht. Ein schwerwiegender technischer Zwischenfall, eine erhebliche Gefährdung des Betriebs oder ein anderes außergewöhnliches Ereignis zählen zu den denkbaren Fällen.

    Normale Schwierigkeiten im Betriebsalltag reichen dagegen nicht aus. Personalmangel, eine unerwartete Krankmeldung im Team oder eine hohe Arbeitsbelastung gehören zum unternehmerischen Risiko und rechtfertigen keinen Abbruch des Urlaubs. Auch eine mangelhafte Planung darf nicht dazu führen, dass Beschäftigte ihre Erholung opfern müssen. Kommt es dennoch zu einem Rückruf, muss der Arbeitgeber nachvollziehbar darlegen, weshalb gerade diese Person unverzichtbar ist.

    Welche Rechte und Ausgleichsansprüche im Einzelfall bestehen, richtet sich häufig nach der jeweiligen französischen Convention collective, also dem einschlägigen Tarifvertrag. Sollte später Streit entstehen, prüfen die Arbeitsgerichte sorgfältig, ob tatsächlich außergewöhnliche Umstände vorlagen oder ob der Rückruf rechtswidrig erfolgte.

    Muss ein Arbeitnehmer seinen Urlaub berechtigterweise unterbrechen, dürfen daraus grundsätzlich keine finanziellen Nachteile entstehen. Zusätzliche Reisekosten, Umbuchungsgebühren oder andere Ausgaben können erstattungsfähig sein. Ebenso bleiben die nicht genommenen Urlaubstage erhalten und lassen sich später nachholen. Manche Tarifverträge sehen darüber hinaus zusätzliche freie Tage als Ausgleich vor.

    Deshalb lohnt sich ein sorgfältiger Umgang mit allen Unterlagen. Flug- oder Bahntickets, Hotelrechnungen, Mautquittungen sowie Belege für Umbuchungen oder Stornierungen sollten aufbewahrt werden. Ebenso empfiehlt sich eine schriftliche Bestätigung des Arbeitgebers über den Rückruf und dessen Begründung. Das schafft Klarheit und erleichtert im Streitfall den Nachweis der entstandenen Kosten.

    Eine andere Situation besteht vor Beginn des Urlaubs. Arbeitgeber legen innerhalb der gesetzlichen und tarifvertraglichen Vorgaben fest, wann Beschäftigte ihre Ferien antreten. Bereits genehmigte Urlaubstermine genießen jedoch Schutz. In der Regel dürfen sie nicht kurzfristig geändert werden. Auch hier existiert lediglich eine Ausnahme für außergewöhnliche Ereignisse, etwa wenn völlig unvorhersehbare Umstände den Betriebsablauf ernsthaft gefährden. Saisonale Arbeitsspitzen oder gewöhnliche Personalengpässe genügen dafür normalerweise nicht.

    Ebenso wenig besteht während der Ferien eine allgemeine Pflicht zur ständigen Erreichbarkeit. Frankreich stärkt diesen Grundsatz zusätzlich durch das sogenannte „Recht auf Abschalten“. Beschäftigte müssen ihr dienstliches Postfach nicht regelmäßig kontrollieren und auch nicht jederzeit auf Anrufe oder Nachrichten reagieren. Unternehmen sind vielmehr gut beraten, funktionierende Vertretungsregelungen einzurichten, damit der Betrieb auch ohne ständig verfügbare Urlauber reibungslos läuft.

    Wer dennoch während seines Urlaubs kontaktiert wird, sollte zunächst klären, ob lediglich eine unverbindliche Bitte vorliegt oder eine verbindliche Arbeitsanweisung ausgesprochen wird. Im Fall eines angeordneten Rückrufs empfiehlt sich eine schriftliche Bestätigung mit Angaben zur Begründung, zur Kostenerstattung und zum Umgang mit den verbleibenden Urlaubstagen.

    Fest steht: Urlaub ist in Frankreich keine Bereitschaftszeit. Der gesetzlich geschützte Erholungsanspruch darf nur in echten Ausnahmefällen eingeschränkt werden. Ein pauschales Verlangen, Beschäftigte müssten während ihrer Ferien jederzeit erreichbar sein oder kleinere Aufgaben erledigen, lässt sich mit den Grundsätzen des französischen Arbeitsrechts nicht vereinbaren.

    Von C. Hatty

  • Wenn nach dem Feuer die Stille kommt

    Wenn nach dem Feuer die Stille kommt

    Die Flammen lodern nicht mehr über den Baumwipfeln. Der dichte Rauch, der tagelang den Himmel über der Atlantikküste verdunkelte, ist verschwunden. An vielen Stränden rauschen wieder die Wellen, Kinder bauen Sandburgen und Surfer tragen ihre Bretter Richtung Wasser. Auf den ersten Blick scheint der Sommer zurückgekehrt zu sein. Doch wer in diesen Tagen zwischen dem Bassin d’Arcachon und Biscarrosse unterwegs ist, bemerkt schnell: Etwas fehlt.

    Es sind die Menschen.

    Wo sich Anfang August normalerweise dichte Autoschlangen durch die Pinienwälder schieben, bleiben Parkplätze plötzlich halb leer. Restaurants, deren Terrassen sonst bis tief in den Abend aus allen Nähten platzen, servieren deutlich weniger Gäste. In den Fußgängerzonen klingt jeder Schritt ein wenig lauter als sonst. Eine eigenartige Ruhe liegt über einer Region, die eigentlich ihren geschäftigsten Moment des Jahres erleben müsste.

    Die Waldbrände im Südwesten Frankreichs hinterließen weit mehr als verbrannte Wälder. Sie hinterließen Bilder, die sich tief ins Gedächtnis eingebrannt haben. Gewaltige Rauchwolken, meterhohe Flammen, Menschen, die in aller Eile ihre Häuser, Hotels oder Campingplätze verlassen mussten. Tausende Hektar Wald gingen verloren, zahlreiche Gebäude wurden beschädigt oder vollständig zerstört. Feuerwehrleute kämpften tagelang gegen ein Feuer, das sich immer wieder neue Nahrung suchte.

    Diese Aufnahmen gingen um die Welt.

    Und genau darin liegt heute ein Teil des Problems.

    Viele Menschen verbinden die gesamte Atlantikküste inzwischen mit Gefahr. Wer die Nachrichten nur flüchtig verfolgte, gewann leicht den Eindruck, zwischen Arcachon und den Landes sei kaum noch ein sicherer Urlaub möglich. Die Wirklichkeit sieht längst anders aus. Zahlreiche Orte blieben vom Feuer verschont, Strände öffneten wieder, Hotels empfangen Gäste und Restaurants kochen wie gewohnt. Trotzdem treffen weiterhin Stornierungen ein.

    Ein einziges Bild besitzt manchmal mehr Kraft als hundert gute Nachrichten.

    Die wirtschaftlichen Folgen zeigen sich inzwischen beinahe überall. Besonders deutlich fällt der Unterschied in Biscarrosse auf. Anfang August zählt dort gewöhnlich jede Minute. Autos suchen freie Stellplätze, Radfahrer schlängeln sich durch die Straßen, Eisverkäufer kommen kaum hinterher und auf den Terrassen herrscht lebhaftes Stimmengewirr.

    In diesem Sommer wirkt vieles ungewohnt entspannt.

    Was zunächst angenehm erscheint, bereitet den Unternehmern schlaflose Nächte.

    Leere Tische bedeuten fehlende Einnahmen. Ein nicht belegter Campingplatz lässt sich am nächsten Tag nicht doppelt vermieten. Wer jetzt auf Urlaub verzichtet, holt diesen Aufenthalt meist nicht Monate später nach. Für zahlreiche Betriebe entscheidet sich innerhalb weniger Sommerwochen, ob das Geschäftsjahr erfolgreich verläuft oder rote Zahlen schreibt.

    Die Küste lebt seit Jahrzehnten vom Tourismus.

    Hotels, Pensionen, Ferienwohnungen, Restaurants, Cafés, Surfshops, Fahrradverleiher, Wochenmärkte und kleine Boutiquen bilden gemeinsam ein fein abgestimmtes Geflecht. Fällt an einer Stelle ein wichtiger Baustein weg, geraten viele andere gleich mit ins Wanken.

    Ein Café verkauft weniger Frühstück. Der Bäcker liefert dadurch weniger Brot. Die örtliche Wäscherei erhält weniger Aufträge von Hotels. Saisonkräfte arbeiten kürzere Schichten oder finden gar keine Beschäftigung. Selbst Handwerksbetriebe spüren irgendwann die Zurückhaltung, wenn Investitionen verschoben werden.

    So zieht ein einziges Ereignis immer weitere Kreise.

    Dabei mussten viele Unternehmen bereits während der Brände erhebliche Belastungen schultern. Lebensmittel verdarben nach den Evakuierungen. Lieferketten gerieten ins Stocken. Personal fiel aus oder unterstützte Familienangehörige. Einige Betriebe stellten ihre Räume spontan Einsatzkräften, Evakuierten oder freiwilligen Helfern zur Verfügung. Niemand stellte damals die wirtschaftliche Rechnung in den Vordergrund. Verständlicherweise zählte zunächst nur der Schutz von Menschenleben.

    Jetzt beginnt jedoch eine andere Phase.

    Sie verläuft deutlich leiser.

    Während Feuerwehrfahrzeuge und Löschflugzeuge längst verschwunden sind, kämpfen viele Unternehmer um ihre Existenz. Dieser Kampf erzeugt keine spektakulären Fernsehbilder. Er spielt sich hinter Hotelrezeptionen, in Restaurantküchen und kleinen Familienbetrieben ab.

    Manche Gäste greifen zum Telefon und sagen ihren Urlaub vorsichtshalber ab. Andere buchen gar nicht erst. Wieder andere entscheiden sich kurzfristig für eine völlig andere Region. Niemand möchte seinen Urlaub in Unsicherheit verbringen. Diese Reaktion erscheint verständlich. Gleichzeitig entsteht dadurch ein Eindruck, der mit der tatsächlichen Situation vieler Orte kaum noch übereinstimmt.

    Denn die Atlantikküste besteht nicht aus einem einzigen Ferienort.

    Das Bassin d’Arcachon, die Gironde und die Landes umfassen riesige Gebiete mit ganz unterschiedlichen Landschaften. Zahlreiche Strände präsentieren sich wieder in gewohntem Zustand. Hotels öffnen ihre Türen, Campingplätze nehmen Besucher auf und Freizeitangebote laufen fast ohne Einschränkungen. Natürlich existieren weiterhin Bereiche, in denen Aufräumarbeiten stattfinden oder Waldwege gesperrt bleiben. Niemand verschweigt diese Realität.

    Doch weshalb sollte eine ganze Region dauerhaft gemieden werden, wenn große Teile längst wieder bereit für Besucher sind?

    Genau diese Frage stellen sich inzwischen zahlreiche Verantwortliche vor Ort.

    Sie möchten weder die Katastrophe kleinreden noch falsche Sicherheit vermitteln. Die Schäden an Natur und Infrastruktur bleiben erheblich. Viele verbrannte Waldflächen begleiten die Menschen noch über Jahre hinweg. Die Landschaft trägt sichtbare Narben. Wer dort lebt, verliert den Anblick der vertrauten Pinien nicht so schnell aus dem Herzen.

    Dennoch besitzt die Region weit mehr als ihre Brandflächen.

    Das Meer rauscht unverändert an den langen Sandstränden entlang. Fischer fahren hinaus auf das Bassin. Morgens öffnen die Märkte ihre Stände mit regionalen Spezialitäten. Kinder lachen am Wasser, Radfahrer entdecken kleine Küstenwege und am Abend färbt die untergehende Sonne den Himmel über dem Atlantik in warme Orangetöne.

    Das Leben geht weiter.

    Nicht, weil jemand die Ereignisse vergessen hätte.

    Sondern weil genau dieses Weitergehen für viele Familien überlebenswichtig ist.

    Immer häufiger fällt deshalb ein Begriff, der zunächst ungewöhnlich klingt: solidarischer Tourismus.

    Gemeint ist damit keineswegs Katastrophentourismus. Niemand soll zerstörte Gebiete besuchen oder gesperrte Waldflächen betreten. Es geht vielmehr um eine bewusste Entscheidung, geöffnete Orte weiterhin als Urlaubsziel auszuwählen. Wer in einer Ferienwohnung übernachtet, im Restaurant zu Mittag isst oder beim kleinen Händler um die Ecke einkauft, unterstützt unmittelbar jene Menschen, deren Einkommen vom Sommer abhängt.

    Manchmal entfaltet eine scheinbar kleine Entscheidung erstaunliche Wirkung.

    Ein belegtes Hotelzimmer sichert Arbeitsstunden für Reinigungskräfte.

    Ein voller Restaurantabend stärkt regionale Lieferanten.

    Ein gemietetes Fahrrad schafft Umsatz für den Verleih.

    Ein Besuch auf dem Wochenmarkt unterstützt Produzenten aus der Umgebung.

    Viele Familienunternehmen verfügen nicht über große finanzielle Rücklagen. Eine schwache Saison lässt sich nur schwer ausgleichen. Kredite laufen weiter, Versicherungen fordern ihre Beiträge und Löhne möchten pünktlich bezahlt sein. Die Kosten kennen keine Sommerpause.

    Gerade deshalb erhält jeder Gast plötzlich eine größere Bedeutung.

    Vielleicht erinnert sich mancher Urlauber noch an frühere Besuche. An den Duft der Pinien am frühen Morgen. An den ersten Sprung in die kühlen Atlantikwellen. An frische Austern am Hafen oder an den kleinen Campingplatz, auf dem jedes Jahr dieselben Nachbarn auftauchten. Solche Erinnerungen verbinden Menschen oft stärker mit einer Region, als ihnen bewusst ist.

    Warum diese Verbindung nicht gerade jetzt neu beleben?

    Natürlich gehört Ehrlichkeit ebenfalls dazu. Niemand erwartet, dass Besucher beschädigte Landschaften ignorieren. Die verbrannten Flächen erzählen von einer Naturkatastrophe, deren Folgen lange sichtbar bleiben. Wer durch einzelne Abschnitte fährt, entdeckt schwarze Baumstämme und kahle Schneisen. Das lässt sich weder schönreden noch verstecken.

    Doch Landschaften besitzen eine erstaunliche Kraft zur Erneuerung.

    Bereits wenige Monate nach einem Feuer zeigen sich häufig erste grüne Triebe zwischen der Asche. Pflanzen kämpfen sich ans Licht zurück. Tiere kehren Schritt für Schritt in ihre Lebensräume zurück. Der Wald beginnt langsam ein neues Kapitel.

    Auch die Menschen hoffen auf diesen Neuanfang.

    Sie wünschen sich keine Mitleidsreisen.

    Sie wünschen sich Vertrauen.

    Ein Urlaub an der Atlantikküste bedeutet heute deshalb mehr als nur Erholung. Er sendet ein Signal an die Gastgeber: Wir kommen zurück. Wir glauben an eure Zukunft. Wir möchten, dass Cafés, Campingplätze, Restaurants und kleine Geschäfte auch im nächsten Sommer noch ihre Türen öffnen.

    Diese Botschaft besitzt einen Wert, der sich kaum in Zahlen ausdrücken lässt.

    Gleichzeitig bleibt die Politik gefordert. Direkt betroffene Familien und Unternehmen benötigen Unterstützung beim Wiederaufbau. Schäden an Häusern, Infrastruktur und Natur verschwinden nicht durch gute Worte. Finanzielle Hilfen, langfristige Wiederaufforstung und Investitionen in den Brandschutz bilden wichtige Voraussetzungen, damit sich die Region nachhaltig erholen kann.

    Ebenso bedeutend erscheint jedoch eine sachliche Kommunikation.

    Pauschale Warnungen helfen niemandem weiter, wenn große Teile der Küste längst wieder sicher zugänglich sind. Genauso wenig dient Verharmlosung dem Vertrauen. Die Menschen wünschen sich klare Informationen. Welche Gebiete bleiben gesperrt? Welche Strände öffnen? Wo finden Aufräumarbeiten statt? Wer offen kommuniziert, schafft Glaubwürdigkeit.

    Und genau diese Glaubwürdigkeit entscheidet häufig darüber, ob Urlauber ihre Reise antreten.

    Nach den dramatischen Tagen der Brände beginnt nun eine Phase, die weniger Aufmerksamkeit erhält und dennoch über die Zukunft vieler Familien entscheidet. Kamerateams reisen weiter zum nächsten Ereignis. Die Schlagzeilen verschwinden. Für die Menschen vor Ort endet die Geschichte damit jedoch längst nicht.

    Sie beginnt gerade erst.

    Der Wiederaufbau umfasst weit mehr als neue Bäume oder reparierte Gebäude. Er lebt von Zuversicht, Begegnungen und einer Region, die ihren Gästen weiterhin mit offenen Armen begegnet. Die Atlantikküste trägt Wunden. Trotzdem bewahrt sie ihre Schönheit, ihre Gastfreundschaft und ihren besonderen Charakter.

    Vielleicht liegt genau darin ihre größte Stärke.

    Wer heute zwischen Arcachon und Biscarrosse ankommt, entdeckt keine Landschaft, die aufgegeben hat. Er begegnet Menschen, die nach schwierigen Wochen wieder nach vorne schauen. Menschen, die morgens ihre Cafés öffnen, Boote vorbereiten, Hotelzimmer herrichten oder frisches Brot backen – in der Hoffnung, dass der Sommer doch noch ein gutes Ende nimmt.

    Manchmal beginnt Solidarität nicht mit großen Gesten.

    Manchmal genügt bereits eine gebuchte Reise.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Hitze legt Atomkraftwerk Golfech erneut lahm

    Hitze legt Atomkraftwerk Golfech erneut lahm

    Zum dritten Mal innerhalb weniger Wochen ist das Atomkraftwerk Golfech im südwestfranzösischen Département Tarn-et-Garonne vollständig vom Netz gegangen. Ursache ist erneut die außergewöhnlich hohe Temperatur der Garonne, aus der die Anlage das notwendige Kühlwasser bezieht. Die wiederholten Abschaltungen verdeutlichen, wie stark extreme Hitze inzwischen selbst die Stromerzeugung in Frankreich beeinflusst.

    Der französische Energieversorger EDF schaltete Reaktorblock 2 am späten Mittwochabend vorsorglich ab. Hintergrund ist eine gesetzlich festgelegte Umweltauflage: Steigt die durchschnittliche Wassertemperatur der Garonne flussabwärts des Kraftwerks auf 28 Grad oder darüber, darf der Reaktor unter normalen Betriebsbedingungen nicht weiterlaufen. Mit der Maßnahme soll verhindert werden, dass sich der Fluss durch das zurückgeleitete Kühlwasser zusätzlich erwärmt und empfindliche Wasserlebewesen belastet.

    Der zweite Reaktor der Anlage produziert bereits seit Mai keinen Strom. Dort laufen planmäßige Wartungsarbeiten, außerdem werden Brennelemente ausgetauscht. Damit steht derzeit das gesamte Kraftwerk still. Beide Reaktoren verfügen jeweils über eine Leistung von 1.300 Megawatt und zählen zu den wichtigen Bausteinen der französischen Stromversorgung.

    Besonders auffällig ist die kurze Laufzeit des nun erneut abgeschalteten Reaktors. Erst am 26. Juli war Block 2 nach einer vorherigen Unterbrechung wieder ans Stromnetz angeschlossen worden. Nicht einmal vier Tage später musste EDF die Anlage erneut herunterfahren. Bereits Ende Juni und Anfang Juli war der Reaktor wegen der hohen Temperaturen der Garonne mehrfach außer Betrieb. Technische Probleme oder sicherheitsrelevante Störungen spielten dabei keine Rolle. Ausschlaggebend waren ausschließlich die geltenden Umweltvorschriften.

    Das Kraftwerk entnimmt Wasser aus der Garonne zur Kühlung und leitet den größten Teil anschließend wieder in den Fluss zurück. Normalerweise erhöht sich die Wassertemperatur dadurch nur geringfügig. Während lang anhaltender Hitzeperioden kann jedoch selbst dieser kleine Temperaturanstieg das ökologische Gleichgewicht beeinträchtigen. Vor allem Fische und andere Wasserorganismen reagieren empfindlich auf zusätzliche Erwärmung und sinkende Sauerstoffwerte.

    Die wiederholten Abschaltungen zeigen zugleich eine neue Herausforderung für die französische Energiepolitik. Kernkraft liefert zwar zuverlässig große Mengen Strom und ist unabhängig von Wind oder Sonneneinstrahlung, sie bleibt jedoch auf ausreichend kühles Kühlwasser angewiesen. Mit zunehmenden Hitzewellen entwickelt sich dieser Faktor immer stärker zu einer betrieblichen Einschränkung.

    Eine unmittelbare Gefahr für die Stromversorgung besteht derzeit zwar nicht. Frankreich verfügt über zahlreiche weitere Kernkraftwerke sowie über Wasserkraft-, Wind- und Solaranlagen. Dennoch macht der Fall Golfech deutlich, dass der Klimawandel längst auch die Rahmenbedingungen der Atomenergie verändert. Was früher als seltene Ausnahme galt, könnte in den kommenden Sommern deutlich häufiger auftreten.

    Andreas M. Brucker

  • Frankreich baut eine eigene Industrie für den Kampf gegen Waldbrände auf

    Frankreich baut eine eigene Industrie für den Kampf gegen Waldbrände auf

    Die schweren Waldbrände des Sommers 2026 haben Frankreich vor Augen geführt, dass die Bekämpfung von Vegetationsbränden längst nicht mehr allein eine Aufgabe der Feuerwehren ist. Angesichts zunehmender Hitzeperioden und längerer Trockenphasen will die Regierung nun eine umfassende Industrie für Brandprävention, Früherkennung und Brandbekämpfung aufbauen. Ziel ist es, technologische Innovationen schneller zur Einsatzreife zu bringen, die nationale Krisenvorsorge zu stärken und die Abhängigkeit von ausländischen Herstellern zu verringern. Industrieminister Sébastien Martin plant, Ende August oder Anfang September Vertreter führender Unternehmen, Forschungseinrichtungen und staatlicher Stellen nach Paris einzuladen. Im Wirtschaftsministerium in Bercy sollen die Erfahrungen aus den Großbränden in der Gironde, den Landes, dem Var und im Wald von Fontainebleau ausgewertet und die Grundlagen für eine neue industrielle Wertschöpfungskette geschaffen werden. Eine neue Wertschöpfungskette für de…

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  • Manufacture de Lodève: Wo Teppiche zu Kunstwerken für die Republik werden

    Manufacture de Lodève: Wo Teppiche zu Kunstwerken für die Republik werden

    In der Manufacture de la Savonnerie in Lodève vergeht die Zeit anders. Hier misst niemand den Fortschritt eines Arbeitstages in Stunden, sondern in wenigen Zentimetern fein geknüpften Teppichs. Bis ein einziges Werk vollendet ist, vergehen oft mehrere Jahre. Manche Teppiche beschäftigen ihre Weberin…

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