Kategorie: Südost

  • Wenn der Berg zuschlägt: Lawinentote erschüttern die Savoie

    Wenn der Berg zuschlägt: Lawinentote erschüttern die Savoie

    Der Winter zeigt in diesen Tagen sein freundlichstes Gesicht. Strahlender Himmel, frisch gefallener Schnee, perfekte Bedingungen für Skifahrer, die das Weite suchen, hinaus aus den präparierten Pisten, hinein ins scheinbar unberührte Gelände. Und doch genügt ein einziger Moment, ein leises Knacken im Schnee, damit aus Idylle blanke Tragödie wird. In der französischen Alpenregion Savoie haben sich am Freitag, dem 26. Dezember, gleich zwei tödliche Lawinenunglücke ereignet – binnen weniger Stunden, nur wenige Täler voneinander entfernt. Am Vormittag trifft es ein Skigebiet, das für viele Wintersportler fast so etwas wie ein zweites Wohnzimmer ist: La Plagne. Hoch oben, auf rund 2.500 Metern Höhe, an der Nordflanke der Bellecôte, einem imposanten Bergmassiv, das sich meist kühl und schattig gibt, geraten mehrere Skifahrer in eine Lawine. Sie sind im freien Gelände unterwegs, abseits der gesicherten Pisten, dort, wo der Schnee noch jungfräulich wirkt und die Spuren von gestern fehlen….

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  • Wenn Brücken nachgeben – Südfrankreich unter Wasser

    Wenn Brücken nachgeben – Südfrankreich unter Wasser

    Es beginnt oft harmlos. Regen, der gegen die Scheiben trommelt, dunkle Wolken über dem Mittelmeer, ein dumpfes Grollen in der Ferne. Doch was sich seit Donnerstag über Teilen Südfrankreichs entlädt, trägt längst andere Züge. In der Nacht auf Freitag ist in Saint-Florent, einer kleinen korsischen Hafenstadt westlich von Bastia, ein Straßenbauwerk teilweise eingestürzt. Eine Brücke, die den Ortskern mit Oletta verbindet, hat dem Druck der Wassermassen nicht standgehalten. Verletzt wurde niemand.

    Die Brücke über die Départementstraße RD81 wirkt auf den ersten Blick unscheinbar. Kein monumentales Bauwerk, kein touristisches Postkartenmotiv. Und doch ist sie eine Lebensader. Pendler, Lieferverkehr, Schulbusse – sie alle nutzen diesen Übergang. Seit Donnerstag steht der gesamte Bezirk Haute-Corse unter Wetterwarnstufe Orange wegen Starkregen und Hochwasser. Regen, der nicht fällt, sondern stürzt. Regen, der Böden sättigt, Flüsse anschwellen lässt und selbst robuste Infrastruktur mürbe macht.

    Die Einsatzkräfte arbeiten im Akkord. Rund fünfzig Einsätze verzeichnet der Straßendienst, fast vierzig die Feuerwehr. Erdrutsche, überschwemmte Fahrbahnen, blockierte Zufahrten. Die Niederschlagsmengen sprengen statistische Gewohnheiten: Zwischen eineinhalb- und viermal so viel Regen wie im Dezember des Vorjahres ist gefallen. Zahlen, die trocken klingen, in der Realität aber nach Schlamm riechen und nach Öl aus Heizungen, das sich auf überschwemmten Straßen ausbreitet.

    Während Korsika versucht, den Schaden zu begrenzen, spielt sich auf dem Festland ein ähnliches Szenario ab. In den Pyrénées-Orientales, ebenfalls unter Warnstufe Orange, sind binnen weniger Stunden mehr als einhundert Liter Regen niedergegangen. Ein ganzer Monat, zusammengedrängt in einen einzigen Tag. Die Flüsse Agly und Réart führen Hochwasser, die Pegel steigen schneller, als mancher Anwohner reagieren kann. Die Prognosen für die kommenden 24 Stunden lesen sich wie ein Déjà-vu: weitere fünfzig bis achtzig Liter in den Binnenlagen.

    Man spürt in diesen Regionen eine Mischung aus Routine und Erschöpfung. Die Feuerwehr zählt bislang 53 Einsätze. Keller laufen voll, Straßen verwandeln sich in Bäche, Kliniken sichern ihre Technik. In Théza stehen die Untergeschosse einer Klinik unter Wasser, die Lage sei stabil, wie es in der nüchternen Sprache der Behörden heißt. Zwei Menschen werden aus einem Campingplatz nahe Saint-Nazaire evakuiert, vorsorglich, bevor aus Risiko Gewissheit wird. Mehrere Départementstraßen sind gesperrt. Namen und Nummern, die für Außenstehende abstrakt bleiben, für die Bewohner jedoch den Unterschied zwischen Umweg und Isolation bedeuten.

    Und dann ist da noch der Faktor Mensch. In Pollestres, einer Gemeinde südlich von Perpignan, verliert der Bürgermeister die Geduld. Mehrfach müssen er und seine Gemeinderäte Autofahrer stoppen, die trotz Absperrungen versuchen, über geflutete Furten zu fahren. „Es kann hier schreckliche Tragödien geben“, sagt er. Ein Satz, der hängen bleibt. Weil er an eine unbequeme Wahrheit erinnert: Naturkatastrophen töten selten allein. Es sind oft Leichtsinn, Gewohnheit oder der Gedanke „Das schaffe ich schon“, die aus Gefahr Drama machen. Klartext aus dem Rathaus, ein emotionaler Ausbruch – absolut nachvollziehbar.

    Solche Wetterlagen treffen Frankreich nicht unvorbereitet. Warnsysteme funktionieren, Einsatzkräfte sind erfahren, die Kommunikation läuft. Und doch zeigt jeder Starkregen aufs Neue, wie fragil selbst gut organisierte Strukturen sein können. Eine Brücke, jahrzehntelang selbstverständlich, wird plötzlich zum Symbol. Für Verschleiß. Für veränderte klimatische Bedingungen. Für die Frage, wie belastbar unsere Infrastruktur wirklich ist.

    Man hört in Gesprächen vor Ort Sätze wie: „So etwas gab es früher nicht.“ Vielleicht stimmt das. Vielleicht täuscht auch die Erinnerung. Sicher ist nur: Die Häufung extremer Wetterereignisse verändert Wahrnehmung und Alltag. Gemeinden müssen schneller reagieren, Bürger aufmerksamer sein. Geduld wird zur Sicherheitsmaßnahme.

    Bis zum Freitagmittag meldeten die Behörden keine Opfer und keine größeren Sachschäden. Eine Momentaufnahme. Die kommenden Stunden bleiben kritisch. Regen kennt keine Bürozeiten, Hochwasser keine Feiertage. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass Warnungen ernst genommen werden und dass die nächste Brücke hält.

    Und vielleicht auch die leise Erkenntnis, dass Vorsicht keine Übertreibung ist. Sondern schlicht gesunder Menschenverstand.

    Autor: Daniel Ivers

  • Tödliches Treffen im Treppenhaus – 19-Jähriger in Marseille wurde Opfer einer Messerattacke

    Tödliches Treffen im Treppenhaus – 19-Jähriger in Marseille wurde Opfer einer Messerattacke

    Es beginnt mit einer Verabredung, wie sie heute tausendfach täglich zustande kommt. Ein Kontakt über soziale Netzwerke, ein kurzer Austausch, ein Treffpunkt. Ein junger Mann, 19 Jahre alt, verlässt am Abend des 23. Dezember seine Wohnung, begleitet von zwei Freunden, auf dem Weg zu einem Rendezvous im achten Arrondissement von Marseille. Was nach jugendlicher Neugier klingt, endet wenig später in einem Hauseingang – und schließlich auf einer Intensivstation. Gegen 21 Uhr betritt die kleine Gruppe die Eingangshalle eines Wohnhauses. Die junge Frau, mit der der Termin vereinbart war, erscheint nicht. Stattdessen tauchen mehrere maskierte Personen auf. Drei, vielleicht vier. Die Situation kippt abrupt. Es kommt zu einer gewaltsamen Auseinandersetzung. Einer der Angreifer zieht ein Messer. Ein Stich trifft den 19-Jährigen mitten ins Herz. Er bricht zusammen. Die Täter fliehen. Sekunden, die ein Leben beenden. Die Rettungskräfte sind schnell vor Ort. Der junge Mann lebt noch, als er ins Kra…

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  • Weiße Weihnachten nach jahrelanger Pause – Frankreich friert sich zurück ins Fest

    Weiße Weihnachten nach jahrelanger Pause – Frankreich friert sich zurück ins Fest

    Es knirscht unter den Schuhen, noch bevor der erste Gedanke an Geschenke oder Gänsebraten auftaucht. In diesen Tagen legt sich ein stilles Weiß über Straßen, Dächer und Felder. Frankreich erlebt ein Weihnachtsfest, das sich anfühlt wie aus einem alten Familienalbum herausgelöst. Kein laues Dezemberlüftchen, keine offenen Jacken. Sondern Frost, Flocken und dieses leise Staunen, das viele längst verlernt hatten.

    Ein Weihnachtsfest, das man nicht plant, sondern erlebt.

    Denn seit rund fünfzehn Jahren zeigte sich der Dezember meist zahm. Grau, feucht, manchmal fast frühlingshaft. Nun kehrt der Winter zurück, mit Nachdruck. Und plötzlich stellt sich eine fast vergessene Frage: Wie fühlt sich ein richtig kaltes Weihnachten eigentlich an?


    Wenn der Himmel weiß wird

    In Tournon-sur-Rhône blickten die Menschen am Morgen des 24. Dezember nach oben. Der Himmel hing tief, schwer, milchig. Diese besondere Farbe, die Schnee ankündigt. Die ersten Flocken fielen zaghaft, fast höflich. Dann dichter. Dann entschlossen.

    Eine ältere Dame zieht ihren Schal enger. „C’est Noël“, sagt sie, fast wie eine Feststellung. Weihnachten ohne Schnee? Das gehöre sich doch nicht. Ein Satz, der früher banal klang, heute fast nostalgisch wirkt.

    Zwischen fünf und sieben Zentimeter Neuschnee lagen am Abend in der Region. Keine Katastrophe, kein Chaos. Eher ein leises Innehalten. Manche sorgten sich um den Weg zur „Réveillon“. Andere zuckten mit den Schultern. Notfalls gehe man eben zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Ein bisschen Improvisation gehört schließlich zu Weihnachten dazu, oder?


    Die Rückkehr eines alten Bekannten

    Nicht nur das Rhône-Tal versank im Weiß. Auch das Zentrum Frankreichs und der Nordwesten meldeten Schneefall. Landstriche, die in den letzten Jahren eher Regen als Raureif kannten, wachten plötzlich in einer Winterlandschaft auf.

    Meteorologisch betrachtet markiert dieses Fest eine kleine Zäsur. Zuletzt erlebte Frankreich ein ähnlich kaltes Weihnachten im Jahr 2010. Damals sanken die Temperaturen stellenweise bis zu sechs Grad unter den saisonalen Durchschnitt. Genau diese Werte tauchen nun wieder auf den Karten der Meteorologen auf.

    Die Journalistin Anaïs Baydemir von France Télévisions sagt: In den 1970er und 1980er Jahren galt solch ein Winter als normal. Heute wirke er außergewöhnlich, beinahe spektakulär. Der Klimawandel verschiebt Maßstäbe. Was früher Alltag war, fühlt sich nun wie ein Ereignis an.

    Ein Gedanke, der hängen bleibt – leise, unbequem, ehrlich.


    Zwischen Freude und Vorsicht

    Während in den Städten der Schnee Staunen auslöst, bringt er auf dem Land auch praktische Fragen mit sich. Sind die Straßen befahrbar? Reichen Winterreifen? Liegt im Kofferraum die obligatorische Schneekette?

    In den Pyrénées-Orientales fällt der Schnee besonders üppig. Hier ist Winterausrüstung obligatorisch. Die Gendarmen kontrollieren, die Schneepflüge arbeiten, und dennoch herrscht keine Hektik. Eher Vorfreude.

    Die ersten Urlauber treffen ein. Familien mit roten Wangen, Kinder mit zu großen Skijacken. Eine Frau lacht und sagt: Das seien endlich einmal echte Weihnachtsferien. Mit Schnee, Kälte und diesem Gefühl, angekommen zu sein.

    Man hört solche Sätze nicht oft in diesen Jahren.


    Kälte als kollektive Erinnerung

    Warum berührt uns dieser Winter so sehr? Vielleicht, weil er etwas wachruft, das tiefer liegt als kalte Zehen. Schnee zu Weihnachten aktiviert Erinnerungen. An Kindheit, an frühe Morgen, an das Geräusch von Schritten im frischen Pulverschnee.

    Viele Franzosen erinnern sich an die Winter ihrer Großeltern. An zugefrorene Teiche, an Schlittenfahrten, an dampfenden Kakao. Diese Bilder wirkten zuletzt fast folkloristisch. Jetzt stehen sie plötzlich wieder vor der Haustür.

    Ein älterer Herr in einem Café murmelt: „So war das früher immer.“ Dann lächelt er. Ein bisschen stolz, ein bisschen wehmütig.


    Und was macht das mit dem Alltag?

    Der Frost bleibt. Meteorologen rechnen mit rund zehn Tagen winterlicher Kälte, begleitet von viel Sonne bis mindestens Sonntag. Tagsüber klar, nachts eisig. Ein klassisches Hochdruckwinterwetter, wie aus dem Lehrbuch.

    Für manche bedeutet das Stress. Pendler rechnen mehr Zeit ein, Landwirte sorgen sich um empfindliche Kulturen. Für andere eröffnet sich ein seltener Luxus: klare Luft, stille Nächte, knirschende Wege.

    Und ja, es nervt auch ein bisschen. Vereiste Windschutzscheiben am Morgen? Braucht wirklich niemand. Aber genau darin liegt der Zauber. Der Winter fordert Aufmerksamkeit. Er zwingt zur Entschleunigung.

    Wann hast du zuletzt deinen Schritt automatisch verlangsamt, nur weil der Boden es verlangt?


    Weihnachten im Wandel

    Natürlich lässt sich dieser Winter nicht losgelöst vom größeren Kontext betrachten. Ein kaltes Weihnachten widerlegt keinen Klimawandel. Es kontrastiert ihn. Und genau darin liegt seine Wirkung.

    Extreme Ausschläge, nach oben wie nach unten, prägen das neue Klima. Lange milde Phasen wechseln sich mit kurzen, intensiven Kälteeinbrüchen ab. Das macht solche Episoden emotional aufgeladen.

    Manche freuen sich und sagen: Siehst du, es gibt ihn noch, den Winter. Andere runzeln die Stirn und fragen sich, was diese Schwankungen langfristig bedeuten.

    Beides darf nebeneinander existieren.


    Kleine Szenen, große Wirkung

    In einem Dorf im Zentralmassiv zieht ein Vater mit seinem Sohn einen Schlitten aus dem Keller. Staubig, ein bisschen klapprig. Das Ding stand dort seit Jahren. Nun erfüllt es wieder seinen Zweck.

    In einer Bäckerei beschlägt die Scheibe, während draußen die Flocken tanzen. Drinnen duftet es nach Galette und frischem Brot. Jemand sagt: „Ça fait du bien.“ Und meint mehr als nur die Wärme.

    Solche Momente lassen sich nicht planen. Sie passieren einfach.


    Die Sprache des Wetters

    Wetter spricht. Nicht in Worten, sondern in Stimmungen. Dieses Weihnachten spricht es von Kontrast. Von einem Land, das sich für ein paar Tage in ein Wintermärchen hüllt, während im Hinterkopf das Wissen um fragile Gleichgewichte bleibt.

    Der Schnee legt einen Filter über den Alltag. Geräusche werden leiser, Farben gedämpfter. Konflikte wirken für einen Moment weniger scharf. Als hätte jemand die Lautstärke des Lebens heruntergedreht.

    Brauchen wir das nicht alle ab und zu?


    Ein Fest mit Frost und Herz

    Am Ende sitzen Menschen zusammen. Vielleicht etwas enger als geplant, weil jemand es nicht rechtzeitig geschafft hat. Vielleicht mit roten Nasen und klammen Fingern. Aber gemeinsam.

    Der Kamin knackt, draußen fällt weiter Schnee. Frankreich erlebt ein Weihnachten, das sich einprägt. Nicht, weil es rekordverdächtig kalt ist. Sondern weil es erinnert, verbindet und entschleunigt.

    Und irgendwo zwischen zwei Schlucken Wein und einem Lächeln denkt jemand: Das fühlt sich richtig an.

    Ein bisschen altmodisch vielleicht. Aber genau deshalb so gut.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Ein Schutzengel über den Wolken – warum ein Umweg kurz vor Weihnachten manchmal genau das Richtige ist

    Ein Schutzengel über den Wolken – warum ein Umweg kurz vor Weihnachten manchmal genau das Richtige ist

    Manchmal schreibt das Leben Geschichten, die kein Drehbuchautor besser erfinden könnte. Kurz vor Weihnachten, wenn Gedanken bereits um Lichterketten, Geschenkpapier und lange Tafeln kreisen, entscheidet sich ein Flugzeug plötzlich für einen anderen Kurs. Still, sachlich, ohne Drama. Sicherheit zuerst. Genau darin liegt die eigentliche Kraft dieser Geschichte.

    Dienstag, 23. Dezember. Ein Winterabend, wie er typischer kaum sein könnte. In Paris steigen 167 Passagiere in einen Airbus A320 der spanischen Airline Vueling. Ziel: Ibiza. Sonne statt grauer Himmel, Meeresluft statt Großstadtlärm. Manche hoffen auf ein ungewöhnliches Weihnachtsfest, andere schlicht auf ein paar ruhige Tage fernab vom Alltag.

    Der Start verläuft problemlos. Keine Turbulenzen, keine Aufregung. Ein Flug wie viele andere.

    Bis er es plötzlich nicht mehr ist.

    Etwa anderthalb Stunden nach dem Abheben meldet das Cockpit ein technisches Problem. Ein Motor verhält sich anders als vorgesehen. Kein lauter Knall, kein Rauch, keine Panik. Eher ein leises, aber klares Signal aus den Systemen. Für Außenstehende unsichtbar. Für Piloten eindeutig. Jetzt handeln.

    Der Kapitän entscheidet sich für eine Umleitung. Keine Diskussion, kein Zögern. Der neue Kurs führt nicht Richtung Mittelmeer, sondern mitten ins Herz Frankreichs.

    Clermont Ferrand statt Ibiza

    Gegen 18.40 Uhr landet der Airbus sicher am Aéroport Clermont-Ferrand Auvergne. Draußen liegt die Auvergne ruhig und winterlich da. Drinnen im Flugzeug breitet sich diese besondere Stille aus, die man nur aus Ausnahmesituationen kennt. Keine Hektik, eher Erleichterung.

    Die Passagiere verlassen die Maschine geordnet. Das Kabinenpersonal bleibt präsent, freundlich, aufmerksam. Rettungskräfte stehen bereit, greifen aber nicht ein. Niemand verletzt sich. Niemand gerät in Panik.

    Ein paar tiefe Atemzüge.

    Manche greifen zum Handy. Nachrichten an Familie, Freunde, Kollegen. Andere setzen sich erst einmal, lassen den Moment sacken. Gerade noch über den Wolken, jetzt in einer Flughafenhalle in der Mitte Frankreichs. Das Leben nimmt manchmal seltsame Abzweigungen.

    „Damit rechnet man halt nicht“, sagt jemand leise. Und genau das stimmt.

    Vertrauen in Technik und Menschen

    Fliegen gilt als sicherstes Verkehrsmittel. Trotzdem fühlt sich ein technisches Problem in großer Höhe immer existenziell an. Genau hier zeigt sich, warum moderne Luftfahrt funktioniert. Ein Airbus A320 besitzt mehrere redundante Systeme. Fällt etwas aus, springt anderes ein. Klare Protokolle, präzise Abläufe, jahrelange Ausbildung.

    Keine Improvisation. Kein Heldentum. Sondern professionelles Handwerk.

    Die Crew informiert ruhig. Sachlich. Ohne unnötige Details, aber transparent. Das beruhigt. Wer möchte schon hören, dass gerade etwas „kritisch“ ist? Niemand. Stattdessen lautet die Botschaft: Wir haben die Situation im Griff.

    Viele Passagiere berichten später, wie erstaunlich entspannt die Stimmung an Bord geblieben sei. Natürlich klopft das Herz schneller. Klar. Doch Panik entsteht nicht. Vielleicht, weil Vertrauen wirkt. Vielleicht auch, weil Weihnachten vor der Tür steht und man unbewusst an Schutzengel glaubt.

    Oder schlicht, weil Kompetenz spürbar wird.

    Warten in der Auvergne

    Im Terminal beginnt das Warten. Jacken bleiben an, Kaffee wird geholt, Gespräche entstehen. Fremde Menschen tauschen sich aus, als kennten sie sich schon länger. „Wo wollten Sie Weihnachten verbringen?“ – „Eigentlich schon längst auf Ibiza.“

    Ironie liegt in der Luft.

    Der Flughafen informiert regelmäßig. Ein Ersatzflugzeug sei unterwegs, heißt es. Es komme aus Barcelona und solle die Passagiere noch am selben Abend aufnehmen. Vor 21 Uhr. Keine Nacht auf Feldbetten, kein Ausnahmezustand.

    Erleichterung macht sich breit.

    Einige lachen bereits wieder. Andere erzählen Anekdoten von früheren Reisen. Plötzlich zählt nicht mehr das Ziel, sondern das gemeinsame Erlebnis. Man sitzt im selben Boot – oder besser gesagt im selben Terminal.

    Ist es nicht genau das, was solche Momente ausmacht?

    Eine Entscheidung mit Gewicht

    Diese Geschichte berührt, weil sie zeigt, wie Verantwortung aussieht. Der technische Defekt gilt als geringfügig. Der Flug hätte theoretisch weitergehen können. Doch niemand spielt mit Wahrscheinlichkeiten, wenn es um Sicherheit geht.

    Zeitpläne verlieren in solchen Momenten ihre Bedeutung.

    Der Kapitän entscheidet sich für den sicheren Weg. Ein Umweg, ja. Aber ein sinnvoller. Und genau darin liegt eine leise Lektion: Nicht alles, was möglich erscheint, sollte man auch tun.

    Wie oft im Alltag fliegen wir weiter, obwohl Warnlampen längst leuchten?

    Diese Landung wirkt wie ein Gegenentwurf zur Hektik unserer Zeit. Kein „Augen zu und durch“, sondern ein klares Stopp. Hier. Jetzt. Wir kümmern uns.

    Weihnachten rückt näher

    Kurz vor den Feiertagen reagieren Menschen sensibler. Gedanken kreisen um Familie, Nähe, das, was wirklich zählt. Eine unerwartete Landung holt einen aus dem Autopiloten des Alltags. Plötzlich zählt nicht mehr der perfekte Plan, sondern das gute Ende.

    Die Passagiere erreichen Ibiza später am Abend doch noch. Müder als gedacht, später als geplant, aber mit einer Geschichte im Gepäck. Vielleicht stoßen sie am nächsten Tag darauf an. Vielleicht erzählen sie davon beim Weihnachtsessen.

    „Weißt du noch, damals, kurz vor Weihnachten, als wir in Clermont-Ferrand gelandet sind?“

    Solche Sätze bleiben.

    Kleine Umwege, große Wirkung

    Diese Geschichte handelt nicht von Angst. Sie handelt von Fürsorge. Von Professionalität. Von Entscheidungen, die im Hintergrund getroffen werden, ohne Applaus, ohne große Bühne.

    Und vielleicht auch von Demut.

    Denn am Ende zeigt sich: Ein sicherer Umweg schlägt jede pünktliche Ankunft. Immer. Und manchmal braucht es genau solche Momente, um das wieder zu spüren.

    Was zählt wirklich? Ankommen um jeden Preis? Oder ankommen überhaupt?

    Die Antwort liegt irgendwo zwischen Rollfeld und Wartehalle, zwischen Kaffeeautomat und Abflugtafel. Dort, wo Menschen kurz innehalten und merken, dass Sicherheit kein Zufall ist.

    Vielleicht war an diesem Abend tatsächlich ein Schutzengel unterwegs. Vielleicht trug er Uniform. Vielleicht saß er im Cockpit. Oder vielleicht bestand er einfach aus funktionierenden Systemen und klugen Entscheidungen.

    Manchmal reicht das völlig.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Schüsse in der Nacht – wie ein altes Ehepaar in Valence seine Sicherheit verlor

    Schüsse in der Nacht – wie ein altes Ehepaar in Valence seine Sicherheit verlor

    Es sind Sätze, die hängen bleiben wie der Geruch von Pulver in einem geschlossenen Raum. „Je suis terrifiée.“ Ich bin zutiefst verängstigt. Gesagt nicht von einer jungen Frau in einem Krisengebiet, sondern von Bernadette, einer Siebzigjährigen, die seit drei Jahrzehnten in derselben Straße lebt. Ihr Haus steht in Valence, im Quartier Fontbarlettes, einem Viertel, das in Polizeiberichten häufiger auftaucht als in Reiseführern. In der Nacht vom 21. auf den 22. Dezember wurde es plötzlich zum Tatort. Gegen ein Uhr morgens, wenn die Stadt schläft und selbst das Knacken der Heizung lauter wirkt als am Tag, durchschneiden zwei Schüsse die Stille. Abgefeuert mit einer Schusswaffe, Kaliber neun Millimeter. Zwei Kugeln, die durch die Fenster der Küche im Erdgeschoss dringen, ihren Weg durch Holz und Glas finden und schließlich im Türrahmen und in einer Wand stecken bleiben. Keine Verletzten. Aber das ist nur die nüchterne Bilanz. Bernadette war wach. Sie saß im Wohnzimmer, der Fernseher lief, v…

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  • Weihnachtliches Carpentras: Wenn der Süden Frankreichs uns im Lichterglanz verzaubert

    Weihnachtliches Carpentras: Wenn der Süden Frankreichs uns im Lichterglanz verzaubert

    Im Vaucluse, inmitten der Provence, erwacht in der Adventszeit ein kleines Juwel französischer Festkultur zum Leben: Carpentras – eine Stadt, die winterliche Magie nicht nur inszeniert, sondern zelebriert. Schon beim Betreten der Altstadtstraße steigt diese besondere Atmosphäre in die Nase, die Mischung aus würziger Kälte, warmem Lichtermeer und einem Hauch provenzalischer Gelassenheit. Klingt kitschig? – […]

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  • Das Hérault im Griff einer Jahrhundertflut

    Das Hérault im Griff einer Jahrhundertflut

    Der Süden Frankreichs kennt das Spiel mit dem Wasser. Manchmal leise, manchmal bedrohlich. Doch was sich in diesen Tagen im Département Hérault abspielt, sprengt selbst die Erfahrungswerte einer Region, die an meteorologische Extreme gewöhnt ist. Seit Dienstag, dem 23. Dezember 2025, steht das Département weiter unter roter Hochwasserwarnstufe. Rote Warnstufe – das klingt bürokratisch, meint aber etwas sehr Konkretes: Gefahr für Leib und Leben, für Häuser, Straßen, Gewissheiten.

    Ausgegeben wurde diese höchste Alarmstufe von Météo-France, und sie gilt nicht aus Vorsicht, sondern aus Notwendigkeit. Die Niederschläge der vergangenen Tage haben den Boden förmlich aufgeweicht, ihn in einen Schwamm verwandelt, der längst nichts mehr aufnehmen kann. In und um Montpellier fielen binnen kurzer Zeit bis zu 130 Liter Regen pro m2. Zahlen, die trocken wirken, bis man sieht, was sie anrichten.

    Der Fluss Hérault, sonst ein ruhiger Begleiter des Alltags, ist zum Hauptdarsteller geworden. Besonders in seinem Unterlauf, dort, wo er sich Richtung Mittelmeer bewegt, stieg der Pegel schneller, als viele reagieren konnten. In Agde verschwanden Promenaden unter braunem Wasser, als hätte der Fluss beschlossen, sich seinen historischen Raum zurückzuholen. Die gemessenen Werte erinnern an die großen Überschwemmungen der Jahre 1994 und 1995. Mehr als drei Jahrzehnte ist das her – für viele Bewohner eine ferne Erinnerung, für Jüngere eine völlig neue Erfahrung.

    Der Scheitelpunkt der Flut wurde am Montagabend gegen 20 Uhr erreicht, doch Entwarnung klingt anders. Zwar ließ der Regen nach, doch Wasser folgt eigenen Gesetzen. Es kommt verzögert, sammelt sich, drückt nach. Straßen bleiben gesperrt, Nebenachsen verwandeln sich in Rinnsale, dann in Ströme. Wer dachte, ein kurzer Blick reiche, stand plötzlich vor Absperrbändern und Blaulicht.

    Auch der Alltag bekam Risse. Rund tausend Haushalte saßen zeitweise ohne Strom, allein in Montpellier mehr als fünfhundert. Techniker arbeiteten unter Hochdruck, während Feuerwehr und Rettungsdienste pausenlos ausrückten. Hunderte Anrufe gingen ein, Menschen mussten aus gefährdeten Bereichen gebracht, Keller leergepumpt, Tiere in Sicherheit gebracht werden. Öffentliche Orte wurden vorsorglich geschlossen, Parks verriegelt, selbst vertraute Ausflugsziele blieben unzugänglich. Für viele fühlte sich das an wie ein Stillstand mitten im Weihnachtsgeschäft. Ziemlich bitter, um es salopp zu sagen.

    Die Präfektur reagierte mit einem engmaschigen Überwachungs- und Einsatzkonzept. Durchsagen, Warnmeldungen, klare Appelle. Nicht durch überflutete Straßen fahren. Abstand zu Flussufern halten. Zuhause bleiben, wenn es geht. Das klingt banal, rettet aber Leben. In solchen Momenten zeigt sich, wie dünn die Linie zwischen Routine und Ausnahmezustand verläuft.

    Meteorologisch betrachtet handelt es sich um einen klassischen, wenn auch außergewöhnlich heftigen sogenannten mediterranen Starkregen. Warme, feuchte Luftmassen steigen vom Mittelmeer auf und treffen in der Höhe auf kältere Luft. Das Ergebnis sind ortsfeste Gewitterzellen, die stundenlang Regen abladen, als gäbe es kein Morgen. Normalerweise ein Phänomen des Herbstes, diesmal jedoch ein winterlicher Nachzügler mit Wucht. Die Böden, ohnehin gesättigt von vorangegangenen Niederschlägen, verloren jede Pufferfunktion. Die Flüsse reagierten prompt.

    Der Hérault ist in dieser Hinsicht kein Einzelfall, aber ein Lehrbuchbeispiel. Kurze Einzugsgebiete, schnelle Reaktionszeiten, dichte Besiedlung entlang der Wasserläufe. All das verstärkt die Wirkung solcher Ereignisse. Historisch gesehen gab es immer wieder schwere Hochwasser, doch die aktuelle Lage zeigt erneut, wie verletzlich selbst moderne Infrastruktur bleibt. Brücken, Straßen, Stromnetze – vieles ist auf Normalität ausgelegt, nicht auf Extreme.

    Und genau hier beginnt die größere Debatte. Denn diese Flut steht nicht isoliert. Sie reiht sich ein in eine Serie von Wetterereignissen, die häufiger auftreten, intensiver, unberechenbarer. Klimatische Veränderungen verschieben Muster, verlängern Risikoperioden, erhöhen die Fallhöhe. Das ist keine Panikmache, sondern nüchterne Beobachtung. Wer heute entlang des Hérault steht und auf das Wasser blickt, versteht intuitiv, was Statistiken oft abstrakt formulieren.

    Nach Angaben der Wetterdienste bleibt die rote Warnstufe mindestens bis zum 24. Dezember bestehen. Erst wenn die Pegel nachhaltig sinken und keine neuen Niederschläge drohen, wird eine Herabstufung denkbar. Auch benachbarte Départements stehen unter erhöhter Beobachtung. Es ist ein regionales Ereignis, kein lokales Missgeschick.

    Für die Menschen vor Ort ist es vor allem eines: eine Bewährungsprobe. Für Behörden, für Einsatzkräfte, für Nachbarschaften. Man hilft sich, tauscht Informationen aus, bringt Sandsäcke, kocht Kaffee für Helfer. Diese kleinen Gesten tragen durch große Lagen. Und sie erinnern daran, dass Resilienz nicht nur aus Beton und Deichen besteht, sondern aus Gemeinschaft.

    Der Fluss wird sich wieder zurückziehen. Das tut er immer. Zurück bleiben Schlamm, Schäden, Fragen. Wie bauen wir künftig? Wo lassen wir dem Wasser Raum? Und wie bereiten wir uns auf Ereignisse vor, die früher als Ausnahme galten und heute fast schon zur Regel tendieren? Antworten darauf brauchen Zeit, Geld und politischen Willen. Aber sie beginnen mit dem genauen Hinsehen – jetzt, während das Wasser noch hoch steht.

    Von C. Hatty

  • Montpellier im Ausnahmezustand – wenn der mediterrane Himmel seine Schleusen öffnet

    Montpellier im Ausnahmezustand – wenn der mediterrane Himmel seine Schleusen öffnet

    Drei Tage Regen, 300 Liter Niederschlag und ein ganzes Stadtgebiet, das plötzlich aussieht wie ein aufgewühltes Meer: Montpellier erlebt in diesen Wintertagen ein Hochwasserereignis, das sich einbrennt – in Straßenzüge, in Erinnerungen, in das Selbstverständnis einer Region, die an Wetterkapriolen gewöhnt scheint und doch immer wieder überrascht wird.Wer am Morgen die Innenstadt betritt, spürt sofort dieses eigentümliche Schweigen, das überflutete Städte begleitet. Es ist das Schweigen des Wassers, das Besitz ergreift, Zentimeter für Zentimeter. Der Lez, sonst ein eher beschauliches Gewässer, wollte schlicht nicht mehr in seinem Bett bleiben. Er tritt über die Ufer, breitet sich aus, tritt über die Kais, bis er Straßen in Kanäle verwandelt. Ein Anblick, der an ferne Bilder aus anderen Weltregionen erinnert und doch mitten im Herzen Südfrankreichs stattfindet. Auf den Schienen steht das Wasser so hoch, dass der Tramwagen nicht gleitet, sondern kämpft – wie ein Schiff, das in viel zu fla…

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  • Wenn Regen zu Flüssen wird – der Süden Frankreichs im Griff extremer Niederschläge

    Wenn Regen zu Flüssen wird – der Süden Frankreichs im Griff extremer Niederschläge

    Der Süden Frankreichs kennt das Wort „épisode cévenol“ seit Generationen. Es klingt beinahe harmlos, nach regionaler Eigenheit, nach einem meteorologischen Fachausdruck, den man zur Kenntnis nimmt und dann zur Tagesordnung übergeht. Doch an diesem Montag, dem 22. Dezember, zeigte sich erneut, was sich hinter diesem Begriff verbirgt: Regen, der nicht fällt, sondern niedergeht, Wasser, das nicht fließt, sondern sich aufbäumt, und Landschaften, die sich innerhalb weniger Stunden verwandeln.

    Besonders hart traf es das Département Hérault. Straßen verschwanden unter braunen Wassermassen, Gebäude standen plötzlich im Erdgeschoss knöcheltief im Nassen, und vielerorts herrschte jene angespannte Stille, die sich einstellt, wenn alle wissen, dass Improvisation gefragt ist. Ein ganz normaler Montag war das nicht.

    Im benachbarten Gard zeigte sich die Gewalt der Natur an vertrauten Orten: an Brücken. Rund dreißig von ihnen wurden von den Wassern überflutet. Wo sonst der Gardon gemächlich unter steinernen Bögen dahinzieht, war plötzlich kein Ufer mehr zu erkennen. Der Gardon hatte sich ausgebreitet, breitgemacht, die Verkehrswege verschluckt. Autofahrer standen ratlos vor Absperrungen oder vor dem, was davon noch übrig war. Umkehren, warten, hoffen – mehr blieb nicht.

    „Lieber vorsichtig“, sagte ein Mann, der sein Auto am Rand abstellte. Man weiß nie, was das Wasser mit sich führt. Ein Baumstamm, Geröll, vielleicht Schlimmeres. Die Erinnerung an das vergangene Jahr schwang mit, als an derselben Stelle ein Mann und zwei Kinder von den Fluten mitgerissen wurden. Solche Gedanken sitzen tief. Sie kommen ungefragt zurück, sobald das Wasser steigt.

    Die Regenfälle der Nacht hatten die Flüsse rasend schnell anschwellen lassen. Binnen Stunden traten sie über die Ufer, suchten sich neue Wege, drangen in Keller, Lagerräume und Gasträume ein. Im Norden des Hérault stand ein Restaurant unter Wasser. Gérard Bianco, der Betreiber der „Remparts“, stand zwischen feuchten Wänden und leergeräumten Regalen. Immerhin, sagte er, habe man noch rechtzeitig einen Großteil der Waren in Sicherheit bringen können. Er klang erleichtert, aber nicht überrascht. Wer hier lebt, kennt diese Szenen. Sie kommen wieder. Immer wieder.

    Während im Tiefland das Wasser regierte, zeigte sich weiter nördlich ein anderes Gesicht des Unwetters. Im Aveyron fiel Schnee – nicht zaghaft, sondern dicht und anhaltend. Der Kontrast hätte größer kaum sein können. Regenfluten hier, winterliche Stille dort. Auf dem Viaduc de Millau legte sich eine weiße Schicht über Asphalt und Stahl, als wolle der Winter demonstrativ seine Präsenz markieren. Die ikonische Brücke, sonst ein Symbol technischer Leichtigkeit, wirkte plötzlich schwer, geerdet, beinahe verletzlich.

    Der Verkehr kam ins Stocken. Fahrzeuge tasteten sich vorsichtig voran, jeder Meter ein kleines Risiko. Ein falscher Lenkimpuls, ein Moment der Unachtsamkeit – und schon drohte der Ausflug in den Straßengraben. Die Behörden reagierten, hielten Warnstufen aufrecht, mahnten zur Zurückhaltung. In Aveyron und im Tarn blieb die Warnlage auf Orange. Keine Panik, aber auch kein Leichtsinn.

    Solche Wetterlagen folgen in den Cevennen und ihren Ausläufern einer eigenen Logik. Warme, feuchte Mittelmeerluft trifft auf kältere Luftmassen, staut sich an den Gebirgszügen, entlädt sich in sintflutartigen Regenfällen. Meteorologisch gut erklärbar, praktisch jedes Mal aufs Neue eine Herausforderung. Die Böden sind schnell gesättigt, die Flüsse reagieren ohne Verzögerung, und was gestern noch harmlos wirkte, wird über Nacht zur Gefahr.

    Für die Menschen vor Ort ist das keine abstrakte Theorie. Es sind nasse Schuhe am Morgen, gesperrte Schulwege, Umleitungen, die den Arbeitsweg verdoppeln. Es sind Gespräche am Straßenrand, ein kurzer Austausch von Blicken, dieses stumme Einverständnis: Wir sitzen im selben Boot – oder besser gesagt, im selben Wasser.

    Die Einsatzkräfte arbeiteten im Hintergrund unermüdlich. Straßen sichern, Brücken kontrollieren, Gefahrenstellen markieren. Vieles davon bleibt unsichtbar, solange nichts Schlimmeres passiert. Und genau darauf kommt es an. Prävention, Erfahrung, Routine. All das entscheidet darüber, ob ein Unwetter zur Katastrophe wird oder „nur“ zum Ausnahmezustand.

    Der Süden Frankreichs hat diesen Montag einmal mehr gespürt, wie schmal der Grat zwischen Alltag und Ausnahmelage ist. Regen und Schnee, Wasser und Eis – zwei Seiten derselben Medaille. Die kommenden Stunden bleiben kritisch, die Nächte kurz. Doch mit jeder überstandenen Episode wächst auch das Wissen, die Gelassenheit, vielleicht sogar ein leiser Respekt vor einer Natur, die sich nicht zähmen lässt.

    Man kann ihr nur begegnen, aufmerksam, vorbereitet und mit dem festen Willen, rechtzeitig umzukehren, wenn die Straße endet und das Wasser beginnt.

    Von Andreas M. Brucker