Kategorie: Frankreich

  • Champions-League-Finale: Frankreich mobilisiert 22.000 Sicherheitskräfte

    Champions-League-Finale: Frankreich mobilisiert 22.000 Sicherheitskräfte

    Frankreich steht vor einer der größten Sicherheitsoperationen des Jahres. Anlässlich des Champions-League-Finales zwischen Paris Saint-Germain und Arsenal werden landesweit 22.000 Polizisten und Gendarmen eingesetzt. Allein im Großraum Paris sind rund 8.000 Sicherheitskräfte im Einsatz. Die Behörden bereiten sich damit auf mögliche Massenfeiern vor, falls PSG den wichtigsten europäischen Vereinstitel gewinnt.

    Die außergewöhnliche Mobilisierung verdeutlicht die Bedeutung des Spiels weit über den sportlichen Rahmen hinaus. Paris Saint-Germain steht erneut in einem europäischen Endspiel, und ein Erfolg könnte Hunderttausende Fans auf die Straßen der Hauptstadt und anderer französischer Städte locken. Gleichzeitig sind die Erinnerungen an die Ausschreitungen nach früheren Erfolgen des Vereins noch präsent.

    Nach dem Champions-League-Triumph des vergangenen Jahres waren die Feierlichkeiten von zahlreichen Zwischenfällen überschattet worden. In Paris und anderen Städten kam es zu Plünderungen, brennenden Fahrzeugen und Zusammenstößen zwischen Feiernden und Sicherheitskräften. Mehr als 500 Personen wurden damals festgenommen. Die Ereignisse gelten für die Regierung als Warnsignal und haben die Planungen für das diesjährige Finale maßgeblich beeinflusst.

    Innenminister Laurent Nuñez betont, dass die Behörden diesmal auf ein besonders umfangreiches und schlagkräftiges Sicherheitskonzept setzen. Zu den Schwerpunkten gehören die Champs-Élysées, die traditionell ein zentraler Treffpunkt für Fußballfans sind. Auch rund um das Parc des Princes, wo das Finale auf Großbildschirmen übertragen wird, gelten erhöhte Sicherheitsvorkehrungen.

    Die Strategie der Behörden basiert auf einer Kombination aus Prävention und schneller Reaktion. Ziel ist es, mögliche Störungen bereits im Ansatz zu verhindern und gleichzeitig flexibel auf unvorhergesehene Entwicklungen reagieren zu können. Sicherheitsverantwortliche befürchten insbesondere, dass sich einzelne Gewalttäter unter die feiernden Menschen mischen oder die Aufmerksamkeit rund um das Spiel für gezielte Ausschreitungen nutzen könnten.

    Zusätzliche Maßnahmen sollen das Risiko von Zwischenfällen reduzieren. So können einzelne Metro- und RER-Stationen zeitweise geschlossen werden. In Teilen des Pariser Stadtzentrums gelten Verkehrsbeschränkungen, während einige Geschäfte in besonders sensiblen Bereichen früher schließen werden. Darüber hinaus wurden der Verkauf von Treibstoff in Kanistern sowie das Mitführen bestimmter Gegenstände untersagt, die als Wurfgeschosse oder improvisierte Waffen verwendet werden könnten.

    Die Sicherheitsvorkehrungen beschränken sich jedoch nicht auf die Hauptstadt. Die 22.000 Einsatzkräfte werden im gesamten Land verteilt, um auch spontane Fanversammlungen in anderen Städten zu überwachen. Die Behörden rechnen damit, dass sich die Auswirkungen eines möglichen PSG-Erfolgs weit über Paris hinaus bemerkbar machen könnten.

    Die Entwicklung zeigt, wie sehr sich große Fußballereignisse verändert haben. Europäische Endspiele sind längst nicht mehr nur sportliche Höhepunkte, sondern stellen zugleich erhebliche Herausforderungen für die öffentliche Sicherheit dar. Für die französische Regierung geht es daher nicht nur um einen reibungslosen Ablauf der Feierlichkeiten, sondern auch um den Nachweis, dass sie die öffentliche Ordnung unter Kontrolle halten kann. Während PSG auf den Titelgewinn hofft, steht für die Sicherheitsbehörden die Vermeidung neuer Ausschreitungen im Mittelpunkt.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Der gelbe Zug und die Kunst des langsamen Reisens

    Der gelbe Zug und die Kunst des langsamen Reisens

    Es gibt Bahnstrecken, die man nutzt. Und es gibt Bahnstrecken, an die man sich erinnert.

    Der „Train Jaune“ gehört zur zweiten Kategorie. Wer in den katalanischen Pyrenäen in den leuchtend gelben Zug steigt, betritt nicht bloß ein Verkehrsmittel, sondern eine eigene kleine Welt. Eine Welt, in der Zeit ihren Takt verändert. Langsamer. Aufmerksamer. Fast so, als hätte jemand den hektischen Pulsschlag des Alltags für ein paar Stunden ausgeschaltet.

    Seit diesem Frühjahr fährt der legendäre Zug wieder auf seiner gesamten Strecke zwischen Villefranche-de-Conflent und Latour-de-Carol. Für die Bewohner der Region bedeutet das die Rückkehr eines vertrauten Begleiters. Für Reisende eröffnet sich erneut eine der außergewöhnlichsten Bahnfahrten Frankreichs.

    Schon die ersten Kilometer machen deutlich, dass hier andere Regeln gelten. Die Schienen folgen nicht dem Diktat der Geschwindigkeit, sondern dem Verlauf der Landschaft. Der Zug klettert gemächlich in die Höhe, durchquert Täler und Schluchten, passiert Felsen, Wälder und kleine Dörfer, die sich an die Berghänge schmiegen wie Schwalbennester.

    Manchmal scheint es, als fahre der Zug nicht durch die Landschaft, sondern durch ein Gemälde.

    Die Pyrenäen zeigen sich hier von einer Seite, die selbst viele Franzosen kaum kennen. Während die Küsten des Mittelmeers Jahr für Jahr Besucher anziehen und die Alpen mit ihren bekannten Wintersportorten locken, liegt die Cerdagne beinahe verborgen zwischen Himmel und Stein. Weite Hochplateaus wechseln sich mit tiefen Einschnitten ab. Über den Gipfeln ziehen Wolkenschatten dahin, während unten in den Tälern kleine Flüsse silbern aufblitzen.

    Und mitten hindurch fährt dieser gelbe Zug.

    Seine Geschichte beginnt zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Damals galt die Erschließung der abgelegenen Bergregion als technische Herausforderung. Straßen waren rar, viele Orte nur schwer erreichbar. Die Bahn sollte verbinden, versorgen und die Region aus ihrer Isolation holen.

    Dass ausgerechnet dieses Infrastrukturprojekt mehr als hundert Jahre später zu einer touristischen Ikone werden würde, ahnte damals wohl niemand.

    Heute wirkt vieles an der Strecke angenehm aus der Zeit gefallen. Die Bahnhöfe erscheinen oft wie Kulissen eines französischen Films. Kleine Gebäude, schlichte Bahnsteige, kaum Reklametafeln. Statt Lautsprecheransagen dominiert die Stille der Berge.

    Wer aussteigt, hört Wind.

    Vielleicht einen Hund in der Ferne.

    Vielleicht das Läuten einer Kirchenglocke.

    Mehr nicht.

    Besonders eindrucksvoll zeigt sich die Strecke an der berühmten Pont Gisclard. Die Eisenbahn überquert hier eine filigrane Hängebrücke, die sich kühn über einer Schlucht spannt. Selbst Menschen, die normalerweise keinen Blick für Ingenieurskunst besitzen, schauen an dieser Stelle etwas länger aus dem Fenster.

    Der Zug scheint für einen Moment zwischen Himmel und Erde zu schweben.

    Es sind solche Augenblicke, die den „Train Jaune“ von vielen anderen Bahnlinien unterscheiden. Die Reise folgt keinem spektakulären Programm. Sie lebt von kleinen Beobachtungen. Von Lichtwechseln auf den Berghängen. Von verlassenen Schäferwegen. Von den plötzlich auftauchenden Dörfern, deren Namen vielen Reisenden zuvor völlig unbekannt waren.

    Wer hier unterwegs ist, entdeckt eine Landschaft, die sich dem schnellen Konsum entzieht.

    Gerade darin liegt ihr Zauber.

    In einer Epoche, in der Mobilität häufig mit Effizienz gleichgesetzt wird, wirkt der gelbe Zug beinahe wie eine freundliche Provokation. Während Hochgeschwindigkeitszüge Entfernungen schrumpfen lassen, zelebriert der „Train Jaune“ die Distanz. Er erinnert daran, dass Reisen einst mehr bedeutete als das möglichst schnelle Erreichen eines Ziels.

    Wann haben wir zuletzt aus dem Fenster geschaut, ohne gleichzeitig auf ein Smartphone zu blicken?

    Wann haben wir uns erlaubt, einfach unterwegs zu sein?

    Die offenen Aussichtswagen liefern darauf ihre eigene Antwort. Wer dort Platz nimmt, spürt die Bergluft unmittelbar. Kein Glas trennt den Reisenden von der Umgebung. Der Duft von Kiefern, die Frische höherer Lagen und das leise Rattern der Räder verschmelzen zu einer Erfahrung, die überraschend selten geworden ist.

    Fast jeder Fahrgast greift irgendwann zur Kamera.

    Und fast jeder legt sie nach kurzer Zeit wieder weg.

    Weil kein Foto festhalten kann, was diese Landschaft ausmacht.

    Der „Train Jaune“ erzählt zugleich von einer Region mit starker Identität. Die gelb roten Farben des Zuges verweisen auf die katalanischen Wurzeln des Landstrichs. Hier, unweit der spanischen Grenze, vermischen sich französische und katalanische Einflüsse seit Jahrhunderten. Straßenschilder, Architektur, Küche und Sprache tragen Spuren dieser besonderen kulturellen Nähe.

    Der Zug ist deshalb weit mehr als eine Attraktion. Er ist Teil des regionalen Gedächtnisses.

    Ein Symbol.

    Eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

    Vielleicht erklärt genau das seine anhaltende Beliebtheit. Der „Train Jaune“ bietet etwas, das in Europa selten geworden ist: eine Reise, die nicht optimiert wurde. Keine Erlebnisinszenierung. Kein Themenpark auf Schienen. Kein künstlicher Nostalgieeffekt.

    Nur ein Zug.

    Eine Strecke.

    Und eine Landschaft, die genug Geschichten erzählt.

    Wer am Ende der Fahrt in Latour-de-Carol aussteigt, hat lediglich 63 Kilometer zurückgelegt. Auf der Landkarte wirkt das unspektakulär. Im Kopf fühlt es sich oft nach viel mehr an.

    Man steigt aus und merkt: Manche Reisen messen sich nicht in Kilometern.

    Sondern in Eindrücken.

    Und genau darin liegt das Geheimnis des gelben Zuges.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Toulouse bleibt Frankreichs Studentenhauptstadt

    Toulouse bleibt Frankreichs Studentenhauptstadt

    Es gibt Städte, die man besucht. Und es gibt Städte, die man für ein paar Jahre bewohnt und nie ganz wieder verlässt. Toulouse gehört zur zweiten Kategorie.

    Die „Ville Rose“, deren Fassaden im warmen Licht des Südens rosa schimmern, trägt erneut den Titel der besten Studentenstadt Frankreichs. Zum zweiten Mal in Folge setzt sie sich im landesweiten Vergleich an die Spitze und bestätigt damit einen Ruf, der längst über Hörsäle und Universitätsgrenzen hinausreicht. Toulouse ist mehr als ein Studienort. Die Stadt wirkt wie ein Versprechen auf jene seltene Balance, nach der viele junge Menschen suchen: anspruchsvolle Ausbildung auf der einen Seite, Lebensqualität auf der anderen.

    Wer durch die Straßen rund um die Place du Capitole schlendert, begegnet diesem Versprechen auf Schritt und Tritt. Morgens strömen Studierende mit Kaffeebechern in Seminare, am Nachmittag füllen sich die Ufer der Garonne, und am Abend verwandeln sich Plätze und Gassen in improvisierte Treffpunkte. Das Studium bildet hier zwar den Mittelpunkt des Alltags, doch es bestimmt nicht dessen gesamten Rhythmus.

    Darin liegt die Besonderheit der Stadt.

    Frankreich besitzt zahlreiche traditionsreiche Hochschulstandorte. Paris lockt mit Prestige, Lyon mit wirtschaftlicher Dynamik, Grenoble mit wissenschaftlicher Exzellenz. Toulouse hingegen verbindet unterschiedliche Qualitäten zu einem bemerkenswert stimmigen Gesamtbild. Die Stadt zählt mehr als 100.000 Studierende und gehört damit zu den wichtigsten Universitätszentren des Landes. Dennoch entsteht selten das Gefühl einer anonymen Bildungsfabrik.

    Vielleicht liegt das an den Entfernungen. Vielleicht am Klima. Vielleicht auch an einer südfranzösischen Gelassenheit, die selbst in Prüfungszeiten spürbar bleibt.

    Viele Studierende beschreiben Toulouse als eine Metropole im handlichen Format. Alles scheint erreichbar. Die Universität, das Konzert, das Lieblingscafé und die nächste Grünfläche liegen oft nur wenige Minuten voneinander entfernt. Während andere Großstädte täglich Zeit und Energie verschlingen, wirkt Toulouse fast wie ein Gegenmodell. Warum stundenlang in überfüllten Verkehrsmitteln verbringen, wenn das Leben direkt vor der Haustür wartet?

    Diese Nähe prägt auch das kulturelle Leben.

    Konzerte, Theater, Festivals und Ausstellungen gehören hier nicht zum gelegentlichen Luxus, sondern zum normalen Stadtgeschehen. Die Grenzen zwischen studentischer Szene und städtischem Kulturangebot verschwimmen. Wer neu ankommt, findet rasch Anschluss. Wer bleibt, entdeckt ständig neue Facetten.

    Dabei profitiert Toulouse von einem weiteren Vorteil, der in Zeiten wachsender Unsicherheit immer stärker ins Gewicht fällt: berufliche Perspektiven.

    Die Stadt gilt als Herzstück der europäischen Luft und Raumfahrtindustrie. Wo anderswo über Zukunftstechnologien diskutiert wird, entstehen sie hier oft direkt vor Ort. Forschungseinrichtungen, Technologieunternehmen und Ingenieurbüros prägen das wirtschaftliche Umfeld. Für Studierende technischer, naturwissenschaftlicher oder wirtschaftlicher Fachrichtungen eröffnet sich dadurch ein außergewöhnlich dichtes Netzwerk aus Praktika, Projekten und Berufseinstiegen.

    Das Studium endet in Toulouse häufig nicht an der Universitätstür.

    Natürlich besitzt auch die Ville Rose ihre Herausforderungen. Der Wohnungsmarkt steht unter Druck, die wachsende Beliebtheit treibt Mieten nach oben, und die Infrastruktur muss mit dem Zustrom neuer Bewohner Schritt halten. Doch im Vergleich zu den Problemen anderer französischer Metropolen erscheinen diese Schwierigkeiten bislang beherrschbar.

    Gerade darin spiegelt sich ein größerer Wandel wider.

    Lange Zeit galt Paris als nahezu alternativlos für ambitionierte Studierende. Die Hauptstadt bündelte Prestige, Karrieremöglichkeiten und akademischen Ruhm. Heute verändert sich der Blick auf das Studium. Junge Menschen bewerten Hochschulorte zunehmend nach Kriterien, die früher als Nebensache galten. Wie hoch sind die Wohnkosten? Wie gut funktioniert die Mobilität? Gibt es Grünflächen? Bleibt neben dem Studium noch Raum zum Leben?

    Klingt selbstverständlich? Tatsächlich markiert diese Entwicklung einen tiefgreifenden Kulturwandel.

    Universitäten konkurrieren längst nicht mehr allein mit ihren Forschungsleistungen. Städte konkurrieren um Talente. Und Talente suchen keine Bibliotheken mehr, die rund um die Uhr geöffnet sind, sondern Orte, an denen sich Zukunft und Gegenwart miteinander vereinbaren lassen.

    Toulouse scheint dieses Bedürfnis derzeit besser zu verstehen als viele andere Städte.

    Auch deshalb überrascht der Erfolg im aktuellen Ranking kaum. Er ist weniger eine Auszeichnung für einzelne Hochschulen als vielmehr ein Lob für ein städtisches Ökosystem, das Bildung, Arbeit, Freizeit und Lebensqualität miteinander verbindet. Rennes und Montpellier folgen dicht dahinter und zeigen ebenfalls, dass mittelgroße Metropolen zunehmend an Bedeutung gewinnen.

    Dennoch bleibt Toulouse vorerst die Referenz.

    Wer an einem Sommerabend am Fluss sitzt, während Studenten diskutieren, Musiker ihre Instrumente auspacken und die letzten Sonnenstrahlen die Backsteinfassaden vergolden, ahnt schnell, weshalb. Was nützt schließlich die beste Universität, wenn das Leben ringsum nicht mithalten kann?

    Toulouse liefert auf diese Frage eine bemerkenswert überzeugende Antwort.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Der Mann, der dem Papier seine Seele zurückgibt

    Der Mann, der dem Papier seine Seele zurückgibt

    Wer heute einen Stift zur Hand nimmt, gehört fast schon zu einer stillen Minderheit. Notizen wandern ins Smartphone, Briefe in die Cloud, Erinnerungen auf Festplatten. Papier ist allgegenwärtig und zugleich unsichtbar geworden. Es liegt unter Druckern, in Archiven und Versandkartons. Kaum jemand fragt noch, woher es stammt, wie es entsteht oder wer es macht.

    In einem alten Bauerngebäude im Herzen der Auvergne stellt sich ein junger Mann genau diese Fragen.

    Étienne Gouttefarde, Anfang dreißig, lebt und arbeitet in Marsac en Livradois, einer Gemeinde im Regionalpark Livradois Forez. Dort fertigt er Papier von Hand. Blatt für Blatt. Langsam. Konzentriert. Fast so, wie es Menschen bereits vor Jahrhunderten taten.

    In einer Zeit, die Geschwindigkeit zum Maß aller Dinge erklärt hat, wirkt das beinahe wie ein stiller Akt des Widerstands.

    Wer seine Werkstatt betritt, begegnet keinem Maschinenlärm. Kein Förderband läuft. Kein Fließband bestimmt den Rhythmus. Stattdessen Wasser, Holz, Stofffasern und Hände. Viele Hände.

    Papier entsteht hier nicht als Industrieprodukt. Es wächst.

    Der Weg dorthin verlief keineswegs geradlinig. Lange deutete nichts darauf hin, dass Étienne Gouttefarde einmal Papiermacher werden würde. Seine Ausbildung führte ihn zunächst in eine andere Richtung. Sport spielte eine wichtige Rolle in seinem Leben. Reisen ebenso. Die Welt kennenlernen, Erfahrungen sammeln, unterwegs sein – das schien lange seine Bestimmung.

    Dann kam das Jahr 2022.

    Wie so oft im Leben beginnt eine große Geschichte mit einem Zufall.

    Gouttefarde stößt auf den traditionsreichen Richard de Bas, einen der letzten historischen Papiermühlenbetriebe Frankreichs. Das Mühlengelände zählt zu jenen Orten, an denen Vergangenheit nicht ausgestellt, sondern gelebt wird. Hier entstanden über Jahrhunderte hinweg handgeschöpfte Papiere, lange bevor industrielle Verfahren die Herstellung revolutionierten.

    Für den jungen Auvergnaten öffnet sich eine Tür in eine unbekannte Welt.

    Plötzlich steht er mitten in einem Handwerk, das Geduld verlangt. Präzision. Aufmerksamkeit für Details, die viele Menschen kaum noch wahrnehmen.

    Er lernt, Fasern aufzubereiten. Er lernt das Schöpfen. Das Pressen. Das Trocknen.

    Vor allem aber lernt er das Warten.

    Denn gutes Papier lässt sich nicht hetzen.

    Was zunächst als berufliche Erfahrung beginnt, verwandelt sich rasch in eine Leidenschaft. Die Arbeit mit der Materie fasziniert ihn. Jede Faser erzählt ihre eigene Geschichte. Jede Oberfläche reagiert anders auf Licht, Feuchtigkeit oder Berührung.

    Man könnte sagen: Er verliebt sich in Papier.

    Und wie bei jeder großen Leidenschaft genügt irgendwann die Rolle des Beobachters nicht mehr.

    Aus dem Mitarbeiter wird ein Gestalter.

    Aus dem Lernenden ein Handwerker.

    Aus dem Handwerker ein Unternehmer.

    Mit „Les Papiers de la Grange“ gründet Étienne Gouttefarde seine eigene Werkstatt. Der Name klingt bescheiden. Fast ländlich. Dahinter verbirgt sich jedoch ein ehrgeiziges Projekt.

    Er möchte altes Wissen bewahren, ohne daraus ein Museum zu machen.

    Denn genau darin erkennt er eine Gefahr vieler traditioneller Handwerke. Sie werden bewundert, fotografiert und ausgezeichnet. Doch sie verlieren ihren Platz im Alltag. Sie erstarren zur Folklore.

    Gouttefarde denkt anders.

    Für ihn besitzt Papier nicht nur eine Vergangenheit, sondern auch eine Zukunft.

    Deshalb experimentiert er mit Materialien. Neben klassischen Pflanzenfasern nutzt er recyceltes Papier und sogenanntes Chiffonpapier, das aus alten Textilien entsteht. Blumenblätter finden ihren Weg in die Pulpe. Gräser. Samen. Manchmal sogar kleine mineralische Elemente aus der Landschaft seiner Heimat.

    So entstehen Blätter, die fast wie kleine Landschaften wirken.

    Keines gleicht dem anderen.

    Wer sie berührt, spürt Unebenheiten. Strukturen. Narben.

    Spuren des Entstehungsprozesses.

    Während industrielle Produkte vor allem Gleichförmigkeit anstreben, lebt handgeschöpftes Papier von seinen Eigenheiten. Gerade die kleinen Unregelmäßigkeiten machen seinen Reiz aus.

    Es erinnert ein wenig an menschliche Gesichter.

    Perfektion wirkt oft langweilig.

    Charakter dagegen bleibt im Gedächtnis.

    Die Kundschaft kommt längst nicht mehr nur aus der Region. Künstler bestellen seine Papiere für Aquarelle und Druckgrafiken. Buchbinder schätzen die besondere Qualität der Fasern. Designer suchen nach Materialien mit Geschichte. Brautpaare wünschen sich Einladungen, die niemand sonst besitzt.

    In einer Welt standardisierter Produkte wächst die Sehnsucht nach Einzigartigkeit.

    Vielleicht erklärt genau das den Erfolg vieler junger Kunsthandwerker.

    Menschen kaufen heute nicht mehr ausschließlich Dinge.

    Sie kaufen Geschichten.

    Und wer könnte eine schönere Geschichte erzählen als ein Blatt Papier, das aus alten Stoffen, regionalen Pflanzen und handwerklichem Können entstanden ist?

    Doch die Werkstatt allein genügt Gouttefarde nicht.

    Er möchte zeigen, wie seine Arbeit entsteht.

    Deshalb greift er regelmäßig zur Kamera.

    Unter dem augenzwinkernden Namen „Le Dur de la Feuille“ veröffentlicht er Videos in sozialen Netzwerken. Dort erklärt er Arbeitsschritte, die außerhalb kleiner Fachkreise kaum noch bekannt sind.

    Millionen Menschen nutzen täglich Papier.

    Die wenigsten haben jemals gesehen, wie es entsteht.

    Wenn Gouttefarde eine Form ins Wasser taucht und langsam wieder anhebt, wirkt das beinahe meditativ. Die Fasern sammeln sich zu einer dünnen Schicht. Aus einer trüben Flüssigkeit entsteht plötzlich ein Blatt.

    Fast wie ein Zaubertrick.

    Nur echter.

    Seine Videos treffen einen Nerv.

    Nicht wegen spektakulärer Effekte.

    Sondern wegen ihrer Langsamkeit.

    Während viele Plattformen von Hektik leben, zeigt er Prozesse, die Zeit brauchen. Bewegungen, die Konzentration verlangen. Arbeitsschritte, die man nicht beschleunigen kann.

    Ein Gegenentwurf zum permanenten Scrollen.

    Und vielleicht auch eine Antwort auf die Müdigkeit vieler Menschen gegenüber der digitalen Dauerbeschallung.

    Denn wer schaut nicht gern dabei zu, wie etwas mit Sorgfalt entsteht?

    Die Resonanz bleibt nicht aus.

    Eine stetig wachsende Gemeinschaft begleitet seine Arbeit. Künstler, Handwerksliebhaber, Neugierige und Sammler folgen seinen Projekten. Kooperationen entstehen. Ausstellungen. Begegnungen.

    Plötzlich wird aus einem Nischenhandwerk ein Gesprächsthema.

    Das ist bemerkenswert.

    Schließlich galt Papiermacher lange als beinahe ausgestorbener Beruf.

    Heute erlebt das Handwerk eine kleine Renaissance.

    Nicht nur in Frankreich.

    Überall in Europa entdecken junge Menschen traditionelle Techniken neu. Sie suchen nach Tätigkeiten, die greifbar sind. Nach Berufen, deren Ergebnis sich anfassen lässt.

    Die digitale Wirtschaft produziert oft Unsichtbares.

    Ein Papiermacher produziert etwas, das zwischen den Fingern raschelt.

    Der Unterschied könnte kaum größer sein.

    Die Anerkennung für Gouttefardes Arbeit wächst kontinuierlich. Im Jahr 2025 erhält er den Preis für handwerkliches Können der Region Auvergne Rhône Alpes. Die Auszeichnung würdigt nicht allein die Qualität seiner Produkte.

    Sie würdigt eine Haltung.

    Die Überzeugung, dass Tradition kein Bremsklotz sein muss.

    Dass Innovation nicht zwangsläufig aus Technologie entsteht.

    Und dass Zukunft manchmal dort beginnt, wo Menschen alte Wege neu entdecken.

    Wer heute durch seine Werkstatt geht, begegnet keinem Nostalgiker. Gouttefarde träumt nicht von einer Rückkehr in vergangene Jahrhunderte.

    Er nutzt soziale Medien.

    Er arbeitet mit zeitgenössischen Künstlern.

    Er denkt unternehmerisch.

    Und doch bewahrt er etwas, das vielerorts verloren gegangen ist: den Respekt vor der Zeit.

    Jedes Blatt Papier verlangt Aufmerksamkeit.

    Jede Faser ihren Platz.

    Jeder Arbeitsschritt seine Dauer.

    Das klingt simpel.

    Ist es aber nicht.

    Denn moderne Gesellschaften betrachten Zeit oft als Ressource, die möglichst effizient genutzt werden soll. Im Atelier von Marsac en Livradois gilt eine andere Logik.

    Zeit ist kein Hindernis.

    Zeit gehört zum Produkt.

    Vielleicht liegt darin die eigentliche Faszination seiner Arbeit.

    Ein handgeschöpftes Blatt Papier besitzt keinen spektakulären Wert. Es blinkt nicht. Es sendet keine Benachrichtigungen. Es aktualisiert sich nicht automatisch.

    Und dennoch erzählt es etwas über die Welt, in der es entstand.

    Über Wasser und Pflanzen.

    Über Geduld und Können.

    Über einen jungen Handwerker, der sich gegen die Unsichtbarkeit seines Materials entschieden hat.

    Manchmal genügt ein einziges Blatt Papier, um daran zu erinnern, dass Schönheit nicht aus Geschwindigkeit entsteht.

    Sondern aus Aufmerksamkeit.

    Und vielleicht steckt genau darin die eigentliche Botschaft von Étienne Gouttefarde.

    Während die Welt immer schneller wird, sitzt irgendwo in den Bergen der Auvergne ein Mann über einer Wanne voller Fasern und schöpft Blatt um Blatt.

    Altmodisch?

    Vielleicht.

    Zeitgemäß?

    Mehr denn je.

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  • Tende – Das italienische Gedächtnis Frankreichs

    Tende – Das italienische Gedächtnis Frankreichs

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  • Hitzewelle in Frankreich: Marine Tondelier wirft der Regierung mangelnde Vorbereitung vor

    Hitzewelle in Frankreich: Marine Tondelier wirft der Regierung mangelnde Vorbereitung vor

    Die außergewöhnlich frühe Hitzewelle in Frankreich sorgt nicht nur für Belastungen im Alltag von Millionen Menschen, sondern entwickelt sich zunehmend zu einem politischen Konfliktthema. Während große Teile des Landes unter Temperaturen von bis zu 39 Grad Celsius leiden und zahlreiche Départements unter verschärften Hitzewarnungen stehen, gerät die Regierung von Premierminister Sébastien Lecornu wegen ihres Krisenmanagements unter Druck. Besonders deutlich äußerte sich die Vorsitzende der Grünen-Partei Les Écologistes, Marine Tondelier. Sie zeigte sich nach eigenen Angaben „erschüttert“ über den unzureichenden Grad der Vorbereitung der Regierung auf die aktuelle Wetterlage. Ihrer Ansicht nach reagiere der Staat zu spät auf eine Entwicklung, die von Meteorologen seit Tagen angekündigt worden sei. Die Regierung beschäftige sich nun mit zukünftigen Hitzewellen, während die Bevölkerung bereits mit den Folgen der aktuellen Extremtemperaturen konfrontiert sei. Streit um den Zeitpunkt der Reg…

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  • Kommentar: 864 Polizeieinsätze – und die Dealer bedanken sich vermutlich höflich

    Kommentar: 864 Polizeieinsätze – und die Dealer bedanken sich vermutlich höflich

    864 Polizeieinsätze seit Jahresbeginn.

    Man muss sich diese Zahl einmal auf der Zunge zergehen lassen.

    Das bedeutet mehr als vier Einsätze pro Tag. Tag für Tag. Woche für Woche. Monat für Monat. Polizeiwagen, Kontrollen, Festnahmen, Razzien, Blaulicht, Pressemitteilungen, Erfolgsmeldungen. Ein gigantischer Aufwand, bezahlt von den Steuerzahlern, begleitet von Politikern, die bei jeder Gelegenheit Entschlossenheit demonstrieren.

    Und trotzdem fallen in Nantes weiterhin Schüsse.

    Trotzdem sterben Menschen.

    Trotzdem floriert der Drogenhandel.

    Irgendetwas stimmt da nicht.

    Vielleicht sollten die Verantwortlichen einmal den Mut aufbringen, die offensichtliche Frage zu stellen: Was genau hat sich eigentlich verändert?

    61 Kilogramm Drogen beschlagnahmt. Hunderte Festnahmen. Waffen sichergestellt. Aufenthaltsverbote verhängt. Geschäfte geschlossen.

    Das klingt beeindruckend. Fast schon wie der Trailer zu einem Actionfilm.

    Doch während die Statistiken wachsen, scheinen die Dealer erstaunlich gelassen zu bleiben. Offenbar verfügen sie über eine bemerkenswerte Fähigkeit: Sie verschwinden kurz, warten die nächste Polizeikontrolle ab und machen anschließend weiter wie zuvor.

    Fast könnte man meinen, die Kriminellen wären den Behörden immer längst einen Schritt voraus.

    Oder zwei.

    Oder zehn.

    Denn wenn nach Hunderten von Einsätzen immer noch Menschen auf offener Straße erschossen werden, dann handelt es sich längst nicht mehr um ein Sicherheitsproblem allein. Dann reden wir über ein System, das sich tief in bestimmten Vierteln festgesetzt hat. Über Parallelwelten, die sich von Pressekonferenzen und martialischen Ankündigungen herzlich wenig beeindrucken lassen.

    Die Wahrheit ist unbequem.

    Man kann einen Dealpunkt räumen.

    Man kann zehn Dealpunkte räumen.

    Man kann hundert Dealpunkte räumen.

    Doch solange die Netzwerke dahinter weiter existieren, gleicht das dem Versuch, einen Waldbrand mit einem Wasserglas zu löschen.

    Natürlich braucht es Polizei. Natürlich müssen Dealer verfolgt und Waffen beschlagnahmt werden. Niemand fordert das Gegenteil.

    Aber wenn dieselben Probleme Jahr für Jahr zurückkehren, wenn die Gewalt sogar zunimmt, dann reicht es nicht mehr, immer dieselben Zahlen vorzulesen und auf den nächsten Großeinsatz zu hoffen.

    Die Bürger von Nantes haben ein Recht auf Ehrlichkeit.

    Sie haben ein Recht darauf zu erfahren, warum trotz hunderter Einsätze die Schießereien nicht verschwinden.

    Sie haben ein Recht darauf zu wissen, weshalb ganze Stadtviertel weiterhin unter der Herrschaft krimineller Gruppen leiden.

    Und sie haben ein Recht darauf, mehr zu erwarten als Statistiken.

    Denn irgendwann verliert jede Erfolgsbilanz ihren Glanz.

    Spätestens dann, wenn die Kugeln weiterhin fliegen.

    864 Einsätze später wirkt die Lage nicht wie ein Sieg des Staates.

    Sondern wie der Beweis, dass der Staat gegen ein Problem kämpft, das er bis heute nicht wirklich unter Kontrolle hat.

    Das ist die eigentliche Botschaft hinter dieser Zahl.

    Und genau deshalb sollte sie niemanden beruhigen.

    Ein Kommentar von Andreas M. Brucker

  • Nantes verschärft den Kampf gegen den Drogenhandel nach tödlichen Schüssen

    Nantes verschärft den Kampf gegen den Drogenhandel nach tödlichen Schüssen

    Die französischen Behörden verschärfen ihren Kurs gegen den Drogenhandel in Nantes. Nach einer neuen Serie tödlicher Schüsse am 26. Mai kündigte die Präfektur des Départements Loire-Atlantique eine deutliche Ausweitung der Sicherheitsmaßnahmen an. Besonders betroffen sind die Stadtviertel Port Boyer, Bottière, Nantes Nord und Halvêque, die seit Jahren als Brennpunkte des lokalen Drogenmilieus gelten. Die Zahlen, die die Behörden vorlegen, sind beeindruckend. Seit Januar 2026 wurden in Nantes 864 Sicherheitsoperationen durchgeführt. Dabei kam es zu 941 Festnahmen, während 75 Personen direkt der Justiz überstellt wurden. Die Polizeipräsenz in den betroffenen Vierteln soll nun dauerhaft erhöht werden, um die Kontrolle über öffentliche Räume zurückzugewinnen und die Aktivitäten krimineller Netzwerke einzuschränken. Der neue Maßnahmenkatalog stützt sich auf vier zentrale Säulen. Neben einer sichtbaren und kontinuierlichen Polizeipräsenz setzen die Behörden verstärkt auf verwaltungsrechtlich…

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