Kategorie: Frankreich

  • Macron unter Druck: Wie der Präsident den Juwelenraub im Louvre politisch nutzt

    Macron unter Druck: Wie der Präsident den Juwelenraub im Louvre politisch nutzt

    Es war ein Schock für Frankreich – und eine Blamage für den französischen Staat: Der spektakuläre Diebstahl von Juwelen aus dem Pariser Louvre hat nicht nur kulturell tiefe Wunden geschlagen, sondern hat auch politische Konsequenzen. Während Ermittler fieberhaft nach den verschwundenen Schätzen suchen, präsentiert sich Emmanuel Macron als Macher, als Krisenmanager, der entschlossen gegen Schwächen im System vorgehen will. Doch wie glaubwürdig sind seine Versprechen? Am Rande seiner Lateinamerika-Reise sprach der französische Präsident in Mexiko City Klartext. In einem Interview mit dem Sender Televisa gab sich Macron kämpferisch: „Die Juwelen werden wiedergefunden, die Täter verhaftet, ein Prozess wird folgen.“ Keine Floskel, sondern ein machtpolitisches Signal. Macron will zeigen: Frankreich lässt sich nicht demütigen – weder von Kriminellen noch von institutioneller Nachlässigkeit. Ein Präsident als Ordnungshüter Was Macron in seiner Wortwahl durchblicken lässt, ist mehr als bloße Em…

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  • Falsche Polizisten, echte Gefahr: Entführungsversuch in Le Bourget schockiert Vorort von Paris

    Falsche Polizisten, echte Gefahr: Entführungsversuch in Le Bourget schockiert Vorort von Paris

    Es war ein Donnerstagabend wie jeder andere – bis die Gewalt plötzlich zuschlug. Am 6. November 2025, gegen 20 Uhr, wurde ein Mann in seinem Lieferwagen auf der Avenue Jean-Jaurès in Le Bourget, einem nördlichen Vorort von Paris, Opfer eines spektakulären Entführungsversuchs. Drei Männer, mit Sturmhauben maskiert und mit gefälschten „Police“-Armbinden ausgestattet, griffen ihn an und versuchten, ihn mit Waffengewalt in ein anderes Fahrzeug zu zerren. Dass dieser Plan nicht aufging, ist vor allem der Aufmerksamkeit von Passanten und dem schnellen Eingreifen echter Polizeikräfte zu verdanken. Zwei der Täter wurden festgenommen, einer ist weiterhin auf der Flucht. Ein Überfall mit Kommandocharakter Die Täter waren nicht nur gut organisiert, sondern auch einschüchternd ausgerüstet: Eine 9mm-Pistole, zwei Komplizen mit Kabelbindern und Laserpointer – das liest sich eher wie das Drehbuch eines Thrillers als wie ein Polizeibericht. Die Männer hatten es offenbar auf das Opfer selbst abgesehen,…

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  • Macron zwischen Freihandel und Agrarprotest: Warum das Mercosur-Abkommen zum Politikum wird

    Macron zwischen Freihandel und Agrarprotest: Warum das Mercosur-Abkommen zum Politikum wird

    Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sieht sich erneut mit einem massiven Konflikt im Agrarsektor konfrontiert. Im Zentrum der aktuellen Auseinandersetzung steht das geplante Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und den Mercosur-Staaten. Die politische Brisanz des Themas geht weit über Zollfragen hinaus – sie berührt grundlegende Fragen der wirtschaftlichen Souveränität, der Umweltpolitik und des gesellschaftlichen Vertrauens in die Regierung. Ein alter Konflikt mit neuer Dynamik Das EU-Mercosur-Abkommen ist kein neues Projekt. Seit 1999 wird über einen umfassenden Handelspakt zwischen der EU und dem südamerikanischen Staatenbund (Brasilien, Argentinien, Uruguay, Paraguay) verhandelt. Im Jahr 2019 wurde ein politischer Grundsatzbeschluss gefasst, seither laufen Detailverhandlungen zur Ratifizierung. Frankreich hatte sich in der Vergangenheit mehrfach als Bremser positioniert – vor allem wegen Umweltbedenken angesichts der brasilianischen Agrarpolitik unter Jair Bolsonar…

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  • Mord am Strand von Biguglia: Wenn das Paradies zur Kulisse eines Albtraums wird

    Mord am Strand von Biguglia: Wenn das Paradies zur Kulisse eines Albtraums wird

    Ein Tatort, wie ihn das Kino nicht dramatischer hätte inszenieren können: eine korsische Traumküste, eine spätsommerliche Nacht, eine Gruppe junger Menschen – und ein Mann, der am Ende tot im Sand liegt. Was zunächst wie ein makabrer Krimi klingt, ist bittere Realität: Ende September wurde in der Nähe von Bastia, auf einem Strandabschnitt bei Biguglia, die Leiche eines Obdachlosen entdeckt. Das Opfer: ein Schweizer Staatsbürger, um die 60 Jahre alt. Die Todesursache: mehrere Verletzungen und Schläge. Was folgte, erschütterte nicht nur die lokale Bevölkerung, sondern auch weit darüber hinaus. Fünf junge Menschen, alle in ihren Zwanzigern, wurden seither von der Justiz ins Visier genommen. Zwei Männer sitzen jetzt wegen Mordes in Untersuchungshaft. Ein weiteres junges Paar wurde wegen Beihilfe zum Mord angeklagt und ebenfalls inhaftiert. Eine fünfte Person, eine junge Frau, steht unter dem Verdacht, keine Hilfe geleistet und das Verbrechen nicht angezeigt zu haben. Sie wurde unter gerich…

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  • Schüsse in Ghisonaccia – Ein Kind wird Zeuge eines Mordes

    Schüsse in Ghisonaccia – Ein Kind wird Zeuge eines Mordes

    Es war kurz nach halb sieben am Abend des 6. Novembers 2025, als die Stille in der korsischen Gemeinde Ghisonaccia jäh zerrissen wurde. Zwei maskierte Männer tauchten auf, zielten – und schossen. Mehrfach. Das Ziel: ein 39-jähriger Mann, der gerade im Begriff war, sein Zuhause zu betreten. An seiner Seite: sein neun Jahre alter Sohn. Der Junge musste mitansehen, wie sein Vater vor seinen Augen niedergestreckt wurde. Ein Moment, der alles verändert. Ein Mord mit Ansage? Die Opferzahl auf Korsika steigt – dieser Mord ist bereits der neunte im laufenden Jahr. Eine Statistik, die aufhorchen lässt. Doch nicht nur die Häufigkeit, auch die Umstände machen betroffen: Die Tat geschah nicht in einem düsteren Hinterhof, nicht im Schutz der Nacht, sondern am frühen Abend, mitten in einer Wohnsiedlung. Und sie traf keinen Clanboss oder bekannten Unterweltler, sondern einen Plattenleger, der nach einem gewöhnlichen Tag mit seinem Sohn nach Hause zurückkehrte. Zwei Männer, vermummt, bewaffnet, vorber…

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  • Steuer auf Energydrink‑Alkohol‑Mix: Ein sinnvoller Schritt — aber kein Allheilmittel

    Steuer auf Energydrink‑Alkohol‑Mix: Ein sinnvoller Schritt — aber kein Allheilmittel

    Am Freitag, dem 7. November 2025, verabschiedete die französische Nationalversammlung ein neues Gesetz zur Finanzierung der sozialen Sicherheit: Darin wurde eine gezielte Steuer auf alkoholische Energydrinks beschlossen. Konkret geht es um Produkte, in denen starker Alkohol mit stimulierenden Wirkstoffen wie Koffein oder Taurin sowie oft mit viel Zucker oder süßem Aroma kombiniert wird – sogenannte Premixes, die gerade unter jungen Menschen via soziale Medien eine starke Verbreitung gefunden haben. Die Intention: Diese Mischgetränke gelten als besonders riskant, weil der Alkohol‑Effekt durch die stimulierenden Zusätze verschleiert werden kann – mit erhöhter Gefahr für Überkonsum, Unfälle und Abhängigkeit. Gleichzeitig richtet sich die Werbung oft direkt an ein junges Publikum, die Preise sind niedrig und das Image „Spaß‑drinkig“.Die Steuer wird im Haushalt der Caisse nationale de l’assurance maladie (CNAM) angesiedelt – ein klassisch fiskalisches Instrument mit gesundheitspolitischem B…

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  • Nicolas Sarkozy: Justiz auf dem Prüfstand – Entscheidung über Freilassung des Ex-Präsidenten erwartet

    Nicolas Sarkozy: Justiz auf dem Prüfstand – Entscheidung über Freilassung des Ex-Präsidenten erwartet

    Am Montagvormittag entscheidet die Cour d’appel de Paris über ein Anliegen von historischer Tragweite: Die mögliche Freilassung von Nicolas Sarkozy aus der Haft. Es ist ein Moment, in dem sich juristische Prinzipien, politischer Symbolwert und institutionelle Verantwortung überschneiden. Der ehemalige Präsident Frankreichs, verurteilt wegen mutmaßlich illegaler Wahlkampffinanzierung mit Geldern aus Libyen, sitzt seit dem 21. Oktober 2025 in der Pariser Prison de la Santé – eine Zäsur in der Geschichte der Fünften Republik. Ein Urteil mit Präzedenzwirkung Der am 25. September vom Strafgerichtshof in Paris gefällte Schuldspruch gegen Sarkozy war in mehrerlei Hinsicht bemerkenswert. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass der Präsident von 2007 bis 2012 sich der Teilnahme an einer „kriminellen Vereinigung“ im Rahmen der Annahme libyscher Gelder schuldig gemacht habe. Die verhängte Freiheitsstrafe von fünf Jahren – davon zwei Jahre auf Bewährung – ging mit einem sofort vollstreckbaren H…

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  • Nach dem Preisregen: Acht Romane, die bleiben, wenn das Rampenlicht erlischt

    Nach dem Preisregen: Acht Romane, die bleiben, wenn das Rampenlicht erlischt

    Kaum sind die Preise vergeben, die Reden gehalten, die Siegerfotos gemacht, da senkt sich eine eigenartige Ruhe über die Literaturlandschaft. Die Saison der Trophäen ist vorbei – doch wer aufmerksam blättert, merkt schnell: Jetzt beginnt die eigentliche Erntezeit. Abseits des Jubels und der Bestsellerlisten warten Romane, die leiser, aber nachhaltiger wirken. Geschichten, die nicht schreien, sondern singen.


    „L’Entroubli“ von Thibault Daelman – ein Erstling mit Schneid und Seele

    Das Wort gibt es gar nicht, und doch trifft es ins Mark: L’Entroubli – das Vergessene, das Zwischen, das kaum Sagbare. Thibault Daelman, Jahrgang 1987, legt mit seinem Debüt einen Roman vor, der das Milieu der kleinen Leute nicht verklärt, sondern zum Klingen bringt.

    Er erzählt von einer Mutter mit großen Träumen für ihre fünf Kinder, von einem Vater, der längst in der Flasche verschwunden ist, und von einer Kindheit im grauen Gürtel von Paris. Daelman schreibt in Splittern, in leuchtenden Sätzen, als würde er die Sprache selbst gegen das Schweigen stemmen. Jede Seite trägt den Rhythmus des Überlebens.

    Sein Roman ist kein sozialer Traktat, sondern ein Liebesbrief an die Würde derer, die vergessen werden.


    „Le diable est un menteur“ von Femi Kayode – Glaube, Macht und der Staub von Lagos

    Philip Taiwo ist kein gebrochener Ermittler aus dem Noir-Lehrbuch. Er ist Psychologe, Vater, Zweifler – ein Mann, der seine Moral durch die Straßen von Lagos trägt, während ringsum Korruption blüht und Prediger Geld sammeln wie Regen.

    Als die Frau eines einflussreichen Geistlichen verschwindet, gerät Taiwo in einen Strudel aus Politik, Religion und Gewalt. Femi Kayode, selbst Nigerianer, schreibt mit einer Klarheit, die fast journalistisch wirkt, und einem Taktgefühl, das weit über das Genre hinausgeht.

    Sein Lagos ist eine vibrierende Metropole, chaotisch und göttlich zugleich. Le diable est un menteur ist ein Kriminalroman, der in Wahrheit ein Seelenporträt eines Landes ist, das zwischen Himmel und Hölle pendelt.


    „Sa guerre“ von Laurent Bénégui – eine Mutter im Labyrinth der Verzweiflung

    Laurent Bénégui, bekannt für seine feine Ironie, lässt sie diesmal beiseite. Sa guerre ist ein stiller Schrei. Die Geschichte von Hélène Dompierre, deren Tochter sich dem Islamischen Staat anschließt, liest sich wie ein innerer Monolog, ein atemloses Protokoll der Entfremdung.

    Zwischen Paris, Ankara und einem syrischen Flüchtlingslager sucht Hélène nach einem Rest Hoffnung – und nach sich selbst. Bénégui schreibt knapp, ohne jede Pose, und trifft damit mitten ins Herz.

    Es ist ein Roman über Schuld und Mutterliebe, über die Frage, was Vergebung bedeuten kann, wenn die Welt verrückt geworden ist.


    „Nuit indigo“ von Lars Mytting – Mythen, Schnee und Schicksal

    Es beginnt mit einer Tierszene, die man so schnell nicht vergisst: Ein Bauer findet in der norwegischen Winterlandschaft ein totes Schaf – und darunter ein Lamm mit silbrigem Fell.

    Lars Mytting, der große nordische Erzähler, entfaltet daraus eine Geschichte, die zwischen Legende und Historie schwebt. Zwei siamesische Zwillingsschwestern, Halfrid und Gunhild, erschaffen aus der mystischen Wolle ein Gewebe, das das Ende der Welt voraussagt.

    „Nuit indigo“ ist kein historischer Roman im klassischen Sinn, sondern eine Studie über das Erzählen selbst – darüber, wie Gemeinschaften ihre Mythen weben, um das Chaos zu bändigen. Myttings Sprache ist präzise, fast handwerklich – und doch von poetischer Glut.


    „Quand dansent les oiseaux“ von Kiyoko Murata – zwei alte Frauen und der Klang der Stille

    In einer stillen Bucht Japans leben Io (92) und Someko (88), zwei letzte Bewohnerinnen einer Insel, die längst vergessen wurde. Jeden Morgen tauchen sie in die See, als ginge es um ein Ritual.

    Ihre Tochter Umiko, die sie aufs Festland holen will, versteht erst spät, dass diese Insel für die alten Frauen ein Ort der Erinnerung ist. Die Vögel, die um sie kreisen, tragen – so glauben sie – die Seelen ihrer Toten.

    Kiyoko Murata, mit über achtzig Jahren noch immer erstaunlich modern, schreibt in sanften, klaren Sätzen. Ihr Roman ist ein Gleichgewicht zwischen Leben und Tod, zwischen Wasser und Wind. Quand dansent les oiseaux ist kein Buch, das man verschlingt – man lässt es nachklingen.


    „Laissez-moi brûler en paix“ von Peter Farris – ein Land unter Waffen

    Peter Farris beschreibt eine Welt, in der die Polizei längst zur Miliz geworden ist, wo Gewalt zum Reflex gehört. Nach einer missglückten Razzia sterben Unschuldige, und Jahre später beginnt eine Kette von Rachemorden.

    Was wie ein Thriller beginnt, wird schnell zur Parabel über Amerikas toxische Obsession mit Sicherheit. Farris schreibt ohne Pathos, aber mit Zorn. Sein Ton ist direkt, kantig, politisch.

    Zwischen den Zeilen lodert die Frage: Wie viel Demokratie lässt sich mit Angst verteidigen?


    „Suissexe“ von Jen Beagin – eine Stimme, die ins Leben greift

    Greta, Mitte dreißig, transkribiert Therapiesitzungen eines Sexcoachs. Sie hört einer Frau zu, deren Stimme sie nicht mehr loslässt. Sie nennt sie „Suissexe“. Als sie ihr auf der Straße begegnet, beginnt ein Spiel mit Identität, Begehren und Wahrheit.

    Jen Beagin erzählt diese Obsession mit schwarzem Humor und fast schmerzlicher Empathie. Hinter der Komik lauert der Ernst: Wie nah darf man einem Menschen kommen, den man nur durch seine Stimme kennt?

    Suissexe ist eine Liebesgeschichte, eine Farce, ein Selbstgespräch – und ein Beweis, dass Beagin zu den klügsten Beobachterinnen weiblicher Sehnsucht gehört.


    „Les Maisons de sel“ von Hala Alyan – das Gedächtnis der Frauen

    „Salma blickt in den Kaffeesatz ihrer Tochter und weiß, dass sie ihr lügen muss.“ Schon dieser erste Satz zieht einen hinein.

    Über fünf Jahrzehnte begleitet Hala Alyan die palästinensische Familie Yacoub, von Jaffa über Kuwait und Beirut bis in die USA. Ihre Sprache ist schlicht, aber voll Resonanz. In jeder Generation sind es die Frauen, die die Geschichten tragen – in Rezepten, Düften, Gesten.

    Alyan schreibt über den Verlust der Heimat, aber auch über die Kunst, sie im Herzen weiterzubewahren. Les Maisons de sel ist ein Roman über Migration, Trauma und Stolz – und über das, was bleibt, wenn alles andere verweht.


    Ein stiller Herbst für aufmerksame Leser

    Wenn die Preisträger längst im Regal glänzen, sind es oft diese leiseren Bücher, die nachhallen. Sie erzählen vom Überleben, vom Glauben, von der Sehnsucht nach Sinn. Und vielleicht liegt genau darin ihr Zauber: Sie wollen nicht glänzen – sie wollen begleiten.

    Also: Warum nicht einmal den großen Namen entkommen, dem Mainstream den Rücken kehren und sich treiben lassen durch fremde Stimmen, andere Rhythmen, neue Welten? Der Herbst ist lang, die Abende sind dunkel – und kaum etwas wärmt besser als ein Buch, das niemand einem empfohlen hat.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Courbefy – Das Dorf, das einen Fluch trägt

    Courbefy – Das Dorf, das einen Fluch trägt

    Hoch über der Haute-Vienne, dort wo sich die Hügel wie Wellen im Morgennebel verlieren, liegt Courbefy. Ein paar verfallene Mauern, ein rostiges Eisentor, eine überwucherte Zufahrt. Kein Mensch, kein Laut – nur der Wind, der durch geborstene Fenster pfeift. Und doch war dieser Ort einmal lebendig. Ein Weiler voller Stimmen, Kinderlachen, und dem Duft von Holzfeuern. Heute ist er ein Symbol. Ein Rätsel. Ein Stück Frankreich, das zwischen Traum und Tragödie gefangen scheint.

    Wie konnte ein Dorf, das einst Hoffnung atmete, in eine Geistergeschichte verwandelt werden?


    Vom Weiler zum Ferienparadies

    In den 1970er Jahren war Courbefy noch ein kleines, bodenständiges Dorf. Ein paar Bauern, Felder, Hühner, ein unscheinbarer Glockenturm. Nichts Besonderes – und genau das machte seinen Charme aus. Doch dann kam die große Landflucht. Die Jungen zogen fort, die Alten starben, und nach und nach erlosch das Leben.

    Ein Unternehmer sah jedoch in den alten Steinen Potenzial. Er wollte Courbefy in ein Ferienzentrum verwandeln – mit Swimmingpool, Tennisplatz, Gästezimmern, Restaurant. Ein Stück Riviera mitten im Limousin. Und für kurze Zeit schien der Plan aufzugehen. Familien planschten im Pool, Kinder rannten über den Platz, die Dorfglocke schlug zum Mittagessen.

    Doch Träume können bröckeln wie Putz an alten Mauern. Nach wenigen Jahren war das Geld weg, die Besucher blieben aus. Courbefy fiel in den Dornröschenschlaf zurück – und diesmal schien der Schlaf ewig.


    Ein Dorf unter dem Hammer

    Fast vier Jahrzehnte später, im Jahr 2012, tauchte Courbefy wieder in den Schlagzeilen auf. Nicht wegen eines neuen Projekts – sondern weil es verkauft werden sollte. Ganze zwölf Hektar, vierzehn Häuser, eine Kapelle, ein Pool. Startpreis: 300.000 Euro.

    Ein Dorf wie ein Gebrauchtwagen! Die Weltpresse stürzte sich auf die Geschichte. „Ein ganzes französisches Dorf zu verkaufen!“ titelten amerikanische, britische und asiatische Medien. Kamerateams drängten sich zwischen den Ruinen. Courbefy war plötzlich berühmt – aber nicht belebt.

    Dann kam der Käufer: Ahae, ein südkoreanischer Unternehmer, Fotograf, Milliardär – und Phantom. Niemand hatte ihn je gesehen. Er schickte Vertreter, kaufte den Ort anonym und ließ ihn ungenutzt verfallen. Jahre später fand man seine Leiche, verwest, in einem Garten bei Seoul. Ein Mann, so geheimnisvoll wie der Ort, den er besaß.

    War das Zufall oder Fluch?


    Die „Malédiction de Courbefy“ – Ein Film gegen das Vergessen

    Die Filmemacherin Laurline Danguy des Déserts wollte genau das wissen. Ihr Dokumentarfilm „La malédiction de Courbefy“ (Der Fluch von Courbefy) zeichnet das bizarre Schicksal des Dorfes nach – vom bäuerlichen Alltag über die Ferienidylle bis zum medialen Spektakel.

    „Ich erinnere mich, 2012 von einem Dorf gehört zu haben, das versteigert wurde“, erzählt sie. „Damals dachte ich: Das kann doch nicht wahr sein! Und Jahre später spürte ich, dass dieser Ort noch immer eine Geschichte zu erzählen hat.“

    Sie fand sie – in den Mauern, in der Stille, in den Legenden.

    Die Kamera fängt das Licht ein, das über den Hügeln tanzt, und die Schatten, die sich in den Fenstern brechen. Das Dorf wirkt fast wie ein Filmset – ein Ort zwischen Realität und Fiktion. „Man spürt dort etwas“, sagt die Regisseurin, „eine seltsame Energie, als wären Erinnerungen noch greifbar. Ich übertreibe kaum: Es ist, als wären Geister geblieben.“


    Eine Spur von Wahnsinn

    Wer einmal durch Courbefy geht, begreift, wie dicht hier die Gegensätze beieinander liegen. Schönheit und Verfall, Hoffnung und Aufgabe, Mensch und Natur. Noch immer steht die alte Kapelle, halb eingestürzt, halb trotzig. Die Betonpiste der ehemaligen Kartbahn schimmert durch Gras und Moos. Und neben der leeren Poolschale liegen Blätter wie vergilbte Briefe.

    Einer der Anwohner aus Bussière-Galant, der den Ort noch aus Kindertagen kennt, sagt im Film:
    „Früher hörte man hier menschliche Stimmen, jetzt hört man nur den Wind flüstern. Vielleicht sind’s dieselben.“

    Ein Satz, der hängen bleibt.


    Zwischen Mythos und Wiedergeburt

    Courbefy zieht Menschen an – nicht wegen dem, was es ist, sondern wegen dem, was es einmal war. Künstler träumen davon, den Ort zu beleben, ihn zu einem kreativen Rückzugsort zu machen. Andere sehen darin einen Ort des Gedenkens, ein Mahnmal des ländlichen Niedergangs.

    Die Bürgermeisterin von Bussière-Galant glaubt an eine Zukunft: „Man könnte dort Wanderunterkünfte schaffen, Kunstresidenzen, einen kleinen Markt – es gäbe Möglichkeiten genug.“

    Aber will Courbefy überhaupt zurück ins Leben? Oder liebt es seine Stille, seine melancholische Poesie zu sehr?

    Man weiß es nicht. Doch vielleicht liegt genau darin seine Magie. Manche Orte erzählen keine fertigen Geschichten – sie flüstern sie nur.


    Der Fluch der Vergänglichkeit

    „La malédiction de Courbefy“ ist weniger ein Film über ein verlassenes Dorf als ein Spiegel unserer Zeit. Er erzählt vom Wunsch, zu besitzen, ohne zu verstehen. Vom Drang, zu retten, was vielleicht gar nicht gerettet werden will. Und von der unaufhaltsamen Rückkehr der Natur, die irgendwann jedes menschliche Werk umarmt – und verschluckt.

    Wer Courbefy besucht, merkt schnell: Da schwingt etwas Ewiges mit. Kein echter Fluch, sondern eine Erinnerung. Eine Erinnerung daran, dass Schönheit und Zerfall oft nur eine dünne Mauer trennt.

    Und wenn man am Abend dort steht, während die Sonne über der Haute-Vienne versinkt, dann könnte man fast meinen, irgendwo in der Ferne ein Kinderlachen zu hören. Oder ist das nur der Wind?

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Mont d’Or – wo die Jurakämme den Himmel berühren

    Mont d’Or – wo die Jurakämme den Himmel berühren

    Man sagt, wer auf dem Mont d’Or steht, sieht halb Frankreich und einen guten Teil der Schweiz. Vielleicht ist das übertrieben – aber wer einmal dort oben war, weiß, warum sich solche Geschichten halten. Zwischen den schroffen Felsen und den sanft geschwungenen Weiden des Haut-Doubs entfaltet sich eine Landschaft, die sich nicht einfach beschreiben lässt. Man muss sie spüren: den Wind, der über die Grate pfeift, das Rascheln des Herbstlaubs, den Geruch von feuchtem Holz und kaltem Käse.

    Der Mont d’Or ist kein Gipfel, der sich mit reißerischem Pathos ins Gedächtnis brennt. Er ist leiser, fast demütig. Mit seinen gut 1.460 Metern wirkt er eher wie ein langgestreckter Rücken, der sich vorsichtig an die Wolken lehnt. Doch seine Schönheit liegt gerade in dieser Sanftheit.


    Der Aufstieg über die Crêtes

    Der Weg hinauf beginnt unscheinbar. Ein schmaler Pfad, der sich durch Weiden und Nadelwälder schlängelt, begleitet vom Läuten der Kuhglocken. Dann wird es steiler. Der Himmel weitet sich, die Luft wird klarer. Und plötzlich – steht man oben.

    Ein paar Meter weiter öffnet sich der Blick auf ein Panorama, das fast unwirklich erscheint: Im Osten die Alpen, schimmernd wie eine ferne Illusion; im Westen das Jura, wellig, gedämpft, vertraut. An Tagen ohne Dunst reicht der Blick bis zum Mont-Blanc, dessen weiße Kappe über der Erde schwebt wie eine Verheißung.

    Eine Familie aus Besançon steht staunend auf der Plattform, die Haare zerzaust vom Wind. „Schau mal, wie sich das Licht verändert“, ruft die Tochter, „das sieht ja aus wie gemalt!“ Der Vater nickt still – und für einen Moment scheint die Zeit stillzustehen.

    Sieben Kilometer dauert die Wanderung entlang der Crêtes, vorbei an grasenden Schafen, kleinen Holzschuppen und Weiden, die im Herbst in tausend Farben leuchten. „C’est trop beau“, ruft jemand, und man versteht sofort, dass hier keine Übertreibung im Spiel ist.


    Zwischen Wildnis und Handwerk

    Im Doubs lebt man mit den Jahreszeiten, nicht gegen sie. Wer sich auf den Mont d’Or einlässt, begegnet dieser Ruhe auf Schritt und Tritt. Und doch schlägt das Herz der Region kräftig, besonders in den kleinen Dörfern rund um Métabief und Mouthe.

    Hier bereitet man sich schon im Herbst auf den Winter vor. Fanny, eine junge Skilehrerin mit Sonnenbrand auf der Nase, zeigt Touristen das „ski-roue“, eine Art Sommertraining auf Rollen. „Man bleibt in Bewegung“, sagt sie lachend, „und die Beine vergessen den Winter nicht.“

    Ringsum dehnen sich Wälder und Almwiesen, durchzogen von klaren Bächen. Wer einen Moment innehält, hört das ferne Rauschen der Quelle des Doubs – dieser Fluss, der der Region ihren Namen gibt und an manchen Stellen so geheimnisvoll aus der Erde tritt, dass man fast an Märchen glaubt.

    Im Sommer schwimmt man im Lac de Saint-Point, im Herbst spaziert man durch das Farbenspiel der Wälder. „Hier ändert sich alles, aber auf eine sanfte Weise“, sagt ein alter Bauer. „Nie abrupt, immer mit Gefühl.“


    Der Käse, der den Namen des Berges trägt

    Wer „Mont d’Or“ sagt, meint oft nicht den Gipfel, sondern den Käse. Ein runder Laib, cremig und weich, in Rinde von Fichtenholz gebettet – so duftet er nach Wald, nach Rauch, nach Zuhause. Seit Jahrhunderten wird er hier im Haut-Doubs hergestellt, aus der Milch jener Kühe, die an den Hängen des Mont d’Or grasen.

    Im kleinen Dorf Les Longevilles-Mont-d’Or steht Fabien in seiner Küche. Auf dem Herd blubbert ein Topf, in der Ecke ein Stück Comté, daneben die runden, hellen Kisten des Mont d’Or. „C’est le moment“, sagt er, und bohrt mit geübter Hand ein Loch in den Käse. Ein Schuss Vin du Jura, ein paar Scheiben Knoblauch – und schon duftet der ganze Raum.

    Diese Version, warm, goldgelb und leicht zerlaufen, wird mit Kartoffeln und Charcuterie serviert. „Il a du goût“, meint ein Besucher aus Nancy, „et il tient chaud au cœur.“ Genau darum geht es: um Wärme, um dieses Gefühl, das von innen kommt, wenn draußen der Wind über die Jurakämme zieht.

    Fabien wagt sich auch an Neues: eine Mousse de Mont d’Or auf einem leichten Gemüsevelouté, garniert mit knuspriger Tuile de Morteau. „Das ist unsere Art, Tradition lebendig zu halten“, sagt er. „Nichts versteinern – immer weiter erfinden.“


    Der Mont d’Or als Seele des Doubs

    Vielleicht ist der Mont d’Or deshalb so besonders: weil er beides verkörpert – die Ruhe der Natur und die lebendige Kraft der Menschen, die hier leben.

    In Métabief sitzt man abends auf der Terrasse eines kleinen Gasthauses, das Holz knarzt, die Gläser klirren. Draußen leuchtet der Himmel in dunklem Orange, und irgendwo muht eine Kuh träge. Eine Frau aus Pontarlier sagt: „Hier oben hat man das Gefühl, dass die Zeit sich dehnt. Nicht stillsteht, aber langsamer läuft.“

    Was sucht man, wenn man auf einen Berg steigt? Aussicht? Ruhe? Eine Art von Wahrheit? Vielleicht alles zusammen. Der Mont d’Or antwortet nicht mit Spektakel, sondern mit stiller Geste. Mit einem Licht, das die Landschaft streichelt, statt sie zu blenden. Mit einer Weite, die nicht einschüchtert, sondern atmen lässt.

    Und wenn man am Ende des Tages unten im Tal sitzt, mit einem Glas Vin jaune und einem Teller dampfender Mont d’Or-Kartoffeln, dann begreift man: Dieser Berg ist kein Ziel, sondern eine Stimmung.

    Ein Gefühl aus Holz, Wind und Wärme.

    Ein Artikel von M. Legrand