Kategorie: Frankreich

  • Ein Ort der Stille erschüttert – Gewalt in der Pariser Kirche La Madeleine

    Ein Ort der Stille erschüttert – Gewalt in der Pariser Kirche La Madeleine

    Samstagvormittag, 27. Dezember 2025, kurz nach halb elf. Die Türen der Pariser Église de la Madeleine stehen offen, wie so oft. Kerzen flackern, vereinzelte Besucher verlieren sich im weiten Rund des klassizistischen Baus. Dann kippt die Szene. Ein Wortwechsel, ein Handgemenge, ein Angriff. Mitten im Kirchenschiff wird ein Sakristan angegriffen – ausgerechnet dort, wo Ruhe und Rückzug erwartet werden. Was sich am 27. Dezember 2025 in einer der bekanntesten Kirchen Frankreichs abspielte, wirkt in seiner Nüchternheit beinahe banal. Und doch hallt der Vorfall weit über das Geschehen selbst hinaus. Ein Mitarbeiter der Pfarrei bittet einen Mann, das Essen im Kirchenraum zu unterlassen oder das Gebäude zu verlassen. Keine außergewöhnliche Bitte, eher eine dieser kleinen Interventionen, die zum Alltag von Kirchendienern gehören. Doch der Mann reagiert nicht mit Einsicht, sondern mit Aggression. Schläge folgen, der Versuch einer Strangulation, dann die Flucht. Wenige Minuten später klickten di…

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  • Ein Sturz im Schnee – Tod eines Skifahrers erschüttert die Savoie

    Ein Sturz im Schnee – Tod eines Skifahrers erschüttert die Savoie

    Es ist einer jener Wintertage, an denen die Berge ruhig daliegen, fast gleichgültig gegenüber dem menschlichen Treiben auf ihren Flanken. Am Samstag, dem 27. Dezember, endete ein solcher Tag im Skigebiet von Les Karellis tragisch. Ein junger Skifahrer verlor nach einem Sturz auf einer Piste sein Leben. Ein Unfall, der Fragen hinterlässt, Betroffenheit auslöst und einmal mehr die fragile Grenze zwischen sportlicher Freiheit und tödlichem Risiko sichtbar macht. Der Unfall ereignete sich am frühen Nachmittag im Bereich Tête d’Albiez, einem hochgelegenen Sektor des Skigebiets, der über 2000 Meter hinausreicht. Weite Hänge, klare Luft, gute Sicht – nichts deutete darauf hin, dass dieser Tag anders verlaufen würde als so viele andere davor. Nach übereinstimmenden Informationen lokaler Medien stürzte der Skifahrer allein. Kein Zusammenstoß, kein Lawinenabgang, kein spektakuläres Szenario. Nur ein Sturz. Und doch reichte die Wucht des Aufpralls aus, um tödliche Verletzungen zu verurs…

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  • Macron verurteilt russische Luftangriffe: Europas Suche nach einer Friedensstrategie in der Ukraine geht weiter

    Macron verurteilt russische Luftangriffe: Europas Suche nach einer Friedensstrategie in der Ukraine geht weiter

    Inmitten einer neuen Eskalation im Ukraine-Krieg hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron die jüngsten russischen Angriffe auf ukrainische Städte scharf kritisiert und der Führung in Moskau vorgeworfen, „die Fortsetzung des Krieges bewusst zu betreiben“. Die Erklärung erfolgte am Samstagabend während einer Videokonferenz mit mehreren europäischen Spitzenpolitikern und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Schauplatz für Macrons Stellungnahme war Kanada, von wo er weiter in die USA reist, um dort Gespräche mit Donald Trump zu führen. Macrons Äußerungen fielen in eine Phase intensiver diplomatischer Abstimmungen unter westlichen Verbündeten – und spiegeln zugleich eine strategische Neupositionierung Frankreichs im Hinblick auf eine mögliche künftige Friedensordnung für die Ukraine wider. Ein Angriff mit Hunderten Drohnen – und eine klare Botschaft Die russischen Streitkräfte hatten in der Nacht von Freitag auf Samstag eine erneute massive Angriffswelle gegen die Ukraine gest…

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  • Fast fünfhundert Kartuschen Lachgas – eine nächtliche Kontrolle und ihre Folgen

    Fast fünfhundert Kartuschen Lachgas – eine nächtliche Kontrolle und ihre Folgen

    Es ist kurz vor Mitternacht am 26. Dezember 2025, als in Annecy ein Wagen gestoppt wird, der auf den ersten Blick kaum auffällt. Keine Raserei, kein aufheulender Motor, eher eine jener Kontrollen, die im Polizeialltag zur Routine gehören. Doch der Blick in den Kofferraum verwandelt diese Nacht in einen Fall, der über die Stadtgrenzen hinaus Beachtung findet. 486 Kartuschen mit Protoxid d’azote, fein säuberlich in 82 Kartons verstaut, liegen dort wie ein stummer Beweis. Der Fahrer wird verhaftet, in Gewahrsam genommen, eine Untersuchung eingeleitet. Was zunächst wie eine kuriose Randnotiz wirkt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ein Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen. Denn das sogenannte Lachgas, chemisch Distickstoffmonoxid, hat in Frankreich eine Karriere hingelegt, die kaum jemand vorausgesehen hat. Vom unscheinbaren Hilfsmittel in Küche und Klinik ist es zum Symbol einer urbanen Wirklichkeit geworden, in der Rausch, Leichtsinn und Eskapismus eng beieinanderliegen. Der Vor…

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  • Warum die Politik zu Weihnachten schweigt – und warum Süßwaren daran nicht ganz unschuldig sind

    Warum die Politik zu Weihnachten schweigt – und warum Süßwaren daran nicht ganz unschuldig sind

    Zwischen den Jahren wird es still im politischen Paris. Zumindest offiziell. Sitzungen werden vertagt, Reden nicht gehalten, Konflikte eingefroren. In Frankreich trägt diese politische Atempause einen Namen, der zugleich süßlich und spöttisch klingt: la trêve des confiseurs, der Waffenstillstand der Süßwarenhändler. Wer dahinter mittelalterliche Frömmigkeit oder religiöse Friedensgebote vermutet, liegt daneben. Der Ursprung dieser Redewendung ist politisch, erstaunlich modern – und er erzählt viel über das fragile Gleichgewicht von Macht, Öffentlichkeit und Ökonomie.

    Die Nationalversammlung hat auch in diesem Jahr kurz vor Weihnachten ihre Arbeit unterbrochen. Was heute wie eine administrative Selbstverständlichkeit wirkt, war im 19. Jahrhundert eine bemerkenswerte Neuerung. Um sie zu verstehen, lohnt sich ein Blick zurück in eine Zeit, in der Frankreich politisch zerrissen war, gesellschaftlich erschöpft und institutionell auf der Suche nach sich selbst.

    Das Jahr 1874 liegt nur wenige Schritte hinter zwei nationalen Traumata. Da ist zunächst die Niederlage gegen Preußen, mit Tausenden Toten und dem Verlust von Territorien. Kaum ist der Frieden unterzeichnet, folgt die Pariser Kommune, ein blutiger Bürgerkrieg zwischen revolutionären Parisern und der konservativen Regierung in Versailles. An deren Spitze steht Adolphe Thiers, Monarchist aus Überzeugung, Republikaner aus Notwendigkeit, ein Mann der Ordnung in einer Zeit des Chaos.

    Die politische Landschaft ist entsprechend explosiv. In der Nationalversammlung dominiert eine Mehrheit, die mit der Republik fremdelt. Legitimisten träumen von der Rückkehr der Bourbonen unter dem Grafen von Chambord. Orléanisten setzen auf den Herzog von Orléans und verbinden konservative Politik mit wirtschaftlichem Liberalismus. Bonapartisten schließen sich an, aus Furcht vor der Linken. Drei rechte Strömungen, vereint im Misstrauen gegenüber allem, was nach Republik klingt.

    Doch draußen im Land verschiebt sich etwas. Bei Nachwahlen gewinnen die Republikaner an Boden, Stimme um Stimme. Die monarchistische Mehrheit beginnt zu bröckeln. Nach drei Jahren provisorischer Regierung steht eine Grundsatzentscheidung an. Frankreich braucht stabile Institutionen, Regeln, vielleicht sogar etwas, das man vorsichtig Verfassung nennen könnte. Die Debatten darüber sind hitzig, werden öffentlich geführt, sind emotional aufgeladen. Man streitet nicht nur über Paragrafen, sondern über die Zukunft des Landes.

    Und dann, kurz vor Weihnachten 1874, geschieht etwas Unerwartetes. Die Abgeordneten einigen sich darauf, die Beratungen über die Feiertage auszusetzen, bis nach Neujahr. Ein politischer Waffenstillstand. Offiziell, um die aufgeheizte Stimmung abzukühlen. Inoffiziell, um dem Handel nicht zu schaden. Niemand wollte, dass politische Grabenkämpfe die Kauflust der Bevölkerung trüben. Weihnachten war – und ist – ein ökonomisch sensibler Moment.

    Die Presse reagiert prompt und mit feiner Ironie. Sie nennt diese Pause la trêve des confiseurs. Wer den Ausdruck zuerst benutzt, ist nicht überliefert. Aber er trifft einen Nerv. Er suggeriert, dass die Politik für Zuckerbäcker und Konditoren Ruhe hält, dass Abgeordnete lieber Naschwerk konsumieren als Gesetze schmieden. Ein Seitenhieb, der sitzt. Besonders bei den Monarchisten um den Herzog von Broglie, die sich als Hüter der Moral verstehen und in dieser Wortwahl eine subtile Kritik an ihrem „Regime der Ordnung“ wittern.

    Dabei hat die Metapher einen realen Kern. Paris ist bereits damals ein Magnet für Weihnachtstouristen. Jahrmärkte und Buden verkaufen Bonbons, kandierte Früchte, süße Versprechen. Die Stadt leuchtet, während im Parlament das Licht gedimmt wird. Die Vorstellung, dass sich Abgeordnete in dieser Zeit dem guten Leben hingeben, gehört zum politischen Folklore-Inventar. Ein bisschen Neid schwingt mit, ein bisschen Spott. So ist das nun mal.

    Doch die Pause ist nicht nur süß, sie ist taktisch. Beide Lager nutzen die Unterbrechung, um Kräfte zu sammeln, Unterstützer zu mobilisieren, Strategien zu schärfen. Hinter den Kulissen wird gerechnet, gezählt, gehofft. Der politische Kampf ruht nicht, er verlagert sich. Man könnte sagen: Er zieht sich einen Wintermantel an.

    Im Januar flammt er mit neuer Wucht auf. Der Höhepunkt folgt am 30. Januar 1875, als die Nationalversammlung mit einer einzigen Stimme Mehrheit das sogenannte Wallon-Amendement verabschiedet. Ein unscheinbarer Satz, der Geschichte schreibt. Der Präsident der Republik soll von Senat und Abgeordnetenkammer gewählt werden, für sieben Jahre, mit der Möglichkeit der Wiederwahl. Mehr braucht es nicht, um Frankreich endgültig in die Dritte Republik zu führen.

    Plötzlich erscheint die trêve des confiseurs in einem anderen Licht. Nicht als Zeichen von Schwäche oder Bequemlichkeit, sondern als Moment des Innehaltens vor einer Richtungsentscheidung. Eine Pause, die Raum schafft für Klarheit. Vielleicht sogar für Vernunft. Politik, so zeigt diese Episode, braucht manchmal Abstand, um voranzukommen. Oder, um es weniger feierlich zu sagen: Manchmal hilft ein bisschen Zucker, damit die bittere Medizin besser runtergeht.

    Heute wird der Begriff meist routiniert verwendet, fast schon beiläufig. Parlamente schließen, Ministerien fahren herunter, das politische Leben verlangsamt sich. Doch die historische Tiefenschärfe dieser Redewendung erinnert daran, dass solche Pausen nie neutral sind. Sie spiegeln Machtverhältnisse, gesellschaftliche Erwartungen und wirtschaftliche Interessen. Damals wie heute.

    Bleibt die Hoffnung, dass die aktuelle trêve des confiseurs mehr hervorbringt als ein paar zusätzliche Pfunde auf den Hüften der Abgeordneten. Dass sie Ideen reifen lässt, Kompromisse vorbereitet, Blockaden löst. Die Geschichte zeigt: Es ist nicht ausgeschlossen. Manchmal entscheidet sich die Zukunft eines Landes genau zwischen den Jahren, irgendwo zwischen Marzipan und Mandarine.

    Andreas M. Brucker

  • Léo Montbrise – Eine musikalische Reise durch Frankreich

    Léo Montbrise – Eine musikalische Reise durch Frankreich

    Ma vie: „Je suis né dans un paysage qui ne demandait rien…“

    Der Chanson, mit dem Léo Montbrise sein Leben beschreibt.


  • Marseille: Ein ausgebranntes Auto, ein Toter, ein Schwerverletzter – und viele offene Fragen

    Marseille: Ein ausgebranntes Auto, ein Toter, ein Schwerverletzter – und viele offene Fragen

    Manchmal verdichtet sich Gewalt auf wenige Stunden, als habe sich etwas lange aufgestaut und entlade sich nun mit brutaler Wucht. Genau diesen Eindruck hinterlassen die Ereignisse, die sich am Weihnachtstag im Großraum Marseille abgespielt haben. Ein verbranntes Fahrzeug, ein Leichnam im Kofferraum, ein Mann mit einer Schussverletzung im Krankenhaus – und eine Stadt, die erneut mit einem altbekannten Gespenst konfrontiert ist. Am Donnerstag, dem 25. Dezember, wurde in Septèmes-les-Vallons, einer Gemeinde nördlich von Marseille, ein Auto entdeckt, das vollständig ausgebrannt war. Im Kofferraum: eine Leiche. Die Nachricht verbreitete sich rasch, zunächst als Gerücht, dann bestätigt durch Ermittlerkreise. Kurz darauf wurde bekannt, dass insgesamt zwei Fahrzeuge in Brand gesteckt worden waren. Und damit nahm der Fall eine Wendung, die selbst erfahrene Polizeibeamte kurz innehalten ließ. Denn eines der beiden Autos war wenige Stunden zuvor noch in Gebrauch gewesen. Mit eben diesem Wage…

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  • Wenn Weihnachtsgeschenke auf Wanderschaft gehen

    Wenn Weihnachtsgeschenke auf Wanderschaft gehen

    Der erste Kaffee dampft noch, draußen hängt der Himmel grau über den Dächern, drinnen liegen Geschenkpapier und Schleifen wie Konfetti nach einer langen Nacht. Ein Blick aufs Handy. Nicht, um „Frohe Weihnachten“ zu schreiben, sondern um Fotos zu machen. Karton. Etikett. Inhalt. Klick. Noch ein Klick. Hochladen.

    So begann in Frankreich für Hunderttausende Menschen der 25. Dezember.

    Kaum sind die Geschenke ausgepackt, wechseln sie den Besitzer. Und zwar schneller als je zuvor. Fast 900.000 Anzeigen tauchten binnen weniger Stunden auf Online Plattformen auf. Eine Zahl, die selbst abgebrühte Marktexperten kurz schlucken ließ. Rekord. Und ein ziemlich deutlicher Fingerzeig.

    Was steckt dahinter? Ein kalter Blick auf den Wert der Dinge? Pragmatismus? Oder schlicht die Lust, aus etwas Unpassendem wieder Bargeld zu machen? Wahrscheinlich von allem ein bisschen. Und genau darin liegt die eigentliche Geschichte.

    Der digitale Marktplatz kennt keine Feiertage

    Schon in den frühen Morgenstunden meldete eBay rund 500.000 neue Anzeigen. Im Vorjahr lag die Zahl deutlich darunter. Auch Rakuten France verzeichnete mit knapp 390.000 Inseraten einen kräftigen Zuwachs. Und das alles, während viele noch im Schlafanzug am Frühstückstisch saßen.

    Man muss sich das mal vorstellen. Früher wanderte ein ungeliebtes Geschenk in den Schrank. Oder in den Keller. Oder wurde irgendwann heimlich weiterverschenkt. Heute landet es sofort online. Kein Zögern, kein schlechtes Gewissen. Ein paar Fotos, ein Preis, fertig.

    Ist das respektlos gegenüber dem Schenkenden? Oder einfach nur ehrlich?

    Die Plattformen selbst rechnen damit, dass die Millionengrenze in den Tagen nach Weihnachten fällt. Die Nachfrage ist da, die Technik steht bereit, und die Hemmschwelle ist längst gefallen.

    Ein Verhalten, das zur Gewohnheit wurde

    Was früher als Tabu galt, gehört inzwischen fast zum guten Ton. Laut aktuellen Erhebungen sollen rund 20 Millionen Französinnen und Franzosen mindestens einmal im Jahr ein Geschenk weiterverkaufen. Eine Zahl, die sich sehen lassen kann. Und die zeigt: Recommerce ist kein Nischenphänomen mehr.

    Dabei geht es längst nicht nur ums Geld. Klar, ein paar Euro extra schaden niemandem. Doch viele sehen darin etwas anderes. Ordnung schaffen. Platz gewinnen. Dinge in Umlauf bringen, statt sie verstauben zu lassen.

    „Warum etwas behalten, das ich nie benutze?“ Diese Frage hört man oft. Und sie klingt erstaunlich vernünftig.

    Gleichzeitig schwingt ein neuer Umgang mit Konsum mit. Weniger Besitz, mehr Flexibilität. Heute gekauft, morgen verkauft. Die Dinge bleiben in Bewegung, fast wie Leihobjekte im großen Kreislauf der Wünsche.

    Welche Geschenke besonders häufig weiterziehen

    Ein Blick auf die beliebtesten Kategorien erzählt viel über unsere Zeit.

    Ganz oben stehen kulturelle Produkte. Bücher, Videospiele, DVDs. Dinge, die man schnell konsumiert oder die schlicht nicht den Geschmack treffen. Danach folgt Hightech. Smartphones, Kopfhörer, Smartwatches. Hier lockt der hohe Wiederverkaufswert. Kaum genutzt, fast neu, begehrt.

    Und dann wären da noch die Spielwaren. Vor allem bei Familien mit mehreren Kindern zeigt sich ein nüchterner Blick. Doppelte Geschenke? Weg damit. Altersunpassend? Ebenfalls.

    Manchmal steckt hinter einer Anzeige auch eine kleine Familiengeschichte. Die Großtante schenkt das falsche Spiel. Der Onkel, der das neueste Gadget verschenkt, obwohl das alte noch tadellos funktioniert. Niemand meint es böse. Aber nicht alles passt.

    Zwischen Haushaltskasse und Haltung

    Im Durchschnitt holen Verkäufer rund 100 Euro aus ihren Weihnachtsgeschenken heraus. Manche deutlich mehr. Gerade bei Elektronik können schnell 300 Euro oder mehr zusammenkommen. Das ist kein Taschengeld.

    Und ja, das Geld hilft. Die Lebenshaltungskosten steigen, die Mieten drücken, der Wocheneinkauf kostet spürbar mehr als noch vor ein paar Jahren. Da wirkt ein unerwarteter Geldzufluss wie ein kleiner Puffer.

    Doch es wäre zu einfach, alles auf wirtschaftliche Zwänge zu schieben.

    Denn parallel wächst das Bewusstsein für Nachhaltigkeit. Für Kreisläufe. Für den Wert gebrauchter Dinge. Second Hand riecht längst nicht mehr nach Verzicht, sondern nach Vernunft. Oder sogar nach Stil.

    Trotzdem bleibt ein schaler Beigeschmack. Wenn so viele neue Produkte ungenutzt weiterverkauft werden, was sagt das über unser Schenkverhalten? Kaufen wir zu viel? Zu schnell? Zu gedankenlos?

    Oder gehört genau das zur modernen Ökonomie – ausprobieren, bewerten, weiterreichen?

    Die stille Revolution der Normalität

    Interessant ist vor allem eines: Die Reaktion der Gesellschaft. Kaum Empörung. Kein moralischer Aufschrei. Stattdessen Schulterzucken. Ach ja, klar, machen doch alle.

    Was früher peinlich wirkte, gilt heute als smart. Und wer geschickt verkauft, finanziert vielleicht gleich das nächste Wunschobjekt. Ein Geschenk wird zum Startkapital. Klingt fast schon unternehmerisch.

    Plattformen reagieren darauf. Bessere Apps. Schnellere Uploads. Automatische Preisvorschläge. Alles zielt darauf ab, den Moment zwischen Auspacken und Inserieren möglichst kurz zu halten.

    Und irgendwo sitzt jemand auf dem Sofa, scrollt durch die Angebote und denkt: Genau das habe ich gesucht.

    Wohin führt diese Entwicklung?

    Die Zeichen stehen klar auf Wachstum. Recommerce bleibt. Wahrscheinlich intensiviert er sich sogar. Neue Services entstehen, Tauschmodelle, Rückkaufprogramme, vielleicht spezielle Weihnachtsmodi für besonders schnelle Verkäufe.

    Die entscheidende Frage lautet jedoch: Lernen wir daraus?

    Schenken wir bewusster? Persönlicher? Oder akzeptieren wir, dass Geschenke heute Teil eines größeren Kreislaufs sind – mit offenem Ausgang?

    Vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Zwischen gut gemeint und gut genutzt. Zwischen Emotion und Effizienz.

    Und mal ehrlich: Ist es nicht besser, ein ungenutztes Geschenk findet ein neues Zuhause, statt jahrelang Staub zu sammeln?

    Ein Gedanke, der hängen bleibt.

    Am Ende dieses ungewöhnlichen Weihnachtskapitels steht kein Skandal, sondern ein Spiegel. Einer, der zeigt, wie sich Werte verschieben. Leise, unspektakulär, aber nachhaltig. Und während der letzte Karton entsorgt wird, beginnt für manche Geschenke bereits das nächste Kapitel.

    Ganz normal.
    Fast schon gemütlich.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Wenn der Mont-Saint-Michel leuchtet – Weihnachten am Rand der Gezeiten

    Wenn der Mont-Saint-Michel leuchtet – Weihnachten am Rand der Gezeiten

    Der Wind trägt Salz in der Luft, irgendwo klirren Schritte auf altem Stein, und über allem schwebt ein Licht, das mehr verspricht als bloße Dekoration. Wer den Mont-Saint-Michel in diesen Wintertagen besucht, erlebt keinen gewöhnlichen Weihnachtsmarkt mit Glühweinduft und Gedränge. Hier geschieht etwas Anderes. Etwas Leiseres. Etwas, das hängen bleibt.

    Zwischen dem 10. Dezember 2025 und dem 4. Januar 2026 verwandelt sich der berühmte Felsen in ein poetisches Bühnenbild unter dem Titel Mont et Merveilles. Kein Rummel, keine Kirmes. Stattdessen ein Dialog zwischen Jahrhunderten – und zwischen Licht und Dunkelheit.

    Man steht da, schaut nach oben, und denkt unwillkürlich: Wann hat dieser Ort zuletzt so sanft geatmet?


    Ein Ort, der sonst streng wirkt – und plötzlich lächelt

    Der Mont besitzt im Alltag eine gewisse Strenge. Seine Mauern erzählen von Glauben, Macht, Entbehrung. Im Sommer drängen sich Besucher durch enge Gassen, Kameras klicken, Stimmen hallen. Doch im Winter senkt sich Ruhe über die Bucht. Die Gezeiten kommen, die Gezeiten gehen, und der Felsen scheint für sich zu sein.

    Gerade diese Stille nutzt die neue Inszenierung. Lichtinstallationen legen sich wie ein Schleier über das Dorf, wandern die Mauern hinauf, tasten sich vorsichtig an die Abtei heran. Nichts blinkt hektisch. Alles wirkt bewusst gesetzt – fast respektvoll.

    Manche Projektionen erinnern an fließendes Wasser, andere an Sterne oder schwebende Formen. Kinder bleiben stehen, Erwachsene ebenso. Gespräche verstummen. Und ja, man friert ein wenig. Aber gehört das nicht dazu?


    Ein Spaziergang, kein Spektakel

    Wer erwartet, dass jede Ecke laut um Aufmerksamkeit buhlt, liegt daneben. Mont et Merveilles funktioniert wie ein langsamer Spaziergang. Ein Pfad aus Licht führt vom unteren Dorf bis hinauf zur Abtei. Keine Pfeile, keine Durchsagen. Man folgt einfach dem eigenen Tempo.

    Zwischendurch tauchen leuchtende Skulpturen auf – abstrahiert, märchenhaft, manchmal fast verspielt. Sie stehen da, als wären sie schon immer Teil des Ortes gewesen. Und genau das überrascht: Nichts wirkt aufgesetzt.

    Eine ältere Besucherin aus der Normandie sagt leise zu ihrer Begleiterin: „So habe ich den Mont noch nie gesehen.“ Dann lacht sie kurz. „Fast menschlich.“


    Musik, Stimmen, Atempausen

    Neben den Lichtinstallationen lebt die Weihnachtszeit hier von Klängen. In der Abtei erklingen Konzerte – Choräle, barocke Stücke, gelegentlich auch Gospel. Der Raum trägt die Stimmen mühelos, lässt sie steigen, sich vermischen, wieder verschwinden.

    Abends gibt es Laternenwanderungen. Kleine Gruppen ziehen durch die Gassen, begleitet von Erzählungen und Musik. Kein Mikrofon, kein Verstärker. Nur Stimme, Stein und Nacht.

    Man hört Geschichten über Pilger, über die See, über Wunder und Zweifel. Manche Zuhörer nicken. Andere schauen einfach nur.

    Und irgendwo denkt man: Braucht es wirklich mehr als das?


    Zwischen Geschichte und Gegenwart

    Der Balanceakt ist heikel. Ein Ort wie der Mont-Saint-Michel trägt Gewicht. Zu viel Inszenierung, und die Geschichte verschwimmt. Zu wenig, und das Ganze bleibt bedeutungslos.

    Hier scheint der Mittelweg gelungen. Die Lichtkunst hebt architektonische Linien hervor, ohne sie zu übermalen. Die Veranstaltungen nutzen bestehende Räume, statt neue Kulissen aufzubauen. Selbst die modernen Elemente fügen sich ein – ruhig, fast zurückhaltend.

    Natürlich gibt es Kritiker. Manche fragen, ob ein spiritueller Ort Weihnachten überhaupt „bespielen“ sollte. Andere sorgen sich um die Grenze zwischen Andacht und Event.

    Doch während man dort steht, den Blick über die dunkle Bucht schweifen lässt, wirken diese Fragen seltsam fern. Vielleicht, weil der Ort selbst antwortet – ohne Worte.


    Familien, Paare, Alleinreisende

    Auffällig ist die Mischung der Besucher. Familien mit Kindern, die staunend vor den Lichtern stehen. Paare, die sich in Schals wickeln und schweigend gehen. Einzelne Reisende, die lange verweilen, als wollten sie jeden Moment speichern.

    Für Kinder gibt es spezielle Angebote – kleine Erzählstunden, kreative Workshops, kurze Aufführungen. Nichts Überdrehtes. Eher Einladungen zum Zuhören und Mitmachen.

    Ein Vater beugt sich zu seinem Sohn hinunter und flüstert: „Schau, der Berg schläft nicht.“ Der Junge nickt ernst.

    Solche Szenen bleiben hängen.


    Die Bucht als Bühne

    Nicht nur der Mont selbst spielt eine Rolle. Auch die Bucht wird Teil der Inszenierung. Spiegelungen im feuchten Sand, Lichtpunkte in der Ferne, Nebel, der plötzlich auftaucht und alles weicher macht.

    Manchmal verschwindet der Felsen fast darin. Dann taucht er wieder auf – scharf gezeichnet, monumental. Dieses Wechselspiel verstärkt das Gefühl, Zeuge von etwas Vergänglichem zu sein.

    Weihnachten hier fühlt sich nicht laut an. Eher wie ein Innehalten.


    Tourismus jenseits der Hochsaison

    Für die Region bedeutet das Ereignis mehr als schöne Bilder. Der Winter galt lange als Randzeit. Hotels schlossen, Restaurants reduzierten Öffnungszeiten. Mont et Merveilles bringt Leben zurück – aber auf leise Art.

    Besucher bleiben länger, kommen bewusst, planen ihren Aufenthalt. Viele kombinieren den Besuch mit Spaziergängen durch die Bucht, mit regionaler Küche, mit kleinen Orten in der Umgebung.

    Ein Wirt erzählt lachend, dass Gäste abends weniger reden als sonst. „Sie wirken noch ganz… erfüllt.“ Dann zuckt er mit den Schultern. „Mir soll’s recht sein.“


    Zweifel, Diskussionen, Akzeptanz

    Natürlich lief nicht alles reibungslos. Verkehrsfragen, Besucherlenkung, Schutz der empfindlichen Umgebung – all das blieb Thema. Auch die Frage nach Wiederholung steht im Raum.

    Doch die Resonanz fällt überwiegend positiv aus. Viele empfinden die Veranstaltung als respektvoll, als Bereicherung. Nicht als Ersatz für die Geschichte, sondern als zeitgenössische Ergänzung.

    Und vielleicht liegt genau darin die Stärke. Der Mont bleibt, was er immer war. Nur für ein paar Wochen erzählt er eine zusätzliche Geschichte.


    Ein Ort, der nachklingt

    Wenn man den Mont am späten Abend verlässt, liegt die Bucht dunkel da. Die Lichter verblassen langsam, der Wind frischt auf. Schritte entfernen sich, Stimmen werden leiser.

    Man dreht sich noch einmal um.

    Der Felsen steht da – ruhig, erhaben, beinahe wachsam. Und man weiß: Dieses Bild nimmt man mit. Nicht als Postkarte, sondern als Gefühl.

    War das nun Weihnachtszauber oder einfach ein guter Moment?

    Vielleicht beides.


    Ein stiller Abschied

    Wenn Anfang Januar die letzten Installationen verschwinden, kehrt der Mont zu seiner winterlichen Zurückhaltung zurück. Kein Feuerwerk. Kein großes Finale.

    Nur Stein, Wasser, Himmel.

    Und die Erinnerung an eine Zeit, in der Licht nicht laut sein musste, um zu wirken.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Zwischen Glockengeläut und Zweifel – erlebt der katholische Glaube in Frankreich ein Comeback?

    Zwischen Glockengeläut und Zweifel – erlebt der katholische Glaube in Frankreich ein Comeback?

    An einem kühlen Frühlingsabend in Paris stehen junge Menschen vor einer Kirche im zehnten Arrondissement. Einige lachen nervös, andere schweigen. Drinnen wartet die Osternacht. Weihwasser. Kerzenlicht. Alte Worte, die plötzlich neu klingen. Ein Einzelfall? Oder doch ein Zeichen der Zeit?

    Frankreich und der katholische Glaube – das bleibt eine komplizierte Liebesgeschichte. Jahrzehntelang galt Religion hier als höflich geduldeter Rest aus einer anderen Epoche. Laizität als Staatsprinzip, Skepsis als gesellschaftlicher Konsens. Und doch flackert seit einiger Zeit etwas auf, leise, unaufdringlich, aber spürbar. Ein Hauch von Rückkehr. Oder täuscht das?


    Zahlen, die aufhorchen lassen – und trotzdem Fragen offenlassen

    Im Frühjahr 2025 sorgte eine Zahl für hochgezogene Augenbrauen: Über 10.000 Erwachsene ließen sich in der Osternacht taufen. Ein Plus von fast 45 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Bestätigt von der Conférence des évêques de France.

    Solche Zahlen passen so gar nicht zum gängigen Bild eines religiös ausgekühlten Landes. Jahrzehntelang gingen Taufen zurück, Gemeinden schrumpften, Priester wurden rar. Und plötzlich das?

    Wer genauer hinschaut, erkennt eine Besonderheit: Ein großer Teil dieser Neugetauften ist jung. Sehr jung. Viele zwischen 18 und 25. Menschen also, die ohne kirchliche Sozialisation aufwuchsen, ohne sonntäglichen Messbesuch, ohne Religionsunterricht, der diesen Namen verdient.

    Warum gerade sie?

    Vielleicht, weil sie in einer Welt groß wurden, die ständig beschleunigt, alles erklärt, aber wenig Halt bietet. Vielleicht auch, weil alte Gewissheiten verschwinden – beruflich, politisch, klimatisch. Oder schlicht, weil die großen Fragen irgendwann lauter klopfen.


    Ein genauerer Blick auf die Praxis

    Noch ein Detail fällt auf. Unter den praktizierenden Katholiken geben heute rund die Hälfte an, regelmäßig zu beichten. Keine folkloristische Pflichtübung, sondern eine bewusste Entscheidung. Für viele Soziologen ein Hinweis auf eine Intensivierung des Glaubens – allerdings in einer sehr begrenzten Gruppe.

    Denn ja, diese Gruppe bleibt klein.

    Die nüchternen Zahlen zeigen weiterhin eine klare Richtung: Die große Mehrheit der Franzosen lebt ohne religiöse Praxis. Nur etwa 2 Prozent besuchen laut jüngeren Erhebungen jeden Sonntag die Messe. Der Glaube als Alltagsbegleiter? Für die meisten Fehlanzeige.

    Hier liegt der Kern des Paradoxons: Weniger Gläubige, aber engagiertere.


    Die lange Kurve seit 1950 – vom Selbstverständnis zur Randposition

    In den 1950er Jahren galt Frankreich noch als katholisches Kernland. Über 80 Prozent der Bevölkerung bezeichneten sich als katholisch. Die Sonntagsmesse gehörte für viele zum Wochenrhythmus wie das Baguette auf dem Tisch.

    Dann kam der Bruch.

    Die 1960er. Urbanisierung. Bildungsboom. Mai 68. Autoritäten verloren an Glanz – auch die kirchliche. Von da an ging es stetig bergab. Nicht abrupt, eher wie ein langsames Ausfransen.

    Heute bezeichnen sich zwar noch viele als „katholisch“, doch oft meint das eher Herkunft als Überzeugung. Taufe als Familientradition. Kirche als Kulisse für Hochzeiten. Mehr Symbol als Substanz.

    Studien des Pew Research Center zeigen: Frankreich gehört zu den am stärksten säkularisierten Ländern Europas. Der Glaube an Gott sinkt weiter. Selbst unter nominellen Katholiken.

    Und trotzdem – diese neuen Zahlen passen nicht ganz ins Bild.


    Ein Glaube, der sich verwandelt

    Die Kirche in Frankreich wirkt heute anders als noch vor dreißig Jahren. Weniger Volkskirche. Mehr Netzwerk. Weniger Pflicht. Mehr Entscheidung.

    Soziologen sprechen von einer post-charismatischen Phase. Klingt sperrig, meint aber etwas Einfaches: Der Glaube ist kein Massenphänomen mehr, sondern ein bewusst gewählter Lebensstil. Oft verbunden mit sozialem Engagement, geistlicher Bildung, Diskussionen, die eher an Seminare erinnern als an Kanzelpredigten.

    Man trifft diese neuen Katholiken nicht nur in Kirchenbänken, sondern auch bei Suppenküchen, Debattenabenden, Umweltprojekten. Glauben als Haltung. Nicht als Regelwerk.

    Ein junger Mann aus Lyon brachte es kürzlich so auf den Punkt:
    „Ich suche keine Antworten von gestern. Ich suche Tiefe. Und Ehrlichkeit.“
    Klingt fast nach Start up Kultur. Nur mit Weihrauch.


    Die Jugend – überraschender Motor einer alten Religion

    Gerade junge Erwachsene rücken in den Fokus. Studien und Reportagen, unter anderem von Le Monde, zeigen ein wachsendes Interesse an Spiritualität. Nicht nur christlich, auch buddhistisch, muslimisch, esoterisch.

    Was sie verbindet: die Sehnsucht nach Sinn.

    Klimakrise. Kriege. Dauerkrisenmodus. Viele empfinden die Welt als fragil. Leistung allein reicht nicht mehr als Lebenssinn. Und genau hier taucht Religion wieder auf – nicht als Dogma, sondern als Angebot.

    Warum also nicht der Katholizismus? Alte Rituale. Jahrtausendealte Texte. Eine gewisse Ernsthaftigkeit, die im schnellen digitalen Alltag selten geworden ist.

    Ironisch, oder? Gerade das, was lange als verstaubt galt, wirkt plötzlich entschleunigend.


    Kein Massenphänomen – und doch mehr als ein Strohfeuer

    Trotz aller Dynamik bleibt Vorsicht angebracht. Von einer religiösen Renaissance im klassischen Sinn lässt sich kaum sprechen. Die Strukturen der Gesellschaft bleiben säkular. Schule, Politik, Medien – Religion spielt dort eine Nebenrolle.

    Auch die Kirche selbst steht vor massiven Herausforderungen: Priestermangel, Vertrauensverlust durch Missbrauchsskandale, interne Spannungen zwischen Tradition und Reform.

    Und dennoch entsteht etwas Neues. Kein Rückgriff auf die 1950er. Kein Marsch zurück in eine imaginierte goldene Vergangenheit. Sondern eine kleine, aber intensive Bewegung, getragen von Menschen, die bewusst Ja sagen – während viele andere längst Nein gesagt haben.

    Ist das weniger wert? Oder vielleicht sogar ehrlicher?


    Zwei Wahrheiten nebeneinander

    Frankreich bleibt ein säkulares Land. Daran zweifelt niemand ernsthaft. Der katholische Glaube prägt nicht mehr die Mehrheit. Punkt.

    Aber gleichzeitig existiert eine andere Realität: ein Glaube, der schmaler, aber tiefer geworden ist. Weniger automatisch. Mehr gesucht. Mehr diskutiert. Mehr gelebt.

    Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Veränderung.

    Nicht in Zahlenkolonnen. Sondern in Biografien.

    In jungen Menschen, die sich taufen lassen, obwohl niemand es von ihnen erwartet.
    In Gemeinden, die kleiner sind, aber lebendig.
    In Gesprächen, die nicht mit Gewissheiten enden, sondern mit weiteren Fragen.

    Und mal ehrlich: Ist das nicht genau das, was Glauben immer sein sollte?


    Ein vorsichtiger Ausblick

    Ob diese Bewegung anhält, weiß niemand. Vielleicht ebbt sie ab. Vielleicht wächst sie langsam weiter. Sicher ist nur: Das Thema Religion verschwindet nicht. Es verändert seine Gestalt.

    Frankreich erlebt keinen spirituellen Frühling im großen Stil. Aber vielleicht viele kleine Knospen. Unauffällig. Unperfekt. Echt.

    Und manchmal reicht das.

    Ein Artikel von M. Legrand