Kategorie: Grand Est

  • Wenn Burgund golden wird: Herbstgenuss in der Côte-d’Or

    Wenn Burgund golden wird: Herbstgenuss in der Côte-d’Or

    Goldene Weinberge, bunt schimmernde Ziegeldächer und ein Senf, der weit mehr zu bieten hat als Schärfe: Im Herbst zeigt sich die Côte-d’Or von ihrer genussvollsten Seite. Zwischen Dijon, Beaune und den berühmten Winzerdörfern erzählt Burgund von jahrhundertealtem Handwerk, großer Weinkultur und der wunderbaren Kunst, das Leben nicht zu überstürzen.

    Es gibt Landschaften, die im Herbst regelrecht aufblühen. Die Côte-d’Or gehört dazu. Sobald die Tage kürzer und die Morgen kühler ausfallen, verwandeln sich ihre Weinberge in ein Mosaik aus Goldgelb, Kupferrot und warmem Orange. Nebelschwaden ziehen durch die Täler, während die ersten Sonnenstrahlen über den sanften Hügeln tanzen.

    Rund um Pommard und Volnay reihen sich die Rebstöcke wie sorgfältig gezogene Pinselstriche aneinander. Zwischen alten Steinmauern führen schmale Wege durch eine Landschaft, deren berühmte Namen Weinliebhabern weltweit vertraut sind.

    Doch Burgund allein auf seine edlen Tropfen zu reduzieren, wäre ungefähr so, als würde man Paris ausschließlich wegen des Eiffelturms besuchen.

    Hier steckt der Genuss in jeder Gasse, hinter jeder Kellertür und manchmal sogar in einem unscheinbaren Senfglas.

    Dijon: Wo der Senf zur kleinen Wissenschaft wird

    In Dijon beginnt die Entdeckungsreise mit einer Spezialität, die beinahe jeder kennt und über die erstaunlich wenige wirklich Bescheid wissen.

    Senf.

    In der malerischen Rue de la Chouette lädt die traditionsreiche Senfmanufaktur Fallot zu einer kulinarischen Begegnung ein. Hier mahlen Steinmühlen die Senfkörner nach überlieferten Verfahren. Besucher entdecken, wie aus wenigen Zutaten eine erstaunliche Vielfalt an Aromen entsteht.

    Mal mild, mal würzig, gelegentlich mit einer überraschend eleganten Weinnote.

    Dabei lohnt ein genauer Blick auf die Etiketten. Die Bezeichnung „Moutarde de Dijon“ beschreibt vor allem eine Herstellungsart und garantiert keineswegs eine Herkunft aus Dijon. Anders verhält es sich mit der geschützten „Moutarde de Bourgogne“. Ihre Senfkörner und der verwendete Weißwein stammen aus Burgund, ebenso die Verarbeitung.

    Ein kleines Glas voller regionaler Identität.

    Nur wenige Schritte entfernt zeigt Dijon eine weitere Spezialität: seine Architektur. Das prachtvolle Hôtel de Vogüé aus dem frühen 17. Jahrhundert trägt ein Dach aus farbig glasierten Ziegeln. Die geometrischen Muster erinnern an einen kostbaren Teppich, den jemand über die Dächer der Stadt gelegt hat.

    Manchmal lohnt es sich eben, den Blick vom Schaufenster zu lösen.

    Die Route des Grands Crus: Gold zwischen den Reben

    Südlich von Dijon beginnt eine der berühmtesten Weinstraßen Frankreichs. Die rund 60 Kilometer lange Route des Grands Crus führt durch eine Landschaft, deren Ortsnamen beinahe wie ein Gedicht klingen.

    Gevrey-Chambertin, Vosne-Romanée, Nuits-Saint-Georges, Pommard, Meursault.

    Hinter jedem Namen verbirgt sich eine eigene Geschichte aus Boden, Klima und menschlicher Geduld.

    Besonders faszinierend sind die sogenannten Climats. Damit bezeichnen die Burgunder exakt abgegrenzte Weinbergsparzellen, deren unterschiedliche Eigenschaften den Charakter ihrer Weine prägen. Seit 2015 gehört diese außergewöhnliche Kulturlandschaft zum UNESCO-Welterbe.

    Was unterscheidet schließlich einen großen Weinberg vom benachbarten, nur wenige Schritte entfernten Stück Erde?

    Manchmal entscheidet eine kaum sichtbare Veränderung des Bodens, manchmal die Neigung des Hangs oder die Sonneneinstrahlung.

    Im Herbst offenbart die Landschaft ihre Unterschiede besonders eindrucksvoll. Während einzelne Parzellen bereits tiefrot leuchten, schimmern andere noch gelbgrün.

    Wer hier zu Fuß unterwegs ist, versteht schnell: Burgund verlangt keine Eile.

    Beaune: Ein Dach erzählt von Menschlichkeit

    In Beaune wartet eines der schönsten historischen Bauwerke Frankreichs.

    Das Hôtel-Dieu, gegründet 1443 von Nicolas Rolin und seiner Frau Guigone de Salins, beeindruckt zunächst mit seinen farbenprächtigen Ziegeldächern. Gelbe, grüne, rote und schwarze Muster schmücken den Innenhof und verleihen dem Gebäude einen beinahe märchenhaften Charakter.

    Doch hinter dieser Pracht steckt eine berührende Geschichte.

    Das Hospital entstand als Zufluchtsort für arme und kranke Menschen. Während draußen Armut und Krankheiten den Alltag bestimmten, fanden Bedürftige hier Pflege, Nahrung und ein Dach über dem Kopf.

    Bis ins 20. Jahrhundert erfüllte die Einrichtung medizinische Aufgaben.

    Heute erzählen die historischen Krankensäle von einer Zeit, in der Wohltätigkeit, Glauben und gesellschaftliches Ansehen eng miteinander verbunden waren.

    Wer durch den Innenhof schlendert, betrachtet die berühmten Dächer plötzlich mit anderen Augen.

    Wenn der Herbst auf den Teller kommt

    Und was wäre eine Reise durch Burgund ohne seine Küche?

    Spätestens wenn die Abendluft kühler wird, locken gemütliche Gasthäuser mit herzhaften Spezialitäten.

    Ein langsam geschmortes Bœuf bourguignon, Eier in kräftiger Rotweinsauce, würziger Époisses oder frisch gebackene Gougères passen wunderbar zur Jahreszeit. Dazu ein Glas Burgunderwein und ein Gespräch, das ruhig etwas länger dauern darf.

    In den Markthallen von Dijon duften Käse, Gewürzbrot und regionale Köstlichkeiten um die Wette.

    Hier zeigt sich jene französische Lebensart, die keinen großen Auftritt braucht.

    Ein guter Tisch genügt.

    Vielleicht liegt gerade darin das Geheimnis der Côte-d’Or. Zwischen goldenen Reben, jahrhundertealten Mauern und liebevoll gepflegten Traditionen verliert die Uhr ein wenig ihre Bedeutung.

    Warum also von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit hetzen, wenn hinter der nächsten Kurve schon ein weiterer schöner Augenblick wartet?

    Burgund im Herbst ist keine Reise zum Abhaken. Es ist eine Einladung zum Schauen, Schmecken und Verweilen.

    Und manchmal bleibt von einem solchen Wochenende nicht nur die Erinnerung an einen außergewöhnlichen Wein, sondern auch ein kleines Glas Senf im Reisegepäck.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Großdeutsche Fantasien: Warum ein AfD-Post in Frankreich alte Wunden aufreißt

    Großdeutsche Fantasien: Warum ein AfD-Post in Frankreich alte Wunden aufreißt

    Stand: 12. Oktober 2026 Eine Landkarte, ein umstrittener Beitrag zum Tag der Deutschen Einheit und ein Rücktritt: Die Veröffentlichung des AfD-Jugendfunktionärs Luca Maurice Strauf hat eine Debatte ausgelöst, die weit über die deutsche Innenpolitik hinausreicht. In Frankreich stießen seine Vorstellungen von einem größeren deutschen Nationalstaat parteiübergreifend auf Ablehnung. Besonders im Elsass und im Département Moselle berührt die Affäre historische Erfahrungen, die bis heute das Verhältnis zu Deutschland prägen. Am 3. Oktober, dem deutschen Nationalfeiertag, veröffentlichte Strauf auf der Plattform X eine Karte Europas, auf der neben Deutschland auch Österreich, Luxemburg, Teile der Schweiz und Italiens sowie französische Gebiete im Elsass und in Lothringen farblich hervorgehoben waren. Die Wiedervereinigung Deutschlands von 1990 bezeichnete er als «Etappen-Sieg». Deutsche Einheit bedeute, «das gesamte deutsche Volk in einem Staat» zu vereinen. Der Beitrag wurde wenig später gel…

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  • Dürre in den Vogesen: Wenn um 21.30 Uhr das Wasser abgestellt wird

    Dürre in den Vogesen: Wenn um 21.30 Uhr das Wasser abgestellt wird

    Stand: 12. Oktober 2026

    In den Vogesen ist Wasser inzwischen keine Selbstverständlichkeit mehr. In den Gemeinden Vagney und Sapois bleiben seit dem 8. Oktober jede Nacht die Wasserhähne trocken. Zwischen 21.30 Uhr und 6 Uhr morgens unterbricht der zuständige Gemeindeverband die Trinkwasserversorgung. Was zunächst nach einer vorübergehenden Notmaßnahme klingt, besitzt bislang kein Enddatum. Die Wasserreserven sind erschöpft, die Quellen liefern zu wenig Nachschub. Selbst die jüngsten Regenfälle bringen keine Entwarnung.

    Wenn der Alltag plötzlich nach der Wasseruhr tickt

    Noch schnell duschen, die Waschmaschine einschalten oder das Geschirr vom Abendessen spülen? In Vagney und Sapois entscheidet darüber inzwischen die Uhrzeit. Wer nach 21.30 Uhr den Wasserhahn aufdreht, wartet vergeblich auf das vertraute Rauschen.

    Achteinhalb Stunden dauert die nächtliche Unterbrechung. Für Berufstätige, Familien und ältere Menschen bedeutet das eine erhebliche Umstellung. Waschmaschinen und Geschirrspüler sollen während dieser Zeit ausgeschaltet bleiben. Wer morgens früh zur Arbeit muss, sollte rechtzeitig vorsorgen.

    Hinter der drastischen Maßnahme steckt eine einfache Rechnung: Nachts soll sich in den Wasserspeichern wieder genügend Wasser sammeln, um die Versorgung am folgenden Tag sicherzustellen. Der Gemeindeverband Hautes Vosges spricht von einer außergewöhnlich angespannten Situation.

    Warum der Herbstregen nicht ausreicht

    Eigentlich müsste der Herbst Erleichterung bringen. Die Temperaturen sinken, die Vegetation benötigt weniger Wasser, und gelegentliche Regenschauer lassen die Landschaft wieder grüner erscheinen.

    Doch der Schein trügt.

    Bereits seit April geht der Grundwasserzufluss in Vagney kontinuierlich zurück. Die unterirdischen Reserven liegen mittlerweile auf einem besonders niedrigen Niveau. Einige Regentage reichen nicht aus, um die über Monate entstandenen Defizite auszugleichen.

    Der Grund liegt im natürlichen Wasserkreislauf. Niederschläge müssen zunächst in den Boden eindringen und tiefere Gesteinsschichten erreichen. Erst dann füllen sich die Grundwasservorkommen. Nach längeren Trockenperioden braucht dieser Prozess Zeit und vor allem wiederholte, ergiebige Regenfälle.

    Wie ernst die Lage ist, zeigen die jüngsten Zahlen des französischen geologischen Dienstes BRGM. Anfang Oktober lagen 66 Prozent der beobachteten Grundwasserstände in Frankreich unter den jahreszeitlich üblichen Werten.

    Besonders empfindlich reagiert das Vogesenmassiv. Zahlreiche kleinere Ortschaften beziehen ihr Trinkwasser aus Quellen, deren Ergiebigkeit bei anhaltender Trockenheit rasch nachlässt. In früheren Dürrejahren versiegten einzelne Quellen sogar vollständig.

    Rund 8.400 Menschen in besonders betroffenen Gemeinden

    Die Schwierigkeiten beschränken sich längst nicht auf Vagney und Sapois. Im gesamten Département Vosges gilt seit Mitte Juli die höchste französische Dürrewarnstufe, die sogenannte „Crise“.

    Ende September verlängerte die Präfektur die Wasserbeschränkungen bis zum 31. Oktober. Eine frühere Lockerung bleibt möglich, sofern sich die Versorgungslage deutlich verbessert.

    Nach einer damaligen Bestandsaufnahme kämpften rund 15 Gemeinden mit insgesamt etwa 8.400 Einwohnern gegen erhebliche Trinkwasserengpässe. In knapp 80 weiteren Gemeinden bestand ein mengenmäßiges Versorgungsrisiko. Diese Orte versorgen zusammen annähernd 30 Prozent der Bevölkerung des Départements.

    Wie ernst die Situation andernorts bereits ist, zeigt Claudon. Dort kündigte die Gemeindeverwaltung schon Ende August nächtliche Wasserabschaltungen zwischen 22 und 7 Uhr an, mit einer Ausnahme in der Donnerstagnacht. Die Quellen lieferten schlicht nicht mehr genügend Wasser, um den örtlichen Hochbehälter aufzufüllen.

    Zehn Prozent weniger Wasser – jeder Liter zählt

    In Vagney und Sapois appellieren die Behörden nun an die Bevölkerung, ihren Wasserverbrauch um zehn Prozent zu reduzieren. Das entspricht ungefähr 13 Litern pro Person und Tag.

    Kürzer duschen, Wasserhähne nicht unnötig laufen lassen und vermeidbare Verbrauchsspitzen reduzieren – kleine Veränderungen sollen gemeinsam eine spürbare Entlastung bringen.

    Bereits bestehende Verbote bleiben bestehen. Fahrzeuge und Fassaden dürfen nicht gewaschen, private Schwimmbecken weder befüllt noch nachgefüllt werden. Vorrang besitzen Trinkwasser, Kochen, Körperpflege und andere unverzichtbare Bedürfnisse.

    Langfristig steht allerdings mehr auf dem Spiel als sparsames Duschen. Undichte Leitungen, begrenzte Speicherkapazitäten und empfindliche Quellgebiete erschweren die Versorgung. Die Wasseragentur Rhin-Meuse fordert deshalb unter anderem geringere Leitungsverluste, eine bessere Kontrolle der Wasserentnahmen und den Schutz natürlicher Wasserspeicher wie Moore und Feuchtgebiete.

    Für die Menschen in Vagney und Sapois bleibt die Krise vorerst ganz unmittelbar spürbar. Jeden Abend um halb zehn endet die reguläre Wasserversorgung. Erst am nächsten Morgen fließt wieder Wasser aus den Leitungen.

    Wann der gewohnte Alltag zurückkehrt, weiß derzeit niemand.

    Von C. Hatty

  • Dürre in der Meuse: Drei Dörfer warten auf Wasser

    Dürre in der Meuse: Drei Dörfer warten auf Wasser

    Stand: 10. Oktober 2026

    In drei kleinen Dörfern im französischen Département Meuse gehört der Tankwagen inzwischen zum Alltag wie der Bäcker oder der Briefträger. In Lemmes, Osches und Vadelaincourt reicht das Wasser aus den örtlichen Quellen nicht mehr aus. Seit Ende August rollen deshalb regelmäßig Lastwagen mit kostbarer Fracht über die Landstraßen Lothringens. Was zunächst nach einer vorübergehenden Notlösung aussah, entwickelt sich zu einer ernsten Belastungsprobe für die Gemeinden.

    Montag, Mittwoch, Freitag und Samstag. Vier Tage, an denen die Wasserversorgung gewissermaßen auf Rädern anrollt.

    Rund 240.000 Liter Trinkwasser gelangen jede Woche per Tankwagen in den gemeinsamen Speicher der drei Dörfer. Von dort fließt das Wasser durch die gewohnten Leitungen in Küchen, Badezimmer und Waschmaschinen. Am Wasserhahn merkt man zunächst wenig von der Krise. Doch hinter jedem Liter steckt inzwischen ein erheblicher logistischer Aufwand.

    Gerade einmal 376 Menschen leben in den betroffenen Gemeinden. Eine überschaubare Gemeinschaft, in der sich viele Einwohner persönlich kennen und Nachrichten schneller die Runde machen als anderswo.

    Wenn die Quelle plötzlich nicht mehr reicht

    Die Schwierigkeiten begannen lange vor den ersten Tankwagen.

    Seit April fiel in der Gegend ungewöhnlich wenig Regen. Die örtliche Wasserfassung lieferte zunehmend weniger Wasser, bis die Verantwortlichen Ende August die Reißleine ziehen mussten. Am 26. August informierte Vadelaincourt seine Einwohner über die Ersatzversorgung durch ein Transportunternehmen aus Bras-sur-Meuse.

    Seither bestimmt der Wasserstand im Speicher den Rhythmus des Alltags.

    Hervé Corvisier, Präsident des gemeinsamen Wasserverbands, schilderte Ende September eine alarmierende Situation: Ein vollständig gefüllter Speicher reicht ungefähr zwei Tage. Bleibt eine Lieferung aus, gerät die Versorgung rasch unter Druck.

    Und was kostet es, wenn Trinkwasser plötzlich über die Landstraße kommen muss?

    Rund 700 Euro täglich, berichteten französische Medien. Für kleine Gemeinden bedeutet das eine finanzielle Herausforderung, die sich mit jeder weiteren trockenen Woche verschärft.

    Nachbarschaftshilfe mit Grenzen

    Immerhin zeigt sich in der Krise, wie viel kommunale Solidarität wert ist.

    Die Nachbargemeinde Senoncourt-lès-Maujouy erklärte sich bereit, wöchentlich drei Tankwagen mit jeweils 30.000 Litern Wasser zu befüllen. Eine willkommene Unterstützung, allerdings keine unbegrenzte.

    Denn auch dort müssen die Verantwortlichen ihre eigenen Reserven schützen. Während der Befüllung sinkt bei manchen Haushalten möglicherweise kurzzeitig der Wasserdruck.

    So entsteht eine ungewöhnliche Situation: Ein Dorf teilt sein Wasser mit dem anderen und schaut dabei selbst besorgt auf die eigene Quelle.

    Das ist Nachbarschaftshilfe im besten Sinne – allerdings unter Bedingungen, die niemand dauerhaft erleben möchte.

    Ein trockener Herbst verschärft die Sorgen

    Die Zahlen des französischen Wetterdienstes Météo-France erklären, weshalb die Lage so angespannt bleibt.

    Im September 2026 fiel landesweit rund 70 Prozent weniger Niederschlag als üblich. Es war der dritttrockenste September seit 1958. Gleichzeitig lagen die Temperaturen durchschnittlich 3,1 Grad über dem langjährigen Vergleichswert.

    Auch unter der Erdoberfläche sieht es düster aus. Anfang Oktober meldete der geologische Dienst BRGM, dass 66 Prozent der untersuchten Grundwassermessstellen unter ihren üblichen Monatswerten lagen.

    Ein kräftiger Regenschauer allein löst dieses Problem nicht. Ausgetrocknete Böden brauchen Zeit, bis genügend Wasser in tiefere Schichten gelangt. Erst regelmäßige Niederschläge über Wochen und Monate füllen die unterirdischen Reserven wieder auf.

    Die nächste Lieferung ist keine Zukunftsstrategie

    In der Region stehen deshalb langfristige Lösungen zur Diskussion: zusätzliche Wasserquellen, besser vernetzte Leitungen und eine widerstandsfähigere Infrastruktur.

    Doch solche Vorhaben kosten Geld, benötigen Planung und verlangen Zusammenarbeit über Gemeindegrenzen hinweg.

    Wie lange sollen kleine Dörfer noch vom nächsten Tankwagen abhängig bleiben?

    In Lemmes, Osches und Vadelaincourt zeigt sich im Kleinen eine Herausforderung, die Frankreich zunehmend beschäftigt. Der Klimawandel verändert nicht nur Landschaften und Ernten, sondern auch die Versorgungssicherheit unmittelbar vor der eigenen Haustür.

    Noch fließt das Wasser aus den Hähnen.

    Doch irgendwo auf einer Landstraße in der Meuse fährt gerade ein Tankwagen, dessen Ladung für 376 Menschen ein Stück Normalität bedeutet.

    Und plötzlich erscheint jeder Tropfen kostbarer als zuvor.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Amerikas Iran-Sanktionen bringen französische Bioraffinerie an den Rand des Ruins

    Amerikas Iran-Sanktionen bringen französische Bioraffinerie an den Rand des Ruins

    Eine kleine Raffinerie im französischen Burgund gerät ins Visier des amerikanischen Finanzministeriums. Der Grund liegt nicht in ihrer Produktion, sondern in den internationalen Verflechtungen ihres Eigentümers. Der Fall La Nivernaise de Raffinage zeigt, wie weit die wirtschaftlichen Folgen amerikanischer Sanktionen reichen – und wie schnell ein Industriebetrieb seine Handlungsfähigkeit verlieren kann, wenn Banken und Geschäftspartner das Vertrauen entziehen.

    Stand: 9. Oktober 2026

    Im beschaulichen Prémery, einer Kleinstadt im Département Nièvre in der Region Bourgogne-Franche-Comté, steht eine Industrieanlage, deren wirtschaftliche Zukunft inzwischen von Entscheidungen in Washington abhängt. Die Firma La Nivernaise de Raffinage verarbeitet gebrauchte Speiseöle zu Rohstoffen für die Herstellung von Biokraftstoffen. Ein Geschäftsmodell, das eigentlich gut in die europäische Strategie zur Kreislaufwirtschaft und zur Verringerung der Abhängigkeit von fossilen Energieträgern passt.

    Doch seit dem 24. August 2026 steht das Unternehmen auf der Sanktionsliste des amerikanischen Finanzministeriums. Nicht wegen nachgewiesener illegaler Geschäfte mit Iran, sondern aufgrund seiner Eigentümerstruktur. Die amerikanischen Behörden ordnen die französische Raffinerie einem internationalen Firmennetzwerk zu, das nach ihrer Darstellung von einem bereits sanktionierten iranischen Geschäftsmann kontrolliert wird.

    Für die Beschäftigten hat diese geopolitische Verwicklung unmittelbare Konsequenzen. Banken kündigen Geschäftsbeziehungen, Handelspartner ziehen sich zurück, die Produktion steht still. Inzwischen befindet sich das Unternehmen in einem gerichtlichen Sanierungsverfahren. Die Zukunft von 33 Arbeitsplätzen ist ungewiss.

    Eine Übernahme mit grossen Versprechen

    Dabei hatte die Geschichte zunächst vielversprechend begonnen. Im August 2024 verkündete die in Genf ansässige Wellbred Trading SA die Übernahme von La Nivernaise de Raffinage. Der Erwerb sollte den Ausbau der Aktivitäten im Bereich erneuerbarer Energien vorantreiben.

    Wellbred stellte Investitionen und neue Absatzmöglichkeiten in Frankreich, Deutschland und Spanien in Aussicht. Die damals 35 Beschäftigten sollten übernommen werden. Im Mittelpunkt stand die Verwertung gebrauchter Speiseöle, die als Ausgangsstoff für Biokraftstoffe dienen.

    Das industrielle Konzept war durchaus zeitgemäss. Die Europäische Union fördert die Nutzung bestimmter Abfall- und Reststoffe zur Herstellung nachhaltiger Kraftstoffe. Besonders im Verkehrssektor sollen solche Produkte helfen, Treibhausgasemissionen zu reduzieren.

    Für einen mittelständischen Industriebetrieb in einer strukturschwachen ländlichen Region bedeutete der Einstieg eines internationalen Investors deshalb zunächst eine wirtschaftliche Perspektive.

    Zwei Jahre später erscheint die Übernahme in einem anderen Licht. Nach Darstellung des amerikanischen Finanzministeriums gehört Wellbred Trading zu einem Unternehmensgeflecht rund um die in Singapur angesiedelte Wellbred Capital. Hinter diesem Netzwerk soll Mohammad Hossein Shamkhani stehen, Sohn des früheren hochrangigen iranischen Sicherheitsfunktionärs Ali Shamkhani.

    Washington wirft dem Geschäftsmann vor, ein internationales Netzwerk für den Transport und die Vermarktung iranischen Erdöls zu betreiben und damit amerikanische Sanktionen zu umgehen.

    Die Investitionen in europäische Unternehmen der alternativen Energiewirtschaft wertet das amerikanische Finanzministerium als Teil einer Strategie, dem Unternehmensverbund internationale Legitimität zu verschaffen.

    Dabei handelt es sich um die Bewertung der amerikanischen Behörden, nicht um eine gerichtlich festgestellte Beteiligung der französischen Raffinerie an illegalen Ölgeschäften.

    Ein iranisches Netzwerk im Visier Washingtons

    Mohammad Hossein Shamkhani wurde bereits im Juli 2025 mit amerikanischen Sanktionen belegt. Die Behörden beschuldigen ihn, über komplexe Firmenstrukturen und internationale Handelsverbindungen Geschäfte mit iranischem Erdöl organisiert zu haben.

    Solche Netzwerke stehen seit Jahren im Zentrum der amerikanischen Iran-Politik. Washington versucht, Einnahmen aus dem Erdölexport einzuschränken, weil diese nach amerikanischer Einschätzung zur Finanzierung staatlicher Machtstrukturen und sicherheitspolitischer Aktivitäten Irans beitragen.

    Die Sanktionspolitik richtet sich deshalb nicht ausschliesslich gegen iranische Staatsunternehmen. Sie erfasst zunehmend Reedereien, Handelsgesellschaften, Finanzdienstleister und Firmen, die mutmasslich von sanktionierten Personen kontrolliert werden.

    Im März 2026 leitete das amerikanische Justizministerium zudem zivilrechtliche Einziehungsverfahren ein, die unter anderem rund 13 Millionen Dollar betrafen, welche für zwei Wellbred-Gesellschaften bestimmt gewesen sein sollen. Das Ministerium betonte ausdrücklich, dass die in den Verfahren vorgebrachten Vorwürfe zunächst bewiesen werden müssten.

    Am 24. August folgte die Aufnahme von La Nivernaise de Raffinage in die amerikanische Sanktionsliste.

    Entscheidend war dabei ihre Verbindung zu Wellbred Trading. Die Massnahme beruht auf den amerikanischen Sanktionsbestimmungen über Eigentum, Kontrolle und Handeln im Auftrag sanktionierter Personen oder Organisationen.

    Eine strafrechtliche Verurteilung der französischen Gesellschaft oder ihrer Mitarbeiter ist damit nicht verbunden.

    Die Macht des amerikanischen Finanzsystems

    Besonders aufschlussreich ist die Frage, weshalb eine Entscheidung des amerikanischen Finanzministeriums einen französischen Industriebetrieb derart schwer treffen kann.

    Grundsätzlich gelten amerikanische Finanzsanktionen unmittelbar für Personen und Unternehmen, die der amerikanischen Rechtsordnung unterliegen. Vermögenswerte sanktionierter Personen innerhalb amerikanischer Zuständigkeit werden eingefroren. Bestimmte Transaktionen sind verboten, sofern keine Ausnahme oder Genehmigung besteht.

    Ihre Wirkung reicht allerdings weit über die Vereinigten Staaten hinaus.

    Der internationale Zahlungsverkehr ist eng mit dem amerikanischen Finanzsystem verbunden. Banken benötigen häufig Zugang zu Dollarzahlungen und Korrespondenzbankbeziehungen in den USA. Wer diesen Zugang gefährdet, riskiert erhebliche wirtschaftliche Nachteile.

    Die im vorliegenden Fall einschlägigen Sanktionsbestimmungen sehen unter bestimmten Voraussetzungen auch Beschränkungen für ausländische Finanzinstitute vor, wenn diese wissentlich bedeutende Transaktionen zugunsten sanktionierter Personen ermöglichen.

    Damit entsteht ein erheblicher Anreiz zur Risikovermeidung.

    Eine französische Bank muss nicht zwangsläufig jede denkbare Geschäftsbeziehung mit einem sanktionierten Unternehmen aufgrund eines unmittelbar anwendbaren amerikanischen Verbots beenden. Sie kann dennoch entscheiden, dass die rechtlichen und wirtschaftlichen Risiken zu gross geworden sind.

    Genau dieser Mechanismus scheint La Nivernaise getroffen zu haben. Nach Recherchen des französischen Fernsehens kündigte die Bank des Unternehmens ihre Verträge. Auch Geschäftspartner zogen sich zurück, um mögliche Sanktionen oder Schwierigkeiten im Zahlungsverkehr zu vermeiden.

    Für einen mittelständischen Industriebetrieb ist eine solche Entwicklung existenzbedrohend. Ohne verlässliche Bankverbindungen lassen sich Lieferanten, Löhne und laufende Betriebskosten nur schwer finanzieren. Wenn gleichzeitig Kunden und Zulieferer ausfallen, gerät die gesamte Produktionskette ins Stocken.

    Die wirtschaftliche Wirkung einer Sanktion kann somit deutlich über ihren unmittelbaren juristischen Anwendungsbereich hinausgehen.

    Die Krise begann bereits vor den Sanktionen

    Allerdings wäre es verkürzt, die gesamte wirtschaftliche Krise des Unternehmens ausschliesslich auf die Entscheidung vom 24. August zurückzuführen.

    Nach Recherchen von Le Monde stand die Produktion bereits seit Juni 2026 still. Finanzielle Schwierigkeiten innerhalb des Wellbred-Konzerns hatten offenbar dazu geführt, dass notwendige Rohstoffe nicht mehr beschafft werden konnten. Finanzielle Blockaden im Frühjahr beeinträchtigten die Versorgung des Betriebs.

    Die amerikanischen Sanktionen trafen somit ein Unternehmen, dessen wirtschaftliche Lage bereits erheblich geschwächt war.

    Am 7. September eröffnete das Handelsgericht von Nevers ein gerichtliches Sanierungsverfahren (redressement judiciaire). Als Datum der Zahlungsunfähigkeit wurde rückwirkend der 1. Juni 2026 festgestellt.

    Diese zeitliche Abfolge ist entscheidend: Die finanzielle Krise begann vor der formellen Aufnahme der Raffinerie in die amerikanische Sanktionsliste. Die Sanktionen dürften die Schwierigkeiten zusätzlich verschärft haben, waren aber nicht deren alleinige Ursache.

    Ein Fernsehbericht vom 8. Oktober spricht inzwischen von einer drohenden Liquidation. Ein entsprechender Gerichtsbeschluss lässt sich anhand der verfügbaren amtlichen Veröffentlichungen jedoch bislang nicht bestätigen.

    Washington lässt eine befristete Ausnahme zu

    Bemerkenswert ist, dass das amerikanische Finanzministerium gleichzeitig mit den Sanktionen eine besondere Übergangsregelung für La Nivernaise erlassen hat.

    Die sogenannte General License AA erlaubt bestimmte Geschäfte, die zur geordneten Abwicklung bestehender Vertragsverhältnisse oder zur vorübergehenden Aufrechterhaltung bereits vereinbarter Tätigkeiten notwendig sind.

    Die Genehmigung gilt bis zum 23. Oktober 2026, 0.01 Uhr amerikanischer Ostküstenzeit.

    Damit hat Washington nicht sämtliche wirtschaftlichen Beziehungen zur Raffinerie mit sofortiger Wirkung untersagt. Die Ausnahme soll vielmehr eine begrenzte Übergangsphase ermöglichen.

    Für die betroffenen Unternehmen und Banken bedeutet dies allerdings keine umfassende Rechtssicherheit. Die Genehmigung gilt nur innerhalb ihres genau festgelegten Anwendungsbereichs. Transaktionen mit anderen sanktionierten Beteiligten können weiterhin untersagt sein.

    Vor allem verpflichtet die amerikanische Ausnahmegenehmigung keine Bank dazu, Geschäftsbeziehungen fortzusetzen. Auch Lieferanten und Kunden können sich weiterhin zurückziehen.

    Die rechtliche Möglichkeit, bestimmte Geschäfte abzuwickeln, ist deshalb nicht gleichbedeutend mit der wirtschaftlichen Fähigkeit, den Betrieb wieder aufzunehmen.

    Die Suche nach einem Käufer als letzter Ausweg

    Inzwischen bemüht sich der gerichtlich eingesetzte Verwalter AJUP um einen Käufer für den Industriebetrieb.

    Eine Übernahme durch einen unabhängigen Investor könnte eine neue Perspektive eröffnen. Voraussetzung wäre allerdings, dass die Eigentumsverhältnisse tatsächlich verändert und die Verbindungen zu den sanktionierten Gesellschaften rechtlich und wirtschaftlich geklärt werden.

    Selbst dann wäre das Problem nicht automatisch gelöst.

    La Nivernaise steht ausdrücklich mit eigenem Namen auf der amerikanischen Sanktionsliste. Eine Veränderung der Eigentümerstruktur führt deshalb nicht unmittelbar zur Streichung. Vielmehr müsste beim amerikanischen Office of Foreign Assets Control (OFAC) eine Überprüfung beantragt werden.

    Die Behörde kann Sanktionen aufheben, wenn sich die massgeblichen Umstände verändert haben oder die ursprüngliche Einstufung nicht mehr gerechtfertigt ist.

    Für einen potenziellen Käufer entsteht damit ein schwieriges Kalkül. Er müsste nicht nur den wirtschaftlichen Zustand der Raffinerie beurteilen, sondern auch die Risiken eines möglicherweise langwierigen amerikanischen Verwaltungsverfahrens berücksichtigen.

    Hinzu kommt die Frage, ob Banken und Geschäftspartner nach einer erfolgreichen Übernahme bereit wären, ihre Beziehungen wieder aufzunehmen.

    Ein französischer Fall mit europäischer Tragweite

    Die Affäre wirft grundsätzliche Fragen zur wirtschaftlichen Souveränität Europas auf.

    Die Europäische Union verfügt über eigene Sanktionsinstrumente und verfolgt gegenüber Iran teilweise andere rechtliche und diplomatische Ansätze als Washington. Dennoch sind europäische Unternehmen in hohem Masse von internationalen Finanzverbindungen abhängig, auf die amerikanische Behörden erheblichen Einfluss ausüben können.

    Diese Abhängigkeit ist nicht neu. Bereits nach dem amerikanischen Rückzug aus dem internationalen Atomabkommen mit Iran im Jahr 2018 sahen sich zahlreiche europäische Unternehmen gezwungen, ihre Iran-Geschäfte einzustellen, obwohl die Europäische Union weiterhin an dem Abkommen festhielt.

    Der Fall von Prémery zeigt jedoch eine zusätzliche Dimension. Hier geht es nicht um ein französisches Unternehmen, das selbst Geschäfte mit Iran betreibt. Betroffen ist vielmehr ein lokaler Industriebetrieb, dessen internationaler Eigentümer nach amerikanischer Einschätzung Verbindungen zu einem sanktionierten iranischen Netzwerk unterhält.

    Die wirtschaftliche Verwundbarkeit entsteht somit durch die Eigentumsverhältnisse und die Risikobewertung internationaler Finanzinstitute.

    Daraus ergibt sich ein Spannungsverhältnis zwischen der legitimen Durchsetzung amerikanischer Sanktionspolitik und dem europäischen Interesse, wirtschaftlich tragfähige Unternehmen vor unverhältnismässigen Folgewirkungen zu schützen.

    Für die Beschäftigten in Prémery ist diese geopolitische Debatte freilich von begrenztem unmittelbarem Nutzen. Ihre Zukunft hängt davon ab, ob sich ein Investor findet, der die Raffinerie wirtschaftlich stabilisieren und zugleich die sanktionsrechtlichen Hindernisse überwinden kann.

    Das Schicksal von La Nivernaise verdeutlicht, wie eng lokale Industriepolitik und internationale Machtverhältnisse inzwischen miteinander verflochten sind. Eine Produktionsstätte, die gebrauchte Speiseöle verarbeitet, kann zum wirtschaftlichen Kollateralschaden eines Konflikts werden, der Tausende Kilometer entfernt ausgetragen wird.

    Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, ob die amerikanischen Sanktionen juristisch begründet sind. Sie lautet auch, wie europäische Staaten verhindern können, dass wirtschaftlich grundsätzlich lebensfähige Unternehmen durch die internationalen Verbindungen ihrer Eigentümer dauerhaft handlungsunfähig werden.

    Für Prémery wird sich diese Frage nicht in diplomatischen Verhandlungen entscheiden, sondern daran, ob die Maschinen wieder anlaufen und die Beschäftigten ihre Arbeitsplätze behalten.

    Christine Macha

  • Der Papst – eine neue Stimme für Europa?

    Der Papst – eine neue Stimme für Europa?

    Editorial Europa redet über Verteidigungsausgaben, Wettbewerbsfähigkeit, Migration und strategische Autonomie. Papst Leo XIV. spricht dagegen von Frieden, Menschenwürde, Recht, Versöhnung und den christlichen Wurzeln des Kontinents. Seine Frankreichreise zeigt: Der neue Papst versucht, eine europäis…

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  • „Wir nehmen das wirklich ernst“: 70.000 Menschen feiern in Arras die Weltmeisterschaft der Pommes frites

    „Wir nehmen das wirklich ernst“: 70.000 Menschen feiern in Arras die Weltmeisterschaft der Pommes frites

    Außen knusprig, innen weich, goldgelb und möglichst nicht zu fettig: Was nach einer einfachen Portion Pommes klingt, gerät im nordfranzösischen Arras beinahe zur Wissenschaft. Bei der vierten Weltmeisterschaft der Pommes frites verwandelte sich die Grand’Place in eine gewaltige Freiluftküche. Rund 70.000 Besucher kamen – und die Kandidaten überließen bei der Suche nach der perfekten Fritte nichts dem Zufall.

    Kartoffeln, heißes Fett, ein wenig Salz. Mehr braucht es theoretisch nicht.

    Praktisch sieht die Sache deutlich komplizierter aus.

    „Wir nehmen das wirklich ernst“, erklärte Teilnehmer Rémy Dauchy. Sein Team hatte unmittelbar vor dem Wettbewerb noch einmal von neun Uhr morgens bis 23 Uhr abends trainiert. Schließlich entscheiden wenige Grad Temperatur, die richtige Kartoffelsorte oder ein paar Sekunden Garzeit darüber, ob aus einer gewöhnlichen Kartoffel eine preisverdächtige Fritte entsteht.

    Bereits zum vierten Mal erklärte Arras im Département Pas-de-Calais die Pommes zur großen kulinarischen Angelegenheit. 46 Kandidaten aus Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Deutschland, der Schweiz und Spanien traten 2026 gegeneinander an. Sieben Kategorien standen auf dem Programm – von der klassischen „frite authentique“ über internationale Varianten und Familienrezepte bis zur besten Sauce. Neu hinzu kamen ein Wettbewerb für handwerklich hergestellte Kartoffelchips und eine „Battle des champions“, bei der frühere Sieger und Zweitplatzierte erneut gegeneinander antraten.

    Das große Geheimnis vieler Kandidaten steckt in der doppelten Garung. Zunächst wird die Kartoffel bei niedrigerer Temperatur gegart, anschließend folgt der zweite, heißere Frittiergang für die knusprige Oberfläche. Manche Teilnehmer wechseln dabei sogar das Fett. Gautier Vanhasbrouck setzte zunächst auf Pflanzenfett und anschließend auf Rinderfett.

    Andere schwören auf bestimmte Kartoffelsorten, millimetergenau geschnittene Stäbchen oder exakt berechnete Ruhezeiten.

    Übertrieben?

    Nicht im Norden Frankreichs.

    Hier gehört die friterie beinahe zum kulturellen Inventar. Über die richtige Fritte lässt sich ähnlich leidenschaftlich diskutieren wie anderswo über Wein, Käse oder die einzig wahre Zubereitung eines Cassoulet.

    Entsprechend groß war der Andrang in Arras. Bei den Ständen früherer Weltmeister mussten Besucher teilweise bis zu einer Stunde warten. Eine Gruppe aus Straßburg reiste sogar verkleidet an. Einer ihrer Teilnehmer erschien als riesige Mayonnaisetube – womit spätestens bewiesen wäre, dass sich kulinarischer Ernst und nordfranzösischer Humor keineswegs ausschließen.

    Hinter dem Volksfest steckt dennoch mehr als Folklore. Eine wirklich gute Fritte verlangt die richtige Balance zwischen Stärkegehalt, Lagerung, Schnitt, Temperatur und Garzeit. Ist das Fett zu heiß, verbrennt die Kartoffel außen, bevor sie innen weich ist. Ist es zu kalt, saugt sie sich voll.

    Hinzu kommt ein wirtschaftlicher Hintergrund. Die Kartoffelproduktion steht 2026 unter Druck, die Ernte fällt deutlich geringer aus. Die Organisatoren wollten deshalb zugleich auf die Bedeutung der Landwirtschaft hinweisen.

    Nicolas Desfachelle, Vizepräsident des Gemeindeverbands von Arras, formulierte die Philosophie der Veranstaltung treffend: Man treffe sich nicht rund um die vornehme „pomme de terre“, sondern rund um die „patate“.

    Und genau darin liegt vermutlich das Erfolgsrezept.

    Arras macht aus einem der einfachsten Lebensmittel Europas für einen Tag Haute Cuisine: eine Kartoffel, Fett, Salz – und 70.000 Menschen, die darüber diskutieren, wer daraus die beste Fritte der Welt zaubert.

    C. Hatty

  • Léon XIV in Metz: Zum Abschluss geht es um Europa

    Léon XIV in Metz: Zum Abschluss geht es um Europa

    Nach Paris und Lourdes kommt nun Metz. Papst Léon XIV beendet an diesem Montag seinen ersten Frankreichbesuch ausgerechnet an einem Ort, der auf den ersten Blick weit weniger selbstverständlich erscheint als Notre-Dame, das Stade de France oder der Wallfahrtsort Lourdes am Fuß der Pyrenäen. Doch gerade diese Wahl dürfte kein Zufall sein.

    Metz steht wie kaum eine andere französische Stadt für die wechselvolle Geschichte zwischen Frankreich und Deutschland – und zugleich für deren Überwindung.

    Um 9.20 Uhr soll Léon XIV aus Lourdes auf dem Flughafen Metz-Nancy-Lorraine eintreffen. Schon wenig später beginnt der politisch vielleicht bedeutendste Teil seines Frankreichbesuchs. Um 10 Uhr nimmt der Papst im Centre des Congrès Robert-Schuman an einer interreligiösen Begegnung teil. Eine Stunde später folgt die Veranstaltung „An den Wurzeln Europas – für Frieden und Einheit“.

    Der Name des Kongresszentrums liefert dabei beinahe schon das Programm.

    Robert Schuman, einer der geistigen Väter der europäischen Einigung, lebte bei Metz. Seine berühmte Erklärung vom 9. Mai 1950 gilt als eine der Geburtsurkunden des heutigen Europas. Dass ein Papst ausgerechnet hier über Frieden und Einheit spricht, besitzt deshalb eine Symbolik, die weit über die katholische Kirche hinausreicht.

    Die Moselregion kennt schließlich beide Seiten europäischer Geschichte: Krieg, Annexion und nationale Feindschaft ebenso wie Versöhnung und grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Wo sich Frankreich und Deutschland einst mit Waffen gegenüberstanden, verläuft heute eine der selbstverständlichen offenen Grenzen Europas.

    Metz bereitet sich entsprechend auf einen außergewöhnlichen Tag vor. Zwischen 50.000 und 100.000 Menschen werden erwartet. Ab 14.30 Uhr fährt Léon XIV im Papamobil durch die Stadt zur Kathedrale Saint-Étienne. Dort feiert er um 16 Uhr die Messe.

    Auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron ist in Metz. Besonders die Begegnung über Europas Wurzeln verleiht dem Besuch damit zusätzlich eine diplomatische Dimension. Eine Teilnahme Macrons an der Messe wurde kurzfristig ebenfalls vorbereitet.

    Für Léon XIV bildet Metz einen bemerkenswerten Schlusspunkt seiner Reise. Paris stand für Frankreichs politische und kulturelle Mitte, Lourdes für den Glauben und die Volksfrömmigkeit.

    Metz steht für Europa.

    Und vielleicht liegt genau darin die stärkste Botschaft dieser vier Tage: Der Papst beendet seine Reise nicht an einem Ort, der ausschließlich von katholischer Tradition erzählt, sondern in einer Stadt, deren Geschichte zeigt, dass aus jahrzehntelanger Feindschaft Partnerschaft entstehen kann.

    Um 18.30 Uhr soll Léon XIV am Flughafen verabschiedet werden. Eine halbe Stunde später hebt seine Maschine nach Rom ab.

    Seine letzte große Botschaft aus Frankreich aber richtet sich nicht nur an die Franzosen – sondern an Europa.

    Andreas M. Brucker

  • 27 Millionen für vier Tage Papst – Halleluja, was könnte man mit Geld sonst schon anfangen?

    27 Millionen für vier Tage Papst – Halleluja, was könnte man mit Geld sonst schon anfangen?

    Kommentar

    Hallo? Darf man mal eine ganz ketzerische Frage stellen?

    27 MILLIONEN EURO?

    Für vier Tage Papstbesuch?

    Natürlich muss man sofort dazusagen, bevor irgendwo Weihrauch aus dem Bildschirm quillt: Nein, der französische Staat überweist nicht einfach 27 Millionen Euro aus der Staatskasse an den Vatikan. Das Geld ist das veranschlagte Organisationsbudget der katholischen Kirche in Frankreich und soll vor allem über Spenden und Mäzene finanziert werden. Der Staat übernimmt dagegen Aufgaben wie Sicherheit und öffentliche Ordnung.

    Also alles gut?

    Na dann können wir ja nach Hause gehen.

    Oder vielleicht doch nicht.

    Denn 27 Millionen Euro bleiben 27 Millionen Euro. Und während man diese Summe für Bühnen, Absperrungen, Übertragungen, Pilgerlogistik, Kommunikation und eine viertägige Reise mobilisiert, darf man zumindest fragen:

    Was könnte man mit 27 Millionen Euro eigentlich sonst machen?

    Ich weiß, völlig verrückter Gedanke.

    Zum Beispiel Menschen helfen.

    Aber gut, das ist natürlich organisatorisch komplizierter.

    Willkommen beim katholischen Großevent

    Papst Leo XIV. kommt vom 25. bis 28. September nach Frankreich. Paris, Lourdes, Metz. Élysée-Palast, UNESCO, Notre-Dame, Stade de France, Place de la Concorde, Lourdes, Papamobil, Gottesdienste, Großveranstaltungen.

    Rund eine Million Teilnehmer werden nach Angaben der Organisatoren erwartet.

    Eine Million!

    Da braucht man natürlich Infrastruktur.

    Sicherheit.

    Sanitäter.

    Verkehrslenkung.

    Absperrgitter.

    Polizei.

    Gendarmerie.

    Und vermutlich mindestens einen Menschen, dessen einzige Aufgabe darin besteht, herauszufinden, wo man in Paris noch ein Absperrgitter hinstellen kann.

    Der französische Staat bezahlt zwar nicht die religiösen Veranstaltungen selbst. Aber sobald Hunderttausende Menschen zusammenkommen, beginnt selbstverständlich die öffentliche Rechnung: Polizei, Rettungsdienste, Verkehrsmanagement und andere hoheitliche Aufgaben.

    Wie hoch diese Rechnung am Ende genau sein wird?

    Das ist derzeit die eigentlich interessante Zahl.

    Denn bei der berühmten französischen laïcité funktioniert die Trennung von Kirche und Staat offenbar ungefähr so:

    Die Kirche bezahlt die Messe. Der Staat sorgt dafür, dass alle heil wieder nach Hause kommen.

    Juristisch nachvollziehbar.

    Finanziell trotzdem nicht kostenlos.

    Aber es sind doch Spenden!

    Natürlich.

    Und jeder darf sein Geld ausgeben, wofür er möchte.

    Wer 50 Euro für den Papstbesuch spenden möchte: bitte.

    Wer 500 Euro spendet: ebenfalls.

    Wer 50 000 Euro spendet: Der Herr sei mit Ihrer Steuerberatung.

    Nur darf man trotzdem über Prioritäten reden.

    Denn 27 Millionen Euro sind eine bemerkenswerte Summe für eine Institution, deren Kernbotschaft seit ungefähr zweitausend Jahren auch darin besteht, sich um Arme, Kranke und Ausgegrenzte zu kümmern.

    Und jetzt kommt die unangenehme Rechenaufgabe.

    Für 27 Millionen Euro könnte man sehr viele Mahlzeiten finanzieren.

    Sehr viele Schlafplätze.

    Sehr viel Sozialarbeit.

    Sehr viele Hilfsprojekte.

    Sehr viele Beratungsstellen.

    Oder man finanziert vier Tage Großveranstaltung.

    Das ist keine mathematische Antwort auf die Frage, was moralisch „richtiger“ wäre. Aber es ist eine Frage, die sich gerade eine Kirche gefallen lassen muss:

    Wie viel Inszenierung braucht eine Botschaft, die ursprünglich mit Sandalen verbreitet wurde?

    Und dann kommt der Staat

    Besonders hübsch wird es bei der Sicherheit.

    Natürlich muss Frankreich den Papst schützen.

    Was soll die Regierung denn machen?

    „Tut uns leid, Eure Heiligkeit, dieses Jahr ist das Polizeibudget knapp. Vielleicht nehmen Sie die Métro?“

    Selbstverständlich braucht ein Ereignis dieser Größenordnung massive Sicherheitsmaßnahmen.

    Und genau darin steckt das Dilemma.

    Die religiöse Veranstaltung wird privat beziehungsweise kirchlich finanziert – ihre Auswirkungen landen zwangsläufig im öffentlichen Raum.

    Hunderttausende Besucher verschwinden schließlich nicht durch göttliche Intervention aus dem Pariser Straßenverkehr.

    Also zahlt die Allgemeinheit dort, wo der Staat seine Aufgaben erfüllen muss.

    Das ist rechtlich etwas völlig anderes als eine staatliche Finanzierung der katholischen Kirche.

    Für den Steuerzahler bleibt allerdings eine wesentlich profanere Frage:

    Was kostet es?

    Und darauf wäre nach dem Besuch eine transparente Antwort durchaus angebracht.

    Laïcité mit Blaulicht

    Frankreich nimmt die Trennung von Staat und Religion traditionell besonders ernst. Das Gesetz von 1905 bildet dafür bis heute einen zentralen rechtlichen Rahmen.

    Der Staat finanziert keinen Gottesdienst, nur weil der Papst kommt.

    Aber er gewährleistet Sicherheit, Verkehrsführung und öffentliche Ordnung.

    Das ist kein Widerspruch, sondern eine Konsequenz staatlicher Verantwortung.

    Nur sollte man daraus keine Zaubershow machen, bei der öffentliche Kosten plötzlich verschwinden, nur weil auf der Rechnung nicht „Heilige Messe“ steht.

    Polizisten kosten Geld.

    Rettungsdienste kosten Geld.

    Straßensperren kosten Geld.

    Kommunale Dienstleistungen kosten Geld.

    Und wenn Paris, Lourdes oder Metz zusätzliche Infrastruktur bereitstellen, fällt auch die nicht vom Himmel.

    Nicht einmal in Lourdes.

    Vielleicht liegt genau hier die interessante Frage

    Der Papstbesuch ist zweifellos ein außergewöhnliches Ereignis. Der Vatikan spricht von der ersten offiziellen päpstlichen Frankreichreise seit 18 Jahren. Leo XIV. trifft Präsident Emmanuel Macron, besucht die UNESCO, reist nach Lourdes und nimmt in Metz an einem Treffen über Europa, Frieden und Einheit teil.

    Das hat religiöse Bedeutung.

    Diplomatische Bedeutung.

    Gesellschaftliche Bedeutung.

    Und für viele Gläubige eine enorme persönliche Bedeutung.

    Aber Bedeutung hebt Kosten nicht auf.

    Deshalb sollte die Debatte auch nicht bei der billigen Behauptung stehen bleiben: „Der Staat schenkt dem Papst 27 Millionen.“

    Das stimmt so eben nicht.

    Die interessantere Frage lautet:

    Was kostet dieses Großereignis Kirche, Staat und Kommunen tatsächlich – und welche gesellschaftlichen Prioritäten spiegeln sich darin wider?

    Denn vielleicht ist genau das die säkularste Frage, die man in Frankreich stellen kann:

    Nicht, ob der Papst kommen darf.

    Nicht, ob Menschen ihren Glauben feiern dürfen.

    Sondern schlicht:

    Wer bezahlt was?

    Und danach bitte eine vollständige Rechnung.

    Ohne Weihrauch.

    Christine Macha

  • Frankreich rüstet sich für Leo XIV.: Ein Papstbesuch zwischen Glauben, Politik und Europas Krisen

    Frankreich rüstet sich für Leo XIV.: Ein Papstbesuch zwischen Glauben, Politik und Europas Krisen

    Nur noch wenige Tage, dann beginnt eine der politisch und kirchlich bedeutendsten Reisen des jungen Pontifikats von Leo XIV. Vom 25. bis 28. September besucht der Papst Frankreich. Paris, Lourdes und Metz markieren die drei Etappen einer Reise, die pastorale Begegnungen, internationale Diplomatie und zentrale gesellschaftspolitische Fragen miteinander verbindet. Für Frankreich ist es zugleich ein seltenes Ereignis: Seit dem Besuch Benedikts XVI. im Jahr 2008 hat kein Papst mehr eine vergleichbare offizielle Reise durch das Land unternommen.

    Die französischen Behörden, die betroffenen Diözesen und der Vatikan befinden sich inzwischen in der letzten Phase der Vorbereitungen. Sicherheitsmassnahmen, Verkehrsregelungen, Pilgerströme und liturgische Veranstaltungen müssen aufeinander abgestimmt werden. Besonders Paris und Lourdes stellen die Organisatoren angesichts der erwarteten Menschenmengen vor erhebliche logistische Herausforderungen.

    Paris zwischen Élysée, UNESCO und Notre-Dame

    Leo XIV. wird am Freitag, dem 25. September, um 10 Uhr auf dem Flughafen Paris-Orly erwartet. Bereits eine Stunde später steht der Besuch bei Staatspräsident Emmanuel Macron im Élysée-Palast auf dem Programm. Anschliessend begegnet der Papst Vertretern der staatlichen Institutionen, der Zivilgesellschaft und des diplomatischen Korps.

    Damit beginnt die Reise bewusst an der Schnittstelle zwischen Religion und Politik. Frankreich versteht sich seit dem Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat von 1905 als laizistische Republik. Gerade deshalb besitzen Begegnungen zwischen einem Papst und der französischen Staatsspitze stets eine besondere symbolische Bedeutung.

    Am Nachmittag besucht Leo XIV. den Hauptsitz der UNESCO. Dieser Termin dürfte zu den politisch interessantesten Stationen der Reise gehören. Fragen von Bildung, Kultur und technologischer Entwicklung haben für den Papst erhebliches Gewicht. In seiner im Mai 2026 veröffentlichten Enzyklika «Magnifica Humanitas» widmete er sich ausführlich den Folgen der künstlichen Intelligenz und forderte, technische Innovation müsse dem Vorrang und der Würde des Menschen untergeordnet bleiben.

    Um 17.15 Uhr folgt die Vesper in Notre-Dame de Paris mit Bischöfen, Priestern, Diakonen, Ordensleuten und Seminaristen. Die 2019 durch einen Grossbrand schwer beschädigte und Ende 2024 wiedereröffnete Kathedrale bildet dabei eine symbolträchtige Kulisse: Sie steht zugleich für die christliche Geschichte Frankreichs und für die kulturelle Bedeutung des Katholizismus in einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft.

    Der erste Besuchstag endet mit einer Gebetsvigil mit Jugendlichen im Stade de France in Saint-Denis.

    Messe auf der Place de la Concorde

    Auch der Samstag beginnt mit gesellschaftspolitischen Akzenten. Leo XIV. besucht zunächst die Maison Bakhita, ein Zentrum für soziale Begleitung und Integration. Danach trifft er am Institut Catholique de Paris Mitglieder einer synodalen Versammlung sowie Katechumenen und Neugetaufte.

    Gerade dieser Termin verweist auf eine bemerkenswerte Entwicklung innerhalb des französischen Katholizismus. Während die langfristige Bindung an die Kirche deutlich zurückgegangen ist, steigt seit einigen Jahren die Zahl der Erwachsenentaufen kräftig.

    Nach Angaben der französischen Bischofskonferenz wurden 2026 zu Ostern 13 234 Erwachsene getauft. Das waren 28 Prozent mehr als im Vorjahr. Innerhalb eines Jahrzehnts hat sich die Zahl damit mehr als verdreifacht: 2016 waren es noch 4124 Erwachsene gewesen. Besonders stark vertreten sind inzwischen die 18- bis 25-Jährigen, die 42 Prozent der erwachsenen Täuflinge ausmachen.

    Dieser Trend bedeutet keine generelle Rückkehr Frankreichs zum praktizierten Katholizismus. Er zeigt jedoch, dass sich parallel zur fortschreitenden Säkularisierung neue Formen religiöser Suche entwickeln.

    Am Samstagnachmittag folgt um 15 Uhr einer der öffentlichkeitswirksamsten Termine der Reise: eine grosse Messe auf der Place de la Concorde. Danach fliegt Leo XIV. nach Lourdes weiter.

    Lourdes erwartet einen aussergewöhnlichen Pilgerstrom

    Der südfranzösische Marienwallfahrtsort dürfte den spirituellen Mittelpunkt der Reise bilden. Unmittelbar nach seiner Ankunft am Samstagabend wird der Papst an der Grotte von Massabielle beten.

    Der Sonntag ist vollständig Lourdes gewidmet. Am Vormittag trifft Leo XIV. zunächst die Bischöfe der französischen Bischofskonferenz. Um 11 Uhr feiert er eine Messe auf der grossen Wiese des Heiligtums. Später folgen Begegnungen mit Mitarbeitern und betreuten Kranken des Accueil Notre-Dame sowie ein privater Besuch bei den Karmelitinnen.

    Den Abschluss bildet am Abend der Rosenkranz mit der traditionellen Lichterprozession.

    Für Lourdes ist der Papstbesuch eine organisatorische Ausnahmesituation. Pilgergruppen aus Frankreich und zahlreichen europäischen Ländern werden erwartet. Freiwillige, kirchliche Mitarbeiter, Sicherheitskräfte und medizinische Dienste müssen dabei insbesondere die Betreuung älterer, kranker und mobilitätseingeschränkter Besucher gewährleisten.

    Metz macht aus dem Papstbesuch ein europäisches Ereignis

    Die letzte Station der Reise besitzt eine besondere geopolitische Symbolik. Am Montagmorgen fliegt Leo XIV. von Lourdes nach Metz. Die Stadt liegt nur wenige Dutzend Kilometer von Luxemburg und dem Saarland entfernt und befindet sich in einer Region, deren Geschichte wie kaum eine andere von den Konflikten zwischen Frankreich und Deutschland geprägt wurde.

    Entsprechend europäisch ist das Programm gestaltet. Im Robert-Schuman-Kongresszentrum nimmt der Papst zunächst an einer interreligiösen Begegnung teil. Anschliessend folgt ein Treffen unter dem programmatischen Titel «An den Wurzeln Europas für Frieden und Einheit».

    Der Name Robert Schuman ist dabei selbst eine politische Botschaft. Der frühere französische Aussenminister und Mitbegründer der europäischen Integration stammte aus Lothringen. Die Wahl von Metz verbindet damit katholische Sozialtradition, deutsch-französische Versöhnung und die Entstehung des europäischen Einigungsprojekts.

    Auch aus Deutschland reisen zahlreiche Gläubige an. Besonders aus den Bistümern Trier, Speyer und Mainz wurden Busreisen organisiert; einzelne Angebote waren bereits vor dem Besuch ausgebucht. Die Nähe zu Deutschland, Luxemburg und Belgien macht die letzte Etappe der Reise damit zu einem grenzüberschreitenden katholischen Ereignis.

    Um 16 Uhr feiert Leo XIV. die Abschlussmesse in der Kathedrale Saint-Étienne. Am Abend fliegt er nach Rom zurück.

    Frankreichs gesellschaftspolitische Konflikte begleiten die Reise

    Der Papst kommt allerdings in ein Land, dessen gesellschaftspolitische Entwicklung in mehreren Punkten deutlich von der katholischen Morallehre abweicht. Frankreich nahm 2024 die Freiheit zum Schwangerschaftsabbruch ausdrücklich in seine Verfassung auf. Im August 2026 wurde zudem das Gesetz über das «Recht auf Hilfe zum Sterben» verkündet. Unter festgelegten Voraussetzungen ermöglicht es schwer und unheilbar Erkrankten den Zugang zu einer tödlichen Substanz.

    Damit dürfte die Frage nach dem Schutz menschlichen Lebens während des Besuchs zumindest indirekt präsent sein. Leo XIV. hat die Menschenwürde zu einem Leitmotiv seines Pontifikats gemacht. Dazu gehören für ihn neben bioethischen Fragen allerdings ebenso Migration, Armut, Krieg und Frieden sowie die gesellschaftlichen Folgen neuer Technologien.

    Gerade darin liegt eine mögliche Spannung des Besuchs. Der Papst trifft auf eine Republik, deren Laizität zu ihrem politischen Selbstverständnis gehört und deren Gesetzgebung in wichtigen ethischen Fragen Positionen vertritt, die der katholischen Lehre widersprechen. Gleichzeitig bleiben die historischen und kulturellen Verbindungen zwischen Frankreich und dem Katholizismus tief.

    Eine Kirche zwischen Krise und neuer religiöser Suche

    Auch innerhalb der französischen Kirche selbst ist die Lage widersprüchlich. Die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs hat das Vertrauen in die Institution schwer beschädigt. Die unabhängige Untersuchungskommission CIASE schätzte 2021, dass seit 1950 rund 216 000 Minderjährige Opfer sexueller Gewalt durch Priester oder Ordensleute geworden waren. Unter Einbeziehung von Laien, die in kirchlichen Einrichtungen tätig waren, lag die Schätzung bei rund 330 000 Betroffenen.

    Der Papst besucht somit keine Kirche, die lediglich unter rückläufigen Mitgliederzahlen leidet. Er trifft auf eine Institution, die ihre eigene Vergangenheit aufarbeiten, Glaubwürdigkeit zurückgewinnen und zugleich Antworten auf eine Gesellschaft finden muss, in der traditionelle religiöse Bindungen schwächer geworden sind.

    Umso bemerkenswerter erscheint der gleichzeitige Anstieg der Erwachsenentaufen. Er widerspricht nicht der Säkularisierung Frankreichs, ergänzt sie aber um eine zweite Entwicklung: Religion verliert ihre frühere gesellschaftliche Selbstverständlichkeit, kann für einzelne Menschen gerade dadurch jedoch wieder zu einer bewussten persönlichen Entscheidung werden.

    Drei Tage vor der Ankunft des Papstes sind die wesentlichen organisatorischen Entscheidungen gefallen. Nun beginnt die letzte Phase eines Besuchs, dessen Bedeutung weit über die katholische Kirche hinausreicht. Paris steht für das Verhältnis von Religion, Republik und moderner Gesellschaft; Lourdes für die spirituelle und soziale Dimension des Katholizismus; Metz für Versöhnung und europäische Einheit.

    Wenn Leo XIV. am 28. September Frankreich wieder verlässt, wird sich die Wirkung seiner Reise deshalb nicht allein an den Menschenmengen auf der Place de la Concorde, in Lourdes oder vor der Kathedrale von Metz messen lassen. Entscheidend wird sein, welche Sprache der Papst für ein Land findet, das zu den historischen Kernräumen des europäischen Katholizismus gehört und zugleich zu den konsequentesten säkularen Republiken Europas.

    C. Hatty