Kategorie: À la une

  • Die Affäre Aidan: Wie ein Energiekonzern und Frankreichs Diplomatie in den Strudel der „Epstein Files“ geraten

    Die Affäre Aidan: Wie ein Energiekonzern und Frankreichs Diplomatie in den Strudel der „Epstein Files“ geraten

    Manchmal genügt ein Name in den falschen Dokumenten – und ein ganzer Karriereweg gerät ins Wanken. Der französische Energiekonzern Engie hat am 16. März 2026 die Zusammenarbeit mit dem Diplomaten Fabrice Aidan beendet. Eine zuvor verhängte Suspendierung verlor damit ihre Bedeutung; der Konzern zog endgültig einen Schlussstrich. Aidan hatte seit 2023 bei Engie eine heikle Rolle inne: internationale Beziehungen, geopolitische Beratung, Kontakte in diplomatische Netzwerke – also genau jene Schnittstelle zwischen Politik und Wirtschaft, an der Vertrauen fast mehr zählt als Fachwissen. Nun steht dieses Vertrauen auf dem Prüfstand. Der Hintergrund liest sich wie ein politischer Thriller. In den sogenannten „Epstein Files“, einem umfangreichen Konvolut aus Dokumenten, E-Mails und Kontaktlisten rund um den verstorbenen US-Finanzier Jeffrey Epstein, taucht der Name des französischen Diplomaten immer wieder auf. Recherchen französischer Medien zufolge findet sich Aidan in rund zweihundert Dokume…

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  • Saint-Denis als politisches Signal: Warum der Sieg von Bally Bagayoko weit über die Stadt hinausreicht

    Saint-Denis als politisches Signal: Warum der Sieg von Bally Bagayoko weit über die Stadt hinausreicht

    Mit Bally Bagayoko (LFI) hat Saint-Denis einen neuen Bürgermeister – und Frankreich ein politisches Signal. Der Kandidat von La France insoumise gewann am 15. März 2026 bereits im ersten Wahlgang die Kommunalwahl mit absoluter Mehrheit. Die Liste „Ensemble, retrouvons l’Espoir“ erreichte 50,77 Prozent der Stimmen, ein Ergebnis, hinter dem der amtierende Bürgermeister Mathieu Hanotin deutlich zurückblieb. Der Machtwechsel ist mehr als ein lokales Ereignis. Saint-Denis gehört zu den symbolträchtigsten Städten der französischen Banlieue: historisch geprägt von Arbeiterbewegung, Einwanderung, sozialpolitischen Konflikten und städtebaulichen Umbrüchen. Dass ausgerechnet hier eine Partei wie La France Insoumise die politische Führung übernimmt, macht die Wahl zu einem Gradmesser für die Kräfteverhältnisse innerhalb der französischen Linken. Eine Stadt mit politischer Symbolkraft Saint-Denis ist kein gewöhnlicher Vorort. Die Kommune nördlich von Paris steht seit Jahrzehnten exemplarisch für v…

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  • Wenn Hightech knapp wird: Frankreichs Luftwaffe im Dilemma der Drohnenkriege

    Wenn Hightech knapp wird: Frankreichs Luftwaffe im Dilemma der Drohnenkriege

    Die französischen Luftstreitkräfte stehen nicht vor einem unmittelbaren Mangel an Luft-Luft-Raketen vom Typ MICA. Doch die jüngsten Einsätze im Nahen Osten legen eine strukturelle Schwäche offen, die weit über Frankreich hinausweist: Der Westen hat sich auf kurze Konflikte eingestellt – und sieht sich nun mit der Realität eines materialintensiven Abnutzungskrieges konfrontiert.

    Drohnenkrieg als Munitionsfresser

    Seit Ende Februar 2026 beteiligen sich französische Kampfflugzeuge, insbesondere Rafale-Jets im Persischen Golf, an der Luftverteidigung regionaler Partner wie den Vereinigten Arabischen Emiraten. Ziel ist die Abwehr iranischer Drohnen und Lenkwaffen, die zunehmend in Schwärmen eingesetzt werden.

    Die operative Logik ist ebenso einfach wie kostspielig: Jede Bedrohung wird im Regelfall mit einer eigenen Abfangrakete bekämpft. Die französischen Rafale-Kampfjets greifen dabei primär auf den bewährten MICA zurück, einen vielseitigen Luft-Luft-Flugkörper mittlerer Reichweite.

    Doch die Quantität der Angriffe verändert die Gleichung. Drohnen vom Typ „Shahed“ werden in hoher Zahl eingesetzt, teils in koordinierten Wellen. Innerhalb weniger Wochen kam es zu Dutzenden Abfangeinsätzen – ein für Friedenszeiten ungewöhnlich hoher Verbrauch. Die Folge: Die Bestände schrumpfen schneller als geplant.

    Die strukturelle Knappheit

    Die Entwicklung überrascht militärische Planer nicht völlig, wohl aber ihre Geschwindigkeit. Frankreich verfügte ursprünglich über rund 1’100 MICA-Raketen in verschiedenen Varianten (radar- und infrarotgelenkt), verteilt auf Rafale- und Mirage-2000-Flotten.

    Doch mehrere Faktoren haben die verfügbare Einsatzreserve reduziert:

    Erstens der reguläre Verbrauch in Ausbildung und Einsätzen.
    Zweitens die Alterung eines Teils der Bestände, die ersetzt werden müssen.
    Drittens die laufende Umstellung auf die modernisierte Version MICA-NG.
    Und viertens die unerwartet hohe Einsatzintensität gegen Drohnen.

    Diese Gemengelage offenbart ein bekanntes, aber lange verdrängtes Problem: Westliche Armeen haben ihre Munitionsvorräte für begrenzte Interventionen dimensioniert – nicht für langanhaltende Hochintensitätskonflikte oder permanente Abwehr asymmetrischer Bedrohungen.

    Politische Alarmstufe in Paris

    In Paris hat die Entwicklung bereits politische Aufmerksamkeit erregt. Die Regierung berief eine interministerielle Krisensitzung ein, um die Produktionskapazitäten im Rüstungssektor zu evaluieren.

    Zwei Fragen stehen im Zentrum:

    Wie schnell lässt sich die industrielle Fertigung komplexer Lenkwaffen hochfahren?
    Und wie können bestehende Bestände geschont werden, ohne operative Risiken einzugehen?

    Frankreich verfolgt seit 2023 offiziell eine Strategie der „économie de guerre“, also einer teilweisen Umstellung auf kriegswirtschaftliche Produktionslogik. Doch gerade bei hochentwickelten Systemen wie Luft-Luft-Raketen zeigt sich die Trägheit der Industrie: Die Fertigung dauert Monate, Lieferketten sind komplex, und spezialisierte Komponenten bleiben Engpassfaktoren.

    Das strategische Paradox

    Der MICA gilt als technologisch ausgereiftes System: Er erreicht Geschwindigkeiten nahe Mach 4, hat eine Reichweite von bis zu 80 Kilometern und verfügt über moderne „fire-and-forget“-Lenksysteme. Seine Effektivität im Luftkampf ist unbestritten.

    Doch gerade diese Leistungsfähigkeit macht seinen Einsatz im Drohnenkrieg problematisch. Denn die Kosten pro Einheit gehen in die Hunderttausende Euro – während viele der bekämpften Drohnen nur einen Bruchteil davon kosten.

    Dieses Missverhältnis ist kein französisches Spezifikum, sondern Ausdruck eines globalen Trends: Hochentwickelte Armeen sehen sich gezwungen, teure Präzisionswaffen gegen massenhaft produzierte, kostengünstige Systeme einzusetzen. Der Gegner diktiert zunehmend die ökonomische Logik des Gefechts.

    Anpassungsstrategien im Westen

    Vor diesem Hintergrund diskutieren Militärplaner und politische Entscheidungsträger mehrere Lösungsansätze.

    Erstens soll die Produktion bestehender Systeme wie MICA und seines Nachfolgers MICA-NG beschleunigt werden. Dies erfordert jedoch Investitionen, langfristige Planung und industriepolitische Koordination.

    Zweitens wird die Diversifizierung der Abwehrmittel vorangetrieben. Neben dem Langstreckenflugkörper Meteor könnten verstärkt bodengestützte Luftverteidigungssysteme oder günstigere Kurzstreckenlösungen zum Einsatz kommen.

    Drittens gewinnt die Entwicklung spezialisierter Anti-Drohnen-Technologien an Bedeutung. Dazu zählen Laserwaffen, elektronische Störsysteme oder kosteneffiziente Abfangmunition – ein Feld, auf dem derzeit weltweit intensiv geforscht wird.

    Die Diskussion erinnert in vielerlei Hinsicht an frühere militärische Umbrüche, etwa die Einführung der Panzerabwehrwaffen im 20. Jahrhundert: Technologische Überlegenheit allein garantiert keine strategische Effizienz, wenn sie nicht in ein angepasstes Gesamtsystem eingebettet ist.

    Frankreichs aktuelle Lage ist somit weniger eine akute Krise als ein Symptom eines tieferliegenden Strukturproblems. Die Rückkehr geopolitischer Spannungen, kombiniert mit der rasanten Verbreitung günstiger Waffensysteme, zwingt westliche Staaten zu einem Umdenken – weg von punktuellen Interventionen, hin zur Vorbereitung auf langandauernde, materialintensive Konflikte.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Minister im kommunalen Wahlkampf: Das gemischte Signal der französischen Kommunalwahlen 2026

    Minister im kommunalen Wahlkampf: Das gemischte Signal der französischen Kommunalwahlen 2026

    Der erste Wahlgang der französischen Kommunalwahlen vom 15. März 2026 hat nicht nur lokale Kräfteverhältnisse sichtbar gemacht. Für mehrere Mitglieder der Regierung stellte das Votum zugleich eine politische Bewährungsprobe dar. Rund ein Dutzend Ministerinnen und Minister kandidierten – meist auf aussichtsreichen Listenplätzen – in ihren jeweiligen politischen Hochburgen. Die Ergebnisse zeichnen ein differenziertes Bild: einige klare lokale Erfolge, mehrere Qualifikationen für den zweiten Wahlgang – und mindestens eine deutliche Niederlage. Über die einzelnen Fälle hinaus offenbart diese Beteiligung von Regierungsmitgliedern eine strukturelle Herausforderung des französischen Präsidialsystems. Die politische Bewegung des Präsidenten gilt seit Jahren als vergleichsweise schwach in der kommunalen Verankerung. Die Kandidaturen von Regierungsmitgliedern können daher auch als Versuch verstanden werden, das territoriale Fundament der politischen Mehrheit zu stabilisieren. Minister im lokalen…

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  • Zwischen Mobilisierung und Müdigkeit: Was die Wahlbeteiligung über Frankreichs Kommunalpolitik verrät

    Zwischen Mobilisierung und Müdigkeit: Was die Wahlbeteiligung über Frankreichs Kommunalpolitik verrät

    Der erste Wahlgang der französischen Kommunalwahlen vom 15. März 2026 hat eine politische Botschaft hervorgebracht, die noch vor allen Parteiergebnissen steht: die Wahlbeteiligung. Mit einer geschätzten Beteiligung von rund 56 bis 58,5 Prozent lag sie deutlich über dem pandemiebedingt außergewöhnlich niedrigen Niveau der Kommunalwahl 2020. Gleichzeitig bleibt sie jedoch spürbar unter dem Wert der Wahl von 2014. Bereits um 17 Uhr hatten 48,9 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben – ein Wert, der zwar eine gewisse Mobilisierung zeigt, aber auch die anhaltende Distanz vieler Bürger zur lokalen Politik sichtbar macht. Damit bestätigt sich ein langfristiger Trend: Die Kommunalwahl bleibt zwar eine zentrale Säule der französischen Demokratie, doch ihre Mobilisierungskraft hat nachgelassen. Frankreich ist traditionell ein Land der Bürgermeister und Rathäuser. Über Jahrzehnte galten die „municipales“ als eine der politisch am stärksten verankerten Wahlen überhaupt. Die Bürgermeiste…

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  • Gerichtsurteil mit Signalwirkung: Staat und EDF für ökologische Schäden am Étang de Berre verurteilt

    Gerichtsurteil mit Signalwirkung: Staat und EDF für ökologische Schäden am Étang de Berre verurteilt

    Ein Urteil aus Marseille sorgt weit über die Küsten der Provence hinaus für Aufmerksamkeit. Am 12. März 2026 erklärte das Verwaltungsgericht Marseille sowohl den französischen Staat als auch den Energiekonzern EDF für mitverantwortlich an den ökologischen Schäden im Étang de Berre – einer der größten Lagunen Frankreichs. Für Umweltschützer markiert diese Entscheidung einen Wendepunkt. Zum ersten Mal erkennt ein Gericht ausdrücklich einen „ökologischen Schaden“ an, der durch den Betrieb eines großen hydroelektrischen Systems entstanden ist.

    Der Étang de Berre gilt seit Jahrzehnten als Sorgenkind der industriellen Entwicklung in Südfrankreich. Raffinerien, Hafenanlagen und Kraftwerke prägten lange das Bild rund um die Lagune. Doch der Kern des Konflikts liegt in einem technischen System, das eigentlich der Energieversorgung dienen soll: dem Kanal der Durance.

    Über diesen Kanal gelangen seit vielen Jahren große Mengen Süßwasser aus dem Fluss Durance in die ursprünglich salzhaltige Lagune. Das Wasser treibt Turbinen der Kraftwerke bei Salon-de-Provence und Saint-Chamas an – Anlagen, die einen beträchtlichen Anteil an der regionalen Stromproduktion liefern. Rund 35 Prozent der Elektrizität in der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur entstehen hier, etwa zehn Prozent der französischen Wasserkraftproduktion hängen indirekt mit diesem System zusammen.

    Doch genau dieser Erfolg hat eine Schattenseite.

    Der Étang de Berre ist ein marines Ökosystem, dessen Gleichgewicht stark von seinem Salzgehalt abhängt. Gelangt über Jahre hinweg zu viel Süßwasser hinein, verändern sich chemische und biologische Prozesse im Wasser. Sauerstoffmangel, Algenblüten und organische Ablagerungen können die Folge sein. Genau das, so das Gericht, sei durch die langjährigen Einleitungen geschehen. Die Auswirkungen auf das Ökosystem seien erheblich genug, um als eigenständiger ökologischer Schaden gewertet zu werden.

    Besonders prägend für die Debatte bleibt die Umweltkrise von 2018. Damals erlebte die Lagune eine massive Sauerstoffkrise – in der Region spricht man von „Malaïgue“, einem Begriff aus der mediterranen Lagunenökologie für eine Art Erstickungszustand des Wassers. Mehr als 90 Prozent des Ökosystems waren betroffen. Seegras verschwand großflächig, Muscheln und zahlreiche wirbellose Tiere starben nahezu vollständig ab.

    Für viele Anwohner war das der Moment, in dem aus einer abstrakten Umweltfrage eine sichtbare Katastrophe wurde.

    Das Urteil des Gerichts fällt dennoch differenziert aus. Die Richter wiesen mehrere Vorwürfe gegen den Staat zurück und stellten fest, dass nicht alle Einleitungen direkt für die Krise von 2018 verantwortlich gemacht werden können. Auch radikale Forderungen der Umweltvereinigung „L’Étang nouveau“, etwa ein vollständiger Stopp der Süßwassereinleitungen oder der Bau großer Schlammrückhaltebecken, fanden keine Zustimmung.

    Stattdessen verpflichtete das Gericht Staat und EDF, die Ergebnisse eines bereits laufenden Experiments ernsthaft auszuwerten.

    Nach der Krise von 2018 wurde ein neues System zur Regulierung der Wasserabgaben getestet. Die Einleitungen sollen stärker an Jahreszeiten und Umweltbedingungen angepasst werden. Teilweise werden Turbinenleistungen reduziert oder zeitweise ganz gestoppt, wenn Salzgehalt und Sauerstoffwerte kritisch erscheinen. Seit 2024 gilt außerdem ein jährlicher Höchstwert von 1,2 Milliarden Kubikmetern Süßwasser, die in die Lagune gelangen dürfen.

    Erste Beobachtungen zeigen leichte Verbesserungen. Der Salzgehalt stabilisiert sich, die Durchmischung der Wasserschichten verläuft besser, und auch die Sauerstoffwerte entwickeln sich in manchen Sommern günstiger. Von einer echten Erholung des Ökosystems sprechen Experten allerdings noch nicht.

    Das Gericht formuliert daher eine klare Botschaft: Positive Signale bedeuten noch keine Heilung.

    Politisch bringt das Urteil alle Beteiligten in eine heikle Lage. Für EDF stellt es eine Erinnerung dar, dass selbst strategisch wichtige Energieinfrastrukturen ökologische Verantwortung tragen. Für den Staat offenbart es ein bekanntes Muster: Umweltprobleme werden oft lange verwaltet, bis ein Gericht eingreift.

    Die eigentliche Bedeutung der Entscheidung reicht jedoch weit über die Provence hinaus.

    Der Begriff des „ökologischen Schadens“ verlässt endgültig die Theorie und landet mitten in der Praxis großer Industrieprojekte. Infrastruktur kann künftig auch dann juristisch verantwortlich gemacht werden, wenn ihre Schäden nicht spektakulär oder plötzlich auftreten, sondern über Jahrzehnte hinweg langsam ein Ökosystem verändern.

    Für den Étang de Berre selbst beginnt damit vielleicht eine neue Phase. Jahrzehntelang galt die Lagune vor allem als industrieller Standort – ein Raum, den man nutzte. Nun steht erstmals ein Urteil im Raum, das klar ausspricht: Dieses Gebiet ist mehr als ein technisches Reservoir.

    Es ist ein lebendiges Ökosystem.

    Und genau darin liegt die eigentliche Sprengkraft dieser Entscheidung.

    Autor: C.H.

  • Zwischen Symbolpolitik und Machtfragen: Die Kommunalwahlen 2026 in Frankreich nehmen Gestalt an

    Zwischen Symbolpolitik und Machtfragen: Die Kommunalwahlen 2026 in Frankreich nehmen Gestalt an

    Ein Jahr vor dem Urnengang beginnen sich die französischen Kommunalwahlen 2026 bereits deutlich abzuzeichnen. Wie so oft handelt es sich weniger um eine große ideologische Auseinandersetzung als um ein komplexes Spiel aus lokalen Netzwerken, politischer Inszenierung und strategischen Positionskämpfen. In diesem politischen Theater zählt jedes Detail: eine provokante Geste, ein bewusstes Schweigen, ein Meeting mit nationaler Strahlkraft oder ein Satz, der sich schneller verbreitet als jedes Programm. Hinter all dem steht die zentrale Frage, die sich in zahlreichen französischen Städten stellt: Wer hält seine Stadt – und wer hat realistische Chancen, sie zu übernehmen? Die politische Dynamik der vergangenen Woche lässt sich exemplarisch an drei Schauplätzen beobachten. In Nizza sorgt ein symbolisch aufgeladener Zwischenfall für Aufsehen und verweist auf eine zunehmende Verrohung lokaler Wahlkämpfe. In Marseille bleibt vor allem eines bestimmend: die Unsicherheit über den Ausgang. Und im …

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  • Listeriose durch Charcuterie: Tödlicher Ausbruch erschüttert Frankreich

    Listeriose durch Charcuterie: Tödlicher Ausbruch erschüttert Frankreich

    Es beginnt oft harmlos – ein paar Scheiben Pastete, ein rustikaler Snack aus der regionalen Metzgerei, vielleicht begleitet von einem Glas Rotwein. Doch genau solche Produkte stehen nun im Zentrum eines Gesundheitsalarms, der Frankreich aufhorchen lässt. Zwölf bestätigte Erkrankungen an Listeriose innerhalb weniger Monate. Zwei Todesfälle. Und eine Spur, die in die südfranzösische Drôme führt. Zwischen September 2025 und Januar 2026 registrierten die französischen Gesundheitsbehörden insgesamt zwölf Infektionen mit dem Bakterium Listeria monocytogenes. Für die meisten Menschen ist eine solche Infektion selten – und oft sogar unbemerkt. Doch in diesem Fall traf sie besonders verletzliche Menschen. Das Durchschnittsalter der Betroffenen lag bei rund 81 Jahren. Alle Erkrankten mussten im Krankenhaus behandelt werden. Einige litten an schweren Blutinfektionen, andere entwickelten neurologische Komplikationen, wie sie für schwere Listeriose typisch sind. Zwei Patienten, beide über 75 Jahre …

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  • Barie nach der Flut – ein Dorf kämpft sich zurück ins Leben

    Barie nach der Flut – ein Dorf kämpft sich zurück ins Leben

    Ein Monat ist vergangen, seit das Wasser kam. Doch im kleinen Ort Barie im Süden der Gironde fühlt sich die Katastrophe noch immer gegenwärtig an. Zwar hat sich das Hochwasser längst zurückgezogen, doch was bleibt, ist eine Landschaft aus Schlamm, zerstörten Möbeln und erschöpften Menschen, die Schritt für Schritt versuchen, ihren Alltag wieder zusammenzusetzen.

    Die Überschwemmungen im Februar trafen zahlreiche Gemeinden im Département Gironde. Auch Barie wurde offiziell als Katastrophengebiet anerkannt – eine administrative Entscheidung, die den Bewohnern Zugang zu Versicherungsleistungen verschafft. Auf dem Papier wirkt das wie ein wichtiger Schritt. Im Alltag bedeutet es vor allem eines: Formulare, Termine, Gutachten und Geduld.

    Und Geduld braucht es hier gerade reichlich.

    Wer heute durch die kleinen Straßen des Dorfes geht, sieht keine dramatischen Wassermassen mehr. Stattdessen stehen vor vielen Häusern noch immer Berge von Sperrmüll. Kaputte Kühlschränke, aufgequollene Schränke, durchnässte Matratzen. Dinge, die einmal Teil eines ganz normalen Lebens waren.

    Die Menschen sortieren, räumen, werfen weg.

    Im Süden der Gironde sind nach den Überschwemmungen hunderte Tonnen Abfall zusammengekommen – ein nüchterner, fast technischer Wert. Doch hinter dieser Zahl steckt eine stille Tragödie des Alltags. Küchen, die entsorgt werden müssen. Kinderzimmer, deren Möbel nicht mehr zu retten sind. Fotoalben, die im Wasser lagen.

    Die eigentliche Katastrophe zeigt sich oft erst Wochen später.

    Barie kennt Hochwasser. Der Ort liegt in einer Landschaft, die seit Jahrhunderten mit den Launen des Wassers lebt. Alte Deiche schützen die Umgebung, manche stammen noch aus dem 19. Jahrhundert. Lange Zeit gehörten Überschwemmungen zum lokalen Erfahrungswissen. Man wusste, wie damit umzugehen ist.

    Doch in den vergangenen Jahren hat sich etwas verändert.

    Die Ereignisse treten häufiger auf, die Regenmengen wirken heftiger, die Pegel steigen schneller. Was früher als gelegentliches Risiko galt, entwickelt sich langsam zu einer dauerhaften Unsicherheit. In Gesprächen mit Bewohnern hört man immer öfter denselben Gedanken: Wie lange hält das hier noch?

    Die Belastung ist nicht nur materiell.

    Viele Familien leben seit Wochen in einem Ausnahmezustand. Manche schlafen vorübergehend bei Verwandten oder Freunden. Andere versuchen, ihre Häuser Stück für Stück zu trocknen. Wände werden geöffnet, Böden herausgerissen, Elektrik überprüft. Parallel dazu laufen Versicherungsanträge, Schadensmeldungen und Gespräche mit Gutachtern.

    Es ist ein zäher Prozess.

    Besonders hart trifft die Situation auch die Landwirtschaft. Rund um Barie prägen Felder und Gemüsebetriebe das Landschaftsbild. Wenn Wasser tagelang auf den Böden steht, bedeutet das verlorene Ernten, beschädigte Böden und finanzielle Risiken für die Betriebe. Für viele Landwirte steht damit mehr auf dem Spiel als nur eine Saison.

    Es geht um ihre wirtschaftliche Existenz.

    So wird Barie zum stillen Symbol einer ländlichen Realität, die selten lange im Rampenlicht steht. Große Naturkatastrophen dominieren kurz die Nachrichten. Kamerateams kommen, berichten – und verschwinden wieder.

    Danach beginnt der lange, unspektakuläre Teil.

    Aufräumen. Reparieren. Warten. Hoffen.

    Eine Bewohnerin formulierte es kürzlich mit bemerkenswerter Einfachheit: „So zu leben, das zieht sich ewig.“ In diesem Satz steckt die eigentliche Erfahrung vieler Betroffener. Nicht der Moment der Flut erschöpft am meisten, sondern die Monate danach.

    Gleichzeitig wirft die Situation eine größere Frage auf. Was geschieht mit Regionen, die regelmäßig von solchen Ereignissen getroffen werden? Orte wie Barie zeigen, dass Klimaanpassung kein abstraktes politisches Schlagwort ist. Hier geht es um Deiche, Bauvorschriften, Versicherungen und darum, wie Menschen weiterhin sicher in ihrer Heimat leben können.

    Die Bewohner von Barie geben jedenfalls nicht auf. Nachbarschaftshilfe, lokale Solidarität und ein gewisser ländlicher Pragmatismus tragen durch diese Wochen. Man hilft sich, leiht Werkzeuge, bringt Essen vorbei.

    Trotzdem bleibt ein Gefühl.

    Als würde jede Reparatur gleichzeitig auch eine Vorbereitung auf die nächste Flut sein.

    Von Andreas M. Brucker

  • Demokratie im Briefkasten – Die unsichtbare Logistik hinter Frankreichs Kommunalwahlen

    Demokratie im Briefkasten – Die unsichtbare Logistik hinter Frankreichs Kommunalwahlen

    Drei Tage vor dem ersten Wahlgang der französischen Kommunalwahlen beginnt eine Phase der Wahlkampagne, die kaum Schlagzeilen macht – und doch für den demokratischen Ablauf zentral ist. Während Kandidaten auf Marktplätzen auftreten, Wahlplakate die Straßen säumen und politische Botschaften durch soziale Netzwerke zirkulieren, läuft parallel eine andere, wesentlich diskretere Kampagne: die Logistik der Wahlunterlagen. Allein in der Region Hauts-de-France werden rund drei Millionen sogenannte professions de foi – programmatische Wahlbriefe der Kandidaten – zusammen mit den offiziellen Wahlunterlagen an die Haushalte verteilt. Was zunächst wie eine bürokratische Routine erscheint, offenbart bei näherem Hinsehen eine bemerkenswerte Besonderheit des französischen Wahlsystems: den fortbestehenden Anspruch, allen Bürgern physisch und unabhängig von digitalen Plattformen Zugang zu politischer Information zu garantieren. Die Besonderheit des französischen Wahlmaterials Frankreich gehört zu den …

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