Kategorie: À la une

  • Trumps Wahldebakel erschüttert Amerika – und stellt Marine Le Pens Strategie für 2027 infrage

    Trumps Wahldebakel erschüttert Amerika – und stellt Marine Le Pens Strategie für 2027 infrage

    Die amerikanischen Zwischenwahlen vom 3. November 2026 haben Donald Trump eine empfindliche politische Niederlage beschert. Die Demokraten eroberten die Mehrheit in beiden Kammern des Kongresses und gewannen selbst in traditionell republikanischen Hochburgen. Für Frankreich, wo im April 2027 ein neuer Präsident gewählt wird, wirft dieser Machtwechsel eine grundsätzliche Frage auf: Könnte die Niederlage des amerikanischen Rechtspopulismus auch den Vormarsch von Marine Le Pens Rassemblement National bremsen? Die Antwort ist komplizierter, als es der Wahlausgang in Washington zunächst vermuten lässt. Ein politisches Erdbeben in Washington Die amerikanischen Midterms sind traditionell eine Bewährungsprobe für den amtierenden Präsidenten. Häufig verliert dessen Partei Sitze im Kongress. Doch das Ausmass der republikanischen Niederlage vom 3. November geht über eine gewöhnliche Korrektur der Machtverhältnisse hinaus. Die Demokraten sicherten sich die Kontrolle über das Repräsentantenhaus und…

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  • Paris verbietet Studentenprotest im Stadtzentrum – der Streit um die Demonstrationsfreiheit eskaliert

    Paris verbietet Studentenprotest im Stadtzentrum – der Streit um die Demonstrationsfreiheit eskaliert

    Die Pariser Polizeipräfektur untersagt dem Studentenbündnis Interfac Île-de-France einen Demonstrationszug vom Panthéon zum Sitz des Arbeitgeberverbands Medef. Als Begründung nennt sie schwere Ausschreitungen bei früheren Protesten und Sicherheitsrisiken in der Innenstadt. Die Organisatoren lehnen eine Ersatzroute am östlichen Stadtrand ab und kündigen rechtliche Schritte an. Der Konflikt wirft grundsätzliche Fragen über die Grenzen staatlicher Eingriffe in die Versammlungsfreiheit auf.

    Paris, 3. November 2026, Stand: 8 Uhr

    In Frankreich verschärft sich der Konflikt zwischen den Sicherheitsbehörden und der studentischen Protestbewegung. Die Pariser Polizeipräfektur hat am Montag den für Dienstag, den 3. November, angemeldeten Demonstrationszug des Hochschulbündnisses Interfac Île-de-France auf der vorgesehenen Strecke durch das Zentrum der Hauptstadt untersagt. Stattdessen sollen die Teilnehmer auf eine Route entlang der östlichen Stadtgrenze ausweichen. Die Organisatoren sehen darin eine unzulässige Einschränkung ihres Demonstrationsrechts und wollen das Verwaltungsgericht anrufen.

    Die Auseinandersetzung fällt in eine politisch sensible Phase. Nach den Herbstferien nehmen Schüler und Studierende ihre Proteste gegen die Bildungs- und Hochschulpolitik wieder auf. Gleichzeitig bereiten Gewerkschaften eine landesweite Mobilisierung für höhere Kaufkraft vor. Paris steht damit vor einer Woche, in der soziale Forderungen, öffentliche Sicherheit und verfassungsrechtlich geschützte Freiheitsrechte unmittelbar aufeinandertreffen.

    Vom Panthéon zum Arbeitgeberverband: Eine bewusst gewählte Route

    Die ursprünglich angemeldete Demonstration sollte am Panthéon im fünften Arrondissement beginnen und nach rund 4,7 Kilometern vor dem Sitz des französischen Arbeitgeberverbands Medef an der Avenue Bosquet im siebten Arrondissement enden. Vorgesehen war ein Zug über den Boulevard Saint-Michel, Port-Royal, Montparnasse und den Boulevard des Invalides.

    Die Wahl dieser Strecke war politisch keineswegs zufällig. Das Panthéon gehört zu den symbolträchtigsten Orten der Französischen Republik. Es steht für republikanische Werte, nationale Erinnerung und das Selbstverständnis eines Staates, der Freiheit und staatsbürgerliche Gleichheit zu seinen Grundprinzipien zählt.

    Der Medef wiederum repräsentiert einen wesentlichen Teil der organisierten Arbeitgeberinteressen Frankreichs. Mit einem Demonstrationszug zwischen diesen beiden Orten hätten die Studierenden ihren Protest gegen die Bildungspolitik mit einer breiteren gesellschaftlichen Auseinandersetzung über wirtschaftliche Macht, öffentliche Investitionen und soziale Verteilung verbunden.

    Interfac versteht sich als gemeinsames Mobilisierungsbündnis von Studierenden verschiedener Hochschulen der Region Île-de-France. Bereits in der vergangenen Woche hatte es beschlossen, die Proteste fortzusetzen. Die bislang angekündigten Zugeständnisse der Regierung reichen den Organisatoren nicht aus.

    Die Auseinandersetzung um den Demonstrationsweg betrifft deshalb mehr als eine verkehrstechnische Frage. Die Wahl von Ausgangspunkt, Ziel und Strecke gehört zur politischen Aussage einer öffentlichen Versammlung. Eine Verlagerung an den Stadtrand verändert nicht nur ihre Sichtbarkeit, sondern auch den symbolischen Bezug zum Adressaten des Protests.

    Sicherheitsbehörden verweisen auf eine Serie von Ausschreitungen

    Die Polizeipräfektur begründet ihre Entscheidung mit der angespannten Sicherheitslage nach mehreren Demonstrationen im Oktober. Seit dem 17. Oktober seien wiederholt Plünderungen und schwere Ausschreitungen registriert worden. Auch bei den Protesten vom 24. und 31. Oktober sei es zu Gewalt gekommen.

    Besonders schwer wiegt aus Sicht der Behörden der Vorwurf, dass Sicherheitskräfte am vergangenen Samstag unter anderem mit Brandsätzen angegriffen worden seien. Hinzu komme die erhebliche Beanspruchung der Polizeieinheiten durch die zahlreichen Einsätze der vergangenen Wochen.

    Die Präfektur verweist ausserdem auf die besonderen örtlichen Verhältnisse am Panthéon. Das Monument zieht zahlreiche Besucher an. Eine grössere Menschenansammlung könnte die Zugänge blockieren und polizeiliche Interventionen im Fall von Ausschreitungen erschweren.

    Anstelle des Innenstadtmarsches bietet die Behörde einen Demonstrationszug zwischen der Porte de Charenton und der Porte de Montreuil an. Die Strecke würde entlang der Boulevards des Maréchaux am östlichen Rand von Paris verlaufen. Dafür ist ein Zeitfenster von 12.30 bis 19 Uhr vorgesehen, mit einem möglichen Beginn des Zuges um 14 Uhr.

    Formal handelt es sich somit nicht um ein vollständiges Verbot jeder Demonstration des Bündnisses. Untersagt wird die beantragte Innenstadtstrecke, während eine räumlich verlegte Versammlung ermöglicht werden soll.

    Dieser Unterschied ist juristisch erheblich. Politisch bleibt er umstritten, weil die Ersatzroute den direkten Bezug zum Arbeitgeberverband Medef aufheben würde.

    Interfac setzt auf den Rechtsweg

    Das Studentenbündnis weist den Vorschlag zurück. «Wir akzeptieren diese Strecke nicht», erklärte Interfac-Mitglied Coppélia Moreau gegenüber der Nachrichtenagentur AFP.

    Moreau wirft den Behörden vor, Demonstrationen in Paris zunehmend grundsätzlich zu verhindern. Diese Darstellung geht über den konkreten Inhalt der aktuellen Verfügung hinaus. Die Präfektur hat für Dienstag eine alternative Strecke angeboten und damit die Möglichkeit einer Versammlung nicht vollständig ausgeschlossen.

    Interfac kündigte dennoch an, das Verbot vor dem Verwaltungsgericht anzufechten. Die Organisatoren können sich dabei auf eine frühere gerichtliche Entscheidung berufen.

    Am 22. Oktober hatte die Verwaltungsjustiz im Eilverfahren ein Verbot einer anderen Interfac-Demonstration ausgesetzt. Damals war ein Protestzug vom Krankenhaus Pitié-Salpêtrière zur Place de la Bastille vorgesehen.

    Allerdings führte die Entscheidung nicht zu einer reibungslosen Durchführung. Die Polizeipräfektur erklärte zunächst, ihr liege die gerichtliche Begründung noch nicht vor, und gestattete lediglich eine stationäre Kundgebung.

    Der Vorgang verdeutlicht die Schwierigkeiten kurzfristiger gerichtlicher Interventionen. Zwischen einer verwaltungsgerichtlichen Entscheidung, ihrer Zustellung und der praktischen Umsetzung durch die Sicherheitsbehörden können erhebliche Spannungen entstehen.

    Für das aktuelle Verbot war am Dienstagmorgen noch keine bestätigte gerichtliche Entscheidung bekannt.

    Die rechtliche Grenze zwischen Sicherheit und Freiheit

    Frankreichs Rechtsordnung schützt die Demonstrationsfreiheit als grundlegende öffentliche Freiheit. Sie ist eng mit der Meinungsfreiheit und der kollektiven politischen Willensbildung verbunden. Allerdings unterliegt ihre Ausübung den Anforderungen der öffentlichen Ordnung.

    Die französische Verwaltungsrechtsprechung verlangt, dass staatliche Beschränkungen geeignet, erforderlich und verhältnismässig sind. Bereits die klassische Entscheidung Benjamin des Conseil d’État aus dem Jahr 1933 begründete einen bis heute massgeblichen Grundsatz: Die Behörden dürfen eine öffentliche Veranstaltung nicht allein deshalb untersagen, weil Sicherheitsrisiken bestehen, wenn diese durch weniger einschneidende Massnahmen beherrscht werden können.

    Diese Linie hat der Conseil d’État in seiner Rechtsprechung immer wieder bestätigt, zuletzt auch am 23. Oktober 2026.

    Für die Beurteilung des Interfac-Verbots sind mehrere Fragen entscheidend. Erstens müssen die Behörden darlegen, weshalb gerade der angemeldete Demonstrationszug konkrete Gefahren für die öffentliche Ordnung mit sich bringt. Zweitens ist zu prüfen, ob diese Risiken durch Polizeibegleitung, Zugangsbeschränkungen oder eine begrenzte Anpassung der Route ausreichend vermindert werden könnten. Drittens muss berücksichtigt werden, welche Einsatzkräfte tatsächlich verfügbar sind.

    Frühere Ausschreitungen dürfen in die Gefahrenprognose einfliessen. Sie rechtfertigen jedoch nicht automatisch die Untersagung späterer Demonstrationen.

    Umgekehrt verpflichtet die Versammlungsfreiheit den Staat nicht, jede gewünschte Strecke unter allen Umständen zu genehmigen. Bei konkret belegten Gefahren können auch weitreichende Einschränkungen zulässig sein.

    Die zentrale juristische Frage lautet deshalb, ob die Verlagerung an den östlichen Stadtrand angesichts der Sicherheitslage notwendig und angemessen ist oder ob mildere Massnahmen ausgereicht hätten.

    Eine Protestbewegung mit breiteren gesellschaftlichen Forderungen

    Der Konflikt um die Demonstrationsroute ist Teil einer grösseren Auseinandersetzung über Frankreichs Bildungs- und Sozialpolitik.

    Nach den Herbstferien wollen Schüler- und Studentenorganisationen ihre Mobilisierung fortsetzen. Für Dienstag sind weitere Blockaden von Schulen und Hochschulen angekündigt. Am Donnerstag, dem 5. November, sollen sich junge Demonstrierende zudem an einer berufsübergreifenden Protestbewegung für mehr Kaufkraft beteiligen.

    Die Regierung versucht, die Unzufriedenheit durch Zugeständnisse einzudämmen. Zu den angekündigten Massnahmen gehören ein schrittweiser Ersatz des Hochschulzulassungssystems Parcoursup bis 2028, zusätzliche Stellen im Bildungswesen sowie weitere Studienplätze.

    Doch die beteiligten Jugendorganisationen halten die Zusagen für unzureichend. Ein Bündnis aus USL, Unef, Fage und Union étudiante fordert unter anderem zusätzliche Investitionen von zehn Milliarden Euro in Schulen und Hochschulen sowie die vollständige Abschaffung von Parcoursup.

    Hinter diesen Forderungen stehen strukturelle Probleme des französischen Bildungssystems. Dazu zählen die ungleichen Bildungschancen zwischen sozialen Gruppen, der Zugang zu begehrten Studiengängen und die Frage, ob die staatliche Finanzierung mit den wachsenden Anforderungen an Hochschulen und Schulen Schritt hält.

    Das Zulassungssystem Parcoursup ist dabei zu einem besonders sichtbaren Konfliktpunkt geworden. Seine Befürworter sehen darin ein Instrument zur Koordinierung der Studienplatzvergabe. Kritiker bemängeln mangelnde Transparenz, hohen Leistungsdruck und die Gefahr, bestehende soziale Unterschiede zu verstärken.

    Die Proteste verbinden damit hochschulpolitische Anliegen mit grundsätzlichen Fragen der sozialen Mobilität und der Verteilung öffentlicher Mittel.

    Auch die Gewerkschaften kritisieren die Unsicherheit

    Die Auseinandersetzung zwischen Demonstrierenden und Sicherheitsbehörden betrifft inzwischen nicht mehr allein die studentische Bewegung.

    Auch für die am Donnerstag geplante Pariser Demonstration stand der genaue Verlauf nach den zuletzt veröffentlichten Informationen noch nicht fest.

    CGT-Generalsekretärin Sophie Binet kritisierte die kurzfristige Unsicherheit. Veranstalter müssten frühzeitig wissen, welche Strecken genehmigt würden, um gemeinsam mit den zuständigen Behörden eine sichere Durchführung organisieren zu können.

    Das Argument verweist auf ein praktisches Problem des französischen Demonstrationsrechts. Die Sicherheitsbehörden benötigen ausreichend Zeit, um Risiken zu bewerten und Einsatzpläne zu erstellen. Zugleich sind die Organisatoren auf verbindliche Entscheidungen angewiesen, um Teilnehmer zu informieren und eigene Sicherheitsvorkehrungen zu treffen.

    Je später die endgültige Festlegung einer Route erfolgt, desto schwieriger wird die Abstimmung zwischen beiden Seiten.

    Die Situation ist auch deshalb bedeutsam, weil Demonstrationen in Frankreich historisch eine zentrale Rolle bei gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen spielen. Von den Studentenprotesten des Mai 1968 über die grossen Arbeitskämpfe von 1995 bis zu den Auseinandersetzungen um die Rentenreform von 2023 gehört die Mobilisierung auf der Strasse zum politischen Repertoire der Republik.

    Dabei standen sich immer wieder zwei legitime staatliche Aufgaben gegenüber: der Schutz öffentlicher Sicherheit und die Gewährleistung politischer Freiheitsrechte.

    Der Streit um den Marsch vom Panthéon zum Medef fügt sich in diese Tradition ein, ohne dass die historischen Konflikte mit der heutigen Situation gleichgesetzt werden könnten.

    Ob die Interfac-Demonstration auf der ursprünglich angemeldeten Strecke stattfinden darf, hängt nun von der verwaltungsgerichtlichen Prüfung ab. Entscheidend wird sein, ob die Präfektur ihre Gefahrenprognose ausreichend konkret begründen kann und ob die angebotene Alternative den Anforderungen der Verhältnismässigkeit genügt.

    Über den Einzelfall hinaus steht eine grundsätzliche Frage im Raum: Wie weit dürfen Behörden den Ort eines politischen Protests verändern, ohne dessen öffentliche Wirkung wesentlich einzuschränken? Die Antwort darauf betrifft nicht nur die Studentenbewegung, sondern die praktische Ausübung eines zentralen demokratischen Freiheitsrechts in Frankreich.

    P. Tiko

  • Frankreichs Schüler rebellieren weiter: Nach den Herbstferien droht eine neue Welle von Schulblockaden

    Frankreichs Schüler rebellieren weiter: Nach den Herbstferien droht eine neue Welle von Schulblockaden

    Frankreichs Bildungssystem kommt nicht zur Ruhe. Zum Unterrichtsbeginn am 2. November 2026 kündigen Schülerorganisationen neue Blockaden von Lycées an. In Toulouse sind bereits erste Schulen betroffen. Obwohl die Regierung weitreichende Reformen versprochen hat, halten die Jugendlichen an ihren Protesten fest. Hinter dem Konflikt steht eine grundsätzliche Frage: Kann die französische Republik ihr Versprechen auf gleiche Bildungschancen noch einlösen?

    Paris, 2. November 2026 – Stand: 9 Uhr

    Die zweiwöchigen Herbstferien haben Frankreichs Bildungskonflikt nicht entschärft. Bereits am ersten Schultag nach der Unterrichtspause wollen Schülerorganisationen ihre Proteste wieder aufnehmen. „Die Lycées werden blockiert, und zwar schon ab Montag“, kündigte Pierre Sourzat, Vorsitzender der Bewegung „Les Lycéens !“, am Sonntag beim Radiosender RMC an. Mit einer stärkeren Mobilisierung rechnet er allerdings erst am Dienstag.

    Die ersten Meldungen aus Toulouse deuten darauf hin, dass die Ankündigungen nicht folgenlos bleiben. An den Lycées Berthelot, Saint-Sernin und des Arènes wurden am Montagmorgen blockierte Zugänge gemeldet. Die Aktionen verliefen zunächst friedlich. Über das landesweite Ausmaß der Proteste lassen sich zu diesem frühen Zeitpunkt noch keine verlässlichen Aussagen treffen.

    Für die Regierung von Präsident Emmanuel Macron ist die Wiederaufnahme der Blockaden politisch heikel. Erst am 26. Oktober hatten Bildungsminister Édouard Geffray und Hochschulminister Philippe Baptiste ein umfangreiches Reformpaket vorgestellt. Es sollte den Jugendlichen signalisieren, dass ihre Beschwerden ernst genommen werden. Doch zwischen den langfristigen Zusagen der Regierung und den unmittelbaren Erwartungen der Schüler liegt weiterhin eine erhebliche Distanz.

    Eine Protestwoche mit politischer Sprengkraft

    Die erneuten Blockaden sind Teil einer koordinierten Mobilisierung. Für Dienstag, den 3. November, haben die Schülergewerkschaft Union syndicale lycéenne (USL) und die Studierendenorganisation Union étudiante zu Aktionen an Lycées und Hochschulen aufgerufen. Am Donnerstag, dem 5. November, sollen sich Schüler und Studierende an einem landesweiten, branchenübergreifenden Streik- und Demonstrationstag beteiligen.

    Damit erhält der zunächst bildungspolitische Konflikt eine breitere gesellschaftliche Dimension. Die Gewerkschaften protestieren unter anderem gegen die staatliche Haushaltsplanung und fordern höhere Löhne. Die Verbindung zwischen Schülerprotesten und gewerkschaftlichen Aktionen könnte den politischen Druck auf die Regierung erhöhen.

    Ob daraus eine landesweite Protestbewegung entsteht, ist allerdings offen. Frankreichs Schülerorganisationen sind nicht einheitlich organisiert. Auch unterscheiden sich die Bedingungen zwischen den Schulen erheblich. Ein Aufruf zur Blockade bedeutet deshalb keineswegs, dass sämtliche Lycées ihren Unterricht einstellen.

    Gleichwohl verfügt Frankreich über eine ausgeprägte Tradition politischer Mobilisierung im Bildungswesen. Bereits 1986 führten massive Schüler- und Studentenproteste zur Rücknahme einer Hochschulreform der Regierung Jacques Chirac. Auch 2006 musste die Regierung unter Premierminister Dominique de Villepin nach wochenlangen Demonstrationen den umstrittenen Ersteinstellungsvertrag, den Contrat première embauche, zurückziehen.

    Diese historischen Erfahrungen erklären, weshalb Proteste junger Menschen in Frankreich politisch besonders aufmerksam verfolgt werden. Sie können weit über die Bildungspolitik hinaus Wirkung entfalten.

    Überfüllte Klassen und die Angst vor dem sozialen Abstieg

    Die gegenwärtige Mobilisierung richtet sich nicht gegen eine einzelne Maßnahme. Vielmehr verdichten sich darin strukturelle Probleme des französischen Bildungssystems.

    Die Jugendlichen kritisieren überfüllte Klassen, Unterrichtsausfälle, sanierungsbedürftige Gebäude und Stundenpläne, die durch lange Freistunden unterbrochen werden. Hinzu kommt die Sorge um die eigenen Zukunftsaussichten.

    Besonders umstritten ist das Hochschulzulassungssystem Parcoursup. Die 2018 eingeführte Plattform soll Bewerbungen für Studiengänge koordinieren und die Vergabe von Studienplätzen transparenter gestalten. Tatsächlich empfinden zahlreiche Jugendliche das Verfahren als kompliziert, belastend und schwer vorhersehbar.

    Die Kritik betrifft dabei zwei unterschiedliche Probleme. Einerseits geht es um die Funktionsweise des Auswahlverfahrens, andererseits um das verfügbare Studienangebot. Selbst eine transparente Zulassung kann nicht verhindern, dass Bewerber abgewiesen werden, wenn in besonders nachgefragten Studiengängen zu wenige Plätze vorhanden sind.

    Dahinter steht die grundlegende Frage nach der Chancengleichheit. Frankreichs republikanisches Bildungsverständnis beruht auf dem Anspruch, dass schulischer Erfolg vor allem von Leistung und nicht von sozialer Herkunft abhängen soll. Tatsächlich beeinflussen familiäre Ressourcen, Wohnort und schulisches Umfeld die Bildungschancen erheblich.

    Die Proteste machen damit auch ein gesellschaftliches Unbehagen sichtbar: Für viele Jugendliche erscheint Bildung zunehmend als Wettbewerb um begrenzte Aufstiegsmöglichkeiten.

    Die Regierung verspricht einen tiefgreifenden Umbau

    Mit ihrem Reformpaket vom 26. Oktober versucht die Regierung, auf diese Kritik zu reagieren. Die weitreichendste Ankündigung betrifft Parcoursup. Die Plattform soll zur Bewerbungsrunde 2028 durch ein neues Zulassungssystem ersetzt werden.

    Bereits 2027 sollen die Auswahlkriterien verständlicher werden. Vorgesehen sind nachvollziehbarere Ablehnungsentscheidungen und eine verbesserte Begleitung bei der Studienorientierung.

    Zudem sollen zwischen 2027 und 2028 insgesamt 15.000 zusätzliche Studienplätze entstehen. Davon sind 10.000 für die berufsorientierten Bildungsgänge des Brevet de technicien supérieur (BTS) vorgesehen.

    Auch bei den Klassengrößen plant die Regierung Veränderungen. In der seconde générale et technologique, dem ersten Jahr der allgemeinbildenden und technologischen Lycée-Oberstufe, soll künftig eine Obergrenze von 28 Schülern gelten.

    Die Einführung erfolgt stufenweise: 2027 zunächst in der sozial am wenigsten begünstigten Hälfte der Lycées, 2028 dann landesweit. Für besonders große Klassen in den höheren Jahrgangsstufen sind ebenfalls Entlastungen vorgesehen.

    Weitere Zusagen betreffen zusätzliche Lehrkräfte und die Sanierung von Schulgebäuden. Bis 2030 soll hierfür ein Kreditrahmen von vier Milliarden Euro bereitstehen.

    Allerdings handelt es sich bei diesen Mitteln nicht um direkte staatliche Zuschüsse, sondern um vergünstigte Darlehen. Die Finanzierung und Umsetzung hängen damit auch von den zuständigen Gebietskörperschaften ab.

    Gerade dieser Punkt ist politisch bedeutsam. Während der französische Zentralstaat wesentliche Entscheidungen über Unterricht und Personal trifft, liegt die Verantwortung für Bau und Unterhalt der Lycée-Gebäude bei den Regionen. Die Modernisierung der Schulen erfordert deshalb ein Zusammenwirken verschiedener staatlicher Ebenen.

    Warum die Schüler den Versprechen misstrauen

    Für die protestierenden Organisationen reichen die angekündigten Maßnahmen nicht aus. Pierre Sourzat argumentiert, dass eine neue Zulassungsplattform wenig ändere, solange das Angebot an Studienplätzen nicht ausreichend erweitert werde.

    Auch die geplante Begrenzung der Klassengrößen geht seiner Organisation nicht weit genug. Die Schülervertreter verlangen Verbesserungen für sämtliche Jahrgangsstufen und nicht nur für einzelne Klassen.

    Besonders kritisch beurteilen sie die Finanzierung der Gebäudesanierungen. Regionen mit angespannten Haushalten könnten zusätzliche Kredite möglicherweise nur eingeschränkt aufnehmen. Die tatsächliche Wirkung des Programms dürfte deshalb auch von der finanziellen Leistungsfähigkeit der einzelnen Regionen abhängen.

    Unterstützung erhalten die Jugendlichen von Teilen der Lehrergewerkschaften. Élisabeth Allain-Moreno, Generalsekretärin der SE-Unsa, weist auf den Personalmangel bei der Bildungs- und Berufsorientierung hin. Eine technische Neugestaltung von Parcoursup könne persönliche Beratung nicht ersetzen.

    Auch Sophie Vénétitay vom SNES-FSU sieht weiteren Handlungsbedarf. Die bisherigen Zugeständnisse seien offensichtlich nicht ausreichend, um den Konflikt zu beenden.

    Der entscheidende Gegensatz liegt im zeitlichen Horizont: Die Regierung kündigt Reformen für 2027 und 2028 an. Die Jugendlichen erwarten Verbesserungen während ihrer eigenen Schulzeit. Wer im kommenden Sommer das Abitur ablegt, wird von einer neuen Zulassungsplattform im Jahr 2028 kaum profitieren.

    Macron setzt auf die Rückkehr zum Unterricht

    Präsident Emmanuel Macron verfolgt eine andere Argumentationslinie. In einem Interview mit dem Medienformat HugoDécrypte erklärte er, die Anliegen der Jugendlichen seien aufgegriffen worden und entsprechende Arbeiten liefen bereits.

    Er appellierte an die Schüler, die Blockaden zu beenden und den Unterricht wieder aufzunehmen. Bildungspolitische Veränderungen benötigten Zeit; zugleich dürfe die schulische Zukunft der Jugendlichen nicht durch anhaltende Unterrichtsausfälle gefährdet werden.

    Damit verweist der Präsident auf ein Dilemma, das sich mit jeder weiteren Protestwoche verschärft.

    Das Recht auf politische Meinungsäusserung und Protest steht dem Interesse jener Schüler gegenüber, die ihren Unterricht regulär besuchen möchten. Für Schulleitungen entsteht daraus eine schwierige Verantwortung.

    Carole Zerbib, Pariser Schulleiterin und Vertreterin des Schulleitungsverbands SNPDEN-Unsa, warnte vor möglichen Auseinandersetzungen zwischen blockierenden Jugendlichen und Schülern, die Zugang zu ihren Klassenräumen verlangen.

    Die Konfliktlinie verläuft somit nicht ausschliesslich zwischen Regierung und Protestbewegung. Auch innerhalb der Schülerschaft können unterschiedliche Vorstellungen darüber bestehen, welche Protestformen legitim und angemessen sind.

    Ein Konflikt um Vertrauen und staatliche Glaubwürdigkeit

    Die Auseinandersetzung zeigt ein grundsätzliches Problem der französischen Reformpolitik. Zwischen politischen Ankündigungen und ihrer tatsächlichen Umsetzung liegen häufig mehrere Haushaltsjahre, administrative Verfahren und Verhandlungen mit unterschiedlichen Institutionen.

    Im Bildungsbereich ist diese Verzögerung besonders folgenreich. Schüler erleben ihre Schulzeit als begrenzten Lebensabschnitt. Eine Reform, die erst nach ihrem Abschluss wirksam wird, kann für sie politisch sinnvoll erscheinen, ohne ihre gegenwärtigen Schwierigkeiten zu lösen.

    Dabei sind die Regierungszusagen durchaus substanziell. Die angekündigten 500 zusätzlichen Lehrkräftestellen, die Rücknahme geplanter Stellenstreichungen und die Ausweitung des Studienangebots bedeuten konkrete politische Verpflichtungen. Ob sie ausreichen, um strukturelle Defizite zu beheben, hängt jedoch von ihrer Umsetzung und den verfügbaren Haushaltsmitteln ab.

    Hinzu kommt die finanzpolitische Lage Frankreichs. Zusätzliche Bildungsausgaben konkurrieren mit anderen staatlichen Verpflichtungen. Die Regierung muss deshalb zwischen kurzfristigen Entlastungen und längerfristiger Haushaltsdisziplin abwägen. Die Schülerorganisationen beurteilen die Reformen dagegen vor allem danach, ob sich ihre Lernbedingungen tatsächlich verbessern.

    Die kommenden Tage werden zeigen, wie gross die Mobilisierungsfähigkeit der Bewegung nach den Herbstferien geblieben ist. Entscheidend wird nicht allein die Zahl blockierter Schulen sein, sondern auch, ob sich weitere gesellschaftliche Gruppen anschliessen und die Regierung zu zusätzlichen Zugeständnissen bewegen können.

    Frankreich steht damit vor einer bildungspolitischen Bewährungsprobe. Die Regierung hat einen Reformprozess eingeleitet, dessen Ergebnisse erst in den kommenden Jahren sichtbar werden sollen. Die protestierenden Jugendlichen verlangen dagegen Antworten auf Probleme, die sie täglich erleben. Ob sich beide Perspektiven miteinander vereinbaren lassen, dürfte darüber entscheiden, ob die Klassenräume bald wieder zur Normalität zurückkehren oder die Protestbewegung eine neue politische Dynamik entwickelt.

    P. Tiko

  • Frankreichs Schülerproteste zeigen Wirkung – doch die Regierung kauft sich vor allem Zeit

    Frankreichs Schülerproteste zeigen Wirkung – doch die Regierung kauft sich vor allem Zeit

    Frankreichs Regierung reagiert auf die anhaltenden Schüler- und Studentenproteste mit einem umfangreichen Reformpaket. Kleinere Klassen, zusätzliche Studienplätze und die Abschaffung des umstrittenen Zulassungsportals Parcoursup sollen das Bildungssystem entlasten. Doch viele Verbesserungen kommen frühestens 2027. Die Jugendorganisationen erkennen zwar Fortschritte an, halten den politischen Druck aber aufrecht. Kleinere Klassen, mehr Personal Nach wochenlangen Protesten präsentierten Bildungsminister Édouard Geffray und Hochschulminister Philippe Baptiste am 26. Oktober konkrete Reformvorschläge. Premierminister Sébastien Lecornu bestätigte die Zusagen zwei Tage später in der Nationalversammlung. Im Mittelpunkt steht die Begrenzung der Klassengrösse auf höchstens 28 Schüler im ersten Jahr der gymnasialen Oberstufe, der sogenannten Seconde. Ab Herbst 2027 soll diese Regel zunächst an der sozial benachteiligten Hälfte der Lycées gelten, ein Jahr später an sämtlichen öffentlichen Gymnasi…

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  • Frankreich erwägt 22 Euro mehr Mindestlohn – doch der soziale Frieden lässt sich nicht billig erkaufen

    Frankreich erwägt 22 Euro mehr Mindestlohn – doch der soziale Frieden lässt sich nicht billig erkaufen

    Frankreichs Regierung sucht nach einer Antwort auf die wachsende soziale Unzufriedenheit. Eine vorgezogene Erhöhung des gesetzlichen Mindestlohns um rund 22 Euro netto monatlich soll Beschäftigte mit niedrigen Einkommen entlasten und den politischen Druck verringern. Doch Gewerkschaften verlangen deutlich mehr, während Arbeitgeber vor steigenden Kosten warnen. Hinter dem Streit um wenige Euro steht eine grundsätzliche Frage: Wie lässt sich die Kaufkraft sichern, ohne die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit zu gefährden? Stand: 29. Oktober 2026 Eine Regierung unter sozialem Druck Frankreich erlebt einen politisch und sozial angespannten Herbst. Die Sorge um die Kaufkraft, hohe laufende Haushaltsausgaben und die Unsicherheit über die wirtschaftliche Entwicklung prägen die öffentliche Debatte. Nach den Demonstrationen vom 17. und 24. Oktober steht die Regierung von Premierminister Sébastien Lecornu unter erheblichem Druck, den Forderungen nach spürbaren Verbesserungen der Lebensbedingung…

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  • Frankreich führt eine «Krawallabgabe» ein – und die Versicherten könnten dafür bezahlen

    Frankreich führt eine «Krawallabgabe» ein – und die Versicherten könnten dafür bezahlen

    Frankreich will die finanziellen Folgen gewaltsamer Ausschreitungen künftig auf eine breitere Grundlage stellen. Ab Januar 2027 soll ein neuer Solidaritätsbeitrag von 0,8 Prozent auf bestimmte Versicherungsprämien einen Fonds zur Entschädigung von Unruheschäden finanzieren. Die sogenannte «taxe émeutes» könnte damit Auto-, Wohnungs- und Gewerbeversicherungen verteuern. Hinter der Reform steht eine grundsätzliche Frage: Wer soll für die wirtschaftlichen Folgen gesellschaftlicher Gewalt aufkommen? Ein neuer Fonds gegen die Folgen von Unruhen Die rechtliche Grundlage wurde bereits mit dem französischen Haushaltsgesetz vom 19. Februar 2026 geschaffen. Artikel 171 sieht einen Mechanismus vor, der Versicherungsunternehmen bei besonders hohen Schäden durch gewaltsame Unruhen entlasten soll. Der geplante Beitragssatz von 0,8 Prozent ist allerdings noch nicht endgültig beschlossen. Die entsprechenden Ausführungsbestimmungen befinden sich im Verfahren. Gesetzlich zulässig wäre ein Satz von bis z…

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  • Macron warnt vor neuem Protestsamstag: Frankreichs Innenstädte sollen geschützt werden

    Macron warnt vor neuem Protestsamstag: Frankreichs Innenstädte sollen geschützt werden

    Frankreich steht vor einem weiteren angespannten Protestwochenende. Präsident Emmanuel Macron will Demonstrationszüge auch am 31. Oktober aus den Innenstädten fernhalten. Nach den schweren Ausschreitungen Mitte Oktober räumt der Staatschef Fehler bei der Sicherheitsplanung ein. Zugleich wächst der politische Druck auf die Regierung, Antworten auf die sozialen Forderungen der Protestbewegung zu finden. Stand: 27. Oktober 2026 Die Spuren der Gewalt sind im Rathaus von Marseille noch immer sichtbar. Zerbrochene Scheiben, Schmierereien und eine beschädigte Marianne-Büste erinnern an die Ausschreitungen vom 17. Oktober. Bei einem Besuch in der südfranzösischen Hafenstadt besichtigte Präsident Emmanuel Macron gemeinsam mit Bürgermeister Benoît Payan die Schäden. Der Termin war zugleich eine politische Bestandsaufnahme vor einem weiteren schwierigen Protestsamstag. Für den 31. Oktober kündigte Macron verschärfte Sicherheitsvorkehrungen an. Angemeldete Demonstrationszüge sollen weiterhin außer…

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  • Frankreich nach dem Protestsamstag: 1.314 Festnahmen, 53 verletzte Einsatzkräfte – doch der soziale Konflikt bleibt ungelöst

    Frankreich nach dem Protestsamstag: 1.314 Festnahmen, 53 verletzte Einsatzkräfte – doch der soziale Konflikt bleibt ungelöst

    Frankreich erlebt eine neue Phase anhaltender sozialer Spannungen. Nach den landesweiten Demonstrationen vom 24. Oktober 2026 meldet das Innenministerium 1.314 Festnahmen, 53 verletzte Polizisten und Gendarmen sowie zahlreiche Sachbeschädigungen. Gegenüber der Vorwoche gingen die Ausschreitungen deutlich zurück. Doch während die Regierung auf ihr verstärktes Sicherheitskonzept verweist, bleiben die sozialen Forderungen der Demonstranten unbeantwortet. Auch Berichte über schwer verletzte Protestteilnehmer werfen Fragen zum Polizeieinsatz auf.

    Deutlich weniger Ausschreitungen als in der Vorwoche

    Nach der vorläufigen Bilanz des Innenministeriums vom Sonntagmorgen mussten die Sicherheitskräfte landesweit 75-mal wegen Bränden eingreifen. 24 Geschäfte wurden geplündert, weitere beschädigt. Die anschliessende Nacht verlief nach Behördenangaben weitgehend ruhig.

    Im Vergleich zum 17. Oktober zeigt sich eine erhebliche Entspannung. Damals registrierten die Behörden 2.628 Festnahmen und 2.025 Brandeinsätze. Die Zahl der Festnahmen hat sich somit halbiert, jene der Brandeinsätze ging noch wesentlich stärker zurück.

    Allerdings sind Festnahmen nicht mit strafrechtlichen Verurteilungen gleichzusetzen. Ob die Vorwürfe Bestand haben, müssen die weiteren Ermittlungen und gegebenenfalls die Gerichte klären.

    Paris setzt auf verstärkte Polizeipräsenz

    Rund 70.000 Polizisten und Gendarmen waren am Samstag landesweit im Einsatz. Nach den Ausschreitungen der Vorwoche hatten die Behörden ihre Sicherheitsstrategie angepasst.

    Besonders deutlich fiel der Rückgang in Paris aus. Dort wurden 142 Menschen festgenommen, gegenüber 855 am vorherigen Samstag. Von ihnen kamen 126 in Polizeigewahrsam.

    Die Demonstration verlief über weite Strecken friedlich. Erst gegen Ende kam es am Cours de Vincennes zu Zusammenstössen. Die Polizei setzte Tränengas und einen Wasserwerfer ein.

    Die Pariser Polizeipräfektur räumte ein, das Gewaltpotenzial bei den vorangegangenen Protesten unterschätzt zu haben. Innenminister Laurent Nuñez wertete den jüngsten Einsatz hingegen als Beleg für die Wirksamkeit der angepassten Strategie.

    Schwere Verletzungen werfen Fragen auf

    Die offizielle Bilanz nennt 53 verletzte Angehörige der Sicherheitskräfte. Eine landesweite Gesamtzahl verletzter Demonstranten liegt dagegen nicht vor.

    Besonders schwerwiegende Vorfälle wurden aus Toulouse, Poitiers und Clermont-Ferrand gemeldet. In Toulouse erlitt ein 20-Jähriger eine schwere Handverletzung. In Poitiers wurde ein 19-Jähriger am linken Auge verletzt.

    In Clermont-Ferrand untersucht die Justiz, ob eine Polizeigranate für die schwere Handverletzung eines Demonstranten verantwortlich war. Staatsanwalt Éric Serfass bestätigte entsprechende Ermittlungen. Eine abschliessende Feststellung zur Ursache steht aus.

    Diese Fälle verdeutlichen die Schwierigkeiten bei der Bewertung solcher Einsätze. Der Staat muss die öffentliche Sicherheit gewährleisten, zugleich aber das verfassungsrechtlich geschützte Demonstrationsrecht respektieren. Entscheidend bleibt, ob polizeiliche Zwangsmittel notwendig und verhältnismässig eingesetzt wurden.

    Unterschiedliche Zahlen, gegensätzliche Bewertungen

    Auch über die Grösse der Protestbewegung herrscht Uneinigkeit. Das Innenministerium beziffert die Teilnehmerzahl auf 410.000 Menschen, darunter 110.000 in Paris. Die Gewerkschaft CGT spricht dagegen von knapp 800.000 Demonstranten.

    Nach behördlicher Zählung ging die Beteiligung gegenüber den 550.000 Teilnehmern der Vorwoche zurück. Die Gewerkschaften sehen dagegen eine weiterhin starke Mobilisierung.

    Im Mittelpunkt stehen steigende Lebenshaltungskosten, sinkende Kaufkraft und die Situation öffentlicher Dienstleistungen. Die CGT kritisiert zudem Einschränkungen des Demonstrationsrechts durch Verbote und kurzfristige Änderungen von Demonstrationsrouten.

    Die unterschiedlichen Bewertungen zeigen, dass sich Regierung und Gewerkschaften nicht nur über das Ausmass der Proteste, sondern auch über deren politische Bedeutung uneinig sind.

    Neue Proteste bereits angekündigt

    Die politische Auseinandersetzung dürfte sich fortsetzen. Für den 31. Oktober mobilisieren Vertreter der Gelbwestenbewegung, während Gewerkschaften für den 5. November einen weiteren landesweiten Streik- und Demonstrationstag vorbereiten.

    Für die Regierung bedeutet der vergleichsweise ruhigere Protestsamstag zunächst eine Entlastung. Ob das verbesserte Sicherheitskonzept dauerhaft trägt, bleibt jedoch offen.

    Die zentrale Herausforderung liegt ohnehin jenseits der Polizeistatistik. Solange die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ursachen der Unzufriedenheit bestehen, kann eine geringere Zahl von Ausschreitungen kaum als politische Befriedung gelten. Entscheidend wird sein, ob Regierung und Gewerkschaften wieder zu einem tragfähigen Dialog finden.

    Autor: P. Tiko

  • Sturm Austen legt Nordfrankreich lahm: 161.000 Haushalte ohne Strom – 23 Départements in Alarmbereitschaft

    Sturm Austen legt Nordfrankreich lahm: 161.000 Haushalte ohne Strom – 23 Départements in Alarmbereitschaft

    Sturm Austen trifft Frankreich mit voller Wucht. Am Freitagmorgen, dem 23. Oktober 2026, waren bereits 161.000 Haushalte ohne Strom, zahlreiche Zugverbindungen fielen aus und wichtige Verkehrsachsen mussten gesperrt werden. Besonders schwer betroffen ist die Bretagne. Für insgesamt 23 Départements gilt die zweithöchste Wetterwarnstufe Orange. Auch Paris und die gesamte Île-de-France müssen sich auf heftige Sturmböen einstellen.

    Es ist der erste große Herbststurm des Jahres – und er macht seinem Namen alle Ehre. Bereits am Donnerstagabend erreichte Austen die bretonische Atlantikküste, bevor das Sturmtief in Richtung Normandie weiterzog. Im Laufe des Freitags erfasst das Unwetter zunehmend Nordfrankreich und den Großraum Paris. Erst gegen Abend rechnen die Meteorologen mit einer allmählichen Beruhigung.

    Bretagne besonders schwer getroffen: 128.000 Haushalte ohne Strom

    Die Auswirkungen auf die Stromversorgung sind erheblich. Nach Angaben des französischen Netzbetreibers Enedis waren am Freitag um 7 Uhr insgesamt 161.000 Haushalte von Stromausfällen betroffen.

    Allein auf die Bretagne entfallen 128.000 Haushalte, knapp 80 Prozent aller gemeldeten Unterbrechungen. Weitere 19.000 Haushalte sitzen in der Region Pays de la Loire ohne Elektrizität da, in der Normandie sind es 14.000.

    Für die Betroffenen bedeutet das vielerorts einen unangenehmen Start in den Tag. Kein Licht, keine funktionierende Kaffeemaschine und möglicherweise eine ausgefallene Heizung – der Herbst zeigt seine ungemütliche Seite.

    Enedis hält mehr als 2.000 Mitarbeiter für Reparatureinsätze bereit. Allerdings dürfen die Techniker erst ausrücken, sobald die Wetterbedingungen sichere Arbeiten ermöglichen. Die Zahl der Stromausfälle dürfte deshalb im Tagesverlauf noch schwanken.

    Wetterwarnstufe Orange in 23 Départements

    Der französische Wetterdienst Météo-France hat für Freitag in 23 Départements die Warnstufe Orange wegen heftiger Windböen ausgerufen.

    Betroffen sind sämtliche vier bretonischen Départements Côtes-d’Armor, Finistère, Ille-et-Vilaine und Morbihan sowie alle fünf Départements der Normandie. Hinzu kommt Loire-Atlantique an der Atlantikküste.

    Weiter nordöstlich gilt die Warnung für Aisne, Nord, Oise, Pas-de-Calais und Somme. Besonders bemerkenswert: Auch die gesamte Île-de-France einschließlich Paris und ihrer sieben umliegenden Départements steht unter Sturmwarnung.

    Die Warnungen treten regional zu unterschiedlichen Uhrzeiten in Kraft. Für mehrere Gebiete rund um Paris sowie für Oise und Aisne rechnen die Meteorologen insbesondere ab der Mittagszeit mit einer deutlichen Verschärfung.

    Windgeschwindigkeiten von mehr als 160 Stundenkilometern

    Wie gewaltig Austen bereits über die Küste hinweggefegt ist, zeigen die ersten Windmessungen.

    An der bretonischen Landspitze Pointe du Raz wurde eine Böe von 161 Kilometern pro Stunde registriert. Entlang der bretonischen Küste und am westlichen Ärmelkanal erreichten die Windgeschwindigkeiten verbreitet 120 bis 140 Stundenkilometer.

    Auch im Landesinneren drohen Böen zwischen 100 und 110 Stundenkilometern. In der Île-de-France erwarten die Meteorologen überwiegend 80 bis 90 Stundenkilometer, örtlich sogar 100.

    Besonders angespannt bleibt die Lage im Département Manche. Dort sind an der Küste weiterhin Spitzen von 130 bis 140 Stundenkilometern möglich. Eine spürbare Abschwächung erwarten die Wetterexperten erst am späten Nachmittag.

    Bahnverkehr massiv gestört – Brücke von Saint-Nazaire gesperrt

    Wer heute mit dem Zug unterwegs sein möchte, braucht starke Nerven.

    In der Normandie hat die SNCF den gesamten regionalen Bahnverkehr für Freitag eingestellt. Eine schrittweise Wiederaufnahme ist frühestens für Samstag, den 24. Oktober, ab 14 Uhr vorgesehen. Voraussetzung sind günstige Wetterbedingungen und erfolgreiche Sicherheitskontrollen.

    Auch in der Bretagne fallen zahlreiche Regionalzüge aus. Lediglich fünf Vorortverbindungen rund um Rennes bleiben ausgenommen. Auf mehreren Strecken sollen die Züge zwischen 12 und 16 Uhr schrittweise zurückkehren, darunter Quimper–Brest, Rennes–Quimper und Rennes–Saint-Malo.

    Im Großraum Paris gelten ebenfalls vorsorgliche Einschränkungen. Einzelne Zug- und RER-Verbindungen entfallen, andere verkehren mit reduzierter Geschwindigkeit.

    Auch Autofahrer spüren die Folgen. Die Brücke von Saint-Nazaire wurde am frühen Morgen wegen Windböen von mehr als 120 Stundenkilometern vollständig gesperrt. Eine Wetterbesserung gegen 11 Uhr bedeutet allerdings nicht automatisch die Freigabe der wichtigen Loire-Überquerung.

    Gefahr durch umstürzende Bäume und Starkregen

    Neben den heftigen Böen bereiten den Behörden mögliche Überschwemmungen Sorgen. Besonders im westlichen Pas-de-Calais sind die Böden durch vorherige Niederschläge bereits stark durchnässt. Weitere Regenfälle könnten dort zusätzliche Hochwasserwarnungen erforderlich machen.

    Hinzu kommt eine typische Herbstgefahr: Viele Bäume tragen noch reichlich Laub und bieten dem Wind entsprechend große Angriffsflächen. Herabfallende Äste und umstürzende Bäume stellen deshalb ein erhebliches Risiko dar.

    Météo-France empfiehlt, unnötige Fahrten zu vermeiden, lose Gegenstände zu sichern und keinesfalls während des Sturms auf Dächer zu steigen. An der Küste sollten Spaziergänger Abstand zu Deichen, Klippen und Brandungszonen halten. Von Ausfahrten aufs Meer raten die Behörden ausdrücklich ab.

    Für Nordfrankreich steht damit ein turbulenter Freitag bevor. Selbst wenn Austen am Abend allmählich an Kraft verliert, dürften Stromausfälle, beschädigte Infrastruktur und Verkehrsprobleme die betroffenen Regionen noch länger beschäftigen.

    Andreas M. Brucker

  • Nach den Ausschreitungen vom 17. Oktober: Macron nimmt die Geheimdienste in die Pflicht

    Nach den Ausschreitungen vom 17. Oktober: Macron nimmt die Geheimdienste in die Pflicht

    Nach den schweren Ausschreitungen vom 17. Oktober steht Frankreichs Sicherheitsapparat unter erheblichem Rechtfertigungsdruck. Präsident Emmanuel Macron hat für Donnerstag, den 22. Oktober, eine Krisensitzung mit Premierminister Sébastien Lecornu, den Nachrichtendiensten und den zuständigen Ministern einberufen. Im Mittelpunkt stehen mögliche Versäumnisse bei der Einschätzung der Protestbewegung und die Vorbereitung weiterer Demonstrationen. Bereits am Samstag steht der Regierung eine neue Bewährungsprobe bevor. Warum der Staat die Gewalt unterschätzte Von seinem Aufenthalt in Doha aus kündigte Macron am Mittwoch eine umfassende Untersuchung der Ereignisse an. Dabei geht es nicht allein um die Ausschreitungen selbst, sondern vor allem um die Frage, weshalb die Sicherheitsbehörden deren Ausmass offenbar nicht ausreichend vorausgesehen hatten. Nach Recherchen des französischen Senders RTL sollen sowohl die Dimension der Mobilisierung als auch das Risiko gewaltsamer Eskalationen im Umfeld…

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