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  • Von der Kasse ins Rampenlicht: Wie eine Carrefour-Mitarbeiterin aus Laval TikTok erobert

    Von der Kasse ins Rampenlicht: Wie eine Carrefour-Mitarbeiterin aus Laval TikTok erobert

    Manchmal genügt ein Smartphone, ein Supermarktgang und ein bisschen Mut, um die Statik des Alltags aus den Angeln zu heben. In Laval, einer beschaulichen Stadt im Département Mayenne, steht plötzlich eine Kassiererin im Zentrum einer digitalen Aufmerksamkeitsökonomie, die sonst Influencern, Popstars oder Profisportlern vorbehalten ist. Léonie, Angestellte im Carrefour vor Ort, hat es mit kurzen, beschwingten Videos auf TikTok zu einer Bekanntheit gebracht, die selbst erfahrene Marketingabteilungen aufhorchen lässt. Ursprünglich war die Idee schlicht. Ein paar Clips, gedacht, um die gute Stimmung im Team zu zeigen, den Arbeitsalltag zu entstauben, vielleicht ein wenig Nähe zu schaffen. Blaue Weste an, Kamera an, Musik dazu. Léonie tanzt zwischen den Regalen, blickt hinter die Kulissen, präsentiert neue Produkte mit einem Augenzwinkern. Nichts Hochglanz, nichts Überproduziertes. Und doch explodieren die Zahlen. Einige ihrer Videos nähern sich der Marke von zehn Millionen Aufrufen. Zehn M…

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  • Frankreich rehabilitiert Frauen, die vor 1975 wegen Abtreibung verurteilt wurden

    Frankreich rehabilitiert Frauen, die vor 1975 wegen Abtreibung verurteilt wurden

    Fünf Jahrzehnte nach der Legalisierung der Abtreibung vollzieht Frankreich einen historischen Akt der rechtlichen und moralischen Anerkennung: Das Parlament hat ein Gesetz verabschiedet, das Frauen rehabilitiert, die vor 1975 wegen eines Schwangerschaftsabbruchs strafrechtlich verfolgt wurden. Der Schritt ist Ausdruck einer umfassenderen Erinnerungspolitik – und ein Signal in einer Zeit, in der das Recht auf Abtreibung international unter Druck gerät.


    Ein Akt der späten Gerechtigkeit

    Am 18. Dezember 2025 verabschiedete die französische Nationalversammlung einstimmig ein Gesetz, das die strafrechtliche Verurteilung von Frauen wegen Abtreibung vor Inkrafttreten der sogenannten loi Veil im Jahr 1975 offiziell aufhebt. Die Regelung betrifft auch Personen – zumeist Ärztinnen, Hebammen oder Helfer –, die an den damals illegalen Eingriffen beteiligt waren.

    Die Maßnahme ist weniger ein Schritt der materiellen Wiedergutmachung als ein symbolischer Akt: Das Gesetz anerkennt, dass der französische Staat durch frühere Gesetzgebung die Grundrechte betroffener Frauen verletzt habe – insbesondere das Recht auf körperliche Selbstbestimmung, medizinische Versorgung und Informationsfreiheit.


    Die Schatten der Vorzeit: Strafrecht und Schweigen

    Bis in die 1970er-Jahre hinein war der Schwangerschaftsabbruch in Frankreich ein Straftatbestand – ein Erbe des repressiven Strafrechts des Vichy-Regimes. Zwischen 1942 und 1975 wurden tausende Frauen strafrechtlich verfolgt, einige zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. In besonders dramatischen Fällen kam es zu Todesfällen durch unsachgemäß durchgeführte Abtreibungen im Untergrund.

    Die gesellschaftliche Stigmatisierung war dabei oft gravierender als die juristischen Konsequenzen. Viele Betroffene schwiegen aus Scham, andere verloren ihre berufliche Existenz oder wurden sozial ausgegrenzt. Erst die beharrliche Arbeit feministischer Bewegungen und prominente Fälle wie jener der jungen Angeklagten Marie-Claire Chevalier (1972) führten zu einem gesellschaftlichen Umdenken – und letztlich zur Gesetzesänderung von 1975, initiiert von der damaligen Gesundheitsministerin Simone Veil.


    Der Inhalt des Gesetzes: Erinnerung institutionalisieren

    Das nun verabschiedete Gesetz sieht keine pauschale finanzielle Entschädigung vor, sondern zielt auf eine offizielle Rehabilitierung im rechtlichen und kulturellen Sinne. Eine zentrale Maßnahme ist die Einrichtung einer unabhängigen nationalen Kommission, die beim Premierminister angesiedelt wird. Ihre Aufgaben umfassen:

    • die Erhebung und Archivierung von Einzelfällen und Urteilen,
    • die Sammlung von Zeitzeuginnenberichten,
    • die Förderung historischer und juristischer Forschung,
    • sowie die öffentliche Vermittlung dieser bislang wenig beachteten Vergangenheit.

    Damit wird ein Prozess angestoßen, der über das symbolische Gedenken hinausgeht – hin zu einer langfristigen Auseinandersetzung mit der Rolle des Staates in der Reproduktion sozialer Ungleichheit.


    Breite politische Unterstützung – vereinzelt kritische Stimmen

    Auffällig an der Verabschiedung des Gesetzes ist der überparteiliche Konsens: Sowohl die Regierungsmehrheit als auch Parteien der linken und konservativen Opposition stimmten dem Entwurf zu. Die linke Abgeordnete Mathilde Panot (La France Insoumise) sprach von einem „Akt historischer Gerechtigkeit“ und einem „späten, aber notwendigen Schritt zur Wiederherstellung der Würde“ der Betroffenen.

    Feministische Organisationen und Menschenrechtsgruppen begrüßten den Schritt ebenfalls. Sie betonen jedoch, dass es nicht allein um Erinnerung gehe: Die Rehabilitierung sei ein Signal für den bleibenden politischen Kampf um reproduktive Rechte.

    Kritik kam hingegen von juristischer Seite: Der Verzicht auf individuelle Wiedergutmachung könne als unzureichend empfunden werden, insbesondere für noch lebende Betroffene, deren Leben durch staatliche Repression nachhaltig beschädigt wurde. Auch die konkrete Ausgestaltung der Kommissionsarbeit – insbesondere hinsichtlich Zugang zu Justizarchiven – bleibt eine offene Frage.


    Frankreichs Weg im internationalen Kontext

    Die französische Initiative hebt sich ab in einer Zeit, in der das Recht auf Abtreibung weltweit unter Druck gerät. In den USA hat die Entscheidung des Supreme Court im Jahr 2022, Roe v. Wade aufzuheben, zu weitreichenden Einschränkungen geführt. Auch in mehreren EU-Mitgliedsstaaten – etwa Polen oder Ungarn – steht das Selbstbestimmungsrecht der Frau zunehmend zur Disposition.

    Frankreich dagegen hat sich in den letzten Jahren klar positioniert: 2024 wurde das Recht auf Abtreibung als Grundrecht in die französische Verfassung aufgenommen. Präsident Emmanuel Macron hatte diesen Schritt als Reaktion auf internationale Rückschritte im Bereich der Frauenrechte angekündigt – mit dem erklärten Ziel, Frankreich zur „Schutzmacht weiblicher Selbstbestimmung“ zu machen.


    Die jetzt beschlossene Rehabilitierung ist damit nicht nur ein symbolischer Akt der Vergangenheitsbewältigung, sondern Teil eines umfassenderen gesellschaftlichen Narrativs: jenes einer säkularen, auf Gleichheit beruhenden Republik, die auch aus ihrem eigenen historischen Unrecht Konsequenzen zieht. In einer Zeit, in der Errungenschaften der Moderne zunehmend unter ideologischen Beschuss geraten, gewinnt diese Rückschau ihre politische Sprengkraft gerade aus ihrer Selbstverständlichkeit.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Ein Körper, viele Fragen – Der tote Mann aus der Seine und das dunkle Rätsel im Herzen von Paris

    Ein Körper, viele Fragen – Der tote Mann aus der Seine und das dunkle Rätsel im Herzen von Paris

    Am frühen Mittwochnachmittag, als die Wintersonne über dem Pont-Neuf nur noch flach über das Wasser strich, geriet der Alltag im historischen Zentrum von Paris abrupt aus den Fugen. In der Seine trieb ein lebloser Körper. Ein Mann, nur mit einer Unterhose bekleidet, eine Hand fehlte. Wenig später sicherte die Flussbrigade den Toten. Gegen 14 Uhr hatte ein Zeuge Alarm geschlagen. Was zunächst wie Treibgut wirkte, entpuppte sich rasch als menschlicher Körper. Die Einsatzkräfte bargen ihn auf Höhe des Pont-Neuf, jenem Ort, an dem Paris sich gern als Postkartenmotiv zeigt. Doch an diesem Tag ging es nicht um Schönheit, sondern um Fragen, die schwer wiegen. Die Staatsanwaltschaft eröffnete umgehend ein Verfahren zur Klärung der Todesursache. Der Mann, so die ersten Angaben, sei wohl afrikanischer Herkunft, sein Körper habe sich mutmaßlich mehrere Wochen im Wasser befunden. Neben der amputierten Hand stellten die Ermittler zwei Verletzungen im Brustbereich fest. Ob diese Spuren auf Gewaltein…

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  • Zwischen Rückkehr zur Stärke und Abhängigkeit: Der deutsche Kanzler und die Wette auf Amerika

    Zwischen Rückkehr zur Stärke und Abhängigkeit: Der deutsche Kanzler und die Wette auf Amerika

    Deutschland steht an einem geopolitischen Wendepunkt. Die einst als pazifistisch und haushaltsdiszipliniert geltende Bundesrepublik hat in den vergangenen Jahren fundamentale Tabus gebrochen: Sie rüstet massiv auf, verabschiedet sich von der „schwarzen Null“ – und erlebt zugleich einen politischen Rechtsruck, wie ihn viele für undenkbar hielten. Doch eine der folgenreichsten Veränderungen liegt weniger im Innern als im außenpolitischen Selbstverständnis: Mit Friedrich Merz an der Spitze setzt Deutschland verstärkt auf eine Führungsrolle in Europa – und auf eine weiterhin strategische Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten. Eine Wette, die riskanter kaum sein könnte.

    Der neue Ton aus Berlin

    Seit seinem Amtsantritt präsentiert sich Kanzler Merz als außenpolitisch ambitionierter Akteur. Während sich viele europäische Regierungschefs in innenpolitischen Krisen verheddern, nutzt Merz – trotz deutlich schwankender Beliebtheitswerte – den finanziellen und wirtschaftlichen Spielraum Deutschlands, um außenpolitisch Präsenz zu zeigen. Insbesondere im Ukrainekrieg tritt er als vehementer Fürsprecher militärischer und wirtschaftlicher Hilfe auf. Damit grenzt sich Merz nicht nur von zögerlicheren europäischen Partnern ab, sondern auch von Teilen seiner eigenen politischen Basis.

    Dabei fällt ein stilistischer Bruch ins Auge: Während Angela Merkel mit strategischer Zurückhaltung agierte und internationalen Medien selten Zugang gewährte, sucht Merz explizit den Dialog – auch mit der amerikanischen Presse. Seine Interviewbereitschaft gegenüber der New York Times markiert eine symbolische Neuausrichtung: Deutschland will gehört werden – auch und gerade in Washington.

    Deutschland zwischen Führungsanspruch und Realitätscheck

    Die neue deutsche Außenpolitik entsteht jedoch nicht aus einem sicheren Machtzentrum heraus, sondern eher im Vakuum. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron gilt nach innenpolitischen Rückschlägen als geschwächt, Großbritannien kämpft nach dem Brexit mit einem Prestigeverlust auf internationalem Parkett. So ergibt sich für Deutschland eine Art „Führungsrolle durch Ausscheiden der Konkurrenz“.

    Doch diese Rolle bleibt fragil. Einerseits erlaubt die deutsche Finanzkraft weiterhin großzügige Hilfen an die Ukraine. Andererseits ist der innenpolitische Rückhalt dafür brüchig. Die rechtspopulistische AfD ist laut aktuellen Umfragen zweitstärkste Kraft im Bundestag und kritisiert nicht nur die Waffenlieferungen, sondern stellt Deutschlands gesamte außenpolitische Ausrichtung infrage.

    Gleichzeitig setzt Merz in der Ukrainefrage weiterhin auf die Führungsrolle der USA – trotz wachsender Ungewissheit über den zukünftigen außenpolitischen Kurs Washingtons. Der Schatten Donald Trumps liegt schwer auf jeder strategischen Entscheidung Europas. Merz bleibt dennoch optimistisch: Er glaubt an eine Europa-affine Grundhaltung in den politischen USA – und an die Bereitschaft, sich im Zweifel wieder klar gegen Russland zu positionieren.

    Eine Strategie mit Verfallsdatum?

    Hinter den Kulissen aber wächst die Nervosität. Wie aus Gesprächen mit Regierungsberatern hervorgeht, erkennen viele, dass das bisherige „Whatever it takes“-Narrativ zur Ukraine zunehmend an Glaubwürdigkeit verliert. Das geopolitische Zeitfenster, in dem sich der Westen einig zeigt, könnte sich bald schließen – insbesondere, wenn ein US-Präsident Trump seine Annäherung an Russland forciert.

    Die diplomatischen Bemühungen folgen inzwischen einem zermürbenden Zyklus: Europa, die Ukraine und die USA finden einen Kompromiss; Moskau lehnt ab; Washington verändert daraufhin seine Linie zugunsten Russlands. Anschließend versuchen europäische Spitzenpolitiker wie Merz und Macron, Trump erneut von einer pro-ukrainischen Position zu überzeugen – und das Spiel beginnt von vorn. Diese „elliptische Umlaufbahn“, wie das Spiel in Washington beschrieben wird, bindet politische Energie – und entzieht der Ukraine im schlimmsten Fall die notwendige Unterstützung.

    Merz setzt darauf, Trump in diese strategische Debatte einzubinden – und ihm zu vermitteln, dass eine pro-ukrainische Haltung auch amerikanischen Interessen diene. Es ist eine Haltung, die politisch rational erscheint, aber wenig Raum für alternative Szenarien lässt. Kritiker sprechen von einem geopolitischen Glücksspiel: Sollte Trump sich endgültig von Europa abwenden, droht eine außenpolitische Isolation der EU, wie sie seit dem Zweiten Weltkrieg beispiellos wäre.

    Ein Kanzler aus der Bonner Republik?

    Merz selbst wirkt auf viele Beobachter wie ein Anachronismus – ein Vertreter des wirtschaftsliberalen, transatlantisch geprägten Deutschlands der 1990er-Jahre. Seine Bewunderung für die USA, seine wirtschaftspolitische Grundüberzeugung und seine direkte, eher sachbezogene Art im Umgang mit der Presse wirken für viele ungewohnt – aber auch berechenbar. Gerade in einer Ära zunehmender Polarisierung und politischer Inszenierung mag das ein Vorteil sein.

    Doch der Kanzler agiert in einer Welt, die nicht mehr den Bedingungen der Bonner Republik folgt. Die geopolitische Bipolarität ist zurück, aber in veränderter Form. China, Russland und ein möglicherweise isolationistisches Amerika stellen Deutschland und Europa vor neue strategische Grundsatzentscheidungen. Die alte Gewissheit, dass Amerika im Ernstfall zum Schutz Europas bereitsteht, wird zunehmend infrage gestellt – nicht zuletzt von Amerika selbst.

    Gleichzeitig ist Deutschland durch seine ökonomische Struktur besonders exponiert: Exportabhängig, energiehungrig und technologisch eng verflochten mit den USA, hängt das Land stärker als viele andere EU-Mitglieder von transatlantischer Stabilität ab. Das macht die Wette auf Amerika verständlich – aber auch riskant.

    Ob Friedrich Merz mit seinem Kurs Erfolg haben wird, ist offen. Vieles hängt davon ab, ob es ihm gelingt, die deutsche Öffentlichkeit langfristig hinter seine außenpolitische Agenda zu bringen – und ob Amerika bereit ist, diese neue deutsche Führungsbereitschaft auch unter schwierigen Umständen zu stützen. Sicher ist nur: Der Ausgang dieser Wette wird nicht nur über die Zukunft der Ukraine entscheiden, sondern auch über Deutschlands – und Europas – Rolle im 21. Jahrhundert.


    WEITERE NACHRICHTEN

    Europäische Staats- und Regierungschefs einigten sich darauf, die Ukraine für zwei Jahre mit einem Kredit in Höhe von 90 Milliarden Euro zu unterstützen – jedoch ohne auf eingefrorene russische Vermögenswerte zur Absicherung der Mittel zurückzugreifen, wie es einige Politiker gefordert hatten.

    Die USA kündigten Waffenverkäufe im Wert von über 11 Milliarden US-Dollar an Taiwan an, das sich auf eine lange befürchtete Invasion durch China vorbereitet.

    Die Regierung Trump erklärte, sie werde Bundesmittel für Krankenhäuser in den USA streichen, die geschlechtsbezogene Behandlungen für Minderjährige anbieten.

    In Sydney versammelte sich die jüdische Gemeinde zur Trauerfeier für das jüngste Opfer des Angriffs am Bondi Beach: die zehnjährige Matilda.

    Nigeria ließ Bleirecycling-Fabriken schließen, die US-Autohersteller mit Batteriematerialien versorgen, und begann mit Tests von Boden, Luft und Anwohnern auf Bleivergiftung.

    Laut Angaben der Vereinten Nationen töteten paramilitärische Einheiten im Sudan bei einem Angriff im April über 1.000 Menschen – einige davon durch summarische Hinrichtungen – in einem von Hunger betroffenen Lager für Binnenvertriebene.

    Autor: P. Tiko

  • Trump verspricht das Wirtschaftswunder – und sucht die Schuld bei Biden und Migranten

    Trump verspricht das Wirtschaftswunder – und sucht die Schuld bei Biden und Migranten

    Elf Monate nach seiner Rückkehr ins Weiße Haus hat Donald Trump in einer nationalen Fernsehansprache die wirtschaftliche Lage der USA in rosigsten Farben beschrieben. Er verspricht einen historischen Aufschwung – und greift zugleich seinen Vorgänger sowie Migranten als vermeintliche Verursacher ökonomischer Probleme frontal an. Derweil wächst in der Bevölkerung die Unzufriedenheit über die wirtschaftliche Entwicklung.

    Die wirtschaftliche Lage als Kampfplatz politischer Narrative

    „Ich habe ein Desaster geerbt – und ich repariere es.“ Mit diesen Worten eröffnete Donald Trump seine mit Spannung erwartete Ansprache zur Lage der Nation. In der Rede, knapp ein Jahr nach Beginn seiner zweiten Amtszeit, präsentierte sich der 79-jährige Präsident als Macher, der das Land aus einer wirtschaftlichen Krise führt. In Trumps Darstellung steht die US-Wirtschaft kurz vor einem „Boom wie ihn die Welt noch nie gesehen hat“.

    Der Realitätssinn dieser Einschätzung wird jedoch zunehmend hinterfragt. Jüngste Umfragen zeigen, dass eine deutliche Mehrheit der Amerikaner die wirtschaftliche Situation persönlich als negativ empfindet. Zwar sinkt die Inflation laut offiziellen Daten seit Monaten langsam, doch Konsumgüterpreise bleiben für viele Haushalte spürbar hoch. Die steigenden Kosten für Miete, Energie und Gesundheitsversorgung belasten vor allem untere und mittlere Einkommensgruppen.

    Um dem wachsenden Unmut zu begegnen, kündigte Trump in seiner Rede die Auszahlung eines einmaligen „Dividende des Kriegers“ an: 1.776 US-Dollar – eine symbolische Summe in Anlehnung an die Unabhängigkeitserklärung – sollen an 1,45 Millionen Militärangehörige gehen. Eine fiskalpolitisch überschaubare Maßnahme, aber ein populärer Schachzug.

    Der Blick zurück – und die Schuldzuweisung

    Ein zentrales Element von Trumps Botschaft war die scharfe Kritik an Joe Biden. Dessen Regierung habe das Land in einen wirtschaftlichen Niedergang geführt, so Trump. Er spricht von einer Wirtschaft „am Rande des Zusammenbruchs“, die er nun stabilisiere. Diese Darstellung ignoriert allerdings, dass die US-Wirtschaft auch unter Biden nach der Pandemie wieder gewachsen ist – wenn auch begleitet von einer hohen Inflation, die globale Ursachen hatte.

    Die Schuldzuweisung ist dabei nicht nur auf den politischen Gegner begrenzt. Einen erheblichen Teil seiner Rede widmete Trump der Migrationspolitik. Er beschuldigte Migranten, die während Bidens Amtszeit ins Land kamen, für eine Reihe wirtschaftlicher Probleme verantwortlich zu sein: Wohnungsknappheit, überlastete Gesundheitssysteme, Arbeitsplatzverlust für Einheimische. Es sind Behauptungen, die sich in der öffentlichen Debatte hartnäckig halten, aber durch ökonomische Daten nur bedingt gestützt werden.

    So zeigen Studien, dass Migration zwar lokal zu Druck auf soziale Systeme führen kann, gleichzeitig aber auch ein wichtiger Treiber für wirtschaftliches Wachstum und Innovation ist – insbesondere angesichts des demographischen Wandels in den USA. Trumps Rhetorik hingegen folgt dem Prinzip der Polarisierung: Die Rücknahme von Zuwanderung wird als Voraussetzung für ökonomische Erholung dargestellt.

    Widersprüche im eigenen Lager

    Auch innerhalb der republikanischen Partei stößt Trumps wirtschaftspolitischer Kurs auf gemischte Reaktionen. Seine anhaltende Kritik am staatlich geförderten Gesundheitssystem (Obamacare) hat jüngst neue Debatten ausgelöst. Die angekündigte Abschaffung der Subventionen könnte für Millionen Amerikaner höhere Kosten bedeuten – ein politisches Risiko, das im Wahljahr 2026 kaum zu unterschätzen ist.

    Zudem bleiben viele der von Trump genannten Zahlen und Erfolge fragwürdig. So sprach er von 18 Billionen Dollar an Neuinvestitionen seit seiner Rückkehr ins Amt – eine Summe, die selbst mit großzügigen Interpretationen kaum belegbar erscheint. Ebenso die Ankündigung, Medikamente künftig um „bis zu 600 %“ günstiger zu machen, ist mathematisch nicht nachvollziehbar.

    Doch solche Details scheinen im politischen Kalkül zweitrangig. Trumps wirtschaftspolitische Kommunikation setzt auf Emotionalisierung, nicht auf fiskalische Kohärenz. Begriffe wie „Boom“, „Invasion“ und „Grenzsicherung“ dienen als narrative Anker, um ein Bild von Stärke, Ordnung und wirtschaftlichem Wiederaufstieg zu zeichnen.

    Zunehmender Vertrauensverlust

    Ungeachtet der präsidialen Rhetorik zeigen Umfragen ein klares Bild: Die Mehrheit der Amerikaner bewertet die wirtschaftliche Lage negativ. Der Vertrauensverlust trifft nicht nur den Präsidenten, sondern zunehmend auch zentrale Institutionen – von der Notenbank über den Kongress bis hin zu den Medien. Die ökonomische Unsicherheit wirkt dabei als Katalysator für gesellschaftliche Polarisierung.

    In diesem Kontext ist Trumps Ansprache weniger eine wirtschaftspolitische Bilanz als vielmehr ein Appell an die emotionale Selbstvergewisserung seiner Wählerschaft. Der versprochene Boom ist dabei mehr Vision als Realität. Ob er sich in den kommenden Monaten materialisiert, wird entscheidend dafür sein, ob der Präsident die Mitte der Gesellschaft zurückgewinnen kann – oder weiter auf Konfrontation und Loyalitätsmobilisierung setzt.

    Autor: P. Tiko

  • Der Arzt als Täter – lebenslang für einen Mann, der 30 Patienten vergiftete

    Der Arzt als Täter – lebenslang für einen Mann, der 30 Patienten vergiftete

    Es gibt Urteile, die ein Land verstummen lassen. Nicht, weil sie überraschen, sondern weil sie eine Grenze markieren, hinter der nichts mehr bleibt als Fassungslosigkeit. Die Verurteilung des ehemaligen Anästhesisten Frédéric Péchier zu lebenslanger Haft gehört zu diesen Momenten. Drei Monate und zwei Wochen dauerte der Prozess vor dem Schwurgericht des Départements Doubs, am Ende stand ein Schuldspruch von kaum fassbarer Wucht: Péchier hatte 30 Patientinnen und Patienten vergiftet, zwölf von ihnen starben. Der heute 53-Jährige, jahrelang tätig in Operationssälen der Region Besançon, nutzte das, was im Krankenhaus als Inbegriff von Sicherheit gilt – Infusionen – als Tatwaffe. Kalium, Lokalanästhetika, Adrenalin, Heparin. Substanzen, die Leben retten sollen, wurden gezielt eingesetzt, um Herzstillstände auszulösen oder innere Blutungen zu provozieren. Die Betroffenen lagen auf dem OP-Tisch, betreut von Kolleginnen und Kollegen Péchiers. Und genau das war Teil des perfiden Plans. Zwische…

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  • Mini-Tarte Tartiflette im Fingerfood-Style

    Mini-Tarte Tartiflette im Fingerfood-Style

    Französische Alpenküche im Häppchenformat Tartiflette stammt aus der Savoyen-Region in den französischen Alpen und ist ein deftiger Auflauf aus Kartoffeln, Speck, Zwiebeln und dem cremig-würzigen Reblochon-Käse. Klassisch aus der Ofenform serviert – warm, üppig, wohlig. Doch warum nicht ei…

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  • Coq au Vin Blanc mit Pastinakenpüree

    Coq au Vin Blanc mit Pastinakenpüree

    Ein Klassiker in Weißwein neu gedacht – leicht, raffiniert, winterlich.

    🥘 Was ist Coq au Vin Blanc? Traditionell wird Coq au Vin mit Rotwein geschmort – ein bäuerliches Gericht aus dem Burgund, bei dem Huhn lange in Wein, Speck und Zwiebeln gart.In dieser modernen Version wird das Gericht…

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  • Der 18. Dezember – Ein Tag zwischen Weltbühne und französischer Geschichte

    Der 18. Dezember – Ein Tag zwischen Weltbühne und französischer Geschichte

    Manche Tage ziehen unauffällig vorbei. Und andere tragen die Last der Geschichte – der 18. Dezember gehört eindeutig zur zweiten Sorte.

    An diesem Datum rollten einst Panzer über Schlachtfelder, wurden historische Gesetze verabschiedet und Persönlichkeiten geboren, die später ganze Epochen prägten. Ob in Frankreich oder anderswo auf dem Globus: Der 18. Dezember war nie ein Tag, an dem die Welt stillstand.

    Fangen wir dort an, wo es richtig laut war.

    Verdun – das letzte Echo

    Am 18. Dezember 1916 verstummte eines der grauenvollsten Kapitel des Ersten Weltkriegs: die Schlacht von Verdun. Frankreich hatte fast ein Jahr lang gegen die deutsche Offensive gehalten. Diese Schlacht war keine Schlacht im klassischen Sinne – sie war ein Mahlstrom aus Dreck, Blut und Granatsplittern. Der französische Leitsatz „Ils ne passeront pas!“ – „Sie werden nicht durchkommen!“ – wurde zur Legende.

    Verdun steht bis heute für das Ausmaß der Zerstörung, die ein moderner Krieg anrichten kann. Wer heute das Beinhaus von Douaumont besucht, spürt den Schatten dieser Monate noch immer. Die Auswirkungen reichen weit – im kollektiven Gedächtnis Frankreichs ist Verdun so eingebrannt wie der Eiffelturm ins Stadtbild von Paris.

    Amerikanisches Beben: Die Abschaffung der Sklaverei

    Am 18. Dezember 1865 trat in den USA das 13. Verfassungszusatz in Kraft. Sklaverei wurde offiziell verboten. Es war das Ende eines Albtraums für Millionen Afroamerikaner und ein längst überfälliger Schritt in Richtung Gleichheit.

    Das Datum ist keines, das in Europa häufig erwähnt wird – doch seine Bedeutung schwappt bis heute über den Atlantik. Es erinnerte die Welt daran, dass „Freiheit“ kein statischer Begriff ist, sondern einer, der erkämpft und verteidigt werden muss. Auch heute – bei jeder Diskussion über strukturellen Rassismus – hallt der 18. Dezember 1865 leise mit.

    Ein Präsident im Visier

    Am 18. Dezember 2019 passierte in Washington D.C. etwas, das selbst für amerikanische Verhältnisse selten ist: Der US-Präsident Donald Trump wurde durch das Repräsentantenhaus wegen Amtsmissbrauchs und Behinderung des Kongresses impeached – das dritte Mal in der US-Geschichte überhaupt.

    Ein politisches Erdbeben, das die Gesellschaft spaltete. Auch wenn der Senat später gegen eine Amtsenthebung entschied, legte dieser Tag eine tiefe Bruchlinie offen – zwischen Institutionen, zwischen politischen Lagern, ja sogar zwischen Nachbarn.

    Und heute? Die Nachwirkungen prägen noch immer das politische Klima in den USA – und damit indirekt auch die globale Stabilität.

    Frankreich im Fokus: Geburtstage mit Bedeutung

    Springen wir zurück nach Frankreich. Am 18. Dezember 1946 wurde eine Frau geboren, die Frankreichs politische Debatten bis in die jüngste Vergangenheit mitprägte: Ségolène Royal. Als Präsidentschaftskandidatin, Umweltministerin, Botschafterin und unermüdliche Stimme in gesellschaftlichen Fragen steht sie für den Wandel innerhalb der französischen Sozialdemokratie – aber auch für ihre inneren Widersprüche.

    Ob man sie nun schätzt oder kritisiert: Ihr Weg durch die französische Politik ist ein Spiegel der Zeit.

    Ein weiteres Kapitel: Der 18. Dezember als UN-Tag

    Seit dem Jahr 2000 wird am 18. Dezember auch der Internationale Tag der Migranten begangen. Ein Tag, der ins Leben gerufen wurde, um die Rechte von Migrantinnen und Migranten zu würdigen und die Herausforderungen globaler Mobilität sichtbar zu machen. Die Relevanz? So hoch wie nie. In einer Welt, in der Millionen Menschen auf der Flucht sind – sei es vor Krieg, Armut oder Klimakatastrophen – erinnert dieser Tag daran, dass Migration kein Problem, sondern Realität ist. Und Chance.

    Frankreich – mit seiner kolonialen Vergangenheit, seiner heutigen Einwanderungsgesellschaft und seinem oft turbulenten Integrationsdiskurs – steht dabei besonders im Fokus. Die Debatten um Identität, Säkularismus, Religion und Zugehörigkeit brodeln unter der Oberfläche und treten immer wieder hervor.

    Und sonst so?

    Am 18. Dezember 1958 hob ein Satellit namens SCORE ab – der erste Nachrichtensatellit der Menschheit. Ein kleiner Schritt für die Technik, ein gewaltiger Sprung für die globale Kommunikation. Damals schickte er eine Friedensbotschaft des US-Präsidenten um die Erde – heute kreisen Tausende Satelliten um den Globus und machen unsere digitalen Leben erst möglich. Ob wir es wollen oder nicht: Der 18. Dezember 1958 war ein Türöffner zur vernetzten Welt.

    Kulturelle Randnotiz: Die Macht des Kinos

    Nicht zu vergessen: An einem 18. Dezember erblickte ein gewisser Brad Pitt das Licht der Welt – 1963. Mag banal klingen, aber Hollywood ist längst nicht mehr nur Unterhaltungsmaschinerie. Es formt kulturelle Narrative, beeinflusst Weltbilder, schafft Trends, diskutiert Macht, Klasse und Identität.

    Was wäre unser kollektives Bild von Männlichkeit oder Rebellion ohne Tyler Durden aus Fight Club?

    Ein Fazit, das keines ist

    Was macht einen Tag bedeutsam? Liegt es an der Anzahl historischer Ereignisse, der Dramatik oder an der Wirkung, die noch Jahrzehnte später spürbar ist?

    Vielleicht ist es einfach so: Der 18. Dezember zeigt, wie breit das Spektrum unserer Geschichte ist – von den Schlachtfeldern Verduns über Gesetzestexte in Washington bis hin zu politischen Karrieren in Paris. Ein Tag wie ein Brennglas, durch das sich Licht- und Schattenseiten der Menschheit bündeln.

    Und morgen?

    Geht die Geschichte weiter.

  • Biscarrosse kämpft um seinen Strand – ein Ort zwischen Meer, Angst und Hoffnung

    Biscarrosse kämpft um seinen Strand – ein Ort zwischen Meer, Angst und Hoffnung

    An einem Wintermorgen in Biscarrosse klingt das Meer anders als früher. Tiefer. Ungeduldiger. Wer am Rand der Düne steht, spürt es sofort. Der Sand unter den Füßen wirkt brüchig, fast beleidigt, als wolle er sagen: Ich halte das nicht mehr lange aus. Und tatsächlich – die Atlantikküste frisst sich hier jedes Jahr ein Stück weiter ins Land hinein.

    Manchmal schleichend.
    Manchmal brutal.

    Die Gemeinde in den Landes erlebt gerade eine dieser brutalen Phasen. Starke Gezeiten, aufgewühlte See, Wochen voller Sturm und Gischt. Das Ergebnis: Teile des zentralen Strandes bleiben gesperrt, Zugänge verschwinden hinter Bauzäunen, Warnschilder flattern im Wind. Wer zu nah herangeht, riskiert mehr als nasse Füße.

    Die Düne ist keine sanfte Kurve mehr. Sie gleicht einer bröselnden Wand.


    „Die Leute unterschätzen das“, sagt eine Anwohnerin, während sie den Kopf schüttelt.
    „Manche steigen trotzdem runter.“

    Unten wartet ein Loch. Vier, fünf Meter tief. Wie ein plötzliches Ende. Wer einmal dort steht, merkt schnell: Zurück geht nicht so leicht. Der Sand rutscht, gibt nach, zieht einen zurück. Ein falscher Schritt, und der Spaziergang verwandelt sich in eine gefährliche Kletterpartie.

    Warum tun Menschen sich das an?
    Weil das Meer lockt.
    Weil Urlaub naht.
    Weil Warnungen oft leiser klingen als Wellen.


    Kurz vor Weihnachten wächst die Sorge. Familien, Spaziergänger, Surfer – sie alle zieht es selbst im Winter an den Strand. Doch genau jetzt wirkt er wie ein Ort, der sich wehrt. Die Stadt reagiert. Die wichtigsten Zugänge zur zentralen Strandzone bleiben bis auf Weiteres geschlossen. Seitliche Wege existieren noch, aber wer unten entlang der Sandwand spaziert, spielt mit dem Risiko.

    Die stellvertretende Bürgermeisterin Nathalie Banquet formuliert es nüchtern, fast sachlich. Je nach Tide bleibe kaum Platz zwischen Wasser und Düne. Bei Flut eigne sich der Strand schlicht nicht zum Spazieren. Punkt.

    Doch hinter diesen Worten steckt Anspannung. Und Verantwortung.


    Jeden Winter verliert Biscarrosse bis zu 25 Meter Küstenlinie.
    25 Meter.

    Man muss diese Zahl langsam lesen, um ihre Wucht zu begreifen. Häuser, die vor Jahren noch sicher standen, blicken heute direkt in die Tiefe. Besonders symbolträchtig: zwei identische Wohnhäuser, dicht nebeneinander, wie Geschwister. Noch stehen sie. Aber niemand wettet mehr auf ihre Zukunft.

    „Wir sehen das seit Jahren“, erzählt ein Bewohner beim Abendspaziergang.
    „Die See nagt. Immer weiter.“

    Gestern habe man nachgeschaut. Die Häuser stünden noch.
    Aber wie lange noch?

    Diese Frage hängt über der Gemeinde wie eine schwere Wolke.


    Dabei kämpft Biscarrosse längst. Jedes Jahr rollen Lastwagen an. Rund 100.000 Kubikmeter Sand landen auf dem Strand, künstlich aufgeschüttet, sorgfältig verteilt. Eine gigantische Geste gegen eine noch größere Kraft. Über fünf Jahre investiert die Stadt rund drei Millionen Euro, um die Erosion zu bremsen.

    Bremsen.
    Nicht stoppen.

    Das Meer lässt sich nicht verhandeln. Es akzeptiert keine Haushaltspläne. Es folgt seinem eigenen Rhythmus – einem, der sich durch den Klimawandel weiter beschleunigt.

    Und trotzdem: Aufgeben steht nicht zur Debatte.


    Denn Biscarrosse lebt vom Strand.
    Von Sommern voller Kinderlachen.
    Von Surfbrettern im Sonnenuntergang.
    Von Cafés, die Sand in den Schuhen verzeihen.

    Der Atlantik bringt Gäste. Arbeitsplätze. Identität. Ihn zu verlieren hieße, einen Teil der Seele preiszugeben. Also stemmt sich die Stadt dagegen, mit Technik, mit Geld, mit Hoffnung. Manchmal auch mit Galgenhumor.

    „Der Ozean gewinnt immer“, sagt ein älterer Surfer und grinst schief.
    „Aber wir geben ihm wenigstens einen ordentlichen Kampf.“


    Zwischen den gesperrten Zugängen und den offenen Seitenwegen entsteht eine seltsame Stimmung. Keine Panik, aber Respekt. Die Natur zeigt, dass sie nicht nur Postkartenmotive liefert. Sie fordert Aufmerksamkeit. Und Demut.

    Kinder stellen Fragen, Erwachsene suchen Antworten. Manche bleiben stehen, schauen lange aufs Wasser. Andere drehen um. Vielleicht zum ersten Mal.

    Was bedeutet Sicherheit an einem Ort, der sich ständig verändert?
    Und wie viel Risiko akzeptiert man für ein Stück Freiheit am Meer?


    Die Diskussion reicht längst über Biscarrosse hinaus. Küstengemeinden überall in Frankreich beobachten genau, was hier passiert. Heute Biscarrosse, morgen Lacanau, übermorgen weiter südlich. Der Rückzug der Küstenlinie wirkt wie eine stille Kettenreaktion.

    Doch hier, zwischen Pinienwald und Ozean, fühlt sich alles besonders persönlich an. Jeder Meter Sand erzählt eine Geschichte. Von vergangenen Sommern. Von verlorenen Picknickplätzen. Von Treppen, die ins Leere führen.

    Manchmal reicht ein Sturm, um Erinnerungen zu verschlucken.


    Trotz allem bleibt etwas Unerschütterliches. Die Verbundenheit der Menschen mit ihrem Ort. Die Bereitschaft, unbequeme Entscheidungen zu treffen. Strände zu sperren. Warnungen auszusprechen. Auch dann, wenn es wirtschaftlich schmerzt.

    Das Meer respektiert keine Saison.
    Aber die Gemeinde respektiert das Meer.

    Vielleicht liegt genau darin die Chance. Nicht im Sieg über den Atlantik, sondern im klügeren Zusammenleben mit ihm. Mit Abstand. Mit Geduld. Und mit dem Mut, neu zu denken.

    Ein Ort am Rand – geografisch und emotional.


    Am Abend legt sich das Licht flach über die Düne. Die gesperrten Zugänge wirken plötzlich ruhig, fast friedlich. Der Wind trägt das Rauschen der Wellen bis in die Straßen. Ein Klang, der mahnt und tröstet zugleich.

    Biscarrosse bleibt.
    Verändert.
    Wachsam.

    Und noch immer verliebt in sein Meer – trotz allem.

    Ein Artikel von M. Legrand