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  • Ein Bergführer gegen einen Weltkonzern: Was der Fall Lliuya gegen RWE für die Klimagerechtigkeit bedeutet

    Ein Bergführer gegen einen Weltkonzern: Was der Fall Lliuya gegen RWE für die Klimagerechtigkeit bedeutet

    Wenn ein einzelner Mensch gegen einen der größten Energieversorger Europas klagt – und dabei nicht klein beigibt –, dann ist das nicht einfach nur eine juristische Auseinandersetzung. Es ist ein symbolischer Kampf um Gerechtigkeit in einer Welt, in der die Klimakrise längst nicht mehr bloß eine abstrakte Zukunftsbedrohung ist. Der Fall Luciano Lliuya gegen RWE markiert genau so einen Moment. Und wer denkt, das sei ein Randthema: Der könnte sich gewaltig täuschen.


    Ein Blick in die Anden – und in die globale Verantwortung

    Saúl Luciano Lliuya lebt in Huaraz, einer Stadt in den peruanischen Anden auf über 3000 Metern Höhe. Er ist Landwirt und zugleich Bergführer – jemand, der das Land, das Klima und die Berge so gut kennt wie seine eigene Westentasche. Was ihn beunruhigt, ist der Gletschersee Palcacocha oberhalb seiner Heimatstadt. Der See ist angeschwollen – bedrohlich sogar. Und schuld daran ist das, was sich seit Jahrzehnten weltweit abspielt: Die beschleunigte Eisschmelze durch die globale Erwärmung.

    Wie ernst ist das Risiko?

    Sehr ernst. Bereits 1941 kam es dort zu einer katastrophalen Flutwelle, die 1800 Menschenleben forderte. Heute – mit dem dramatischen Anstieg des Wasservolumens im Palcacocha – wächst die Angst vor einem erneuten Dammbruch. Sollte sich ein Gletscherbruch ereignen, könnten riesige Wassermassen ins Tal stürzen. Die Stadt mit über 50.000 Bewohnern läge direkt auf dem Weg der Zerstörung.


    Vom Bergdorf in die Gerichtssäle Deutschlands

    Luciano Lliuya hat einen mutigen Schritt gewagt: Im Jahr 2015 reichte er beim Landgericht Essen Klage gegen den deutschen Energiekonzern RWE ein. Seine Argumentation: RWE trägt mit seinen Emissionen zur globalen Erwärmung bei – und damit auch zum Anwachsen des Gletschersees, der sein Leben und das vieler anderer bedroht.

    Er verlangt nicht, dass RWE alles bezahlt – sondern genau jenen Anteil, den der Konzern laut wissenschaftlicher Studien seit der industriellen Revolution zum globalen CO₂-Ausstoß beigetragen hat: 0,47 Prozent. Das entspräche etwa 17.000 Euro, um Schutzmaßnahmen wie Dämme und Frühwarnsysteme mitzufinanzieren.

    Ein Betrag, der für RWE nicht der Rede wert wäre – für Lliuya und seine Stadt jedoch überlebenswichtig.

    Doch geht das so einfach? Kann ein einzelner Konzern für einen kleinen Prozentsatz der globalen Klimaauswirkungen haftbar gemacht werden?


    Gerichte im Dilemma – Wissenschaft auf dem Prüfstand

    Das Landgericht Essen wies die Klage 2016 ab. Die Begründung: Es lasse sich keine direkte Kausalität zwischen RWE und dem Risiko in Huaraz nachweisen. Doch Lliuya ließ nicht locker. Die Berufung am Oberlandesgericht Hamm hatte Erfolg – und das Gericht trat in eine Phase der Beweisaufnahme ein. 2017 hieß es zum ersten Mal in der deutschen Rechtsgeschichte: Ja, ein Unternehmen könnte grundsätzlich zivilrechtlich für Klimaschäden haftbar sein.

    Damit war das Tor geöffnet – für einen juristischen Marathon mit weitreichenden Konsequenzen.

    Im Mai 2022 reisten deutsche Richter und Sachverständige nach Huaraz. Sie inspizierten die Lage vor Ort, begutachteten den Gletschersee, sprachen mit lokalen Behörden. Ihre Frage: Ist die Bedrohung real, und lässt sich eine Verbindung zu den Emissionen großer Konzerne wie RWE wissenschaftlich belegen?


    Der Stand im März 2025 – und was auf dem Spiel steht

    Aktuell läuft die Beweisaufnahme weiter. Im Frühjahr 2025 geht es konkret um die Bewertung technischer Gutachten, hydrologischer Modelle und Klimadaten. Der Fall hat sich zu einem der bedeutendsten Klima-Prozesse weltweit entwickelt.

    Das Urteil? Noch ausstehend.

    Aber eines ist klar: Wenn Lliuya Recht bekommt, ist das ein Paradigmenwechsel. Es wäre ein Signal an die größten Emittenten der Welt: Ihr bleibt nicht länger ohne Folgen. Wer Emissionen verursacht, muss auch für Schäden geradestehen – zumindest anteilig.

    Doch selbst, wenn die Klage abgewiesen wird, hat dieser Fall bereits viel bewegt.


    Globale Resonanz – und der lange Schatten der Verantwortung

    Der Fall Lliuya ist kein Einzelfall. In den letzten Jahren sind weltweit immer mehr sogenannte „Klimaklagen“ eingereicht worden. In den Niederlanden hat die Organisation Urgenda den Staat verklagt – mit Erfolg. In den USA kämpfen Jugendliche gegen Ölkonzerne. Und in Deutschland zwingen Verfassungsurteile die Regierung zum Handeln.

    Doch warum ist gerade dieser Fall aus Peru so besonders?

    Weil er eine der wichtigsten Fragen unserer Zeit auf den Tisch legt: Können Konzerne, die jahrzehntelang massive Emissionen verursacht haben, einfach so davonkommen? Oder gibt es Wege, auch juristisch eine globale Verantwortung durchzusetzen?

    Manche sagen: Das sei juristisch kaum umsetzbar. Andere entgegnen: Wenn das Recht sich nicht bewegt, obwohl die Realität nach Gerechtigkeit schreit – wozu dient es dann?


    Der Mensch hinter der Klage – und die Kraft des Einzelnen

    Luciano Lliuya ist kein Aktivist im klassischen Sinne. Er ist kein Teil einer großen Umwelt-NGO, kein Medienprofi, kein politischer Agitator. Sondern ein Mann, der seine Heimat schützen will.

    Sein Mut, gegen einen Konzern wie RWE zu klagen, ist bemerkenswert – und erinnert uns daran, dass Veränderungen oft mit Einzelnen beginnen. Lliuya sagte einmal in einem Interview:

    „Ich bin nicht gegen Deutschland oder gegen RWE. Aber ich will, dass die, die mitverantwortlich sind, uns helfen, unsere Stadt zu schützen.“

    Klingt nach gesundem Menschenverstand, oder?


    Wissenschaft, Verantwortung und der Wandel im Denken

    Interessant ist, wie eng dieser Fall die Naturwissenschaft mit dem Recht verbindet. Um überhaupt bewerten zu können, ob RWE eine Verantwortung trifft, müssen Klimamodelle präzise zeigen, wie einzelne Emissionen sich global auswirken – und welche Effekte daraus resultieren.

    Das ist heute besser möglich als noch vor zehn Jahren. Dank detaillierter Datenreihen, Satellitenaufnahmen und Rechenmodellen lassen sich Emissionsbeiträge konkreter benennen. Studien des Climate Accountability Institute oder des IPCC (Weltklimarat) zeigen klar: Ein kleiner Kreis von Konzernen ist für einen Großteil der globalen CO₂-Bilanz verantwortlich.

    Dass solche wissenschaftlichen Erkenntnisse nun Eingang in Gerichtssäle finden, ist ein Zeichen dafür, wie sehr sich unser gesellschaftliches Verständnis verändert. Verantwortung wird nicht mehr nur moralisch gedacht – sondern juristisch überprüft.


    Zukunftsperspektiven – ein globales Echo

    Wenn der Fall Lliuya Erfolg hat, könnten hunderte – vielleicht tausende – ähnliche Klagen folgen. In besonders verwundbaren Regionen wie Bangladesch, den Philippinen oder im Sahel könnten Menschen Konzerne verklagen, die zum Klimawandel beitragen. Die Klimakrise wird damit nicht mehr nur Thema von Klimakonferenzen und politischen Programmen – sie wird justiziabel.

    Natürlich stellt sich dann auch die Frage: Wie fair ist es, einzelne Unternehmen herauszupicken?

    Aber vielleicht ist das genau der Punkt: Nicht zu strafen – sondern zu erkennen, dass es gemeinschaftliche Verantwortung braucht, und dass große Verursacher in der Pflicht stehen, sich an Lösungen zu beteiligen.


    Klimagerechtigkeit – mehr als nur ein Schlagwort

    Der Fall Lliuya ist auch ein Mahnmal für soziale Ungleichheit. Während Länder wie Deutschland jahrzehntelang von fossilen Energien profitierten, zahlen Menschen im globalen Süden oft den höchsten Preis: Ernteausfälle, Naturkatastrophen, Verlust von Lebensraum.

    Und doch sind es genau diese Menschen, die kaum zur Erderwärmung beigetragen haben.

    Klimagerechtigkeit bedeutet nicht, Schuld zu verteilen. Sondern Ressourcen, Verantwortung und Zukunftschancen neu zu denken.


    Abschließende Gedanken – ein Fall, der bleibt

    Ob Luciano Lliuya diesen Fall gewinnt oder nicht – sein Name wird in der Geschichte der Klimagerechtigkeit stehen. Er hat gezeigt, dass es Wege gibt, gegen Ungerechtigkeit vorzugehen. Dass Klimaschutz nicht nur eine Frage von Politik und Technik ist – sondern auch von Recht und Moral.

    Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis:

    Nicht immer müssen es Revolutionen sein, die Großes verändern. Manchmal reicht ein einzelner Mensch, der sich hinstellt und sagt: „So nicht.“


    Quellen

    • Climate Accountability Institute (2014): „Carbon Majors Report“
    • Oberlandesgericht Hamm: Pressemitteilungen zum Fall Lliuya ./. RWE (2017–2025)
    • IPCC (2021): Sixth Assessment Report, Working Group I–III
    • Interview mit Saúl Luciano Lliuya, DW, 2021
    • Germanwatch: Fallakte Lliuya vs. RWE
    • BBC News: „Peruvian Farmer takes on German Energy Giant“, 2023
    • Bundeszentrale für politische Bildung (bpb): „Klimaklagen weltweit“, 2024
  • Gelbe Lawinenwarnung in Frankreich – Was jetzt zählt, ist klug zu handeln

    Gelbe Lawinenwarnung in Frankreich – Was jetzt zählt, ist klug zu handeln

    Montagmorgen, irgendwo in den französischen Alpen: Die Sonne spiegelt sich glitzernd im frisch gefallenen Schnee, alles wirkt friedlich. Doch wer genau hinhört, merkt schnell – hier braut sich was zusammen.

    Météo-France hat elf Départements und sogar das kleine Fürstentum Andorra in Warnstufe Gelb versetzt. Und das aus gutem Grund. Lawinengefahr – keine Panikmache, sondern eine realistische Einschätzung der Lage. Also: lieber zweimal hinschauen, bevor man sich ins weiße Abenteuer stürzt.

    Welche Regionen sind betroffen?

    Kurz gesagt: Es zieht sich quer durch die Hochlagen der Alpen und Pyrenäen. Genauer gesagt betrifft die Warnung folgende Departements:

    • Haute-Savoie
    • Savoie
    • Isère
    • Hautes-Alpes
    • Alpes-de-Haute-Provence
    • Alpes-Maritimes
    • Pyrénées-Orientales
    • Ariège
    • Haute-Garonne
    • Hautes-Pyrénées
    • Pyrénées-Atlantiques

    Und als kleines Extra: Auch Andorra ist diesmal mit dabei.

    Was steckt hinter der Warnung?

    Ein Wetter-Mix, der nach Trouble riecht: In den letzten Tagen gab’s kräftigen Schneefall – nicht etwa romantisch leicht, sondern dick, nass und in großen Mengen. Dieser frische Schnee liegt nun auf älteren Schichten, die zum Teil so stabil sind wie ein Kartenhaus bei Windstärke 5.

    Die Folge? Instabile Schneedecken. Und genau da liegt das Problem.

    In Höhen über 2.000 Metern steigt die Wahrscheinlichkeit von Lawinenabgängen deutlich. Nicht alle Lawinen kündigen sich an – manche kommen plötzlich, fast lautlos und gnadenlos.

    Aber Gelb ist doch nicht Rot, oder?

    Stimmt. Eine Gelb-Warnung bedeutet: Achtung, aber keine so hohe Gefahr wie Alarmstufe Rot. Das Wetter ist nicht außergewöhnlich, doch unter bestimmten Bedingungen – zum Beispiel, wenn der Hang besonders steil ist oder wenn sich jemand durch seine Bewegung auf der Schneedecke selbst zum Auslöser macht – kann’s ernst werden.

    Heißt konkret: Wer auf Nummer sicher gehen will, bleibt auf den gesicherten Pisten und informiert sich regelmäßig über die Lage.

    Wintersport? Klar – aber mit Köpfchen

    Wintersport gehört zur französischen Bergwelt wie Käse zum Baguette. Doch das bedeutet nicht, dass man alles auf eigene Faust erkunden sollte. Die Versuchung, mal eben abseits der Piste ein bisschen frischen Pulverschnee mitzunehmen, ist groß. Aber genau dort lauert die Gefahr.

    Bergwanderer, Tourengeher, Freerider – bitte hört auf euren gesunden Menschenverstand. Wer Risiken minimiert, rettet nicht nur sich selbst, sondern entlastet auch die Bergrettung. Und die haben in solchen Zeiten mehr als genug zu tun.

    Warum reagieren Behörden nicht gleich mit einer höheren Warnstufe?

    Weil’s nicht nötig ist – noch nicht. Gelb bedeutet nicht „alles ist harmlos“. Es ist ein Hinweis, dass sich die Lage schnell ändern kann. Und genau deswegen lohnt sich ein täglicher Blick auf die Wetterprognosen. Die technischen Möglichkeiten haben sich in den letzten Jahren deutlich verbessert, sodass Météo-France heute punktgenaue Warnungen herausgeben kann. Ein echter Fortschritt.

    Wie geht man mit so einer Situation am besten um?

    Einfach gesagt: vorbereitet und informiert. Apps wie „Météo-France“ oder „Yadusurf“ geben tagesaktuelle Infos raus. Zudem hängen in vielen Skiorten Lawinenbulletins aus – lesen, nicht übersehen.

    Und: Auch wenn’s schwerfällt – nicht jeder Instagram-Schnappschuss im Tiefschnee ist die potenzielle Lebensgefahr wert. Wer Sicherheit als Priorität setzt, kommt heil nach Hause. Klingt selbstverständlich, ist es aber nicht immer.

    Was tun, wenn man doch eine Lawine auslöst?

    Erstmal: ruhig bleiben – so gut es eben geht. Sofort den Notruf wählen: In Frankreich ist das die 112 oder 15. Wenn man selbst verschüttet ist? Lawinenpiepser, Sonde und Schaufel können über Leben oder Tod entscheiden. Ohne sie wird’s verdammt schwer. Wer regelmäßig in die Berge geht, sollte solche Dinge dabeihaben – und auch wissen, wie man sie benutzt.

    Klimawandel im Hintergrund: Was hat das damit zu tun?

    Gute Frage. Der Klimawandel verändert nicht nur die Gletscher, sondern auch die Muster von Schnee und Niederschlag. Wärmere Winter bedeuten oft mehr Niederschläge in Form von Schnee in kurzer Zeit – was wiederum das Risiko für Lawinen erhöht. Und wenn im Frühling warme Luftmassen auf bereits instabile Schneedecken treffen, kann es ebenfalls brenzlig werden.

    Die Lawinenlage ist also auch ein indirektes Zeichen dafür, wie stark unser Klima bereits aus dem Gleichgewicht geraten ist.

    Und was macht das mit uns – als Gesellschaft?

    Es erinnert uns daran, dass Naturkräfte nicht kontrollierbar sind. Und dass wir lernen müssen, mit ihnen zu leben. Mit Respekt. Mit Wissen. Und mit der Bereitschaft, unser Verhalten anzupassen.

    Niemand verlangt, dass wir aufhören, die Berge zu lieben. Aber vielleicht ist jetzt ein guter Moment, die Beziehung zu ihnen zu überdenken – nicht als Eroberer, sondern als Gäste.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Neuwahlen in Kanada: Mark Carney sucht Mandat zur Verteidigung der Souveränität

    Neuwahlen in Kanada: Mark Carney sucht Mandat zur Verteidigung der Souveränität

    Kanada steht vor einer vorgezogenen Parlamentswahl. Premierminister Mark Carney, der erst vor wenigen Wochen das Amt von Justin Trudeau übernommen hat, ließ am 23. März das Parlament auflösen und rief Neuwahlen für den 28. April aus. Der Schritt kommt zu einem Zeitpunkt wachsender Spannungen mit den Vereinigten Staaten, deren Präsident Donald Trump nicht nur protektionistische Maßnahmen gegen Kanada ergriffen, sondern in öffentlichen Äußerungen mehrfach eine „Angliederung“ Kanadas an die USA ins Spiel gebracht hat. Die anstehende Wahl wird dadurch zur Abstimmung über Kanadas Selbstverständnis als souveräner Staat.

    Ein Banker wird Premier

    Carney, der sich über Jahre hinweg in der Finanzwelt einen Namen machte – zunächst als Gouverneur der Bank of Canada, später als Chef der Bank of England – gilt als international angesehener Technokrat. Seine Ernennung zum Parteichef der Liberalen und zum Premierminister markierte eine Zäsur: Er ist der erste nicht-parlamentarisch gewählte Regierungschef Kanadas seit Jahrzehnten und soll die angeschlagene Partei stabilisieren. Seine zentrale Botschaft ist klar: Kanada brauche in Zeiten externer Bedrohungen eine ruhige Hand, wirtschaftliche Expertise und die klare Verteidigung seiner Unabhängigkeit.

    Trump eskaliert den Ton

    Inmitten dieser innenpolitischen Neuordnung kommen aus Washington unverkennbare Drohungen. Präsident Trump hat eine Serie neuer Zölle auf kanadische Exporte verhängt, insbesondere auf Holz, Stahl und landwirtschaftliche Produkte. Die protektionistischen Maßnahmen fügen sich in ein Muster wiederholter diplomatischer Provokationen. Trump spricht in Wahlkampfreden offen davon, Kanada sei wirtschaftlich „überreif“ für eine Integration in die USA, es sei „unlogisch“, dass ein so ressourcenreiches Land nicht Teil des amerikanischen Binnenmarktes sei.

    Was zunächst wie rhetorische Übertreibung erscheinen mag, hat inzwischen strategische Tiefe gewonnen. Berater des Weißen Hauses sprechen von einem „ökonomischen Druckinstrumentarium“, mit dem man Kanada zu politischen Konzessionen bewegen wolle. Die kanadische Öffentlichkeit reagiert zunehmend alarmiert.

    Eine Wahl der Selbstbehauptung

    In diesem Klima verkündete Carney die Auflösung des Parlaments und begründete den Schritt mit der Notwendigkeit eines stabilen, demokratisch legitimierten Mandats. Nur ein klares Votum der Wähler, so seine Botschaft, könne Kanada in die Lage versetzen, den ökonomischen Erpressungsversuchen aus Washington standzuhalten. Gleichzeitig solle die Wahl einen nationalen Schulterschluss ermöglichen – über Parteigrenzen hinweg.

    Der Wahlkampf wird dementsprechend nicht nur wirtschafts-, sondern auch identitätspolitisch geführt. Die liberale Partei positioniert sich als Bollwerk gegen äußeren Druck, während die konservative Opposition unter Pierre Poilievre bemüht ist, nicht in den Sog anti-amerikanischer Ressentiments gezogen zu werden. Poilievre hat sich bislang ambivalent zu Trumps Aussagen geäußert und ruft nun zur „Versachlichung“ der Debatte auf – ein Kurs, der ihm Kritik von nationalistisch gestimmten Wählern wie auch von moderaten Kräften einbringt.

    Stimmung im Land

    Meinungsumfragen zeigen, dass eine breite Mehrheit der Kanadier die Angriffe aus Washington als inakzeptabel empfindet. Gleichzeitig wächst das Vertrauen in Carney als Krisenmanager. Seine Expertise in internationalen Wirtschaftsfragen verschafft ihm Glaubwürdigkeit, auch wenn ihm die Erfahrung im politischen Alltag fehlt. Besonders in urbanen Zentren wie Toronto, Vancouver und Montreal erfährt er Zuspruch – weniger aus Parteitreue, sondern aus Sorge vor einem möglichen Kontrollverlust über die nationale Souveränität.

    Zudem spielen regionale Interessen eine Rolle: In Quebec wird Trumps Rhetorik als besonders bedrohlich wahrgenommen, da die frankophone Provinz historisch besonders auf ihre kulturelle Eigenständigkeit bedacht ist. Auch in Alberta und Saskatchewan, wo wirtschaftliche Abhängigkeiten vom US-Markt besonders ausgeprägt sind, wächst das Unbehagen über die Unvorhersehbarkeit der amerikanischen Politik.

    Ökonomische und außenpolitische Folgen

    Die Ankündigung der Neuwahl fiel in eine Phase wirtschaftlicher Unruhe. Die kanadische Börse reagierte zunächst mit Verlusten, der Wechselkurs des kanadischen Dollar gab gegenüber dem US-Dollar nach. Gleichzeitig bemüht sich Ottawa um eine Diversifizierung der Handelspartner. Gespräche mit der Europäischen Union und dem Vereinigten Königreich sollen beschleunigt werden, auch mit China wird über sektorale Abkommen verhandelt – trotz geopolitischer Vorbehalte.

    Auf diplomatischer Ebene zeigen sich viele der traditionellen Verbündeten Kanadas irritiert über den Ton aus Washington. Innerhalb der G7 wird zunehmend darüber diskutiert, ob und wie man auf Trumps außenwirtschaftliche Alleingänge reagieren kann. Kanadas Versuch, sich als verlässlicher Partner in multilateralen Bündnissen zu positionieren, könnte im Fall eines klaren Wahlsiegs Carneys an Gewicht gewinnen.

    Jenseits der Wahl

    Unabhängig vom Wahlausgang steht Kanada vor einer Phase der Selbstvergewisserung. Das Verhältnis zu den USA – historisch eng, wirtschaftlich verflochten, kulturell vielfältig – wird sich nicht von heute auf morgen neu definieren lassen. Doch die Grenze zwischen wirtschaftlichem Druck und politischer Einmischung ist überschritten. Das Land steht vor der Herausforderung, seine strategische Autonomie zu wahren, ohne in Isolation zu verfallen.

    Die Wahl am 28. April wird mehr als eine innenpolitische Weichenstellung sein. Sie ist eine Antwort auf die Frage, wie sich eine mittelgroße Demokratie in einer zunehmend hegemonial geprägten Weltordnung behaupten kann.

    P.T.

  • Zehn Jahre danach: Germanwings 9525 – Wunde, Warnung, Wandel

    Zehn Jahre danach: Germanwings 9525 – Wunde, Warnung, Wandel

    1. März 2015 – ein Datum, das sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat. Was als Routineflug von Barcelona nach Düsseldorf begann, endete in einer der erschütterndsten Katastrophen der Luftfahrtgeschichte. Germanwings-Flug 9525 zerschellte in den französischen Alpen. Niemand überlebte.

    Was bleibt – ein Jahrzehnt später?

    Der letzte Flug

    Es war 10:01 Uhr, als der Airbus A320 abhob. An Bord: 144 Passagiere, sechs Crew-Mitglieder. Um 10:27 Uhr verließ der Kapitän für einen Moment das Cockpit – eine Entscheidung, die tragische Folgen hatte. Denn der Co-Pilot, Andreas Lubitz, nutzte die Gelegenheit, verriegelte die Tür und leitete den Sinkflug ein. Minuten später zerschellte das Flugzeug in der Felswand.

    Der Schock war grenzenlos. Dass ein Pilot sein Flugzeug absichtlich in den Tod steuerte, überstieg jede Vorstellungskraft.

    Ein Blick hinter die Cockpittür

    Die Ermittlungen förderten beunruhigende Details zutage: Lubitz hatte in der Vergangenheit unter schweren psychischen Problemen gelitten – unter anderem an Depressionen und Suizidgedanken. Er war in ärztlicher Behandlung, hatte jedoch seine Probleme nicht vollständig offengelegt.

    Brisant: Eine Krankschreibung, die ihn vom Dienst hätte befreien müssen, wurde nie an seinen Arbeitgeber weitergeleitet.

    Regeln neu geschrieben

    Die Katastrophe zwang die Luftfahrtindustrie zum Umdenken. Innerhalb weniger Monate wurde international die sogenannte „Zwei-Personen-Regel“ eingeführt – niemand darf mehr allein im Cockpit sein. Doch damit nicht genug.

    Die Debatte über die psychische Gesundheit von Piloten wurde lauter. Intensivere medizinische Kontrollen, ein sensiblerer Umgang mit psychischen Erkrankungen und eine bessere Kommunikation zwischen Ärzten und Fluggesellschaften standen plötzlich ganz oben auf der Agenda.

    Trotzdem bleibt die Balance zwischen Datenschutz und Sicherheit eine Gratwanderung.

    Wunden, die nicht heilen

    Zehn Jahre sind vergangen – und doch scheint es für viele, als wäre es erst gestern gewesen. Besonders für die Hinterbliebenen. Mütter, Väter, Geschwister, Kinder. 150 Leben ausgelöscht – 150 Schicksale, die an diesem Märzmorgen eine dramatische Wendung nahmen.

    In Le Vernet, nahe der Absturzstelle, finden heute Gedenkveranstaltungen statt. Namen werden verlesen, Blumen niedergelegt, Tränen vergossen. Ein stilles Gedenken, das lauter spricht als jedes Mikrofon.

    Stimmen der Angehörigen – Forderung nach Veränderung

    Viele der Hinterbliebenen engagieren sich seit Jahren aktiv für Veränderungen in der Luftfahrt. Ihr Wunsch: Piloten sollen regelmäßiger und strenger auf ihre psychische Verfassung überprüft werden. Besonders eine Forderung steht seither im Raum: Krankmeldungen von Piloten sollen künftig direkt an die Arbeitgeber gehen – ohne Umwege, ohne Schlupflöcher.

    Einige halten das für übergriffig – andere für überlebenswichtig. Wer trägt am Ende die Verantwortung? Und wie viel Kontrolle ist mit der Freiheit eines Individuums vereinbar?

    Eine Branche in der Verantwortung

    Die Luftfahrtbranche hat sich verändert. Airlines achten stärker auf das Wohlbefinden ihrer Crews. Peer-Support-Programme, psychologische Beratungsangebote, mehr Offenheit im Umgang mit psychischer Gesundheit – vieles ist ins Rollen gekommen.

    Doch die Schatten der Vergangenheit mahnen: Eine einzige Lücke kann verheerend sein.

    Ein Mahnmal, das bleibt

    Was ist ein Jahrzehnt im Angesicht eines solchen Verlusts? Die Katastrophe von Germanwings 9525 ist längst mehr als ein Kapitel in der Unfallstatistik. Sie steht sinnbildlich für die Zerbrechlichkeit menschlicher Verantwortung – und für den dringenden Appell, nie nachzulassen, wenn es um Sicherheit und Menschlichkeit geht.

    Denn selbst modernste Technik schützt nicht vor den inneren Abgründen eines Menschen.

    Und heute?

    Fliegen gilt als sicherer denn je. Doch das Vertrauen der Menschen wurde damals tief erschüttert. Die Geschichte von Flug 9525 hat uns allen gezeigt: Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit. Aber es gibt Wachsamkeit, Fürsorge und den Willen, aus Schmerz Veränderung zu schaffen.

    Genau das ist geblieben.

    Catherine H.

  • Ekrem Imamoglu in Untersuchungshaft: Die Türkei am Rand eines politischen Bebens

    Ekrem Imamoglu in Untersuchungshaft: Die Türkei am Rand eines politischen Bebens

    Die politische Landschaft der Türkei hat am 23. März 2025 einen dramatischen Einschnitt erlebt. Ekrem Imamoglu, Bürgermeister von Istanbul und eine der wichtigsten Oppositionsfiguren gegen Präsident Recep Tayyip Erdogan, wurde offiziell seines Amtes enthoben – und noch am selben Tag inhaftiert. Der Vorwurf: Korruption. Doch der Fall geht weit über ein klassisches Ermittlungsverfahren hinaus.

    „Eine Hinrichtung ohne Prozess“

    Schon am Nachmittag vor seiner Verlegung in die Marmara-Haftanstalt, auch bekannt als Silivri-Gefängnis, meldete sich Imamoglu über seine Anwälte zu Wort. Seine Worte sind unmissverständlich: „Der laufende Justizprozess ist alles andere als fair. Es handelt sich um eine Hinrichtung ohne Prozess.“ Mit dieser klaren Anklage gegen das Justizsystem des Landes setzt Imamoglu ein deutliches Zeichen – und stößt ein politisches Erdbeben los, das nicht nur Istanbul, sondern das ganze Land erschüttert.

    Bereits am Mittwoch war Imamoglu festgenommen worden. Gemeinsam mit mehreren Mitbeschuldigten wurde er wenige Tage später in die Haftanstalt gebracht.

    Der eigentliche Vorwurf: Ein politisches Bündnis

    Offiziell lautet die Anklage „Korruption“. Doch im Hintergrund steht etwas ganz anderes: ein Wahlbündnis zwischen Imamoglus Partei CHP und einer pro-kurdischen Partei. Diese wiederum wird von der Regierung verdächtigt, Verbindungen zur PKK zu pflegen – einer Organisation, die in der Türkei als Terrorgruppe eingestuft ist.

    Die Konsequenzen sind drastisch: Neben Imamoglu wurden rund 90 weitere Personen festgenommen, darunter auch zwei Bezirksbürgermeister von Istanbul. Auch sie stehen unter Verdacht, entweder in Korruption oder in „terroristische Aktivitäten“ verwickelt zu sein.

    Der Funke entzündet ein Feuer

    Was folgte, ließ Erinnerungen an die Proteste von Gezi im Jahr 2013 aufleben. Damals begann eine landesweite Protestwelle auf dem Taksim-Platz in Istanbul – jetzt scheint sich die Geschichte zu wiederholen. Seit Freitagabend gehen zehntausende Menschen auf die Straße. In Istanbul, Ankara, Izmir – landesweit wächst der Unmut.

    Und das nicht nur unter Oppositionellen.

    Auch gemäßigte Stimmen, die Imamoglu nicht unbedingt politisch nahestehen, äußern sich zunehmend besorgt über das Vorgehen der Regierung. Die Sorge ist greifbar: Ist das noch Justiz oder schon politische Säuberung?

    Imamoglu als Symbolfigur

    Ekrem Imamoglu war nicht einfach nur Bürgermeister. Er war – und ist – das Gesicht einer anderen Türkei. Einer Türkei, die sich nach Veränderung sehnt, nach mehr Demokratie, mehr Rechtsstaatlichkeit, mehr europäischer Orientierung. Mit seinem Wahlsieg 2019 in Istanbul hatte er Erdogan eine empfindliche Niederlage zugefügt. Ein Signal, dass selbst große Machtapparate wanken können.

    Dass gerade er nun inhaftiert wurde, ist ein klarer Warnschuss – nicht nur an seine Unterstützer, sondern an alle, die sich gegen das aktuelle System stellen.

    Die Zeichen stehen auf Sturm

    Die kommenden Tage werden entscheidend sein. Die Proteste könnten weiter anwachsen, der Druck auf Erdogan steigen. Gleichzeitig ist nicht auszuschließen, dass weitere Verhaftungen folgen – möglicherweise mit dem Ziel, die Opposition im Vorfeld der Wahlen zu schwächen.

    Doch die Bilder zehntausender Demonstranten auf den Straßen zeigen auch: Die Gesellschaft lässt sich nicht mehr so leicht einschüchtern wie noch vor einigen Jahren. Das politische Klima hat sich verändert. Viele Menschen haben das Gefühl, dass nun eine Grenze überschritten wurde.

    Und das lässt eine Frage im Raum stehen – eine, die schwer wiegt: Ist das der Anfang vom Ende einer Ära?

    Von C. Hatty

  • Ein «hochaggressiver» Besuch in Grönland – und weitere World-News

    Ein «hochaggressiver» Besuch in Grönland – und weitere World-News

    Die Beziehungen zwischen Grönland und den Vereinigten Staaten haben sich weiter verschärft. Der grönländische Premierminister Múte B. Egede reagierte gestern empört auf eine geplante Delegation hochrangiger US-Beamter, die diese Woche nach Grönland reisen soll. Er bezeichnete den Besuch als «hochaggressiv».

    Der Versuch der Grönländer, diplomatisch zu bleiben, pralle an Donald Trump und seiner Regierung ab, sagte Egede. Deren einziges Ziel sei es, «Grönland zu besitzen und zu kontrollieren». Besonders kritisierte er die geplante Teilnahme von Michael Waltz, dem nationalen Sicherheitsberater, dessen Anwesenheit lediglich dazu diene, «Macht über uns zu demonstrieren». Auch Usha Vance, die Ehefrau des Vizepräsidenten, soll Grönland besuchen.

    Präsident Trump hatte zuvor angekündigt, Grönland «so oder so» in die Vereinigten Staaten eingliedern zu wollen. Innerhalb der grönländischen Bevölkerung wächst das Misstrauen gegenüber den wahren Absichten Washingtons. Bislang hatten sich viele grönländische Regierungsvertreter um einen Balanceakt bemüht: Sie wollten ihre Souveränität betonen, ohne Trump zu provozieren.

    Die US-Regierung hingegen stellte die geplante Reise als freundlichen Besuch dar. In einer Mitteilung hieß es, Usha Vance werde eines ihrer Kinder mitbringen und an einem nationalen Hundeschlittenrennen teilnehmen.


    Israelische Streitkräfte weiten Offensive im Gazastreifen aus

    Im Norden und Süden des Gazastreifens intensiviert das israelische Militär seine Militäroperationen. Truppen nahmen zusätzliche Gebiete ein und ordneten Evakuierungen in Regionen an, in die erst kürzlich vertriebene Menschen zurückgekehrt waren. Laut israelischem Militär richteten sich die Luftangriffe gegen Ziele und Infrastruktur der Hamas.

    Die Zivilschutzbehörde im Gazastreifen warnte vor einer «unmittelbaren Gefahr für das Leben» von Zehntausenden in der Stadt Rafah. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza hat die Zahl der Todesopfer seit Beginn des Kriegs mittlerweile die Marke von 50.000 überschritten. Allein in den vergangenen 24 Stunden seien 39 Menschen bei israelischen Angriffen ums Leben gekommen.

    Politisch sorgt eine Entscheidung der israelischen Regierung für zusätzliche Spannungen: Das Kabinett sprach der Generalstaatsanwältin das Vertrauen ab – der erste Schritt hin zu ihrer möglichen Absetzung. Diese erklärte, die Regierung unter Premierminister Benjamin Netanjahu versuche, sich «über das Gesetz zu stellen». Netanjahu wiederum wirft ihr vor, gezielt gegen ihn zu arbeiten.


    Annäherungsgespräche zwischen der Ukraine und den USA in Saudi-Arabien

    Vertreter der ukrainischen Regierung trafen sich gestern mit US-Delegierten in Saudi-Arabien, um über einen möglichen begrenzten Waffenstillstand im Krieg mit Russland zu sprechen. Für heute sind auch Gespräche zwischen russischen und amerikanischen Unterhändlern angesetzt.

    Im Zentrum der Gespräche in Riad steht die Umsetzung einer befristeten Einstellung von Angriffen auf Energieinfrastruktur, auf die sich beide Seiten in der Vorwoche verständigt hatten. Zudem geht es um Sicherheitsfragen im Schwarzen Meer. Ein ukrainischer Regierungsvertreter kündigte an, dass möglicherweise weitere Gespräche mit den USA am heutigen Tag folgen könnten.

    Der Weg zu einem Waffenstillstand bleibt jedoch unsicher. Beide Seiten betonen ihre Gesprächsbereitschaft. Moskau beharrt allerdings weiterhin auf Maximalforderungen – unter anderem auf die Kontrolle besetzter Gebiete und die Zusicherung, dass die Ukraine niemals der NATO beitritt. Die Regierung in Kiew lehnt diese Bedingungen entschieden ab und wirft dem russischen Präsidenten Wladimir Putin vor, lediglich Zeit gewinnen zu wollen.

    Währenddessen reißen die Angriffe nicht ab: Bei einem massiven Drohnenangriff auf Kiew wurden nach offiziellen Angaben mindestens drei Menschen getötet. Russland hat in den vergangenen Monaten die Intensität seiner Angriffe auf die ukrainische Hauptstadt deutlich erhöht.


    Weitere Schlagzeilen weltweit

    • Kanada: Premierminister Mark Carney hat Neuwahlen für den 28. April angesetzt – nur zehn Tage nach seiner Vereidigung.
    • Südkorea: Premierminister Han Duck-soo wurde nach einem Urteil des Verfassungsgerichts wieder als amtierender Präsident eingesetzt. Das Gericht hatte seine Amtsenthebung für ungültig erklärt.
    • Vatikan: Papst Franziskus, sichtbar geschwächt, zeigte sich kurz auf dem Balkon eines Krankenhauses in Rom und grüßte Hunderte von Gläubigen.
    • Türkei: Der Bürgermeister von Istanbul, einer der schärfsten Widersacher von Präsident Recep Tayyip Erdoğan, wurde inhaftiert und seines Amtes enthoben – ein schwerer Rückschlag für seine vermutete Präsidentschaftskandidatur.
    • Großbritannien: Die Regierung hat eine Untersuchung zum Großbrand am Flughafen Heathrow eingeleitet, der seit Freitag den Betrieb erheblich beeinträchtigt.
    • Kino: Disneys neue Verfilmung von «Schneewittchen» startete mit enttäuschenden Zahlen an den US-Kinokassen.

    Von Andreas Brucker

    Quellen: New York Times, Al Jazeera, BBC, Reuters, Jerusalem Post, CNN, CBC, Korea Herald, Vatican News, Hürriyet Daily News

  • Wenn die Demokratie wankt: Europas gefährliche Flirt mit dem Autoritarismus

    Wenn die Demokratie wankt: Europas gefährliche Flirt mit dem Autoritarismus

    Europa steht an einem Wendepunkt. Die demokratische Ordnung, lange Zeit als selbstverständlich angesehen, gerät zunehmend unter Druck – nicht von außen, sondern aus dem Inneren ihrer eigenen Gesellschaften. Autoritäre Populisten gewinnen an Einfluss, indem sie das Vertrauen in Institutionen untergraben, die Öffentlichkeit mit gezielter Desinformation polarisieren und die Grundprinzipien liberaler Demokratien offen in Frage stellen. Was einst Randpositionen waren, wird heute salonfähig – mit weitreichenden Folgen für politische Kultur und institutionelle Stabilität.

    Die jüngsten Entwicklungen in mehreren EU-Staaten zeugen von dieser schleichenden Erosion demokratischer Standards. In Österreich hätte fast erstmals seit 1945 ein Kanzler mit rechtsextremer Vergangenheit die Regierung geführt. Die Freiheitliche Partei Österreichs hat es mit einer aggressiv nationalistischen Rhetorik und einer offen EU-kritischen Haltung geschafft, sich als führende Kraft zu etablieren. Die Tatsache, dass eine Koalition mit der konservativen Volkspartei mittlerweile in Österreich als realistische Option gehandelt wird, zeigt, wie sehr sich die politische Tektonik verschoben hat.

    Ungarn, lange Zeit ein Paradebeispiel für postkommunistischen Demokratisierungswillen, dient heute als Blaupause für die schrittweise Demontage rechtsstaatlicher Institutionen. Viktor Orbáns Regierung hat über Jahre hinweg ein System geschaffen, das Loyalität über Kompetenz stellt, Medien systematisch gleichschaltet und NGOs delegitimiert, indem ihnen ausländische Einflussnahme unterstellt wird. Der Diskurs über Demokratie wird dabei bewusst verzerrt – nicht selten ins Mythische überhöht, als etwas, das es gegen „fremde Kräfte“ zu verteidigen gelte, während gleichzeitig ihre Substanz ausgehöhlt wird.

    Polen erlebte unter der Regierung der PiS-Partei eine ähnliche Entwicklung. Mit der Umgestaltung des Justizwesens und der politischen Einflussnahme auf Richter wurde eine rote Linie überschritten, die zur Destabilisierung des Gewaltenteilungsprinzips führte. Zwar hat der Regierungswechsel im Herbst 2023 neue Hoffnung geweckt, doch der Rückbau autoritärer Strukturen gestaltet sich zäh und konfliktbeladen – vor allem dort, wo das System Loyalitäten fest in Amt und Würden verankert hat.

    In Deutschland wiederum erlebt die AfD derzeit einen Höhenflug. In Umfragen liegt sie in mehreren ostdeutschen Bundesländern bereits auf Platz eins. Was einst als Protestpartei gegen die Euro-Rettungspolitik begann, hat sich zu einem Sammelbecken rechtsextremer, verschwörungsideologischer und antidemokratischer Kräfte entwickelt. Ihre Strategien ähneln dabei denen der autoritären Bewegungen in anderen europäischen Ländern: Die Delegitimierung parlamentarischer Verfahren, die bewusste Skandalisierung von Migration und Klimapolitik sowie der Versuch, über Vorfeldorganisationen und Personalplatzierungen langfristigen Einfluss auf staatliche Institutionen zu nehmen.

    Allen diesen Bewegungen ist gemein, dass sie sich demokratischer Mittel bedienen, um antidemokratische Ziele zu verfolgen. Sie nutzen das Recht, um es auszuhöhlen. Sie berufen sich auf Mehrheiten, um Minderheiten zu marginalisieren. Und sie missbrauchen das Prinzip der Meinungsfreiheit, um mit gezielter Desinformation gesellschaftliche Gräben zu vertiefen. Gerade in Zeiten sozialer und ökonomischer Unsicherheit – sei es durch Inflation, Migration oder geopolitische Konflikte – gedeihen solche Narrative besonders gut.

    Zugleich zeigt sich, dass autoritäre Populisten mehr als nur rhetorisches Talent besitzen. Sie verfolgen langfristige Strategien, denken in Institutionen und Netzwerken, setzen auf kulturelle Hegemonie und auf die schrittweise Umdeutung politischer Begriffe. Demokratie wird nicht mehr als offene, pluralistische und rechtsstaatliche Ordnung verstanden, sondern als Vehikel nationaler Selbstbehauptung gegen imaginierte äußere Bedrohungen. Diese Umdeutung ist nicht nur semantisch gefährlich – sie verändert das demokratische Selbstverständnis einer Gesellschaft von Grund auf.

    Allerdings gibt es auch Zeichen der Gegenbewegung. In vielen europäischen Städten demonstrieren derzeit Hunderttausende gegen Rechtsextremismus und autoritäre Tendenzen. Diese Proteste zeigen, dass es ein wachsendes Bewusstsein für die Bedrohung gibt – und eine Bereitschaft, das demokratische Gemeinwesen aktiv zu verteidigen. Doch Mahnwachen und Appelle allein werden nicht genügen. Was es braucht, ist eine strukturelle Resilienz: unabhängige Gerichte, plurale Medien, Bildungssysteme, die kritisches Denken fördern – und vor allem eine politische Kultur, die sich nicht von Radikalisierung treiben lässt, sondern ihr entschieden entgegentritt.

    Die Demokratie stirbt nicht über Nacht. Sie wird zersetzt, entleert, banalisiert – bis sie schließlich nur noch als Hülle existiert. Wer diesen Prozess erkennen will, muss hinschauen, zuhören und verstehen, wie autoritäre Populisten funktionieren. Und dann handeln – bevor es zu spät ist.

    P.T.

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  • Kino für einen Fünfer: Der „Printemps du cinéma“ bringt wieder Schwung in Frankreichs Kinosäle

    Kino für einen Fünfer: Der „Printemps du cinéma“ bringt wieder Schwung in Frankreichs Kinosäle

    Drei Tage Kinovergnügen zum Schnäppchenpreis – vom 23. bis 25. März 2025 gibt es in ganz Frankreich Kinotickets für nur fünf Euro. Die Aktion „Printemps du cinéma“ (Frühling des Kinos) hat sich längst als fester Termin im Kalender vieler Filmfans etabliert. Und gerade in Zeiten, in denen der Alltag …

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  • Gérard Depardieu vor Gericht: Frankreichs Filmbranche am Wendepunkt

    Gérard Depardieu vor Gericht: Frankreichs Filmbranche am Wendepunkt

    Gérard Depardieu – ein Name, der Jahrzehnte lang für das goldene Zeitalter des französischen Kinos stand. Für Kultfilme, internationale Anerkennung und eine unverkennbare Leinwandpräsenz. Doch nun steht der Schauspieler aus ganz anderen Gründen im Rampenlicht. Der Prozess, der am 24. und 25. März 2025 vor dem Strafgericht in Paris stattfindet, bringt nicht nur ihn selbst, sondern auch ein ganzes System ins Wanken. Zwei Frauen, ein Set – ein schwerwiegender Vorwurf Die Dreharbeiten zu „Les Volets Verts“ im Jahr 2021 bilden den Ausgangspunkt der aktuellen Anklage. Zwei Frauen – eine Set-Dekorateurin und eine Regieassistentin – werfen dem damals 72-jährigen Depardieu vor, sie am Set sexuell belästigt zu haben. Es geht um obszöne Bemerkungen, um unerwünschte Berührungen, um Macht und Missbrauch. Drei Zeugen sollen das Geschehen mitbekommen haben. Die Identität der beiden Betroffenen bleibt aus Schutzgründen geheim. Doch was sie schildern, wirft einen düsteren Schatten auf eine Filmprodukti…

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  • François Hollande über Trump: Zwischen Fiktion, Populismus und politischer Realität

    François Hollande über Trump: Zwischen Fiktion, Populismus und politischer Realität

    Beim internationalen Serienfestival Séries Mania in Lille mischte sich der ehemalige französische Präsident François Hollande auf ungewohnte Weise in die Debatte über Politik und Medienkultur ein. In einer gut besuchten Gesprächsrunde zur Darstellung politischer Macht in Fernsehserien äußerte er sich kritisch – und mit spürbarem Sarkasmus – über Donald Trump. Der republikanische Präsident sei „eine fiktive Figur, die zur Realität geworden ist“, sagte Hollande. Damit spielte er nicht nur auf Trumps Vergangenheit als Fernsehunterhalter an, sondern auch auf die Art und Weise, wie dieser Politik inszeniere – als andauerndes Spektakel. Die Äußerungen des französischen Ex-Präsidenten sind mehr als bloßer Spott über einen politischen Widersacher jenseits des Atlantiks. Sie werfen ein Schlaglicht auf die zunehmende Durchdringung von Politik und Inszenierung in den westlichen Demokratien – und auf die Rolle, die Populismus und Personenkult dabei spielen. Politik als Performance Hollande verwies…

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