Autor: Nachrichten

  • Wenn der Himmel erzählt — Lyon und sein nächtliches Erwachen

    Wenn der Himmel erzählt — Lyon und sein nächtliches Erwachen

    Es gibt Städte, die bei Nacht schimmern. Und dann gibt es Lyon. Eine Stadt, die sich, kaum fällt der Abend, wie ein lebendiges Bühnenbild entfaltet, als hätte jemand eine unsichtbare Hand über die Dächer gelegt und gemurmelt: Allez, jetzt zeigen wir ihnen mal, wie Licht wirklich geht.

    Die Fête des Lumières 2025 hat diesem leisen Murmeln ein neues Echo geschenkt. Ein kraftvolles, vibrierendes Echo aus 500 kleinen Flugwesen, die den Himmel über dem Parc de la Tête d’Or übernehmen. Und ganz ehrlich: selten hat Lyon so hoch gegriffen, um nahbarer zu wirken.

    Begeben wir uns mitten hinein in diese Nacht. Dorthin, wo Technik und Tradition sich umarmen, wo Familien dicht an dicht stehen, wo Kinder nach oben deuten und Erwachsene plötzlich wieder acht Jahre alt sind.


    Ein See, ein Himmel — und 500 leuchtende Pinselstriche

    Der Parc de la Tête d’Or ist schon tagsüber ein Geschenk. Aber nachts, während der Fête des Lumières, verwandelt er sich in eine Szene, die an ein halbvergessenes Märchen erinnert. Die Bäume zeichnen schwarze Silhouetten, der See wirkt wie ein Spiegel, der zu viel Licht geschluckt hat, und zwischen all dem schwebt ein feiner Nebel, der die Spannung noch verstärkt.

    Dann ein surrendes Summen. Wie ein kollektives Einatmen.

    Und plötzlich steigen sie auf: 500 Drohnen, die wirken wie Glühwürmchen mit Ingenieursdiplom. Sie tanzen, sie formieren sich, sie zerfallen wieder, nur um sich in neuen Figuren zusammenzufinden. Sternbilder. Spiralen. Ein Phönix. Ein wanderndes Herz. Ein kurzer Moment, in dem Lyon selbst zu pulsieren scheint.

    Ein Motiv aber sticht besonders hervor: die Hommage an die lumignons. Diese kleinen Flammen, die seit Jahrhunderten aus Lyoner Fenstern flackern, erscheinen nun hoch oben als leuchtendes Mosaik. Wer dabei keine Gänsehaut bekommt — wie soll man da noch ans Bodenständige glauben

    Der gesamte Tanz dauert acht Minuten. Kurz genug, um den Zauber nicht zu überreizen, lang genug, um sich ins Gedächtnis einzubrennen.


    Hinter den Kulissen — wo Poesie und Präzision zusammenfinden

    Natürlich wirkt so ein Spektakel wie Magie. Doch hinter dieser Magie steht ein Heer aus Fachleuten. Die Firma Allumée aus Saint Priest ist die unsichtbare Maschine hinter der Himmelskunst. Dort wird programmiert, komponiert, getestet, neu getestet und dann noch einmal getestet.

    Die Routine zwischen zwei Shows gleicht einer kleinen Operation: Akkus wechseln, Formationen nachjustieren, Sicherheitssysteme prüfen, das Timing fein abstimmen. Neun Shows pro Abend — das ist, um es mal salopp zu sagen, ein echter Ritt.

    Und dann dieses ewige Zittern vor dem Wind. Eine Böe zu viel, und der Himmel bleibt dunkel. Drohnen sind innovativ, aber sturmerprobt sind sie nicht unbedingt. Trotzdem entsteht ein Zusammenspiel, das so harmonisch wirkt, als wäre es nie etwas anderes gewesen als pure Kunst.


    Weniger Budget, weniger Werke — aber ein großes Wagnis

    2025 ist nicht gerade ein Jahr, in dem Lyon im Geld schwimmt. Das Gesamtbudget der Fête wurde von 3,8 auf etwa 3,4 Millionen Euro gedrückt, und die Zahl der Installationen schrumpft von 32 auf 23. Das klingt knapp, und es ist knapp.

    Doch gerade in dieser Begrenzung wagt die Stadt einen Sprung. Ein Drohnenspektakel dieser Größenordnung ist kein vorsichtiges Projekt, sondern ein Statement. Eine Art: Wir sparen, aber wir blenden trotzdem.

    Es ist ein Risiko, klar. Aber auch ein kraftvolles Signal. Ein bisschen wie ein Musiker, der zwar ein kleineres Orchester hat, dafür aber ein gewagteres Solo spielt.


    Die ersten Reaktionen — Funken, Fragen und ein bisschen Skepsis

    Die ersten Tests wurden mit offenen Mündern quittiert. Viele sprechen von einer Erfahrung, die sich tief in die Geschichte der Fête des Lumières einschreiben könnte. Die Musik passt, die Choreografie fesselt, und die Reflexionen auf dem See verdoppeln die Illusion, als schwebe man zwischen zwei Himmeln.

    Doch es wäre keine echte Lichtfête ohne Gegenstimmen. Manche Besucherinnen und Besucher empfinden den Einsatz von Drohnen als Abkehr vom warmen, menschlichen Charakter der traditionellen Lumignons. Zu modern, zu glatt, zu technologisch. Ein bisschen so, als würde ein alter Familienbrauch plötzlich von einem futuristischen Cousin übernommen.

    Aber gehört dieser Konflikt nicht irgendwie dazu
    Wäre die Lumières überhaupt die Lumières, wenn alle einhellig nicken würden


    Für wen lohnt sich das Spektakel

    Diese Frage lässt sich erstaunlich klar beantworten.

    Für Kinder, die das Gefühl bekommen, der Himmel erzähle ihnen ein Geheimnis. Für Paare, die am See Hand in Hand stehen und glauben, das Licht tanze nur für sie. Für Tourist:innen, die zum ersten Mal erleben, wie eine Stadt nicht nur beleuchtet ist, sondern selbst leuchtet. Für Kunstliebhaber, die Lust auf neue Impulse haben. Und schließlich für alle, die gern staunen.

    Aber Achtung: keine großen Rucksäcke, früh genug da sein, Snacks mitnehmen, Jacken gut schließen. Und ja, hoffen, dass der Wind nicht ausgerechnet an diesem Abend seine wilde Seite zeigt.


    Mein Blick — ein Flugversuch zwischen Tradition und Zukunft

    Wenn man, wie ich, seit Jahren durch die Lichtnächte Lyons wandert, spürt man, wenn eine Ausgabe anders ist. Dieses Jahr ist anders. Nicht, weil es lauter wäre oder prunkvoller. Sondern weil der Himmel selbst zu einer Bühne geworden ist.

    Braucht eine alte Tradition neue Flügel?
    Oder sollte sie lieber ihren festen Boden behalten?

    Ich glaube, die Wahrheit liegt dazwischen. Die Drohnen bringen frische Impulse, sie weiten den Blick, sie öffnen eine neue erzählerische Ebene. Doch solange in Lyon tausende kleine Kerzen an Fenstern stehen, bleibt die Seele des Fests unangetastet.

    2025 ist ein Übergangsjahr. Ein Brückenschlag. Vielleicht ein Prolog. Wenn L’Éveil des Lumières das Publikum weiterhin so berührt, könnte die Zukunft der Fête des Lumières höher liegen, als wir dachten. Aber die Kerzen am Fenster werden bleiben. Und genau das macht den Reiz aus: die Mischung aus uraltem Licht und neuer Technologie, aus Wärme und Präzision, aus leiser Tradition und kühner Bewegung.

    Lyon hat mit diesem Flug der Drohnen nicht nur den Himmel erhellt, sondern auch den Blick auf seine eigenen Möglichkeiten. Und jede Stadt, die Menschen dazu bringt, schweigend nach oben zu schauen, macht etwas richtig.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Rinderfilet mit Rotwein-Schalotten-Sauce – Ein moderner französischer Weihnachtsklassiker

    Rinderfilet mit Rotwein-Schalotten-Sauce – Ein moderner französischer Weihnachtsklassiker

    Zart, saftig und aromatisch: Rinderfilet mit Rotwein-Schalotten-Sauce zählt zu den elegantesten Gerichten der französischen Festküche. Das butterweiche Fleisch, die samtige Sauce mit tiefen, weinwürzigen Noten und die süße Milde der Schalotten verbinden sich zu einem Gang, der sowohl raffi…

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  • Hummerbisque mit Cognac – Der königliche Klassiker der französischen Festküche

    Hummerbisque mit Cognac – Der königliche Klassiker der französischen Festküche

    Eine Hummerbisque ist mehr als nur eine Suppe – sie ist ein Ereignis. Dieser französische Klassiker verbindet intensive Krustentier-Aromen mit seidiger Eleganz, feiner Säure und einem warmen Hauch Cognac. Modern interpretiert, wird sie besonders cremig, tief aromatisch und absolut festtags…

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  • Ein Tag, der Geschichte schrieb – Der 5. Dezember

    Ein Tag, der Geschichte schrieb – Der 5. Dezember

    Manche Tage plätschern scheinbar ereignislos dahin – doch der 5. Dezember gehört nicht dazu. Dieser Tag brachte mehrfach bedeutende Wendepunkte in der Weltgeschichte hervor, einige davon dramatisch, andere langfristig prägend. Auch Frankreich spielte in dieser Tageschronik keine Nebenrolle. Werfen wir einen Blick zurück – und gleichzeitig nach vorn.

    Der tödliche Nebel über London

    Am 5. Dezember 1952 legte sich ein dichter gelblich-grauer Nebel über London. Was zunächst wie ein gewöhnlicher Winterdunst erschien, entpuppte sich schnell als Todesfalle: Der sogenannte „Great Smog“ brachte in nur wenigen Tagen über 12.000 Menschen den Tod. Ursache war eine unheilvolle Mischung aus Wetterlage, Emissionen durch Kohleöfen und fehlender Umweltregulierung.

    Die Stadt wurde regelrecht lahmgelegt – Busse fuhren im Schritttempo, Krankenhäuser waren überfüllt, die Menschen husteten sich die Lungen aus dem Leib. Dieser Tag war ein Weckruf für Umweltpolitik. Heute noch wird der Great Smog als Schlüsselmoment gesehen, der zu strengeren Luftreinhaltegesetzen führte – ein Vorläufer moderner Umweltgesetzgebung in Europa.

    Ironischerweise mussten erst Tausende sterben, bevor die Luft zum politischen Thema wurde.

    Das Verschwinden von Flug 19

    Ein weiteres spektakuläres Ereignis fand genau sieben Jahre zuvor statt, am 5. Dezember 1945. Fünf amerikanische Kampfflugzeuge – die sogenannte „Flight 19“ – verschwanden über dem Atlantik. Keine Spur wurde je gefunden, kein Notruf, keine Wrackteile. Als ob der Ozean sie einfach verschluckt hätte.

    Dieses rätselhafte Ereignis heizte den Mythos vom Bermudadreieck an. In den Jahrzehnten danach wurde das Thema regelrecht aufgeblasen – von Büchern, Fernsehsendungen und Verschwörungstheoretikern. Doch abgesehen von aller Sensationslust: Die Geschichte zeigt, wie schnell ein Vorfall zu einem kulturellen Phänomen werden kann.

    Übrigens: Technische Pannen, Orientierungslosigkeit und schlechtes Wetter gelten heute als wahrscheinliche Ursache.

    Frankreichs Wandel zur „sozialistischen Demokratie“

    Springen wir ins Jahr 1791. Frankreich steckt mitten in der Revolution, das Königreich wankt. Am 5. Dezember jenen Jahres wird ein entscheidendes Dokument veröffentlicht: Der Entwurf einer neuen Verfassung, mit dem Ziel, Frankreich in eine konstitutionelle Monarchie zu verwandeln. Die absolute Macht des Königs sollte endlich begrenzt werden.

    Zwar wird dieser Versuch bald durch radikalere Kräfte hinweggefegt – doch die Richtung war gesetzt. Die Gedanken von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit begannen, konkrete Formen anzunehmen. Ein zäher, blutiger und ideenreicher Weg, der am Ende die Basis für die heutige französische Republik legte.

    Ein Datum, das auf den ersten Blick wenig spektakulär wirkt, aber den Verlauf einer ganzen Nation mitprägte.

    Der 5. Dezember in Frankreich – Streiks, Reformen, Widerstand

    In der jüngeren Geschichte ist der 5. Dezember in Frankreich mehrfach zu einem Symboltag für sozialen Protest geworden. So etwa 2019, als Millionen Franzosen gegen die Rentenreform der Regierung auf die Straße gingen. Landesweite Streiks legten den Verkehr lahm – Züge standen still, der Flugverkehr war massiv eingeschränkt, Schulen blieben geschlossen.

    Das war kein einmaliger Ausreißer. In Frankreich hat der Protest eine lange Tradition – gewerkschaftlich organisiert, laut, kämpferisch. Anders als in vielen anderen Ländern hat das Streikrecht dort beinahe heiligen Status. Der 5. Dezember wurde 2019 so zu einem weiteren Kapitel im Kampf um soziale Gerechtigkeit.

    Warum gerade dieser Tag so oft für Streiks und Demonstrationen gewählt wird, ist kein Zufall: Er liegt kurz vor den Weihnachtsferien – ein perfekter Zeitpunkt, um maximalen politischen Druck auszuüben.

    Eine neue Zeitrechnung – die Stalin-Verfassung

    Ein weiteres wichtiges Ereignis: Am 5. Dezember 1936 wurde in der Sowjetunion die sogenannte „Stalin-Verfassung“ eingeführt. Offiziell garantierte sie viele Rechte – von Meinungsfreiheit bis Gleichberechtigung. In der Praxis jedoch war sie ein Propagandainstrument. Während auf dem Papier Demokratie herrschte, wurden in Wirklichkeit Oppositionelle verfolgt, gefoltert oder hingerichtet.

    Dieser Tag ist ein Paradebeispiel dafür, wie eine Verfassung auf dem Papier glänzen kann – und gleichzeitig zur Fassade für eine Diktatur wird.

    Wer hätte gedacht, dass ein verstaubtes Dokument so viel über den Zustand eines Regimes verraten kann?

    Kleines Land, große Wirkung: Thailand und der Königstag

    Auch in Thailand ist der 5. Dezember ein besonderer Tag. Er markiert den Geburtstag des verstorbenen Königs Bhumibol Adulyadej, der über 70 Jahre lang das Land regierte. Für viele Thailänder war er eine Vaterfigur, fast heilig. Auch nach seinem Tod wird dieser Tag als Nationalfeiertag begangen – inzwischen als Tag der Väter.

    Ein Beispiel dafür, wie stark sich nationale Identität über Persönlichkeiten formen kann – auch jenseits westlicher Demokratien.

    Und heute?

    Heute wirkt der 5. Dezember fast wie ein stiller Chronist – ein Tag, der die verschiedensten Ereignisse miteinander verwebt: Umweltkatastrophe in England, revolutionäre Umbrüche in Frankreich, politischer Schein in der Sowjetunion, kulturelle Verehrung in Thailand, rätselhafte Militärflüge über dem Atlantik.

    Zufall?

    Vielleicht.

    Oder zeigt dieser Tag vielmehr, wie unterschiedlich Geschichte sich entfalten kann – je nach Ort, Kontext, Machtgefüge?

    Wer zurückblickt, erkennt oft Muster, die in der Gegenwart wieder auftauchen: Umweltfragen brennen aktueller denn je, politische Transparenz bleibt ein Kampfbegriff, und soziale Ungleichheit treibt erneut Hunderttausende auf die Straßen – nicht nur in Frankreich.

    Der 5. Dezember erinnert uns daran: Geschichte ist kein Fernsehfilm, den man abschalten kann. Sie passiert – Tag für Tag.

  • Charles de Gaulles letzter Rückzugsort – und das Ringen um sein Erbe

    Charles de Gaulles letzter Rückzugsort – und das Ringen um sein Erbe

    Der Ort ist klein, fast unscheinbar. Colombey-les-Deux-Églises, eingebettet in die sanfte Hügellandschaft der Haute-Marne, wirkt wie ein Relikt aus einer ruhigeren Zeit. Doch inmitten dieser ländlichen Stille erhebt sich ein Haus, das für die französische Geschichte schwerer wiegt als manch Regierun…

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  • Kommentar: Und täglich grüßt das Murmeltier – Der RN und seine nie endenden Eskapaden

    Kommentar: Und täglich grüßt das Murmeltier – Der RN und seine nie endenden Eskapaden

    Man könnte meinen, irgendwann sei doch mal Schluss. Ein Punkt erreicht. Die Grenze des moralisch Zumutbaren überschritten. Aber nein – der Rassemblement National (RN), dieser politische Dauerbrenner des französischen Grauens, beweist erneut, dass das Fass der Dreistigkeit nach unten offen ist. Und diesmal? Ein sogenanntes „Mediatraining“ – von europäischen Steuergeldern finanziert, versteht sich –, das offenbar nicht etwa der Aufklärung über Brüsseler Agrarpolitik diente, sondern der stilistischen Politur von Präsidentschaftskandidat*innen in Frankreich.

    Wie charmant. Öffentliches Geld für private Machtträume. Ist ja nicht das erste Mal. Wird auch nicht das letzte Mal sein.

    Jordan Bardella, dieser smarte Posterboy der Rechten, ließ sich offenbar ab Herbst 2021 von einem Coach medienfit machen. Nicht etwa, um in Straßburg glänzend über Richtlinien zur Netzneutralität zu debattieren – sondern um die Bühnenreife für die französische Präsidentschaftskampagne zu erlangen. So steht es jedenfalls im „Canard Enchaîné“, und der hat in der Vergangenheit mehr Licht in dunkle Ecken gebracht als jede französische Staatsanwaltschaft in zwei Jahrzehnten.

    Aber was soll’s. Der RN? Der lebt doch davon, dass ihn all das nicht kratzt. Wählerstimmen sind bekanntlich klebrig wie Honig, sobald sich die Opferrolle inszenieren lässt. „Die da oben gegen uns“, „Hexenjagd der Eliten“ – das altbekannte Lied. Dabei müsste man eigentlich fragen: Wer jagt hier eigentlich wen?

    Denn diese neue Klage der Anti-Korruptionsorganisation AC!! ist kein Einzelfall. Sie reiht sich ein in ein ganzes Bestiarium juristischer Verfahren: Assistenzskandale, Geldflüsse in schwarze Löcher, verschwundene Budgets. Jüngst erst: Die Sache mit den 4,3 Millionen Euro, die der EU-Gruppierung „Identität und Demokratie“ – in trauter Gemeinsamkeit mit dem RN – irgendwie… sagen wir mal: „abhandenkamen“. Zwischen 2019 und 2024. Kein Scherz.

    Man fragt sich unweigerlich: Wird im RN eigentlich auch mal regulär gearbeitet? Oder ist das Parteiprogramm inzwischen eine Art Workshop in kreativer Buchhaltung?

    Die Liste der Vergehen ist so lang, dass selbst ein altgedienter Gerichtsdiener sie kaum mehr tragen könnte. Und mittendrin: Marine Le Pen, die Grande Dame des politischen Scheinwerferlichts. In erster Instanz zu fünf Jahren Unwählbarkeit verurteilt – wegen der berühmten Affäre um EU-Parlamentsassistent*innen, die angeblich mehr mit Wahlkampf in Frankreich als mit Europapolitik zu tun hatten. Aber klar: Alles nur ein Versehen. Ein bedauerliches Missverständnis. Sicher.

    Man sollte meinen, eine Bewegung, die so viel von „Werten“, „Nation“ und „Ehre“ faselt, würde sich auch ein Mindestmaß an Integrität auf die Fahne schreiben. Doch stattdessen scheint man beim RN das Prinzip der öffentlichen Finanzierung in eine Art politischen Wildwuchs verwandelt zu haben. Wo’s Geld gibt, wird zugegriffen. Ob gerechtfertigt oder nicht, ist nebensächlich – Hauptsache, es zahlt am Ende jemand anders.

    Was bleibt, ist ein beunruhigendes Muster: Ein Parteiapparat, der sich systematisch aus öffentlichen Kassen bedient, um seine Macht zu zementieren. Eine Rechtsaußenpartei, die demokratische Institutionen mit kühler Berechnung ausnutzt – während sie gleichzeitig behauptet, genau diese Institutionen seien „korrupt“ und „abgehoben“.

    Das ist, als würde ein Dieb die Polizei beschimpfen, weil sie ihn beim Stehlen stört.

    Doch der vielleicht bitterste Beigeschmack: Dass sich weite Teile der Bevölkerung längst daran gewöhnt haben. Ach ja, wieder ein Skandal beim RN – und morgen geht’s weiter. Irgendwann wird aus Empörung Gleichgültigkeit. Und das ist gefährlicher als jeder Finanztrick.

    Denn wer sich an das Unrecht gewöhnt, öffnet dem nächsten Machtmissbrauch Tür und Tor.

    Und wer weiß – vielleicht sitzt der nächste Mediatrainer ja schon bereit, finanziert mit Geldern, die eigentlich für etwas anderes gedacht waren. Zum Beispiel für Europa.

    Ein Kommentar von Daniel Ivers

  • Brücken der Gesellschaft: Warum das Ehrenamt heute wichtiger ist denn je

    Brücken der Gesellschaft: Warum das Ehrenamt heute wichtiger ist denn je

    Am 5. Dezember wird weltweit der Internationale Tag des Ehrenamtes begangen – ein Anlass, der stillen Leistung von Millionen Menschen eine Stimme verleiht. Wer sich freiwillig engagiert, stützt nicht nur soziale Strukturen, sondern formt aktiv das gesellschaftliche Fundament mit. In Zeiten zunehmender Polarisierung, globaler Krisen und dem spürbaren Wandel sozialer Bindungen kommt dem Ehrenamt eine Schlüsselrolle zu. Der Blick auf Deutschland und Frankreich zeigt: Gesellschaftliches Engagement ist kein Selbstläufer – aber es ist ein unersetzlicher Kitt in modernen Demokratien.

    Ehrenamt als stiller Motor

    In Deutschland gilt das Ehrenamt seit Jahrzehnten als zentrale Säule zivilgesellschaftlicher Teilhabe. Millionen Bürgerinnen und Bürger engagieren sich regelmäßig – ob in der Freiwilligen Feuerwehr, im Sportverein, der Nachbarschaftshilfe oder bei der Integration Geflüchteter. Der Staat fördert dieses Engagement strukturell über Programme, Freistellungen, Anerkennungssysteme oder steuerliche Vorteile. Die Kultur des „aktiven Bürgers“ ist in der politischen Rhetorik ebenso präsent wie im gesellschaftlichen Selbstverständnis.

    Anders als in stärker zentralisierten Gesellschaften beruht das deutsche Modell des Ehrenamts auf föderalen, dezentralen Strukturen. Es ist tief eingebettet in das Vereinswesen, das vielerorts das Rückgrat lokaler Gemeinschaften bildet. In ländlichen Regionen übernimmt das Ehrenamt oft Funktionen, die staatliche Institutionen nicht mehr flächendeckend leisten können – vom Katastrophenschutz bis zur Jugendarbeit.

    Frankreich: Engagement zwischen Staat und Republik

    Auch Frankreich kennt eine ausgeprägte Tradition des freiwilligen Engagements – jedoch mit anderen kulturellen und institutionellen Prägungen. Der französische Republikanismus setzte historisch lange auf eine starke Rolle des Staates, wodurch bürgerschaftliche Selbstorganisation weniger Raum erhielt als im deutschen Modell. Engagement geschieht dort häufiger im Rahmen staatlich initiierter Programme oder als Reaktion auf soziale Missstände – etwa in der Banlieue-Arbeit, in der Armutsbekämpfung oder in der internationalen Solidarität.

    Gleichwohl hat sich in den letzten Jahrzehnten auch in Frankreich ein Wandel vollzogen. Das Vereinswesen ist gewachsen, besonders in urbanen Räumen und im Kulturbereich. Staatliche Programme wie der „Service Civique“ zielen auf eine jüngere Generation ab, die über einen zeitlich befristeten Freiwilligendienst an gemeinnützige Arbeit herangeführt wird. Doch das Engagement bleibt stärker zentral gesteuert, weniger flächendeckend in der Breite verankert – und wird von sozialen Ungleichheiten geprägt.

    Engagement im Wandel: Herausforderungen für beide Länder

    Trotz aller Unterschiede stehen Frankreich und Deutschland vor ähnlichen Herausforderungen: Die Frage nach der sozialen Diversität des Ehrenamts ist zentral. Denn noch immer engagieren sich überdurchschnittlich häufig Menschen mit höherem Bildungsgrad, stabilen finanziellen Verhältnissen und festem sozialem Netz. Menschen mit Migrationsgeschichte, geringerem Einkommen oder unsicherem Aufenthaltsstatus sind im Ehrenamt deutlich unterrepräsentiert – obwohl sie in vielen Fällen selbst auf Unterstützung angewiesen sind oder in ihren Communitys tragende Rollen übernehmen.

    Zudem verändert sich die Struktur des Engagements: Klassisches, langfristiges Ehrenamt tritt zunehmend in den Hintergrund, während projektbezogenes, flexibles Engagement – sogenannte „Mikro-Ehrenämter“ – an Bedeutung gewinnt. Das stellt viele Organisationen vor neue Herausforderungen in der Bindung von Freiwilligen, der Qualifizierung und der strukturellen Absicherung.

    Gerade in Krisenzeiten – sei es während der Pandemie, der Flutkatastrophe oder angesichts internationaler Flüchtlingsbewegungen – zeigte sich jedoch die Resilienz der Zivilgesellschaft: Dort, wo staatliche Strukturen an ihre Grenzen stießen, sprangen häufig Ehrenamtliche ein. Sie leisteten nicht nur konkrete Hilfe, sondern vermittelten ein Gefühl von Zugehörigkeit und Solidarität – in beiden Ländern.

    Engagement braucht Anerkennung – und politische Gestaltung

    Der Internationale Tag des Ehrenamtes erinnert daran, dass bürgerschaftliches Engagement keine Selbstverständlichkeit ist. Es braucht gesellschaftliche Wertschätzung, aber auch politische Rahmenbedingungen, die Teilhabe ermöglichen: Bildung, Zeitressourcen, rechtliche Sicherheit, inklusive Strukturen. Frankreich und Deutschland verfolgen dabei unterschiedliche Wege – doch beide sind gefordert, das Ehrenamt fit für die Zukunft zu machen.

    Dazu gehören nicht nur symbolische Gesten, sondern konkrete politische Weichenstellungen: Förderung von Engagement in benachteiligten Milieus, Digitalisierung von Ehrenamtsstrukturen, bessere Vereinbarkeit mit Erwerbsarbeit sowie Absicherung im Falle von Haftung oder Unfällen. Nur so kann sichergestellt werden, dass freiwilliges Engagement nicht zur sozialen Zusatzaufgabe weniger Privilegierter verkommt, sondern zu einem echten Instrument demokratischer Mitgestaltung für alle wird.

    Denn eines eint beide Gesellschaften – über alle Unterschiede hinweg: Ohne das Ehrenamt würden viele soziale, kulturelle und humanitäre Leistungen schlichtweg nicht existieren. Wer sich engagiert, trägt dazu bei, dass aus Gesellschaft Gemeinschaft wird. Am 5. Dezember – und an jedem anderen Tag.

    Autor: P. Tiko

  • Zwischen Pandas und Protektionismus – Macrons Chinareise zeigt die Gratwanderung europäischer Diplomatie

    Zwischen Pandas und Protektionismus – Macrons Chinareise zeigt die Gratwanderung europäischer Diplomatie

    Der französische Präsident Emmanuel Macron hat seine viertägige Staatsvisite in China mit einem symbolträchtigen Besuch in Chengdu abgeschlossen. Was als wirtschaftspolitisch ambitionierte Mission begann, endete in einer Kulisse aus Pandazentrum, Studentenbegegnungen und kulturellem Austausch. Die Kontraste der Reise verdeutlichen, wie sehr Europa beim Drahtseilakt zwischen wirtschaftlichem Pragmatismus und geopolitischer Selbstbehauptung gefordert ist – und wie wenig Spielraum es dabei hat. Frankreich, das sich traditionell als Brückenbauer zwischen Ost und West versteht, versuchte auch diesmal, eine eigene Handschrift im Umgang mit China zu setzen. Doch hinter den Bildern freundschaftlicher Gesten bleibt ein ernüchterndes Ergebnis zurück.

    Handelsdefizite und diplomatische Dissonanzen Der Ausgangspunkt der Reise war klar umrissen: Macron wollte das seit Jahren bestehende Handelsungleichgewicht mit China verringern, europäische Industrieinteressen stärker zur Geltung bringen und die F…

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  • Lichter, Drohnen und Hommage: Lyon feiert seine Seele mit leuchtender Poesie

    Lichter, Drohnen und Hommage: Lyon feiert seine Seele mit leuchtender Poesie

    Wenn Lyon leuchtet, hält selbst der Himmel den Atem an.

    Pünktlich zum Dezemberbeginn hat die Stadt an der Rhône ihr strahlendes Festkleid angelegt – ein Gewand aus Licht, Farbe, Klang und Erinnerung. Die Fête des Lumières ist zurück. Und sie ist mehr als ein Fest: Sie ist ein Gefühl. Ein Ritual, das Geschichte, Gegenwart und Zukunft in leuchtende Kunstwerke verwandelt.

    Am Abend des 4. Dezember war es wieder so weit. Noch vor dem offiziellen Start am 5. Dezember lud die Stadt zur Avant-Première, zu einer Art Generalprobe unter funkelndem Sternenzelt. Auf dem Hügel thronte die Basilika von Fourvière, majestätisch illuminiert, während in den Gassen von Presqu’île und Croix-Rousse bereits erste Lichtskulpturen ihre Wirkung entfalteten.

    Zwanzig Installationen wurden getestet – ein visuelles Vorspiel, das Lust auf mehr machte.

    Jean-Jacques Bouteloup, 72, aus dem benachbarten Villeurbanne, kommt jedes Jahr. „Man wird nicht müde, überrascht zu werden“, sagt er. Und in diesem Satz schwingt genau jene kindliche Freude mit, die dieses Fest so einzigartig macht.


    Die diesjährige Ausgabe bringt 23 Lichtkunstwerke auf die Straßen und Plätze Lyons – von der Place des Terreaux bis zum Parc de la Tête d’Or. Dort, im größten Stadtpark Frankreichs, feierte auch die spektakulärste Neuheit ihre Premiere: ein Drohnenspektakel des lokalen Kollektivs „Allumée“. Hunderte leuchtender Flugkörper zeichnen Formen in den Nachthimmel, choreografiert wie ein Ballett aus Licht.

    Dazu gesellen sich poetische, humorvolle und bisweilen politisch anmutende Beiträge. Eine besonders charmante Installation stammt vom katalanischen Kollektiv Tigrelab: „Le lundi, c’est ravioli“ – ein popkultureller Gruß an die berühmten „Mères lyonnaises“, die legendären Köchinnen der Stadt. Ihre Rezepte – bodenständig, üppig, unverkennbar – sind Kulturerbe und Lebensgefühl zugleich.

    Auch Skateboarder kommen in diesem Jahr zu Ehren: Auf dem Place Louis-Pradel leuchtet eine Hommage an 40 Jahre Skatekultur in Lyon – geschaffen vom Künstler und Architekten Nicolas Paolozzi. Ein Stück Jugendkultur als leuchtendes Denkmal.


    Die Fête des Lumières ist tief verwurzelt in der religiösen Tradition Lyons.

    Jedes Jahr am 8. Dezember stellen die Lyonnaiser:innen ein kleines Licht – ein „lumignon“ – in ihre Fenster, als Dank an die Jungfrau Maria, Schutzpatronin der Stadt. Was im 19. Jahrhundert begann, hat sich über die Jahrzehnte zu einem der größten Lichtkunstfestivals Europas entwickelt.

    Und doch: Die Ausgabe 2025 steht unter anderen Vorzeichen.

    Die Stadt hat ihren finanziellen Gürtel enger geschnallt. Der Nettobetrag der städtischen Ausgaben – abzüglich Personalkosten – liegt bei 2,1 Millionen Euro, rund 800.000 Euro weniger als im Vorjahr. Ein Teil des Defizits wurde durch verstärktes Sponsoring aufgefangen. Neben lokalen Unterstützern tritt diesmal auch ein globaler Akteur auf den Plan: Netflix. Der Streamingriese finanzierte eine Installation zur Bewerbung seiner Erfolgsserie „Stranger Things“. Ein neuer Ton im Konzert der Lichter – ein bisschen Kommerz, ein bisschen Pop.


    Manche kritisieren das – ebenso wie die Reduzierung des Festivalareals. Doch Bürgermeister Grégory Doucet hält dagegen: Die Ausgabe 2025 setze auf „unveröffentlichte Konzepte“ und „Hommagen an die lyonnaise Kultur“. Und tatsächlich zeigt sich Lyon in diesem Jahr nicht größer, aber dichter, feiner, konzentrierter. Wie ein Roman, der weniger Seiten zählt, aber mehr Tiefe besitzt.

    Vor der Oper leuchtet „Row“ – zehn holografische Bildschirme in einer Linie, konzipiert vom russischen Kollektiv Tundra. Ein hypnotisches Werk, das sich zwischen Licht, Ton und Wahrnehmung bewegt.

    Es sind genau solche Momente, in denen man versteht, warum Lyon die Lichter nicht einfach anknipst, sondern sie zelebriert. Mit Ernst, mit Esprit – und mit einer tiefen Liebe zur Stadt selbst.

    Denn die wahre Attraktion der Fête des Lumières ist nicht das Licht.

    Es ist Lyon.

    Autor: Andreas M. Brucker

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