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  • Die Zukunft fährt leise – und kommt aus dem Norden

    Die Zukunft fährt leise – und kommt aus dem Norden

    Ein kalter Wind weht über die flachen Ebenen bei Dunkerque. Möwen kreisen, Containerschiffe ziehen gemächlich vorbei, und irgendwo zwischen Hafenkränen, Deichen und alten Industrieflächen wächst etwas heran, das Frankreichs Autowelt neu sortieren soll. Hier, wo früher Stahl, Kohle und Diesel dominierten, rückt nun ein anderes Herzstück der Industrie in den Mittelpunkt: die Batterie. Genauer gesagt die Vallée de la batterie – ein Projekt, das klingt wie ein Marketingbegriff, sich aber längst als handfeste Realität entpuppt.

    Noch vor wenigen Jahren herrschte in der regionalen Automobilbranche eher Katerstimmung. Die Dieselkrise traf die Zulieferer hart, internationale Konkurrenz drückte die Margen, ganze Belegschaften fragten sich, wie lange das alles noch gutgehen würde. Heute dagegen liegt Aufbruch in der Luft. Nicht überall euphorisch, nicht ohne Zweifel – aber spürbar.

    Und manchmal reicht schon ein einziges Gebäude, um einen Stimmungswechsel greifbar zu machen.

    Im Dezember 2025 öffnete in Bourbourg, nur ein paar Autominuten von Dunkerque entfernt, eine Fabrik ihre Tore, die größer denkt als viele vor ihr. Verkor, ein junges Unternehmen aus Grenoble, hat hier seine erste Gigafactory eingeweiht. Keine PR Kulisse, kein Luftschloss, sondern Beton, Stahl, Maschinen und Menschen. Über tausend Arbeitsplätze direkt, noch mehr indirekt. Investitionen von rund 1,5 Milliarden Euro. Zahlen, die man nicht einfach so vom Tisch wischt.

    Wer durch die Hallen geht, merkt schnell: Hier entsteht kein gewöhnliches Produkt. Batteriezellen für Elektroautos gelten als das neue Öl der Industrie. Ohne sie funktioniert kein E-Fahrzeug, egal wie schick das Design oder wie clever die Software. Und genau darin liegt die strategische Sprengkraft dieses Standorts.

    Europa, so die bittere Erkenntnis der letzten Jahre, hängt bei Batterien stark von Asien ab. China, Südkorea, Japan – dort sitzen die Platzhirsche. Die Vallée de la batterie will diese Abhängigkeit lockern. Nicht über Nacht, klar. Aber Schritt für Schritt, Zelle für Zelle.

    Verkor plant ambitioniert. Ab 2026 rollen die ersten kommerziellen Lieferungen an. Bis 2028 sollen 16 Gigawattstunden Jahreskapazität erreicht sein, später sogar bis zu 50. Das klingt abstrakt, ist aber konkret: Hunderttausende Fahrzeuge, die mit Batterien aus nordfranzösischer Produktion fahren könnten. Renault, Anteilseigner und gleichzeitig Hauptkunde, hält sich nicht zurück. Künftige Elektro Modelle, Nutzfahrzeuge, leistungsstarke Varianten mit geringem CO₂ Fußabdruck – vieles soll aus Batterien aus Bourbourg gespeist werden.

    Natürlich steht Verkor nicht allein auf weiter Flur. Die Region gleicht inzwischen einem industriellen Schachbrett. In Douvrin produziert ACC, getragen von Stellantis, Mercedes Benz und TotalEnergies. In Douai bereitet AESC Envision den Aufbau vor. Und dann ist da noch ProLogium aus Taiwan, das ab 2027 im Raum Dunkerque eine weitere Gigafactory hochziehen will. Größer, schneller, technologisch anders aufgestellt.

    Manch einer fragt sich leise: Wird das nicht zu viel des Guten?

    Die Antwort fällt nicht eindeutig aus. Einerseits entsteht hier eine industrielle Dichte, wie man sie in Europa lange vermisst hat. Know how, Zulieferer, Logistik, Fachkräfte – alles rückt zusammen. Andererseits bleibt der Markt volatil. Elektroautos verkaufen sich nicht automatisch von selbst. Förderungen schwanken, Kunden zögern, Strompreise nerven. Und Batterietechnik gilt als unforgiving business: Kleine Fehler, große Verluste.

    Doch die Vision der Vallée de la batterie reicht über das reine Produzieren hinaus. Es geht um eine komplette Wertschöpfungskette. Forschung und Entwicklung, aktive Kathodenmaterialien, Recycling, Logistik, Weiterbildung. Firmen wie Orano XTC New Energy setzen auf Materialien, andere auf Wiederverwertung alter Batterien. Ein Kreislauf, der Ressourcen schont und Abhängigkeiten mindert.

    Für die Politik klingt das wie Musik in den Ohren. Frankreich und die EU sprechen gern von industrieller Souveränität. Von strategischer Autonomie. Von grüner Transformation, die Arbeitsplätze schafft statt vernichtet. Und ja – selten passten diese Begriffe so gut zu einem Projekt wie hier im Norden.

    Die Batterie wird zum geopolitischen Faktor. Wer sie kontrolliert, kontrolliert einen Großteil der Mobilität von morgen. Und Mobilität, das zeigt ein Blick in die Geschichte, bedeutet immer auch Macht, Wohlstand, Einfluss.

    Doch ganz ohne Reibung läuft diese Transformation nicht ab. Hinter den Kulissen brodelt eine Debatte, die immer wieder aufflammt: das EU Verbot für neue Verbrenner ab 2035. Kritiker warnen vor Überforderung des Marktes. Zu wenig Ladeinfrastruktur, zu teure Fahrzeuge, unsichere Rohstoffversorgung. Befürworter halten dagegen: Wer jetzt bremst, verspielt Milliardeninvestitionen und technologische Führungsansprüche.

    In Bourbourg klingt diese Diskussion erstaunlich bodenständig. Ein Ingenieur, Kaffeebecher in der Hand, sagt sinngemäß: „Wenn die Politik wackelt, wackeln wir alle. Aber ohne Ziel fährt man eben auch nicht los.“ Ein Satz, der trifft.

    Denn tatsächlich basiert die gesamte Vallée de la batterie auf Planungssicherheit. Auf dem Glauben, dass Elektromobilität kein kurzfristiger Trend bleibt, sondern der neue Normalzustand. Ein Risiko? Ja. Aber welches Industrieprojekt dieser Größe kommt ohne aus?

    Zwischen all den Gigawattstunden, Investitionssummen und Strategiepapiere taucht immer wieder eine menschliche Ebene auf. Ehemalige Arbeiter aus der klassischen Autozulieferung, die nun Schulungen für Batterietechnik absolvieren. Junge Absolvent:innen, die lieber in Dunkerque als in Shanghai oder Kalifornien an der Zukunft schrauben. Kommunen, die neue Steuereinnahmen wittern – und zugleich bezahlbaren Wohnraum organisieren müssen.

    Es sind diese kleinen Geschichten, die dem großen Projekt Tiefe verleihen. Und auch Zweifel. Was passiert, wenn sich eine neue Batterietechnologie durchsetzt, die heutige Anlagen alt aussehen lässt? Was, wenn Wasserstoff plötzlich doch den Durchbruch schafft? Oder synthetische Kraftstoffe politisch Rückenwind bekommen?

    Fragen über Fragen. Und genau darin liegt vielleicht die ehrlichste Stärke der Vallée de la batterie: Sie behauptet nicht, alle Antworten zu kennen. Sie setzt auf Bewegung statt Stillstand.

    Die Landschaft bei Dunkerque verändert sich sichtbar. Wo früher Brachflächen lagen, stehen nun Hallen mit hochautomatisierten Produktionslinien. LKWs rollen, Schichtpläne füllen sich, Cafés in den umliegenden Orten bekommen neue Stammgäste. Nicht glamourös, aber real. Industrie im 21. Jahrhundert eben.

    Ein älterer Anwohner bringt es beim Bäcker auf den Punkt: „Hauptsache, hier passiert wieder was.“ Ein Satz aus der Umgangssprache, aber treffend. Denn Stillstand galt lange als größte Angst dieser Region.

    Bleibt die Frage, ob sich all das auszahlt. Ob Europa tatsächlich den Rückstand aufholt. Ob Elektroautos den Massenmarkt erobern, ohne soziale Spaltungen zu vertiefen. Und ob die Vallée de la batterie in zehn, zwanzig Jahren als Erfolgsgeschichte gilt – oder als mutiges Experiment.

    Wer heute durch Bourbourg fährt, spürt zumindest eines: Hier glaubt man an die Zukunft. Nicht blind, nicht naiv, sondern mit Ärmel hochgekrempelt und Blick nach vorn. Vielleicht gehört genau das zur DNA dieses Projekts.

    Die Autos von morgen fahren leise. Aber der industrielle Umbruch dahinter macht ordentlich Lärm. Und dieser Lärm kommt derzeit ganz klar aus dem Norden Frankreichs.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Die neue Nüchternheit im Glas – warum alkoholfreie Getränke die Feiertage verändern

    Die neue Nüchternheit im Glas – warum alkoholfreie Getränke die Feiertage verändern

    Der Tisch ist gedeckt. Kerzen flackern, Stimmen vermischen sich, jemand lacht zu laut, ein anderer hebt das Glas. Früher war darin fast automatisch Wein, Sekt oder etwas Hochprozentiges. Heute schimmert im Glas daneben ein alkoholfreier Aperitif mit Kräuternoten, dort eine feinperlige 0 Prozent Weinvariante, sorgfältig eingeschenkt wie ein Champagner. Kein Ersatz, kein Verzicht. Einfach eine weitere Option.

    Und genau darum geht es.

    Kurz vor den Feiertagen rückt in Frankreich ein Phänomen in den Mittelpunkt, das leise begann und inzwischen erstaunlich präsent wirkt: alkoholfreie Getränke als selbstverständlicher Teil geselliger Rituale. Nicht als Notlösung für Autofahrer oder Schwangere, sondern als bewusste Wahl – geschmacklich, gesundheitlich, sozial.

    Man hört diesen Satz immer öfter, fast beiläufig: Die Idee ist, wählen zu können.

    Wenn Verzicht keiner mehr ist

    Noch vor wenigen Jahren haftete alkoholfreien Alternativen ein gewisser Beigeschmack an. Süß, langweilig, brav. Wer nichts trank, erklärte sich. Heute muss sich niemand mehr rechtfertigen. Die Kategorie NoLo, also No oder Low Alcohol, hat sich neu erfunden. Und sie tut das mit erstaunlicher Kreativität.

    Es geht nicht mehr nur darum, Alkohol wegzulassen. Es geht um Aromen, Texturen, Rituale. Um das Gefühl, dazuzugehören, ohne die Kontrolle abzugeben. Besonders jüngere Erwachsene treiben diese Entwicklung voran. Sie trinken weniger, aber bewusster. Sie fragen nach Herkunft, Zutaten, Wirkung. Und sie möchten morgens nicht mit schwerem Kopf aufwachen – wer will das schon?

    Diese Haltung passt in eine Zeit, in der Selbstfürsorge kein Randthema mehr ist. Körperliches Wohlbefinden, mentale Klarheit, Balance. Begriffe, die früher nach Ratgeber klangen, tauchen heute in ganz normalen Küchengesprächen auf.

    Zahlen, die eine Geschichte erzählen

    Der Markt reagiert. Und zwar deutlich. In Frankreich wächst der Umsatz mit alkoholfreien Getränken seit Jahren konstant. Prognosen zeigen, dass sich der Markt bis zum Ende des Jahrzehnts nahezu verdoppelt. Europaweit zeichnen Studien ein ähnliches Bild: Milliardenumsätze, zweistellige Wachstumsraten, neue Marken im Monatsrhythmus.

    Das wirkt nüchtern betrachtet nach Statistik. Doch hinter diesen Zahlen stecken Abende, an denen jemand zum ersten Mal bewusst zum alkoholfreien Sekt greift. Familienfeste, bei denen mehrere Flaschen ohne Alkohol auf dem Tisch stehen. Bars, die ihre Karte umdenken.

    Ein Barkeeper in Paris erzählte kürzlich, dass Gäste heute gezielt nach alkoholfreien Signature Drinks fragen. Nicht entschuldigend, sondern neugierig. „Überrasch mich“, sagen sie. Früher kam diese Aufforderung fast ausschließlich mit Alkohol.

    Geschmack als Argument

    Der eigentliche Gamechanger liegt im Glas. Die neuen Produkte schmecken schlicht besser. Winzer investieren in schonende Entalkoholisierung, Brauereien entwickeln eigene Hefen, Start ups experimentieren mit Botanicals, Tees, Gewürzen.

    Alkoholfreie Biere zeigen heute Malz, Hopfen, Bitterkeit. Nicht perfekt identisch mit dem Original, aber eigenständig. Entalkoholisierte Schaumweine setzen auf Frische und feine Säure. Mocktails kombinieren Wacholder, Zitruszeste, Rosmarin oder Ingwer zu komplexen Profilen, die nichts Vermisstes mehr transportieren.

    Manchmal fühlt sich das an wie ein kleines Aha Erlebnis. Ach, so schmeckt das also ohne Alkohol.

    Dazu kommen funktionale Zutaten: Adaptogene Pflanzen, Elektrolyte, fermentierte Komponenten. Der Drink verspricht nicht nur Genuss, sondern auch ein gutes Gefühl danach. Kein Wunder, dass viele diese Getränke auch außerhalb klassischer Feiermomente trinken – beim Kochen, beim späten Arbeiten, einfach so.

    Eine stille soziale Revolution

    Geselligkeit ohne Alkohol galt lange als Widerspruch. In vielen Kulturen war Alkohol das Schmiermittel sozialer Nähe. Wer nicht trank, fiel auf. Heute verschiebt sich diese Norm langsam, aber spürbar.

    In Gesprächen rund um Weihnachten oder Silvester taucht ein Gedanke immer wieder auf: Niemand soll sich ausgeschlossen fühlen. Der „trockene Januar“ und ähnliche Initiativen haben diese Offenheit vorbereitet. Sie haben gezeigt, dass zeitweilige Abstinenz kein Angriff auf die Feierkultur ist.

    Das Ergebnis: Gastgeber planen anders. Neben Wein stehen alkoholfreie Alternativen auf Augenhöhe. Nicht versteckt in der Ecke, sondern mitten auf dem Tisch. Das sendet ein Signal. Du darfst entscheiden.

    Ist das nicht eigentlich der Kern von Gastfreundschaft?

    Alltag statt Ausnahme

    Bemerkenswert ist auch, wie sich die Anlässe verändern. Alkoholfreie Getränke verlassen die Nische besonderer Umstände und werden Teil des Alltags. Ein Apéritif nach der Arbeit, ein Mittagessen mit Kollegen, ein Sonntagsbrunch. Der Griff zum alkoholfreien Drink braucht keinen Grund mehr.

    Gerade in urbanen Räumen zeigt sich dieser Wandel schnell. Cafés erweitern ihr Angebot, Restaurants pairen Menüs mit alkoholfreien Begleitungen. Selbst Sterneköche beschäftigen sich mit der Frage, wie man Geschmack ohne Alkohol dramaturgisch aufbaut.

    Natürlich läuft nicht alles reibungslos. Manche entalkoholisierte Weine wirken noch flach, manche Preise überraschen. Die Erwartungshaltung ist hoch, denn niemand möchte für weniger Inhalt mehr zahlen. Doch auch hier bewegt sich etwas. Qualität steigt, Vielfalt wächst, Preise differenzieren sich.

    Skepsis gehört dazu

    Nicht jeder Jubel ist angebracht. Kritische Stimmen weisen darauf hin, dass alkoholfrei nicht automatisch gesund bedeutet. Zucker, Zusatzstoffe, Marketingversprechen – all das bleibt Thema. Zudem hängt der Erfolg vieler Produkte davon ab, wie sehr Konsumenten bereit sind, neue Geschmacksbilder zu akzeptieren.

    Ein Glas alkoholfreier Wein schmeckt anders. Punkt. Wer das Gegenteil erwartet, erlebt Enttäuschung. Wer offen probiert, entdeckt Neues. Diese Lernkurve braucht Zeit. Doch genau diese Zeit scheint die Branche gerade zu bekommen.

    Und mal ehrlich – erinnern wir uns nicht alle an das erste IPA, das uns viel zu bitter erschien?

    Die Feiertage als Bühne

    Kaum eine Zeit eignet sich besser für diesen Wandel als die Feiertage. Hier verdichten sich Rituale, Erwartungen, Emotionen. Hier wird angestoßen, oft mehrfach, manchmal aus Gewohnheit.

    Alkoholfreie Alternativen öffnen diese Momente. Sie erlauben Teilnahme ohne Nebenwirkungen. Sie ermöglichen, am nächsten Morgen präsent zu sein, klar im Kopf, bereit für den Spaziergang nach dem Festessen.

    Ein Gastgeber aus Lyon erzählte, dass er dieses Jahr bewusst mehrere alkoholfreie Optionen einkauft. „Nicht aus Pflichtgefühl“, sagte er, „sondern weil sie gut ankommen.“ Einige Gäste wechselten im Laufe des Abends ganz selbstverständlich zwischen beiden Welten.

    Ist das nicht genau die Freiheit, von der so oft die Rede ist?

    Mehr als ein Trend

    Was hier entsteht, wirkt nicht wie eine kurzfristige Mode. Es fühlt sich eher an wie eine leise Neuordnung. Die Gesellschaft verhandelt ihr Verhältnis zum Alkohol neu, ohne moralischen Zeigefinger, ohne Verbot. Einfach durch Auswahl.

    Alkoholfreie Getränke stehen dabei symbolisch für etwas Größeres: die Idee, dass Genuss viele Formen kennt. Dass Feiern nicht an Promille gebunden ist. Dass Qualität nicht automatisch Alkohol braucht.

    Manchmal genügt ein gutes Glas, ein ehrlicher Geschmack, ein gemeinsamer Moment. Der Rest ergibt sich.

    Am Ende dieser Entwicklung steht kein Entweder Oder. Sondern ein Sowohl als auch. Und das passt erstaunlich gut zu festlich gedeckten Tischen, an denen unterschiedliche Lebensentwürfe zusammenkommen.

    Ein Hoch auf die Wahlfreiheit – und auf das, was wir daraus machen.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Birnen Pochées in Rotwein mit Vanilleschaum

    Birnen Pochées in Rotwein mit Vanilleschaum

    Ein moderner französischer Weihnachtsklassiker – elegant, aromatisch und überraschend leicht Wenn die Tage kürzer werden und der Duft von Gewürzen die Küche erfüllt, hat dieses Dessert seinen großen Auftritt: Birnen pochées in Rotwein mit Vanilleschaum. In Frankreich sind Poires au vin&nbs…

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  • „Wenn kein Wasser mehr da ist – was dann?“ Frankreich zehn Jahre nach dem Pariser Klimaabkommen

    „Wenn kein Wasser mehr da ist – was dann?“ Frankreich zehn Jahre nach dem Pariser Klimaabkommen

    Der 12. Dezember 2015 liegt ein Jahrzehnt zurück. Damals, in Paris, einigte sich die Welt auf ein Abkommen, das als historischer Wendepunkt gefeiert wurde. 195 Staaten verpflichteten sich, die Erderwärmung möglichst auf 1,5 Grad, zumindest aber unter zwei Grad zu halten. Heute, zehn Jahre später, zeigt sich: Der große Absturz wurde nur unwesentlich gebremst, das Klima gerät weiter aus den Fugen. Und in Frankreich lassen sich die Folgen längst nicht mehr in Diagrammen erklären, sondern im Alltag der Menschen beobachten – im vertrockneten Flussbett, im verbrannten Weinberg, im nächtlichen Blick auf einen reißenden Gebirgsbach.

    Vérargues, ein kleiner Ort im Hérault, trägt seit dem Sommer 2019 einen zweifelhaften Titel: heißester Ort Frankreichs. 46 Grad, gemessen an einem Tag Ende Juni. An diesem Dezembermorgen 2025 zeigt das Thermometer neun Grad, doch Chantal, 76 Jahre alt, erinnert sich, als sei es gestern gewesen. Die Dorffeste wurden abgesagt, die Luft blieb stehen, das Atmen fiel schwer. Ein Sommer, der sich in die Körper der Menschen eingeschrieben hat. Seitdem wartet sie jedes Jahr mit einem mulmigen Gefühl auf den Juli. Hitze, sagt sie, werde mit dem Alter immer unerträglicher.

    Was für die einen eine Belastung bedeutet, wird für andere zur existenziellen Bedrohung. In den Weinbergen rund um Lunel erzählt Frédéric Saint-Jean von jenem Tag, an dem die Sonne seine Ernte in wenigen Stunden ruinierte. Die Trauben wirkten verbrannt, als habe jemand mit einem Schweißbrenner darübergehalten. Achtzig Prozent Verlust, ein Schaden von mehreren zehntausend Euro. Sein Sohn soll den Betrieb übernehmen, doch der Vater zögert. Manchmal klingt es, als schicke man die nächste Generation sehenden Auges in ein unkalkulierbares Risiko.

    Die Kommunen reagieren. Müssen reagieren. In Entre-Vignes entstehen Neubauten, die Hitze nicht mehr nur aussperren, sondern ihr begegnen: mit begrünten Flächen, Kalkstein, auskragenden Dächern, automatisch öffnenden Fenstern für nächtliche Abkühlung. Architektur als Schutzschild. Die Planungen orientieren sich an Temperaturen, die früher undenkbar schienen. 50 Grad an der Mittelmeerküste, irgendwann zur Mitte des Jahrhunderts – eine Zahl, die nicht mehr nach Science-Fiction klingt.

    Während die Hitze im Süden zur neuen Normalität wird, zeigt sich ein anderes Gesicht des Klimawandels im Wassermangel. In der Aude, genauer in Durban-Corbières, rollen täglich Tanklaster an. Vier, manchmal fünf. Sie füllen die kommunalen Reservoirs mit Wasser, ohne das der Ort schlicht trocken läge. Der Bürgermeister spricht von einer dramatischen Schieflage: doppelt so viel Verbrauch wie natürlicher Zufluss, Quellen erschöpft, Flüsse seit Jahren ohne Wasser. Regenradar schauen gehört zum Alltag, doch die mediterranen Wolken ziehen oft vorbei, ohne einen Tropfen zu hinterlassen.

    Die Folgen reichen bis in die Wohnungen. Stundenlange Wasserabschaltungen gehören zum Sommer. Chantal – eine andere Chantal, diesmal aus den Corbières – hat vorgesorgt: Campingtoilette, Reservekanister, eine sparsame Dusche. Improvisation als neue Normalität. Andere denken weiter. Mathilde, Mutter von zwei Kindern, fragt sich leise, ob man hier langfristig bleiben kann. Kein Wasser, sagt sie, bedeute kein Leben. Und dieser Satz bleibt hängen.

    Gleichzeitig zeigt sich das andere Extrem des Klimas: zu viel Wasser, zur falschen Zeit, am falschen Ort. In den Alpes-Maritimes hat die Tempête Alex im Oktober 2020 die Täler der Vésubie verwüstet. Zehn Tote, Häuser fortgerissen, Brücken zerstört. Fünf Jahre später sitzt Michelle in ihrer neuen Wohnung in Saint-Martin-Vésubie und blickt auf den Boréon, jenen Fluss, der damals zur tödlichen Lawine wurde. Wenn es regnet, weicht die Ruhe einer ständigen Wachsamkeit. Angst hat sich eingenistet, bei ihr und bei vielen anderen.

    Die Landschaft wurde neu gezeichnet. Flussbetten verbreitert, Bauverbote verhängt, Hunderttausende Felsbrocken bewegt, um das Dorf zu sichern. Der Bürgermeister spricht von einem Kraftakt, der noch Jahre dauern wird. Er selbst tritt nicht mehr an. Zu erschöpfend war dieses Mandat, zu nah die Katastrophe.

    All diese Geschichten fügen sich zu einem Bild, das nüchtern und beunruhigend zugleich wirkt. 2024 war weltweit das erste Jahr, in dem die Durchschnittstemperatur über der Marke von 1,5 Grad lag. In Frankreich zählt Météo-France heute mehr als doppelt so viele Hitzewellentage wie vor 2005. Die Niederschläge nehmen an Intensität zu, die Böden trocknen länger aus, die Nächte bleiben warm, der Schnee zieht sich aus den Bergen zurück. Was früher Ausnahme hieß, nennt man heute Trend.

    Und doch wäre es zu einfach, von einem völligen Scheitern zu sprechen. Ohne das Pariser Abkommen, so der breite wissenschaftliche Konsens, steuerte die Welt auf eine Erwärmung von vier Grad zu. Heute liegt die Prognose bei etwa 2,8 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts. Noch immer viel zu viel, aber weniger als befürchtet. Erneuerbare Energien wurden billiger, Elektroautos alltäglicher, einige Staaten senkten ihre Emissionen trotz wirtschaftlichen Wachstums. Selbst China nähert sich offenbar seinem Emissionshöhepunkt.

    Der Preis dafür bleibt hoch. Jeder Zehntelgrad entscheidet über Korallenriffe, Meeresströmungen, Gletscher, Extremwetter. Zwischen 1,5 und zwei Grad liegt kein abstrakter Unterschied, sondern die Frage, wie lebenswert viele Regionen dieser Erde bleiben. In Vérargues, Durban-Corbières oder Saint-Martin-Vésubie lässt sich diese Debatte nicht mehr vertagen. Sie findet längst statt – im Schatten der Häuser, im leeren Flussbett, im leisen Satz: Wenn kein Wasser mehr da ist, was dann?

    Von Andreas M. Brucker

  • Ein Tag zwischen Kaiser, Klima und Katastrophen – der 12. Dezember durch die Jahrhunderte

    Ein Tag zwischen Kaiser, Klima und Katastrophen – der 12. Dezember durch die Jahrhunderte

    Der 12. Dezember – auf den ersten Blick ein gewöhnlicher Tag in der dunklen Jahreszeit. Doch wer genauer hinschaut, entdeckt, wie oft dieser Tag Geschichte geschrieben hat. Große Schlachten, politische Umbrüche, technische Pionierleistungen und tragische Katastrophen – alles vereint auf diesem Datum. Und Frankreich? Spielt mehrfach eine zentrale Rolle.

    Beginnen wir im frühen 7. Jahrhundert.

    An einem 12. Dezember des Jahres 627 besiegten die Byzantiner unter Kaiser Herakleios die Sassaniden in der Schlacht bei Ninive. Ein wuchtiger Schlag gegen das persische Großreich – und einer, der das Machtgleichgewicht im Nahen Osten massiv verschob. Auch wenn die Römer triumphierten, war beiden Reichen bald darauf ein anderes Schicksal beschieden: Der Islam stieg wenige Jahre später zur dominierenden Kraft der Region auf. Was zeigt das? Selbst größte Siege sind oft nur ein kurzer Aufschub vor der nächsten Welle des Wandels.

    Wenden wir uns Frankreich zu.

    Im Jahr 1604 wurde dort die sogenannte Paulette eingeführt – eine Steuer, die Beamten erlaubte, ihre Ämter gegen Geldzahlung vererbbar zu machen. Klingt trocken? War aber revolutionär – im negativen Sinne. Der Adel der Robe, also jene Oberschicht, die sich ihre Ämter kaufte, wurde mächtiger. Die sozialen Gräben vertieften sich. Ein Vorzeichen der späteren Französischen Revolution, deren Ursprünge also teils auch im Dezember wurzeln.

    Fast 200 Jahre später, 1799, war es wieder ein 12. Dezember, der das Machtgefüge Frankreichs neu ordnete: Napoleon Bonaparte ließ die Verfassung des Konsulats in Kraft treten. Der einstige General wurde Erster Konsul – die letzte Etappe auf seinem Weg zum Kaiser. Frankreich war damit aus der chaotischen Revolutionszeit heraus, doch rein in eine neue Form der autoritären Ordnung.

    Sprung in die Neuzeit.

    Am 12. Dezember 1901 gelang Guglielmo Marconi eine technische Sensation: das erste transatlantische Funksignal. Über 3000 Kilometer, von Cornwall bis nach Neufundland, flog der Morsecode durch die Lüfte. Ein Schritt, der die Menschheit einander näherbrachte – zumindest im Radio. Heute, im Zeitalter der Smartphones, wirkt das fast romantisch. Aber ohne Marconi? Hätten wir vielleicht noch lange im Nebel gefunkt.

    Zurück nach Frankreich. Aber dieses Mal mit Öl und nicht mit Politik.

    1999 havarierte der Tanker Erika vor der französischen Atlantikküste. Der Rumpf brach bei schwerem Seegang – 20.000 Tonnen Schweröl verschmutzten Strände, Küsten, Lebensräume. Eine Umweltkatastrophe, deren Spätfolgen noch lange in Erinnerung blieben. Frankreich reagierte mit strengeren Umweltgesetzen und besserer Überwachung von Schiffsverkehr. Wieder einmal: Erst muss etwas zerbrechen, bevor sich etwas ändert.

    Apropos Wandel: Der 12. Dezember 2015 wurde zum Hoffnungsschimmer für die Erde.

    An diesem Tag wurde in Paris das Klimaabkommen beschlossen – fast alle Staaten der Welt einigten sich, die Erderwärmung zu bremsen. Natürlich, viele Versprechen blieben Lippenbekenntnisse. Doch der symbolische Wert dieses Tages bleibt: Zum ersten Mal stand die Welt gemeinsam auf einer Seite, um einem gemeinsamen Feind die Stirn zu bieten – dem Klimawandel.

    Nicht alle Ereignisse dieses Datums sind jedoch von globaler Strahlkraft. Manche wirken eher lokal, aber dennoch bedeutsam.

    1793 beispielsweise – während der französischen Revolution – besiegten republikanische Truppen bei Le Mans aufständische Royalisten. Es war eine der blutigeren Episoden des innerfranzösischen Bürgerkriegs. Die revolutionäre Regierung zeigte, dass sie bereit war, mit aller Härte gegen Gegner im eigenen Land vorzugehen. Ein düsteres Kapitel im Kampf um Freiheit und Gleichheit – das oft die Brüderlichkeit vergaß.

    Und dann ist da noch die Paulette, diese kleine Steuer mit großer Wirkung. Was auf den ersten Blick wie ein finanzieller Trick wirkte, verstärkte langfristig die Ungerechtigkeit im Ancien Régime. Wer sich ein Amt leisten konnte, hatte Macht – wer nicht, blieb außen vor. Der soziale Aufstieg war für viele versperrt. Klingt erschreckend modern, oder?

    Auch in anderen Teilen der Welt passierte Bedeutendes.

    Am 12. Dezember 1963 erklärte sich Kenia für unabhängig vom Vereinigten Königreich. Jahrzehntelanger Kolonialismus endete, ein neues Kapitel begann. Für Afrika ein starkes Zeichen: Selbstbestimmung war möglich. Auch wenn die Realität später komplexer wurde – der Moment selbst war elektrisierend.

    Und noch ein kurioser Moment: Am 12. Dezember 2000 stoppte der Oberste Gerichtshof der USA die Neuauszählung der Stimmen in Florida. Damit wurde George W. Bush praktisch zum Präsidenten erklärt – durch Gerichtsentscheid, nicht durch Wahlzettel. Demokratie? Eine Frage der Interpretation, wie man sieht.

    Und dann, wie aus dem Nichts, der 12. Dezember als Geburtstag großer Persönlichkeiten.

    Frank Sinatra etwa wurde 1915 geboren – seine Stimme prägte Generationen. Edvard Munch, der Schöpfer des berühmten „Schreis“, erblickte 1863 das Licht der Welt. Zwei Menschen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten, doch beide mit bleibendem Einfluss. Kunst, Musik – auch das macht Geschichte.

    Was also bleibt von diesem Datum?

    Der 12. Dezember ist ein Kaleidoskop. Manchmal triumphal, manchmal tragisch. Manchmal vergessen, dann wieder weltbewegend. Er erzählt von Macht und Scheitern, von Fortschritt und Rückschritt, von Wandel und Beständigkeit. Und immer wieder schwingt Frankreich irgendwo mit – sei es als Akteur, als Kulisse oder als Auslöser.

    Vielleicht fragt man sich: Wie viele solcher Tage sind in unseren Kalendern versteckt – scheinbar harmlos, aber voller Geschichten?

    Die Antwort: Viele. Doch der 12. Dezember ist einer, der auffällt – wenn man ihm zuhört.

  • Perrier im Stillstand: Wenn Desinfektion zur Verschmutzung führt

    Perrier im Stillstand: Wenn Desinfektion zur Verschmutzung führt

    In Vergèze, im Département Gard, steht die Produktion still. Komplett. Die Perrier-Fabrik, sonst eine routinierte Abfüllmaschine für sprudelnde Weltmarken-Ikonografie, wirkt plötzlich wie ein Flugzeug ohne Cockpit. Genau dieses Bild drängt sich auf, seit die Anlagen seit dem vergangenen Donnerstag vollständig heruntergefahren sind; von dreizehn Produktionslinien soll lediglich eine am Donnerstag, dem 11. Dezember, zaghaft wieder angelaufen sein. Auslöser ist ein Vorgang, der zugleich technisch trocken und politisch explosiv wirkt: Die Behörden haben Nestlé nach einem Verschmutzungsereignis am Vistre, dem Fluss, der das Werk säumt, formal in die Pflicht genommen. Ein eingeschriebener Brief der Präfektur, datiert auf den 10. Dezember, enthält einen „arrêté de mise en demeure“, einer behördlichen Aufforderung zur unverzüglichen Abhilfe – nach einer Inspektion am Vortag durch die regionale Umweltbehörde Dreal. Im Kern dreht sich alles um Grenzwerte. Und um das, was im Wasser bleibt, wenn m…

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  • Wo soll das hinführen, Herr Sarkozy?

    Wo soll das hinführen, Herr Sarkozy?

    Ein sarkastischer Kommentar über das neueste „Comeback“ des Ex-Präsidenten

    Nun also Journal d’un prisonnier. Nein, es handelt sich nicht um ein verschollenes Manuskript aus der Résistance, sondern um das jüngste literarische Selbstbekenntnis von Nicolas Sarkozy – Frankreichs einstigem Präsidenten, Ex-Anführer der klassischen Rechten und nun offenbar designierter Vordenker einer rechten „Volksfront“ mit dem Rassemblement national.

    Kaum hat sich der Ex-Präsident aus dem Gefängnisalltag zurückgeschrieben, schon will er Frankreich politisch erlösen. Und zwar nicht etwa durch eine Renaissance gaullistischer Werte oder einer klugen bürgerlich-konservativen Programmatik. Nein, Sarkozy hat eine neue Offenbarung: die Union der Rechten – mit allem, was rechts ist. RN inklusive.

    Bravo, Herr Sarkozy. Wenn man schon politisch stürzt, dann wenigstens mit Anlauf.


    Der Mann, der mit dem Feuer tanzt

    Da ist sie also, die sarkozyistische Idee 2025: Warum nicht gleich den alten cordon sanitaire – jene bürgerliche Brandmauer gegen die extreme Rechte – durch einen roten Teppich ersetzen? Wenn schon der FN (pardon, der RN) die Herzen der Wähler gewinnt, dann doch bitte gleich Hand in Hand. Hauptsache, man bleibt irgendwie relevant im rechten Spektrum.

    Erinnern wir uns: Sarkozy war einmal der Mann der klaren Kante, des Law-and-Order-Konservatismus, der sich als Bollwerk gegen die Extreme gerierte. Doch Zeiten ändern sich, und offenbar auch der moralische Kompass. Heute beklagt er sich in seinem Buch über den „Einschluss“ bürgerlicher Kräfte in ideologische Tabus – als wäre es eine Freiheitsberaubung, nicht mit Marine Le Pen zu koalieren.

    Man fühlt sich fast versucht, ihm zuzurufen: Monsieur le Président, Sie wurden nicht verurteilt, weil Sie den Front républicain unterstützt haben – sondern wegen Korruption. Vielleicht ist das ja der Grund, warum Ihnen die Brandmauer plötzlich so eingrenzend erscheint.


    Alte Wähler, neue Sehnsüchte

    Doch geben wir Sarkozy nicht die ganze Schuld. Das Kalkül ist da – und nicht einmal ungeschickt: Der rechte Wähler von heute ist oft nicht mehr der gaullistische Beamte oder der katholische Provinznotar. Es ist der verunsicherte Rentner, die desillusionierte Mittelklasse, der „petit commerçant“, der genug hat von „woker“ Sprache, Migration, Prekarität und Paris.

    Und was sagt dieser Wähler, wenn man ihn fragt, ob man mit dem RN koalieren soll? „Warum nicht, solange es die Linken verhindert.“ Zynismus trifft Pragmatismus – ein Cocktail, den Sarkozy mit sichtbarem Genuss serviert.

    In Wahrheit bringt er nur zu Papier, was viele auf der Rechten längst denken, aber noch nicht zu sagen wagten: Wenn man die Macht nicht alleine bekommt, dann eben mit Marine. Und wenn dabei ein paar Prinzipien auf der Strecke bleiben – soit. Ideale sind schließlich etwas für die Leute mit 5 % bei Wahlen.


    Eine Koalition der Vergesslichen

    Xavier Bertrand und Co. versuchen zwar noch, die republikanische Ehre zu retten – doch es riecht bereits nach Moder. Was zählt, ist nicht mehr die Geschichte, sondern das nächste Wahlergebnis. Die Union der Rechten ist plötzlich kein Schreckgespenst mehr, sondern ein Wahlprogramm mit offenem Ende.

    Man fragt sich nur: Was bleibt von der politischen Kultur eines Landes, das seine demokratischen Brandmauern freiwillig schleift?
    Was bleibt von einer Rechten, die sich einst auf Charles de Gaulle berief – und heute auf Umfragewerte?
    Und was bleibt von einem Nicolas Sarkozy, der einst die Mitte erobern wollte – und nun den rechten Rand umarmt?

    Vielleicht hat der ehemalige Präsident aus seiner Haftzeit ja auch gelernt, dass es in der Politik wie im Gefängnis zugeht: Wer allein ist, wird untergebuttert. Und so sucht er sich neue Allianzen – ausgerechnet mit jenen, die er früher mit rhetorischer Verachtung bedachte.


    Sarkozy nennt sein Buch Journal d’un prisonnier. Ironisch, denn es liest sich eher wie das Handbuch eines politischen Gefangenen seiner eigenen Eitelkeit. Die Union der Rechten ist in seinem Szenario keine Bedrohung für die Republik, sondern der letzte Ausweg für eine Rechte, die nicht weiß, wofür sie noch steht – außer dafür, nicht links zu sein.

    Wo das hinführen soll? Ganz einfach:
    In eine Demokratie, die ihre Immunabwehr abschaltet.
    In eine Partei, die lieber mit Populisten koaliert als selbst zu denken.
    Und in eine politische Landschaft, in der ausgerechnet ein verurteilter Ex-Präsident die moralische Leitlinie vorgibt.

    Was für eine Zeit. Was für ein Erbe. Was für ein Irrweg.

    Ein Kommentar von P.Tiko

  • Symbolischer Verzicht: Frankreichs Nationalversammlung friert Ex-Abgeordnetenrenten ein

    Symbolischer Verzicht: Frankreichs Nationalversammlung friert Ex-Abgeordnetenrenten ein

    In Zeiten angespannter öffentlicher Finanzen und wachsender sozialer Spannungen sendet die Assemblée nationale ein Signal der haushaltspolitischen Selbstdisziplin. Einstimmig hat das Präsidium der französischen Nationalversammlung beschlossen, die Ruhestandsbezüge ehemaliger Abgeordneter im Jahr 2026 nicht an die Inflation anzupassen. Der symbolträchtige Schritt soll 800.000 Euro einsparen – eine vergleichsweise kleine Summe im Haushalt des Parlaments, aber mit hoher politischer Signalwirkung. Die Entscheidung wurde am 11. Dezember 2025 auf Vorschlag der drei sogenannten questeurs getroffen – Parlamentsmitgliedern, die traditionell für die interne Verwaltung und das Budget der Nationalversammlung zuständig sind. Christine Pirès Beaune, sozialistische Abgeordnete und eine der Questeurinnen, betonte, die Maßnahme sei ein Ausdruck der Sparanstrengungen, die derzeit von allen staatlichen Institutionen verlangt würden. Bemerkenswert ist: Die Entscheidung fiel im Einvernehmen mit d…

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  • Trumps Schüler in Europa: Wie Jordan Bardella den Schulterschluss mit dem ungeliebten US-Präsidenten sucht

    Trumps Schüler in Europa: Wie Jordan Bardella den Schulterschluss mit dem ungeliebten US-Präsidenten sucht

    In Frankreich hat sich Jordan Bardella zum neuen Hoffnungsträger der extremen Rechten stilisiert. Doch mit seiner offenen Nähe zu Donald Trump begibt sich der Vorsitzende des Rassemblement National auf einen gefährlichen politischen Kurs. Denn der Schulterschluss mit einem in Frankreich hochgradig unpopulären US-Präsidenten wirft Fragen auf – zur außenpolitischen Orientierung, zur Glaubwürdigkeit nationalistischer Rhetorik und zum Spannungsverhältnis zwischen europäischer Selbstbehauptung und transatlantischer Gefolgschaft.


    Ein Schulterschluss in der Rhetorik

    Donald Trump hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er rechtspopulistische Kräfte in Europa unterstützt – ob in Ungarn, Polen oder zuletzt Frankreich. In einem Interview mit der BBC am 11. Dezember 2025 bekundete Jordan Bardella seine grundsätzliche Zustimmung zur Sichtweise des Republikaners, der die USA mit rechtspopulistischen Ideen regiert. Besonders auffällig ist, dass Bardella Begriffe wie „immigration massive“ und „effacement civilisationnel“ übernimmt – narrative Eckpfeiler der „Great Replacement“-Theorie, einer in rechten Kreisen verbreiteten Verschwörungserzählung, wonach die europäische Bevölkerung durch Zuwanderung schleichend ersetzt werde.

    Dass Bardella diese Formulierungen aufgreift, ist bezeichnend. Denn sie schlagen eine ideologische Brücke zwischen der amerikanischen „Make America Great Again“-Bewegung und der französischen Rechten, wie sie seit Jahrzehnten von der Familie Le Pen geprägt wird. Der Schulterschluss erfolgt dabei nicht nur auf inhaltlicher Ebene, sondern auch durch persönliche Begegnungen – etwa mit dem britischen Brexit-Aktivisten Nigel Farage in London oder durch Bardellas Teilnahme an der CPAC, der Jahreskonferenz der US-amerikanischen Ultrakonservativen, im Februar 2025 in Washington.


    Ein riskanter Verbündeter

    Doch dieser Schulterschluss birgt Risiken. Donald Trump bleibt eine der umstrittensten Persönlichkeiten der internationalen Politik – und ist in Frankreich ausgesprochen unbeliebt. Laut einer aktuellen YouGov-Umfrage vom Dezember 2025 haben lediglich 18 Prozent der Französinnen und Franzosen ein positives Bild von ihm. Seine polarisierende Art, seine Angriffe auf demokratische Institutionen sowie seine wirtschaftspolitische Konfrontation mit Europa stehen im klaren Widerspruch zu den Positionen, die Bardella in seiner Rolle als Verteidiger französischer Interessen einnimmt.

    Der Widerspruch ist offensichtlich: Einerseits präsentiert sich Bardella als patriotischer Franzose, der „die Interessen der Nation“ über alles stellt. Andererseits sucht er offen die Nähe eines Mannes, der wiederholt betont hat, dass er Europa wirtschaftlich und geopolitisch kleinhalten will. Trumps Handelskrieg mit der EU, seine Kritik am NATO-Bündnis, seine offene Parteinahme für nationale Alleingänge widersprechen der Idee eines starken Europas – selbst aus souveränistisch-nationaler Perspektive.


    Die alte Erzählung von der „Partei der Ausländer“

    Diese Ambivalenz nährt ein historisch tief verankertes Misstrauen. Bereits im 19. Jahrhundert wurde die extreme Rechte in Frankreich regelmäßig mit dem Vorwurf konfrontiert, im Dienst ausländischer Interessen zu stehen. Der Begriff „parti de l’étranger“ war eine gängige Diffamierungslinie gegenüber Monarchisten, Klerikalen oder später auch Faschisten, denen eine zu große Nähe zu fremden Mächten wie dem Deutschen Reich oder dem Vatikan vorgeworfen wurde.

    Heute droht dem Rassemblement National, in eine ähnliche Logik zu geraten. Wer sich allzu demonstrativ an Trump und seine Entourage anlehnt – inklusive eines Steve Bannon, der bei der oben erwähnten Konferenz in Washington mit einem Nazi-Gruß für einen Skandal sorgte –, riskiert, sich selbst aus dem Lager des französischen „patriotisme républicain“ herauszukatapultieren. Denn politische Glaubwürdigkeit in Frankreich hängt maßgeblich davon ab, ob man das nationale Interesse glaubhaft vertreten kann – auch gegenüber vermeintlichen Freunden.


    Ein Balanceakt zwischen Populismus und Regierungsfähigkeit

    Seit Marine Le Pen den „Entteufelungsprozess“ des Rassemblement National vorangetrieben hat – im französischen Original als „dédiabolisation“ bezeichnet – bemüht sich die Partei um Respektabilität und Regierungsfähigkeit. Bardella gilt als das neue Gesicht dieser Strategie: rhetorisch geschliffen, äußerlich moderat, medienaffin. Doch mit der Rückkehr zur martialischen Sprache Trumps gefährdet er dieses Image. Die „Strategie der Krawatte“, wie sie Gründungsvater Jean-Marie Le Pen einst spöttisch nannte, gerät ins Wanken, wenn die Inhalte nicht mit der äußeren Form übereinstimmen.

    Der Fall zeigt exemplarisch das Dilemma rechtspopulistischer Bewegungen in Europa: Der Schulterschluss mit ideologischen Verbündeten jenseits des Atlantiks mag kurzfristig mobilisierend wirken – er stellt aber mittelfristig die Frage, ob nationale Interessen wirklich im Zentrum stehen oder ob es sich um ein internationales Netzwerk handelt, das nationale Souveränität nur rhetorisch hochhält, in der Praxis aber politisch untergräbt.

    Autor: P. Tiko

  • Ariège im Ausnahmezustand – Wenn der Staat den Stall räumt

    Ariège im Ausnahmezustand – Wenn der Staat den Stall räumt

    Es sind Bilder, die man eher aus Sozialkonflikten kennt als aus der Welt der Viehzucht. Traktoren versperren Zufahrten, Baumstämme liegen quer, Männer in Arbeitsjacken stehen dicht gedrängt vor einem Bauernhof, während Tränengas in der kalten Dezemberluft hängt. In Bordes-sur-Arize, einem kleinen Ort im Département Ariège, ist ein agrarischer Gesundheitskonflikt in dieser Woche eskaliert – und hat gezeigt, wie dünn die Linie zwischen Seuchenschutz und sozialem Sprengstoff geworden ist. Am Donnerstagabend, dem 11. Dezember, rückten Gendarmen an, um einer staatlichen Anordnung Nachdruck zu verleihen: Mehr als 200 Rinder eines lokalen Betriebs sollten getötet werden. Der Grund ist die dermatose nodulaire contagieuse, eine hochansteckende Viruserkrankung bei Rindern, die für Menschen ungefährlich, für Betriebe jedoch existenzbedrohend ist. Was auf dem Papier als veterinärmedizinische Notwendigkeit gilt, löste vor Ort eine Welle der Empörung aus, die sich binnen Tagen aufgeschaukelt hatte. …

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