Schlagwort: zivilgesellschaft

  • Paris setzt auf die Zivilgesellschaft, um die Zwei-Staaten-Lösung in Nahost am Leben zu halten

    Paris setzt auf die Zivilgesellschaft, um die Zwei-Staaten-Lösung in Nahost am Leben zu halten

    Paris versucht an diesem Freitag, einer Idee neues politisches Gewicht zu verleihen, die viele Beobachter bereits für nahezu gescheitert halten: der Zwei-Staaten-Lösung im israelisch-palästinensischen Konflikt. Dabei setzt die französische Diplomatie nicht allein auf Regierungen und internationale Organisationen, sondern bewusst auf Vertreter der israelischen und palästinensischen Zivilgesellschaft. Die Zusammenkunft soll in einen neuen „Pariser Appell“ münden und an eine ähnliche Initiative des Paris Peace Forum aus dem Vorjahr anknüpfen.

    Die Bedeutung des Treffens ist vor allem politischer Natur. Nach Monaten anhaltender Gewalt im Gazastreifen, zunehmender Spannungen im Westjordanland und einer immer stärkeren Polarisierung auf beiden Seiten erscheint die Perspektive einer verhandelten Friedenslösung weiter entfernt denn je. Frankreich möchte dennoch ein Signal senden: Es gibt weiterhin Menschen und Organisationen, die an Dialog, gegenseitige Anerkennung und ein friedliches Zusammenleben glauben.

    Die französische Regierung betont dabei die zentrale Rolle gesellschaftlicher Akteure. Friedensinitiativen, Menschenrechtsorganisationen, kommunale Vertreter, Wissenschaftler und Bürgerbewegungen sollen sichtbar machen, dass die Debatte über die Zukunft der Region nicht ausschließlich von militärischen und politischen Entscheidungen bestimmt wird. Die Botschaft richtet sich auch an die Staats- und Regierungschefs der führenden Industrienationen, die in den kommenden Tagen über die Lage im Nahen Osten beraten.

    Der Zeitpunkt der Initiative ist bewusst gewählt. Frankreich hat gemeinsam mit mehreren westlichen Partnern zuletzt Sanktionen gegen Personen und Netzwerke verhängt, die mit Gewaltakten israelischer Siedler und dem Ausbau von Siedlungen im Westjordanland in Verbindung gebracht werden. Paris verfolgt damit einen doppelten Ansatz: politischen Druck dort auszuüben, wo internationales Recht verletzt wird, und zugleich diplomatische Perspektiven für eine spätere Konfliktlösung offenzuhalten.

    Die Hindernisse bleiben allerdings gewaltig. Die territoriale Zersplitterung der palästinensischen Gebiete, die tiefe gegenseitige Feindseligkeit, die Schwäche der palästinensischen Institutionen sowie die zunehmende Radikalisierung politischer Kräfte in Israel erschweren jede Rückkehr zu ernsthaften Friedensverhandlungen. Viele Experten bezweifeln inzwischen, dass die Voraussetzungen für die Schaffung eines lebensfähigen palästinensischen Staates noch gegeben sind.

    Gerade deshalb gewinnt die Pariser Initiative an Bedeutung. Sie wird den Konflikt nicht lösen und keine unmittelbaren politischen Durchbrüche erzielen. Doch sie erinnert daran, dass dauerhafter Frieden nicht allein durch diplomatische Abkommen entsteht. Politische Vereinbarungen können nur Bestand haben, wenn sie von den Gesellschaften getragen werden. Ohne lokale Akteure, die den Dialog aufrechterhalten, bleiben selbst die ambitioniertesten Friedenspläne wirkungslos.

    Ob der neue „Pariser Appell“ über seine symbolische Wirkung hinausreichen wird, bleibt offen. Entscheidend wird sein, ob aus den Erklärungen konkrete Maßnahmen folgen: besserer Schutz der Zivilbevölkerung, glaubwürdige politische Perspektiven für die Palästinenser, Sicherheitsgarantien für Israel und eine konsequente Bekämpfung extremistischer Gewalt. Paris versucht, eine fast aufgegebene Idee wieder in die internationale Debatte einzubringen. Ob daraus mehr entsteht als ein diplomatisches Signal, wird sich erst in den kommenden Monaten zeigen.

    Christine Macha

  • Wenn das Streikrecht schwindet, erodiert die Demokratie

    Wenn das Streikrecht schwindet, erodiert die Demokratie

    Die Rechte von Arbeitnehmern gelten in westlichen Demokratien oft als gefestigte Errungenschaften. Gewerkschaften sind institutionell verankert, Tarifverhandlungen gehören zum wirtschaftlichen Alltag, und das Streikrecht wird als selbstverständlicher Bestandteil der sozialen Marktwirtschaft betrachtet. Doch dieser Eindruck täuscht. Der jüngste globale Gewerkschaftsindex des Internationalen Gewerkschaftsbundes (CSI) zeichnet ein anderes Bild: Arbeitnehmerrechte geraten weltweit unter Druck – und zunehmend auch dort, wo man sie lange für gesichert hielt.

    Die Diagnose der CSI ist bemerkenswert scharf. Die Organisation spricht nicht von einzelnen Rückschlägen oder regionalen Fehlentwicklungen, sondern von einer „systemischen Krise“. Gemeint ist damit eine Entwicklung, die weit über arbeitsrechtliche Fragen hinausreicht. Denn wo Beschäftigte ihr Recht verlieren, sich zu organisieren, kollektiv zu verhandeln oder zu streiken, verändert sich auch das Machtgefüge innerhalb einer Gesellschaft.

    Der schleichende Rückbau sozialer Freiheiten

    Die Zahlen sind alarmierend. Bereits 2025 verletzten 87 Prozent der untersuchten Staaten das Streikrecht. In vier von fünf Ländern wurde die kollektive Tarifverhandlung eingeschränkt. Fast drei Viertel der Staaten erschwerten Arbeitnehmern den Zugang zur Justiz. Was zunächst wie eine technische Debatte über Arbeitsrecht erscheinen mag, berührt in Wirklichkeit zentrale Prinzipien demokratischer Ordnung.

    Das moderne Arbeitsrecht entstand historisch als Korrektiv gegenüber wirtschaftlicher Machtkonzentration. Einzelne Arbeitnehmer verfügen gegenüber Unternehmen in aller Regel über eine schwächere Verhandlungsposition. Gewerkschaften und Tarifverträge sollen dieses Ungleichgewicht ausgleichen. Werden diese Instrumente geschwächt, verschiebt sich das Kräfteverhältnis zugunsten von Arbeitgebern und staatlichen Behörden.

    Dabei erfolgt der Abbau selten offen. Häufig werden Streikmöglichkeiten durch administrative Auflagen erschwert, Demonstrationen eingeschränkt oder immer mehr Berufsgruppen als „essenziell“ eingestuft, sodass Arbeitsniederlegungen faktisch unmöglich werden. Der Eingriff erscheint dann technisch und pragmatisch – seine politische Wirkung bleibt jedoch dieselbe.

    Europas unbequeme Realität

    Besonders bemerkenswert ist, dass die CSI ihre Kritik nicht auf autoritäre Staaten beschränkt. Zwar finden sich unter den schlechtesten Ländern der Welt weiterhin Regime wie Belarus, Myanmar oder Ägypten. Doch auch Europa, traditionell als Hochburg sozialer Rechte betrachtet, verzeichnet laut dem Index eine kontinuierliche Verschlechterung.

    Die Entwicklung überrascht auf den ersten Blick. Europas Wohlfahrtsstaaten verfügen über starke arbeitsrechtliche Institutionen, hohe gewerkschaftliche Organisationsgrade und etablierte Systeme sozialer Partnerschaft. Dennoch beobachten Gewerkschaften eine zunehmende Einschränkung von Streikrechten sowie eine härtere Gangart staatlicher Behörden gegenüber Arbeitskämpfen.

    Frankreich steht exemplarisch für dieses Spannungsfeld. Das Land besitzt eine lange Tradition sozialer Mobilisierung, von den Arbeiterbewegungen des 19. Jahrhunderts bis zu den Massenprotesten gegen die Rentenreform der vergangenen Jahre. Gerade deshalb fällt auf, dass staatliche Stellen zunehmend auf Instrumente zurückgreifen, die früher Ausnahmecharakter hatten. Zwangsverpflichtungen bestimmter Beschäftigtengruppen oder eine erweiterte Definition unverzichtbarer Dienstleistungen verändern schrittweise die Bedingungen kollektiven Protests.

    Die Frage lautet dabei nicht, ob ein Staat kritische Infrastruktur schützen darf. Selbstverständlich muss die Versorgung der Bevölkerung gewährleistet bleiben. Entscheidend ist vielmehr, ob Ausnahmeregelungen zur Regel werden. Wo dies geschieht, verliert das Streikrecht seinen Charakter als wirksames Druckmittel und wird zu einem symbolischen Recht ohne praktische Durchsetzungskraft.

    Gewerkschaften als demokratische Institutionen

    Die politische Bedeutung dieser Entwicklung wird häufig unterschätzt. Gewerkschaften sind nicht nur Interessenvertretungen von Beschäftigten. Sie gehören zu den zentralen Vermittlungsinstanzen moderner Demokratien.

    Der Politikwissenschaftler Robert Dahl bezeichnete pluralistische Organisationen einst als unverzichtbare Bestandteile demokratischer Systeme. Sie schaffen Gegenmacht, bündeln gesellschaftliche Interessen und verhindern die Konzentration politischer oder wirtschaftlicher Autorität. Gewerkschaften erfüllen genau diese Funktion.

    Historisch zeigt sich, dass autoritäre Regime unabhängige Arbeitnehmervertretungen fast immer als Bedrohung betrachten. Vom Faschismus in Europa über Militärdiktaturen in Lateinamerika bis zu heutigen Autokratien in Asien oder Afrika: Die Ausschaltung freier Gewerkschaften gehört regelmäßig zu den ersten Schritten politischer Machtkonsolidierung.

    Der Zusammenhang ist nachvollziehbar. Wer sich am Arbeitsplatz organisiert, lernt kollektives Handeln, politische Artikulation und institutionellen Widerstand. Gewerkschaften produzieren damit gesellschaftliches Kapital, das weit über Lohnfragen hinausreicht.

    Die neue Machtfrage der Globalisierung

    Gleichzeitig verändert die wirtschaftliche Globalisierung die Voraussetzungen gewerkschaftlicher Einflussnahme. Digitale Plattformen, internationale Lieferketten und transnationale Konzerne erschweren traditionelle Formen kollektiver Organisation.

    Während Kapital heute nahezu grenzenlos mobil ist, bleiben Arbeitnehmerrechte weitgehend national organisiert. Unternehmen können Produktionsstandorte verlagern oder Dienstleistungen grenzüberschreitend anbieten. Beschäftigte verfügen über deutlich weniger Ausweichmöglichkeiten. Dadurch wächst der Druck auf Regierungen, arbeitsrechtliche Standards im internationalen Wettbewerb flexibel auszulegen.

    Hinzu kommt eine strukturelle Verschiebung der Machtverhältnisse. In vielen Volkswirtschaften ist die Kapitalrendite in den vergangenen Jahrzehnten stärker gestiegen als die Löhne. Gleichzeitig sinkt in zahlreichen Ländern der gewerkschaftliche Organisationsgrad. Diese Entwicklung bedeutet nicht zwangsläufig eine Verschlechterung der Lebensstandards, wohl aber eine Veränderung der Verhandlungsmacht.

    Genau hier setzt die Warnung der CSI an. Die Organisation sieht einen Zusammenhang zwischen wachsender wirtschaftlicher Konzentration und der Schwächung kollektiver Arbeitnehmerrechte. Ob man diese Diagnose vollständig teilt oder nicht: Die Frage nach der Balance zwischen wirtschaftlicher Effizienz und gesellschaftlicher Mitsprache bleibt zentral.

    Demokratien messen sich nicht allein an freien Wahlen oder unabhängigen Gerichten. Ebenso entscheidend ist die Fähigkeit ihrer Bürger, Interessen zu artikulieren und Macht auszugleichen. Das Streikrecht, die Tarifautonomie und die Vereinigungsfreiheit sind daher mehr als arbeitsrechtliche Instrumente. Sie bilden einen Teil jener demokratischen Infrastruktur, die gesellschaftliche Konflikte friedlich und institutionell verarbeitet.

    Wenn diese Infrastruktur erodiert, geschieht dies meist schleichend. Keine Demokratie wird durch die Einschränkung eines einzelnen Streiks erschüttert. Doch die fortgesetzte Aushöhlung kollektiver Rechte verändert langfristig die politische Kultur. Der Arbeitnehmer verliert Einfluss, die Zivilgesellschaft verliert Handlungsspielraum, und wirtschaftliche Macht wird schwerer kontrollierbar.

    Der globale Gewerkschaftsindex erinnert daran, dass soziale Rechte keine historische Selbstverständlichkeit sind. Sie müssen immer wieder verteidigt, begründet und an neue wirtschaftliche Realitäten angepasst werden. Wo dies unterbleibt, steht am Ende nicht nur die Stellung der Arbeitnehmer zur Debatte, sondern die Widerstandsfähigkeit demokratischer Gesellschaften selbst.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Amine Kessaci – die zerbrechliche, unbeirrbare Stimme einer bedrohten Jugend in Marseille

    Amine Kessaci – die zerbrechliche, unbeirrbare Stimme einer bedrohten Jugend in Marseille

    Marseille kennt viele Geräusche. Das Kreischen der Möwen über dem Hafen, das Dröhnen der Motorroller, das ewige Hupen. In manchen Vierteln kommt ein anderes Geräusch hinzu, dumpfer, endgültiger: Schüsse. Dort, wo der Drogenhandel den Alltag prägt, wo Gewalt nicht Ausnahme, sondern Hintergrundrauschen ist, erhebt sich eine Stimme, die eigentlich gar nicht laut sein will. Amine Kessaci spricht ruhig, manchmal fast zaghaft. Und gerade deshalb hört man ihm zu. Kessaci wächst im Norden der Stadt auf, in Frais-Vallon, einem jener Quartiere, die in Fernsehberichten gern als Problemzonen etikettiert werden. Für die Bewohner selbst ist es einfach Heimat. Eine harte, oft ungerechte, aber vertraute Umgebung. Der Vater arbeitet als Mechaniker, die Mutter putzt Büros. Es ist ein Leben ohne Netz und doppelten Boden. Der Drogenhandel ist allgegenwärtig, nicht als abstraktes Phänomen, sondern als konkrete Versuchung, als schnelle Lösung für Geldprobleme, als vermeintlicher Ausweg aus Perspektivlosigke…

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  • Kommentar: Das war wohl ein Fehler, Madame Macron…

    Kommentar: Das war wohl ein Fehler, Madame Macron…

    Sie hätten es besser wissen müssen, Frau Macron. Wirklich. Worte wie „sales connes“ — also etwa „blöde Weiber“ — sind vielleicht geeignet für den Aperitif im kleinen Kreis, bei dem man sich nach einem langen Tag die verbale Korsage lockert. Aber wenn Sie als Première Dame Frankreichs backstage mit einem umstrittenen Komiker tuscheln, dessen Rückkehr auf die Bühne von Protesten begleitet wird, dann ist das Mikrofon nie wirklich aus. Dann ist jede Silbe politisch. Und ja: Dann ist selbst der Flurfunk historisch aufgeladen.

    Man möchte fast Mitleid haben: Diese armen „sales connes“ von #NousToutes, die es doch tatsächlich gewagt haben, die makellose Aura eines von der Justiz freigesprochenen Entertainers mit ihrer maskierten Gegenwart zu stören. Welch eine Dreistigkeit! Welch eine Respektlosigkeit gegenüber der Kunst! Dass die betroffenen Aktivistinnen sich auf ihr gutes Recht zur Meinungsäußerung berufen, spielt da offenbar keine Rolle. Sie sind eben nicht eingeladen worden zum Salon de la République. Und sie tragen Masken…

    Es wirkt fast nostalgisch, wie sehr Sie, Frau Macron, in diesem Moment das politische Frankreich der 1970er Jahre wachrufen: eine Zeit, in der Protest noch mit einem verächtlichen Lächeln quittiert und Feministinnen als hysterisch oder eben „connes“ abgetan wurden. Gratulation! Mit einem einzigen Satz haben Sie es geschafft, Jahre mühsamer gesellschaftlicher Debatten mit einem eleganten High-Heel-Tritt Richtung Abgrund zu stossen.

    Natürlich, Ihr Umfeld bemühte sich schnell um Schadensbegrenzung. Man solle das „nicht so ernst nehmen“, es sei „ein Scherz“ gewesen. Wie praktisch, dass Humor immer dann bemüht wird, wenn die politische Eleganz ins Stolpern gerät. Nur: Wer sich in der Öffentlichkeit bewegt, trägt Verantwortung. Und wer, wie Sie, eine moralisch aufgeladene Rolle zwischen Staatsräson, Kultur und Bildungsbürgertum einnimmt, der kann sich nicht auf die Ausrede des Privaten zurückziehen, wenn der öffentliche Auftritt misslingt.

    Denn das war kein Fauxpas bei einem privaten Dinner im Élysée. Das war keine unbedachte Bemerkung im Vertrauen. Das war ein Akt politischer Verachtung, der in eine Kamera gesprochen wurde – an der Seite eines Mannes, der zum Symbol für den schwierigen Umgang der Gesellschaft mit sexualisierter Gewalt geworden ist.

    Sie wollten loyal sein, Frau Macron. Loyal zu einem Freund. Verständlich, menschlich, sogar ehrenwert. Aber in der Priorisierung Ihrer Solidarität haben Sie sich entschieden – gegen jene, die keine Stimme im Élysée haben. Gegen jene, die ihre Empörung auf Plakate schreiben müssen, weil sie sonst niemand hört.

    War das ein Fehler? Nein. Es war ein Statement.

    Und es war Ihrs.

    Von Andreas Brucker

  • «Sales connes» – Wenn die Worte der Première Dame zum Politikum werden

    «Sales connes» – Wenn die Worte der Première Dame zum Politikum werden

    Als Brigitte Macron am 7. Dezember 2025 hinter der Bühne des Pariser Varietétheaters Folies Bergère mit dem Komiker Ary Abittan scherzt, kann sie nicht ahnen, dass einige ihrer Worte landesweit Empörung auslösen werden. Ihre saloppe Bemerkung über feministische Aktivistinnen – „S’il y a les sales connes, on va les foutre dehors“ – sorgt seither für eine Debatte, die weit über Fragen des Stils hinausreicht. Im Zentrum stehen das Verhältnis zwischen Politik und Zivilgesellschaft, der Umgang mit feministischen Protestformen – und die politische Verantwortung der symbolisch aufgeladenen Rolle einer Première Dame. Zwischen Humor, Loyalität und politischer Ungeschicklichkeit Brigitte Macrons Bemerkung fiel im vertraulichen Rahmen, hinter der Bühne, im Gespräch mit einem sichtlich nervösen Ary Abittan, der nach dreijähriger Bühnenabstinenz sein Comeback feierte. Der Anlass ist jedoch brisant: Abittan war 2021 wegen Vergewaltigung angezeigt worden, das Verfahren endete 2025 mit einer Einstellu…

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  • #MeTooÉcole: Ein Weckruf an Macron – und an das französische Bildungssystem

    #MeTooÉcole: Ein Weckruf an Macron – und an das französische Bildungssystem

    Ein neuer Elternprotest erhebt in Frankreich die Stimme: Unter dem Schlagwort #MeTooÉcole richtet sich ein kollektiver Appell an Präsident Emmanuel Macron. Ziel ist es, Kinder in Schulen und Betreuungseinrichtungen besser vor sexualisierter Gewalt zu schützen – ein Thema, das bisher zu oft verdrängt wurde. Der offene Brief an das Staatsoberhaupt, veröffentlicht in La Tribune Dimanche, stellt nicht nur einen Hilferuf betroffener Familien dar, sondern rückt auch grundsätzliche Fragen zur Verantwortung staatlicher Institutionen und zur Wirksamkeit bestehender Schutzmechanismen in den Vordergrund.

    Ein kollektives Erwachen Der Aufruf stammt von einem erst am 20. November 2025 gegründeten Zusammenschluss von Eltern, Lehrkräften und Bürgern, die sich unter dem Banner #MeTooÉcole organisieren. Auslöser waren wiederholte Berichte über sexuelle Übergriffe an französischen Schulen, insbesondere in Paris. Das zentrale Anliegen des Kollektivs: das durch institutionell…

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  • Brücken der Gesellschaft: Warum das Ehrenamt heute wichtiger ist denn je

    Brücken der Gesellschaft: Warum das Ehrenamt heute wichtiger ist denn je

    Am 5. Dezember wird weltweit der Internationale Tag des Ehrenamtes begangen – ein Anlass, der stillen Leistung von Millionen Menschen eine Stimme verleiht. Wer sich freiwillig engagiert, stützt nicht nur soziale Strukturen, sondern formt aktiv das gesellschaftliche Fundament mit. In Zeiten zunehmender Polarisierung, globaler Krisen und dem spürbaren Wandel sozialer Bindungen kommt dem Ehrenamt eine Schlüsselrolle zu. Der Blick auf Deutschland und Frankreich zeigt: Gesellschaftliches Engagement ist kein Selbstläufer – aber es ist ein unersetzlicher Kitt in modernen Demokratien.

    Ehrenamt als stiller Motor

    In Deutschland gilt das Ehrenamt seit Jahrzehnten als zentrale Säule zivilgesellschaftlicher Teilhabe. Millionen Bürgerinnen und Bürger engagieren sich regelmäßig – ob in der Freiwilligen Feuerwehr, im Sportverein, der Nachbarschaftshilfe oder bei der Integration Geflüchteter. Der Staat fördert dieses Engagement strukturell über Programme, Freistellungen, Anerkennungssysteme oder steuerliche Vorteile. Die Kultur des „aktiven Bürgers“ ist in der politischen Rhetorik ebenso präsent wie im gesellschaftlichen Selbstverständnis.

    Anders als in stärker zentralisierten Gesellschaften beruht das deutsche Modell des Ehrenamts auf föderalen, dezentralen Strukturen. Es ist tief eingebettet in das Vereinswesen, das vielerorts das Rückgrat lokaler Gemeinschaften bildet. In ländlichen Regionen übernimmt das Ehrenamt oft Funktionen, die staatliche Institutionen nicht mehr flächendeckend leisten können – vom Katastrophenschutz bis zur Jugendarbeit.

    Frankreich: Engagement zwischen Staat und Republik

    Auch Frankreich kennt eine ausgeprägte Tradition des freiwilligen Engagements – jedoch mit anderen kulturellen und institutionellen Prägungen. Der französische Republikanismus setzte historisch lange auf eine starke Rolle des Staates, wodurch bürgerschaftliche Selbstorganisation weniger Raum erhielt als im deutschen Modell. Engagement geschieht dort häufiger im Rahmen staatlich initiierter Programme oder als Reaktion auf soziale Missstände – etwa in der Banlieue-Arbeit, in der Armutsbekämpfung oder in der internationalen Solidarität.

    Gleichwohl hat sich in den letzten Jahrzehnten auch in Frankreich ein Wandel vollzogen. Das Vereinswesen ist gewachsen, besonders in urbanen Räumen und im Kulturbereich. Staatliche Programme wie der „Service Civique“ zielen auf eine jüngere Generation ab, die über einen zeitlich befristeten Freiwilligendienst an gemeinnützige Arbeit herangeführt wird. Doch das Engagement bleibt stärker zentral gesteuert, weniger flächendeckend in der Breite verankert – und wird von sozialen Ungleichheiten geprägt.

    Engagement im Wandel: Herausforderungen für beide Länder

    Trotz aller Unterschiede stehen Frankreich und Deutschland vor ähnlichen Herausforderungen: Die Frage nach der sozialen Diversität des Ehrenamts ist zentral. Denn noch immer engagieren sich überdurchschnittlich häufig Menschen mit höherem Bildungsgrad, stabilen finanziellen Verhältnissen und festem sozialem Netz. Menschen mit Migrationsgeschichte, geringerem Einkommen oder unsicherem Aufenthaltsstatus sind im Ehrenamt deutlich unterrepräsentiert – obwohl sie in vielen Fällen selbst auf Unterstützung angewiesen sind oder in ihren Communitys tragende Rollen übernehmen.

    Zudem verändert sich die Struktur des Engagements: Klassisches, langfristiges Ehrenamt tritt zunehmend in den Hintergrund, während projektbezogenes, flexibles Engagement – sogenannte „Mikro-Ehrenämter“ – an Bedeutung gewinnt. Das stellt viele Organisationen vor neue Herausforderungen in der Bindung von Freiwilligen, der Qualifizierung und der strukturellen Absicherung.

    Gerade in Krisenzeiten – sei es während der Pandemie, der Flutkatastrophe oder angesichts internationaler Flüchtlingsbewegungen – zeigte sich jedoch die Resilienz der Zivilgesellschaft: Dort, wo staatliche Strukturen an ihre Grenzen stießen, sprangen häufig Ehrenamtliche ein. Sie leisteten nicht nur konkrete Hilfe, sondern vermittelten ein Gefühl von Zugehörigkeit und Solidarität – in beiden Ländern.

    Engagement braucht Anerkennung – und politische Gestaltung

    Der Internationale Tag des Ehrenamtes erinnert daran, dass bürgerschaftliches Engagement keine Selbstverständlichkeit ist. Es braucht gesellschaftliche Wertschätzung, aber auch politische Rahmenbedingungen, die Teilhabe ermöglichen: Bildung, Zeitressourcen, rechtliche Sicherheit, inklusive Strukturen. Frankreich und Deutschland verfolgen dabei unterschiedliche Wege – doch beide sind gefordert, das Ehrenamt fit für die Zukunft zu machen.

    Dazu gehören nicht nur symbolische Gesten, sondern konkrete politische Weichenstellungen: Förderung von Engagement in benachteiligten Milieus, Digitalisierung von Ehrenamtsstrukturen, bessere Vereinbarkeit mit Erwerbsarbeit sowie Absicherung im Falle von Haftung oder Unfällen. Nur so kann sichergestellt werden, dass freiwilliges Engagement nicht zur sozialen Zusatzaufgabe weniger Privilegierter verkommt, sondern zu einem echten Instrument demokratischer Mitgestaltung für alle wird.

    Denn eines eint beide Gesellschaften – über alle Unterschiede hinweg: Ohne das Ehrenamt würden viele soziale, kulturelle und humanitäre Leistungen schlichtweg nicht existieren. Wer sich engagiert, trägt dazu bei, dass aus Gesellschaft Gemeinschaft wird. Am 5. Dezember – und an jedem anderen Tag.

    Autor: P. Tiko

  • Verdeckte Front: Wie Russland in Paris mit Propaganda und Spionage operiert

    Verdeckte Front: Wie Russland in Paris mit Propaganda und Spionage operiert

    Ein russischer Aktivist klebt nachts Plakate am Arc de Triomphe – mitten im Herzen von Paris. Was auf den ersten Blick wie eine bizarre Provokation wirkt, entpuppt sich als Spitze eines Eisbergs: Ein mutmaßliches Netzwerk von Spionage und Propaganda, das über Jahre hinweg im Schatten operierte. Drei Personen sitzen nun in Untersuchungshaft. Der Vorwurf: Wirtschaftsspionage und „intelligence avec une puissance étrangère“ – also der konspirative Austausch mit einer ausländischen Macht. Gemeint ist: Russland. Der Fall liest sich wie ein Spionageroman. Da ist zum einen der Russe Vyacheslav P., 40 Jahre alt, von Überwachungskameras gefilmt beim Aufhängen pro-russischer Botschaften an einem der symbolträchtigsten Orte Frankreichs. Da ist eine in Sibirien geborene Frau mit doppelter Staatsbürgerschaft, die unter dem Deckmantel der Hilfsorganisation „SOS Donbass“ französische Wirtschaftsakteure umgarnte – mutmaßlich nicht aus karitativen Motiven. Und schließlich Vincent P., ein 63-Jähriger aus…

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  • Wenn Vertrauen auf dem Spiel steht: Die Affäre Panosyan-Bouvet

    Wenn Vertrauen auf dem Spiel steht: Die Affäre Panosyan-Bouvet

    Astrid Panosyan-Bouvet, amtierende Arbeitsministerin aus dem Kabinett von Premierminister François Bayrou, hat am 20. September 2025 eine Anzeige wegen „verleumderischer Denunziation“ gegen die NGO AC !! Anti-corruption eingereicht. Der Vorwurf der NGO wiegt schwer: Die Ministerin habe sich unzulässig für das Unternehmen Setforge eingesetzt und dabei Einfluss auf eine Beitragsentscheidung der Sozialkasse Urssaf genommen. Nun steht Aussage gegen Aussage – und ein Ministerium unter Beobachtung. Ein komplexer Fall mit vielen Unbekannten Im Zentrum der Affäre steht die Frage, ob Panosyan-Bouvet im Frühjahr 2025 im Rahmen ihrer Amtsführung zugunsten von Setforge eingegriffen hat, obwohl für das Unternehmen bereits eine gerichtliche Entscheidung gegen eine Beitragsminderung vorgelegen haben soll. Die NGO wirft ihr unter anderem Amtsmissbrauch, Vorteilsgewährung und Veruntreuung öffentlicher Mittel vor. Die Ministerin hingegen betont, auf Bitten lokaler Sozialpartner, der Präfektur und des Ve…

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  • Frieden als Aufgabe – unser neues E-Book erinnert Europa an seine Verantwortung

    Frieden als Aufgabe – unser neues E-Book erinnert Europa an seine Verantwortung

    Europa erlebt 2025 eine Zeitenwende, die sich nicht nur in militärischen Ausgaben und sicherheitspolitischen Strategien niederschlägt. Mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, der Erosion multilateraler Institutionen und den globalen Folgen von Klimakrise und Migration wird deutlich: Frieden ist im 21. Jahrhundert keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern eine fragile, täglich neu zu erarbeitende Ordnung.

    Das E-Book „Frieden für Europa“ (Andreas M. Brucker / Editions PHOTRA) greift diesen Befund auf. Es knüpft an das Friedensgutachten 2025 an, das in Deutschland seit Jahrzehnten von führenden Forschungsinstituten herausgegeben wird und dieses Jahr mit dem düsteren Titel „Um den Frieden ist es schlecht bestellt“ erschien. Der Autor des E-Books übersetzt die akademischen Analysen und Empfehlungen in eine breitere politische und gesellschaftliche Sprache – und macht sie so für ein größeres Publikum zugänglich.

    Buchcover "Frieden für Europa"

    Ein E-Book als Brücke zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit

    Das Werk zeichnet ein umfassendes Bild der Herausforderungen, vor denen Europa steht: von der Gefahr nuklearer Eskalation über die Krise multilateraler Institutionen bis hin zu Populismus, Polarisierung und der Rolle von Migration. Besonders hervorzuheben ist die Verknüpfung von klassischen Sicherheitsthemen mit Fragen der Nachhaltigkeit, Energiepolitik und Klimakrise. Frieden wird nicht auf den militärischen Bereich reduziert, sondern als gesamtgesellschaftliches Projekt verstanden.

    Das entspricht einer zentralen Einsicht des Friedensgutachtens: Dass Sicherheit heute nur noch ganzheitlich gedacht werden kann – in der Verbindung von Abschreckung und Resilienz, von Rechtsstaatlichkeit und Minderheitenschutz, von Demokratie und globaler Verantwortung.

    Appell und Analyse zugleich

    Der Band ist analytisch fundiert, aber zugleich appellativ. Immer wieder wird die Verantwortung Europas betont: gegenüber der eigenen Geschichte, gegenüber der Gegenwart und gegenüber der Welt. Die Kapitel führen von der historischen Verortung – 80 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg und 35 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges – bis hin zu Leitideen für eine neue Friedensordnung. Sie machen deutlich: Europa kann Frieden nur sichern, wenn es seine Werte ernst nimmt und seine Institutionen stärkt.

    Das Schlusswort des Autors formuliert diese Botschaft unmissverständlich: Frieden sei keine historische Erinnerung, sondern eine konkrete Aufgabe in der Gegenwart.

    Erinnerung an die eigene Rolle

    Das E-Book reiht sich damit ein in eine Tradition europäischer Selbstreflexion, die an die normativen Grundlagen der Integration erinnert. Es will nicht beschönigen – die Lage ist angespannt, die Herausforderungen sind gewaltig. Doch es erinnert daran, dass es Spielräume für Gestaltung gibt: durch Diplomatie, zivile Konfliktbearbeitung, eine nachhaltige Energiepolitik und die Stärkung der Zivilgesellschaft.

    In einer Zeit, in der öffentliche Debatten oft von Angst, Polemik und kurzfristigen Schlagzeilen geprägt sind, ist dieses E-Book ein wohltuender Beitrag: analytisch, historisch fundiert, aber auch klar in seinem Appell. Es richtet sich nicht nur an Politiker und Experten, sondern an alle, die begreifen wollen, warum Frieden in Europa keine Selbstverständlichkeit ist – und warum es sich lohnt, täglich neu dafür zu arbeiten.

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