Schlagwort: wohnungspolitik

  • Saumur zahlt jungen Hauskäufern 10.000 Euro – eine französische Stadt setzt auf Eigentum gegen den Niedergang

    Saumur zahlt jungen Hauskäufern 10.000 Euro – eine französische Stadt setzt auf Eigentum gegen den Niedergang

    Während steigende Immobilienpreise und Finanzierungskosten vielen jungen Franzosen den Weg ins Wohneigentum erschweren, geht die westfranzösische Stadt Saumur einen ungewöhnlich direkten Weg: Wer dort erstmals eine Wohnung oder ein Haus kauft, kann seit September 2026 von der Kommune 10.000 Euro erhalten. Die Stadt verbindet damit Wohnungspolitik, Demografie und Stadtentwicklung. Hinter der Prämie steht eine grundsätzliche Überlegung, die viele französische Mittelstädte beschäftigt: Wie lassen sich junge Haushalte dauerhaft binden, bestehender Wohnraum wieder nutzen und die schleichende Verlagerung des Lebens an die Peripherie bremsen?

    10.000 Euro für den Schritt ins Eigentum

    Die Regelung ist bemerkenswert einfach. Seit dem 1. September 2026 gewährt Saumur Haushalten, die erstmals Wohneigentum erwerben, eine kommunale Unterstützung von 10.000 Euro. Gefördert werden sowohl Wohnungen als auch Häuser, Neubauten ebenso wie Bestandsimmobilien.

    Anders als gelegentlich dargestellt, beschränkt sich das neue Programm nicht auf die historische Innenstadt. Es gilt im gesamten Gebiet von Saumur sowie in den zur Stadt gehörenden communes déléguées. Damit handelt es sich weniger um eine reine Innenstadtprämie als um ein Instrument der kommunalen Wohnungs- und Bevölkerungspolitik.

    Die Bedingungen grenzen den Kreis der Begünstigten dennoch deutlich ein. Antragsteller dürfen bei Einreichung höchstens 40 Jahre alt sein und zuvor noch nie Eigentümer einer Wohnimmobilie gewesen sein. Das gekaufte Objekt muss mindestens 40.000 Euro kosten, wobei Makler- und Notargebühren nicht berücksichtigt werden. Vor allem aber muss die Immobilie mindestens fünf Jahre lang als Hauptwohnsitz genutzt werden.

    Damit versucht die Stadt, Mitnahmeeffekte zu begrenzen. Gefördert werden sollen weder Ferienwohnungen noch kurzfristige Immobilieninvestitionen, sondern Menschen, die tatsächlich in Saumur leben wollen.

    Die eigentliche Währung heißt Einwohner

    Die 10.000 Euro sind deshalb weniger als Sozialleistung denn als Standortinvestition zu verstehen. Eine Kommune gewinnt mit einem jungen Haushalt nicht lediglich einen neuen Immobilieneigentümer. Sie gewinnt Einwohner, Konsumenten und potenziell Familien, deren Kinder Schulen besuchen und deren tägliche Ausgaben lokale Geschäfte und Dienstleistungen stützen.

    Für eine französische Mittelstadt ist diese Rechnung von erheblicher Bedeutung. Gerade außerhalb der großen Wachstumsräume um Paris, Lyon, Bordeaux, Toulouse oder Nantes konkurrieren Städte zunehmend um mobile Erwerbstätige und junge Familien.

    Saumur mit seinem historischen Zentrum an der Loire besitzt zwar touristische Attraktivität und ein international bekanntes kulturelles Erbe. Doch touristische Frequenz allein garantiert keine lebendige Stadt. Restaurants, Einzelhandel, Schulen und Dienstleistungen benötigen dauerhaft ansässige Bevölkerung.

    Die Stadt setzt daher auf einen klassischen wirtschaftspolitischen Hebel: Sie senkt die Eintrittskosten. Bei einem Immobilienpreis von beispielsweise 150.000 Euro entsprechen 10.000 Euro immerhin rund 6,7 Prozent des Kaufpreises. Gerade für junge Haushalte, deren Problem häufig weniger die langfristige Kreditrate als das erforderliche Eigenkapital und die Nebenkosten des Erwerbs sind, kann dies entscheidend sein.

    Das größere Problem liegt im alten Wohnungsbestand

    Besonders interessant wird das Modell durch die Verbindung mit der bereits bestehenden Sanierungspolitik für die Innenstadt. Dort verfügt Saumur über ein spezifisches Förderinstrument für Erstkäufer von mehr als 15 Jahre alten Immobilien im Gebiet der Stadterneuerungsoperation OPAH-RU.

    Auch dort können insgesamt bis zu 10.000 Euro zusammenkommen. Die Förderung ist jedoch anders aufgebaut: Eine Grundprämie von 5.000 Euro wird an die Verpflichtung geknüpft, die Immobilie mindestens fünf Jahre als Hauptwohnsitz zu nutzen. Weitere 2.500 Euro können hinzukommen, wenn das Objekt seit mindestens zwei Jahren leer steht. Noch einmal 2.500 Euro sind bei bestimmten förderfähigen Renovierungsarbeiten möglich.

    Diese Konstruktion zeigt deutlicher als die allgemeine Eigentumsprämie, welches Problem französische Mittelstädte zu lösen versuchen. In historischen Zentren stehen teilweise Wohnungen leer, obwohl gleichzeitig außerhalb der Städte neue Wohngebiete entstehen.

    Für Kommunen ist diese Entwicklung doppelt problematisch. Einerseits müssen Straßen, Leitungen, Schulen und andere Infrastruktur an der Peripherie erweitert werden. Andererseits verliert die bereits vorhandene Infrastruktur im Zentrum an Auslastung.

    Leerstand erzeugt zudem einen sich selbst verstärkenden Prozess. Weniger Bewohner bedeuten weniger Kunden. Weniger Kunden erhöhen den Druck auf Geschäfte und Gastronomie. Geschlossene Geschäfte wiederum vermindern die Attraktivität eines Viertels für potenzielle Bewohner.

    Ein französisches Problem mit nationaler Dimension

    Saumur steht mit dieser Herausforderung keineswegs allein. Frankreich versucht seit 2018 mit dem nationalen Programm „Action cœur de ville“, seine Mittelstädte systematisch zu stärken. Das Programm umfasst unter anderem die Sanierung von Wohnraum, wirtschaftliche Entwicklung, Handel, Mobilität und die Aufwertung öffentlicher Räume.

    In der zweiten Phase von 2023 bis 2026 rückten zusätzlich Klimaanpassung und ein sparsamerer Umgang mit Boden in den Vordergrund. Dahinter steht ein Paradigmenwechsel der französischen Raumplanung: Wachstum soll möglichst nicht mehr automatisch bedeuten, weitere Flächen am Stadtrand zu bebauen.

    Die Zahlen zeigen, weshalb diese Politik relevant bleibt. Nach Daten der französischen Agence nationale de la cohésion des territoires liegt der strukturelle Wohnungsleerstand – Immobilien, die seit mindestens zwei Jahren unbewohnt sind – in Saumur bei rund 8,7 Prozent. Das ist deutlich mehr als der für die Region Pays de la Loire ausgewiesene Durchschnitt von 2,6 Prozent und auch mehr als der nationale Vergleichswert von 5,1 Prozent innerhalb der entsprechenden „Action cœur de ville“-Daten.

    Beim Gewerbeleerstand steht Saumur dagegen vergleichsweise besser da: Er wird mit etwa 8,7 Prozent angegeben, während der Durchschnitt der betreffenden Städte in Pays de la Loire bei rund 13 Prozent liegt.

    Das macht die Strategie der Kommune nachvollziehbar. Saumur kämpft nicht gegen einen bereits vollständig verödeten Stadtkern. Die Stadt versucht vielmehr, eine vorhandene wirtschaftliche und städtebauliche Struktur zu stabilisieren, bevor Leerstand und demografischer Wandel eine schwer umkehrbare Dynamik entwickeln.

    Die Rechnung der Kommune

    Eine Prämie von 10.000 Euro pro Haushalt klingt zunächst teuer. Aus kommunalpolitischer Perspektive muss sie jedoch gegen die langfristigen Kosten des Leerstands gerechnet werden.

    Ein leer stehendes Haus verliert nicht nur privaten Wert. Dauerhafter Leerstand kann Nachbarimmobilien beeinträchtigen, Sanierungsbedarf erhöhen und ganze Straßenzüge weniger attraktiv machen. Gleichzeitig verursacht die Erschließung neuer Wohngebiete am Stadtrand öffentliche Kosten.

    Gelingt es dagegen, vorhandenen Wohnraum wieder dauerhaft zu belegen, wird bestehende Infrastruktur besser ausgelastet. Neue Einwohner zahlen lokale Abgaben, kaufen vor Ort ein und erhöhen die Nachfrage nach Dienstleistungen.

    Ob die 10.000-Euro-Prämie tatsächlich zusätzliche Käufer nach Saumur bringt oder überwiegend Menschen unterstützt, die ohnehin dort gekauft hätten, wird allerdings die entscheidende Frage sein. Genau darin liegt das klassische Problem solcher Subventionen: Ein Teil der öffentlichen Mittel kann als Mitnahmeeffekt enden.

    Auch steigende Nachfrage könnte einen Teil der Förderung langfristig in höhere Immobilienpreise übersetzen. Je größer und dauerhafter ein Zuschussprogramm wird, desto wichtiger ist deshalb eine Evaluation der tatsächlichen Wirkung.

    Eigentum als Instrument der Stadtentwicklung

    Bemerkenswert an Saumurs Ansatz ist weniger die Summe selbst als die politische Logik dahinter. Wohnungspolitik wird nicht isoliert betrachtet. Eigentumsförderung, Leerstandsbekämpfung, Sanierung, Einzelhandel und Flächennutzung werden als Teile desselben Problems verstanden.

    Das entspricht zunehmend der französischen Strategie für die villes moyennes. Jahrzehntelang konzentrierte sich die öffentliche Debatte vor allem auf die Metropolen und ihre angespannten Wohnungsmärkte. In vielen kleineren und mittleren Städten besteht jedoch das umgekehrte Problem: Wohnraum ist vorhanden, aber nicht unbedingt dort, in dem Zustand oder für jene Bevölkerungsgruppen, die für eine langfristige Stabilisierung der Stadt benötigt werden.

    Gerade deshalb können 10.000 Euro eine erstaunlich große Hebelwirkung entwickeln. In Paris wäre eine solche Summe angesichts der Immobilienpreise kaum mehr als ein Zuschuss zu den Erwerbsnebenkosten. In einer Mittelstadt wie Saumur kann sie einen relevanten Anteil der Finanzierung eines jungen Haushalts darstellen.

    Die Stadt geht damit ein kalkuliertes Experiment ein. Sie gibt heute öffentliches Geld aus, um morgen Einwohner, Kaufkraft und genutzten Wohnraum zu gewinnen. Entscheidend wird nicht sein, wie viele Förderanträge eingehen, sondern wie viele zusätzliche Haushalte sich tatsächlich dauerhaft niederlassen, wie viel leer stehender Wohnraum wieder genutzt wird und ob davon Handel und Innenstadt profitieren.

    Sollte diese Rechnung aufgehen, könnte Saumur beispielhaft für eine neue Generation kommunaler Wohnpolitik stehen: Statt immer neue Bauflächen auszuweisen, bezahlt die Stadt einen Teil des Weges zurück in den bestehenden Ort. Die 10.000 Euro wären dann nicht in erster Linie ein Geschenk an junge Käufer, sondern der Preis dafür, eine Stadt dichter, jünger und dauerhaft bewohnt zu halten.

    Quellen: Ville de Saumur, „Une aide de 10 000 € pour les primo-accédants à Saumur“ (September 2026); Ville de Saumur, „Les aides à la rénovation“ (2026); Agence nationale de la cohésion des territoires (ANCT), „Action cœur de ville“ (2026); ANCT, Fiches territoriales Maine-et-Loire und Pays de la Loire, Datenstand August 2026.

    P.T.

  • Fast jede fünfte Wohnung in Paris ist keine Hauptwohnung – doch die Zahlen erzählen eine komplexere Geschichte

    Fast jede fünfte Wohnung in Paris ist keine Hauptwohnung – doch die Zahlen erzählen eine komplexere Geschichte

    Paris leidet seit Jahren unter einer angespannten Wohnraumsituation. Steigende Mieten, ein knappes Angebot und der Rückgang dauerhaft bewohnter Wohnungen prägen die Debatte. Dabei fällt häufig die Behauptung, Hunderttausende Wohnungen stünden leer. Tatsächlich hängt die Antwort entscheidend davon ab, was unter einer „unbewohnten“ Wohnung verstanden wird.

    Grundsätzlich unterscheiden die französischen Behörden zwischen zwei Kategorien. Einerseits gibt es leerstehende Wohnungen, die unbewohnt und in der Regel unmöbliert sind oder über einen längeren Zeitraum nicht genutzt werden. Andererseits existieren Zweitwohnungen und gelegentlich genutzte Wohnungen, die zwar nicht als Hauptwohnsitz dienen, aber beispielsweise als Zweitwohnsitz, Pendlerwohnung oder zeitweise Ferienunterkunft genutzt werden.

    Nach den jüngsten von der Stadt Paris ausgewerteten Daten gibt es in der französischen Hauptstadt rund 272.000 Wohnungen, die nicht als Hauptwohnsitz genutzt werden. Das entspricht nahezu jeder fünften Wohnung im gesamten Wohnungsbestand.

    Rund 130.000 Wohnungen stehen tatsächlich leer

    Von diesen 272.000 Wohnungen entfallen etwa 48 Prozent auf leerstehende Wohnungen, was rund 130.000 Einheiten entspricht. Die übrigen 52 Prozent, rund 142.000 Wohnungen, werden als Zweitwohnungen oder gelegentlich genutzte Unterkünfte geführt.

    Diese Unterscheidung ist für die wohnungspolitische Diskussion von zentraler Bedeutung. Während leerstehende Wohnungen grundsätzlich dem regulären Wohnungsmarkt wieder zugeführt werden könnten, erfüllen Zweitwohnungen häufig andere Funktionen. Sie gehören etwa Berufspendlern, Personen mit mehreren Wohnsitzen oder Eigentümern, die ihre Wohnung nur zeitweise nutzen.

    Nicht jeder Leerstand ist ein wohnungspolitisches Problem

    Der Begriff „Leerstand“ vermittelt oft den Eindruck dauerhaft ungenutzter Wohnungen. Tatsächlich ist dies jedoch nur teilweise zutreffend.

    Ein Teil des Leerstands gilt als sogenannter friktioneller Leerstand. Dabei handelt es sich um Wohnungen, die sich lediglich vorübergehend nicht in Nutzung befinden – beispielsweise zwischen zwei Mietverhältnissen, während Renovierungsarbeiten oder im Zuge eines Erbverfahrens. Solche Leerstände gelten als normal und sind in jedem funktionierenden Wohnungsmarkt unvermeidbar.

    Nach Einschätzung der Stadt Paris sind jedoch rund 15 Prozent der leerstehenden Wohnungen bereits seit mehr als zwei Jahren ungenutzt. Diese dauerhaft leerstehenden Wohnungen stehen im Mittelpunkt der kommunalen Wohnraumpolitik. Sie sollen durch steuerliche Maßnahmen und rechtliche Instrumente möglichst wieder dem Wohnungsmarkt zugeführt werden.

    Wohnraummangel trotz hoher Zahl nicht dauerhaft bewohnter Wohnungen

    Die hohen Zahlen verdeutlichen das Spannungsfeld, in dem sich Paris befindet. Einerseits herrscht ein erheblicher Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Andererseits existiert ein beträchtlicher Bestand an Wohnungen, die entweder gar nicht oder nur zeitweise genutzt werden.

    Besonders in den zentralen Arrondissements hat der Anteil von Zweitwohnungen und gelegentlich genutzten Wohnungen in den vergangenen Jahren zugenommen. Touristische Nutzung, internationale Eigentümer sowie der Wunsch nach einem Zweitwohnsitz in der französischen Hauptstadt haben diese Entwicklung zusätzlich verstärkt. Gleichzeitig versucht die Stadtverwaltung, den dauerhaften Wohnungsbestand zu schützen und Spekulation sowie langfristigen Leerstand einzudämmen.

    Auch steuerliche Maßnahmen spielen dabei eine wichtige Rolle. Frankreich erhebt bereits seit Jahren spezielle Abgaben auf dauerhaft leerstehende Wohnungen sowie auf Zweitwohnungen in angespannten Wohnungsmärkten. Ziel ist es, Eigentümer zu einer dauerhaften Vermietung zu bewegen und zusätzlichen Wohnraum für die Bevölkerung zu schaffen.

    Paris steht damit exemplarisch für viele europäische Metropolen, in denen steigende Immobilienpreise, internationale Kapitalanlagen und touristische Nutzung den Druck auf den Wohnungsmarkt erhöhen. Die Diskussion über leerstehende Wohnungen zeigt zugleich, dass pauschale Zahlen oft irreführend sind. Nicht jede Wohnung, die kein Hauptwohnsitz ist, steht tatsächlich leer – und nicht jeder Leerstand stellt automatisch ungenutzten Wohnraum dar.

    Entscheidend bleibt daher die Differenzierung zwischen dauerhaft leerstehenden Wohnungen und solchen, die aus nachvollziehbaren Gründen nur zeitweise oder saisonal genutzt werden. Erst diese Unterscheidung ermöglicht eine sachliche Bewertung der tatsächlichen Wohnraumsituation in Paris.

    Autor: P. Tiko

  • Paris verschärft den Kampf gegen leerstehende Wohnungen

    Paris verschärft den Kampf gegen leerstehende Wohnungen

    Der Wohnungsmarkt in Paris gehört seit Jahren zu den angespanntesten Europas. Hohe Mieten, ein knappes Angebot und eine anhaltend starke Nachfrage erschweren insbesondere Familien, Studierenden und Haushalten mit mittleren Einkommen den Zugang zu bezahlbarem Wohnraum. Vor diesem Hintergrund hat der Pariser Stadtrat eine deutliche Verschärfung der Besteuerung von leerstehenden Wohnungen beschlossen. Die Maßnahme soll Eigentümer dazu bewegen, ungenutzte Immobilien wieder dem Wohnungsmarkt zuzuführen und damit den Druck auf den Wohnungsmarkt zumindest teilweise zu mindern.

    Deutlich höhere Steuer ab 2027

    Der Pariser Stadtrat verabschiedete die Neuregelung am 17. Juli 2026. Ab dem 1. Januar 2027 werden die Steuersätze für dauerhaft leerstehende Wohnungen erheblich angehoben.

    Künftig beträgt die Steuer im ersten Jahr des Leerstands 30 Prozent des amtlichen Mietwertes der Immobilie. Bislang lag der Satz bei 17 Prozent. Ab dem zweiten Jahr erhöht sich die Abgabe von bisher 34 Prozent auf künftig 60 Prozent.

    Mit dieser Verdoppelung der Steuer verfolgt die Stadt das Ziel, den wirtschaftlichen Anreiz zu erhöhen, ungenutzte Wohnungen wieder zu vermieten oder zu verkaufen. Die Stadtverwaltung geht davon aus, dass sich in Paris rund 20.000 Wohnungen im steuerlich relevanten Leerstand befinden.

    Wohnungsnot bleibt eines der größten Probleme der Hauptstadt

    Paris leidet seit Jahren unter einem strukturellen Wohnungsmangel. Die Kombination aus begrenztem Bauland, einer hohen Bevölkerungsdichte und einer konstant starken Nachfrage hat die Mietpreise auf ein Niveau steigen lassen, das für viele Haushalte kaum noch finanzierbar ist.

    Gleichzeitig wird ein Teil des vorhandenen Wohnraums nicht dauerhaft genutzt. Während einige Wohnungen aus berechtigten Gründen leer stehen – etwa wegen umfangreicher Sanierungsarbeiten oder laufender Erbschaftsverfahren –, richtet sich die neue Steuer insbesondere gegen langfristig ungenutzte Immobilien ohne nachvollziehbaren Grund.

    Die Stadt erhofft sich, dass zusätzliche Wohnungen auf den Markt gelangen und damit zumindest ein Teil des Angebotsengpasses entschärft werden kann. Experten weisen allerdings darauf hin, dass selbst mehrere tausend zusätzliche Wohnungen die grundlegenden strukturellen Probleme des Pariser Wohnungsmarktes nicht vollständig lösen würden.

    Mieterverband begrüßt die Entscheidung

    Die Confédération nationale du logement (CNL), einer der größten französischen Mieterverbände, bezeichnete die Entscheidung als „echten Sieg“. Präsident Eddie Jacquemart sieht in der Steuererhöhung ein wichtiges Signal gegen spekulativen Leerstand.

    Nach Auffassung des Verbandes halten manche Eigentümer ihre Immobilien bewusst unvermietet, weil sie auf weiter steigende Immobilienpreise setzen und dadurch später höhere Verkaufserlöse erzielen möchten. Aus Sicht der CNL entzieht dieses Verhalten dem ohnehin angespannten Markt dringend benötigten Wohnraum.

    Darüber hinaus vermutet der Verband, dass ein Teil der offiziell als leerstehend gemeldeten Wohnungen tatsächlich als nicht deklarierte Ferienunterkünfte genutzt wird. Dadurch könnten sie den Vorschriften für kurzfristige touristische Vermietungen entgehen und gleichzeitig der Besteuerung sowie den entsprechenden Kontrollen entzogen werden.

    Steuer allein wird das Problem nicht lösen

    Trotz der positiven Bewertung der neuen Regelung warnt die CNL davor, ihre Wirkung zu überschätzen. Nach Einschätzung des Verbandes handelt es sich lediglich um einen ersten Schritt, um den Wohnungsmarkt wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

    Langfristig seien deutlich umfassendere Maßnahmen erforderlich. Dazu gehöre insbesondere der Bau neuer Wohnungen, vor allem im sozialen Wohnungsbau. Die Nachfrage übersteige das Angebot in der französischen Hauptstadt seit Jahren deutlich, sodass zusätzliche steuerliche Instrumente allein kaum ausreichen dürften.

    Auch Stadtplaner und Wohnungsökonomen vertreten häufig die Auffassung, dass eine nachhaltige Entspannung nur durch eine Kombination verschiedener Maßnahmen möglich ist. Neben der Aktivierung leerstehender Wohnungen zählen dazu der Neubau, eine effizientere Nutzung des vorhandenen Bestands sowie eine konsequente Regulierung kurzfristiger Ferienvermietungen.

    Die nun beschlossene Steuererhöhung ist daher weniger als endgültige Lösung zu verstehen, sondern vielmehr als Teil einer umfassenderen wohnungspolitischen Strategie. Ob die höheren Abgaben tatsächlich dazu führen, dass tausende Wohnungen wieder dauerhaft vermietet werden, dürfte sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Klar ist jedoch, dass Paris angesichts des anhaltenden Wohnungsmangels den politischen Druck auf Eigentümer erhöht, ungenutzten Wohnraum nicht länger brachliegen zu lassen.

    Andreas M. Brucker

  • Zwischen Klimaziel und Wohnungsnot: Frankreichs Kurskorrektur bei energetischen Sanierungen

    Zwischen Klimaziel und Wohnungsnot: Frankreichs Kurskorrektur bei energetischen Sanierungen

    Frankreichs Regierung vollzieht eine bemerkenswerte Wendung in der Wohnungspolitik. Angesichts einer angespannten Lage auf dem Mietmarkt will sie die strengen Vorschriften für energetisch schlechte Wohnungen – die sogenannten „passoires thermiques“ – teilweise lockern. Was als ambitioniertes Klimainstrument gedacht war, gerät zunehmend in Konflikt mit sozialen und ökonomischen Realitäten.

    Politische Kurskorrektur unter Druck

    Der Vorstoß geht maßgeblich auf den neuen Wohnungsminister Vincent Jeanbrun zurück. Er argumentiert pragmatisch: Eigentümer sollen mehr Zeit erhalten, um energetische Verbesserungen nachzuweisen. Konkret plant die Regierung Fristen von drei Jahren für Einfamilienhäuser und bis zu fünf Jahren für Wohnungen in Mehrparteienhäusern.

    Damit wird ein zentraler Pfeiler der bisherigen Klimapolitik im Gebäudesektor relativiert. Seit Anfang 2025 gilt in Frankreich ein Vermietungsverbot für Wohnungen der schlechtesten Energieklasse G, sofern neue Mietverträge abgeschlossen oder bestehende verlängert werden. Ab 2028 sollte dieses Verbot auch auf Klasse F ausgeweitet werden. Diese Regelung zielte darauf ab, den Druck auf Eigentümer zu erhöhen, energetische Sanierungen vorzunehmen.

    Die nun geplante Lockerung bedeutet keinen vollständigen Rückzug, wohl aber eine deutliche Verzögerung. Sie ist Ausdruck eines politischen Dilemmas, das sich nicht länger ignorieren lässt.

    Die Wohnungsfrage als politischer Sprengstoff

    Frankreich befindet sich in einer tiefgreifenden Wohnungskrise. In Ballungsräumen wie Paris, Lyon oder Marseille übersteigt die Nachfrage das Angebot seit Jahren deutlich. Steigende Zinsen, hohe Baukosten und regulatorische Hürden haben den Neubau zusätzlich gebremst.

    Vor diesem Hintergrund drohten die energetischen Verbote, hunderttausende Wohnungen vom Markt zu nehmen. Schätzungen zufolge könnten durch die Lockerung bis zu 700.000 Einheiten weiterhin vermietet oder wieder in den Markt integriert werden. Für die Regierung ist dies ein entscheidender Hebel, um kurzfristig Entlastung zu schaffen.

    Die Maßnahme richtet sich dabei nicht nur an institutionelle Investoren, sondern vor allem an private Kleinvermieter, die einen Großteil des französischen Mietmarktes ausmachen. Viele von ihnen verfügen nicht über die finanziellen Mittel oder die organisatorische Kapazität, umfassende Sanierungen kurzfristig umzusetzen.

    Die Realität der Sanierung: Ein strukturelles Problem

    Die energetische Modernisierung des Gebäudebestands ist in Frankreich besonders komplex. Ein großer Teil der Wohnungen befindet sich in sogenannten „copropriétés“, also Eigentümergemeinschaften. Dort müssen Sanierungsmaßnahmen kollektiv beschlossen und finanziert werden – ein Prozess, der sich oft über Jahre hinzieht.

    Konflikte zwischen Eigentümern, unterschiedliche finanzielle Möglichkeiten und bürokratische Hürden führen regelmäßig zu Verzögerungen. Selbst bei politischem Willen bleibt die Umsetzung schwierig. Die nun vorgesehenen Fristen tragen dieser Realität Rechnung, werfen jedoch neue Fragen auf.

    Denn die Wirksamkeit der Maßnahme hängt entscheidend davon ab, ob die angekündigten Sanierungen tatsächlich erfolgen. Ohne wirksame Kontrollmechanismen droht das System unterlaufen zu werden.

    Klimapolitik im Zielkonflikt

    Frankreich hat sich im Rahmen europäischer Vorgaben ehrgeizige Klimaziele gesetzt. Der Gebäudesektor spielt dabei eine Schlüsselrolle: Er ist für rund ein Viertel der CO₂-Emissionen verantwortlich. Die energetische Sanierung gilt daher als unverzichtbares Instrument.

    Die bisherigen Verbote sollten einen klaren Anreiz schaffen, ineffiziente Wohnungen zu modernisieren oder vom Markt zu nehmen. Mit der Lockerung verschiebt sich dieser Anreiz. Kritiker sehen darin ein gefährliches Signal: Die Dringlichkeit der Klimapolitik werde relativiert.

    Gleichzeitig zeigt die Entwicklung, dass regulatorische Maßnahmen an ihre Grenzen stoßen, wenn sie nicht mit wirtschaftlicher und sozialer Realität kompatibel sind. Die Kosten für energetische Sanierungen können leicht mehrere zehntausend Euro pro Wohnung betragen. Staatliche Förderprogramme existieren, reichen jedoch oft nicht aus, um die Belastung vollständig abzufedern.

    Soziale Dimension: Wer trägt die Last?

    Besonders brisant ist die soziale Dimension der Debatte. Energetisch schlechte Wohnungen sind häufig günstiger und werden überproportional von einkommensschwachen Haushalten bewohnt. Ein striktes Vermietungsverbot hätte daher paradoxerweise jene getroffen, die ohnehin geringe Auswahlmöglichkeiten haben.

    Gleichzeitig leiden genau diese Mieter unter hohen Heizkosten und schlechter Wohnqualität. Kalte, feuchte Wohnungen sind nicht nur ein Komfortproblem, sondern auch ein gesundheitliches Risiko.

    Die Lockerung der Regeln verschafft kurzfristig Entlastung auf dem Wohnungsmarkt, verlängert jedoch potenziell die Situation für betroffene Mieter. Die politische Herausforderung besteht darin, beide Ziele – Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit – miteinander zu vereinbaren.

    Staatliche Steuerung und Kontrolle als Schlüsselfaktor

    Die Regierung versucht, diesen Zielkonflikt durch ein konditioniertes Modell zu lösen. Vermieter sollen weiterhin nur dann vermieten dürfen, wenn sie sich vertraglich zu Sanierungsmaßnahmen verpflichten. Damit wird das Verbot nicht aufgehoben, sondern in ein zeitlich gestrecktes Transformationsmodell überführt.

    Entscheidend wird sein, ob diese Verpflichtungen überprüft und durchgesetzt werden. Frankreich hat in der Vergangenheit wiederholt Schwierigkeiten gehabt, komplexe regulatorische Systeme effektiv zu kontrollieren. Ohne klare Sanktionen droht ein Vollzugsdefizit.

    Ein funktionierendes System müsste mehrere Elemente vereinen: transparente Fristen, verbindliche Zwischenziele, finanzielle Unterstützung und konsequente Strafen bei Nichteinhaltung. Nur dann kann der Ansatz glaubwürdig bleiben.

    Ein europäisches Problem mit nationaler Ausprägung

    Der französische Fall ist kein Einzelfall. Viele europäische Länder stehen vor ähnlichen Herausforderungen. Die EU hat mit der „Energy Performance of Buildings Directive“ (EPBD) ambitionierte Vorgaben gemacht, die nationale Regierungen umsetzen müssen.

    Doch die Ausgangslagen unterscheiden sich erheblich. Frankreich verfügt über einen vergleichsweise alten Gebäudebestand und einen stark fragmentierten Eigentumsmarkt. Maßnahmen, die in Ländern mit stärker institutionalisierten Immobilienstrukturen funktionieren, stoßen hier schneller an Grenzen.

    Die aktuelle Entwicklung zeigt, dass nationale Anpassungen unvermeidlich sind. Sie verdeutlicht aber auch die Spannungen zwischen europäischer Regulierung und nationaler Umsetzung.

    Die französische Regierung bewegt sich auf einem schmalen Grat. Einerseits versucht sie, den Wohnungsmarkt kurzfristig zu stabilisieren und soziale Verwerfungen zu vermeiden. Andererseits darf sie die langfristigen Klimaziele nicht aus dem Blick verlieren. Ob die gewählte Strategie aufgeht, hängt weniger von den Ankündigungen als von der Umsetzung ab. Ohne konsequente Kontrolle könnte aus einer pragmatischen Anpassung eine schleichende Erosion der Klimapolitik werden. Mit strenger Durchsetzung hingegen könnte das Modell zu einem realistischen Pfad zwischen ökologischen Ambitionen und ökonomischen Zwängen werden.

    Autor: P. Tiko

  • Louis Besson und das Recht auf Wohnen: Das Ende einer sozialpolitischen Epoche

    Louis Besson und das Recht auf Wohnen: Das Ende einer sozialpolitischen Epoche

    Mit dem Tod von Louis Besson am 2. April 2026 verliert Frankreich nicht nur einen ehemaligen Minister, sondern einen der prägenden Architekten seiner modernen Wohnungspolitik. Besson, der im Alter von 88 Jahren in Chambéry verstarb, verkörperte eine politische Generation, die soziale Fragen mit institutioneller Konsequenz und langfristigem Gestaltungsanspruch anging. Sein Name bleibt untrennbar mit der Verankerung des Rechts auf Wohnen im französischen Gesetz verbunden – ein Meilenstein, dessen Tragweite erst im Kontext heutiger Wohnungskrisen vollständig sichtbar wird. Vom Lokalpolitiker zum nationalen Reformarchitekten Geboren 1937 in der savoyischen Gemeinde Barby, entstammte Besson einer politischen Tradition, die heute selten geworden ist: jener des tief lokal verwurzelten Mandatsträgers. Seine Laufbahn begann nicht in den Machtzentren von Paris, sondern im kommunalen Raum. Bereits 1965 wurde er Bürgermeister, später prägte er über Jahre hinweg die Entwicklung von Chambéry. Seine …

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  • Die Wohnungsfrage ordnet Frankreichs Kommunalpolitik neu

    Die Wohnungsfrage ordnet Frankreichs Kommunalpolitik neu

    Es sind mitunter unscheinbare Verschiebungen, die politische Systeme nachhaltig verändern. In Frankreich vollzieht sich derzeit eine solche Verschiebung – leise, aber mit weitreichenden Folgen. Die Wohnungsfrage, lange Zeit ein Feld technokratischer Detailsteuerung, ist zum zentralen Prüfstein politischer Glaubwürdigkeit auf kommunaler Ebene geworden. Wer heute ein Rathaus erobern will, muss nicht nur verwalten können, sondern Antworten auf eine der drängendsten sozialen Fragen liefern: Wer darf in der Stadt wohnen – und zu welchem Preis?

    Präzision statt Programmatik

    Auffällig ist zunächst die veränderte Erwartungshaltung der Wähler. Die Zeit programmatischer Unschärfe scheint vorbei. Begriffe wie „Lebensqualität“ oder „ausgewogene Stadtentwicklung“ wirken zunehmend hohl, wenn sie nicht mit konkreten Maßnahmen unterlegt sind. Die Bürger verlangen keine Visionen mehr, sondern Lösungen.

    Diese Entwicklung verweist auf eine tiefere Erosion politischer Vertrauensreserven. Wo das Vertrauen in die Problemlösungskompetenz staatlicher Institutionen schwindet, steigt die Nachfrage nach überprüfbaren, präzisen Versprechen. Im Bereich des Wohnens ist diese Dynamik besonders ausgeprägt, weil sich politische Versäumnisse unmittelbar im Alltag niederschlagen: in überhöhten Mieten, fehlenden Angeboten oder wachsender räumlicher Segregation.

    Der Begriff „präzise“, den Beobachter wie Henry Buzy-Cazaux hervorheben, ist deshalb mehr als eine semantische Nuance. Er markiert den Übergang von symbolischer zu operativer Politik.

    Die Politisierung eines Generationenkonflikts

    Besonders deutlich zeigt sich diese Verschiebung bei den Jüngeren. Für viele unter 35 ist die Wohnungssuche längst kein Übergangsproblem mehr, sondern ein strukturelles Hindernis. Der Zugang zu Wohnraum entscheidet über den Zeitpunkt des Berufseinstiegs, die Gründung eines Haushalts und letztlich über die soziale Verankerung.

    Damit erhält die Wohnungsfrage eine generationelle Dimension. Während ältere Eigentümer von Wertsteigerungen profitieren, sehen sich jüngere Haushalte mit steigenden Eintrittsbarrieren konfrontiert. Diese Asymmetrie ist politisch brisant, weil sie nicht nur ökonomische, sondern auch normative Fragen aufwirft: Wie gerecht ist ein System, in dem der Zugang zu einem Grundbedürfnis zunehmend vom Zeitpunkt des Markteintritts abhängt?

    Die Konsequenz ist eine Entideologisierung des Wahlverhaltens. Wohnpolitik wird nicht entlang klassischer Links-rechts-Achsen bewertet, sondern entlang ihrer Wirksamkeit. Wer Lösungen bietet, gewinnt Zustimmung – unabhängig von parteipolitischer Herkunft.

    Der Bürgermeister zwischen Macht und Erwartung

    Im Zentrum dieser Entwicklung steht eine paradoxe Figur: der Bürgermeister als zugleich begrenzter und überforderter Akteur. Formal sind seine Kompetenzen fragmentiert; viele entscheidende Hebel liegen auf nationaler Ebene. Doch politisch wird er zunehmend als Hauptverantwortlicher wahrgenommen.

    Diese Diskrepanz ist kein Zufall. Kommunalpolitik ist die Ebene, auf der staatliches Handeln sichtbar wird. Hier materialisieren sich abstrakte Entscheidungen in konkreten Bauprojekten, Genehmigungen oder deren Ausbleiben. Der Bürgermeister wird damit zum „Übersetzer“ staatlicher Rahmenbedingungen in gelebte Realität.

    Dass diese Rolle mit erheblichen Handlungsspielräumen einhergeht, verstärkt den Erwartungsdruck. Wer über Baurecht, Flächennutzung und lokale Planungshoheit verfügt, kann Entwicklungen steuern – oder blockieren. In angespannten Märkten wird Letzteres zunehmend als politisches Versagen interpretiert.

    Das Ende der Bauverweigerung

    Hier deutet sich ein kultureller Wandel an, der weit über Frankreich hinausweist. Die lange verbreitete Annahme, Neubau sei politisch riskant, gerät ins Wanken. Die klassische Logik lokaler Politik – Konfliktvermeidung durch Begrenzung von Veränderung – stößt an ihre Grenzen.

    In vielen Städten hat sich die Perspektive umgekehrt: Nicht das Bauen, sondern das Nicht-Bauen bedarf der Rechtfertigung. Bürger akzeptieren Verdichtung, sofern sie nachvollziehbar begründet ist und nicht als Ausdruck planerischer Beliebigkeit erscheint. Die Qualität der Projekte rückt damit ins Zentrum – nicht mehr ihre bloße Existenz.

    Für kommunale Entscheidungsträger entsteht daraus ein anspruchsvolles Gleichgewicht: Sie müssen bauen, ohne zu überfordern; verdichten, ohne zu verschlechtern; wachsen lassen, ohne soziale Spannungen zu verschärfen.

    Wohnen als Gradmesser politischer Ernsthaftigkeit

    Die eigentliche Bedeutung dieser Entwicklung liegt jedoch tiefer. Die Wohnungsfrage fungiert zunehmend als Indikator für politische Ernsthaftigkeit insgesamt. Sie zwingt Akteure, Zielkonflikte offen zu benennen: zwischen Wachstum und Lebensqualität, zwischen sozialer Durchmischung und Marktlogik, zwischen kurzfristigen Interessen und langfristiger Stadtentwicklung.

    In diesem Sinne übernimmt das Wohnen im kommunalen Kontext eine ähnliche Funktion wie die Kaufkraft auf nationaler Ebene: Es verdichtet komplexe Politikfelder zu einem unmittelbar verständlichen Maßstab.

    Für Kandidaten bedeutet dies eine neue Form der Rechenschaftspflicht. Wer keine tragfähige Strategie für Wohnraum vorlegt, signalisiert nicht nur inhaltliche Lücken, sondern mangelnde Regierungsfähigkeit.

    Am Ende steht eine nüchterne Erkenntnis: Die politische Auseinandersetzung verlagert sich dorthin, wo sie überprüfbar wird. Die Frage, ob eine Kommune bezahlbaren Wohnraum schafft, lässt sich nicht rhetorisch beantworten. Sie zeigt sich in Zahlen, Bauprojekten und Lebensrealitäten.

    Gerade darin liegt ihre Sprengkraft – und ihre demokratische Qualität.

    Von Andreas Brucker

  • MaPrimeRénov’ vor dem Neustart: Wie Frankreichs wichtigste Sanierungsförderung nach der Haushaltskrise zurückkehrt

    MaPrimeRénov’ vor dem Neustart: Wie Frankreichs wichtigste Sanierungsförderung nach der Haushaltskrise zurückkehrt

    Nach Wochen der Unsicherheit zeichnet sich für hunderttausende Eigentümer und für das angeschlagene Baugewerbe in Frankreich eine Atempause ab. Das staatliche Förderinstrument MaPrimeRénov’, zentraler Pfeiler der französischen Energie- und Klimapolitik im Gebäudesektor, soll unmittelbar nach der Verkündung des Staatshaushalts 2026 wieder vollständig geöffnet werden. Dies kündigte der Wohnungsbauminister Vincent Jeanbrun am 5. Februar an. Die Botschaft ist politisch klar: Mit dem verabschiedeten Budget kehrt Handlungsfähigkeit zurück – zumindest vorerst. Die Wiederöffnung markiert das Ende einer Zwangspause, die weniger aus energie- oder klimapolitischen Erwägungen resultierte als aus einer haushaltspolitischen Blockade. Seit Anfang Januar war der Antragsschalter geschlossen, weil der französische Staat ohne verabschiedetes Finanzgesetz keine neuen Förderzusagen machen darf. Für viele Sanierungsvorhaben bedeutete dies Stillstand – und für den Bausektor ein weiteres Signal der Unberechen…

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  • Wohnraum statt Ferienidylle: Wie die Île d’Oléron gegen die Airbnb-Inflation kämpft

    Wohnraum statt Ferienidylle: Wie die Île d’Oléron gegen die Airbnb-Inflation kämpft

    Auf der französischen Atlantikinsel Oléron erhalten Vermieter bis zu 10.000 Euro Prämie, wenn sie ihre Immobilie dauerhaft statt an Touristen vermieten. Die ungewöhnliche Maßnahme soll helfen, dem akuten Wohnungsmangel entgegenzuwirken – und ist Teil eines größeren Trends in Frankreichs Ferienregionen.

    Die Île d’Oléron gilt als Postkartenidylle: endlose Strände, Pinienwälder, Austernzucht, maritimer Charme. Doch hinter der attraktiven Fassade herrscht eine Wohnungsnot, wie sie für viele touristisch übernutzte Regionen typisch geworden ist. Auf der zweitgrößten französischen Atlantikinsel stehen 60 % der rund 30.000 Wohnungen die meiste Zeit des Jahres leer – es sind Zweit- oder Ferienresidenzen, viele davon über Plattformen wie Airbnb vermietet. Für Einheimische, Saisonarbeiter oder junge Familien bleibt kaum bezahlbarer Wohnraum. Die Kommune zieht deshalb nun die Reißleine.

    Geld gegen Kurzzeitvermietung

    Bis zu 10.000 Euro erhalten Eigentümer, wenn sie ihre Immobilie für mindestens ein Jahr an ortsansässige Mieter vergeben – eine beachtliche Summe, die aus einem Rechtsstreit mit großen Online-Vermietungsplattformen finanziert wird. Der Anreiz zeigt Wirkung: Bereits zwanzig Vermieter haben sich dem Programm angeschlossen.

    Ein Beispiel: In Saint-Georges-d’Oléron hat eine Eigentümerin ihre 110 m² große Wohnung, die bislang wochenweise an Touristen ging, für fünf Jahre an ein junges Paar vermietet. Sie erhält dafür die kommunale Prämie und zusätzlich eine monatliche Miete von 900 Euro. Für die Vermieterin sei das nicht nur wirtschaftlich lohnend, sondern auch organisatorisch einfacher: „Die Kurzzeitvermietung war mit meinem Beruf nicht vereinbar – es war zu viel Aufwand“, sagt sie im Interview mit France 2.

    Tourismus gegen Lebensqualität

    Die Insel ist kein Einzelfall: In vielen Küstenregionen Frankreichs – von der Bretagne bis zum Pays Basque – hat sich die exzessive touristische Nutzung des Wohnraums zur sozialen Herausforderung entwickelt. Laut einer Untersuchung des französischen Statistikamts INSEE (2023) hat sich die Zahl der Kurzzeitvermietungen in beliebten Küstenorten innerhalb eines Jahrzehnts mehr als verdoppelt. Die Folge: steigende Immobilienpreise, fehlende Mietangebote, eine Verdrängung der lokalen Bevölkerung.

    Die Auswirkungen treffen nicht nur Einzelpersonen, sondern auch die lokale Wirtschaft. Michel Parent, Präsident der Communauté de communes de l’Île d’Oléron, beschreibt das Problem deutlich: „Wir können auf der Insel keine Arbeitskräfte mehr rekrutieren – weder in Unternehmen noch im Pflegebereich oder bei den Kommunen selbst.“ Die Folge ist ein struktureller Arbeitskräftemangel, der die wirtschaftliche und soziale Infrastruktur der Insel untergräbt.

    Regulierung statt Marktromantik

    Frankreich ringt seit Jahren mit der Frage, wie die soziale Funktion von Wohnraum gegenüber dem lukrativen Ferienmarkt verteidigt werden kann. Zwar erlaubt ein 2014 eingeführtes Gesetz Kommunen, die kurzfristige Vermietung zu regulieren – etwa durch Registrierungspflichten, Genehmigungsvorbehalte oder Obergrenzen für Plattformen. Doch vielerorts fehlt es an Durchsetzung oder politischem Willen.

    Oléron geht nun einen anderen Weg: Statt nur auf Restriktionen zu setzen, werden gezielt Anreize für langfristige Vermietung geschaffen – ein marktwirtschaftlicher Hebel im Dienste des Gemeinwohls. Die Finanzierung über Strafzahlungen von Plattformen wie Airbnb verleiht dem Modell eine gewisse Symbolik: Das Geld der Tourismusökonomie fließt zurück in die lokale Daseinsvorsorge.

    Gleichzeitig setzt die Kommune auf ergänzende Maßnahmen. So wurde eine stillgelegte Altenpflegeeinrichtung zu temporären Unterkünften für Auszubildende und Saisonarbeiter umgebaut – eine pragmatische Antwort auf die strukturelle Wohnungsnot.

    Frankreichs Ferienregionen unter Druck

    Die Initiative von Oléron reiht sich ein in eine wachsende Zahl lokalpolitischer Reaktionen auf die Dysfunktionalitäten des Ferienimmobilienmarkts. In Städten wie Biarritz, La Rochelle oder Annecy wurden bereits restriktive Maßnahmen beschlossen. Auch auf nationaler Ebene ist die Debatte präsent: Die Regierung unter Präsident Macron hatte im Rahmen ihres Wohnungspakets 2023 angekündigt, steuerliche Vorteile für Kurzzeitvermieter zu kürzen und Kommunen mehr Regulierungsspielraum zu geben.

    Doch die zentralstaatlichen Initiativen stoßen an Grenzen. Es sind die Kommunen, die die sozialen Auswirkungen der touristischen Übernutzung am unmittelbarsten spüren – und deshalb zunehmend selbst aktiv werden. Olérons Modell zeigt dabei, dass Regulierung nicht immer repressiv sein muss: Auch positive Anreize können Märkte in sozial gewünschte Bahnen lenken, wenn sie klug ausgestaltet und zielgerichtet eingesetzt werden.

    Der langfristige Erfolg des Programms wird sich daran messen lassen, ob es gelingt, den Wohnungsmarkt dauerhaft zu entspannen, die Abwanderung der Bevölkerung aufzuhalten und ein Gleichgewicht zwischen touristischer Attraktivität und lokaler Lebensqualität wiederherzustellen. Noch ist das Projekt jung – aber es könnte als Blaupause für andere Regionen dienen, die nicht nur ein Urlaubsparadies sein wollen, sondern auch ein echter Lebensraum.

    Autor: P. Tiko

  • Zwei Millionen neue Wohnungen – Lecornus Mammutprojekt gegen die Wohnungsnot

    Zwei Millionen neue Wohnungen – Lecornus Mammutprojekt gegen die Wohnungsnot

    Frankreichs neuer Premierminister Sébastien Lecornu hat bei seinem ersten großen Auftritt nach der Vertrauensabstimmung ein ambitioniertes Ziel formuliert: Bis 2030 sollen zwei Millionen neue Wohnungen entstehen – 400.000 pro Jahr. In Rosny-sous-Bois, einem Vorort im Osten von Paris, präsentierte er das Vorhaben als zentrale Antwort auf eine Wohnungsbaukrise, die sich in den letzten Jahren verschärft hat. Die Ankündigung markiert einen Strategiewechsel: Weg von punktuellen Eingriffen, hin zu einem umfassenden wohnungspolitischen Programm mit fiskalischer, administrativer und sozialpolitischer Flankierung. Ein Sektor in der Krise Der französische Wohnungsmarkt befindet sich in einer tiefgreifenden Krise. Die Zahl der Neubauten ist in den letzten Jahren stark zurückgegangen. Allein im dritten Quartal 2025 wurden über 20 Prozent weniger neue Wohnungen zur Vermarktung angeboten als im Vorjahreszeitraum. Ein Fünftel der geplanten Bauprojekte wurde ganz zurückgezogen. Die Ursachen sind vielf…

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  • Kommentar: Erst „Hü“, dann „Hott“ – Regierung auf dem Ponyhof der Steuerpolitik

    Kommentar: Erst „Hü“, dann „Hott“ – Regierung auf dem Ponyhof der Steuerpolitik

    Was ist mutiger: mitten in der Inflationskrise die Steuerlast von Millionen Haushalten zu erhöhen – oder so zu tun, als hätte man es gar nicht so gemeint?

    Frankreichs Regierung scheint sich für Letzteres entschieden zu haben. Erst der große Auftritt: Eine neue Berechnungsgrundlage für die taxe foncière, die den „Komfort“ moderner Wohnungen berücksichtigt. Wer fließendes Wasser, eine Heizung und – oh là là – gar ein Badezimmer besitzt, soll künftig tiefer in die Tasche greifen. Ein Fortschritt! Eine Modernisierung! Eine Gerechtigkeitsoffensive! So klang es jedenfalls in den Pressestatements aus dem Finanzministerium.

    Und dann?

    Ein paar Schlagzeilen später: Rückzug. Der Minister des Wohnens, Vincent Jeanbrun, gibt sich ganz demütig: Man habe da „eine Bereitschaft“ zur Aussetzung. Eine Konsultation solle nun folgen, man wolle „alle Beteiligten einbinden“. Sprich: Man hat gemerkt, dass der Schuss nach hinten losging – und sucht jetzt hektisch ein Pflaster für die offenen Wunden.

    Willkommen in der politischen Parallelwelt, in der Reformen erst verkündet und dann durch Umfragen korrigiert werden. In der man einen Aufschrei erst provozieren muss, um herauszufinden, dass er unangenehm laut sein kann.

    Dabei war die Rechnung doch so einfach: 7,4 Millionen betroffene Haushalte mal durchschnittlich 63 Euro – da kommt was zusammen. Nur leider auch eine Menge Wut. Kommunalpolitiker liefen Sturm, Verbände schäumten, selbst aus den eigenen Reihen kamen Proteste. Die „bombe fiscale“, wie sie liebevoll genannt wurde, explodierte nicht im Haushalt, sondern mitten im Vertrauen der Bürger.

    Was den Rückzieher so bitter macht: Es geht hier nicht um eine winzige Verwaltungsentscheidung, sondern um ein Grundgefühl – das Gefühl, dass Politik zunehmend willkürlich, sprunghaft, reaktiv agiert. Heute Hü, morgen Hott. Wie beim Kinderreiten, nur dass niemand mehr weiß, wer eigentlich die Zügel in der Hand hält.

    Die Steuerreform sollte ein „Update“ der Bewertungsgrundlagen sein. Klingt technisch – war aber emotional ein Desaster. Denn wer gerade seine Energierechnung nicht mehr bezahlen kann, hört beim Wort „Komfortzuschlag“ eher keine Musik. Da klingt es eher nach Hohn.

    Noch bizarrer: Der zuständige Minister zeigte sich von der Maßnahme überrascht – als hätte ein Praktikant über Nacht die Steuerpolitik geändert und vergessen, es dem Chef zu sagen. „Ich war überrascht“, sagte Jeanbrun. Wer überrascht ist, hat offenbar nicht mitentschieden. Oder nicht aufgepasst. Beides keine Optionen, die Vertrauen wecken.

    Jetzt also die Notbremse: eine „Konsultation flash“, blitzschnell vor dem nächsten Haushaltsvotum. Man will beraten, nachdenken, abstimmen. Kurzum: all das tun, was man auch hätte machen können, bevor man 7,4 Millionen Menschen in Aufruhr versetzt.

    Ist das ein Einzelfall? Natürlich nicht.

    Es reiht sich ein in eine ganze Kollektion französischer Reformgeisterfahrten: Renten, Arbeitsrecht, Wohnungsbau – überall wurde mal mutig vorgeprescht, nur um dann hektisch zurückzurudern, sobald die Umfragewerte zu kippen drohten. Als ob man Politik am Meinungsbarometer ausrichtet – statt am Kompass der Vernunft.

    Vielleicht sollte man einfach ehrlicher sein. Statt von „Modernisierung“ zu sprechen, könnte man sagen: Wir brauchen Geld. Statt auf „Komfort“ zu verweisen, könnte man zugeben: Wir wissen nicht mehr, wo wir sparen sollen. Und statt hektischer Rückzüge könnte man – ganz gewagt – mal mit den Bürgern sprechen, bevor man sie zur Kasse bittet.

    Bis dahin bleibt nur Sarkasmus als Selbstschutz.

    Denn wer bei jeder Steuerreform sofort wieder den Rückwärtsgang einlegt, darf sich nicht wundern, wenn bald keiner mehr mitfährt.

    Von C. Hatty