Schlagwort: wohnungsmarkt

  • Paris verschärft den Kampf gegen leerstehende Wohnungen

    Paris verschärft den Kampf gegen leerstehende Wohnungen

    Der Wohnungsmarkt in Paris gehört seit Jahren zu den angespanntesten Europas. Hohe Mieten, ein knappes Angebot und eine anhaltend starke Nachfrage erschweren insbesondere Familien, Studierenden und Haushalten mit mittleren Einkommen den Zugang zu bezahlbarem Wohnraum. Vor diesem Hintergrund hat der Pariser Stadtrat eine deutliche Verschärfung der Besteuerung von leerstehenden Wohnungen beschlossen. Die Maßnahme soll Eigentümer dazu bewegen, ungenutzte Immobilien wieder dem Wohnungsmarkt zuzuführen und damit den Druck auf den Wohnungsmarkt zumindest teilweise zu mindern.

    Deutlich höhere Steuer ab 2027

    Der Pariser Stadtrat verabschiedete die Neuregelung am 17. Juli 2026. Ab dem 1. Januar 2027 werden die Steuersätze für dauerhaft leerstehende Wohnungen erheblich angehoben.

    Künftig beträgt die Steuer im ersten Jahr des Leerstands 30 Prozent des amtlichen Mietwertes der Immobilie. Bislang lag der Satz bei 17 Prozent. Ab dem zweiten Jahr erhöht sich die Abgabe von bisher 34 Prozent auf künftig 60 Prozent.

    Mit dieser Verdoppelung der Steuer verfolgt die Stadt das Ziel, den wirtschaftlichen Anreiz zu erhöhen, ungenutzte Wohnungen wieder zu vermieten oder zu verkaufen. Die Stadtverwaltung geht davon aus, dass sich in Paris rund 20.000 Wohnungen im steuerlich relevanten Leerstand befinden.

    Wohnungsnot bleibt eines der größten Probleme der Hauptstadt

    Paris leidet seit Jahren unter einem strukturellen Wohnungsmangel. Die Kombination aus begrenztem Bauland, einer hohen Bevölkerungsdichte und einer konstant starken Nachfrage hat die Mietpreise auf ein Niveau steigen lassen, das für viele Haushalte kaum noch finanzierbar ist.

    Gleichzeitig wird ein Teil des vorhandenen Wohnraums nicht dauerhaft genutzt. Während einige Wohnungen aus berechtigten Gründen leer stehen – etwa wegen umfangreicher Sanierungsarbeiten oder laufender Erbschaftsverfahren –, richtet sich die neue Steuer insbesondere gegen langfristig ungenutzte Immobilien ohne nachvollziehbaren Grund.

    Die Stadt erhofft sich, dass zusätzliche Wohnungen auf den Markt gelangen und damit zumindest ein Teil des Angebotsengpasses entschärft werden kann. Experten weisen allerdings darauf hin, dass selbst mehrere tausend zusätzliche Wohnungen die grundlegenden strukturellen Probleme des Pariser Wohnungsmarktes nicht vollständig lösen würden.

    Mieterverband begrüßt die Entscheidung

    Die Confédération nationale du logement (CNL), einer der größten französischen Mieterverbände, bezeichnete die Entscheidung als „echten Sieg“. Präsident Eddie Jacquemart sieht in der Steuererhöhung ein wichtiges Signal gegen spekulativen Leerstand.

    Nach Auffassung des Verbandes halten manche Eigentümer ihre Immobilien bewusst unvermietet, weil sie auf weiter steigende Immobilienpreise setzen und dadurch später höhere Verkaufserlöse erzielen möchten. Aus Sicht der CNL entzieht dieses Verhalten dem ohnehin angespannten Markt dringend benötigten Wohnraum.

    Darüber hinaus vermutet der Verband, dass ein Teil der offiziell als leerstehend gemeldeten Wohnungen tatsächlich als nicht deklarierte Ferienunterkünfte genutzt wird. Dadurch könnten sie den Vorschriften für kurzfristige touristische Vermietungen entgehen und gleichzeitig der Besteuerung sowie den entsprechenden Kontrollen entzogen werden.

    Steuer allein wird das Problem nicht lösen

    Trotz der positiven Bewertung der neuen Regelung warnt die CNL davor, ihre Wirkung zu überschätzen. Nach Einschätzung des Verbandes handelt es sich lediglich um einen ersten Schritt, um den Wohnungsmarkt wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

    Langfristig seien deutlich umfassendere Maßnahmen erforderlich. Dazu gehöre insbesondere der Bau neuer Wohnungen, vor allem im sozialen Wohnungsbau. Die Nachfrage übersteige das Angebot in der französischen Hauptstadt seit Jahren deutlich, sodass zusätzliche steuerliche Instrumente allein kaum ausreichen dürften.

    Auch Stadtplaner und Wohnungsökonomen vertreten häufig die Auffassung, dass eine nachhaltige Entspannung nur durch eine Kombination verschiedener Maßnahmen möglich ist. Neben der Aktivierung leerstehender Wohnungen zählen dazu der Neubau, eine effizientere Nutzung des vorhandenen Bestands sowie eine konsequente Regulierung kurzfristiger Ferienvermietungen.

    Die nun beschlossene Steuererhöhung ist daher weniger als endgültige Lösung zu verstehen, sondern vielmehr als Teil einer umfassenderen wohnungspolitischen Strategie. Ob die höheren Abgaben tatsächlich dazu führen, dass tausende Wohnungen wieder dauerhaft vermietet werden, dürfte sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Klar ist jedoch, dass Paris angesichts des anhaltenden Wohnungsmangels den politischen Druck auf Eigentümer erhöht, ungenutzten Wohnraum nicht länger brachliegen zu lassen.

    Andreas M. Brucker

  • Streit um MaPrimeRénov: Handwerk warnt vor „Klimaskandal“ und stellt Frankreichs Sanierungsstrategie infrage

    Streit um MaPrimeRénov: Handwerk warnt vor „Klimaskandal“ und stellt Frankreichs Sanierungsstrategie infrage

    Die Diskussion über die Zukunft des französischen Förderprogramms MaPrimeRénov entwickelt sich zu einem politischen und wirtschaftlichen Konflikt mit weitreichenden Folgen. Auslöser sind Überlegungen der Regierung, die staatliche Unterstützung künftig stärker auf umfassende energetische Komplettsanierungen zu konzentrieren und Einzelmaßnahmen – die sogenannten monogestes – deutlich einzuschränken oder ganz aus der Förderung zu nehmen. Dagegen formiert sich massiver Widerstand aus dem Handwerk. Die Handwerksorganisation CAPEB spricht von einem „Klimaskandal“ und wirft der Regierung vor, den Erfolg der französischen Energiewende aufs Spiel zu setzen. Die Debatte berührt dabei nicht nur Fragen des Klimaschutzes, sondern auch die Zukunft zehntausender Handwerksbetriebe und die grundsätzliche Ausrichtung der französischen Sanierungspolitik. Zwei unterschiedliche Wege zur Klimaneutralität Frankreich verfolgt ehrgeizige Klimaziele. Der Gebäudesektor zählt zu den größten Energieverbrauchern de…

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  • Die Schweiz sagt Nein zum Bevölkerungsdeckel

    Die Schweiz sagt Nein zum Bevölkerungsdeckel

    Die Schweizer Stimmbürger haben der von der Schweizerischen Volkspartei (SVP) lancierten Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz! (Nachhaltigkeitsinitiative)» eine Absage erteilt. Mit 54,8 Prozent Nein-Stimmen und 45,2 Prozent Ja-Stimmen scheiterte die Vorlage am 14. Juni 2026 deutlicher als viele Beobachter noch wenige Wochen vor dem Urnengang erwartet hatten. Die Abstimmung gehört zu den politisch bedeutendsten Entscheiden des Jahres, weil sie zentrale Fragen der Schweizer Zukunft berührte: Migration, Wirtschaftswachstum, Wohnungsmarkt, Infrastruktur und die Beziehungen zur Europäischen Union.

    Eine Obergrenze für die Bevölkerung

    Im Kern zielte die Initiative darauf ab, die ständige Wohnbevölkerung der Schweiz bis 2050 auf höchstens zehn Millionen Menschen zu begrenzen. Bereits beim Erreichen von 9,5 Millionen Einwohnern hätten Bundesrat und Parlament verpflichtet werden sollen, wirksame Massnahmen zur Begrenzung des Bevölkerungswachstums einzuleiten.

    Die Vorlage war eng mit der Migrationspolitik verknüpft. Falls die festgelegten Ziele nicht erreicht worden wären, hätte die Schweiz letztlich auch internationale Abkommen überprüfen müssen. Besonders im Fokus stand dabei die Personenfreizügigkeit mit der Europäischen Union, die seit mehr als zwei Jahrzehnten ein zentraler Bestandteil der bilateralen Beziehungen ist.

    Für die Initianten war die Vorlage eine Antwort auf die starke Bevölkerungszunahme der vergangenen Jahre. Die Schweiz zählt heute rund neun Millionen Einwohner. Seit der Einführung der Personenfreizügigkeit Anfang der 2000er Jahre ist die Bevölkerung deutlich gewachsen. Die SVP argumentierte, dass dieses Wachstum zunehmend Druck auf Wohnraum, Verkehrsinfrastruktur, Umwelt und öffentliche Dienstleistungen ausübe.

    Wirtschaft gegen Begrenzung

    Gegen die Initiative formierte sich eine ungewöhnlich breite Allianz aus Bundesrat, Parlament, Wirtschaftsverbänden, Gewerkschaften und den meisten politischen Parteien. Obwohl ihre Motive teilweise unterschiedlich waren, verband sie die Überzeugung, dass eine starre Bevölkerungsobergrenze mehr Probleme schaffen als lösen würde.

    Insbesondere die Wirtschaft warnte vor einem verschärften Fachkräftemangel. Zahlreiche Branchen sind heute auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen. Dies gilt für das Gesundheitswesen ebenso wie für die Forschung, die Industrie, den Tourismus oder die IT-Branche.

    Die Gegner argumentierten, dass die Schweiz ihren Wohlstand nicht zuletzt ihrer internationalen Offenheit verdanke. Eine Einschränkung der Zuwanderung könne den Arbeitsmarkt schwächen, Investitionen bremsen und die Wettbewerbsfähigkeit des Landes beeinträchtigen.

    Hinzu kamen geopolitische Überlegungen. Viele Kritiker befürchteten, dass die Initiative die Beziehungen zur Europäischen Union belasten könnte. Gerade in einer Zeit wirtschaftlicher Unsicherheiten und globaler Umbrüche erschien zahlreichen Stimmbürgern die Stabilität des bilateralen Weges wichtiger als ein radikaler Kurswechsel in der Migrationspolitik.

    Die lange Tradition der Migrationsabstimmungen

    Der Volksentscheid reiht sich in eine jahrzehntelange Serie von Abstimmungen zur Zuwanderung ein. Kaum ein politisches Thema hat die moderne Schweiz so kontinuierlich beschäftigt wie die Frage nach der richtigen Balance zwischen wirtschaftlicher Offenheit und gesellschaftlicher Integration.

    Besonders prägend war die Annahme der sogenannten Masseneinwanderungsinitiative im Jahr 2014. Damals sprach sich eine knappe Mehrheit für eine stärkere Steuerung der Zuwanderung aus. Die Umsetzung erwies sich jedoch als schwierig, da die Schweiz gleichzeitig ihre Verträge mit der Europäischen Union aufrechterhalten wollte.

    Sechs Jahre später scheiterte die Begrenzungsinitiative deutlich. Die Stimmbürger entschieden sich damals gegen eine Kündigung der Personenfreizügigkeit und damit gegen eine grundlegende Neuordnung der Beziehungen zur EU.

    Mit der Ablehnung der 10-Millionen-Initiative setzt sich diese Entwicklung fort. Die Bevölkerung zeigt zwar Sensibilität gegenüber den Folgen des Wachstums, lehnt jedoch weitreichende und potenziell riskante Eingriffe mehrheitlich ab.

    Warum das Resultat dennoch bemerkenswert ist

    Trotz der Niederlage der Initianten verdient das Abstimmungsergebnis besondere Aufmerksamkeit. Fast jeder zweite Stimmbürger unterstützte die Vorlage. Das ist ein beachtlicher Wert für eine Initiative, die von Regierung, Parlament und einem breiten gesellschaftlichen Bündnis bekämpft wurde.

    Das Resultat verdeutlicht, dass die Sorgen über Bevölkerungswachstum und Zuwanderung weiterhin tief in der Gesellschaft verankert sind. Themen wie steigende Wohnungsmieten, Verkehrsüberlastung, Verdichtung von Siedlungsräumen und die Belastung öffentlicher Infrastrukturen beschäftigen viele Menschen unabhängig von ihrer politischen Orientierung.

    Gerade in den vergangenen Jahren hat sich die Diskussion verschärft. Die Wohnungsnot in zahlreichen Städten, der Druck auf den öffentlichen Verkehr und die steigenden Kosten des Lebens haben die Frage nach den Grenzen des Wachstums erneut ins Zentrum der politischen Debatte gerückt.

    Die Abstimmung zeigt deshalb nicht nur eine Ablehnung einer konkreten Initiative, sondern auch einen Auftrag an die Politik. Wer die Sorgen eines erheblichen Teils der Bevölkerung ignoriert, riskiert, dass das Thema bei künftigen Abstimmungen noch stärker mobilisiert.

    Zwischen Offenheit und Begrenzung

    Die Schweiz steht damit weiterhin vor einem politischen Spannungsfeld, das viele wohlhabende Staaten Europas kennen. Einerseits benötigt die Wirtschaft qualifizierte Arbeitskräfte und profitiert von internationalen Verflechtungen. Andererseits wächst der Druck auf Wohnraum, Infrastruktur und Umwelt.

    Der Volksentscheid vom Juni 2026 beantwortet diese Grundfrage nicht endgültig. Er signalisiert jedoch, dass eine Mehrheit der Schweizer Bevölkerung derzeit keinen radikalen Bruch mit dem bisherigen Kurs wünscht. Gleichzeitig macht der hohe Ja-Anteil deutlich, dass die Diskussion über Migration und Bevölkerungsentwicklung keineswegs abgeschlossen ist.

    Die politische Herausforderung der kommenden Jahre wird darin bestehen, wirtschaftliche Offenheit mit gesellschaftlicher Akzeptanz zu verbinden. Gelingt dies nicht, dürfte das Thema Zuwanderung auch künftig zu den wichtigsten Konfliktlinien der Schweizer Politik gehören.

    Autor: P. Tiko

  • Wenn Ferienhäuser zu Wohnraum werden: Die Bretagne ringt um ihre Zukunft

    Wenn Ferienhäuser zu Wohnraum werden: Die Bretagne ringt um ihre Zukunft

    An der bretonischen Atlantikküste vollzieht sich derzeit ein bemerkenswerter Wandel. In Gemeinden wie La Trinité-sur-Mer, Carnac oder Saint-Philibert öffnen Besitzer von Zweitwohnsitzen ihre Häuser zunehmend für Einheimische – zumindest außerhalb der Ferienzeiten. Was zunächst wie eine pragmatische Nachbarschaftshilfe erscheint, verweist auf ein tiefer liegendes Problem vieler europäischer Küstenregionen: Die touristische Attraktivität bedroht zunehmend die soziale und demografische Stabilität der Orte selbst.

    In Teilen des Morbihan bestehen inzwischen bis zu 70 Prozent des Wohnungsbestands aus Zweitwohnungen. Während die Sommermonate die Küstenorte mit Leben, Konsum und touristischer Dynamik füllen, kehrt im Winter vielerorts eine fast gespenstische Leere ein. Geschlossene Fensterläden, reduzierte Öffnungszeiten, sinkende Schülerzahlen und ein schrumpfendes Vereinsleben prägen dann den Alltag. Besonders betroffen sind junge Familien und Beschäftigte des öffentlichen Dienstes, die sich das Wohnen in Arbeitsplatznähe kaum noch leisten können.

    Ein Modell zwischen Solidarität und Wohnungsnot

    Vor diesem Hintergrund entstand die Initiative „Les Volets ouverts“ – auf Deutsch etwa „Die geöffneten Fensterläden“. Das Prinzip ist einfach: Eigentümer von Ferienhäusern stellen ihre Immobilien während ihrer Abwesenheit Familien aus der Region zur Verfügung. Die Bewohner zahlen eine moderate Miete und verpflichten sich, die Häuser während der Ferienzeiten oder im Sommer wieder freizugeben.

    Das Modell unterscheidet sich bewusst von klassischen Mietverhältnissen. Es basiert weniger auf maximaler Rendite als auf gegenseitigem Vertrauen und einem gewissen Gemeinsinn. Für viele Familien bedeutet dies dennoch einen entscheidenden Unterschied. In zahlreichen Küstengemeinden haben sich die Immobilienpreise in den vergangenen zehn Jahren nahezu verdoppelt. Besonders seit der Covid-Pandemie hat sich der Druck verschärft, als viele wohlhabendere Städter Zweitwohnsitze in landschaftlich attraktiven Regionen suchten.

    Die Folge ist eine schleichende Verdrängung jener Berufsgruppen, die für das Funktionieren der lokalen Infrastruktur unverzichtbar sind: Pflegekräfte, Lehrer, Angestellte im Einzelhandel, kommunale Mitarbeiter oder Saisonarbeitskräfte. Viele pendeln inzwischen aus dem Landesinneren an die Küste, weil Wohnraum vor Ort kaum noch erschwinglich ist.

    Die Schattenseite des touristischen Erfolgs

    Die Bretagne steht mit diesem Problem keineswegs allein da. Ähnliche Entwicklungen zeigen sich entlang der französischen Atlantikküste, im Baskenland, auf Korsika oder an Teilen der Mittelmeerküste. Auch in Spanien, Portugal oder Italien kämpfen touristisch attraktive Regionen mit der Verdrängung der einheimischen Bevölkerung.

    Doch in der Bretagne erhält die Debatte eine besondere kulturelle Dimension. Viele Küstenorte definieren ihre Identität über gewachsene lokale Gemeinschaften, bretonische Traditionen und ein starkes Vereinsleben. Wenn ganze Straßenzüge außerhalb der Ferienmonate verwaisen, verändert sich nicht nur die wirtschaftliche Struktur, sondern auch das soziale Gefüge.

    In manchen Gemeinden übersteigt die Zahl der Zweitwohnungen inzwischen jene der Hauptwohnsitze. Kritiker sprechen deshalb von einer „Musealisierung“ der Küstenorte: Die Dörfer bleiben äußerlich intakt und malerisch, verlieren aber schrittweise ihre alltägige Lebendigkeit. Schulen schließen mangels Schülern, Bäckereien und kleine Geschäfte finden keine ganzjährige Kundschaft mehr, medizinische Versorgung wird schwieriger.

    Mehrere Bürgermeister warnen inzwischen offen vor einem „mur du vieillissement“ – einer demografischen Wand des Alterns. Denn dort, wo junge Familien fehlen, steigt der Altersdurchschnitt rapide an. Die Gemeinden drohen langfristig ihre wirtschaftliche und gesellschaftliche Dynamik zu verlieren.

    Zweitwohnsitze als politisches Konfliktthema

    Die Diskussion um Zweitwohnungen hat sich deshalb längst zu einem politischen Streitpunkt entwickelt. Französische Kommunen verfügen inzwischen über Instrumente, um gegen die Verknappung des Wohnraums vorzugehen. Dazu gehören höhere Steuern auf Zweitwohnungen oder strengere Regulierungen bei Ferienvermietungen.

    Allerdings stoßen solche Maßnahmen schnell an Grenzen. Der Tourismus bleibt für viele Küstenregionen ein zentraler Wirtschaftsfaktor. Viele Gemeinden profitieren erheblich von wohlhabenden Zweitwohnungsbesitzern, die lokale Unternehmen stärken, Immobilien renovieren und Kaufkraft in die Region bringen.

    Zudem ist das Eigentumsrecht in Frankreich politisch sensibel. Ein generelles Vorgehen gegen Zweitwohnsitze wäre rechtlich und gesellschaftlich kaum durchsetzbar. Genau deshalb gewinnen freiwillige Modelle wie „Les Volets ouverts“ an Bedeutung. Sie vermeiden Konfrontation und setzen stattdessen auf Kooperation zwischen Eigentümern und lokalen Bewohnern.

    Interessant ist dabei der Mentalitätswandel mancher Besitzer. Mehrere Teilnehmer der Initiative erklären offen, dass sie nicht länger zur Verwandlung bretonischer Dörfer in reine Ferienkulissen beitragen möchten. Hinter dieser Haltung steht auch die Erkenntnis, dass die Attraktivität der Bretagne gerade aus ihrer Authentizität entsteht – aus lebendigen Häfen, geöffneten Schulen, lokalen Märkten und funktionierenden Dorfgemeinschaften.

    Ein europäisches Strukturproblem

    Die Entwicklung verweist auf einen breiteren europäischen Trend. In vielen touristischen Regionen kollidieren heute drei Dynamiken miteinander: steigende Immobilienpreise, demografischer Wandel und die zunehmende Mobilität wohlhabender Bevölkerungsschichten.

    Digitale Arbeitsformen verstärken diesen Prozess zusätzlich. Wer dauerhaft im Homeoffice arbeiten kann, entscheidet sich häufiger für attraktive Küstenregionen – oft mit Einkommen, die deutlich über dem lokalen Durchschnitt liegen. Für die ursprüngliche Bevölkerung entsteht dadurch ein massiver Wettbewerbsdruck auf dem Wohnungsmarkt.

    Gleichzeitig verändert sich die Funktion des Wohnens selbst. Immobilien dienen nicht mehr nur als Lebensmittelpunkt, sondern zunehmend als Kapitalanlage, Ferienobjekt oder Zweitdomizil. Für Gemeinden entsteht daraus ein strukturelles Dilemma: Häuser existieren zwar physisch, stehen aber große Teile des Jahres leer.

    Die Bretagne reagiert darauf bislang eher pragmatisch als ideologisch. Statt radikaler Verbote entstehen lokale Lösungen, die versuchen, touristische Nutzung und dauerhafte Besiedlung miteinander zu verbinden. Ob solche Modelle langfristig ausreichen, bleibt allerdings offen.

    Denn die grundlegende Entwicklung dürfte anhalten. Küstenregionen mit hoher Lebensqualität werden weiterhin begehrt bleiben – nicht nur in Frankreich, sondern europaweit. Die entscheidende Frage lautet daher zunehmend: Wie lässt sich wirtschaftlicher Erfolg mit sozialer Stabilität verbinden?

    Die bretonischen Gemeinden liefern darauf bislang keine endgültige Antwort. Doch Initiativen wie „Les Volets ouverts“ zeigen zumindest, dass sich das Bewusstsein verändert. Immer mehr Eigentümer erkennen offenbar, dass attraktive Regionen nicht allein von Landschaften leben, sondern von Menschen, die dort ganzjährig arbeiten, Kinder großziehen und Gemeinschaft organisieren.

    Die Zukunft der Bretagne entscheidet sich deshalb womöglich weniger an ihren Stränden als in der Frage, ob ihre Dörfer auch außerhalb der Urlaubssaison lebendige Orte bleiben.

    Autor: P. Tiko

  • Wenn der Schutz endet: Frankreichs stille Wohnungskrise nach der Winterpause

    Wenn der Schutz endet: Frankreichs stille Wohnungskrise nach der Winterpause

    Mit dem 1. April kehrt in Frankreich jedes Jahr eine eigentümliche Normalität zurück. Was über Monate eingefroren schien, gerät plötzlich in Bewegung. Die sogenannte Winterpause endet – und mit ihr der Schutz vor Zwangsräumungen. Was nach einem nüchternen Verwaltungsakt klingt, entfaltet für tausende Haushalte eine Wucht, die sich kaum in Paragrafen fassen lässt. Denn hinter dieser Frist verbirgt sich längst mehr als ein saisonaler Mechanismus. Die Zahlen erzählen eine Geschichte, die aufhorchen lässt. Innerhalb weniger Jahre haben sich die Zwangsräumungen drastisch erhöht. Was einst als Ausnahme galt, rückt näher an den Alltag vieler Menschen. Es ist kein Randphänomen mehr, sondern Ausdruck einer Verschiebung, die tief in die gesellschaftliche Struktur hineinreicht. Und plötzlich merkt man: Hier stimmt etwas grundsätzlich nicht. Im Kern steht eine Entwicklung, die sich fast schon banal anhört – und gerade deshalb so schwer wiegt. Immer mehr Mieter geraten in Zahlungsrückstand. Die Grü…

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  • Wenn Nachbarn Nein sagen dürfen: Auf dem Weg zu einem stillen Machtwechsel im Wohnungseigentum

    Wenn Nachbarn Nein sagen dürfen: Auf dem Weg zu einem stillen Machtwechsel im Wohnungseigentum

    Rollkoffer auf Fliesen, Stimmen im Treppenhaus, ein ständiges Kommen und Gehen – wer in dicht besiedelten Wohnanlagen lebt, kennt diese Geräuschkulisse. Was für die einen ein willkommenes Geschäftsmodell darstellt, empfinden andere längst als Dauerbelastung. Kurzzeitvermietungen über Plattformen wie Airbnb haben das Zusammenleben in vielen Häusern verändert. Nun deutet sich eine juristische Verschiebung an, die weit über den Einzelfall hinausreicht.

    Auslöser ist eine Reform, die zunächst kaum Aufmerksamkeit erhielt. Mit der sogenannten „Loi Le Meur“ vom November 2024 wurde ein scheinbar technisches Detail verändert – mit erheblichen Folgen. Bislang erforderte ein Verbot von Ferienvermietungen innerhalb einer Eigentümergemeinschaft Einstimmigkeit. Ein praktisch unerreichbares Ziel. Jetzt genügt eine qualifizierte Mehrheit von zwei Dritteln.

    Das klingt trocken, fast bürokratisch.

    Ist es aber nicht.

    Denn diese Absenkung verwandelt eine theoretische Möglichkeit in ein Instrument mit echter Wirkungskraft. Eigentümergemeinschaften erhalten damit erstmals ein praktikables Mittel, um gegen die Umwandlung von Wohnungen in temporäre Unterkünfte vorzugehen.

    Im März 2026 bestätigte der französische Verfassungsrat diese Neuregelung. Die Richter sahen keine unverhältnismäßige Einschränkung des Eigentumsrechts. Ihre Argumentation folgt einer klaren Linie: Die Regelung betrifft ausschließlich Zweitwohnungen, greift nur dort, wo die Teilungserklärung ohnehin gewerbliche Nutzung ausschließt, und lässt alternative Vermietungsformen unberührt.

    Mit anderen Worten: Niemand verliert sein Eigentum – aber die Art der Nutzung rückt stärker ins Blickfeld der Gemeinschaft.

    Genau hier beginnt die eigentliche Debatte.

    Befürworter sprechen von einem längst überfälligen Schritt. In vielen Städten, so ihr Argument, habe sich die Kurzzeitvermietung zu einer Art Schattenhotellerie entwickelt. Wohnungen verschwinden vom regulären Markt, Mieten steigen, Nachbarschaften verlieren ihre Stabilität. Die neue Regelung erscheint ihnen wie ein Korrektiv – ein Versuch, das Gleichgewicht wiederherzustellen.

    Kritiker hingegen wittern eine schleichende Aushöhlung des Eigentumsbegriffs. Dass eine Mehrheit darüber entscheidet, wie ein Einzelner seine Immobilie nutzt, empfinden sie als problematisch. Heute betreffe es Ferienvermietungen, morgen vielleicht andere Nutzungsformen. Die Sorge vor einer „Vergemeinschaftung“ privater Rechte steht im Raum.

    Und ganz ehrlich: Ein bisschen mulmig wird einem dabei schon.

    Denn die Frage dahinter reicht tiefer. Wie viel Individualfreiheit verträgt das Zusammenleben in verdichteten Räumen? Und wo beginnt die Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft?

    Die Reform liefert darauf keine endgültige Antwort, aber sie verschiebt die Gewichte. Sie stärkt die kollektive Entscheidungsfähigkeit – und damit auch die Bedeutung von Eigentümerversammlungen. Was früher vor Gerichten ausgefochten wurde, verlagert sich nun in den Sitzungssaal des Hauses.

    Dort, wo Nachbarn sich gegenüberstehen.

    Dort, wo Interessen aufeinanderprallen.

    Und dort, wo künftig öfter ein Satz fallen dürfte, der bislang selten Konsequenzen hatte: „Wir wollen das hier nicht.“

    Ob diese neue Macht verantwortungsvoll genutzt wird, bleibt offen. Manche Gemeinschaften dürften zügig handeln, andere zögern oder bewusst darauf verzichten. Klar ist nur: Die Spielregeln haben sich verändert.

    Leise, aber nachhaltig.

    Von Daniel Ivers

  • Pariser Kommunalwahl: Emmanuel Grégoire führt – doch das Rennen bleibt offen

    Pariser Kommunalwahl: Emmanuel Grégoire führt – doch das Rennen bleibt offen

    Wenige Tage vor den Kommunalwahlen in Paris zeichnet sich ein erstes, noch fragiles Kräfteverhältnis ab. Laut aktuellen Umfragen liegt der Sozialist Emmanuel Grégoire mit 35 Prozent der Stimmabsichten im ersten Wahlgang deutlich vor der konservativen Herausforderin Rachida Dati, die auf 27 Prozent kommt. Das Ergebnis signalisiert eine relative Stärke des linken Lagers in der Hauptstadt – doch angesichts der französischen Mehrheitswahl mit zwei Wahlgängen ist die Entscheidung damit keineswegs gefallen. Ein bekannter Name in neuer Rolle Emmanuel Grégoire, bislang als Erster Stellvertreter der amtierenden Bürgermeisterin Anne Hidalgo tätig, ist im Pariser Rathaus kein Unbekannter. Der 1978 geborene Politiker gilt als einer der Architekten der städtischen Reformagenda der vergangenen Jahre. Unter seiner Mitwirkung wurden ambitionierte Projekte zur Verkehrsberuhigung, zur Ausweitung von Radwegen und zur ökologischen Transformation der Stadt vorangetrieben. Mit 35 Prozent liegt Grégoire im e…

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  • Kommentar: Vermieterführerschein? Nein. Anstand würde reichen – oder?

    Kommentar: Vermieterführerschein? Nein. Anstand würde reichen – oder?

    Ein Führerschein für Vermieter. Allein das Wort klingt nach Satire, nach einem Sketch im Spätprogramm. Und doch ist es bitterer Ernst. In Aubagne braucht man inzwischen eine behördliche Erlaubnis, um Wohnungen zu vermieten. Nicht, weil der Staat plötzlich seinen Spaß am Kontrollieren entdeckt hätte, sondern weil Menschen jahrelang in feuchten, dunklen, schimmelnden Löchern leben mussten, die auf Immobilienanzeigen noch immer großmütig als „charmanter Altbau“ firmieren.

    Man fragt sich unweigerlich: Wie tief muss man sinken, damit so etwas nötig wird?

    Der permis de louer soll sicherstellen, dass Böden nicht einstürzen, Dächer dicht sind und Wände nicht mehr Pilzkulturen als Wohnraum beherbergen. Eine radikale Idee, offenbar. Für manche Eigentümer sogar eine Zumutung. Ein Monat Wartezeit! Ein Techniker, der Fragen stellt! Formulare! Bürokratie! Man hört förmlich das verletzte Stöhnen jener, die jahrelang sehr gut davon lebten, nichts zu tun.

    Dabei geht es nicht um Luxus. Niemand verlangt Fußbodenheizung aus Carrara-Marmor oder Designerküchen. Es geht um Licht. Um trockene Räume. Um Wohnungen, in denen Kinder schlafen können, ohne dass die Eltern nachts die Luftfeuchtigkeit messen. Um das, was früher einmal selbstverständlich war und heute als staatliche Gängelung gilt.

    Besonders rührend ist das Argument vom „verlorenen Mieter“. Der wolle sofort einziehen, heißt es, und warte nicht auf Genehmigungen. Ja, natürlich. Wer verzweifelt eine Wohnung sucht, hat selten Geduld. Genau darauf haben viele Vermieter jahrelang gebaut. Auf Not. Auf Alternativlosigkeit. Auf das Schweigen jener, die froh sind, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben, selbst wenn es tropft.

    Und nun plötzlich: Kontrolle. Verantwortung. Die Drohung mit empfindlichen Geldstrafen. Bis zu 15.000 Euro. Das empört. Nicht etwa der Schimmel, nicht die Evakuierungen, nicht die einsturzgefährdeten Häuser. Sondern die Rechnung.

    Man könnte das alles als überregulierten Irrsinn abtun. Man kann sich über den „Vermieterführerschein“ lustig machen. Aber vielleicht ist genau das der Punkt. Vielleicht ist er kein Zeichen staatlicher Übergriffigkeit, sondern ein Armutszeugnis für eine Branche, die ohne Zwang offenbar nicht mehr zwischen Rendite und Verantwortung unterscheidet.

    Denn seien wir ehrlich: Wer eine Wohnung vermietet, übernimmt Verantwortung für Menschen. Punkt. Wer dazu nicht bereit ist, sollte sein Objekt nicht vermieten, sondern verkaufen, verschenken oder leer stehen lassen. Niemand zwingt irgendwen zum Vermieter-Dasein. Es ist kein soziales Pflichtjahr.

    Dass man heute Genehmigungen braucht, um elementare Mindeststandards durchzusetzen, sagt weniger über den Staat als über den Zustand des Anstands. Vielleicht braucht es keinen Führerschein. Vielleicht reicht ein Spiegel. Und ein kurzer Blick hinein.

    Ein Kommentar von Daniel Ivers

  • Steuerlast auf dem Prüfstand: Bardella wettert gegen Pläne zur Erhöhung der Grundsteuer

    Steuerlast auf dem Prüfstand: Bardella wettert gegen Pläne zur Erhöhung der Grundsteuer

    Die französische Regierung plant eine Reform der Grundsteuer – und trifft damit auf lautstarken Widerstand von rechts. Jordan Bardella, Vorsitzender des Rassemblement National (RN), nutzt die Gelegenheit, um sich als Verteidiger der Mittelschicht zu positionieren. Der Fall wirft ein Schlaglicht auf die wachsende politische Brisanz steuerpolitischer Maßnahmen in einem wirtschaftlich angespannten Frankreich. Frankreichs Haushaltslage ist angespannt. Die Regierung unter Premierminister Sébastien Lecornu steht unter wachsendem Druck, neue Einnahmequellen zu erschließen, um die Defizitziele zu erreichen. Vor diesem Hintergrund hat das Finanzministerium (Bercy) angekündigt, die sogenannten „fichiers logements“ – eine Art Datenbasis zur Bewertung des Wohnraumbestands – zu aktualisieren. Diese Aktualisierung dürfte nach einem Bericht der Zeitung Le Parisien rund 7,4 Millionen Immobilien betreffen und durchschnittlich zu einer Erhöhung der Grundsteuer (taxe foncière) um 63 Euro führen. Die Maßn…

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  • Kommentar: Der Traum von den eigenen vier Wänden – Unerreichbarkeit, Frust und eine Wut, die lange unterschätzt wurde

    Kommentar: Der Traum von den eigenen vier Wänden – Unerreichbarkeit, Frust und eine Wut, die lange unterschätzt wurde

    Es gibt Träume, die wachsen in uns, ohne dass wir uns je bewusst für sie entschieden hätten. Der Traum von den eigenen vier Wänden gehört dazu. Er entsteht fast lautlos – im Kinderzimmer, wenn man die Eltern über „die Rate fürs Haus“ reden hört. Beim ersten WG‑Zimmer, dessen Wände so dünn sind, dass selbst das Atmen des Nachbarn zur Begleitmusik wird. Oder beim Blick auf eine Mietrechnung, die schon wieder gestiegen ist und irgendwie trotzdem nichts am Gefühl ändert, bloß geduldet zu sein.
    Doch ausgerechnet dieser Traum, der so tief verwurzelt ist wie das Bedürfnis nach Sicherheit, wird in Frankreich – und nicht nur dort – für immer mehr Menschen zum Symbol einer gnadenlosen Realität: Eigentum ist für viele kein realistisches Ziel mehr, sondern ein ferner Planet.

    Und genau hier entsteht Frust. Wut. Und, ja, ein Gefühl der Ungerechtigkeit.

    Wer heute kaufen will, stößt nicht gegen eine Wand. Er prallt frontal auf eine Festung.

    Der Immobilienmarkt wirkt wie ein Bollwerk, das sich über Jahre verhärtet hat. Die Preise steigen, die Kredite werden knapper, die Anforderungen härter. Man könnte meinen, der Zugang zu Eigentum sei ein Privileg, das nur wenigen Auserwählten gewährt bleibt – jenen, die geerbt haben, jenen, deren Eltern schon längst im goldenen Club der Eigentümer angekommen sind.

    Alle anderen?
    Sie sollen sparen, warten, verzichten.
    Sie sollen geduldig sein, während der Markt ihnen kalt ins Gesicht lacht.

    Es klingt hart – aber wie anders soll man es nennen, wenn ein junger Haushalt mit zwei Vollzeitjobs trotzdem scheitert? Wenn eine Familie nach zehn Besichtigungen feststellt, dass sie für jedes halbwegs anständige Objekt überboten wird? Wenn ein Bankberater mit der Präzision eines Chirurgen das Leben eines Paares seziert, um festzustellen, dass das berühmte „35 %‑Limit“ überschritten ist?

    Zack – Traum geplatzt.

    Die emotionale Dimension ist längst unterschätzt.
    Wohnen ist nicht nur eine Frage des Budgets. Es betrifft das Gefühl von Würde, von Zugehörigkeit, von Zukunft. Vielleicht ist das der Grund, warum so viele Menschen heute nicht nur enttäuscht sind – sie fühlen sich regelrecht ausgeschlossen.

    Nicht vom Markt.
    Vom System.

    Es entstehen zwei Frankreichs:
    Das Frankreich der Erben – und das Frankreich der Mieter.
    Zwischen beiden Welten wächst ein Graben, der sich Jahr für Jahr vertieft. Und wer behauptet, das sei übertrieben, sollte einmal mit jenen sprechen, die wirklich betroffen sind: Familien, die seit Jahren sparen und trotzdem scheitern. Singles, die gar nicht erst versuchen, einen Kredit zu bekommen. Junge Paare, die irgendwann sagen: „Wozu überhaupt noch hoffen?“

    Eine Frage drängt sich auf – und sie brennt:
    Wie lange hält eine Gesellschaft das aus, ohne dass die Wut überkocht?

    Denn wer heute Eigentum will, muss sich durch ein Labyrinth kämpfen, das immer enger wird. Die Preise, die Kreditpolitik, das fehlende Angebot – alles zusammen erzeugt ein Gefühl der Ohnmacht, das sich anfühlt wie ein Kloß im Hals. Manche sprechen offen darüber, viele schweigen. Aber jeder, wirklich jeder, kennt jemanden, der gescheitert ist.

    Dabei darf man eins nicht vergessen:
    Der Wunsch nach den eigenen vier Wänden ist kein oberflächlicher Luxus. Er steht für Schutz, Stabilität, Unabhängigkeit. Für das Recht, Wurzeln zu schlagen. Für das Bedürfnis, nicht ewig in prekären Mietverhältnissen festzustecken.

    Wenn dieser Wunsch unerreichbar wird, trifft das Herz einer Gesellschaft.

    Und genau dort stehen wir heute.

    Vielleicht wäre es an der Zeit, ehrlich zu sein:
    Der Markt ist außer Kontrolle geraten.
    Die Kreditpolitik erstickt Chancen.
    Und die Politik hat es zugelassen, dass Eigentum für viele zum Mythos geworden ist.

    Natürlich, Kompromisse sind möglich. Natürlich, Alternativen existieren. Aber das ändert nichts am grundlegenden Problem: Ein zentrales Versprechen unserer Gesellschaft löst sich auf – die Idee, dass Fleiß, Geduld und ein solider Lebensentwurf irgendwann belohnt werden.

    Für viele passiert genau das nicht mehr.

    Der Frust darüber ist nicht irrational. Er ist real, tief, verständlich. Und längst überfällig.

    Vielleicht braucht es genau diese Wut, um Bewegung in eine Debatte zu bringen, die viel zu lange verharmlost wurde. Vielleicht müssen wir endlich aussprechen, was viele denken: Wohnen darf kein Luxusgut sein. Eigentum darf nicht zur sozialen Eintrittskarte verkommen. Und eine Gesellschaft, die ihrer jungen Generation erklärt, dass Träume unbezahlbar sind, riskiert, dass diese Generation irgendwann etwas zurückfragt:
    „Warum sollen wir uns eigentlich noch anstrengen?“

    Dass es anders gehen könnte, steht außer Frage. Aber dafür bräuchte es Mut – und politischen Willen. Beides wirkt derzeit genauso selten wie eine bezahlbare Drei-Zimmer-Wohnung in einer Großstadt.

    Bis dahin wächst der Frust weiter.
    Und der Traum?
    Er zerbröselt – leise, aber unübersehbar.

    Ein Kommentar von C. Hatty