Dürresommer, sinkende Pegelstände, Bewässerungsverbote und Streit um eine knapper werdende Ressource: Europas Wasserproblem ist längst keine ferne Zukunftsfrage mehr. Die Debatte kreist meist um neue Speicherbecken, Meerwasserentsalzung oder die Wiederverwendung von Abwasser. Doch ein gewaltiger Wasserspeicher liegt dort, wo ihn kaum jemand sieht – unter unseren Füßen.
Grundwasser macht außerhalb der Gletscher rund 99 Prozent des flüssigen Süßwassers der Erde aus. Lange galt dieser Vorrat beinahe als selbstverständlich. Inzwischen rückt eine andere Sichtweise in den Vordergrund: Grundwasserleiter, sogenannte Aquifere, müssten nicht nur geschützt, sondern gezielter als natürliche Speicher genutzt werden.
Der entscheidende Vorteil liegt buchstäblich im Boden.
Während Wasser in Stauseen und offenen Rückhaltebecken bei Hitze verdunstet, lagert es unterirdisch weitgehend geschützt. In Frankreich gelangen mehr als 60 Prozent der Niederschläge durch Verdunstung und die Transpiration der Pflanzen wieder in die Atmosphäre. Nur ein Teil versickert tief genug, um Grundwasservorkommen zu erreichen. Dort bleibt das Wasser je nach geologischer Beschaffenheit Monate oder sogar Jahre gespeichert.
Diese Reserven speisen Flüsse während trockener Perioden, sichern die Trinkwasserversorgung und dienen der Landwirtschaft. Gleichzeitig zeigt sich ein zunehmend absurdes Bild: Heftige Niederschläge nehmen zu, doch große Wassermengen rauschen über versiegelte Flächen und Flüsse Richtung Meer. Wasser gibt es plötzlich reichlich – nur am falschen Ort und zur falschen Zeit.
Genau hier setzt die sogenannte gesteuerte Grundwasseranreicherung an. Statt überschüssiges Regenwasser oder geeignetes aufbereitetes Wasser abfließen zu lassen, wird es über Versickerungsbecken, begrünte Gräben oder spezielle Brunnen in den Untergrund geleitet.
Neu ist die Idee keineswegs. In trockenen Regionen existieren vergleichbare Verfahren seit Jahrhunderten. Moderne Mess- und Aufbereitungstechnik erlaubt allerdings eine wesentlich genauere Kontrolle darüber, welche Wasserqualität in den Untergrund gelangt und welchen Weg das Wasser dort nimmt.
Auch Frankreich untersucht solche Verfahren. Ziel ist nicht, fehlenden Regen künstlich zu ersetzen. Vielmehr sollen winterliche Wasserüberschüsse gespeichert werden, damit sie in trockenen Sommermonaten zur Verfügung stehen. In Tunesien gehen Projekte noch einen Schritt weiter: Dort dient teilweise gereinigtes Abwasser zur Wiederauffüllung von Aquiferen. Solche Verfahren verlangen allerdings eine äußerst strenge Überwachung der Wasserqualität.
Die Vorteile unterirdischer Speicher liegen auf der Hand. Die Verdunstungsverluste bleiben gering, der Flächenverbrauch fällt gegenüber großen Stauseen kleiner aus und der Boden besitzt eine gewisse natürliche Filterwirkung. Zudem verschwinden die Anlagen weitgehend aus dem Landschaftsbild – kein unwesentlicher Punkt, wenn neue Wasserprojekte regelmäßig politische Konflikte auslösen.
Ein Wundermittel ist die Methode trotzdem nicht.
Wo Landwirtschaft, Industrie und Haushalte mehr Grundwasser entnehmen, als sich langfristig neu bildet, kuriert zusätzliche Einspeisung lediglich die Symptome. Hinzu kommt das Risiko von Schadstoffen. Verunreinigtes Wasser in einen Aquifer einzuleiten wäre ungefähr so klug, wie den eigenen Trinkwasservorrat neben dem Farbeimer zu lagern – kann man machen, sollte man lieber lassen.
Der eigentliche Wandel reicht deshalb tiefer. Wasserexperten sprechen zunehmend davon, Wasser in der Landschaft zu „bremsen“. Entsiegelte Städte, wiederhergestellte Feuchtgebiete, Hecken, durchlässigere Böden und eine angepasste Landwirtschaft fördern die natürliche Versickerung.
Der Untergrund könnte damit zum unsichtbaren Wasserspeicher des 21. Jahrhunderts avancieren. Denn wenn Niederschläge infolge des Klimawandels unregelmäßiger und heftiger auftreten, entscheidet nicht allein die Menge des Regens über Wasserknappheit. Entscheidend ist, wie viel davon für trockene Zeiten erhalten bleibt.
Aquifere bieten dafür einen gewaltigen natürlichen Tresor. Doch auch der größte Tresor ist irgendwann leer, wenn ständig mehr herausgenommen als hineingelegt wird.
Die Lösung der Wasserkrise liegt deshalb möglicherweise tatsächlich unter unseren Füßen – vorausgesetzt, über der Erde beginnt ein sparsamerer und klügerer Umgang mit Wasser.
Andreas M. Brucker


