Schlagwort: Waffenstillstand Gaza

  • Wie viel Verdienst hat Trump um den Gaza‑„Friedensdeal“ wirklich?

    Wie viel Verdienst hat Trump um den Gaza‑„Friedensdeal“ wirklich?

    Donald Trump feiert sich selbst als Architekt eines historischen Friedens im Nahen Osten. Kurz vor der Verleihung des diesjährigen Friedensnobelpreises stilisieren ihn Unterstützer als mutigen Vermittler zwischen Israel und Hamas – als den Mann, dem es gelungen sei, ein scheinbar Unmögliches möglich zu machen. Doch was ist Substanz, was Inszenierung?


    Eine Vereinbarung mit langer Vorgeschichte

    Der Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas, der Anfang Oktober bekanntgegeben wurde, umfasst zentrale Elemente: die Freilassung israelischer Geiseln durch die Hamas, die Freilassung palästinensischer Häftlinge durch Israel, ein vorläufiger Rückzug israelischer Streitkräfte sowie die Zulassung humanitärer Hilfe für den Gazastreifen. Die Vereinbarung hat im In- und Ausland Jubel ausgelöst – auf dem Tel Aviver Hostages Square wurde ausgelassen gefeiert.

    Allerdings: Die Kernelemente des Abkommens liegen seit über einem Jahr auf dem Tisch. Schon im Herbst 2024 hatte Hamas ähnliche Bedingungen akzeptiert. Damals allerdings fehlte es an politischem Willen auf israelischer Seite – Premierminister Benjamin Netanjahu war nicht bereit, auf ein solches Abkommen einzugehen. Und die damalige US-Regierung zögerte, ausreichend Druck auszuüben.


    Trumps Rolle – Durchbruch durch Druck

    Trump hat sich diese Lücke zunutze gemacht. Im Unterschied zu seinen Vorgängern scheute er sich nicht, Benjamin Netanjahu öffentlich und hinter den Kulissen unter Druck zu setzen. Auslöser dafür war offenbar ein israelischer Angriff auf Hamas-Ziele in Doha, der in Washington schlecht aufgenommen wurde. In der Folge soll Trump Netanjahu zu einer öffentlichen Entschuldigung gegenüber Katar bewegt haben – ein diplomatischer Affront, der den Machtanspruch des Weißen Hauses unterstrich.

    Zudem entsandte Trump enge Vertraute wie Jared Kushner und Steve Witkoff in die Hauptstädte der Region. Ihre diplomatischen Bemühungen stützten sich auf Kontakte, die in Trumps erster Amtszeit geknüpft wurden – etwa im Rahmen der Abraham-Abkommen. Es gelang ihnen offenbar, eine gemeinsame Linie zwischen arabischen Staaten, insbesondere Katar und Ägypten, und Israel zu vermitteln.

    Der israelische Premier wurde mit einer geopolitischen Realität konfrontiert, die ihm kaum Ausweichmöglichkeiten ließ. Die diplomatische Isolation, der innenpolitische Druck wegen des Geiseldramas und der wachsende internationale Protest gegen Israels Gaza-Offensive wirkten als Katalysatoren. Trump verstand es, diese Dynamik zu nutzen – nicht zuletzt dank seines transaktionalen Politikstils, der sich weniger um ideologische Bindungen als um konkreten Machterhalt dreht.


    Eine umstrittene Inszenierung

    Unmittelbar nach der Bekanntgabe des Abkommens begannen Unterstützer, Trumps Verdienste öffentlichkeitswirksam zu feiern. In sozialen Netzwerken kursierten künstlich generierte Bilder von Trump mit einer überdimensionierten Nobelpreis-Medaille um den Hals. Politiker aus Israel, Ägypten und anderen Staaten schlossen sich der Forderung nach einer Auszeichnung an.

    Auch Trump selbst äußerte sich doppeldeutig: Einerseits gab er an, kein Interesse an dem Preis zu haben – andererseits betonte er regelmäßig, wie sehr er ihn verdiene. Die Selbstvermarktung folgt einem altbekannten Muster seiner politischen Kommunikation: Provokation, Polarisierung, Personalisierung.

    Diese mediale Kampagne verschleiert jedoch, dass das Abkommen – so wichtig es im Moment erscheinen mag – keine langfristige Lösung bietet. Weder sind die politischen Zukunftsfragen des Gazastreifens geklärt, noch ist die Entwaffnung der Hamas oder eine mögliche Rückkehr der palästinensischen Autonomiebehörde Teil des Pakets. Auch der Abzug israelischer Truppen bleibt vage definiert und hängt von nicht näher benannten Sicherheitsgarantien ab.


    Zwischen Symbolik und Substanz

    Selbst Kritiker Trumps gestehen ihm zu, in diesem Fall eine diplomatische Lücke gefüllt zu haben, die andere nicht zu schließen vermochten. Während frühere Präsidenten wie Clinton oder Biden eine emotionale Verbundenheit mit Israel hegten, die ihre Handlungsspielräume einschränkte, agiert Trump machtpolitisch – ohne Rücksicht auf diplomatische Konventionen. Das verlieh ihm in diesem Kontext eine gewisse Handlungsfreiheit.

    Doch ob daraus ein nachhaltiger Friedensprozess erwächst, bleibt fraglich. Die Skepsis in palästinensischen Kreisen ist groß. Manche befürchten, dass Israel die Kampfhandlungen nach der Geiselfreilassung rasch wieder aufnehmen könnte – mit dem Argument, dass Hamas sich nicht an Vereinbarungen halte. Ohne internationale Garantien, klare Zeitpläne und unabhängige Kontrollmechanismen bleibt der Waffenstillstand prekär.

    Trump hat – das lässt sich festhalten – zur Umsetzung eines lange blockierten Abkommens beigetragen. Ob daraus ein Friedensprozess wird, hängt davon ab, ob er bereit ist, in den kommenden Wochen und Monaten erneut politischen Einsatz zu zeigen. Denn ein Deal ist nur so viel wert wie sein kleingedruckter Teil – und dessen Umsetzung.

    Autor: P. Tiko